Der MDR1-Gendefekt beim Hund – Ursachen, Risiken und verantwortungsvoller Umgang
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 15. Nov. 2024
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Das Wichtigste zuerst: Vier Dinge solltest du über MDR1 wissen. Erstens: Die Mutation macht deinen Hund nicht krank – sie macht ihn empfindlich gegenüber bestimmten Medikamenten. Ein betroffener Hund, der diese Wirkstoffe nie bekommt, ist ein gesunder Hund. Zweitens: Auch Träger mit nur einer Kopie sind betroffen; für mehrere Wirkstoffe sind auch bei ihnen Dosisreduktionen nötig. Drittens: Loperamid – der Wirkstoff in gängigen Durchfallmitteln aus der Humanapotheke – ist bei MDR1-Hunden schon in üblicher Dosierung neurotoxisch und grundsätzlich zu meiden. Und viertens: Nicht jedes neurologische Symptom bei einem MDR1-Hund ist „das MDR1" – Ataxie oder Zittern ohne vorherige Medikamentengabe gehören abgeklärt, nicht verwaltet.
Der MDR1-Gendefekt gehört zu den klinisch relevantesten genetischen Besonderheiten beim Hund, weil er die Verträglichkeit bestimmter Medikamente beeinflusst – und zu den am besten beherrschbaren. Dieser Artikel erklärt die Grundlagen, die betroffenen Rassen, die kritischen Wirkstoffe und den Umgang im Alltag.

1. Was der MDR1-Gendefekt ist
MDR1 steht für Multi Drug Resistance 1. Das betroffene Gen heißt heute ABCB1 und steuert die Produktion des Transportproteins P-Glykoprotein. Dieses Protein sitzt in Zellmembranen, unter anderem in der Blut-Hirn-Schranke, und pumpt bestimmte Substanzen aktiv aus empfindlichen Geweben heraus – vor allem aus dem zentralen Nervensystem.
Bei Hunden mit der Mutation funktioniert dieser Schutzmechanismus eingeschränkt oder gar nicht. Wirkstoffe, die sonst zuverlässig draußen bleiben, gelangen ins Gehirn und können dort schwere neurologische Symptome auslösen – im schlimmsten Fall tödlich.
Der entscheidende Punkt für dein Verständnis: Die Mutation selbst verursacht keine Erkrankung. Sie verändert nur, wie der Körper mit bestimmten Substanzen umgeht. Ein MDR1-betroffener Hund, der diese Substanzen nie erhält, lebt völlig unauffällig.
Zur Vererbung – eine Präzisierung
Die Mutation wird autosomal vererbt. Häufig liest man ergänzend „rezessiv" – für die praktische Medikamentensicherheit ist das aber irreführend.
Richtig ist: Es besteht ein Dosiseffekt. Hunde mit zwei Kopien sind schwer betroffen. Hunde mit einer Kopie haben eine verminderte P-Glykoprotein-Funktion und reagieren ebenfalls empfindlicher – für mehrere Wirkstoffgruppen sind auch bei ihnen ausdrücklich Dosisreduktionen erforderlich (Washington State University, o. J.).
Wer „Träger" hört und daraus „nicht betroffen, gibt es nur weiter" schließt, liegt bei MDR1 falsch.
Genotyp | Bezeichnung | Was das bedeutet |
+/+ | frei | keine Mutation, P-Glykoprotein funktioniert normal |
+/− | Träger | eine Kopie; verminderte Funktion, Dosisanpassungen für mehrere Wirkstoffe nötig, Weitergabe an Nachkommen möglich |
−/− | betroffen | zwei Kopien; stark eingeschränkte Funktion, hohes Risiko schwerer Nebenwirkungen |
2. Welche Rassen betroffen sind
Der Defekt tritt vor allem bei Hütehunden und verwandten Rassen auf. Nach Angaben der Washington State University, an der die Mutation entdeckt wurde, sind bis zu 75 Prozent der Hunde einzelner Rassen betroffen oder Träger.
Besonders häufig: Collie in Lang- und Kurzhaar, Australian Shepherd, Shetland Sheepdog, Longhaired Whippet, Silken Windhound.
Auch bei einigen weiteren Rassen wurde die Mutation beschrieben, darunter Border Collie, Weißer Schweizer Schäferhund, McNab Shepherd, Old English Sheepdog, English Shepherd und Deutscher Schäferhund. Die Häufigkeit liegt hier deutlich unter der bei Collie, Sheltie und Australian Shepherd.
Mischlinge mit Anteilen dieser Rassen können ebenfalls betroffen sein.
Die genauen Häufigkeiten schwanken je nach Rasse, Zuchtlinie und Region erheblich. Verlass dich deshalb nicht auf Prozentangaben, sondern auf den Test deines Hundes – die Zahlen beschreiben Populationen, nicht Einzeltiere.
Zu einer anderen genetischen Besonderheit, die bei denselben Rassen vorkommt: Merle-Hunde.
3. Kritische Medikamente
Nicht alle Medikamente sind problematisch. Kritisch sind Wirkstoffe, die normalerweise durch P-Glykoprotein aus dem Gehirn ferngehalten werden. Die folgende Einteilung folgt den Angaben der Washington State University.
Wichtig vorab: Diese Übersicht ersetzt keine tierärztliche Entscheidung. Sie soll dir helfen, das Gespräch zu führen – nicht, selbst zu dosieren oder abzusetzen.
Grundsätzlich meiden
Loperamid – der Wirkstoff in gängigen rezeptfreien Durchfallmitteln. Nach Angaben der Washington State University verursacht er bei Hunden mit MDR1-Mutation bereits in den zur Durchfallbehandlung üblichen Dosen neurologische Vergiftungserscheinungen und sollte bei allen Hunden mit der Mutation gemieden werden. Ein entsprechender Fall ist in der Fachliteratur dokumentiert (Sartor et al., 2004).
Das ist der praktisch wichtigste Punkt des ganzen Artikels, weil Loperamid frei verkäuflich ist und in vielen Hausapotheken liegt. Es gibt hier keine sichere niedrige Dosis.
Dosisabhängig kritisch
Ivermectin. Die zur Herzwurmprophylaxe verwendete Dosis von 6 Mikrogramm pro Kilogramm gilt auch für Hunde mit der Mutation als sicher. Die zur Räudebehandlung eingesetzten Dosierungen von 300 bis 600 Mikrogramm pro Kilogramm verursachen dagegen bei Hunden mit zwei Kopien der Mutation neurologische Vergiftungen und können auch bei Trägern mit einer Kopie toxisch wirken. Toxische Wirkungen sind ab etwa dem Zehn- bis Zwanzigfachen der Prophylaxedosis dokumentiert. Die individuelle Empfindlichkeit kann variieren – diese Angaben sind keine Grenzdosis, aus der sich ableiten ließe, was noch geht.
Eine konkrete Warnung dazu: Ivermectin-Pasten für Großtiere sind eine bekannte Vergiftungsquelle. Sie sind für Pferde dosiert, und schon kleine Restmengen liegen für einen Hund weit über dem kritischen Bereich. Solche Präparate gehören nicht in die Reichweite von Hunden – und nie in Eigenregie angewendet.
Weitere makrozyklische Laktone wie Eprinomectin, Doramectin, Moxidectin und Selamectin gehören ebenfalls in diese Gruppe. Ob und in welcher Dosierung sie einsetzbar sind, entscheidet die Tierärztin.
Milbemycinoxim ist in der üblichen Entwurmungsdosis meist unproblematisch, in höheren Dosierungen dagegen kritisch.
Dosisreduktion erforderlich – auch bei Trägern
Für die folgenden Wirkstoffe sind nach Angaben der Washington State University Dosisreduktionen erforderlich, und zwar sowohl bei betroffenen Hunden als auch bei Trägern mit nur einer Kopie:
Acepromazin (Beruhigungs- und Prämedikationsmittel)
Butorphanol (Schmerz- und Prämedikationsmittel)
Chemotherapeutika wie Vincristin, Vinblastin, Doxorubicin und Paclitaxel
Zu den Chemotherapeutika eine wichtige Klarstellung: Sie sind nicht grundsätzlich verboten. Erforderlich ist eine Dosisanpassung, um schwere Toxizität zu vermeiden. Ein MDR1-Status schließt eine Krebsbehandlung also nicht aus – er macht sie planungsbedürftig.
Apomorphin, das zum Auslösen von Erbrechen nach Giftaufnahme eingesetzt wird, steht ebenfalls auf der Liste der problematischen Wirkstoffe. Das ist im Notfall relevant: Wenn dein Hund etwas Giftiges gefressen hat, gehört der MDR1-Status ins allererste Gespräch.
Und bei jeder Narkose: Der MDR1-Status gehört in die Narkoseplanung, ebenso vor Zahnbehandlungen.
4. Vergiftungssymptome – ein Notfall
Wenn ein MDR1-betroffener Hund einen ungeeigneten Wirkstoff erhält, können innerhalb von Stunden schwere Symptome auftreten.
Neurologisch: Zittern und Muskelzuckungen, Taumeln und Gleichgewichtsstörungen, Koordinationsprobleme, überschießende Bewegungen, Krampfanfälle, Bewusstseinsstörungen bis zum Koma, Sehstörungen bis zur vorübergehenden Blindheit.
Allgemein: Erbrechen, Durchfall, ausgeprägte Müdigkeit und Apathie, erweiterte Pupillen, vermehrtes Speicheln, Orientierungslosigkeit.
Verzögert: Bei einigen Wirkstoffen, etwa Chemotherapeutika, können Symptome verzögert einsetzen oder über Tage anhalten – auch nach Absetzen des Medikaments.
Was zu tun ist: Sofort in die Praxis oder Klinik, und den MDR1-Status ungefragt und als Erstes nennen. Nimm die Packung des Medikaments mit. Warte nicht ab, ob es von selbst besser wird.
Was in eine Notfallausstattung gehört, haben wir hier zusammengestellt.
5. Was MDR1 nicht ist
Dieser Abschnitt ist wichtig, weil sich in Ratgebern hartnäckig eine Verwechslung hält.
Ataxie, Zittern, Überempfindlichkeit, Orientierungslosigkeit, Sehstörungen und Erbrechen sind die Symptome einer akuten Medikamentenvergiftung. Sie sind keine dauerhaften Begleiterscheinungen des MDR1-Status. Ein Hund mit zwei Kopien der Mutation, der keine kritischen Wirkstoffe erhalten hat, zeigt keine dieser Erscheinungen.
Warum das zählt: Wenn dein MDR1-Hund unabhängig von einer Medikamentengabe anfängt zu taumeln, zu zittern oder unsicher zu werden, dann ist das kein MDR1-Symptom, das man mit rutschfesten Teppichen verwaltet. Es ist ein Befund, der abgeklärt gehört – und die Ursachen dafür sind dieselben wie bei jedem anderen Hund auch.
Die Mutation als Erklärung für unklare Symptome heranzuziehen, ist deshalb keine harmlose Vereinfachung, sondern kann dazu führen, dass eine behandelbare Erkrankung zu spät erkannt wird.
Ein Hinweis jenseits der Medikamente
Es gibt Hinweise darauf, dass die MDR1-Mutation auch mit Veränderungen der Stresshormonregulation zusammenhängen kann – beschrieben ist eine Neigung zu relativer Nebennierenschwäche bei schwerer Erkrankung. Klinisch entscheidend bleibt jedoch die Bedeutung für die Medikamentenverträglichkeit.
Praktisch heißt das lediglich: Nenne den Status auch dann, wenn dein Hund ernsthaft erkrankt und es gar nicht um die kritischen Wirkstoffe geht. Die Einordnung übernimmt die Tierärztin.
6. Der Gentest
Die Bestimmung ist unkompliziert und erfolgt über einen Backenabstrich oder eine Blutprobe. In Deutschland bietet unter anderem Laboklin den Test an; die Washington State University, an der die Mutation entdeckt wurde, testet international und bietet dabei eine pharmakologische Beratung zu Wirkstoffen und Dosierungen an. Weitere spezialisierte Labore in Europa führen den Test ebenfalls durch.
Wann testen:
vor der ersten Gabe kritischer Wirkstoffe, insbesondere vor Entwurmung und Narkose
bei Welpen betroffener Rassen, idealerweise vor dem ersten Tierarztbesuch
bei unklarer Abstammung, wenn der Hund einer betroffenen Rasse ähnelt
vor dem Zuchteinsatz
Ein Hinweis zur Praxis: Der Test ist einmalig und gilt lebenslang. Lass ihn in der Patientenkartei hinterlegen und trag den Status zusätzlich am Halsband oder im Impfpass ein – im Notfall ist nicht immer die vertraute Praxis zuständig.
7. MDR1 und Zucht
Da beide Elterntiere ihre Kopien weitergeben, lässt sich die Häufigkeit durch geplante Verpaarung senken.
Verpaarung | Nachkommen |
frei × frei | 100 % frei |
frei × Träger | 50 % frei, 50 % Träger |
frei × betroffen | 100 % Träger |
Träger × Träger | 25 % frei, 50 % Träger, 25 % betroffen |
Träger × betroffen | 50 % Träger, 50 % betroffen |
betroffen × betroffen | 100 % betroffen |
Verantwortungsvolle Zucht testet die Zuchttiere und plant so, dass keine betroffenen Welpen entstehen. Der MDR1-Status ist dabei kein Grund, einen Hund grundsätzlich von der Zucht auszuschließen – gerade in Rassen mit hoher Häufigkeit würde das den Genpool unnötig verengen. Er ist ein Grund, die Verpaarung bewusst zu wählen.
Wichtig für Welpenkäufer: Auch Träger sollten getestet und der Status offengelegt werden, damit die neuen Halter ihn kennen. Ein Träger ist medikamentös nicht unauffällig.
Worauf du bei der Züchterwahl sonst achten solltest: Woran erkennt man einen seriösen Züchter?
8. Checkliste für den Alltag
Status testen lassen – bei betroffenen Rassen und Mischlingen, vor der ersten kritischen Medikamentengabe.
Ergebnis hinterlegen – in der Patientenkartei, im Impfpass, sichtbar am Halsband.
Bei jedem Termin nennen – ungefragt, auch bei Vertretungen und im Notdienst.
Humanapotheke tabu – besonders Durchfallmittel mit Loperamid. Keine Reste, keine „nur ganz wenig".
Entwurmung und Parasitenschutz besprechen – bevor etwas gegeben wird, nicht danach.
Narkosen ankündigen – der Status gehört in die Planung.
Bei Zuchtinteresse – beide Elterntiere testen lassen und nach dem Ergebnis fragen.
Warum Mittel aus der eigenen Hausapotheke beim Hund grundsätzlich riskant sind, haben wir in einem gesonderten Beitrag beschrieben.
Fazit
MDR1 ist kein Urteil, sondern eine Information – und zwar eine, die den Unterschied zwischen einem unauffälligen Hundeleben und einem Notfall ausmachen kann.
Die drei Dinge, die zählen:
Testen und dokumentieren. Einmal im Leben, dann überall hinterlegen.
Loperamid streichen. Der frei verkäufliche Wirkstoff ist bei MDR1-Hunden schon in üblicher Dosierung gefährlich – hier gibt es keine sichere kleine Menge.
Nicht jedes Symptom auf MDR1 schieben. Taumeln oder Zittern ohne vorherige Medikamentengabe ist ein Fall für die Untersuchung, nicht für Anpassungen im Haushalt.
Die Herausforderung liegt nicht in der Mutation, sondern im Wissen um sie. Wer den Status kennt und weitergibt, nimmt ihr den größten Teil ihrer Gefährlichkeit.
Quellen
Mealey, K. L. (2006). Adverse drug reactions in dogs with the ABCB1 (MDR1) gene mutation. Journal of Veterinary Pharmacology and Therapeutics, 29(Suppl. 1), 1–4.
Mealey, K. L., & Burke, N. S. (2015). ABCB1 (MDR1) genotyping in dogs: Clinical implications and testing. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice, 45(5), 1007–1019.
Mealey, K. L., & Meurs, K. M. (2008). Breed distribution of the ABCB1-1Δ (MDR1) gene mutation among dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association, 233(3), 406–409.
Sartor, L. L., Bentjen, S. A., Trepanier, L., & Mealey, K. L. (2004). Loperamide toxicity in a collie with the MDR1 mutation associated with ivermectin sensitivity. Journal of Veterinary Internal Medicine, 18(1), 117–118.
Washington State University, Veterinary Clinical Pharmacology Laboratory / Program in Individualized Medicine. (o. J.). Problem medications for dogs – MDR1 (ABCB1). https://waddl.vetmed.wsu.edu/mdr1-in-dogs/
Mit Einschränkung
Die Angaben zu Wirkstoffen, Dosisbereichen und zur Stresshormonregulation beruhen auf der öffentlich zugänglichen Fachinformation der Washington State University, an der die MDR1-Mutation ursprünglich beschrieben wurde. Die dort verlinkten Primärarbeiten wurden für diese Fassung nicht einzeln im Volltext geprüft. Die Arbeiten von Mealey (2006), Mealey und Burke (2015) sowie Mealey und Meurs (2008) sind bibliografisch belegt und dienten der Einordnung der klinischen Bedeutung des MDR1-Status.
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Beratung und ist keine Anleitung zur Medikamentengabe. Welche Wirkstoffe in welcher Dosierung für deinen Hund infrage kommen, entscheidet ausschließlich die behandelnde Tierärztin oder der behandelnde Tierarzt. Bei Verdacht auf eine Medikamentenreaktion wende dich unverzüglich an den tierärztlichen Notdienst.

Häufige Fragen zum MDR1-Gendefekt beim Hund
Wichtige Infos zu Risiken, Medikamenten, Tests und dem sicheren Umgang im Alltag

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