top of page

Hitzschlag bei Hunden – Symptome erkennen und richtig handeln

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • 15. Juni 2025
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 24. Juli

Das Wichtigste zuerst: Vier Dinge solltest du über Hitzschlag bei Hunden wissen. Erstens: Der häufigste Auslöser ist nicht das heiße Auto, sondern Bewegung – in einer britischen Auswertung von über 900.000 Hunden gingen 74,2 Prozent aller Fälle auf Belastung zurück, das Auto auf 5,2 Prozent. Zweitens: Zwei Drittel dieser belastungsbedingten Fälle passierten nach einem normalen Spaziergang, nicht beim Sport. Drittens: Die verbreitete Warnung vor kaltem Wasser gilt inzwischen als widerlegt – die tierärztlichen Leitlinien empfehlen ausdrücklich kaltes Wasser. Und viertens: Es gilt „erst kühlen, dann fahren", nicht umgekehrt.

Ein Hitzschlag entwickelt sich schneller, als die meisten Halter ahnen, und die Ratgeberlage dazu ist in einem zentralen Punkt veraltet. Dieser Artikel erklärt, wie du frühe Warnsignale erkennst, was im Notfall tatsächlich hilft – und warum die häufigste Gefahrenquelle die ist, an die kaum jemand denkt.


Berner Sennenhund liegt im Schatten an einem heißen Sommertag, hechelt zur Abkühlung und hat Wasser sowie ein feuchtes Handtuch neben sich – Beispiel für Hitzeschutz beim Hund.


Was beim Hitzschlag passiert

Hunde geben Wärme vor allem über das Hecheln ab. Schweißdrüsen an den Pfoten spielen für die Temperaturregulation nur eine untergeordnete Rolle. An heißen Tagen, bei körperlicher Belastung oder in schlecht belüfteten Räumen stößt dieser Mechanismus schnell an seine Grenze.

Zur Begrifflichkeit, weil sie oft durcheinandergeht: Hyperthermie bezeichnet allgemein eine erhöhte Körpertemperatur. Vom Hitzschlag spricht man, wenn diese Überhitzung eine fortschreitende Entzündungsreaktion im ganzen Körper und eine Funktionsstörung mehrerer Organsysteme auslöst – mit neurologischen Ausfällen und der Möglichkeit eines tödlichen Verlaufs. Als kritischer Bereich gelten Körpertemperaturen ab etwa 41 °C.

Was dann im Körper abläuft:

  • Kreislaufversagen

  • Sauerstoffmangel im Gewebe

  • Organschäden an Leber, Nieren und Gehirn

  • Störungen der Blutgerinnung


Wichtig zur Abgrenzung: Überhitzung von außen ist nicht dasselbe wie Fieber. Beim Fieber verstellt der Körper seinen Sollwert selbst, meist infolge einer Infektion. Beim Hitzschlag fehlt dieser Auslöser – die Wärme kommt von außen oder aus der Muskelarbeit, und der Körper kommt mit dem Abführen nicht nach.



Symptome erkennen

Symptome auf einen Blick – je mehr Zeichen gleichzeitig auftreten, desto dringender der Handlungsbedarf.




Erste Hilfe: der Punkt, an dem viele Ratgeber falsch liegen

Hier muss dieser Artikel eine verbreitete Empfehlung korrigieren – auch gegen das, was in vielen deutschsprachigen Ratgebern steht.

Die Regel lautet: erst kühlen, dann transportieren. So steht es in den 2016 veröffentlichten tierärztlichen Leitlinien zur Erstversorgung von Hunden mit hitzebedingter Erkrankung. Empfohlen werden dort zwei Verfahren: das Eintauchen in kaltes Wasser und die Verdunstungskühlung, also Wasser auf den Hund bringen und gleichzeitig für Luftbewegung sorgen (Hall et al., 2023).

Wie selten das umgesetzt wird, zeigt dieselbe Auswertung: Von 341 Fällen mit dokumentierter Kühlung waren nur 74 – also 21,7 Prozent – vor dem Transport gekühlt worden.

Warum kaltes Wasser richtig ist

Die Begründung, man dürfe kein kaltes Wasser verwenden, weil sich die Hautgefäße zusammenziehen und die Wärme dann im Körper eingeschlossen bleibe, ist eine der hartnäckigsten Fehlinformationen in diesem Bereich. Sie klingt plausibel, hält der Prüfung aber nicht stand: In der Human- und Pferdesportmedizin gilt diese Sorge als widerlegt, und aktive Kühlung mit kaltem Wasser oder Verdunstungskühlung wird dort als wirksamste Behandlung ausgeprägter Überhitzung beschrieben. Für den Menschen gilt Kaltwasserimmersion bei Wassertemperaturen zwischen etwa 1,7 und 15 °C als Standard bei belastungsbedingter Hitzeerkrankung (Hall et al., 2023).


Das ist auch die Empfehlung der deutschen Standesvertretung. Die Bundestierärztekammer gibt die Leitlinie des Veterinary Committee on Trauma so wieder: Das überhitzte Tier soll bereits vor dem Transport zur tierärztlichen Notfallversorgung gekühlt werden – bei jungen und gesunden Hunden habe sich das Eintauchen in kaltes Wasser als besonders effektiv erwiesen, während für ältere Tiere und solche mit Vorerkrankungen die Verdunstungskühlung empfohlen wird, also Besprühen von Haut und Fell in Kombination mit Luftbewegung (Bundestierärztekammer, 2024).

Wenn du also anderswo liest, man solle nur lauwarmes Wasser verwenden: Diese Empfehlung ist überholt.


Praktisch heißt das:

Verwende kaltes Wasser. Warte nicht darauf, das „richtige" lauwarme Wasser zu finden. Verwende kaltes Leitungs- oder Umgebungswasser, das verfügbar ist. Entscheidend ist, sofort mit der Kühlung zu beginnen – Bach, Gartenschlauch, Wanne, Eimer.

Kühle den ganzen Hund, nicht nur die Pfoten. Die Empfehlung, nur Pfoten und Beine zu benetzen, verschenkt Kühlfläche. Übergieße den ganzen Körper oder tauche ihn ein, wenn ein sicheres Gewässer oder Behältnis verfügbar ist. Der Kopf bleibt frei.

Sorge für Luftbewegung. Wasser plus Luftstrom kühlt deutlich besser als Wasser allein.

Nasse Handtücher sind keine gute Kühlmethode. Sie sind in der Praxis die am häufigsten eingesetzte Methode – und sie zählen nicht zu den empfohlenen Verfahren. Ein Tuch auf dem Hund isoliert schnell, statt zu kühlen. Wenn du ein Tuch benutzt, dann als nasse Unterlage und regelmäßig gewechselt, nicht als Auflage oder Umhüllung.

Eine Einschränkung, die dazugehört: Die Empfehlung zur Kaltwasserimmersion gilt vor allem für junge, ansonsten gesunde und ansprechbare Hunde. Bei alten Hunden, bei Hunden mit Vorerkrankungen und bei bewusstseinsgetrübten Tieren wird die Verdunstungskühlung – Wasser plus Luftbewegung – bevorzugt.


Die Schritte

1. Belastung sofort beenden und aus der Hitze. Schatten oder kühler Raum. Kein Weiterlaufen, auch nicht „nur noch bis zum Auto".

2. Kühlen – sofort und vor Ort. Kaltes Wasser über den ganzen Körper, dazu Luftbewegung. Nicht erst ins Auto steigen.

3. Wasser anbieten, nicht aufzwingen. Kleine Mengen, frisch. Ein bewusstseinsgetrübter Hund darf nichts zu trinken bekommen – Verschluckungsgefahr.

4. Temperatur kontrollieren, wenn möglich. Rektal messen und beim Kühlen mitverfolgen. Wenn die Körpertemperatur wieder in den Normalbereich zurückkehrt, sollte die aktive Kühlung beendet werden, um eine Unterkühlung zu vermeiden.

5. Anrufen und fahren. Melde dich vorab in der Praxis oder Klinik an, damit dort vorbereitet werden kann. Auto vorkühlen, Hund auf den Boden statt auf den Sitz, Kühlung während der Fahrt fortsetzen, keine geschlossene Transportbox.

6. Auch bei scheinbarer Erholung fahren. Organschäden können sich mit Stunden Verzögerung zeigen.


Was beim Tierarzt passiert

Damit klar wird, warum der Besuch auch bei scheinbarer Erholung nötig ist.

Sofortversorgung. Infusionen stabilisieren den Kreislauf und gleichen den Flüssigkeitsverlust aus. Die Temperatursenkung wird kontrolliert fortgeführt und überwacht.

Organkontrolle. Blutbild und Blutchemie zeigen, ob Leber, Nieren oder die Blutgerinnung betroffen sind. Weil sich Schäden verzögert entwickeln können, ist stationäre Beobachtung häufig nötig.

Weitere Behandlung je nach Befund. Welche Medikamente zum Einsatz kommen, richtet sich nach dem klinischen Bild und der Laborlage.

Ein Hitzschlag ist erst ausgestanden, wenn die Werte stabil sind – nicht, wenn der Hund wieder auf den Beinen steht.

Wo die Gefahr tatsächlich herkommt

Hier lohnt der genaue Blick, weil die öffentliche Wahrnehmung deutlich von den Daten abweicht.

In der bislang größten Untersuchung dazu wurden die Behandlungsdaten von 905.543 Hunden in britischer Grundversorgung ausgewertet und 1.259 hitzebedingte Erkrankungsereignisse identifiziert. Bei den Fällen mit bekanntem Auslöser verteilte sich das so (Hall et al., 2020):

  • Belastung: 74,2 Prozent

  • Umgebungshitze: 12,9 Prozent

  • Einsperren im Fahrzeug: 5,2 Prozent

  • Behandlung beim Tierarzt oder im Hundesalon: 4,6 Prozent

  • Einsperren in Gebäuden: 2,7 Prozent


Und jetzt der Befund, der die Prävention verändert: Von den belastungsbedingten Fällen, bei denen die Art der Belastung erfasst war, ereigneten sich 67,5 Prozent nach einem Spaziergang. Nur 17,6 Prozent folgten intensiven Aktivitäten wie Laufen oder Radfahren, 13,8 Prozent dem Spiel.


Der typische Fall ist also nicht der vergessene Hund im Auto und nicht der sportlich überforderte Hund. Es ist ein normaler Spaziergang bei zu warmem Wetter.


Zwei weitere Punkte aus derselben Auswertung: Belastungsbedingte Fälle traten in jedem Monat des Jahres auf. Und das Sterberisiko unterschied sich zwischen den Auslösern statistisch nicht – belastungsbedingte Fälle betrafen aber rund zehnmal so viele Hunde und führten zu etwa achtmal so vielen Todesfällen wie das Fahrzeug.


Das entwertet die Warnung vor dem heißen Auto nicht. Ein geparktes Auto heizt sich in kurzer Zeit auf lebensbedrohliche Werte auf, auch bei gekipptem Fenster und im Schatten, und es gibt dafür keine sichere Variante. Aber wer nur daran denkt, übersieht drei Viertel des Risikos.


Wie du den Sommeralltag insgesamt anpasst, haben wir im Beitrag Mit dem Hund entspannt durch den Sommer zusammengetragen.


Vorbeugen

Den Spaziergang selbst als Risiko ernst nehmen. Das ist die wichtigste Änderung gegenüber der gängigen Sommerberatung. An warmen Tagen ist nicht nur intensives Training zu viel – auch die gewohnte Runde kann es sein. Verkürze, verlege, oder lass sie ausfallen und ersetze sie durch ruhige Beschäftigung im Kühlen.


Zeiten verlegen. Früh morgens oder spät abends. Die verbreitete Faustregel, die Mittags- und Nachmittagsstunden zu meiden, ist eine brauchbare Orientierung – entscheidend sind aber die tatsächlichen Bedingungen vor Ort, nicht die Uhrzeit.


Routen wählen. Wald, schattige Wege, Gewässer am Weg.


Pfoten prüfen. Aufgeheizter Asphalt kann Verbrennungen verursachen. Der verbreitete Handtest – Handrücken oder Handfläche einige Sekunden auf den Belag – ist keine geeichte Methode, aber eine sinnvolle Faustregel: zu heiß für dich, zu heiß für den Hund. Die Pfotenballen sind allerdings kein zuverlässiger Indikator für die gesamte Hitzebelastung des Hundes – ein kühler Waldboden schützt nicht davor, dass die Runde insgesamt zu viel ist.


Abbruchsignal und Rückruf trainieren. Das ist die Stelle, an der Training konkret Notfälle verhindert: Viele Hunde regulieren sich bei Hitze nicht selbst. Ein ballverrückter oder jagdlich motivierter Hund hört nicht auf, weil ihm zu warm ist – er hört auf, wenn du ihn abrufen kannst. Ein zuverlässiger Rückruf und ein sauber aufgebautes Abbruchsignal sind bei Hitze Sicherheitsausrüstung, kein Gehorsamsthema.


Wasser mitnehmen. Bei jedem Ausgang.


Kühle Liegeplätze anbieten. Zuhause Rückzugsorte schaffen, für Luftbewegung sorgen.


An Praxis und Salon denken. Behandlung beim Tierarzt und Hundepflege waren in der Auswertung der vierthäufigste Auslöser. Beides sind warme, oft stressige Umgebungen. Bei gefährdeten Hunden lohnt es sich, Termine in kühle Tageszeiten zu legen und das Thema aktiv anzusprechen.


Hund niemals im geparkten Auto lassen. Auch kurz nicht.



Wer besonders gefährdet ist

Die Risikoprofile unterscheiden sich je nach Auslöser – das ist praktisch bedeutsam, weil es erklärt, warum auch der sportliche, gesunde Hund betroffen sein kann (Hall et al., 2020).


Bei belastungsbedingtem Hitzschlag:

  • Junge Hunde. Hunde über acht Jahre hatten geringere Chancen auf einen belastungsbedingten Fall als Hunde unter zwei Jahren.

  • Größere und schwerere Hunde. Alle Gewichtsklassen ab 10 kg hatten höhere Chancen als Hunde unter 10 kg; ebenso Hunde am oder über dem Durchschnittsgewicht ihrer Rasse und ihres Geschlechts.

  • Rüden und kastrierte Hündinnen gegenüber intakten Hündinnen.

  • Aktive Gebrauchs- und Familienrassen. Labrador Retriever hatten das 2,1-Fache der Chance gegenüber Mischlingen; ähnlich lagen Boxer, Golden Retriever und Border Collie. Reinrassige Hunde insgesamt das 1,84-Fache gegenüber Mischlingen.


Bei Umgebungshitze:

  • Alte Hunde. Ab zwölf Jahren das 3,15-Fache gegenüber Hunden unter zwei Jahren.

  • Kurzköpfige Hunde (brachyzephale Rassen) haben durch ihre eingeschränkte Wärmeabgabe beim Hecheln ein erhöhtes Risiko (das 2,36-Fache gegenüber Hunden mit mittellanger Schnauze). Bei Bulldoggen wurde beobachtet, dass sie bereits beim Stehen in einem 21 °C warmen Raum überhitzen können.


Beim Fahrzeug: Kurzköpfige Hunde das 3,07-Fache. Grundsätzlich gilt hier aber: Jeder Hund überhitzt in einem heißen Auto, sobald die Umgebungstemperatur die Körpertemperatur übersteigt.


Was das für dich heißt: Wenn du einen jungen, kräftigen, aktiven Hund hast, gehörst du bei der häufigsten Form nicht zur Ausnahme, sondern zur Zielgruppe. Und wenn du einen kurzköpfigen Hund hast, bist du bei allen drei Formen erhöht gefährdet.



Fazit

Ein Hitzschlag ist ein Notfall – und in den meisten Fällen vermeidbar, weil er von menschlichen Entscheidungen abhängt.


Die drei Dinge, die den Unterschied machen:


Den Spaziergang ernst nehmen. Die häufigste Auslösesituation ist keine Extremsituation, sondern die gewohnte Runde bei zu warmem Wetter.


Erst kühlen, dann fahren. Mit kaltem Wasser, am ganzen Körper, mit Luftbewegung – nicht mit nassen Tüchern und nicht erst in der Praxis.


Immer abklären lassen. Auch wenn der Hund sich erholt hat.

Wenn du dir bei den Warnzeichen unsicher bist: Ruf in der Praxis an und beschreibe, was du siehst. Das kostet nichts und spart im Ernstfall die Minuten, auf die es ankommt.




Quellen

  • Bundestierärztekammer. (2024, 15. Juli). Notfall: Hitzschlag beim Hund. https://www.bundestieraerztekammer.de/presse/2024/07/Hitzschlag-beim-Hund.php


  • Hall, E. J., Carter, A. J., & O'Neill, D. G. (2020). Dogs don't die just in hot cars – Exertional heat-related illness (heatstroke) is a greater threat to UK dogs. Animals, 10(8), Artikel 1324. https://doi.org/10.3390/ani10081324

  • Hall, E. J., Carter, A. J., Chico, G., Bradbury, J., Gentle, L. K., Barfield, D., & O'Neill, D. G. (2023). Cooling methods used to manage heat-related illness in dogs presented to primary care veterinary practices during 2016–2018 in the UK. Veterinary Sciences, 10(7), Artikel 465. https://doi.org/10.3390/vetsci10070465

  • Hall, E. J., Carter, A. J., & O'Neill, D. G. (2020). Incidence and risk factors for heat-related illness (heatstroke) in UK dogs under primary veterinary care in 2016. Scientific Reports, 10, Artikel 9128. https://doi.org/10.1038/s41598-020-66015-8

  • Lilja-Maula, L., Lappalainen, A. K., Hyytiäinen, H. K., Kuusela, E., Kaimio, M., Schildt, K., Mölsä, S., Morelius, M., & Rajamäki, M. M. (2017). Comparison of submaximal exercise test results and severity of brachycephalic obstructive airway syndrome in English bulldogs. The Veterinary Journal, 219, 22–26. https://doi.org/10.1016/j.tvjl.2016.11.019


Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Untersuchung oder Behandlung. Bei Verdacht auf einen Hitzschlag beginne sofort mit dem Kühlen und wende dich unverzüglich an deine Tierarztpraxis oder den tierärztlichen Notdienst.



Häufige Fragen zum Thema Hitzschlag bei Hunden

Wie du Symptome früh erkennst, richtig reagierst und deinen Hund vor Überhitzung schützt



bottom of page
unterHUNDs.de Trainerausbildung Blog