Desensibilisierung und Gegenkonditionierung beim Hund: Angst Schritt für Schritt verändern
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- vor 1 Tag
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Das Wichtigste zuerst: Vier Dinge entscheiden, ob diese Methode deinem Hund hilft. Erstens: Wiederholte Konfrontation mit einem Auslöser hat nicht eine, sondern zwei mögliche Wirkungen – der Hund gewöhnt sich daran (Habituation) oder er reagiert immer stärker (Sensibilisierung). Welche eintritt, entscheidet vor allem die Reizintensität. Zweitens: „Er gewöhnt sich schon dran" ist deshalb ein Münzwurf – und landet oft falsch, gerade bei den Hunden, um die es wirklich geht. Drittens: Die entscheidende Variable ist die Reizschwelle. Bleibt der Hund darunter, kann er lernen; kippt er darüber, wird er schlechter, während das Training äußerlich normal weiterläuft. Ein besonders hilfreicher praktischer Marker dafür ist Futterverweigerung bei einem Hund, der sonst gern frisst. Viertens: Rückfälle sind bei dieser Methode eingebaut – kein Zeichen von Versagen, sondern erwartbares Verhalten des Mechanismus.
Stell dir zwei Halter vor, die für dasselbe Problem denselben Rat bekommen: den Hund langsam, wiederholt und mit Futter an das Gefürchtete heranführen. Nach sechs Wochen ist der eine Hund ruhiger – der andere schlechter als zuvor. Nichts an der Anweisung unterschied die beiden Fälle, und der Unterschied liegt in genau den Variablen, die der Standardrat meist weglässt. Genau die schauen wir uns hier gründlich an: das Lernen, das unter der Methode liegt, was Desensibilisierung und Gegenkonditionierung wirklich tun, die Schwelle, an der alles hängt, was die Studienlage zeigt – und warum Rückfall zur Methode gehört statt sie zu widerlegen.

Warum dieselbe Übung hilft – oder schadet
Ganz unten liegt die einfachste Form des Lernens überhaupt – und sie hat zwei gegensätzliche Ausgänge. Habituation bedeutet: Die Reaktion auf einen wiederholten Reiz nimmt ab. Nichts wird dabei mit etwas anderem verknüpft, und es ist weder Sinnesermüdung noch Muskelmüdigkeit, sondern eine echte Veränderung darin, wie das Nervensystem antwortet. Sensibilisierung ist das Spiegelbild: Die Reaktion auf denselben wiederholten Reiz nimmt zu. Gleiches Vorgehen, entgegengesetztes Ergebnis. Beide gibt es quer durch das Tierreich – und wiederholte Konfrontation allein legt nicht fest, welches von beiden du bekommst.
Rankin und Kolleg:innen (2009) haben die bis heute maßgebliche Beschreibung der Gewöhnung zusammengetragen. Mehrere ihrer Merkmale lassen sich direkt in die Praxis übersetzen:
Die Reizintensität ist der Dreh- und Angelpunkt. Schwache Reize führen zu mehr und schnellerer Gewöhnung; starke oder beängstigende Reize führen eher zu Sensibilisierung. Genau deshalb ist Arbeit unterhalb der Schwelle keine Verfeinerung der Konfrontation, sondern ihre Voraussetzung.
Die Häufigkeit wirkt in beide Richtungen. Häufigere Wiederholung führt zu schnellerer Gewöhnung – aber diese Gewöhnung ist auch flüchtiger. Zeitlich verteilte Wiederholungen gewöhnen langsamer, halten dafür länger.
Gewöhnung ist reizspezifisch. Sie überträgt sich nicht automatisch auf einen anderen Reiz – deshalb ist ein Hund, der sich an aufgenommenes Gewitter gewöhnt hat, nicht automatisch an echtes Gewitter gewöhnt.
Sie erholt sich von selbst. Setzt der Reiz eine Weile aus, kehrt die Reaktion zurück – ein Punkt, der später beim Thema Rückfall wichtig wird.
Wiederholte Trainingsserien führen zu fortschreitend schnellerer Gewöhnung. Das ist der eigentliche Grund, mehrere kurze Einheiten zu machen statt einer langen.
Es gibt Dishabituation. Ein starker fremder Reiz kann eine schon abgebaute Reaktion wiederherstellen. Praktisch heißt das: Ein einziger unabhängiger Schreck kann angesammelten Fortschritt wieder aufheben.
Warum das zuerst kommt? Weil jede Methode weiter unten darauf aufbaut. Ist die Konfrontation zu intensiv, läuft im Untergrund Sensibilisierung – und kein noch so gutes Futter, kein sauberes Timing und keine geduldige Wiederholung verwandeln das in Gewöhnung. Der Hund wird schlechter, und das Training sieht aus wie gescheitert, obwohl es in Wahrheit nie richtig lief.
Praxisbeispiel: Alma hat Angst vor Gewitter. In bester Absicht spielt ihr Mensch täglich Gewittergeräusche ab – nur eben zu laut. Statt sich zu gewöhnen, wird Alma von Woche zu Woche schreckhafter. Nicht die Methode war falsch, sondern die Intensität: Über der Schwelle lief die ganze Zeit Sensibilisierung statt Gewöhnung.
Desensibilisierung und Gegenkonditionierung – was sie wirklich tun
Desensibilisierung ist die systematische, schrittweise Konfrontation mit dem auslösenden Reiz – aber auf einer Stufe unterhalb der Schwelle, ab der Angst entsteht. Die Intensität wird erst gesteigert, wenn der Hund entspannt bleibt. Diese „Intensität" kann Distanz, Lautstärke, Dauer, Bewegung oder Nähe sein – je nach Auslöser. Der Begriff stammt aus der systematischen Desensibilisierung der menschlichen Psychotherapie (Wolpe 1958), wo Entspannung ein fester Bestandteil war – ein Punkt, der in der Tierliteratur weitgehend verloren gegangen ist und der später noch einmal wichtig wird.
Gegenkonditionierung koppelt den gefürchteten Reiz mit etwas, das der Hund liebt, sodass sich verändert, was der Reiz ankündigt: Aus „gleich passiert etwas Unangenehmes" wird „gleich passiert etwas Gutes". Kurz gesagt verändert Desensibilisierung die Intensität, die der Hund verträgt, und Gegenkonditionierung die Bedeutung des Reizes. In der Praxis kombiniert man beides fast immer – deshalb behandeln wir sie hier als eine Methode.
Zwei Abgrenzungen sind entscheidend, weil sie oft verwechselt werden.
Reizüberflutung („Flooding") setzt den Hund dem Reiz in voller Stärke aus, ohne Ausweg, bis die Reaktion nachlässt – genau das Vorgehen, das oben zu Sensibilisierung führt. Wo ein Entkommen wirklich unmöglich ist, kippt es zusätzlich in den Verlust von Kontrolle über die eigene Lage (der revidierte Rahmen der „erlernten Hilflosigkeit", Maier & Seligman 2016). Dass ein Hund dabei irgendwann „ruhig" wird, ist kein Erfolg: Weniger sichtbares Verhalten ist kein Beweis für einen veränderten Gefühlszustand – das ist der ganze Unterschied zwischen Emotion und bloßem Verhalten.
Löschung (Extinktion) zeigt den Reiz nur ohne die schlimme Folge, fügt aber nichts Positives hinzu. Gegenkonditionierung gibt dem Hund dagegen etwas zu tun und etwas zu erwarten, während Löschung nur eine Vorhersage entfernt – und Löschung allein geht mit deutlich mehr „Bursting" einher, also einem kurzzeitigen Aufflammen des Verhaltens, bevor es nachlässt (Lerman & Iwata 1995).
Die Schwelle: die eine Variable, an der alles hängt
Die Schwelle ist die Intensität, ab der der Hund eine Angstreaktion zeigt. Darunter kann Konfrontation zu Gewöhnung führen, und der Hund ist ansprechbar und lernfähig. Über dieser individuellen Schwelle steigt das Risiko, dass die Angstreaktion verstärkt statt reduziert wird (Sensibilisierung), und der Hund ist für Lernen kaum noch erreichbar. Alles andere im Training – das Futter, das Timing, die Länge der Einheiten – ist diesem einen Punkt nachgeordnet.
Ein besonders hilfreicher praktischer Marker ist Futterverweigerung bei einem Hund, der sonst gern frisst. Das ist eindeutig, leicht zu sehen und zeigt sich oft, bevor die feineren Signale sicher lesbar sind. Verlass dich aber nicht allein darauf: Manche Hunde fressen auch unter deutlichem Stress weiter – dann verraten die übrigen Signale mehr. Danach kommen: ein starrer statt beiläufiger Blick, ein „steifer" werdender Körper, ein geschlossenes oder verspanntes Maul, eine schnellere Atmung ohne Anstrengung und ein Hund, der auf seinen Namen nicht mehr reagiert. Mehrere dieser Signale zusammen sagen mehr aus als ein einzelnes.
Und die Schwelle ist nicht fix – sie wandert: mit Schlaf, mit der Stressbelastung der letzten Tage, mit Hormonen, mit der Tagesform und ganz besonders mit Schmerz. Schmerz senkt die Schwelle und wird regelmäßig übersehen (Mills et al. 2020). Wenn ein Training ohne erkennbaren Grund stockt, lohnt der Blick auf den Körper und der Gang zur Tierärztin. Eine Distanz, die letzte Woche funktioniert hat, kann heute zu klein sein – das ist keine „Inkonsequenz" des Hundes, und schon gar kein Trotz. Wie hoch die Schwelle liegt und wie steil sie ansteigt, ist zudem von Hund zu Hund verschieden, weshalb sich die Parameter individuell und nicht nach starrer Regel setzen lassen.
So baust du es sauber auf
Finde den echten Auslöser. Nicht „Angst vor Besuch", sondern welcher Bestandteil: die Türklingel, das Klopfen, das Hereinkommen, die direkte Annäherung, die ausgestreckte Hand? Viele Pläne scheitern, weil sie eine zusammengesetzte Situation als einen einzigen Reiz behandelt haben.
Wähle die richtige Intensitätsdimension. Distanz ist der Standard, aber nicht immer richtig: Bei Geräuschen ist es die Lautstärke, beim Handling Dauer und Druck, bei einem sich bewegenden Auslöser das Tempo.
Bestimme den Startpunkt praktisch: die Intensität, bei der dein Hund den Reiz bemerkt und trotzdem entspannt frisst – und dann arbeitest du knapp darunter.
Nutze wirklich hochwertige Belohnung. Sie muss die Angst überbieten. Trockenfutter reicht bei starken Auslösern häufig nicht aus, weil die Belohnung emotional nicht mit der Situation konkurrieren kann.
Achte auf die Reihenfolge: erst der Auslöser, dann das Futter. Der Auslöser kündigt das Futter an. Kommt das Futter regelmäßig vor dem Auslöser, kehrt sich die Verknüpfung um – und die Belohnung selbst wird zum Warnsignal.
Kurze Einheiten, oft wiederholt. Wiederholte kurze Serien führen zu fortschreitend schnellerer Gewöhnung, während lange Einheiten das Risiko erhöhen, dass der ermüdende Hund über die Schwelle rutscht.
Steigere nach dem Hund, nicht nach dem Kalender – erhöhe die Intensität erst, wenn der Hund auf der aktuellen Stufe zuverlässig entspannt ist und frisst, und sei bereit, einen Schritt zurückzugehen.
Manage zwischen den Einheiten. Unkontrollierte Konfrontation in voller Stärke zwischendurch macht die Arbeit zunichte; wegen der Dishabituation kann ein einziger ungeplanter Vorfall Wochen kosten. Management ist kein Trainingsversagen, sondern das, was das Training schützt.
Praxisbeispiel: Tamme frisst zu Hause für sein Leben gern. Beim Training an einer viel befahrenen Straße nimmt er plötzlich kein einziges Leckerli mehr – für seinen Menschen das klare Signal „über der Schwelle". Sie gehen so weit zurück, bis Tamme wieder frisst, und arbeiten von dort. Kein Drüberhinweg-Üben, kein Drängen – einfach mehr Abstand.
Was die Studienlage sagt
Ehrlich bleiben: Desensibilisierung und Gegenkonditionierung ist die am häufigsten empfohlene Behandlung von Angst beim Hund – und ruht auf einer dünneren Studienbasis, als dieser Status vermuten lässt. Ein systematisches Review fand nur 14 einschlägige Studien (12 begutachtete Arbeiten plus 2 Dissertationen), mit uneinheitlichen Definitionen und starker Abhängigkeit von der Umsetzungsqualität (Shnookal et al. 2024). Die wichtigste kontrollierte Desensibilisierungs-Studie zu Trennungsverhalten umfasste acht Hunde (Butler et al. 2011). Riemer (2023) wiederum zählt Entspannungstraining und Gegenkonditionierung an echten Alltagsreizen zu den besser belegten Ansätzen bei Geräuschangst.
Das ist kein Argument gegen die Methode – sie ist gut in der Lerntheorie verankert, tierschutzkonform, setzt am Gefühl an statt es zu unterdrücken, und hat echte canine Belege. Es ist ein Argument gegen zu selbstsichere Erfolgsquoten und dafür, die Umsetzungsqualität als echte Variable ernst zu nehmen statt als Nebensache.
Der überraschende Befund
Ein Ergebnis verdient besondere Aufmerksamkeit. Riemer (2020) befragte 1.225 Halter von Hunden mit Feuerwerksangst dazu, was sie genutzt hatten und wie gut es half. Die als wirksam bewerteten Anteile lohnen die genaue Nennung: ad-hoc-Gegenkonditionierung – im Alltag einfach nach jedem lauten Geräusch etwas Gutes geben – lag bei 70,8 % (von 694 Haltern), Entspannungstraining bei 69,3 % (n = 433), und ausgerechnet das formale Geräusch-Aufnahme-Protokoll (die klinische Standardempfehlung) bei 55 % (n = 377). Angst-Westen kamen auf 44 %. Das informelle Vorgehen wurde also besser bewertet als das empfohlene Standardprotokoll.
Das ist mit Vorsicht zu lesen: eine Halterbefragung mit selbstgewählter Stichprobe und subjektiv wahrgenommener Wirksamkeit, kein kontrollierter Vergleich. Halter, die sich für unterschiedliche Methoden entschieden, hatten womöglich systematisch unterschiedliche Hunde – und der Schweregrad ist ein plausibler Störfaktor, weil gerade die am stärksten betroffenen Hunde eher auf einem formalen Protokoll landen. Was der Befund aber zeigt: Ad-hoc-Gegenkonditionierung, die in der Fachliteratur kaum vorkommt, ist weit verbreitet und wird als hilfreich erlebt.
Warum das stimmen könnte, ist gut begründbar. Aufgenommenes Geräusch ist ein anderer Reiz als echtes Geräusch, und Gewöhnung ist reizspezifisch – die Übertragung von der Aufnahme auf das reale Ereignis ist nicht garantiert. Ad-hoc-Arbeit findet im echten Kontext statt und umgeht diese Lücke. Und formale Protokolle sind anspruchsvoll korrekt umzusetzen, sodass ihre Alltagsleistung eher Umsetzungsfehler widerspiegeln könnte als ein Versagen der Methode. Riemers eigene Empfehlung war denn auch nicht, formale Protokolle abzuschaffen, sondern sie durch ad-hoc-Gegenkonditionierung und Entspannungstraining zu ergänzen. Dass Entspannung mit fast 70 % so gut abschneidet, ist bemerkenswert – sie war bei Wolpe ein Kernbestandteil und ist in der Tierverhaltens-Literatur randständig geworden; die caninen Daten legen nahe, dass diese Auslassung ein Fehler war.
Der praktische Schluss ist bescheiden und nützlich: Verbinde systematisches Training mit gezielter Gegenkonditionierung an echten Alltagsgeräuschen – und behandle den alltäglichen Schreck als Trainingschance, nicht als Rückschlag.
Praxisbeispiel: Als es auf dem Spaziergang unerwartet laut knallt, zuckt Hilde zusammen – und ihr Mensch lässt sofort eine Handvoll besonders guter Leckerli regnen. Kein großes Protokoll, nur der richtige Moment: Der Knall kündigt etwas Gutes an. Über viele solcher Alltagsmomente verliert das Geräusch seinen Schrecken.
Warum Protokolle scheitern
Für die meisten Fehlschläge sind wenige Gründe verantwortlich – und fast alle sind vermeidbar:
Arbeit über der Schwelle, was die ganze Übung in Sensibilisierung verwandelt.
Zu schnelles Steigern – derselbe Fehler, nur später.
Zu schwache Belohnung, die mit der Angst nicht konkurrieren kann.
Umgekehrte Reihenfolge – Futter vor dem Auslöser statt danach.
Ungemanagte Konfrontation zwischen den Einheiten, verstärkt durch Dishabituation.
Eine unbeachtete körperliche Ursache, am häufigsten Schmerz.
Ein siebter Grund gehört auf die Liste, weil er unsichtbar ist: Der Auslöser wurde falsch bestimmt – und das Training desensibilisiert den Hund geduldig gegen etwas, wovor er nie Angst hatte. Wenn ein sauber wirkender Plan trotzdem nicht greift, lohnt vor allem die Frage, ob der eigentliche Auslöser überhaupt getroffen wird.
Rückfall ist eingebaut – kein Versagen
Das wird im Gespräch am häufigsten unterschlagen: Gegenkonditionierung und Desensibilisierung wirken vor allem über neues, hemmendes Lernen – nicht über das Löschen der ursprünglichen Angstverknüpfung. Die alte Erinnerung bleibt bestehen, sie wird überlagert, nicht gelöscht. Deshalb kann Angst aus drei Gründen zurückkehren – und alle drei sind normal (Bouton 2002):
Die alte Erinnerung verschwindet nicht. Nach längerer Pause kann die Reaktion von selbst wieder auftauchen (Spontanerholung).
Andere Umgebung, anderer Lernerfolg. Begegnet der Hund dem Auslöser an einem anderen Ort als dem Trainingsort, ist die Angst oft wieder da (Renewal).
Ein neuer Schreck kann die Angst reaktivieren. Ein einzelnes heftiges Erlebnis kann das alte Muster zurückholen (Reinstatement).
Rückfall ist also kein Beweis, dass das Training versagt hat – er ist das erwartbare Verhalten des Mechanismus.
Was Rückfälle reduziert (aus der Forschung zum Hemmungslernen, Craske et al. 2014, plausibel auf Hunde übertragbar): über mehrere Kontexte trainieren statt nur an einem Ort, den Reiz variieren statt konstant zu halten, und die Erwartungsverletzung als eigentlichen Wirkstoff behandeln – dass das Befürchtete nicht eintritt. Praktisch heißt das: Eine Einheit, in der der Hund unter der Schwelle blieb und nichts Schlimmes passierte, hat ihren Zweck erfüllt – auch wenn der Hund nicht sichtbar noch entspannter wurde.
Und was man bei einem Rückfall nicht tun sollte: nicht die Intensität hochschrauben, um „durchzuziehen", und die zurückkehrende Angst nicht bestrafen. Strafe auf angstgetriebenes Verhalten verschlechtert den Gefühlszustand und kann genau die Warnsignale entfernen, die den Zustand des Hundes lesbar machen (Schilder & van der Borg 2004; Vieira de Castro et al. 2020; Casey et al. 2021). Geh stattdessen zurück auf eine Intensität, die funktioniert, und bau von dort neu auf. Bei stark reaktiven Hunden – etwa an der Leine gegenüber anderen Hunden – ist genau dieses geduldige Arbeiten unter der Schwelle der ganze Hebel.
Grenzen der Evidenz
Damit die Einordnung ehrlich bleibt, gehören die Schwächen der Datenlage klar benannt:
Die kontrollierte Studienbasis ist klein. 14 Studien im systematischen Review, mit heterogenen Definitionen und kleinen Stichproben – für die meistempfohlene Verhaltensbehandlung des Feldes ein dünnes Fundament (Shnookal et al. 2024).
„Gegenkonditionierung" ist nicht einheitlich definiert. Über die Studien hinweg wird sie unterschiedlich beschrieben und umgesetzt, was das Zusammenfassen und Vergleichen begrenzt.
Der Riemer-Befund ist selbstberichtet. Selbstgewählte Stichprobe, wahrgenommene Wirksamkeit und ein wahrscheinlicher Schweregrad-Störfaktor. Er sollte ändern, was man zusätzlich ausprobiert – nicht, was man über die relative Wirksamkeit schlussfolgert.
Die Umsetzungsqualität ist eine große, unkontrollierte Variable. Schwelle lesen, Timing, Auswahl der Belohnung – all das schwankt zwischen Menschen. Studien zur Methode sind teils Studien über die Personen, die sie durchführen.
Die Übertragung von Aufnahmen auf echte Ereignisse ist angenommen, nicht bewiesen. Angesichts der Reizspezifität ist das eine offene empirische Frage mit direkten Folgen für die Praxis.
Positive Emotionen sind schwer messbar. Ein validierter Indikator für einen positiven Gefühlszustand beim Hund fehlt (Csoltova & Mehinagic 2020), und die üblichen Indikatoren unterscheiden Erregung bislang vor allem im negativen Bereich (Flint et al. 2024). Nachzuweisen, dass ein Hund entspannt ist und nicht nur weniger sichtbar gestresst, ist schwerer, als die Protokolle annehmen.
Prävention ist gegenüber Behandlung unterbeforscht. Feuerwerksangst gilt als vermeidbar wie behandelbar (Riemer 2019), doch die vorbeugende Anwendung – gerade in der sensiblen Entwicklungsphase des Welpen – ist weit schwächer belegt als die therapeutische.
Fazit
Desensibilisierung und Gegenkonditionierung ist die richtige Standardbehandlung für Angst beim Hund: gut in etablierten Lernprozessen verankert, tierschutzkonform, am Gefühl ansetzend statt es zu unterdrücken – und durch die caninen Daten gestützt. Sie ruht zugleich auf einer dünneren Studienbasis, als ihr Status vermuten lässt, hängt stark von der Umsetzung ab und kann die ursprüngliche Angst nicht löschen – weshalb Rückfall eine Eigenschaft der Methode ist, kein Urteil über sie. Das Wichtigste aus der zugrunde liegenden Wissenschaft ist der Punkt, der am häufigsten übersprungen wird: Wiederholte Konfrontation hat zwei mögliche Ausgänge, und die Reizintensität entscheidet. Unter der Schwelle lernt der Hund. Darüber steigt das Risiko, dass die Angst verstärkt statt reduziert wird – während das Training scheinbar normal weiterläuft. Alles andere – das Futter, das Timing, der Zeitplan – ist zweitrangig. Und das Nützlichste aus den Halterdaten: Auch die informelle Variante wirkt. Das Leckerli nach dem unerwarteten Knall auf einem gewöhnlichen Spaziergang ist nicht einfach nur Ablenkung, sondern kann Teil einer sinnvollen Gegenkonditionierung sein. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass alltagsnahe Gegenkonditionierung eine wichtige Ergänzung sein kann – sie ersetzt aber nicht automatisch strukturierte Trainingspläne, sondern arbeitet am besten mit ihnen zusammen.
Quellen
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