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Geruchssinn beim Hund: Können Hunde Angst und Krankheiten riechen?

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • 1. März
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Kurz zusammengefasst

Der Geruchssinn des Hundes ist um ein Vielfaches leistungsfähiger als unserer – das ist gut belegt und anatomisch begründet. Belastbar ist auch, dass Hunde chemische Signale menschlicher Emotionen unterscheiden und darauf reagieren: Der Geruch eines ängstlichen Menschen löst andere Verhaltensmuster aus als der eines entspannten (D'Aniello et al. 2018). Vorsicht ist bei zwei populären Themen geboten: Beim Krankheiten-Erschnüffeln schwanken die Studienergebnisse enorm – von nahezu perfekt bis nicht besser als Zufall –, und fast alle Belege stammen aus dem Labor, nicht aus dem klinischen Alltag. Und dass Hunde eine Schwangerschaft zuverlässig erriechen, ist bislang nicht wissenschaftlich belegt. Der Artikel trennt das gut Gesicherte von dem, was plausibel, aber offen ist – und was daraus fürs Zusammenleben folgt.

Was für uns einfach nach „Mensch" riecht, ist für Hunde ein komplexes Duftprofil aus Hormonen, Stoffwechselprodukten und chemischen Signalen. Während wir uns vor allem über das Sehen orientieren, ist für den Hund die Nase das Leitorgan – diese Diskrepanz gehört zu den häufigsten Quellen für Missverständnisse im Alltag. Über Duftstoffe verfolgen Hunde nicht nur Spuren oder finden Nahrung; sie nehmen auch feinste chemische Veränderungen wahr, die mit Emotionen, Krankheiten oder Hormonen zusammenhängen. Studien zeigen, dass Hunde auf solche Signale reagieren und sie teils erstaunlich zuverlässig unterscheiden können.

Nahaufnahme einer Hundenase beim Schnüffeln – der Geruchssinn des Hundes

Wie gut ist der Geruchssinn des Hundes?

Der Geruchssinn des Hundes ist außergewöhnlich leistungsfähig. Während Menschen etwa 5–6 Millionen Riechzellen besitzen, verfügen Hunde – je nach Rasse und anatomischen Unterschieden – über rund 200–300 Millionen (die genauen Werte schwanken je nach Rasse und Messmethode). Zusätzlich ist der für Gerüche zuständige Gehirnanteil im Verhältnis deutlich größer. Diese Grundlage macht die Hundenase zu einem hochpräzisen Analyseinstrument, das Informationen aus der Umwelt herausfiltert, die uns völlig verborgen bleiben.

Die Anatomie der Hundenase

Der außergewöhnliche Geruchssinn hat vor allem anatomische Ursachen. Die große Zahl an Riechzellen in der Nasenschleimhaut erlaubt es Hunden, sehr viel mehr Geruchsinformationen aufzunehmen und zu differenzieren. Der Riechkolben (Bulbus olfactorius) – das Verarbeitungszentrum für Gerüche – ist im Verhältnis zum Gehirnvolumen deutlich größer als beim Menschen und ermöglicht eine präzise Analyse komplexer Duftmischungen. Wie das Gehirn des Hundes solche Informationen verarbeitet, vertiefen wir im Beitrag zur Neurologie des Hundeverhaltens; die olfaktorischen Grundlagen behandelt der Research-Artikel Canine Olfaction (englischsprachig).

Neben diesem Hauptsystem besitzen Hunde ein weiteres chemisches Wahrnehmungssystem: das vomeronasale Organ (Jacobsonsches Organ). Es gilt als besonders empfänglich für hormonelle und soziale Duftstoffe. Menschliche Emotionen sollte man sich dabei aber nicht als einzelnes „Pheromon" mit fester Bedeutung vorstellen – treffender ist der Begriff emotionale Chemosignale: komplexe Duftgemische, die sich mit dem Gefühlszustand verändern. Wie stark das vomeronasale Organ bei erwachsenen Haushunden an der Wahrnehmung solcher menschlichen Duftsignale beteiligt ist, ist bislang nicht vollständig geklärt; die Forschung dazu arbeitet meist mit Schweißproben, nicht mit klar identifizierten Pheromonen.

Können Hunde Emotionen riechen?

Emotionen beeinflussen den menschlichen Körpergeruch stärker, als vielen bewusst ist. Stress, Angst oder Freude verändern hormonelle Prozesse und damit die chemische Zusammensetzung von Schweiß und Atem. Dass Hunde solche Veränderungen wahrnehmen und unterschiedlich darauf reagieren, legen mehrere Studien nahe.

Eine viel zitierte Untersuchung (D'Aniello et al. 2018, Universität Neapel „Federico II") setzte Hunde Schweißgeruchsproben von Menschen aus, die entweder in einer angst- oder einer freudeauslösenden Situation gesammelt worden waren. Das Ergebnis: Beim Geruch glücklicher Personen zeigten die Hunde mehr Interesse an fremden Menschen; beim Angstgeruch dagegen mehr auf die Bezugsperson gerichtetes Verhalten, mehr Stresssignale und eine erhöhte Herzfrequenz. Die Hunde reagierten also je nach emotionalem „Duftzustand" systematisch verschieden.

Wichtig ist die saubere Einordnung: Dass Hunde emotionale Gerüche unterscheiden und sich entsprechend verhalten, bedeutet nicht automatisch, dass sie unsere Gefühle bewusst „verstehen". Die Befunde passen gut zum Konzept der emotionalen Ansteckung über Duftstoffe – ein eher automatischer Prozess. Mehr dazu im Beitrag zur emotionalen Intelligenz von Hunden und im Research-Artikel Emotional Contagion in Dogs (englischsprachig).

Hat Angst einen eigenen Geruch?

Bei Angst aktiviert sich das sympathische Nervensystem, Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, und die Aktivität bestimmter Schweißdrüsen verändert sich – das verändert die chemische Signatur des Körpergeruchs. Genau solche Veränderungen scheinen Hunde wahrnehmen zu können: In einer doppelblinden Studie unterschieden Hunde Geruchsproben von Menschen unter Stress von deren entspanntem Ausgangszustand mit hoher Trefferquote (Wilson et al. 2022).

Das ist im Alltag relevant, sollte aber nicht überinterpretiert werden: Wenn wir gestresst sind, kann unser Hund das über verschiedene Kanäle mitbekommen – der Geruch ist nur einer davon. Umgekehrt kann eine ruhige Ausstrahlung ihm Orientierung geben. Wie stark sich die Stimmung des Menschen aufs Verhalten des Hundes auswirkt, vertiefen die Beiträge Der Hund als Spiegel des Menschen und Angst beim Hund – darf man trösten?.

Können Hunde Krankheiten erschnüffeln?

Ein besonders spannendes, aber auch besonders überschätztes Feld ist die medizinische Geruchsdetektion. Viele Krankheiten verändern den Stoffwechsel, wobei flüchtige organische Verbindungen (VOC) entstehen, die über Haut, Atem oder Schweiß abgegeben werden. Trainierte Hunde können solche Muster teilweise erkennen – erforscht wird das unter anderem für bestimmte Krebsarten, Diabetes (Unterzuckerung), epileptische Anfälle und Infektionskrankheiten (etwa COVID-19).

So weit die Schlagzeilen. Der wissenschaftliche Blick ist deutlich nüchterner:

  • Die Ergebnisse schwanken enorm. Einzelne Studien berichten sehr hohe Trefferquoten (z. B. Lungen-/Brustkrebs mit hoher Sensitivität; McCulloch et al. 2006), andere Untersuchungen liegen kaum über dem Zufallsniveau. Eine hohe Zahl in einer Studie ist also kein allgemeiner Beleg.

  • Fast alles stammt aus dem Labor. Systematische Übersichtsarbeiten betonen, dass es kaum Studien unter realen Alltags- bzw. Klinikbedingungen gibt und die Zuverlässigkeit im echten Screening damit weitgehend offen ist (Bauër et al. 2022).

  • Kein validiertes Diagnostikum. Medizinische Spürhunde sind ein vielversprechendes Forschungsfeld, aber (noch) kein anerkanntes, standardisiertes Diagnoseverfahren.


Am ehesten praxisnah sind Assistenzhunde, etwa Diabetes-Warnhunde – auch hier ist die reale Zuverlässigkeit individuell und variabel und ersetzt keine medizinische Messung.

Können Hunde eine Schwangerschaft riechen?

Auch eine Schwangerschaft verändert über Hormone wie Progesteron, Östrogen oder hCG den Stoffwechsel und damit den Körpergeruch. Es ist deshalb plausibel, dass Hunde solche Veränderungen bemerken – viele Halter berichten von verändertem Verhalten. Wissenschaftlich ist ein zuverlässiges „Erriechen" einer Schwangerschaft durch Hunde jedoch nicht belegt; belastbare Studien dazu fehlen. Das Beispiel zeigt vor allem eines: wie sensibel Hunde auf kleinste chemische Veränderungen reagieren – nicht, dass sie eine Schwangerschaft zuverlässig „diagnostizieren".

Warum Hunde unsere Stimmung oft sofort bemerken

Viele Halter berichten, dass ihr Hund spürt, wenn es ihnen schlecht geht – und das ist plausibel. Emotionale Zustände verändern gleich mehrere Kanäle: Hormone, Körpergeruch, Körpersprache, Stimme, Muskelspannung. Hunde nehmen diese Signale multimodal wahr; der Geruch ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Kanal. Diese Kombination erklärt, warum Hunde oft so feinfühlig auf unsere Stimmung reagieren – und warum eine enge Bindung und gute Mensch-Hund-Kommunikation so viel ausmachen.



Was die Forschung (noch) nicht zeigt

  • Unterscheiden ist nicht Verstehen. Dass Hunde emotionale Gerüche differenzieren und darauf reagieren, belegt keine bewusste Deutung menschlicher Gefühle.

  • Krankheitsdetektion ist nicht validiert. Die Trefferquoten reichen von sehr hoch bis zufallsnah; es fehlen große, standardisierte Studien unter Realbedingungen.

  • Schwangerschaft: keine Evidenz. Plausibel, aber wissenschaftlich nicht belegt.

  • Mechanismen teils offen. Ob und wie stark das vomeronasale Organ bei der Wahrnehmung menschlicher Emotions-Chemosignale beteiligt ist, ist nicht abschließend geklärt.



Fazit: Der Geruchssinn als Kommunikationskanal

Der Geruchssinn des Hundes ist nicht nur empfindlicher als unserer – er ermöglicht eine komplexere Wahrnehmung chemischer Signale. Gut belegt ist, dass Hunde emotionale Duftsignale unterscheiden und individuelle Duftprofile erkennen. Bei der Krankheits- und Schwangerschaftserkennung dagegen ist Zurückhaltung angebracht: spannende Hinweise, aber viel weniger gesichert, als populäre Darstellungen suggerieren.

Für den Alltag zählt vor allem eines: Dieser feine Kanal funktioniert am besten in einer Atmosphäre der Sicherheit. Das ist ein weiterer guter Grund, auf aversive Methoden zu verzichten – und die biologisch enge Verbindung zwischen Mensch und Hund als das zu nehmen, was sie ist: eine Beziehung, die auch über Signale läuft, die wir selbst gar nicht wahrnehmen.


Quellen

  • Bauër, P., Leemans, M., Audureau, E., Gilbert, C., Armal, C., & Fromantin, I. (2022). Remote medical scent detection of cancer and infectious diseases with dogs and rats: A systematic review. Integrative Cancer Therapies, 21, 1–14.

  • D'Aniello, B., Semin, G. R., Alterisio, A., Aria, M., & Scandurra, A. (2018). Interspecies transmission of emotional information via chemosignals: From humans to dogs (Canis lupus familiaris). Animal Cognition, 21(1), 67–78.

  • McCulloch, M., Jezierski, T., Broffman, M., Hubbard, A., Turner, K., & Janecki, T. (2006). Diagnostic accuracy of canine scent detection in early- and late-stage lung and breast cancers. Integrative Cancer Therapies, 5(1), 30–39.

  • Wilson, C., Campbell, K., Petzel, Z., & Reeve, C. (2022). Dogs can discriminate between human baseline and psychological stress condition odours. PLOS ONE, 17(9), e0274143.


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