Lendenleinen und Achselleinen beim Hund – Warum diese Methoden gefährlich und tierschutzwidrig sind
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 14. Okt. 2023
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 14 Stunden
Das Wichtigste zuerst: Drei Dinge solltest du über Lenden- und Achselleinen wissen. Erstens wirken sie nicht über Training, sondern über Druck auf empfindliche Körperregionen – der Hund lernt nicht, was er tun soll, sondern nur, was Schmerz vermeidet. Zweitens liegen beide Anwendungsstellen anatomisch ungünstig: die Lendenregion über Organen und versorgenden Nervensträngen, die Achsel über Nervengeflecht, Lymphknoten und Gefäßen. Und drittens ist der Einsatz solcher Hilfsmittel bei Erziehung und Training tierschutzrechtlich einschlägig geregelt – nicht als Grauzone, sondern als ausdrückliches Verbot schmerzhafter Mittel.
In der Hundeerziehung kursieren zahlreiche Methoden gegen starkes Ziehen an der Leine. Während moderne Ansätze auf Lerntheorie, Beziehung und positive Verstärkung setzen, arbeiten manche weiterhin mit Druck, Schmerz oder körperlicher Einschränkung. Zu diesen problematischen Techniken gehören vor allem Lendenleinen und Achselleinen. Aus verhaltensbiologischer, medizinischer und tierschutzrechtlicher Sicht gelten sie heute als überholt und riskant.

Was sind Lendenleinen und Achselleinen?
Bei beiden Varianten wird die Leine so um den Körper geführt, dass bei Zug Druck auf eine empfindliche Region entsteht. Statt erwünschtes Verhalten aufzubauen, soll das Ziehen durch unangenehme körperliche Reize unterdrückt werden.
Die scheinbare Wirkung entsteht dabei nicht durch Verstehen, sondern durch Vermeidung: Der Hund weicht dem Druck aus, ohne zu lernen, was stattdessen von ihm erwartet wird.
Die Lendenleine
Funktionsweise
Bei der Lendenleine wird die Leine um den Bauch geführt, knapp vor den Hinterbeinen, meist über den Rücken oder durch ein Geschirr. Zieht der Hund nach vorn, entsteht Druck auf die Lenden- und Bauchregion.
Eingesetzt wird sie häufig, wenn Halsband oder Geschirr angeblich „nicht funktionieren" oder wenn Halter Mühe haben, einen kräftigen Hund zu führen. Trainiert wird dabei nichts – der Druck dient als Kontrollmittel.
Warum diese Region problematisch ist
Die Lendenregion ist anatomisch empfindlich: In diesem Bereich liegen Nieren, Harnblase und Teile des Darms, es verlaufen Nervenstränge zur Versorgung der Hinterhand, und Bauch- sowie tiefe Rückenmuskulatur greifen eng ineinander. Anders als am Brustkorb gibt es hier keinen knöchernen Schutz.
Druck oder Zug wirkt hier deshalb nicht nur oberflächlich.
Mögliche gesundheitliche Folgen
Belastbare Studien speziell zu Lendenleinen liegen nicht vor. Aus der Anatomie und aus der allgemeinen Erfahrung mit druckbasierten Hilfsmitteln ergeben sich jedoch nachvollziehbare Risiken:
Kurzfristig möglich: Hämatome und Prellungen der Bauchdecke, Hautabschürfungen und Druckstellen bei wiederholter Anwendung, schmerzhafte Kompression der Weichteile.
Bei dauerhaftem Einsatz denkbar: Verspannungen der Rücken- und Bauchmuskulatur, Fehlbelastungen des Bewegungsapparates durch eine veränderte Gangart, mit der der Hund dem Druck ausweicht, sowie Folgeprobleme aus dieser Schonhaltung.
Diese Punkte sind als Risiken zu verstehen, nicht als zwangsläufige Folgen. Für die Bewertung reicht das aber aus: Ein Hilfsmittel, dessen Wirkprinzip Schmerz oder deutliches Unbehagen ist, muss sich daran messen lassen, dass es tierschutzgerechte Alternativen gibt.
Auswirkungen auf Verhalten
Hunde lernen mit dieser Methode nicht, sich am Menschen zu orientieren, sondern den Druck zu vermeiden. Typisch sind eine geduckte Körperhaltung mit gesenktem Kopf, plötzliches Anhalten oder Zurückweichen, Stressanzeichen wie Hecheln, Zittern und Lefzenlecken, erhöhte Reaktivität gegenüber Umweltreizen sowie – bei anhaltender Überforderung – aggressives Abwehrverhalten.
Langfristig kann das Vertrauen leiden: Der Hund verknüpft Leine und oft auch den Menschen mit unangenehmen, für ihn nicht vorhersehbaren Reizen.
Aus der Praxis: Rüde Nando wurde mit Lendenleine vorgestellt, weil er „damit endlich ordentlich läuft". Tatsächlich lief er auffällig langsam, mit gesenkter Rute und ständigem Blick zurück. Ohne die Leine kehrte das Ziehen sofort zurück. Gelernt hatte er nicht, an lockerer Leine zu gehen, sondern in Deckung zu bleiben.
Die Achselleine
Funktionsweise
Bei der Achselleine wird die Leine unter den Vorderbeinen hindurchgeführt und auf dem Rücken gekreuzt. Bei Zug entsteht Druck in den Achselhöhlen.
Warum die Achsel besonders heikel ist
Die Achselregion ist anatomisch komplex: Hier verläuft der Plexus brachialis, das Nervengeflecht zur Versorgung der Vorderläufe. Dazu kommen Lymphknoten, größere Blutgefäße sowie Sehnen und Muskeln des Schultergürtels. Die Haut ist an dieser Stelle dünn und wenig geschützt.
Mögliche gesundheitliche Folgen
Kurzfristig möglich: Schürfungen und Hautreizungen durch Scheuern, Hämatome durch punktuellen Druck, Schmerzen bei Bewegung der Vorderläufe. Bei starkem Druck auf Nervenstrukturen sind vorübergehende Ausfallerscheinungen nicht auszuschließen.
Bei dauerhaftem Einsatz denkbar: Reizung der Sehnen und Sehnenscheiden, Bewegungseinschränkung im Schultergelenk durch Schonhaltung sowie Fehlhaltungen mit Auswirkungen auf die gesamte Statik.
Auch hier gilt: Das sind plausible Risiken auf Basis der Anatomie, keine belegten Häufigkeiten.
Folgen für Verhalten und Beziehung
Wie bei der Lendenleine basiert die Wirkung auf unangenehmen Reizen. Möglich sind Misstrauen gegenüber dem Menschen, Stresssymptome, Meideverhalten gegenüber dem Spaziergang selbst und aggressives Verhalten aus Überforderung.
Warum diese Methoden scheinbar funktionieren
Manche Halter berichten, der Hund laufe mit Lenden- oder Achselleine „plötzlich viel besser". Der Grund ist kein Lernfortschritt, sondern Schmerzvermeidung.
Negative Verstärkung
Lerntheoretisch handelt es sich um negative Verstärkung: Ein unangenehmer Reiz endet oder bleibt aus, wenn der Hund ein bestimmtes Verhalten zeigt. Der Hund lernt also durchaus etwas – nur nicht, was gemeint war. Er lernt: Wenn ich ziehe, wird es unangenehm.
Die eigentliche Ursache – Aufregung, fehlende Orientierung, mangelnde Impulskontrolle – bleibt unbearbeitet. Das Verhalten ist unterdrückt, solange der aversive Reiz präsent ist. Nimmt man das Hilfsmittel ab, kehrt das Ziehen in aller Regel zurück. Mehr zu diesen Mechanismen in unserem Beitrag zur modernen Lerntheorie in der Hundeerziehung.
Erlernte Hilflosigkeit
In manchen Fällen kann erlernte Hilflosigkeit entstehen: Der Hund erlebt wiederholt unangenehme Reize, denen er nicht entkommen kann, und stellt sein Verhalten irgendwann weitgehend ein.
Beschrieben wurde das Phänomen von Seligman und Maier (1967) – und zwar in Versuchen an Hunden. Tiere, die zuvor unentrinnbaren Reizen ausgesetzt waren, unternahmen später auch dann keinen Fluchtversuch mehr, wenn Entkommen ohne Weiteres möglich gewesen wäre.
Wichtig ist allerdings, wie die Forschung das heute erklärt. Die ursprüngliche Deutung lautete, der Hund habe gelernt, dass sein Verhalten nichts bewirkt. Fünfzig Jahre später haben Maier und Seligman (2016) genau diese Erklärung revidiert: Nach heutigem Kenntnisstand wird die Passivität nicht gelernt, sondern ist die ungelernte Standardreaktion auf anhaltende, unkontrollierbare Belastung. Gelernt wird das Gegenteil – nämlich Kontrolle: Erfährt ein Tier, dass sein Verhalten etwas bewirkt, unterdrückt das die Passivitätsreaktion.
Für die Praxis ist diese Umkehrung bedeutsamer, als sie klingt. Sie heißt: Ein Hund, dem über längere Zeit die Möglichkeit genommen wird, auf unangenehme Reize einzuwirken, muss nichts „lernen", um zu resignieren – das ist der Ausgangszustand. Was aktiv aufgebaut werden muss, ist die Erfahrung von Wirksamkeit. Genau das leisten Hilfsmittel wie Lenden- und Achselleinen nicht: Der Hund kann dem Druck nicht durch eigenes Verstehen entgehen, sondern nur durch Zurückhaltung.
Und noch etwas gehört dazu: Resignation sieht von außen aus wie Ruhe oder Gehorsam. Ein Hund, der plötzlich „endlich ganz brav" wirkt, kann in Wahrheit aufgegeben haben. Ausführlich behandeln wir das – einschließlich der schwierigen Abgrenzung zu Angst, Freeze und Shutdown – in unserem Beitrag Erlernte Hilflosigkeit beim Hund.
Anmerkung: Die Originalversuche arbeiteten mit Elektroschocks und wären nach heutigen Tierschutzstandards nicht mehr zulässig. Sie werden hier ausschließlich zur historischen Einordnung des Phänomens genannt.
Warum aversive Methoden langfristig schaden, vertiefen wir in unserem Beitrag Deshalb sollte nicht mit Strafe in der Hundeerziehung gearbeitet werden.
Aus der Praxis: Hündin Kiba galt nach mehreren Wochen Achselleinen-Training als „endlich entspannt". Im Termin fiel auf, dass sie kaum noch Verhalten zeigte: kein Schnüffeln, kein Umsehen, keine Ansprechbarkeit auf Futter. Was als Erfolg gedeutet worden war, war ein deutlich heruntergefahrener Hund. Es dauerte Monate, bis Kiba draußen wieder Interesse zeigte.
Tierschutzrechtliche Einordnung
Drei Regelungen sind hier relevant.
§ 1 Satz 2 TierSchG enthält den Grundsatz: Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Da tierschutzgerechte Alternativen zur Verfügung stehen, lässt sich ein Hilfsmittel, das gezielt über Schmerz oder erheblichen Druck wirkt, kaum mit einem vernünftigen Grund rechtfertigen.
§ 3 Satz 1 Nr. 5 TierSchG ist die trainingsspezifische Norm. Verboten ist danach, ein Tier auszubilden oder zu trainieren, sofern damit erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind. Verstöße gegen § 3 Satz 1 können nach § 18 TierSchG als Ordnungswidrigkeit geahndet werden.
§ 2 Abs. 5 der Tierschutz-Hundeverordnung ist seit 2022 in Kraft und am unmittelbarsten einschlägig: Es ist verboten, bei der Ausbildung, bei der Erziehung oder beim Training von Hunden Stachelhalsbänder oder andere für die Hunde schmerzhafte Mittel zu verwenden. Diese Formulierung ist ausdrücklich offen und nicht auf Halsungen beschränkt.
Was im Einzelfall als „schmerzhaftes Mittel" gilt, ist ein unbestimmter Rechtsbegriff und wird nach Bauart, Sitz und Einwirkung beurteilt. Für die Praxis lässt sich festhalten: Je deutlicher ein Hilfsmittel über Schmerz oder Unbehagen wirkt, desto eher fällt es in den Anwendungsbereich dieser Vorschriften.
Verantwortung von Hundetrainern
Wer gewerbsmäßig Hunde für Dritte ausbildet oder Halter anleitet, benötigt eine Erlaubnis nach § 11 Abs. 1 Nr. 8 lit. f TierSchG, die vom zuständigen Veterinäramt erteilt wird. Der Einsatz von Hilfsmitteln, die über Schmerz wirken, ist mit einer fachgerechten, tierschutzkonformen Ausbildung nicht vereinbar – und kann behördlich überprüft werden.
Dieser Abschnitt ist eine allgemeine Einordnung und keine Rechtsberatung. Bei konkreten Fragen ist das für dich zuständige Veterinäramt die richtige Anlaufstelle.
Die bessere Alternative: Leinenführigkeit tierschutzgerecht trainieren
Leinenführigkeit lässt sich ohne Druck und Schmerz zuverlässig aufbauen.
Lockere Leine belohnen. Jeder Moment mit durchhängender Leine wird bestätigt – anfangs auch nur für wenige Schritte. Ein Markersignal hilft beim präzisen Timing.
Richtungswechsel statt Korrektur. Zieht der Hund, änderst du die Richtung, statt einzuwirken.
Blickkontakt und Orientierung aufbauen. Belohne den Blick zu dir, besonders bevor es spannend wird.
Impulskontrolle üben. Kurzes Warten an Türen, vor der Straße oder beim Aussteigen stärkt die Selbstregulation.
Passende Ausrüstung. Ein gut sitzendes Y-Geschirr ohne Zugmechanik lässt die Schulter frei und schränkt die Bewegung nicht ein. Warum Geschirre mit Zugwirkung dieselben Probleme erzeugen wie die hier beschriebenen Leinenführungen, liest du unter Gefahren von Erziehungsgeschirren mit Zugwirkung.
Rechne dabei damit, dass das Ziehen anfangs vorübergehend zunimmt, wenn es plötzlich nicht mehr zum Ziel führt – das ist ein normaler Zwischenschritt und kein Zeichen dafür, dass es nicht funktioniert.
Schritt | Ziel | Methode |
1 | Lockere Leine lohnt sich | Belohnung bei durchhängender Leine, auch nur für wenige Schritte |
2 | Umkehren statt ziehen | Richtungswechsel bei Zug, Belohnung beim Folgen |
3 | Orientierung wird zur Gewohnheit | Belohnung für Blickkontakt, besonders vor Reizen |
4 | Übertragung in den Alltag | reizarm beginnen, Ablenkung schrittweise steigern |
Praktische Anleitungen findest du in unserem Beitrag Leinenführigkeit beim Hund lernen.
Fazit
Lendenleinen und Achselleinen wirken nicht durch Training, sondern durch Druck und Schmerz. Sie können gesundheitliche Risiken bergen, das Verhalten ungünstig beeinflussen, die Beziehung belasten – und sie sind tierschutzrechtlich einschlägig geregelt.
Der Aufwand, den man mit ihnen scheinbar spart, fällt später doppelt an: Das Ziehen ist nicht bearbeitet, sondern nur überdeckt, und zusätzlich muss oft erst wieder Vertrauen aufgebaut werden.
Moderne Hundeerziehung setzt stattdessen auf Vertrauen, klare Kommunikation, positive Verstärkung und Verständnis für die Bedürfnisse des Hundes. Wie du diese Basis aufbaust, liest du unter Bindung zum Hund stärken.
Wenn du Hundeverhalten nicht nur verstehen, sondern professionell damit arbeiten möchtest, findest du in unserer Hundetrainerausbildung eine praxisnahe Weiterbildung auf genau diesen Grundlagen.
Quellen
Maier, S. F., & Seligman, M. E. P. (2016). Learned helplessness at fifty: Insights from neuroscience. Psychological Review, 123(4), 349–367. https://doi.org/10.1037/rev0000033
Seligman, M. E. P., & Maier, S. F. (1967). Failure to escape traumatic shock. Journal of Experimental Psychology, 74(1), 1–9. https://doi.org/10.1037/h0024514
Overmier, J. B., & Seligman, M. E. P. (1967). Effects of inescapable shock on subsequent escape and avoidance learning. Journal of Comparative and Physiological Psychology, 63, 28–33.
Vieira de Castro, A. C., Fuchs, D., Morello, G. M., Pastur, S., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLOS ONE, 15(12), Artikel e0225023. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225023
Rechtsgrundlagen
Tierschutzgesetz (TierSchG), § 1 Satz 2, § 3 Satz 1 Nr. 5, § 11 Abs. 1 Nr. 8 lit. f, § 18.
Tierschutz-Hundeverordnung (TierSchHuV), § 2 Abs. 5.

.png)


