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Die Pubertät beim Hund: Eine Zeit der Veränderungen

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • 24. Sept. 2023
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Tagen

Das Wichtigste zuerst: In der Pubertät hört dein Hund nicht schlechter – er hört schlechter auf dich.

Das ist keine Redensart, sondern der Befund der bislang aussagekräftigsten Untersuchung dazu. Rund um den achten Lebensmonat reagierten Hunde deutlich schlechter auf Signale ihrer Bezugsperson, während ihre Reaktion auf fremde Personen im selben Zeitraum sogar besser wurde.


Und noch etwas kam dabei heraus: Der Effekt war bei den Hunden stärker ausgeprägt, deren Verhalten auf eine weniger sichere Bindung hindeutete. Die Pubertät ist damit keine Phase, die man aussitzt – sie ist die Phase, in der sich die Beziehung entscheidet.


Junger Australian Shepherd während der Pubertät steht aufmerksam auf einem Waldweg – Beispiel für einen aktiven Junghund in der Entwicklungsphase


Wann und wie lange

Die Pubertät beginnt meist zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat. Der genaue Zeitpunkt hängt von Größe, Rasse und individueller Entwicklung ab.

Kleine Rassen werden häufig früher geschlechtsreif. Große, langsam reifende Hunde können sich bis ins zweite Lebensjahr hinein in dieser Phase befinden. In der Verhaltensbiologie wird sie als Adoleszenz bezeichnet.

Ob sich einzelne Rassegruppen dabei typisch unterscheiden – Hütehunde besonders reizempfindlich, Herdenschutzhunde besonders eigenständig –, ist eine verbreitete Praxisbeobachtung, die wir teilen. Belastbare vergleichende Untersuchungen dazu kennen wir nicht, und nach der bislang größten genetischen Arbeit erklärt die Rassezugehörigkeit ohnehin nur einen kleinen Teil der Verhaltensunterschiede zwischen einzelnen Hunden.

Was die Forschung zeigt

Asher, England, Sommerville und Harvey veröffentlichten 2020 in Biology Letters die erste empirische Arbeit, die eine Adoleszenzphase beim Hund belegt.

Der Kernbefund: Rund um den achten Lebensmonat zeigten die Hunde eine vorübergehende, auf die Bezugsperson bezogene Verschlechterung – geringere Trainierbarkeit, schwächere Reaktion auf Signale. Gegenüber unbekannten Personen verbesserte sich die Reaktion im selben Zeitraum. Es handelt sich also nicht um allgemeinen Ungehorsam, sondern um eine Verschiebung in einer bestimmten Beziehung.

Der zweite Befund: Diese Verschlechterung war bei Hunden stärker, deren Verhalten vor der Adoleszenz auf eine weniger sichere Bindung hindeutete.

Der dritte, überraschendste: Hündinnen, deren Verhalten auf eine unsichere Bindung hindeutete, wurden früher fortpflanzungsfähig. Ein vergleichbarer Zusammenhang ist beim Menschen beschrieben.

Nach etwa zwölf Monaten hatte sich das Verhalten in der untersuchten Gruppe wieder auf das Ausgangsniveau eingependelt oder lag darüber.

Zur Einordnung: Untersucht wurden angehende Blindenführhunde – eine ausgewählte Population aus wenigen Rassen, die in einem standardisierten Programm aufwächst. Die Bindungssicherheit wurde über Verhaltensmerkmale erschlossen, nicht in einem Bindungstest gemessen, und der Zusammenhang zur Pubertätsreife ist korrelativ. Auf Familienhunde lassen sich die Ergebnisse deshalb nicht ohne Weiteres eins zu eins übertragen. Als erster empirischer Beleg für die Existenz dieser Phase sind sie trotzdem tragfähig – und sie decken sich mit dem, was in der Praxis beobachtet wird.

Ein Punkt, der daraus folgt und praktisch wichtig ist: Adoleszente Hunde werden auffallend häufig abgegeben. Das ist der Grund, warum diese Phase mehr Aufmerksamkeit verdient als die Welpenzeit, über die viel mehr geschrieben wird.

Hormonelle Veränderungen

Mit Beginn der Pubertät steigt die Produktion der Geschlechtshormone – Testosteron bei Rüden, Östrogen und Progesteron bei Hündinnen. Sie wirken nicht nur auf die Fortpflanzungsfähigkeit, sondern auch auf das Nervensystem.

Typisch sind verstärktes Markieren und Aufreiten bei Rüden, ausgeprägtes Interesse an läufigen Hündinnen, die erste Läufigkeit, erhöhte Reizbarkeit und stärkere emotionale Reaktionen.

Das Gehirn: was belegt ist und was übertragen wird

Hier ist Genauigkeit nötig, weil dieser Abschnitt in Ratgebern regelmäßig zu bestimmt formuliert wird.

Für den Menschen ist gut untersucht, dass der präfrontale Cortex – zuständig für Impulskontrolle und Handlungsplanung – während der Adoleszenz später ausreift als die Hirnregionen, die Antrieb und Emotion verarbeiten. Daraus entsteht die bekannte Diskrepanz zwischen starkem Antrieb und noch schwacher Bremse.

Für den Hund ist diese Ungleichzeitigkeit nicht in vergleichbarer Auflösung untersucht. Das Bild vom Sportwagen ohne fertige Bremsen ist eine Übertragung aus der Humanforschung – anschaulich und plausibel, aber eben eine Analogie und kein kaninspezifischer Befund.

Was für den Hund belegt ist, ist das Verhalten: geringere Trainierbarkeit gegenüber der Bezugsperson, stärkere Ablenkbarkeit, geringere Frustrationstoleranz. Für den Alltag ändert die Erklärung nichts – für die Frage, wie sicher man etwas behaupten darf, schon.

Im Alltag

Häufig beobachtet werden:

  • selektives Reagieren, besonders dir gegenüber

  • geringere Kooperationsbereitschaft

  • schnellere Überforderung

  • neu auftretende Unsicherheiten gegenüber Dingen, die vorher kein Problem waren

  • gesteigerte Aktivität und Unruhe


Zu den Unsicherheiten ein Hinweis: Die verbreitete Rede von einer festen „zweiten Angstphase" mit klarem Zeitfenster ist schlechter belegt, als ihre Verbreitung vermuten lässt. Dass in dieser Zeit neue Unsicherheiten auftreten können, ist gut beobachtet – dass sie einem festen Kalender folgen, nicht.


Praktisch ist die Konsequenz dieselbe: Wenn dein Hund plötzlich vor etwas zurückschreckt, das vorher unproblematisch war, wird die Situation verkleinert, nicht durchgesetzt.



Sozialverhalten

Zunehmende Konflikte zwischen gleichgeschlechtlichen Rüden, verstärktes Interesse an läufigen Hündinnen, intensivere und teils übertriebene Kommunikation gegenüber Artgenossen.


Vieles davon reguliert sich mit zunehmender Reife. Was in dieser Zeit allerdings hängen bleibt, sind schlechte Erfahrungen: Eine Reihe unangenehmer Hundebegegnungen im achten Monat kann länger nachwirken als dieselbe Erfahrung mit drei Jahren. Deshalb ist die Auswahl der Sozialpartner jetzt wichtiger als ihre Anzahl.



Training in dieser Phase

Bekannte Übungen funktionieren schlechter. Die Gründe liegen in geringerer Konzentration, stärkerer Ablenkbarkeit und niedrigerer Frustrationstoleranz – nicht in Trotz.


Was hilft:


  • kurze, häufige Einheiten statt langer

  • Kriterien vorübergehend senken, statt an alten festzuhalten

  • an leichteren Orten üben und Ablenkung erst wieder aufbauen

  • Management dort, wo Training gerade nicht trägt – Schleppleine statt Freilauf, wenn der Rückruf wackelt

  • positive Verstärkung, verlässliche Regeln, ruhige Konsequenz


Was nicht hilft: Der Impuls, jetzt „durchzugreifen", ist verständlich und geht nach hinten los. Konfrontative Methoden lösen bei Hunden, die ohnehin unter Spannung stehen, häufig aggressives Verhalten aus – und der Befund von Asher und Kollegen legt nahe, dass ausgerechnet die Beziehung zur Bezugsperson gerade der empfindliche Punkt ist.



Kastration: eine Entscheidung mit Bedacht

Viele Halter denken in dieser Phase über eine Kastration nach. Drei Punkte gehören dazu.


Erstens die Rechtslage, die selten erwähnt wird: Nach § 6 TierSchG ist das vollständige oder teilweise Entfernen von Organen bei Wirbeltieren grundsätzlich verboten. Zulässig ist der Eingriff unter anderem bei tierärztlicher Indikation oder zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung. Eine Kastration „gegen Pubertätsverhalten" ist danach nicht ohne Weiteres gedeckt.


Zweitens die Datenlage. In großen Auswertungen an mehreren tausend Rüden beziehungsweise Hündinnen zeigte sich, dass eine kürzere Hormonexposition vor der Kastration mit mehr angst- und aggressionsbezogenem Verhalten einherging – nicht mit weniger. Untersuchungen zu Gelenkerkrankungen und bestimmten Tumorarten zeigen zudem, dass der günstigste Zeitpunkt rasseabhängig ist und ein früher Eingriff bei manchen Rassen mit erhöhten Risiken einhergeht.


Drittens der praktische Punkt: Eine Kastration ersetzt kein Training. Verhalten, das über Lernen entstanden ist, verschwindet nicht mit den Hormonen.

Zum Hormonchip als Test ein Vorbehalt: Er kann einen Eindruck vermitteln, bildet die Wirkung einer chirurgischen Kastration aber nicht exakt ab – unter anderem kommt es anfangs zu einem vorübergehenden Anstieg der Hormonproduktion. Ein Ergebnis, das in beide Richtungen weniger aussagt, als viele annehmen.

Die Entscheidung gehört in die gemeinsame Abwägung mit Tierarztpraxis und Trainer – und in aller Regel nicht mitten in die Pubertät.

Was jetzt wirklich hilft

  • ein ruhiger, berechenbarer Mensch – der Punkt, an dem die Studienlage am deutlichsten wird

  • klare, faire Regeln, die sich nicht täglich ändern

  • Kriterien senken, statt Konflikte zu erzeugen

  • ausreichend Schlaf; Junghunde werden in dieser Phase regelmäßig unterschätzt

  • Nasenarbeit und ruhige Beschäftigung statt mehr Bewegung

  • ausgewählte, gut passende Sozialkontakte

Der letzte Punkt zur Beschäftigung wird häufig falsch verstanden: Ein überdrehter Junghund braucht in aller Regel nicht mehr Auslastung, sondern mehr Ruhe.


Fazit

Die Pubertät beim Hund ist kein Rückschritt, sondern ein Reifungsschritt – und eine Zeit, in der Hunde besonders häufig abgegeben werden.


Der wichtigste Befund lautet: Dein Hund reagiert gerade auf dich schlechter, und zwar stärker, wenn die Beziehung weniger gefestigt ist. Daraus folgt genau das Gegenteil dessen, wozu die Situation verleitet. Nicht mehr Druck, sondern mehr Verlässlichkeit.

Es geht vorbei. Und was ihr in dieser Zeit an Beziehung aufbaut oder beschädigt, bleibt länger als die Phase selbst.



Quellen

  • Asher, L., England, G. C. W., Sommerville, R., & Harvey, N. D. (2020). Teenage dogs? Evidence for adolescent-phase conflict behaviour and an association between attachment to humans and pubertal timing in the domestic dog. Biology Letters, 16(5), 20200097. https://doi.org/10.1098/rsbl.2020.0097

  • Hart, B. L., Hart, L. A., Thigpen, A. P., & Willits, N. H. (2020). Assisting decision-making on age of neutering for 35 breeds of dogs: Associated joint disorders, cancers, and urinary incontinence. Frontiers in Veterinary Science, 7, 388. https://doi.org/10.3389/fvets.2020.00388

  • McGreevy, P. D., Wilson, B., Starling, M. J., & Serpell, J. A. (2018). Behavioural risks in male dogs with minimal lifetime exposure to gonadal hormones may complicate population-control benefits of desexing. PLOS ONE, 13(5), e0196284. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0196284

  • Morrill, K., Hekman, J., Li, X., et al. (2022). Ancestry-inclusive dog genomics challenges popular breed stereotypes. Science, 376(6592), eabk0639. https://doi.org/10.1126/science.abk0639

  • Starling, M., Fawcett, A., Wilson, B., Serpell, J., & McGreevy, P. (2019). Behavioural risks in female dogs with minimal lifetime exposure to gonadal hormones. PLOS ONE, 14(12), e0223709. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0223709

  • Tierschutzgesetz (TierSchG), § 6. https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/



Einordnung der Quellenlage

Die zentralen Aussagen zur Adoleszenz stützen sich auf Asher et al. (2020). Untersucht wurde eine Population angehender Blindenführhunde; die Ergebnisse sind auf Familienhunde nicht unmittelbar übertragbar. Die Bindungssicherheit wurde über Verhaltensmerkmale erschlossen, nicht in einem standardisierten Bindungstest erhoben, und der Zusammenhang zwischen Bindung und Pubertätsreife ist korrelativ – eine Ursache-Wirkungs-Beziehung lässt sich daraus nicht ableiten.

Die Ausführungen zur Hirnreifung beruhen für den präfrontalen Cortex überwiegend auf Humanforschung. Eine entsprechende Untersuchung am Hund in vergleichbarer Auflösung liegt uns nicht vor; wir kennzeichnen die Analogie deshalb ausdrücklich als solche.

Die Aussagen zur Kastration folgen großen retrospektiven Auswertungen an Haltern beziehungsweise Patientendaten. Diese sind nicht randomisiert; Halterinnen und Halter, die früh kastrieren lassen, unterscheiden sich möglicherweise auch in anderer Hinsicht von denen, die es nicht tun. Die Angaben zur Rechtslage geben den Regelungsgehalt des § 6 TierSchG wieder und ersetzen keine Rechtsberatung.

Zur Häufigkeit von Abgaben in der Adoleszenz wird in der Fachliteratur und in Tierheimstatistiken übereinstimmend berichtet, dass dieser Lebensabschnitt überrepräsentiert ist; eine belastbare deutsche Zahl nennen wir hier bewusst nicht.

Angaben zu Rassegruppen-Unterschieden in der Pubertät sind als Praxisbeobachtung gekennzeichnet.


FAQ: Häufige Fragen zur Pubertät beim Hund


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