Was macht einen guten Tierarzt aus?
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 30. Sept. 2023
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Juli
Das Wichtigste zuerst: Vier Dinge solltest du wissen. Erstens: „Ruhig und geduldig" ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein erlernbares Verfahren – stressarmes Handling ist ein eigenes Fachgebiet mit Zertifizierung. Zweitens: Der Bedarf ist real. In einer Untersuchung zeigten mehr als drei Viertel der klinisch gesunden Hunde in der untersuchten Stichprobe Angst auf dem Untersuchungstisch, und 13 Prozent mussten in die Praxis gezerrt oder getragen werden. Drittens: Angst beim Tierarzt ist nicht nur unangenehm, sie lernt sich – und macht spätere Besuche schwerer. Und viertens: Ein erheblicher Teil liegt bei dir, nicht beim Tierarzt.
Dieser Artikel geht durch, woran du eine gute Praxis erkennst, welche Qualifikationen sich überprüfen lassen – und was du selbst dazu beitragen kannst.

Der Punkt, der oft fehlt: stressarmes Handling
Fast jeder Ratgeber schreibt, ein guter Tierarzt sei „ruhig und geduldig". Das stimmt, ist aber zu weich formuliert – als ginge es um Temperament. Tatsächlich gibt es dafür ein Fachgebiet mit Prinzipien, Ausbildung und Zertifikaten.
Warum das nötig ist, zeigen die Zahlen. Nach einer Darstellung der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte zeigten in der untersuchten Stichprobe über drei Viertel der klinisch gesunden Hunde Angst auf dem Untersuchungstisch. Weniger als die Hälfte betrat die Praxis ruhig. 13 Prozent mussten hineingezerrt oder getragen werden. Bei Katzen verbindet rund ein Drittel den Transportkorb schon nach einem einzigen Besuch dauerhaft mit etwas Negativem.
Und es bleibt nicht folgenlos. In der Verhaltenstherapie spricht man von iatrogener Verhaltensschädigung – einem Verhaltensschaden, der durch die Behandlung selbst entsteht. Der Begriff ist nicht jeder Praxis geläufig; das Phänomen dahinter kennt fast jede. Ein Hund, der in Angst festgehalten wird und die Kontrolle verliert, lernt daraus. Beim nächsten Mal beginnt die Angst früher, auf dem Parkplatz statt im Behandlungsraum. Und die Eskalation ist vorhersehbar: erst Erstarren, dann Fluchtversuche, dann defensive Aggression – und wenn Angst in Wut umschlägt, offensive Aggression.
Das ist nicht nur ein Tierschutzproblem. Es ist auch der Grund, warum manche Hunde irgendwann gar nicht mehr untersucht werden können.
Die Prinzipien, an denen du eine solche Praxis erkennst:
Der Fokus liegt auf dem Patienten, nicht auf dem Ablauf. Der emotionale Zustand wird laufend beurteilt und das Vorgehen daran angepasst.
Rücksichtsvolle Annäherung statt direktem Zugriff.
Minimale Fixation. Je weniger festgehalten wird, desto weniger Kontrollverlust – und desto weniger Abwehr.
Priorisierung: Was muss heute wirklich sein, worauf kann verzichtet oder was kann verschoben werden?
Und wenn etwas unerlässlich, aber nicht durchführbar ist: Sedierung oder vorheriges Training statt Durchziehen.
Der letzte Punkt ist der aussagekräftigste. Eine Praxis, die bei einem panischen Hund lieber sediert oder einen neuen Termin macht, statt ihn zu dritt festzuhalten, hat verstanden, worum es geht.
Woran du es außerdem erkennst: getrennte oder entzerrte Wartebereiche, rutschfeste Unterlagen auf Tisch und Boden, Untersuchung auf dem Boden statt auf dem Tisch, wenn das geht, Leckerli als selbstverständlicher Teil des Ablaufs, und die Bereitschaft, dir zu erklären, was gerade passiert.
Es gibt Zertifizierungen dafür – etwa als Fear-Free-zertifizierte Praxis oder, speziell für Katzen, als Cat Friendly Clinic. Auch in Deutschland gibt es zertifizierte Praxen. Ein fehlendes Zertifikat heißt nicht, dass eine Praxis schlecht arbeitet – aber ein vorhandenes ist ein Anhaltspunkt.
Was du selbst beitragen kannst
Der Teil, der in Tierarzt-Ratgebern nie steht – obwohl er die Hälfte ausmacht.
Medical Training. Handling lässt sich üben wie jedes andere Verhalten: Pfoten anfassen, ins Maul schauen, Ohren kontrollieren, sich abtasten lassen, still stehen bleiben. In kleinen Schritten, freiwillig, mit Belohnung. Ein Hund, der das kennt, erlebt die Untersuchung als Variante von etwas Bekanntem statt als Überfall.
Kooperationssignale. Fortgeschritten, aber wirkungsvoll: Der Hund lernt ein Signal, mit dem er mitteilt, dass es weitergehen darf – Kinn in die Hand legen, Pfote auf ein Target. Und er lernt, dass die Behandlung pausiert, wenn er das Signal aufgibt. Das gibt ihm Kontrolle zurück, und genau der Kontrollverlust ist das Problem.
Besuche ohne Behandlung. Kurz vorbeikommen, Leckerli, wieder gehen. Viele Praxen machen das gern mit, wenn man vorher fragt.
Maulkorb vorher aufbauen. Nicht erst dann, wenn er gebraucht wird. Ein Maulkorb, der im Notfall zum ersten Mal aufgesetzt wird, verstärkt den Stress zusätzlich.
Und ganz praktisch: nüchtern anreisen, wenn möglich, damit Futter als Belohnung funktioniert. Lieblingsleckerli mitbringen. Randzeiten wählen, wenn dein Hund empfindlich ist. Und vorab am Telefon sagen, wenn er Angst hat – dann kann die Praxis planen.
Dazu passend: Maulkorbtraining und, wenn Angst ein größeres Thema ist, Angsthunde.
Qualifikation – was sich tatsächlich prüfen lässt
Approbation und Kammermitgliedschaft sind die Grundlage und bei jeder Praxis vorhanden. Interessanter sind die Zusatzqualifikationen, weil sie sich unterscheiden:
Fachtierarzt für Kleintiere – eine mehrjährige Weiterbildung mit Prüfung.
Zusatzbezeichnungen für einzelne Gebiete, etwa Verhaltenstherapie, Zahnheilkunde, Chirurgie, Augenheilkunde, Kardiologie oder Ernährungsberatung.
Diese Titel sind geschützt und werden von den Tierärztekammern vergeben. Wenn du eine Praxis für ein bestimmtes Problem suchst, lohnt der Blick darauf.
Zur Verhaltensmedizin im Besonderen: Nicht jede Praxis kann Verhaltensprobleme fachlich einordnen. Wenn dein Hund ein Verhaltensthema hat, bei dem eine körperliche Ursache im Raum steht, ist eine Praxis mit entsprechender Zusatzbezeichnung Gold wert.
Zur Abgrenzung der Zuständigkeiten: Hundetrainer oder Verhaltenstherapeut?
Kommunikation
Verständlich erklären. Diagnose, Behandlungsoptionen, Risiken, Alternativen – ohne Fachjargon und ohne Herablassung.
Zuhören. Deine Beobachtungen aus dem Alltag sind diagnostisch wertvoll. Eine Praxis, die nach Verhaltensveränderungen, Fressverhalten und Trinkmenge fragt, arbeitet gründlicher als eine, die nur untersucht.
Optionen nennen, nicht nur eine. Bei den meisten Befunden gibt es mehrere Wege, mit unterschiedlichem Aufwand und unterschiedlichen Kosten. Ein gutes Gespräch legt sie offen.
Kosten vorher ansprechen. Seit der Novelle der Gebührenordnung sind Tierarztrechnungen deutlich höher als früher. Eine Praxis, die bei planbaren Eingriffen von sich aus einen Kostenrahmen nennt, erspart beiden Seiten eine unangenehme Situation.
Wie Tierarztkosten zustande kommen: Hundekrankenversicherung oder OP-Versicherung?
Zweitmeinung. Bei schwerwiegenden Diagnosen oder aufwendigen Eingriffen ist eine zweite Einschätzung normal und legitim. Eine gute Praxis nimmt das nicht persönlich – manche bieten von sich aus an, Unterlagen weiterzugeben. Eine gekränkte Reaktion darauf sagt viel.
Organisation und Notfälle
Im Alltag: funktionierende Terminvergabe, verlässliche Rückrufe, sinnvolle Priorisierung von Notfällen, freundliches Personal – die Praxismitarbeitenden prägen den Besuch oft stärker als die zehn Minuten mit der Tierärztin.
Im Notfall solltest du vorher wissen: Gibt es einen eigenen Nacht- und Wochenenddienst, oder wird an eine Klinik verwiesen? Wie ist die Vertretung geregelt? Wo ist die nächste Klinik mit durchgehender Besetzung?
Kläre das, bevor du es brauchst. Und speichere die Nummern ein. Im Ernstfall ist Suchen die Zeit, die fehlt.
Ein Hinweis zur Ausstattung: Ultraschall, digitales Röntgen und Labordiagnostik vor Ort beschleunigen vieles. Eine kleinere Praxis ohne alles ist deshalb nicht schlechter – entscheidend ist, dass sie weiß, wann sie überweist, und es rechtzeitig tut.
Am Ende des Lebens
Hier zeigt sich am deutlichsten, was eine Praxis ausmacht.
Was gute Begleitung ausmacht: ehrliche Einschätzung der Prognose statt falscher Hoffnung, Erklärung dessen, was noch möglich ist und was nicht, Zeit für die Entscheidung – und keinen Druck in die eine oder andere Richtung.
Praktisch hilft es, früh zu fragen, bevor es dringend wird: Ist eine Einschläferung zu Hause möglich? Wie läuft das ab? Wie viel Zeit ist vorher und nachher? Solche Gespräche sind leichter zu führen, solange sie hypothetisch sind.
Und nach dem Abschied: Verständnis, Zeit, und auf Wunsch Informationen zu Bestattung oder Trauerbegleitung.
Zum Umgang mit dem letzten Lebensabschnitt: Wenn Hunde älter werden.
Wann ein Wechsel sinnvoll ist
Die meisten Ratgeber enden mit „wenn du dich wohlfühlst, ist es die richtige Praxis". Nützlicher sind die Gegenanzeichen:
Dein Hund wird bei jedem Besuch schlechter statt besser – und niemand geht darauf ein.
Fixieren als Standardlösung, auch dann, wenn es Alternativen gäbe.
Keine Erklärung, was gemacht wird und warum.
Nachfragen werden als Misstrauen gewertet, eine Zweitmeinung als Beleidigung.
Behandlung ohne vorherige Untersuchung – dieselbe Spritze für jedes Symptom.
Kosten werden erst auf der Rechnung sichtbar, obwohl der Eingriff planbar war.
Deine Beobachtungen werden abgetan. „Der ist eben alt" ist keine Diagnose.
Ein einzelner schlechter Termin ist noch kein Grund – auch in Praxen gibt es überlastete Tage. Ein Muster ist einer.
Fazit
Ein guter Tierarzt verbindet fachliche Kompetenz mit der Fähigkeit, mit Tieren so umzugehen, dass sie beim nächsten Mal wiederkommen können.
Die drei Dinge, die zählen:
Auf das Handling achten, nicht nur auf die Diagnostik. Wie mit deinem Hund umgegangen wird, entscheidet mit darüber, ob er in fünf Jahren noch untersuchbar ist.
Deinen Teil beitragen. Handling üben, Besuche ohne Behandlung, Maulkorb vorher aufbauen, Angst vorab ansprechen.
Vorher klären, nicht im Notfall. Notdienstregelung, Vertretung, nächste Klinik.
Und wenn dein Hund entspannt in die Praxis geht: Dann habt ihr beide etwas richtig gemacht.
Einordnung der Quellenlage
Die Zahlen zum Angstverhalten in der Tierarztpraxis sowie die Prinzipien des stressarmen Handlings und der Begriff der iatrogenen Verhaltensschädigung geben die Darstellung der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte wieder. Die dort zitierten Primärstudien wurden für diese Fassung nicht einzeln im Volltext ausgewertet; die genannten Anteile beziehen sich auf die jeweils untersuchten Stichproben und sind nicht als allgemeine Häufigkeiten zu lesen.
Angaben zu Zertifizierungen und Weiterbildungsbezeichnungen geben den Stand zum Redaktionszeitpunkt wieder. Welche Zusatzbezeichnungen vergeben werden, regeln die Weiterbildungsordnungen der jeweiligen Landestierärztekammer.
Hinweis: Dieser Beitrag ist eine Orientierungshilfe und keine Bewertung einzelner Praxen. Wir empfehlen keine bestimmten Tierärztinnen oder Tierärzte.
Häufige Fragen zu: Was macht einen guten Tierarzt aus
Blogbeitrag: Woran erkennt man einen guten Tierarzt

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