Die heilende Kraft der Hunde: Wie Hunde Allergie- und Asthmarisiko reduzieren können
- Hundeschule unterHUNDs

- 4. Nov. 2023
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Apr.
Hunde begleiten den Menschen seit Jahrtausenden – als Familienmitglieder, Arbeitspartner, Therapiebegleiter und treue Gefährten. Doch neben ihrer emotionalen Bedeutung rückt zunehmend eine faszinierende Frage in den Fokus der Forschung: Können Hunde auch unsere körperliche Gesundheit beeinflussen? Und wenn ja – wie?
In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die wissenschaftliche Perspektive auf Haustiere und Allergien grundlegend gewandelt. Während früher oft empfohlen wurde, in Familien mit Allergierisiko auf Hunde zu verzichten, zeigen moderne Studien ein differenzierteres Bild: Der frühe Kontakt mit Hunden scheint bei vielen Kindern sogar mit einem geringeren Risiko für Asthma und Allergien verbunden zu sein.
Dieser Artikel führt dich durch die aktuelle Forschungslage, erklärt die spannende Rolle des Mikrobioms und der Hygiene-Hypothese und zeigt, wie Hunde indirekt unser Immunsystem trainieren können – ohne dabei in übertriebene Versprechungen zu verfallen.

1. Paradigmenwechsel: Von der Risiko- zur Schutzfaktor-Hypothese
Über Jahrzehnte galt die medizinische Empfehlung: Haustiere, insbesondere Hunde und Katzen, sollten in Haushalten mit Kleinkindern gemieden werden, vor allem wenn Allergien in der Familie bekannt sind. Die Annahme: Tierhaare, Hautschuppen und Speichel könnten allergische Reaktionen auslösen.
Doch bereits in den frühen 2000er-Jahren begannen Studien, dieses Bild zu kippen. Eine der wegweisenden Arbeiten stammt von Ownby et al. (2002), die untersuchten, ob der Kontakt mit Hunden und Katzen im ersten Lebensjahr mit dem späteren Allergierisiko zusammenhängt. Das Ergebnis überraschte: Kinder, die mit Hunden aufwuchsen, hatten ein signifikant geringeres Risiko für allergische Sensibilisierungen (positive Hautpricktests) als Kinder ohne Hundekontakt.
Spätere große epidemiologische Studien bestätigten diesen Zusammenhang. Eine schwedische Kohortenstudie mit über 600.000 Kindern (Fall et al., 2015) zeigte, dass Kinder, die in den ersten Lebensjahren mit Hunden lebten, ein um etwa 15 % reduziertes Asthmarisiko aufwiesen – selbst in Familien mit allergischer Vorbelastung.
2. Die Rolle des Mikrobioms: Hunde bringen Vielfalt ins Haus
Wie aber können Hunde das Immunsystem positiv beeinflussen? Die Antwort liegt in der mikrobiellen Vielfalt – und hier spielen Hunde eine einzigartige Rolle.
Hunde bewegen sich regelmäßig im Freien, kommen mit Erde, Pflanzen, anderen Tieren und einer Vielzahl von Umweltmikroorganismen in Kontakt. Über Fell, Pfoten und Haut tragen sie diese Mikroben in die Wohnung. Studien zeigen, dass Haushalte mit Hunden eine höhere mikrobielle Diversität aufweisen als haustierfreie Haushalte (Fujimura et al., 2010). Insbesondere Bakterien aus der Gruppe Lactobacillus und Bifidobacterium, die mit einer geringeren Allergieneigung verbunden sind, kommen häufiger vor.
Diese Vielfalt ist entscheidend für die Entwicklung des kindlichen Immunsystems. Das Immunsystem lernt in den ersten Lebensjahren, zwischen harmlosen Umweltreizen und echten Bedrohungen zu unterscheiden. Ein vielfältiges mikrobielles Umfeld trainiert es dabei – ähnlich wie ein gut sortierter „Übungsplatz“. Fehlt diese Vielfalt, kann das Immunsystem überempfindlich reagieren und schon gegen harmlose Stoffe wie Pollen oder Hausstaub allergische Reaktionen entwickeln.
3. Hygiene-Hypothese und „Old Friends“: Die wissenschaftlichen Grundlagen
Die beschriebenen Zusammenhänge werden häufig im Rahmen der Hygiene-Hypothese diskutiert. Sie besagt, dass ein zu steriles Umfeld in der frühen Kindheit die Entwicklung des Immunsystems beeinträchtigen und das Risiko für Allergien erhöhen kann (Strachan, 1989).
Ergänzt wird sie durch die „Old Friends“-Hypothese (Rook, 2010). Sie geht davon aus, dass der menschliche Körper im Laufe der Evolution mit bestimmten Mikroorganismen dauerhaft zusammengelebt hat – den sogenannten „alten mikrobiellen Begleitern“. Diese Mikroben waren über Millionen Jahre Teil unserer Umwelt und haben unser Immunsystem mitgeprägt. Fehlen sie in der modernen, sehr sterilen Lebensweise, kann es zu Fehlregulationen kommen, die die Entstehung von Allergien, Asthma und sogar Autoimmunerkrankungen begünstigen.
Hunde fungieren in diesem Modell als natürliche Überträger dieser alten mikrobiellen Begleiter. Indem sie sie aus der Außenwelt in den Haushalt bringen, stellen sie so etwas wie eine „mikrobielle Brücke“ dar – und helfen dem Immunsystem, sich auf natürliche Weise zu entwickeln.
4. Früher Kontakt ist entscheidend: Das Zeitfenster der Immunentwicklung
Viele Studien betonen: Entscheidend ist nicht nur ob, sondern vor allem wann der Kontakt mit Hunden stattfindet. Die ersten Lebensmonate und -jahre scheinen ein kritisches Zeitfenster für die Immunprägung zu sein.
Ownby et al. (2002) fanden den stärksten Schutzeffekt bei Kindern, die im ersten Lebensjahr regelmäßigen Hundekontakt hatten.
Fall et al. (2015) zeigten, dass der Effekt auf das Asthmarisiko bei Kindern, die mit Hunden aufwuchsen, besonders ausgeprägt war.
Auch für Katzen gibt es ähnliche, wenn auch etwas schwächere Effekte – vermutlich weil Katzen weniger Zeit im Freien verbringen und dadurch weniger Mikroben ins Haus bringen.
Für dich als Eltern oder zukünftigen Hundehalter bedeutet das: Wenn du über einen Hund nachdenkst und die Möglichkeit hast, dass dein Kind frühzeitig Kontakt hat, kann das durchaus ein gesundheitlicher Bonus sein – aber natürlich nur im Rahmen einer verantwortungsvollen Haltung.
5. Nicht jeder Hund ist gleich: Faktoren, die den Effekt beeinflussen
Interessanterweise zeigen Studien, dass nicht jeder Hund automatisch denselben Effekt hat. Verschiedene Faktoren können die mikrobielle Vielfalt im Haushalt beeinflussen:
Faktor | Einfluss |
Zeit im Freien | Hunde, die viel draußen sind, tragen mehr Umweltmikroben ein |
Aktivität | Aktive Hunde bewegen sich mehr in unterschiedlichen Umgebungen |
Kontakt mit Natur | Wald-, Wiesen- und Erd-Kontakt erhöht die Diversität |
Hygiene im Haushalt | Sehr sterile Haushalte können den Effekt abschwächen |
Fütterung | Unterschiedliche Fütterung kann das Hundemikrobiom verändern (z. B. rohes vs. stark verarbeitetes Futter) |
Die Hunderasse spielt dagegen eine untergeordnete Rolle – entscheidend ist der Lebensstil des Hundes. Ein Stadt-Hund, der nur auf Asphalt unterwegs ist, wird weniger Vielfalt ins Haus bringen als ein Hund, der regelmäßig im Wald läuft. Wie du deinem Hund auch in der Stadt artgerechte Auslastung bieten kannst, erfährst du in unserem Artikel „Denksport, Nasenarbeit und kreative Beschäftigung für drinnen und draußen“.
6. Weitere gesundheitliche Vorteile: Bewegung, Psyche, soziale Bindung
Neben den möglichen immunologischen Effekten haben Hunde zahlreiche weitere positive Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit:
Mehr Bewegung: Hundehalter gehen im Schnitt häufiger und länger spazieren – das reduziert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht.
Weniger soziale Isolation: Hunde fördern soziale Kontakte, sei es im Park oder bei gemeinsamen Aktivitäten.
Stressreduktion: Die Interaktion mit Hunden senkt den Cortisolspiegel und steigert das Wohlbefinden.
Psychische Gesundheit: Hunde können bei Depressionen, Angststörungen und Einsamkeit unterstützend wirken.
Besonders für Kinder sind Hunde wertvolle Begleiter: Sie fördern Verantwortungsgefühl, Empathie und emotionale Stabilität. Mehr dazu erfährst du in unserem Artikel „Hund als Spiegel des Menschen – Wie deine Stimmung das Verhalten deines Hundes beeinflusst“. Und dass diese besondere Verbindung auch in therapeutischen Settings wirkt, zeigen unsere Beiträge „Die heilende Kraft der Hunde – wenn tierische Nähe Leiden lindert“ und „Therapiehunde im Einsatz – Fellnasen mit großer Wirkung“.
7. Wichtige Einschränkungen: Hunde sind kein medizinisches Mittel
Trotz aller positiven Forschungsergebnisse ist es entscheidend, die Ergebnisse differenziert zu betrachten. Hunde sind kein medizinisches Präventionsmittel gegen Allergien oder Asthma. Die Entwicklung allergischer Erkrankungen wird von vielen Faktoren beeinflusst:
genetische Veranlagung
Umweltbedingungen (Luftqualität, Schadstoffe)
Ernährung
Stresslevel der Familie
Art und Umfang des Hundekontakts
Gerade bei Familien mit starker genetischer Vorbelastung (beide Eltern allergisch oder asthmatisch) kann weiterhin Vorsicht geboten sein. In solchen Fällen sollte eine individuelle medizinische Beratung erfolgen, bevor ein Haustier angeschafft wird.
Auch gilt: Ein Hund ist kein „Anti-Allergie-Mittel“ – sondern ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen. Die Entscheidung für einen Hund sollte immer aus Überzeugung und Freude getroffen werden, nicht aus vermeintlichen gesundheitlichen Gründen.
8. Fazit: Hunde als Teil eines gesunden Lebensstils
Hunde können das Immunsystem beeinflussen – nicht als Wundermittel, sondern als natürliche Begleiter, die unser Leben bereichern und unser mikrobielles Umfeld vielfältiger machen. Die Forschung zeigt, dass der frühe Kontakt mit Hunden bei vielen Kindern mit einem geringeren Risiko für Asthma und Allergien verbunden ist. Die wahrscheinlichste Erklärung liegt in der erhöhten mikrobiellen Vielfalt, die Hunde in ihre Umgebung bringen – ein Trainingsprogramm für das Immunsystem.
Doch der Wert eines Hundes geht weit über immunologische Effekte hinaus: Bewegung, soziale Kontakte, Stressabbau, emotionale Bindung – Hunde machen unser Leben auf vielfältige Weise gesünder und glücklicher.
Für dich als Hundehalter bedeutet das: Wenn du deinem Hund ein artgerechtes Leben mit viel Bewegung und Kontakt zur Natur ermöglichst, tust du nicht nur ihm etwas Gutes – sondern förderst indirekt auch die Gesundheit deiner Familie. Ein Hund ist kein Garant für ein allergiefreies Leben, aber er kann ein wertvoller Teil eines gesunden, naturverbundenen Lebensstils sein.
Quellen
Fall, T., Lundholm, C., Örtqvist, A. K., et al. (2015). Early exposure to dogs and farm animals and the risk of childhood asthma. JAMA Pediatrics, 169(11), e153219.
Fujimura, K. E., Johnson, C. C., Ownby, D. R., et al. (2010). Man’s best friend? The effect of pet ownership on house dust microbial communities. Journal of Allergy and Clinical Immunology, 126(2), 410–412.
Ownby, D. R., Johnson, C. C., & Peterson, E. L. (2002). Exposure to dogs and cats in the first year of life and risk of allergic sensitization at 6 to 7 years of age. JAMA, 288(8), 963–972.
Rook, G. A. (2010). 99th Dahlem Conference on Infection, Inflammation and Chronic Inflammatory Disorders: Darwinian medicine and the ‘hygiene’ or ‘old friends’ hypothesis. Clinical & Experimental Immunology, 160(1), 70–79.
Strachan, D. P. (1989). Hay fever, hygiene, and household size. BMJ, 299(6710), 1259–1260.
Weitere unterstützende Literatur: Bufford, J. D., et al. (2008). Effects of dog ownership in early childhood on immune development and atopic diseases. Clinical & Experimental Allergy, 38(10), 1635–1643.
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