Hunde als Schmerzhelfer: Wie tierische Nähe Schmerzen messbar lindern kann
- Hundeschule unterHUNDs

- 8. Apr. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Tagen
Neue Forschung zeigt: Hunde beeinflussen Schmerzempfinden und Stressreaktionen
Hunde begleiten den Menschen seit Tausenden von Jahren. Sie gelten als treue Gefährten, emotionale Unterstützer und soziale Partner. In den letzten Jahren zeigt jedoch auch die wissenschaftliche Forschung immer deutlicher, dass ihre Wirkung weit über emotionale Nähe hinausgehen kann.
Eine aktuelle Studie der Humboldt-Universität zu Berlin (2024) liefert Hinweise darauf, dass die Anwesenheit eines Hundes nicht nur das Wohlbefinden verbessert, sondern die Wahrnehmung von Schmerzen messbar reduzieren kann.
Damit rücken Hunde zunehmend in den Fokus von medizinischer Forschung, Schmerztherapie und tiergestützten Interventionen.
Die Ergebnisse zeigen: Die besondere Beziehung zwischen Mensch und Hund wirkt nicht nur psychologisch – sie beeinflusst auch physiologische Stressreaktionen und neurobiologische Prozesse im Gehirn.

Forschungsfrage: Kann die Anwesenheit eines Hundes Schmerzen beeinflussen?
Die Studie untersuchte eine zentrale Frage der Mensch-Tier-Interaktion:
Beeinflusst die Anwesenheit eines Hundes das subjektive Schmerzempfinden und die physiologische Stressreaktion eines Menschen?
Dabei wurden verschiedene Situationen miteinander verglichen:
Anwesenheit des eigenen Hundes
Anwesenheit eines fremden Hundes
Anwesenheit eines Menschen
Durchführung der Aufgabe allein
Die Hypothese der Forschenden lautete, dass Hunde eine besondere Form der sozialen Unterstützung ohne Bewertung oder Erwartungsdruck bieten. Diese Form der Präsenz könnte Stress reduzieren und dadurch indirekt auch die Schmerzverarbeitung beeinflussen.
Studiendesign: Der Cold-Pressor-Test
Zur Untersuchung der Schmerzreaktionen nutzten die Forschenden den sogenannten Cold Pressor Test, ein etabliertes Verfahren in der Schmerzforschung.
Dabei tauchen die Teilnehmenden ihre Hand in eiskaltes Wasser (1–3 °C). Innerhalb weniger Sekunden entsteht ein intensiver Schmerzreiz.
Gemessen wurden mehrere Parameter:
subjektive Schmerzintensität
Dauer der Schmerztoleranz
physiologische Stressreaktionen
Zur objektiven Messung der Stressreaktionen wurden unter anderem erfasst:
Herzfrequenz
Hautleitwert
Aktivität des autonomen Nervensystems
Diese Kombination ermöglicht eine differenzierte Betrachtung von körperlicher Stressreaktion und subjektivem Schmerzempfinden.
Ergebnisse: Hunde können Schmerzen messbar reduzieren
Der eigene Hund zeigt die stärkste Wirkung
Die erste Versuchsreihe zeigte ein deutliches Ergebnis:
Die Anwesenheit des eigenen Hundes führte zu
einer geringeren subjektiven Schmerzbewertung
einer längeren Schmerztoleranz
einer reduzierten physiologischen Stressreaktion
Die Teilnehmenden hielten den Schmerzreiz länger aus und berichteten über ein geringeres Schmerzempfinden.
Bemerkenswert war der Vergleich mit menschlicher Begleitung:
Freunde oder Bekannte hatten keinen vergleichbaren Effekt auf Schmerz oder Stressreaktionen.
Auch fremde Hunde können eine Wirkung haben
In einer zweiten Versuchsreihe wurde untersucht, ob auch unbekannte Hunde eine schmerzlindernde Wirkung haben.
Die Ergebnisse zeigen:
Auch ein fremder Hund konnte das Schmerzempfinden reduzieren – allerdings deutlich schwächer als der eigene Hund.
Ein entscheidender Faktor war dabei die persönliche Einstellung gegenüber Hunden. Teilnehmende mit einer positiven Haltung gegenüber Hunden profitierten stärker von der Anwesenheit des Tieres.
Warum Hunde Schmerzen lindern können
Die Forschenden führen die beobachteten Effekte auf mehrere psychologische und neurobiologische Mechanismen zurück.
Nonverbale soziale Unterstützung
Hunde kommunizieren überwiegend über Körpersprache, Blickkontakt und Nähe.
Ihre nicht wertende, ruhige Präsenz kann ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Gerade in belastenden Situationen kann diese Form der Unterstützung beruhigend wirken.
Im Gegensatz zu menschlicher Begleitung entsteht dabei kein sozialer Erwartungsdruck. Diese entspannte Form sozialer Nähe kann dazu beitragen, Stressreaktionen im Körper zu reduzieren.
Neurobiologische Effekte: Oxytocin, Cortisol und Endorphine
Der Kontakt mit Hunden beeinflusst nachweislich mehrere biochemische Prozesse im menschlichen Körper.
Studien zeigen unter anderem:
erhöhte Oxytocin-Ausschüttung
reduzierte Cortisolwerte
Aktivierung von Belohnungs- und Bindungssystemen im Gehirn
Oxytocin stärkt soziale Bindungen und wirkt beruhigend auf das Nervensystem. Gleichzeitig sinkt der Stresshormonspiegel.
Darüber hinaus spielen vermutlich auch Endorphine eine wichtige Rolle. Diese körpereigenen Botenstoffe wirken als natürliche Schmerzhemmer und können sowohl Stress als auch Schmerzempfinden reduzieren.
Das Zusammenspiel dieser neurobiologischen Prozesse kann erklären, warum die Anwesenheit eines Hundes sowohl emotional beruhigend als auch schmerzlindernd wirken kann.
Vertrauen und emotionale Sicherheit – die „sichere Basis“
Die Beziehung zwischen Mensch und Hund weist viele Parallelen zur Bindungstheorie nach John Bowlby auf.
In der Bindungsforschung wird eine vertraute Bezugsperson als „sichere Basis“ beschrieben. Von dieser sicheren Basis aus können Menschen mit belastenden Situationen besser umgehen.
Für viele Menschen übernimmt der eigene Hund genau diese Rolle.
Die emotionale Bindung vermittelt Sicherheit und Vertrauen – Faktoren, die auch die Stress- und Schmerzverarbeitung beeinflussen können.
Bedeutung der Mensch-Hund-Bindung
Die Studie zeigt deutlich: Der eigene Hund hat den stärksten Effekt auf Schmerz und Stress.
Das unterstreicht, dass nicht jeder Hund automatisch dieselbe Wirkung entfaltet.
Entscheidend ist die Qualität der Beziehung zwischen Mensch und Hund. Eine stabile Bindung, Vertrauen und positive gemeinsame Erfahrungen verstärken die beruhigende Wirkung.
Die Mensch-Hund-Beziehung wirkt damit ähnlich wie eine enge soziale Bindung zwischen Menschen – mit messbaren Auswirkungen auf das Nervensystem.
Bedeutung für Medizin und Therapie
Die Ergebnisse der Studie haben wichtige Implikationen für tiergestützte Therapieformen und Schmerzmedizin.
Mögliche Einsatzbereiche sind unter anderem:
Kliniken und Rehabilitationszentren
In Krankenhäusern könnten speziell ausgebildete Therapiehunde Patientinnen und Patienten emotional unterstützen.
Ein mögliches Beispiel:
Nach einer Operation leiden viele Menschen unter Schmerzen und Stress. Der Besuch eines ruhigen Therapiehundes kann helfen, schneller zu entspannen und das Stressniveau zu senken. In einigen Fällen könnte dies sogar dazu beitragen, den Bedarf an Schmerzmedikamenten zu reduzieren.
Palliativmedizin
In der Sterbebegleitung spielen Nähe, Sicherheit und emotionale Stabilität eine wichtige Rolle.
Therapiehunde können Trost, Ruhe und positive Emotionen vermitteln – eine Wirkung, die bereits in vielen Einrichtungen beobachtet wird.
Chronische Schmerzpatienten
Chronische Schmerzen gehen häufig mit psychischer Belastung, Stress und sozialer Isolation einher.
Hunde können hier eine unterstützende Rolle spielen, indem sie
Bewegung fördern
emotionale Stabilität stärken
soziale Interaktion erleichtern
Psychosomatische Erkrankungen und Traumafolgestörungen
Auch bei Erkrankungen wie PTBS, Angststörungen oder Depressionen kann der Kontakt mit Hunden Stress reduzieren.
Da Stress eine zentrale Rolle bei der Schmerzverarbeitung spielt, kann dies indirekt auch Schmerzsymptome positiv beeinflussen.
Grenzen der Forschung
Trotz der positiven Ergebnisse ist es wichtig zu betonen:
Ein Hund ersetzt keine medizinische Behandlung.
Die Wirkung hängt von mehreren Faktoren ab:
persönliche Einstellung zu Hunden
Qualität der Mensch-Hund-Bindung
Verhalten und Training des Hundes
Rahmenbedingungen der Situation
Darüber hinaus müssen auch ethische Aspekte berücksichtigt werden. Therapiehunde benötigen ausreichend Pausen und dürfen nicht überfordert werden.
Fazit: Hunde als natürliche Schmerzhelfer
Die Studie der Humboldt-Universität zu Berlin zeigt eindrucksvoll, dass Hunde weit mehr sind als emotionale Begleiter.
Ihre Anwesenheit kann
Stress reduzieren
neurobiologische Prozesse beeinflussen
und das subjektive Schmerzempfinden senken.
Besonders die Bindung zwischen Mensch und Hund scheint dabei eine zentrale Rolle zu spielen.
Die besondere Beziehung zwischen Mensch und Hund ist daher nicht nur emotional wertvoll – sie kann auch medizinisch relevant sein.
Die Ergebnisse dieser Studie liefern auch eine wissenschaftliche Grundlage für den Einsatz von Hunden im sozialen und therapeutischen Kontext. Gut ausgebildete Hunde können in Schulen, Pflegeeinrichtungen, Kliniken oder sozialen Einrichtungen eine beruhigende und unterstützende Wirkung auf Menschen haben.
Wenn du dich dafür interessierst, wie Hunde gezielt für solche Aufgaben vorbereitet werden, findest du hier weitere Informationen zur Ausbildung von sozialen Hunden, Therapiehunden und Besuchshunden bei unterHUNDs.
Quelle
Humboldt-Universität zu Berlin (2024)Studie zur Wirkung von Hundebegleitung auf Schmerzempfinden und Stressreaktionen beim Cold-Pressor-Test.
Häufige Fragen zu Hunden als Schmerzhelfer

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