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Lendenleinen und Achselleinen beim Hund – Warum diese Methoden gefährlich und tierschutzwidrig sind

  • Autorenbild: Hundeschule unterHUNDs
    Hundeschule unterHUNDs
  • 14. Okt. 2023
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. März

In der Hundeerziehung existieren zahlreiche Methoden, um Probleme wie starkes Ziehen an der Leine zu lösen. Während moderne Trainingsansätze auf Lerntheorie, Beziehung und positive Verstärkung setzen, greifen manche Methoden noch immer auf Druck, Schmerz oder körperliche Einschränkung zurück.

Zu diesen problematischen Techniken gehören vor allem Lendenleinen und Achselleinen. Beide Methoden wirken über unangenehmen Druck auf empfindliche Körperbereiche des Hundes. Sie werden teilweise noch von unqualifizierten Trainern empfohlen, obwohl sie mit erheblichen gesundheitlichen Risiken und negativen Auswirkungen auf das Verhalten des Hundes verbunden sein können.

Aus verhaltensbiologischer, medizinischer und tierschutzrechtlicher Sicht gelten diese Methoden heute als veraltet, riskant und nicht tierschutzkonform.

Hund mit Lendenleine – Beispiel für problematische und potenziell schmerzhafte Leinenführung beim Hundetraining

Was sind Lendenleinen und Achselleinen?

Lendenleinen und Achselleinen sind spezielle Leinenführungen, bei denen der Hund über körperlichen Druck auf empfindliche Regionen kontrolliert werden soll.

Statt dem Hund Orientierung zu geben oder erwünschtes Verhalten aufzubauen, wird versucht, das Ziehen an der Leine durch unangenehme körperliche Reize zu unterdrücken. Die scheinbare Wirkung entsteht dabei nicht durch echtes Lernen, sondern durch Vermeidungsverhalten – der Hund vermeidet den Schmerz, ohne zu verstehen, welches Verhalten eigentlich erwünscht ist.

Die Lendenleine – Druck auf einen hochsensiblen Körperbereich

Funktionsweise

Bei der sogenannten Lendenleine wird die Leine um den Bauch des Hundes geführt, knapp vor den Hinterbeinen, und oft über den Rücken oder durch ein Geschirr geführt. Wenn der Hund nach vorne zieht, entsteht Druck auf die Lenden- und Bauchregion – eine der empfindlichsten Körperzonen des Hundes.

Diese Methode wird häufig eingesetzt, wenn herkömmliche Halsbänder oder Geschirre angeblich „nicht funktionieren“ oder wenn Halter Schwierigkeiten haben, einen kräftigen Hund zu kontrollieren. Tatsächlich wird jedoch nicht das Verhalten trainiert – vielmehr wird unangenehmer Druck als Kontrollmittel genutzt.

Anatomische Grundlagen: Warum die Lendenregion so empfindlich ist

Die Lendenregion (Lendenwirbelsäule und angrenzende Bauchregion) ist anatomisch äußerst sensibel:

  • In diesem Bereich liegen lebenswichtige Organe: Nieren, Harnblase, Teile des Darms, bei Hündinnen auch die Gebärmutter

  • Es verlaufen wichtige Nervenstränge, die die Hinterhand versorgen

  • Die Bauchmuskulatur und die tiefen Rückenmuskeln sind hier eng miteinander verbunden

Druck oder Zug in dieser Region wirkt nicht nur oberflächlich, sondern kann auf innere Strukturen einwirken.

Gesundheitsrisiken im Detail

Akute Verletzungen:

  • Quetschungen innerer Organe – insbesondere Nieren und Blase können durch starken Zug komprimiert werden

  • Hämatome (Blutergüsse) durch Druck auf Weichteile

  • Hautabschürfungen und Druckstellen bei regelmäßiger Anwendung

  • Prellungen der Bauchdecke

Langfristige Schäden:

  • Verspannungen der Rücken- und Bauchmuskulatur mit chronischen Rückenschmerzen

  • Fehlbelastungen des Bewegungsapparates – der Hund verändert seine natürliche Gangart, um den Druck zu vermeiden

  • Narbenbildung im Bindegewebe durch wiederholte Mikroverletzungen

  • Mögliche Beeinträchtigung der Nierenfunktion bei sehr starker, wiederholter Kompression

Auswirkungen auf Verhalten und Psyche

Hunde lernen bei dieser Methode nicht, sich am Menschen zu orientieren. Stattdessen versuchen sie lediglich, den unangenehmen Druck zu vermeiden.

Typische Verhaltensreaktionen können sein:

  • geduckte Körperhaltung – der Hund läuft mit gesenktem Kopf und eingezogenem Rücken

  • Zurückweichen oder plötzliches Anhalten – als Reaktion auf den Druck

  • erhöhte Nervosität oder Stressreaktionen – Hecheln, Zittern, häufiges Lecken der Lefzen

  • erhöhte Reaktivität gegenüber Umweltreizen – der Hund ist ständig in Alarmbereitschaft

  • aggressives Verhalten – aus Verzweiflung oder als Abwehrreaktion

Langfristig kann das Vertrauen zwischen Hund und Halter deutlich leiden. Der Hund assoziiert die Leine und oft auch den Menschen mit unangenehmen, nicht vorhersehbaren Reizen.

Die Achselleine – Druck in einer besonders empfindlichen Zone

Funktionsweise

Bei der Achselleine wird die Leine unter den Vorderbeinen des Hundes hindurchgeführt und auf dem Rücken gekreuzt. Dadurch entsteht Druck in den Achselhöhlen des Hundes.

Dieser Bereich ist besonders sensibel, da dort viele Nervenbahnen, Muskeln, Sehnen und Lymphknoten verlaufen. Der Druck wirkt unmittelbar auf die Schultergelenkbeweglichkeit und die sensible Achselhaut.

Anatomische Grundlagen: Was im Achselbereich verläuft

Die Achselregion (Axilla) ist eine anatomisch komplexe Zone:

  • Plexus brachialis – das Nervengeflecht, das die gesamte Vorderlaufmuskulatur versorgt

  • Lymphknoten – wichtige Filterstationen des Immunsystems

  • große Blutgefäße – Arterien und Venen für die Vorderläufe

  • Sehnen und Muskeln des Schultergürtels

Druck auf diese Region kann weitreichende Folgen haben.

Medizinische Risiken im Detail

Akute Schäden:

  • Schürfungen und Hautreizungen durch Scheuern

  • Hämatome im Achselbereich durch punktuellen Druck

  • Druck auf Nervenstränge – kann zu vorübergehenden Lähmungserscheinungen oder Taubheitsgefühlen führen

  • Schmerzen beim Bewegen der Vorderläufe

Langfristige Schäden:

  • Chronische Reizung der Lymphknoten mit möglicher Schwellung

  • Entzündungen der Sehnenscheiden durch wiederholte mechanische Reizung

  • Bewegungseinschränkungen im Schultergelenk durch Schonhaltung

  • Fehlhaltungen mit langfristigen Auswirkungen auf die gesamte Statik des Hundes

  • Schädigung der Gelenkknorpel durch veränderte Biomechanik

Folgen für Verhalten und Beziehung

Auch bei dieser Methode basiert die Wirkung nicht auf Training, sondern auf unangenehmen Reizen.

Der Hund lernt nicht, sich ruhig an der Leine zu bewegen, sondern versucht lediglich, den Schmerz zu vermeiden. Das kann langfristig zu Problemen führen wie:

  • Misstrauen gegenüber dem Halter – der Hund weiß nicht, wann der nächste Schmerz kommt

  • Stresssymptome wie Hecheln, Zittern, übermäßiges Speicheln

  • Meideverhalten gegenüber bestimmten Situationen – Spaziergänge werden zur Belastung

  • aggressives Verhalten durch Überforderung – wenn der Hund keine andere Möglichkeit sieht

Warum diese Methoden scheinbar funktionieren – Die lerntheoretische Einordnung

Manche Halter berichten, dass der Hund mit einer Lenden- oder Achselleine „plötzlich besser läuft“. Auf den ersten Blick scheint das Training also zu funktionieren.

Der Grund dafür ist jedoch kein echter Lernprozess, sondern Schmerzvermeidung.

Negative Verstärkung – aber nicht im Sinne von Lernen

In der Lerntheorie spricht man von negativer Verstärkung: Ein unangenehmer Reiz wird beendet oder vermieden, wenn der Hund ein bestimmtes Verhalten zeigt. Hier zieht der Hund nicht mehr, weil er gelernt hat, dass Ziehen Schmerz auslöst.

Der Hund lernt lediglich: „Wenn ich ziehe, entsteht Schmerz oder Druck.“

Um diesen unangenehmen Reiz zu vermeiden, reduziert er sein Verhalten. Das eigentliche Problem – etwa Aufregung, fehlende Orientierung oder mangelnde Impulskontrolle – wird dadurch nicht gelöst. Es wird nur unterdrückt, solange der aversive Reiz präsent ist.

Erlernte Hilflosigkeit

In manchen Fällen kann sogar sogenannte erlernte Hilflosigkeit entstehen. Dieses Phänomen wurde in der Verhaltensforschung erstmals von Seligman (1967) beschrieben.

Dabei erlebt der Hund wiederholt unangenehme oder schmerzhafte Reize, denen er nicht entkommen kann. Irgendwann gibt er auf und zeigt kaum noch Verhalten – ein Zustand der Resignation.

Nach außen wirkt das oft wie Ruhe oder „Gehorsam“. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen Zustand von innerem Stress, Hilflosigkeit und Kontrollverlust. Der Hund hat gelernt, dass sein Verhalten keine positive Veränderung bewirken kann – ein Zustand, der nachweislich mit chronischem Stress und erhöhter Anfälligkeit für Angststörungen verbunden ist.

Warum aversive Methoden wie diese dem Hund langfristig schaden, erfährst du hier: Deshalb sollte nicht mit Strafe in der Hundeerziehung gearbeitet werden

Tierschutzrechtliche Einordnung

Nach dem deutschen Tierschutzgesetz (TierSchG) ist der Einsatz solcher Hilfsmittel klar problematisch.

§ 1 TierSchG – Grundsatz

„Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“

Der Einsatz von Lenden- oder Achselleinen, der gezielt über Schmerz oder erheblichen Druck wirkt, stellt einen Eingriff dar, der nicht durch einen vernünftigen Grund gerechtfertigt werden kann, da es tierschutzgerechte Alternativen gibt.

§ 3 TierSchG – Verbot von Qualzüchtungen und schmerzhaften Hilfsmitteln

„Es ist verboten, einem Tier […] ein Hilfsmittel anzulegen, das ihm Schmerzen oder erhebliche Leiden bereitet.“

Lenden- und Achselleinen fallen unter diese Kategorie, da sie darauf ausgelegt sind, über Druck und Schmerz zu wirken.

Verantwortung von Hundetrainern

Wer nach § 11 TierSchG gewerblich Hunde trainiert, muss tierschutzgerechte Methoden anwenden. Der Einsatz von Hilfsmitteln, die Schmerzen verursachen oder gesundheitliche Schäden riskieren, kann nicht mit einer fachgerechten Hundeausbildung vereinbar sein.

Viele Fachverbände sowie Veterinärbehörden lehnen solche Methoden ausdrücklich ab. In einigen Bundesländern wurden bereits behördliche Regelungen erlassen, die den Einsatz schmerzbasierter Hilfsmittel in der Hundeerziehung untersagen oder streng regulieren.

Die bessere Alternative: Leinenführigkeit tierschutzgerecht trainieren

Leinenführigkeit lässt sich auch ohne Druck oder Schmerz zuverlässig trainieren. Moderne Trainingsmethoden setzen darauf, dem Hund Orientierung, Motivation und klare Kommunikation zu vermitteln.

Grundprinzipien des modernen Leinentrainings

  1. Belohnung der lockeren LeineJedes Mal, wenn der Hund an der lockeren Leine läuft, gibt es eine Belohnung – ein Leckerli, ein Spielzeug oder verbale Bestätigung.

  2. Richtungswechsel bei ZugStatt den Hund durch Schmerz zu korrigieren, ändert der Halter einfach die Richtung. Der Hund lernt: „Wenn ich nicht aufpasse, weiß ich nicht, wo es langgeht.“

  3. Aufbau von Blickkontakt und AufmerksamkeitÜbungen, bei denen der Hund lernt, regelmäßig zum Menschen zu schauen, fördern die Orientierung.

  4. ImpulskontrolleÜbungen wie „Warte“ vor dem Überschreiten von Straßen oder beim Aussteigen aus dem Auto stärken die Selbstregulation.

  5. Richtige AusrüstungEin gut sitzendes, anatomisch geformtes Geschirr, das die Bewegung nicht einschränkt, ist die Grundlage für stressfreies Leinentraining.

Wie moderne Lerntheorie konkret im Training umgesetzt wird, erfährst du hier: Moderne Lerntheorie in der Hundeerziehung

Beispielhafter Trainingsaufbau

Schritt

Ziel

Methode

1

Hund lernt, dass lockere Leine sich lohnt

Belohnung bei lockerer Leine, auch nur für wenige Schritte

2

Hund lernt, bei Zug umzukehren

Richtungswechsel bei Zug, Belohnung beim Folgen

3

Hund sucht regelmäßig Blickkontakt

Belohnung für Blick zum Menschen, besonders vor spannenden Situationen

4

Hund läuft ruhig an verschiedenen Orten

Training schrittweise in reizärmeren Umgebungen beginnen, dann steigern

Durch solche Trainingsansätze lernt der Hund aktiv, sich am Menschen zu orientieren und ruhig zu laufen. Gleichzeitig wird die Beziehung zwischen Hund und Halter gestärkt – statt belastet.

Praktische Tipps für ein stressfreies Leinentraining findest du hier: Leinenführigkeit beim Hund lernen – Schritt für Schritt zur entspannten Leine

Fazit: Lendenleinen und Achselleinen sind gefährlich und überholt

Lendenleinen und Achselleinen wirken nicht durch Training, sondern durch unangenehmen Druck oder Schmerz. Sie können:

  • gesundheitliche Schäden verursachen – von Hautreizungen bis zu inneren Verletzungen

  • das Verhalten des Hundes negativ beeinflussen – Stress, Angst, Aggression oder erlernte Hilflosigkeit

  • die Beziehung zwischen Mensch und Hund nachhaltig belasten

  • aus tierschutzrechtlicher Sicht problematisch sein


Eine moderne Hundeerziehung basiert stattdessen auf:

  • Vertrauen – als Grundlage jeder Mensch-Hund-Beziehung

  • klarer Kommunikation – der Hund versteht, was er tun soll

  • positiver Verstärkung – erwünschtes Verhalten wird belohnt

  • Verständnis für die Bedürfnisse des Hundes – statt Unterdrückung von Verhalten

Wie du eine vertrauensvolle Bindung zu deinem Hund aufbaust und warum sie die Grundlage für erfolgreiches Training ist, erfährst du hier: Bindung zum Hund stärken

Hunde lernen am besten durch Kooperation und Motivation – nicht durch Schmerz oder Zwang. Wer seinem Hund ein stressfreies und respektvolles Training ermöglicht, legt den Grundstein für ein entspanntes Miteinander – auch an der Leine.


Mehr Wissen rund um moderne Hundeerziehung

Dieser Artikel ist Teil unserer Beiträge rund um tierschutzgerechtes Hundetraining, moderne Lerntheorie und alltagstaugliche Erziehung.

Wenn du dich tiefer mit diesen Themen beschäftigen möchtest, findest du hier weitere Inhalte:

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Häufige Fragen zu Lendenleinen und Achselleinen beim Hund


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