Überimitation bei Hunden: Lernen durch exakte Nachahmung?
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 5. Feb.
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Stunde
Kurz zusammengefasst
Überimitation – das Nachahmen von Handlungsschritten, die für das Ziel gar nicht nötig sind – galt lange als typisch menschlich. Interessant ist: Während Große Menschenaffen solche unnötigen Schritte in der Regel weglassen (sie emulieren), gehört der Hund zu den wenigen nicht-menschlichen Arten, bei denen Überimitation nachgewiesen wurde. Mehrere Studien (v. a. aus Wien) zeigen, dass Hunde kausal irrelevante Handlungen kopieren – besonders dann, wenn ihre eigene Bezugsperson sie vormacht, teils sogar noch, nachdem sie das Futter längst haben. Das deutet auf sozial motivierte Prozesse hin, die durch die Beziehung zum Menschen beeinflusst werden können – nicht auf pures Nutzenkalkül. Gleichzeitig kopieren Hunde nicht blind: In anderen Aufgaben handeln sie durchaus effizient und richten sich nach dem Ziel. Wie genau diese Überimitation zu deuten ist – soziale Motivation oder Verständnisgrenze –, wird noch erforscht.
Von anderen zu lernen, gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten für Anpassung und Überleben. Tiere sammeln Informationen nicht nur durch eigene Erfahrung, sondern auch durch Beobachtung – dieses soziale Lernen ist in der Tierwelt weit verbreitet, von Primaten über Vögel bis zum Hund.
Ein besonders faszinierendes Phänomen innerhalb des sozialen Lernens ist die Überimitation: Dabei werden nicht nur die tatsächlich nötigen Schritte einer Handlung übernommen, sondern auch solche, die objektiv keinen Zweck erfüllen. Bei Menschen – vor allem Kindern – ist das gut dokumentiert und gilt als wichtiger Mechanismus für kulturelles Lernen. Doch wie sieht es bei Hunden aus? Die Forschung der letzten Jahre liefert eine überraschende Antwort.

Was bedeutet Überimitation eigentlich?
Überimitation beschreibt ein Verhalten, bei dem ein Individuum nicht nur zielrelevante Handlungen, sondern auch irrelevante oder ineffiziente Schritte exakt nachahmt.
Ein klassisches Beispiel aus der Entwicklungspsychologie: Ein Erwachsener zeigt einem Kind eine Box, aus der ein Spielzeug geholt werden kann. Bevor er sie öffnet, klopft er mehrfach mit einem Stab darauf – obwohl das Klopfen den Mechanismus gar nicht beeinflusst. Viele Kinder kopieren später alle Schritte, inklusive des unnötigen Klopfens. Funktional ist das ineffizient, sozial aber sinnvoll: Kinder deuten solche Handlungen oft als soziale Regel oder Norm. Lange galt dieses Verhalten deshalb als typisch menschlich.
Überimitation in der Tierwelt – eine echte Seltenheit
Hier liegt der erste verbreitete Irrtum. Populär heißt es oft, viele kluge Tierarten würden überimitieren. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Überimitation ist im Tierreich selten. Große Menschenaffen etwa – unsere nächsten Verwandten – kopieren unnötige Schritte in aller Regel nicht, sondern konzentrieren sich auf das Ergebnis (sie emulieren). Genau das machte den Befund bei Hunden so bemerkenswert: Der Hund ist eine der wenigen nicht-menschlichen Arten, bei denen Überimitation überhaupt gezeigt werden konnte. Vereinzelte Befunde gibt es auch bei anderen Arten, sie sind aber seltener und wissenschaftlich umstrittener – „einzigartig menschlich" ist das Phänomen also nicht mehr, weit verbreitet aber ebenso wenig.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht „ob", sondern „wann und warum" Hunde überimitieren – und wie sie dabei zwischen Effizienz und exakter Nachahmung abwägen.
Was Studien bei Hunden zeigen
Die Forschung zum Imitationslernen bei Hunden stammt maßgeblich aus dem Wiener Umfeld um Ludwig Huber, Friederike Range und Claudia Fugazza.
Hunde können gezielt nachahmen: „Do as I do"
Dass Hunde menschliche Handlungen überhaupt gezielt reproduzieren können, zeigte zuerst Topál et al. (2006) und später systematisch das „Do as I do"-Training (Fugazza & Miklósi 2014). Dabei lernt der Hund das Signal „Mach es nach": Er beobachtet eine Handlung seines Menschen – etwa das Öffnen einer Schublade – und führt sie anschließend selbst aus. Hunde können also spezifische Aktionen erkennen und gezielt reproduzieren; ein Beispiel für zielgerichtetes Imitationslernen, das sich auch im Tricktraining nutzen lässt.
Hunde kopieren nicht blind: selektive Imitation
Ein wichtiger Befund gegen die Vorstellung vom „blinden Kopieren": In einer Studie von Range, Viranyi & Huber (2007) ahmten Hunde eine umständlich demonstrierte Methode (eine Pfotenbewegung) vor allem dann nach, wenn es dafür keinen erkennbaren Grund gab. War die ungewöhnliche Methode dagegen situativ erklärbar, wählten viele Hunde den effizienteren eigenen Weg. Hunde imitieren also selektiv und kontextabhängig – ähnlich, wie es auch bei Kleinkindern beschrieben wurde.
Und doch: Hunde überimitieren – vor allem ihre Bezugsperson
Der eigentlich überraschende Teil: In gezielt dafür gebauten Aufgaben kopieren Hunde sehr wohl kausal irrelevante Handlungen. Johnston et al. (2017) zeigten das für Handlungen eines Experimentators; Huber et al. (2018) fanden, dass ein beachtlicher Teil der Hunde eine überflüssige Handlung ihrer eigenen Bezugsperson nachmachte.
Besonders aufschlussreich war die Folgestudie „Selective overimitation in dogs" (Huber et al. 2020): Wurde dieselbe unnötige Handlung von einer fremden Person statt vom vertrauten Menschen gezeigt, kopierten sie nur noch sehr wenige Hunde. Die Überimitation hängt also stark davon ab, wer demonstriert. Spätere Arbeiten derselben Forschungsgruppe verknüpften das Ausmaß der Überimitation mit der Qualität der Mensch-Hund-Beziehung (Huber et al. 2022) und fanden, dass viele Hunde die überflüssige Handlung sogar noch ausführten, nachdem sie ihr eigentliches Ziel – das Futter – bereits erreicht hatten (Mackie & Huber 2023). Selbst Welpen kopierten menschliche Handlungen teils spontan, ohne jede Futterbelohnung (Fugazza et al. 2023).
Warum überimitieren Hunde?
Diese Befunde deuten darauf hin, dass die Überimitation bei Hunden weniger dem Nutzen als der sozialen Beziehung dient. Dass Hunde vor allem die Bezugsperson kopieren, dass die Beziehungsqualität eine Rolle spielt und dass sie irrelevante Schritte selbst nach dem Futtererfolg zeigen, spricht für eine affiliative Motivation – eine soziale Orientierung am vertrauten Menschen, die über das reine Aufgabenziel hinausgeht. Die enge Bindung zwischen Hund und Mensch, die in einigen Aspekten Ähnlichkeiten zu menschlichen Bindungsprozessen zeigt, ist hier vermutlich der Schlüssel. Vertiefend dazu der Research-Artikel Attachment Styles in Dogs (englischsprachig).
Wichtig ist allerdings: Die Deutung ist noch nicht abschließend geklärt. Neben der sozialen Erklärung wird auch diskutiert, ob Hunde manche Handlungen schlicht für ursächlich relevant halten – also ein Stück weit die Kausalzusammenhänge missverstehen. Wie gut Hunde Ursache und Wirkung durchschauen, behandelt der Research-Artikel Canine Causal Reasoning (englischsprachig).
Imitation und Emulation – kein Entweder-oder
In der Forschung wird häufig unterschieden zwischen Imitation (die exakte Handlung wird kopiert) und Emulation (nur das Ziel wird übernommen, der Weg dahin frei gewählt). Hunde nutzen beides – je nach Kontext. In vielen Problemlöse-Situationen handeln sie effizient und emulieren; in sozial aufgeladenen Situationen mit der Bezugsperson zeigen sie dagegen Überimitation. Es ist also kein Widerspruch, sondern eine flexible Nutzung sozialer Informationen (siehe auch Verhaltensflexibilität beim Hund).
Die Rolle der Domestikation
Hunde haben sich über Jahrtausende an das Leben mit Menschen angepasst und dabei eine ausgeprägte Fähigkeit entwickelt, menschliche Gesten, Blicke und Aufmerksamkeit zu lesen (mehr dazu: Hund-Mensch-Kommunikation und der Research-Artikel Dogs Understand Human Gestures, englischsprachig). Diese Aufmerksamkeit für den Menschen könnte auch erklären, warum Hunde – anders als Menschenaffen – überhaupt geneigt sind, menschliche Handlungen so genau zu kopieren, dass sie sogar Überflüssiges übernehmen. Überimitation wäre dann eine Art „Nebenprodukt" der besonders engen Ausrichtung des Hundes auf den Menschen.
Was bedeutet das fürs Hundetraining?
Demonstrationen wirken – aber nicht mechanisch. Hunde erfassen oft das Ziel einer Handlung und kopieren nicht zwangsläufig jeden Schritt. Zeig also klar, worum es geht, statt dich auf exakte Bewegungsübernahme zu verlassen.
Die Beziehung ist ein zentraler Lernfaktor. Dass Hunde vor allem ihre vertraute Bezugsperson nachahmen, unterstreicht, wie sehr modernes, beziehungsbasiertes Training auf einer stabilen Bindung aufbaut.
„Do as I do" gezielt nutzen. Die Methode nutzt genau diese Nachahmungsfähigkeit und eignet sich besonders für Hunde mit enger Bindung zu ihrem Menschen.
Eigene Lösungswege zulassen. Dass viele Hunde effiziente eigene Strategien finden, ist kein „Ungehorsam", sondern ein Zeichen für aktives Mitdenken.
Was die Forschung (noch) nicht zeigt
Die Deutung ist offen. Ob Überimitation beim Hund wirklich sozial motiviert ist oder (teils) auf einem Missverständnis von Ursache und Wirkung beruht, ist noch nicht abschließend geklärt.
Nicht mit menschlichem Normenlernen gleichsetzen. Kinder überimitieren, um soziale Regeln und Zugehörigkeit zu lernen. Beim Hund fehlt der Beleg, dass dieselben „normativen" Prozesse dahinterstehen – die Ähnlichkeit im Verhalten sagt nichts über identische Ursachen.
Begrenzte Datenbasis. Ein Großteil der Belege stammt aus wenigen Arbeitsgruppen und mit überschaubaren Stichproben; die Effekte sind real, aber moderat und variabel.
Große individuelle Unterschiede. Ob ein Hund überimitiert, hängt von Bindung, Erfahrung und Persönlichkeit ab – es ist kein fester „Artmerkmal-Automatismus".
Fazit
Die verbreitete Vorstellung, Hunde seien reine Effizienz-Pragmatiker, die Überflüssiges einfach weglassen, greift zu kurz. Tatsächlich gehört der Hund zu den wenigen Tierarten, bei denen Überimitation nachgewiesen wurde – und zwar in einer Form, die stark von der Beziehung zum Menschen abhängt. Gleichzeitig kopieren Hunde nicht blind: Sie wägen ab, richten sich oft nach dem Ziel und finden eigene Wege.
Das macht Hunde zu flexiblen sozialen Lernern: mal effizient und zielorientiert, mal „sozial mitmachend", weil die Bindung zum Menschen zählt. Für die Praxis heißt das vor allem eines – die Beziehung ist nicht nur nett, sondern ein zentraler Motor des Lernens. Wer sie versteht und pflegt, kann soziales Lernen gezielt nutzen, ganz ohne Druck oder aversive Methoden.
Quellen
Fugazza, C., & Miklósi, Á. (2014). Should old dog trainers learn new tricks? The efficiency of the Do as I do method and shaping/clicker training method to train dogs. Applied Animal Behaviour Science, 153, 53–61.
Fugazza, C., et al. (2023). Spontaneous action matching in dog puppies, kittens and wolf pups. Scientific Reports, 13, 2094.
Huber, L., Popovová, N., Riener, S., Salobir, K., & Cimarelli, G. (2018). Would dogs copy irrelevant actions from their human caregiver? Learning & Behavior, 46(4), 387–397.
Huber, L., Kubala, D., & Cimarelli, G. (2022). Overimitation in dogs: Is there a link to the quality of the relationship with the caregiver? Animals, 12(3), 326.
Huber, L., Salobir, K., Mundry, R., & Cimarelli, G. (2020). Selective overimitation in dogs. Learning & Behavior, 48(1), 113–123.
Johnston, A. M., Holden, P. C., & Santos, L. R. (2017). Exploring the evolutionary origins of overimitation: A comparison across domesticated and non-domesticated canids. Developmental Science, 20(4), e12460.
Mackie, L., & Huber, L. (2023). Socially priming dogs in an overimitation task. Frontiers in Psychology, 14, 1063132.
Range, F., Viranyi, Z., & Huber, L. (2007). Selective imitation in domestic dogs. Current Biology, 17(10), 868–872.
Topál, J., Byrne, R. W., Miklósi, Á., & Csányi, V. (2006). Reproducing human actions and action sequences: "Do as I Do!" in a dog. Animal Cognition, 9(4), 355–367.
Häufige Fragen zu Überimitation bei Hunden
Wie Hunde durch Nachahmung lernen – Studien, Unterschiede zum Menschen und was das fürs Training bedeutet

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