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Senken Hunde das Allergie- und Asthmarisiko bei Kindern?

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • 4. Nov. 2023
  • 7 Min. Lesezeit

Früher Hundekontakt könnte das Immunsystem beeinflussen – doch die Studienlage ist nicht eindeutig.

Kurz zusammengefasst

Über Jahrzehnte galt der Rat, in allergiegefährdeten Familien auf einen Hund zu verzichten. Ein Teil der Forschung hat dieses Bild aufgeweicht: Manche großen Beobachtungsstudien verbinden frühen Hundekontakt mit einem etwas geringeren Risiko für Asthma und allergische Sensibilisierung. Andere, ebenso große Analysen finden dagegen keinen eindeutigen Zusammenhang. Die plausibelste Erklärung für einen möglichen Schutz ist die größere mikrobielle Vielfalt, die ein Hund ins Zuhause trägt – der belastbarste mechanistische Beleg dafür stammt allerdings aus Tierversuchen, nicht vom Menschen. Kurz: eine plausible Schutzhypothese bei weiterhin widersprüchlicher Datenlage. Ein Hund ist jedenfalls kein medizinisches Vorbeugemittel.

Hunde begleiten den Menschen seit Jahrtausenden. Neben ihrer emotionalen Bedeutung rückt eine Frage in den Fokus der Forschung: Kann früher Hundekontakt das kindliche Immunsystem beeinflussen – und vielleicht sogar vor Allergien oder Asthma schützen? Wir führen dich durch die Studienlage, erklären die Rolle des Mikrobioms und der Hygiene-Hypothese und bleiben dabei bewusst bei dem, was die Daten wirklich hergeben.

Kind sitzt auf einer Wiese neben einem Golden Retriever im Sonnenlicht – Symbolbild für den möglichen Einfluss von Hunden auf das Immunsystem sowie Allergie- und Asthmarisiko.


Vorab: drei Begriffe, die oft verwechselt werden

Bevor wir zu den Studien kommen, eine wichtige Unterscheidung, die viele Ratgeber übergehen. Allergische Sensibilisierung bedeutet zunächst nur, dass das Immunsystem auf bestimmte Allergene reagiert – nachweisbar etwa im Hautpricktest. Sie ist nicht gleichbedeutend mit einer klinisch spürbaren Allergie: Ein Kind kann sensibilisiert sein, ohne je Beschwerden zu entwickeln. Und Asthma ist keine einheitliche Erkrankung, sondern kann allergisch oder nicht-allergisch geprägt sein. Eine niedrigere Sensibilisierungsrate bedeutet deshalb nicht automatisch weniger Allergien oder weniger Asthma. Diese Endpunkte sauber auseinanderzuhalten, ist der Schlüssel, um die Studien richtig zu lesen.

1. Vom Risiko- zum möglichen Schutzfaktor

Lange lautete die Empfehlung, Haustiere in Haushalten mit Kleinkindern zu meiden, besonders bei familiärer Allergiebelastung. Ab den frühen 2000er-Jahren begannen Studien, dieses Bild zu hinterfragen.

Einflussreich war die Arbeit von Ownby et al. (2002). In einer Geburtskohorte im Raum Detroit zeigten Kinder, die im ersten Lebensjahr mit zwei oder mehr Hunden oder Katzen aufwuchsen, im Alter von 6–7 Jahren seltener eine allergische Sensibilisierung als Kinder ohne diesen Kontakt. Am deutlichsten war der Effekt bei mehreren Tieren; ein einzelner Hund lieferte ein weniger klares Bild.


Die schwedische Registerstudie von Fall et al. (2015) mit über einer Million Kindern fand, dass Hundekontakt im ersten Lebensjahr bei Schulkindern mit einem um etwa 13 % geringeren Asthmarisiko einherging (Odds Ratio 0,87). Zwei Einschränkungen gehören direkt dazu: Bei Kindern unter drei Jahren ließ sich kein Schutzeffekt nachweisen, und „Hundekontakt" wurde nur darüber erfasst, ob ein Elternteil als Hundehalter registriert war – ein grober Näherungswert. Immerhin blieben die Ergebnisse vergleichbar, als die Analyse auf Erstgeborene beschränkt wurde, was gegen eine reine Vermeidungsverzerrung spricht.


2. Aber: Die Gesamtlage ist widersprüchlicher, als einzelne Studien vermuten lassen

Hier ist Ehrlichkeit gefragt, denn die Auswahl der Studien bestimmt das Ergebnis. Eine große harmonisierte Analyse von über 77.000 Mutter-Kind-Paaren aus neun europäischen Geburtskohorten (Pinot de Moira et al., 2022) fand keinen statistisch eindeutigen Zusammenhang zwischen Hundehaltung und Asthma: Odds Ratio 0,92 bei einem Konfidenzintervall von 0,85 bis 1,01, das die 1,0 gerade noch einschließt. Auch für eine hundespezifische Sensibilisierung zeigte sich kein klarer Effekt, und weder Zeitpunkt noch Anzahl der Hunde änderten daran viel.

Fasst man die Literatur zusammen, ergibt sich also kein einheitliches Bild: Ein Teil der Studien weist in Richtung eines möglichen Schutzeffekts, andere Untersuchungen finden keinen Zusammenhang oder abweichende Ergebnisse. Ein mikrobieller Wirkmechanismus ist biologisch plausibel, beim Menschen aber nicht eindeutig belegt.

3. Die Rolle des Mikrobioms: Hunde bringen Vielfalt ins Haus

Woher käme ein möglicher Schutz überhaupt? Eine plausible Antwort liegt in der mikrobiellen Vielfalt. Hunde bewegen sich im Freien, kommen mit Erde, Pflanzen und einer großen Bandbreite an Umweltmikroorganismen in Kontakt und tragen diese über Fell und Pfoten in die Wohnung.

Fujimura et al. (2010) verglichen die mikrobielle Gemeinschaft im Hausstaub von Haushalten mit und ohne Hund. Hundehaushalte wiesen eine höhere bakterielle Diversität und eine veränderte, teilweise geringere Vielfalt der nachgewiesenen Pilzarten auf. Das ist ein beschreibender, korrelativer Befund – er zeigt, dass sich die mikrobielle Umgebung unterscheidet, nicht, dass sie zwangsläufig schützt.

Der Schritt vom Zusammenhang zum Mechanismus kommt aus dem Tierversuch: Bei Fujimura et al. (2014) waren Mäuse, die hundeassoziiertem Hausstaub ausgesetzt wurden, besser gegen eine experimentelle Atemwegs-Allergenbelastung geschützt. Ihr Darmmikrobiom war dabei mit dem Bakterium Lactobacillus johnsonii angereichert, das allein verabreicht einen Teil des Schutzes vermitteln konnte. Ein starker Hinweis auf einen möglichen Wirkweg – aber im Mausmodell. Ob er beim Menschen genauso greift, ist damit nicht belegt.

4. Hygiene-Hypothese und „Old Friends"

Diese Zusammenhänge werden oft im Rahmen der Hygiene-Hypothese diskutiert. Strachan (1989) fiel auf, dass Heuschnupfen bei Kindern mit vielen älteren Geschwistern seltener war. Der Name ist heute allerdings als irreführend anerkannt: Es geht nicht um mangelnde Sauberkeit im Haushalt, sondern um die Vielfalt früher mikrobieller Kontakte. Die Weiterentwicklung, die „Old Friends"-Hypothese (Rook, 2010), geht davon aus, dass der Mensch mit bestimmten Mikroorganismen co-evolviert ist, die dem Immunsystem gewissermaßen beigebracht haben, sich selbst zu regulieren.

Wichtig bleibt die Einordnung: Eine geringere Vielfalt bestimmter früher Umweltkontakte wird als einer von mehreren Faktoren diskutiert, die die Entwicklung der Immunregulation beeinflussen könnten – neben Genetik, Hautbarriere, Ernährung, Medikamenten, Luftschadstoffen und Infektionen. In diesem Modell wirkt ein Hund wie eine natürliche Brücke, die Umweltmikroben ins Haus bringt.

5. Der Zeitpunkt scheint zu zählen

Mehrere Studien deuten darauf hin, dass nicht nur ob, sondern vor allem wann der Kontakt stattfindet, eine Rolle spielt. Ownby et al. (2002) fanden den deutlichsten Zusammenhang bei Kontakt im ersten Lebensjahr; bei Fall et al. (2015) zeigte sich der Zusammenhang mit dem Asthmarisiko bei Vorschul- und Schulkindern, nicht aber bei Kindern unter drei Jahren. Für Katzen gibt es ähnliche, tendenziell schwächere und uneinheitlichere Hinweise.


Noch weitgehend ungeklärt ist, welche Eigenschaften der Hundehaltung dabei entscheidend sein könnten. Denkbar sind unter anderem Naturkontakt, Aufenthaltsdauer im Freien und das individuelle Mikrobiom des Hundes. Belastbare Daten, aus denen sich konkrete Empfehlungen ableiten ließen, fehlen jedoch bislang.


6. Über die Immunologie hinaus

Unabhängig von möglichen immunologischen Effekten kann Hundehaltung Bewegung, soziale Aktivität und subjektives Wohlbefinden fördern. Diese Wirkungen sind jedoch individuell und vom hier behandelten Allergie- und Asthmarisiko zu unterscheiden. Einen Überblick dazu geben wir in Hundekumpel – wie Hunde die Gesundheit ihrer Besitzer verbessern; wie diese Verbindung in therapeutischen Settings genutzt wird, zeigt Therapiehunde im Einsatz – Fellnasen mit großer Wirkung.

7. Was die Forschung (noch) nicht zeigt

Diese Einordnung unterscheidet einen seriösen Beitrag von einer verkürzten Schlagzeile:

  • Zusammenhang ist nicht gleich Ursache. Fast alle Humandaten stammen aus Beobachtungsstudien – sie zeigen ein gemeinsames Auftreten, nicht zwingend eine Ursache-Wirkung-Kette.

  • Vermeidungsverzerrung. Familien mit starker Allergiebelastung schaffen sich seltener einen Hund an, was einen Schutzeffekt vortäuschen kann. Gute Studien versuchen das herauszurechnen – vollständig ausschließen lässt es sich nicht.

  • Uneinheitliche Ergebnisse. Große Analysen kommen zu gegensätzlichen Schlüssen (vgl. Fall et al. 2015 vs. Pinot de Moira et al. 2022).

  • Mechanismus überwiegend tierexperimentell. Der überzeugendste kausale Beleg stammt aus dem Mausmodell.

  • Grobe Expositionsmaße und bescheidene Effektgrößen: Ein relativ um wenige Prozent verändertes Risiko sagt für den Einzelfall wenig aus.

8. Was Leitlinien empfehlen

Die aktuelle deutschsprachige S3-Leitlinie Allergieprävention (2022) empfiehlt keine Hundeanschaffung zum Zweck der Allergievorbeugung – hält aber ausdrücklich fest, dass von Hundehaltung auch bei Kindern mit erhöhtem Allergierisiko nicht abgeraten werden sollte. Für bereits vorhandene Haustiere gibt es keine Evidenz, sie aus Präventionsgründen abzuschaffen. Anders bei Katzen: Von der Neuanschaffung einer Katze wird bei erhöhtem Risiko eher abgeraten.

Praktisch heißt das: Bei familiärer Allergiebelastung muss von Hundehaltung nicht grundsätzlich abgeraten werden. Bestehen jedoch beim Kind oder bei anderen Haushaltsmitgliedern bereits Beschwerden beim Hundekontakt, eine nachgewiesene Hundeallergie oder ein schlecht kontrolliertes Asthma, sollte die Entscheidung allergologisch abgeklärt werden. Und unabhängig von jeder Gesundheitsfrage gilt: Ein Hund ist ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen – die Entscheidung für ihn sollte aus Überzeugung fallen, nicht aus der Hoffnung auf einen Nebeneffekt.

Fazit

Früher Hundekontakt könnte das kindliche Immunsystem günstig beeinflussen, und die erhöhte mikrobielle Vielfalt im Zuhause ist dafür ein biologisch plausibler Kandidat. Belegt ist dieser Schutz beim Menschen jedoch nicht: Die epidemiologische Evidenz bleibt widersprüchlich, und der überzeugendste Mechanismus stammt aus dem Tierversuch. Am ehesten lässt sich sagen: eine plausible Schutzhypothese bei weiterhin uneinheitlicher Datenlage.

Der Wert eines Hundes reicht ohnehin weit über die Immunologie hinaus. Wenn du deinem Hund ein artgerechtes Leben mit viel Bewegung und Naturkontakt ermöglichst, tust du in erster Linie ihm etwas Gutes – und förderst nebenbei vielleicht auch ein gesundes Familienleben. Ein Garant für ein allergiefreies Leben ist er nicht. Aber ein wertvoller Teil eines gesunden Lebensstils kann er sehr wohl sein.

Quellen

Primärstudien

Fall, T., Lundholm, C., Örtqvist, A. K., et al. (2015). Early exposure to dogs and farm animals and the risk of childhood asthma. JAMA Pediatrics, 169(11), e153219.

Pinot de Moira, A., Strandberg-Larsen, K., Bishop, T., et al. (2022). Associations of early-life pet ownership with asthma and allergic sensitization: A meta-analysis of more than 77,000 children from the EU Child Cohort Network. Journal of Allergy and Clinical Immunology, 150(1), 82–92.

Fujimura, K. E., Johnson, C. C., Ownby, D. R., et al. (2010). Man's best friend? The effect of pet ownership on house dust microbial communities. Journal of Allergy and Clinical Immunology, 126(2), 410–412.

Fujimura, K. E., Demoor, T., Rauch, M., et al. (2014). House dust exposure mediates gut microbiome Lactobacillus enrichment and airway immune defense against allergens and virus infection. PNAS, 111(2), 805–810. (Tiermodell)

Ownby, D. R., Johnson, C. C., & Peterson, E. L. (2002). Exposure to dogs and cats in the first year of life and risk of allergic sensitization at 6 to 7 years of age. JAMA, 288(8), 963–972.

Bufford, J. D., et al. (2008). Effects of dog ownership in early childhood on immune development and atopic diseases. Clinical & Experimental Allergy, 38(10), 1635–1643.

Übersichts-, Hypothesen- und Leitlinienarbeiten

Kopp, M. V., et al. (2022). S3-Leitlinie Allergieprävention. AWMF-Register-Nr. 061-016. Allergologie select, 6, 61–97.

Strachan, D. P. (1989). Hay fever, hygiene, and household size. BMJ, 299(6710), 1259–1260.

Rook, G. A. (2010). Darwinian medicine and the 'hygiene' or 'old friends' hypothesis. Clinical & Experimental Immunology, 160(1), 70–79.



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