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Sind Hunde wirklich Rudeltiere? – Was moderne Verhaltensforschung heute weiß

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • 28. Nov. 2025
  • 13 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Juli

Das Wichtigste zuerst: „Hunde sind Rudeltiere" rechtfertigt bis heute manche Trainingsform, greift aber zu kurz. Verhaltensbiologisch ist ein Rudel eine geschlossene, individualisierte Gruppe; beim Wolf ist es vor allem ein Familienverband aus Elterntieren und Nachkommen – geführt von den Eltern, nicht durch Rangkämpfe. Haushunde leben dagegen in menschlich geprägten Strukturen, und selbst frei lebende Hunde bilden lockerere, weniger kooperative Gruppen als Wölfe.

Am überraschendsten ist der Befund, der dem gängigen Bild am deutlichsten widerspricht: Domestikation hat Hunde untereinander nicht kooperativer gemacht. In direkten Vergleichen kooperieren Wölfe mit Artgenossen deutlich besser. Verschoben hat sich nicht die Sozialität, sondern ihre Richtung – hin zum Menschen.

Hunde in lockerer Gruppe ohne feste Rudelstruktur – Beispiel für modernes Sozialverhalten von Haushunden

Was „Rudel" biologisch bedeutet

In der Verhaltensbiologie bezeichnet Rudel eine geschlossene, individualisierte Gruppe von Säugetieren: Die Mitglieder sind nicht beliebig austauschbar, sie kennen einander, und es besteht häufig eine funktionale Arbeitsteilung. Typische rudelbildende Arten sind Wölfe, Löwen und Tüpfelhyänen.

Beim Wolf ist das Rudel in aller Regel ein Familienverband: ein Elternpaar und dessen Nachkommen aus mehreren Jahren.

Genau hier hat die Forschung ein hartnäckiges Missverständnis korrigiert. Lange dominierte das Bild vom Alpha-Wolf, der sich seine Position erkämpft. Dieses Bild stammt aus Beobachtungen an künstlich zusammengesetzten Gefangenschaftsgruppen nicht verwandter Tiere – also aus einer Situation, die in der Natur nicht vorkommt.

In freier Wildbahn führt schlicht das Elternpaar, so wie Eltern eine Familie führen. David Mech, der den Alpha-Begriff selbst mitgeprägt hatte, sprach sich später ausdrücklich dafür aus, stattdessen von Elterntieren zu sprechen (Mech, 1999). Dass ein Forscher die eigene Begriffsprägung öffentlich zurücknimmt, ist selten genug, um es zu erwähnen.

Bis hierhin ist der Begriff Rudel also korrekt – für wild lebende Arten in natürlicher Umgebung. Die Rangkampf-Vorstellung dagegen ist überholt.

Leben Haushunde in Rudeln?

Der Haushund stammt von rudelbildenden Vorfahren ab, lebt heute aber in einer vom Menschen geschaffenen Umwelt, die mit natürlichen Rudelstrukturen wenig gemein hat. Die meisten Hunde leben als Einzelhund oder mit ein bis zwei weiteren Hunden zusammen, in Konstellationen, die sie nicht selbst gewählt haben, ohne natürliche Fortpflanzungs- und Familienstrukturen.

Interessanter ist der Blick auf die Hunde, die frei leben. Ein großer Anteil der weltweiten Hundepopulation lebt frei oder halb frei – der Haushund an der Leine ist nicht der Normalfall der Art, auch wenn er es hierzulande ist.

Auch sie bilden kein klassisches Wolfsrudel. Sie gelten als fakultativ sozial: Sie schließen sich zu Gruppen zusammen, diese sind aber lockerer, wechselhafter und weniger kooperativ als Wolfsfamilien. In einer Untersuchung an frei lebenden Hunden in Italien war die Führung zudem fluide – nicht ein Alpha, sondern mehrere Tiere übernahmen abwechselnd, je nach Situation (Bonanni et al., 2010).

Gemeinsames Jagen ist bei frei lebenden Hunden selten. Der Zugang zu menschlichen Nahrungsquellen verringert die Abhängigkeit von enger Kooperation mit Artgenossen erheblich – wer Abfall findet, braucht kein koordiniertes Jagdteam.

Gibt es dort eine Rangordnung? Ja – aber anders

Hier muss man genauer sein, als es die verbreitete Kurzfassung „Dominanz ist widerlegt" zulässt. Denn das stimmt so nicht.

In stabilen Gruppen frei lebender Hunde lassen sich durchaus lineare Rangordnungen beschreiben (Cafazzo et al., 2010). Wer das bestreitet, macht es sich zu einfach – und wird von jedem widerlegt, der die Arbeiten kennt.

Entscheidend ist, worauf diese Rangordnungen beruhen. Nicht auf gewonnenen Kämpfen. Die Autoren unterscheiden zwischen agonistischer Dominanz, formeller Dominanz und Wettbewerbsfähigkeit – und was sich am zuverlässigsten abbilden ließ, war die formelle Variante: Sie zeigt sich in Unterwerfungssignalen, die von den rangniedrigeren Tieren angeboten werden, nicht in Auseinandersetzungen, die die ranghöheren gewinnen. Rutenwedeln in tiefer Haltung, Körpersenken, Lecken zum Maul hin.

Auseinandersetzungen sind dabei selten. Und der beste Prädiktor für den Rang ist nicht Kampfkraft, sondern Alter.

Man kann es so zusammenfassen: Ein ranghoher Hund erkämpft sich seinen Status nicht – er bekommt ihn zugestanden. Für alle Beteiligten ist das die energiesparendere Lösung.

Damit fällt der Mythos an einer anderen Stelle, als meist behauptet wird. Nicht daran, dass es keine Rangordnung gäbe, sondern daran, dass sie nichts mit Unterwerfung durch Stärke zu tun hat – und dass sie zwischen Hunden entsteht, nicht zwischen Hund und Mensch.

Deshalb ist „Hunde sind Rudeltiere" in dieser Pauschalität ungenau. Näher an der Sache wäre: Hunde sind sozial anpassungsfähige Lebewesen mit einer hohen Fähigkeit zur Bindung – besonders an den Menschen.

Das größte Missverständnis: Domestikation macht sozialer

Hier lohnt der genaue Blick, weil populär oft das Gegenteil dessen behauptet wird, was die Forschung zeigt.

Die naheliegende Vermutung lautet: Hunde seien durch Domestikation untereinander verträglicher und kooperativer geworden. In direkten, fair aufgebauten Vergleichen ist es eher umgekehrt.

Das Seilzug-Experiment

Der aufschlussreichste Befund stammt aus einer Aufgabe, die Kooperation zwingend voraussetzt: Zwei Tiere müssen gleichzeitig an je einem Ende eines Seils ziehen. Zieht nur eines, rutscht das Seil heraus und die Aufgabe ist verloren.

Wölfe und Hunde wurden dafür vergleichbar aufgezogen und gehalten – eine Bedingung, ohne die solche Vergleiche wertlos wären (Marshall-Pescini et al., 2017).

Das Ergebnis war deutlich. Wölfe koordinierten ihr Ziehen und hatten Erfolg. Hunde zogen abwechselnd – und scheiterten. In der Folgeuntersuchung mit Zahlen: In der Spontanbedingung gelang fünf von sieben Wolfspaaren mindestens ein erfolgreicher Durchgang, aber nur einem von acht Hundepaaren, und dem nur ein einziges Mal. Nach gezieltem Training schafften drei von vier Wolfspaaren zwischen 14 und 92 Prozent der Durchgänge – bei den Hunden blieb es bei einem Paar mit einem einzigen Erfolg.

Und warum? Nicht Intelligenz, sondern Toleranz

Das ist der Teil, der in Zusammenfassungen fast immer fehlt, dabei ist er der interessanteste.

Die Hunde waren nicht weniger an der Aufgabe interessiert. Sie waren nicht zu dumm dafür. Sie scheiterten daran, dass sie einander auswichen: Ein Hund näherte sich dem Apparat, der andere zog sich zurück. Kaum jemals fassten beide gleichzeitig zu.

Dahinter steckt eine unterschiedliche Strategie im Umgang mit Konflikten. Hunde vermeiden potenzielle Konkurrenz um eine Ressource, indem sie einander Platz machen. Wölfe hantieren gleichzeitig am selben Objekt, ohne zu zögern – und genau das ermöglicht Koordination.


Für die Praxis ist das ein bemerkenswerter Gedanke: Was wie mangelnde Sozialkompetenz aussieht, ist in Wahrheit eine Form der Konfliktvermeidung. In dieser experimentellen Aufgabe verhielten sich Hunde einander gegenüber eher höflich als kooperativ.

Diese Einschränkung ist wichtig, denn sie heißt nicht, dass Hunde nie kooperieren. Frei lebende Hunde verteidigen ihr Gebiet durchaus gemeinsam gegen andere Gruppen, sie ruhen zusammen und stimmen ihre Bewegungen aufeinander ab. Was ihnen schwerfällt, ist etwas Spezifisches: gleichzeitig an derselben begrenzten Ressource zu hantieren. Genau das verlangte die Aufgabe.

Der ökologische Hintergrund

Die Autoren erklären den Unterschied über die Sozioökologie beider Arten – das steht sogar im Titel ihrer Arbeit –, und die Erklärung ist so einfach wie einleuchtend.

Wölfe leben von Großwild. Eine Beute, die größer ist als der Jäger, lässt sich nur gemeinsam erlegen, und sie muss anschließend gemeinsam bearbeitet werden. Beides erzwingt enge Koordination und eine erhebliche Toleranz dafür, dass mehrere Tiere gleichzeitig an derselben Ressource hantieren. Wer das nicht kann, frisst nicht.

Frei lebende Hunde besetzen dagegen überwiegend die ökologische Nische des Aasfressers – sie leben von menschlichem Abfall und von dem, was sie an Futterplätzen finden. Dort nützt Koordination nichts. Eine Ressource, die man allein bergen kann, teilt man nicht besser, indem man kooperiert. Was dort zählt, ist, Verletzungen aus dem Weg zu gehen: Abstand halten, Drohgebärden vermeiden, dem anderen Platz machen.

Unter solchen Bedingungen ist Ausweichen keine Schwäche, sondern die passende Strategie. Und genau die bringen Hunde mit, wenn man sie in eine Aufgabe stellt, die das Gegenteil verlangt.

Diese Deutung ist die der Autoren und passt zu allen bisherigen Befunden. Als Selektionsgeschichte ist sie plausibel, aber nicht direkt geprüft.

Was sich tatsächlich verschoben hat

Mit dem Menschen kooperieren beide Arten übrigens gut. Der Unterschied liegt woanders: Wölfe neigen dazu, die Interaktion zu initiieren und zu führen, Hunde eher dazu, zu folgen und sich am Menschen auszurichten.

Verschoben hat sich mit der Domestikation also nicht die Sozialität an sich, sondern ihre Richtung. Diese Fähigkeit baut auf dem sozialen Erbe des Wolfes auf und wurde zum Menschen hin umgelenkt (Range & Virányi, 2015).

Vergleichsstudien deuten außerdem darauf hin, dass Domestikation eher auf allgemeine Einstellungen gewirkt hat – Interesse am Menschen, Bereitschaft sich zu orientieren – als auf kognitive Überlegenheit. In der Impulskontrolle etwa unterscheiden sich Hunde und Wölfe kaum (Brucks et al., 2019; Lazzaroni et al., 2020).

Was die „Rudelführer"-Regeln daraus machen

Aus dem Rudelbild ist eine Reihe konkreter Alltagsregeln abgeleitet worden, die sich hartnäckig halten. Es lohnt, sie einzeln anzuschauen, weil jede auf derselben Fehlannahme beruht.

„Der Mensch geht zuerst durch die Tür." Die Annahme: Wer vorangeht, führt. Tatsächlich gibt es beim Wolf keine ranggebundene Türreihenfolge, und in der Untersuchung an frei lebenden Hunden übernahmen verschiedene Tiere abwechselnd die Führung. Was dein Hund an der Tür lernt, ist, was sich an der Tür bewährt hat – nicht, wer im Haus das Sagen hat.

„Der Mensch frisst zuerst." Bei Wölfen fressen Welpen häufig zuerst; die Elterntiere lassen sie an die Beute. Die Regel steht also nicht einmal in Einklang mit dem Vorbild, aus dem sie abgeleitet wurde.

„Der Hund darf nicht aufs Sofa." Kann sinnvoll sein – aus Gründen der Haushaltsordnung, wegen Ressourcenverteidigung, wegen Gelenken. Mit Rang hat es nichts zu tun. Ein Hund, der oben liegt, hält sich nicht für den Chef.

„Der Mensch muss sich durchsetzen." Diese Regel ist die schädlichste, weil sie Konfrontation als Werkzeug legitimiert. Was dabei entsteht, ist keine Führung, sondern Vermeidung.

Der gemeinsame Denkfehler: Alle diese Regeln setzen voraus, dass der Hund eine Rangordnung zwischen Arten errechnet und sein Verhalten danach ausrichtet. Was er tatsächlich tut, ist deutlich einfacher – er lernt, was in welcher Situation funktioniert.



Braucht ein Hund andere Hunde?

Die Antwort hängt vom einzelnen Hund ab. Manche genießen Kontakt zu Artgenossen und profitieren davon. Andere zeigen wenig Interesse oder reagieren unsicher, überfordert oder abwehrend – besonders, wenn Begegnungen nicht begleitet oder nicht positiv gestaltet sind.

Entscheidend ist nicht die Anzahl der Kontakte, sondern ihre Qualität und Passung.

Viele Problemverhalten entstehen nicht durch soziale Isolation, sondern durch das Gegenteil: zu viele unkontrollierte Kontakte, zu wenig Schutz durch den Menschen, Überforderung in zu großen, unstrukturierten Gruppen. Ein Hund, der regelmäßig unangenehme Erfahrungen mit Artgenossen macht, wird zunehmend unsicher oder abwehrend – auch wenn der Mensch es gut gemeint hat.

Ein Hund braucht nicht zwingend ein Rudel. Er braucht Beziehung, Sicherheit und Orientierung. Ein Mensch, der in Begegnungen Schutz und Struktur bietet, ist für viele Hunde bedeutsamer als die bloße Anwesenheit anderer Hunde.

Und im Mehrhundehaushalt?

Hier zahlt sich der Seilzug-Befund praktisch aus. Wenn Hunde einander gegenüber eher konfliktvermeidend als kooperativ sind, folgt daraus einiges für das Zusammenleben.

Ressourcen sind der häufigste Konfliktpunkt, nicht die Rangfrage. Getrennte Fressplätze, genügend Rückzugsorte und mehrere Liegeflächen entschärfen mehr als jede Rangordnungsarbeit.

Und: Ein neuer Hund fügt sich nicht automatisch in eine bestehende Ordnung ein. Was zwischen zwei Hunden entsteht, ist eine individuelle Beziehung, die sich über Zeit und Erfahrung bildet – und nicht immer in Freundschaft mündet. Verträglichkeit ist ein realistisches Ziel, Freundschaft nicht immer.

Gruppentraining: wann sinnvoll, wann nicht

Gruppentraining kann wertvoll sein – wenn es individuell angepasst, fachlich begleitet und sinnvoll aufgebaut ist. Entscheidend ist nicht die Zahl der Hunde, sondern eine bewusst gewählte Zusammensetzung, ruhige Hunde als Orientierung, klare räumliche Struktur, vorausschauendes Management und die Möglichkeit für Abstand, Rückzug und Pausen.

In einem solchen Rahmen lernen Hunde, in Anwesenheit anderer zur Ruhe zu kommen, sich trotz Ablenkung zu orientieren und Vertrauen in neue Situationen aufzubauen. Gerade unsichere Hunde können bei sorgfältiger Auswahl von souveränen Artgenossen profitieren – hier ist allerdings besonders erfahrene Begleitung nötig, weil die Balance schnell kippt.

Nicht geeignet ist Gruppentraining, wenn ein Hund unter starker Dauerangst steht, wenn keine Distanz- und Rückzugsmöglichkeiten bestehen, wenn die Gruppe unstrukturiert oder zu groß ist, wenn Konflikte nicht fachlich begleitet werden oder wenn der Hund dauerhaft über seiner Belastungsgrenze arbeitet.

In solchen Phasen ist Einzeltraining der bessere Weg, um zunächst Sicherheit und Stressregulation aufzubauen. Eine spätere behutsame Integration in eine Kleingruppe gelingt dann meist gut.

Gruppentraining ist kein Allheilmittel und keine verpflichtende Entwicklungsstufe.

Das Missverständnis von Sozialisation durch Kontakt

Ein weiterer verbreiteter Irrtum: möglichst viel direkter Kontakt zu Artgenossen führe automatisch zu gutem Sozialverhalten.

Tatsächlich bedeutet gute Sozialisation vor allem positive Erfahrungen in einem sicheren Rahmen, das Erlernen von Selbstregulation, die Fähigkeit, auch in Anwesenheit anderer Hunde ruhig zu bleiben – und Vertrauen in den Menschen.

Ein Hund, der entspannt an anderen vorbeigehen kann, ohne Kontakt aufzunehmen, zeigt oft ein stabileres Sozialverhalten als einer, der ständig interagieren muss. Letzterer gerät leicht unter Druck, entwickelt ein hohes Erregungsniveau und provoziert im ungünstigen Fall Konflikte.

Sozialkompetenz bedeutet nicht ständige Nähe, sondern angemessene Distanz und Wahlfreiheit.



Was das fürs Training bedeutet

Modernes Training orientiert sich nicht an Dominanzmodellen oder Rudelvorstellungen, sondern an Beziehung, Emotionsregulation, individueller Förderung und Stressvermeidung.

Der Mensch ist dabei nicht Rudelführer, sondern Sicherheitsgeber und Orientierungsperson. Diese Rolle beruht nicht auf Strenge, sondern auf Verlässlichkeit und klaren Strukturen – darauf, dass der Hund vorhersagen kann, wie du reagierst.

Der Begriff, der besser passt

Wenn „Rudel" biologisch eine Gruppe einer Art meint, fehlt für das, was zwischen Mensch und Hund entsteht, ein Wort. Die Fachliteratur hat eines: heterospezifische Sozialgruppe – eine soziale Einheit über Artgrenzen hinweg.

Der Begriff klingt sperrig, leistet aber genau das Richtige. Er hält fest, dass Mensch und Hund tatsächlich eine feste soziale Einheit bilden können, mit Bindung, gegenseitiger Orientierung und eingespielten Abläufen. Und er macht zugleich klar, dass dafür keine Regeln aus dem Zusammenleben zweier Wölfe herangezogen werden müssen.

Was zwischen euch entsteht, ist nicht die Kopie eines Wolfsrudels mit einem Menschen an der Spitze. Es ist etwas Eigenes, für das es in der Natur kein Vorbild gibt – und das ist keine Einschränkung, sondern der eigentliche Befund.

Ein Punkt, der aus dem Vorstehenden direkt folgt: Wenn Hunde einander gegenüber konfliktvermeidend sind, ist Konfrontation durch den Menschen erst recht kein Weg. Was du damit erzeugst, ist Ausweichen – nicht Kooperation.

Was die Forschung nicht zeigt

  • „Rudel oder nicht" ist teils eine Definitionsfrage. Frei lebende Hunde bilden durchaus Gruppen – nur lockerere und weniger kooperative als Wölfe. „Hunde sind gar keine Gruppentiere" wäre übertrieben.

  • Begrenzte Studienbasis. Vieles zum Wolfsrudel stammt aus wenigen Populationen; Untersuchungen an frei lebenden Hunden sind stark regional geprägt. Verallgemeinerungen sind mit Vorsicht zu treffen.

  • Kleine Stichproben bei den Kooperationsstudien. Die Seilzug-Befunde beruhen auf wenigen Tierpaaren aus einer einzigen Einrichtung. Die Richtung ist konsistent, die genauen Anteile sind es nicht.

  • „Dominanz gibt es nicht" ist zu kurz gegriffen. In stabilen Gruppen frei lebender Hunde lassen sich Rangordnungen beschreiben. Was nicht trägt, ist ihre Herleitung aus Kämpfen und ihre Übertragung auf die Mensch-Hund-Beziehung.

  • Hunde kooperieren durchaus – nur nicht überall. Der Befund betrifft das gleichzeitige Hantieren an einer begrenzten Ressource. Gemeinsame Gebietsverteidigung und abgestimmte Bewegung sind bei frei lebenden Hunden beschrieben.

  • Die ökologische Erklärung ist plausibel, nicht geprüft. Dass Konfliktvermeidung bei Hunden aus der Nische des Aasfressers stammt, passt zu den Befunden, ist aber keine getestete Selektionsgeschichte.

  • Große individuelle Unterschiede. Ob ein Hund Artgenossen sucht oder meidet, hängt von Veranlagung, Sozialisation und Erfahrung ab – nicht von einem Rudelinstinkt.

  • Vergleiche sind heikel. Wolf-Hund-Vergleiche taugen nur, wenn beide Arten ähnlich aufgezogen wurden; sonst wird der Effekt von Aufzucht und Erfahrung mit „Domestikation" verwechselt.



Fazit

Hunde stammen von rudelbildenden Vorfahren ab, leben heute aber überwiegend in menschlich geprägten Sozialgefügen. Der pauschale Begriff Rudeltier wird dem nicht gerecht: Hunde sind soziale Tiere, aber nicht zwingend Rudeltiere im biologischen Sinn.

Während Wölfe in stabilen Familienverbänden leben und untereinander eng kooperieren, zeigen Hunde flexiblere, situative Sozialstrukturen – und haben ihre Kooperation zum Menschen hin ausgerichtet.

Die Pointe daran ist unbequem für alle, die aus dem Rudelbild Autorität ableiten: Ausgerechnet der Wolf, der als Kronzeuge für Rangordnung herhalten muss, lebt in einer Familie und kooperiert. Und ausgerechnet der Hund, dem man beibringen will, sich unterzuordnen, weicht Konflikten von sich aus aus.

Wer Hunde fair trainieren will, presst sie nicht in ein veraltetes Konzept, sondern erkennt ihr individuelles Wesen an – weg von Rangordnung und Rudel, hin zu Beziehung, Sicherheit und Verständnis.

Weiterführend auf Englisch

Quellen

Bonanni, R., Cafazzo, S., Valsecchi, P., & Natoli, E. (2010). Effect of affiliative and agonistic relationships on leadership behaviour in free-ranging dogs. Animal Behaviour, 79(4), 981–991. https://doi.org/10.1016/j.anbehav.2010.02.021

Cafazzo, S., Valsecchi, P., Bonanni, R., & Natoli, E. (2010). Dominance in relation to age, sex, and competitive contexts in a group of free-ranging domestic dogs. Behavioral Ecology, 21(3), 443–455. https://doi.org/10.1093/beheco/arq001

Brucks, D., Marshall-Pescini, S., & Range, F. (2019). Dogs and wolves do not differ in their inhibitory control abilities in a non-social test battery. Animal Cognition, 22(1), 1–15. https://doi.org/10.1007/s10071-018-1216-9

Lazzaroni, M., Range, F., Backes, J., Portele, K., Scheck, K., & Marshall-Pescini, S. (2020). The effect of domestication and experience on the social interaction of dogs and wolves with a human companion. Frontiers in Psychology, 11, 785. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.00785

Marshall-Pescini, S., Schwarz, J. F. L., Kostelnik, I., Virányi, Z., & Range, F. (2017). Importance of a species' socioecology: Wolves outperform dogs in a conspecific cooperation task. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114(44), 11793–11798. https://doi.org/10.1073/pnas.1709027114

Marshall-Pescini, S., Basin, C., & Range, F. (2018). A task-experienced partner does not help dogs be as successful as wolves in a cooperative string-pulling task. Scientific Reports, 8, 16049. https://doi.org/10.1038/s41598-018-33771-7

Mech, L. D. (1999). Alpha status, dominance, and division of labor in wolf packs. Canadian Journal of Zoology, 77(8), 1196–1203. https://doi.org/10.1139/z99-099

Range, F., Ritter, C., & Virányi, Z. (2015). Testing the myth: Tolerant dogs and aggressive wolves. Proceedings of the Royal Society B, 282(1807), 20150220. https://doi.org/10.1098/rspb.2015.0220

Range, F., & Virányi, Z. (2015). Tracking the evolutionary origins of dog-human cooperation: The „Canine Cooperation Hypothesis". Frontiers in Psychology, 5, 1582. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2014.01582

Range, F., & Marshall-Pescini, S. (2022). Wolves and dogs: Between myth and science. Springer (Fascinating Life Sciences).

Einordnung der Quellenlage

Die Angaben zum Seilzug-Experiment wurden gegen beide Publikationen geprüft. Marshall-Pescini et al. (2017) berichten, dass Wölfe ihre Züge koordinierten und Erfolg hatten, während Hunde abwechselnd zogen und die Aufgabe nicht lösten – bei vergleichbarem Interesse an der Aufgabe. Die Folgearbeit (Marshall-Pescini, Basin & Range, 2018) liefert die Anteile: In der Spontanbedingung waren fünf von sieben Wolfspaaren mindestens einmal erfolgreich (Erfolgsquoten zwischen 3 und 56 Prozent der Durchgänge), aber nur eines von acht Hundepaaren, und dieses nur in einem einzigen Durchgang. Nach Training gelang es drei von vier Wolfspaaren in 14 bis 92 Prozent der Durchgänge, bei den Hunden erneut nur einem von sechs Paaren in einem Durchgang.

Die Erklärung über Toleranz statt Kognition stammt von den Autoren selbst: Hunde interagierten seltener gleichzeitig mit dem Gerät, was auf unterschiedliche Strategien der Konfliktvermeidung zurückgeführt wird. Die Stichproben sind klein und stammen aus einer einzigen Einrichtung; die Richtung des Befundes ist in mehreren Arbeiten derselben Gruppe konsistent, unabhängige Replikationen aus anderen Einrichtungen liegen in geringer Zahl vor.

Der Hinweis, dass Wölfe in der Kooperation mit Menschen eher führen und Hunde eher folgen, stammt aus derselben Forschungslinie und beruht ebenfalls auf kleinen Stichproben.

Mech (1999) ist keine neue empirische Arbeit, sondern eine begriffliche Korrektur durch den Autor, der den Alpha-Begriff mitgeprägt hatte. Die Aussage bezieht sich auf frei lebende Wolfsrudel; für künstlich zusammengesetzte Gefangenschaftsgruppen gelten andere Verhältnisse – genau daraus war das ursprüngliche Bild entstanden.


Die Aussagen zu frei lebenden Hunden stützen sich überwiegend auf Bonanni et al. (2010) und Cafazzo et al. (2010) und damit auf Beobachtungen an Gruppen in Italien. Übertragungen auf frei lebende Hunde in anderen Regionen und Lebensräumen sind nicht ohne Weiteres zulässig.

Zur Rangordnung ist eine Klarstellung angebracht, weil die Befundlage in populären Darstellungen häufig verkürzt wird: Cafazzo et al. (2010) belegen die Existenz linearer Rangordnungen in einer stabilen Gruppe frei lebender Hunde und unterscheiden dabei agonistische Dominanz, formelle Dominanz und Wettbewerbsfähigkeit. Am zuverlässigsten ließ sich die formelle Dominanz abbilden, die auf angebotenen Unterwerfungssignalen beruht; agonistische Auseinandersetzungen waren selten. Die Aussage „Dominanz existiert beim Hund nicht" ist durch diese Arbeiten nicht gedeckt. Nicht gedeckt ist ebenso wenig die Übertragung solcher Rangbeziehungen auf das Verhältnis zwischen Hund und Mensch, für die keine entsprechende Befundlage vorliegt.

Die ökologische Erklärung der unterschiedlichen Toleranz – Großwildjagd gegenüber der Nische des Aasfressers – stammt von den Autoren der Kooperationsstudien selbst und ist im Titel ihrer Arbeit angelegt. Sie ist mit den Befunden verträglich, wurde als Selektionshypothese aber nicht eigens geprüft.

Der Begriff der heterospezifischen Sozialgruppe ist in der vergleichenden Verhaltensforschung gebräuchlich und wird hier zur Abgrenzung vom innerartlich definierten Rudelbegriff verwendet.

Die Abschnitte zu Mehrhundehaltung, Gruppentraining und den einzelnen „Rudelführer"-Regeln beruhen auf lernpsychologischen Grundlagen und praktischer Erfahrung, nicht auf Interventionsstudien.


Häufige Fragen zum Thema Sind Hunde Rudeltiere

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