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Der MDR1-Gendefekt beim Hund – Ursachen, Risiken und verantwortungsvoller Umgang

  • Autorenbild: Hundeschule unterHUNDs
    Hundeschule unterHUNDs
  • 15. Nov. 2024
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Der MDR1-Gendefekt gehört zu den klinisch bedeutsamsten genetischen Besonderheiten bei Hunden – doch mit dem richtigen Wissen lässt sich das Risiko fast vollständig vermeiden. Besonders häufig tritt diese Mutation bei Hütehundrassen auf. Für betroffene Tiere kann sie ernsthafte Folgen haben, denn sie führt dazu, dass bestimmte Medikamente deutlich stärker wirken oder sogar gefährliche, lebensbedrohliche Nebenwirkungen auslösen können.

Die gute Nachricht: Der Status lässt sich durch einen einfachen Gentest sicher bestimmen. Mit diesem Wissen und einer angepassten medikamentösen Versorgung können betroffene Hunde ein gesundes, erfülltes Leben führen – ohne dass die Mutation im Alltag eine Einschränkung darstellen muss.

Dieser Artikel erklärt dir die genetischen Hintergründe, die betroffenen Rassen, die kritischen Medikamente und vor allem: wie du als Hundehalter verantwortungsvoll mit diesem Wissen umgehst.

Australian Shepherd neben MDR1-Gentest im Park – Darstellung des MDR1-Gendefekts bei Hütehundrassen

1. Was ist der MDR1-Gendefekt? Genetische Grundlagen verständlich erklärt

Der Begriff MDR1 steht für Multi Drug Resistance 1. Das betroffene Gen (ABCB1) steuert die Produktion eines wichtigen Transportproteins namens P-Glykoprotein. Dieses Protein sitzt in Zellmembranen, unter anderem in der Blut-Hirn-Schranke, und hat eine entscheidende Schutzfunktion: Es pumpt bestimmte Substanzen aktiv aus empfindlichen Geweben wie dem zentralen Nervensystem heraus.

Bei Hunden mit einem MDR1-Gendefekt funktioniert dieser Schutzmechanismus nur eingeschränkt oder gar nicht. Medikamente, die normalerweise sicher wären, können in hoher Konzentration ins Gehirn gelangen und dort schwere neurologische Symptome auslösen – im schlimmsten Fall lebensbedrohlich.

Die Vererbung erfolgt autosomal-rezessiv. Das bedeutet: Ein Hund erkrankt nicht an der Mutation selbst, aber die funktionelle Einschränkung des Proteins zeigt sich phänotypisch. Praktisch bedeutet das:

Genotyp

Bezeichnung

Bedeutung

MDR1 +/+

frei

Hund besitzt keine Mutation, P-Glykoprotein funktioniert normal

MDR1 +/-

Träger

Hund trägt eine Kopie der Mutation, hat ein erhöhtes Risiko für Medikamentenreaktionen

MDR1 -/-

betroffen

Hund besitzt zwei Kopien der Mutation, sehr hohes Risiko für schwere Nebenwirkungen

Quelle: Mealey & Meurs, 2008; University of Washington, Veterinary Clinical Pharmacology Laboratory

2. Welche Hunderassen sind besonders betroffen?

Der MDR1-Defekt tritt weltweit bei Hütehunden und verwandten Rassen auf. Die Häufigkeit variiert stark je nach Rasse und geografischer Region. Die folgende Übersicht basiert auf Daten des Veterinary Clinical Pharmacology Laboratory der Washington State University (WSU), dem weltweit führenden Institut für MDR1-Forschung.

Hochbetroffen (Prävalenz > 30 %)

  • Collie (Langhaar und Kurzhaar) – bis zu 70 % der Population betroffen oder Träger

  • Australian Shepherd – etwa 30–50 % betroffen oder Träger

  • Shetland Sheepdog (Sheltie) – etwa 30–40 % betroffen oder Träger

Mäßig betroffen (Prävalenz 5–30 %)

  • Border Collie

  • Weißer Schweizer Schäferhund

  • McNab Shepherd

  • Silken Windhound

  • Longhaired Whippet

Gelegentlich betroffen (< 5 %)

  • Deutscher Schäferhund

  • Old English Sheepdog

  • English Shepherd

  • Mischlinge mit Anteilen der genannten Rassen

Quelle: Mealey & Meurs, 2008; WSU Veterinary Clinical Pharmacology Laboratory, 2023

Auch bei Mischlingen kann der Defekt auftreten, wenn ein Elternteil aus einer betroffenen Rasse stammt. Bei unsicherer Abstammung oder bei Hunden, die einer der oben genannten Rassen ähneln, ist ein Gentest sinnvoll.

Vertiefe dein Wissen zu genetischen Besonderheiten auch in unserem Artikel „Merle-Hunde – Genetik, Gesundheitsrisiken und verantwortungsvolle Zucht“.

3. Kritische Medikamente: Was du unbedingt wissen musst

Nicht alle Medikamente sind problematisch. Die Gefahr besteht bei Wirkstoffen, die normalerweise durch P-Glykoprotein aus dem Gehirn ferngehalten werden. Bei MDR1-betroffenen Hunden können bereits Standarddosen toxisch wirken.

Stark kritische Wirkstoffe (klare Kontraindikation)

Wirkstoffgruppe

Wirkstoffe

Anwendung

Makrozyklische Laktone

Ivermectin (hohe Dosen), Eprinomectin, Doramectin

Parasitenbekämpfung

Chemotherapeutika

Vincristin, Vinblastin, Doxorubicin

Krebsbehandlung

Opioid

Loperamid (niedrige Dosen sind oft sicher, aber Vorsicht)

Durchfall

Besonders Ivermectin ist gefährlich: Während Hunde ohne MDR1-Defekt Dosen bis 200 µg/kg vertragen, können betroffene Hunde bereits bei Dosen über 50 µg/kg schwere Vergiftungen entwickeln (Mealey, 2006).

Wirkstoffe mit erhöhter Vorsicht

  • Acepromazin (Beruhigungsmittel) – stärkere und länger anhaltende Wirkung

  • Butorphanol (Schmerzmittel) – verlängerte Wirkdauer

  • Moxidectin, Selamectin (Spot-on-Präparate) – in niedrigen Dosen oft verträglich, aber Vorsicht

  • Milbemycinoxim – in der regulären Wurmkur-Dosierung meist sicher, bei höheren Dosen (z. B. gegen Räude) kritisch


Wichtig: Viele dieser Medikamente haben sichere Alternativen. Ein Tierarzt, der über den MDR1-Status informiert ist, kann die Behandlung entsprechend anpassen. So kann beispielsweise Milbemycin in reduzierter Dosierung unter tierärztlicher Kontrolle eingesetzt werden. Auch bei Operationen oder Zahnbehandlungen sollte die Narkoseplanung den MDR1-Status berücksichtigen.

Quelle: Mealey, 2006; Mealey & Meurs, 2008

4. Symptome einer Medikamentenvergiftung – ein tiermedizinischer Notfall

Wenn ein MDR1-betroffener Hund ein ungeeignetes Medikament erhält, können innerhalb weniger Stunden schwere Vergiftungserscheinungen auftreten. Diese Symptome erfordern sofortige tierärztliche Behandlung.

Neurologische Symptome (am häufigsten)

  • Zittern (Tremor), Muskelzuckungen

  • Gleichgewichtsstörungen, Taumeln (Ataxie)

  • Koordinationsprobleme, übertriebene Bewegungen

  • Krampfanfälle unterschiedlicher Schwere

  • Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma

Allgemeine Symptome

  • Erbrechen, Durchfall

  • extreme Müdigkeit, Apathie

  • erweiterte Pupillen (Mydriasis)

  • Speicheln

  • Orientierungslosigkeit

Verzögerte oder langanhaltende Symptome

Bei einigen Wirkstoffen (z. B. Chemotherapeutika) können die Symptome verzögert auftreten oder über Tage anhalten. Auch nach Absetzen des Medikaments kann es zu einer protrahierten Toxizität kommen.

Wichtig: Falls dein Hund eines dieser Symptome zeigt und kürzlich ein Medikament erhalten hat, informiere den Tierarzt sofort über den MDR1-Status. Eine frühzeitige supportive Therapie (Flüssigkeit, Kreislaufstabilisierung, ggf. Lipid-Infusion) kann entscheidend sein.

5. Diagnose: Der MDR1-Gentest – schnell, einfach, sicher

Die Bestimmung des MDR1-Status ist unkompliziert und wird von spezialisierten Laboren weltweit angeboten. Der Test erfolgt über:

  • Backenabstrich (Buccal Swab) – einfach selbst durchführbar

  • Blutprobe – oft im Rahmen einer tierärztlichen Untersuchung

Die wichtigsten Labore in Europa:

  • Laboklin (Deutschland)

  • Genomia (Deutschland)

  • University of Washington – Veterinary Clinical Pharmacology Laboratory (international)

Wann sollte getestet werden?

  • Vor der ersten Gabe kritischer Medikamente (z. B. Parasitenmittel, Narkose)

  • Bei Welpen betroffener Rassen – ideal vor dem ersten Tierarztbesuch

  • Bei Hunden mit unklarer Abstammung, die einer betroffenen Rasse ähneln

  • Vor Zuchteinsatz, um Weitergabe des Defekts zu vermeiden

Quelle: WSU Veterinary Clinical Pharmacology Laboratory

6. MDR1 und Zucht – Verantwortung für kommende Generationen

Da die Vererbung autosomal-rezessiv erfolgt, kann die Mutation durch gezielte Verpaarung langfristig aus Populationen reduziert werden.

Verpaarung

Nachkommen

frei × frei

100 % frei

frei × Träger

50 % frei, 50 % Träger

frei × betroffen

100 % Träger

Träger × Träger

25 % frei, 50 % Träger, 25 % betroffen

Träger × betroffen

50 % Träger, 50 % betroffen

betroffen × betroffen

100 % betroffen

Verantwortungsvolle Züchter testen ihre Zuchttiere und vermeiden die Verpaarung von Trägern oder betroffenen Hunden miteinander, um betroffene Welpen zu verhindern. Der MDR1-Defekt ist kein Grund, einen Hund von der Zucht auszuschließen – wohl aber ein Grund, die Verpaarung bewusst zu planen.

Mehr zu verantwortungsvoller Zucht und Anschaffung findest du in unserem Artikel „Woran erkennt man einen seriösen Züchter?“.

7. Unterstützung bei körperlichen Einschränkungen

Einige MDR1-betroffene Hunde können – unabhängig von Medikamentenreaktionen – neurologische Symptome wie Ataxie (Koordinationsstörungen) oder Tremor (Zittern) zeigen. Diese können angeboren oder durch äußere Einflüsse verstärkt sein.

Bewegungseinschränkungen (Ataxie, Hypermetrie)

  • Rutschfeste Teppiche oder Antirutschmatten verhindern Stürze auf glatten Böden

  • Ein Hebegeschirr kann beim Aufstehen oder Treppensteigen unterstützen

  • Physiotherapie kann helfen, Muskulatur und Koordination zu verbessern

Überempfindlichkeit (Hyperästhesie)

  • Ruhige, reizreduzierte Umgebung

  • Gedämpftes Licht, wenig Lärm

  • Feste Tagesstrukturen geben Sicherheit

Orientierungslosigkeit oder Sehprobleme

  • Möbel nicht häufig umstellen – konstante Umgebung

  • Akustische oder taktile Orientierungspunkte (z. B. Duftmarker, Texturen)

Tremor und Zittern

  • Ursachen abklären (Schmerzen, Stress, Kälte)

  • Wärme, Ruhe und ggf. tierärztliche Untersuchung

Erbrechen (Vomitus)

  • Leicht verdauliche Schonkost (gekochtes Hühnchen, Reis)

  • Kleine Mahlzeiten

  • Frisches Wasser zur Verfügung stellen

Quelle: adaptiert nach WSU Clinical Pharmacology Guidelines

8. Psychisches Wohlbefinden betroffener Hunde

Hunde mit gesundheitlichen Einschränkungen reagieren oft mit Unsicherheit oder Stress. Eine angepasste Haltung kann das Wohlbefinden entscheidend verbessern.

  • Sichere Rückzugsorte – eine ruhige Ecke, in die sich der Hund zurückziehen kann

  • Ruhige Tagesstrukturen – Vorhersehbarkeit reduziert Stress

  • Positive Verstärkung im Training – Vermeide Druck, setze auf Belohnung

  • Angepasste Beschäftigung – Nasenarbeit und Suchspiele sind ideal, da sie auch für Hunde mit Bewegungseinschränkungen geeignet sind

Mehr zu angepasster Beschäftigung findest du in unserem Artikel „Denksport, Nasenarbeit und kreative Beschäftigung für drinnen und draußen“.

Bei akuten Vergiftungsfällen oder Unwohlsein ist schnelles Handeln wichtig. Was du im Notfall brauchst, erfährst du in unserem Beitrag „Erste-Hilfe-Ausstattung für Hunde – notwendige Utensilien“.

9. Checkliste für Hundehalter: So schützt du deinen Hund

  • MDR1-Status testen – besonders bei Welpen betroffener Rassen oder vor der ersten Medikamentengabe

  • Tierarzt informieren – lege das Testergebnis in der Patientenkartei ab

  • Medikamentenliste führen – notiere alle verabreichten Wirkstoffe

  • Apotheker fragen – bei rezeptfreien Medikamenten (z. B. Loperamid) vorher Rücksprache halten

  • Züchter nach Test fragen – vor der Anschaffung eines Welpen betroffener Rassen

  • Bei Zucht planen – Verpaarungen so wählen, dass keine betroffenen Welpen entstehen

Fazit: Wissen schützt – MDR1 ist kein Urteil, sondern eine Information

Der MDR1-Gendefekt ist kein Urteil – er ist eine Information, die dir hilft, Risiken zu vermeiden. Dank moderner Gentests lässt sich der Status frühzeitig und sicher bestimmen. Mit diesem Wissen und einer tierärztlichen Betreuung, die den Status berücksichtigt, können betroffene Hunde ein gesundes, erfülltes Leben führen.

Die Herausforderung liegt nicht in der Mutation selbst, sondern im Wissen um sie. Wer den MDR1-Status kennt, kann gefährliche Medikamente vermeiden, sichere Alternativen wählen und im Notfall schnell und richtig handeln.

Für dich als Hundehalter bedeutet das: Ein einfacher Test, ein offenes Gespräch mit dem Tierarzt und eine bewusste Haltung schaffen die Grundlage für ein langes, gesundes Hundeleben – mit oder ohne MDR1-Mutation.

Quellen

  • Mealey, K. L. (2006). Adverse drug reactions in dogs with the ABCB1 (MDR1) gene mutation. Journal of Veterinary Pharmacology and Therapeutics, 29(Suppl 1), 1–4.

  • Mealey, K. L., & Meurs, K. M. (2008). Breed distribution of the ABCB1-1Δ (MDR1) gene mutation among dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association, 233(3), 406–409.

  • Mealey, K. L., & Burke, N. S. (2015). ABCB1 (MDR1) genotyping in dogs: clinical implications and testing. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice, 45(5), 1007–1019.

  • Washington State University, Veterinary Clinical Pharmacology Laboratory. (2023). MDR1 (ABCB1) Genotyping and Drug Safety Information.


Tierartpraxis Marion Michel


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