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Welpenerziehung Woche 1–2: Die magische Anfangszeit – Orientierung, Sicherheit & Bindung

  • Autorenbild: Hundeschule unterHUNDs
    Hundeschule unterHUNDs
  • vor 23 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Herzlich willkommen zu Hause!

Die ersten beiden Wochen mit deinem neuen Familienmitglied sind etwas ganz Besonderes. Sie sind geprägt von Aufregung, Freude, aber auch von einer großen Verantwortung. Viele neue Hundebesitzer sind voller Tatendrang und möchten am liebsten sofort mit dem „Training“ beginnen. Doch die moderne Hundepsychologie und Lerntheorie zeigen uns etwas anderes: In den ersten 14 Tagen geht es nicht um Kommandos oder Gehorsam. Es geht um etwas viel Fundamentaleres.

In diesem Artikel erfährst du, warum die ersten beiden Wochen den Grundstein für ein Leben voller Vertrauen legen, was in deinem Welpen vorgeht und wie du mit einem klaren, aber liebevollen Konzept die Weichen für eine sichere Bindung stellst.

Welpe schläft entspannt in einem Körbchen auf einer Decke im Wohnzimmer und zeigt ruhiges Verhalten in der Eingewöhnungsphase

🎯 Das große Ziel: Orientierung, Sicherheit & Bindung

Bevor wir ins Detail gehen, müssen wir das Ziel dieser Phase klar definieren:

Dein Ziel ist es nicht, einen „braven“ Hund zu formen. Dein Ziel ist es, ein sicheres Fundament zu schaffen, auf dem später alles andere aufbauen kann.

Ein Welpe, der sich orientieren kann, der sich sicher fühlt und der eine tiefe Bindung zu seinem Menschen aufgebaut hat, wird später viel leichter lernen. Moderne Lerntheorie (wie die Bindungstheorie nach John Bowlby, angewandt auf Hunde) besagt: Nur in einem Zustand emotionaler Sicherheit ist ein Lebewesen bereit, Neues zu erkunden und zu lernen. Angst und Unsicherheit blockieren die Lernfähigkeit.

Mehr zu den Grundlagen moderner Hundeerziehung findest du in unserem Artikel Moderne Lerntheorie in der Hundeerziehung.

👶 Was passiert in den ersten Wochen?

Stell dir vor, du wirst mit 8–10 Wochen von deinem Zuhause, deiner Mutter und deinen Geschwistern weggenommen. Du landest in einer völlig neuen Umgebung, mit neuen Gerüchen, neuen Geräuschen, neuen Menschen und neuen Regeln. Was würdest du brauchen?

1. Neue Umgebung = Stress + Unsicherheit

Dein Welpe hat bisher in einer vertrauten Umgebung mit Artgenossen gelebt. Nun ist er ein Einzelwesen in einer Menschenwelt. Selbst der selbstbewussteste Welpe erlebt in den ersten Tagen Stress. Das ist nicht negativ – es ist eine natürliche Anpassungsreaktion. Entscheidend ist, wie du mit diesem Stress umgehst.

2. Der Welpe orientiert sich komplett am Menschen

In dieser Phase sucht dein Welpe einen neuen „Anker“. In freier Wildbahn wäre das die Mutter, dann die Rudelmitglieder. Bei dir wird dieser Anker du sein. Der Welpe beobachtet jede deiner Bewegungen, deine Stimme, deine Körpersprache. Er fragt sich: „Kann ich mich hier sicher fühlen? Ist dieser Mensch verlässlich?“

Diese Orientierungsphase ist ein Fenster der Gelegenheit. Nutze sie bewusst.

📌 Die wichtigsten Grundlagen

Vergiss in den ersten zwei Wochen „Sitz“, „Platz“ und „Fuß“. Konzentriere dich auf diese fünf Säulen:

1. Fester Tagesablauf

Hunde sind Gewohnheitstiere – und Welpen ganz besonders. Ein vorhersehbarer Tagesablauf reduziert Stress, weil der Welpe weiß, was als Nächstes kommt. Das gibt Sicherheit.

  • Feste Zeiten: Füttern, Schlafen, Spielen, Rausgehen – alles folgt einem wiederkehrenden Rhythmus.

  • Vorhersehbarkeit: Ein Welpe, der weiß, dass nach dem Fressen immer eine ruhige Phase kommt, muss nicht ständig „auf Alarm“ sein.

2. Schlaf (18–20 Stunden!)

Das wird oft unterschätzt. Welpen brauchen enorm viel Schlaf – bis zu 20 Stunden am Tag. Ein übermüdeter Welpe ist quengelig, beißt mehr, kann sich nicht konzentrieren und ist gestresst.

  • Aktive Förderung: Bringe deinen Welpen aktiv zur Ruhe. Ein eigener ruhiger Schlafplatz (nicht im Trubel) ist Pflicht.

  • Schlafenszeiten: Nach 45–60 Minuten Wachsein sollte eine 1,5- bis 2-stündige Ruhephase folgen.

3. Ruhe lernen

Ruhe ist kein Zustand, der „einfach passiert“. Ruhe muss gelernt werden. In den ersten Wochen legst du den Grundstein für einen Hund, der später auch in hektischen Situationen entspannen kann.

  • Entspannung von Anfang an: Belohne ruhiges Verhalten. Liegt der Welpe still? Ein leises, ruhiges Lob oder eine sanfte Berührung (ohne ihn aufzuwecken) zeigt ihm: „Das ist erwünscht.“

  • Keine Dauerbespaßung: Werde nicht zum 24/7-Unterhaltungsprogramm. Ein Welpe muss lernen, sich auch mal mit sich selbst zu beschäftigen (z. B. mit einem Kauartikel).

4. Name lernen

Der Name ist das wichtigste Signal, denn er bedeutet: „Achtung, gleich kommt etwas Wichtiges.“ In den ersten Wochen geht es nicht um „Abrufen“, sondern um eine positive Verknüpfung.

  • So geht’s: Sage den Namen in einem freundlichen Ton. Sobald der Welpe zu dir schaut, gibt es ein Leckerli oder ein kurzes, ruhiges Spiel.

  • Wichtig: Benutze den Namen nie für etwas Negatives. Er ist der Schlüssel zu Aufmerksamkeit, nicht ein „Komm sofort!“-Befehl.

5. Erste Signale (z. B. Rückruf anfangen)

Ja, auch in Woche 1–2 kannst du mit ersten Signalen beginnen – aber ohne Druck und ohne Erwartung. Modernes Hundetraining basiert auf operanter Konditionierung: Der Hund lernt durch die Konsequenz seines Verhaltens.

  • Rückruf-Grundstein: Setz dich in den Raum oder geh auf den Flur. Sage fröhlich „Komm!“ (oder ein anderes Wort deiner Wahl). Wenn der Welpe neugierig zu dir kommt, gibt es eine kleine, hochwertige Belohnung.

  • Kein Druck: Wenn er nicht kommt, geh ein Stück weg oder locke mit Begeisterung. Nie nachgreifen oder hinterherlaufen. Der Rückruf muss von Anfang an mit Freude verknüpft sein.

Wie du den Rückruf Schritt für Schritt aufbaust, erfährst du in unserem Artikel Rückruftraining für Hunde – so erzielen Sie zuverlässige Ergebnisse.

✅ Das solltest du konkret tun

Hier kommen die praktischen Handlungsempfehlungen für die ersten 14 Tage:

Feste Fütterungszeiten

  • Füttere 3–4 Mal täglich zu immer ähnlichen Zeiten.

  • Die Fütterung ist ein wichtiger sozialer Moment. Nimm dir Zeit, lass ihn in Ruhe fressen.

  • Die Fütterungszeiten helfen auch bei der Stubenreinheit.

Alles Wichtige zum Thema findest du in unserem Artikel Welpen stubenrein bekommen – Schritt für Schritt zur Sauberkeit im Haus.

Rausgehen nach Schlaf, Fressen, Spielen

  • Die Stubenreinheit beginnt nicht mit „Kommandos“, sondern mit Voraussicht.

  • Die goldene Regel: Sofort nach dem Aufwachen, nach dem Fressen und nach intensivem Spielen nach draußen (oder auf die Welpenunterlage) gehen.

  • Lobe ruhig, aber herzlich, wenn er sein Geschäft an der richtigen Stelle erledigt. Kein Geschrei, keine Freudentänze – das würde den Welpen nur ablenken oder verunsichern.

Ruhige Umgebung schaffen

  • Reduziere den Besuch auf ein Minimum. In den ersten zwei Wochen hat der Welpe genug mit dir und der neuen Umgebung zu tun.

  • Vermeide laute Geräusche (Staubsauger, laute Musik, Baulärm).

  • Sorge für einen festen, ruhigen Rückzugsort – idealerweise eine Box oder ein ruhiger Raum, wo der Welpe ungestört schlafen kann.

Keine Reizüberflutung

Die moderne Lerntheorie spricht hier von Sensitivitätsphasen. In den ersten Wochen nach dem Umzug ist der Welpe besonders empfänglich für Reize – aber nicht alles, was er erlebt, muss er schon verarbeiten können.


  • Geduld: Nicht jede Ecke des Hauses muss am ersten Tag erkundet werden. Nicht jeder Nachbar muss den Welpen streicheln.

  • Ein Raumprinzip: Beginne mit einem Raum, lass ihn diesen sicher erkunden, bevor du nach und nach weitere Räume erschließt.

❌ Typische Fehler in den ersten Wochen

Viele gut gemeinte Ansätze führen bei Welpen zu Stress und langfristigen Problemen. Hier die größten Stolpersteine:

1. Zu viel Action

Der Klassiker: Am ersten Tag kommt der Besuch, der Welpe wird durchs Haus getragen, alle wollen ihn anfassen, dann geht es direkt in den Garten und in die Hundeschule.

Das Problem: Ein überforderter Welpe kann die ersten Eindrücke nicht verarbeiten. Er wird überdreht, ängstlich oder schaltet ab. Statt Sicherheit entsteht Unsicherheit.

Besser: Gib ihm Zeit. Die ersten 2–3 Tage sollten extrem ruhig sein. Nur du, keine Besucher, keine Ausflüge.

2. Zu viele Kommandos

„Sitz!“, „Platz!“, „Bei Fuß!“, „Aus!“ – viele Besitzer beginnen sofort mit dem Abarbeiten von Kommandos.

Das Problem: Ein Welpe, der noch nicht einmal seinen Namen sicher kennt und sich in der neuen Umgebung orientiert, wird durch viele Befehle überfordert. Er lernt nicht schneller, sondern verliert die Freude an der Interaktion. Moderne Lerntheorie betont: Lernen muss emotionsgeladen positiv sein, sonst bleibt es nicht nachhaltig haften.

Besser: Beschränke dich auf maximal 1–2 Signale (Name, „Komm“ als Spiel). Alles andere ist in dieser Phase unnötig.

3. Unklare Regeln

Mal darf der Welpe aufs Sofa, mal nicht. Mal wird geschimpft, wenn er an die Schuhe geht, mal wird gelacht.

Das Problem: Inkonsequenz erzeugt Unsicherheit. Der Welpe kann keine verlässlichen Muster erkennen und wird verunsichert.

Besser: Besprich mit allen Familienmitgliedern vorab die wichtigsten Regeln. Was ist erlaubt, was nicht? Halte diese Regeln von Tag 1 an konsequent, aber freundlich ein.

4. Den Schlafrhythmus ignorieren

Viele Besitzer denken: „Er ist jetzt da, wir müssen spielen!“ und halten den Welpen stundenlang wach.

Das Problem: Ein übermüdeter Welpe zeigt Verhaltensweisen wie übermäßiges Beißen, Hyperaktivität oder Konzentrationsstörungen. Das wird fälschlicherweise oft als „Charakter“ oder „Erziehungsschwierigkeit“ interpretiert.

Besser: Beachte das Schlafbedürfnis. Ein Welpe, der ausreichend schläft, ist lernfähig, ausgeglichen und kann viel besser eine Bindung aufbauen.

Weitere typische Fehler und wie du sie vermeidest, findest du im Artikel Die größten Fehler in der Welpenerziehung.

🧠 Moderne Lerntheorie im Alltag: Warum diese erste Phase so entscheidend ist

Die klassische Konditionierung (Pawlow) und die operante Konditionierung (Skinner) sind die Grundlagen des modernen Hundetrainings. Doch in den ersten zwei Wochen geht es nicht um das Trainieren von Verhalten, sondern um das Etablieren einer emotionalen Basis.

Neurobiologisch passiert Folgendes: Im limbischen System deines Welpen – dem emotionalen Zentrum – werden in dieser Zeit die grundlegenden Verknüpfungen geknüpft. Alles, was dein Welpe jetzt mit dir erlebt, wird in sein „emotionales Gedächtnis“ eingespeichert.

  • Positive Verknüpfungen: Du bist eine Quelle von Sicherheit, Futter, Geborgenheit und klaren Strukturen.

  • Negative Verknüpfungen: Du wirst mit Überforderung, lauten Strafen oder chaotischen Situationen assoziiert.

Die moderne Hundeerziehung sagt daher klar: In der Eingewöhnungsphase überwiegt das Beziehungsmanagement vor dem Verhaltensmanagement. Ein Hund, der in den ersten Wochen gelernt hat, dass sein Mensch verlässlich ist und dass er sich in seiner neuen Umgebung sicher fühlen darf, wird später mit viel mehr Motivation und Vertrauen lernen.

Warum veraltete Dominanzmethoden hier fehl am Platz sind, erfährst du in unserem Artikel Dominanztheorie beim Hund widerlegt.

🐾 Fazit: Weniger ist mehr

Die ersten beiden Wochen mit deinem Welpen sind keine „Trainingslager“, sondern eine sensible Phase des Kennenlernens und der Beziehungsarbeit. Dein Ziel ist es, einen sicheren Hafen zu schaffen.

  • Gib Struktur, aber keine Hektik.

  • Biete Ruhe, statt Action.

  • Setze auf Bindung, nicht auf Befehle.

Wenn du diese Grundlagen legst, wirst du sehen: Dein Welpe wird dir in den nächsten Wochen und Monaten mit Neugier, Vertrauen und Freude begegnen. Und genau das ist die beste Voraussetzung für einen entspannten, gut erzogenen und glücklichen Familienhund.

Genieße diese intensive Zeit – sie geht viel zu schnell vorbei! 🌱🐾

Du möchtest deinen Welpen von Anfang an professionell begleitet wissen?

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Welpenerziehung Woche 1–2 – die wichtigsten Fragen zum Start



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