Cushing beim Hund: Anzeichen erkennen und richtig testen
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 23. Juli
- 10 Min. Lesezeit
Das Wichtigste zuerst: Fünf Dinge solltest du über das Cushing-Syndrom wissen. Erstens: Es entsteht durch einen dauerhaften Überschuss an Kortisol – und weil Kortisol überall wirkt, betrifft es Durst, Fell, Muskeln, Leber und Immunsystem gleichzeitig. Zweitens: Das verlässlichste Frühzeichen ist vermehrtes Trinken und Urinieren – und das kannst du zu Hause messen, bevor überhaupt ein Labor beteiligt ist. Drittens, und das ist der Kernsatz: Es wird nur getestet, wenn das klinische Bild passt. Die internationale Fachgruppe formuliert das ausdrücklich so – Hormontests bei einem Hund ohne passende Zeichen produzieren mehr falsche als richtige Ergebnisse. Viertens: Kein Test beweist Cushing. Alle gängigen Verfahren haben Fehlerquoten in beide Richtungen, und viele andere Erkrankungen verfälschen sie. Fünftens: Die Behandlung ist wirksam, aber nicht harmlos – sie muss engmaschig kontrolliert werden.
Cushing ist eine Erkrankung, bei der der Weg zur Diagnose selbst zum Problem werden kann. Dieser Artikel erklärt, woran du sie erkennst, warum ein Test ohne Verdacht mehr schadet als nützt und was die Behandlung leistet.
Hinweis: Dieser Beitrag ist allgemeine Aufklärung und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Eine begonnene Cushing-Behandlung wird nie eigenmächtig verändert oder abgesetzt.

Was beim Cushing passiert
Die Nebennieren sitzen vor den Nieren und produzieren unter anderem Kortisol – ein lebenswichtiges Hormon, das den Zuckerhaushalt regelt, Entzündungen dämpft und den Körper auf Belastung einstellt.
Beim Cushing-Syndrom wird dauerhaft zu viel davon ausgeschüttet. Kortisol ist im Grunde körpereigenes Kortison, und die Folgen ähneln denen einer jahrelangen Kortisonbehandlung: Muskelabbau, dünne Haut, Fettumverteilung in den Bauchraum, gedämpftes Immunsystem, Durst und Harndrang.
Drei Ursachen kommen infrage:
Die hypophysäre Form macht den weit überwiegenden Teil aus. Ein meist gutartiger, kleiner Tumor der Hirnanhangsdrüse schüttet zu viel Steuerhormon aus und treibt damit beide Nebennieren an.
Die Nebennieren-Form entsteht durch einen Tumor an einer Nebenniere selbst, der eigenmächtig Kortisol produziert.
Die durch Medikamente ausgelöste Form entsteht durch längere Kortisongabe – als Tablette, Spritze, Salbe oder sogar Augentropfen. Sie ist die einzige Form, die sich durch Absetzen zurückbilden kann, und sie wird häufig übersehen, weil niemand die Salbe für relevant hält.
Woran du es erkennst
Die Zeichen kommen schleichend und werden oft dem Alter zugeschrieben.
Vermehrtes Trinken und Urinieren – das häufigste und früheste Zeichen, oft mit nächtlichem Rauswollen oder Unsauberkeit
Heißhunger: Der Hund bettelt, stiehlt, durchsucht Mülleimer – ein vorher nie dagewesenes Verhalten
Hängebauch bei gleichzeitig dünner werdenden Beinen und abgebauter Rückenmuskulatur
Fellveränderungen: symmetrischer Haarausfall an den Flanken, dünne Haut, schlechte Wundheilung, wiederkehrende Hautinfektionen
Hecheln, auch in Ruhe und bei kühlen Temperaturen
Muskelschwäche, Mühe beim Springen und Treppensteigen
Trägheit und weniger Interesse
Entscheidend ist auch hier die Kombination. Ein alter Hund, der etwas mehr trinkt, ist kein Fall. Ein Hund, der mehr trinkt und Heißhunger hat und einen Hängebauch entwickelt und Fell verliert, ist einer.
Der wichtigste Hinweis kommt oft von dir
Hier liegt der praktisch wertvollste Teil des Artikels, und er kostet nichts.
Vermehrtes Trinken ist das häufigste Frühzeichen – aber „er trinkt mehr" ist als Angabe wertlos, weil der Eindruck täuscht. Miss es.
So geht es: Fülle morgens eine abgemessene Menge Wasser in den Napf, miss über 24 Stunden nach, was du nachfüllst, und miss am Ende, was übrig ist. Bei mehreren Hunden oder Wasser aus anderen Quellen wird es ungenau – dann miss an mehreren Tagen und notiere die Umstände. Führe das über drei bis fünf Tage und rechne den Durchschnitt.
Als grober Anhaltspunkt gilt eine wiederholt gemessene Aufnahme von mehr als etwa 100 Millilitern pro Kilogramm Körpergewicht und Tag als auffällig. Entscheidend ist das Wort wiederholt: Ein heißer Sommertag, salziges Futter oder eine lange Runde erklären einen einzelnen hohen Wert völlig ausreichend. Ein 20-Kilo-Hund, der über mehrere ruhige Tage hinweg konstant über zwei Liter trinkt, gehört dagegen abgeklärt.
Diese Zahl auf dem Zettel verändert das Gespräch in der Praxis grundlegend. Sie macht aus einem Eindruck einen belastbaren Hinweis – und sie ist gleichzeitig die Grundlage dafür, ob überhaupt getestet werden sollte.
Was sonst viel trinken lässt
Weil vermehrter Durst das Leitsymptom ist, gehören die Alternativen dazu – und sie sind zahlreicher, als die meisten annehmen.
Diabetes mellitus. Ebenfalls Durst, Harndrang und Heißhunger – aber typischerweise mit Gewichtsverlust statt Hängebauch. Die beiden treten übrigens häufig gemeinsam auf, weil Cushing einen Diabetes begünstigt.
Chronische Nierenerkrankung. Der Klassiker beim alten Hund, oft mit Abmagerung, Erbrechen und schlechtem Fell.
Gebärmutterentzündung bei unkastrierten Hündinnen – vermehrter Durst wenige Wochen nach der Läufigkeit ist hier ein Alarmzeichen und ein Notfall.
Lebererkrankungen sowie Kalzium- und Elektrolytstörungen.
Medikamente, allen voran Kortison und entwässernde Mittel – letztere bei Herzpatienten die Regel.
Und schlicht Verhalten: Manche Hunde trinken bei Hitze, nach salzigem Futter oder aus Langeweile mehr.
Genau deshalb ist die gemessene Trinkmenge der Anfang der Abklärung und nicht ihr Ende – sie sagt, dass etwas los ist, aber nicht was.
Warum nur bei Verdacht getestet wird
Das ist der Punkt, an dem sich Cushing von den meisten anderen Diagnosen unterscheidet – und die internationale Fachgruppe formuliert ihn ungewöhnlich deutlich: Hormontests sollen nur dann durchgeführt werden, wenn Zeichen vorliegen, die zum Cushing passen.
Der Grund ist keine Sparsamkeit, sondern Rechnerei. Die Aussagekraft eines Testergebnisses hängt nicht nur vom Test ab, sondern davon, wie wahrscheinlich die Erkrankung vorher war. Wird eine Gruppe getestet, in der viele tatsächlich Cushing haben, sind positive Ergebnisse meist richtig. Wird dagegen ein Hund getestet, bei dem eigentlich nichts dafür spricht, sind die falsch positiven Ergebnisse in der Überzahl – schlicht weil es so viel mehr gesunde Hunde gibt als kranke.
Dazu kommt, dass kein Test perfekt ist. Beim ACTH-Stimulationstest etwa liegt die Trefferquote bei negativem Befund je nach Untersuchung zwischen 59 und 93 Prozent, die Empfindlichkeit je nach Form zwischen 57 und 95 Prozent. Der niedrig dosierte Dexamethason-Hemmtest ist empfindlicher – 85 bis 100 Prozent –, aber auch bei ihm gibt es keinen Grenzwert, der alle Fälle erfasst.
Genau deshalb gibt es einen Schritt, der oft vor allen Bluttests steht und den viele Halter nicht kennen: den Kortisol-Kreatinin-Quotienten im Urin. Gesammelt wird der Morgenurin zu Hause, an mehreren Tagen – ohne Fahrt, ohne Wartezimmer, ohne Blutentnahme. Das ist entscheidend, weil Stress den Kortisolspiegel hebt und einen Test in der Praxis verfälschen kann.
Seine Stärke liegt im Ausschließen: Ist der Wert normal, ist ein Cushing sehr unwahrscheinlich, und weitere Tests erübrigen sich meist. Ist er erhöht, beweist das dagegen nichts – auch andere Erkrankungen und Stress heben ihn. Dann folgen die spezifischen Bluttests.
Das macht ihn zum idealen ersten Schritt: günstig, stressfrei und gut darin, die Frage zu beantworten, ob überhaupt weitergesucht werden muss.
Und schließlich: Kein einzelner Laborbefund ist beweisend. Weder erhöhte Leberwerte noch verdünnter Urin noch ein auffälliges Blutbild – sie alle passen zum Cushing, kommen aber bei vielem anderen genauso vor.
Daraus folgt die Reihenfolge, die den ganzen Unterschied macht: erst das Bild, dann der Test. Nicht umgekehrt.
Die Falle: der erhöhte Leberwert
Ein Muster, das in der Praxis immer wieder in die Irre führt, verdient eine eigene Erwähnung.
Beim Cushing ist typischerweise die alkalische Phosphatase deutlich erhöht, im Laborbericht als AP oder ALKP geführt – Kortisol regt eine eigene Form dieses Enzyms an. Das führt dazu, dass eine zufällig auffällige AP im Routineprofil als Cushing-Verdacht gelesen wird und ein Test angestoßen wird, obwohl das klinische Bild fehlt.
Dabei ist gerade dieser Wert bei alten Hunden häufig isoliert erhöht, ohne jede Krankheitsbedeutung – unter anderem durch gutartige knotige Umbauten in der Leber, die mit dem Alter zunehmen.
Genau das ist der Fall, vor dem die Fachgruppe warnt. Erhöhte Leberwerte haben viele Ursachen: Medikamente, andere Lebererkrankungen, Zahnentzündungen, Übergewicht, gutartige Umbauprozesse im Alter. Sie sind ein Grund, weiterzuschauen – aber kein Grund, gezielt auf Cushing zu testen, wenn der Hund weder mehr trinkt noch Fell verliert noch sonst etwas zeigt.
Die Frage, die du an dieser Stelle stellen kannst, ist dieselbe wie beim Schilddrüsenwert: Wurde der Test angestoßen, weil das Bild passt – oder weil ein Wert aufgefallen ist?
Was die Ergebnisse verfälscht
Wie bei der Schilddrüse gibt es Störfaktoren, und sie sind der Hauptgrund für falsch positive Ergebnisse.
Andere Erkrankungen. Praktisch jede nicht die Nebenniere betreffende Erkrankung kann die Ergebnisse der Nebennierentests beeinflussen. Ein Hund, der wegen etwas anderem krank ist, ist ein schlechter Kandidat für einen Cushing-Test.
Stress. Der Aufenthalt in der Praxis, die Fahrt, die Blutentnahme – all das erhöht das Kortisol.
Medikamente. Kortison in jeder Form ist der offensichtliche Fall. Weniger bekannt: Auch Antiepileptika beeinflussen die Ergebnisse; die Fachgruppe empfiehlt bei entsprechenden Patienten besondere Vorsicht bei der Auslegung.
Ein praktischer Nebenbefund, der sich vom Menschen unterscheidet: Hunde haben keinen Tagesrhythmus der Kortisolausschüttung. Die Uhrzeit der Blutentnahme spielt deshalb keine so große Rolle wie in der Humanmedizin.
Bildgebung: was sie kann und was nicht
Der Ultraschall der Nebennieren ist ein wichtiger Baustein, aber er hat eine klare Grenze: Er kann Cushing weder beweisen noch ausschließen.
Was er leistet, ist die Unterscheidung der Formen. Sind beide Nebennieren gleichmäßig vergrößert, spricht das für die hypophysäre Form. Ist eine deutlich vergrößert und die andere geschrumpft, spricht das für einen Nebennierentumor – und das ändert die Behandlung grundlegend.
Was er nicht leistet: Unauffällige Nebennieren schließen ein Cushing nicht aus. Und umgekehrt sind vergrößerte Nebennieren allein keine Diagnose.
Bei Verdacht auf einen Nebennierentumor kommen weiterführende Verfahren dazu, um zu beurteilen, ob eine Operation infrage kommt.
Welche Hunde betroffen sind
Cushing ist eine Erkrankung des älteren Hundes – der Beginn liegt typischerweise jenseits des sechsten Lebensjahres, häufig deutlich später. Bei einem jungen Hund ist die Diagnose sehr unwahrscheinlich und sollte besonders kritisch geprüft werden.
Überdurchschnittlich betroffen sind unter anderem Pudel, Dackel, Boxer, Beagle, Yorkshire Terrier, Zwergschnauzer, Jack Russell Terrier und Boston Terrier. Die hypophysäre Form betrifft bevorzugt kleine bis mittelgroße Rassen, während Nebennierentumoren häufiger bei größeren Hunden vorkommen.
Wichtig für die Einordnung: Das Zusammentreffen von hohem Alter und typischen Zeichen erhöht die Wahrscheinlichkeit erheblich – und damit, wie oben beschrieben, auch die Aussagekraft eines positiven Testergebnisses. Alter und Rasse sind hier also nicht nur Hintergrundinformation, sondern Teil der Rechnung.
Die Behandlung
Behandelt wird in aller Regel medikamentös. Der eingesetzte Wirkstoff hemmt die Kortisolproduktion – er beseitigt also nicht die Ursache, sondern drosselt die Wirkung. Deshalb ist die Behandlung dauerhaft.
Bei einem Nebennierentumor kann eine Operation infrage kommen, die als einzige heilen kann. Sie ist anspruchsvoll und wird an spezialisierten Zentren durchgeführt.
Zwei praktische Punkte zur Steuerung, die viele Halter nicht kennen.
Der Zeitpunkt der Kontrollblutentnahme ist entscheidend. Der gebräuchliche Wirkstoff Trilostan wirkt nur über einen Teil des Tages, und die Kontrolle muss in ein bestimmtes Fenster nach der Gabe fallen – üblicherweise wenige Stunden danach. Wer zur falschen Zeit kommt oder die Tablette am Morgen vergessen hat, bekommt ein Ergebnis, das nichts aussagt. Frag deshalb immer nach, wann genau die Tablette gegeben werden soll und wann du da sein musst – und sag es, wenn etwas anders gelaufen ist.
Manche Hunde fahren besser mit zwei kleineren Gaben. Statt einer großen Dosis am Morgen wird die Menge dann auf zwei Gaben im Abstand von etwa zwölf Stunden verteilt. Das gleicht die Wirkung über den Tag aus und kann sowohl Leistungstiefs am Abend als auch Nebenwirkungen verringern. Wenn dein Hund unter der Behandlung tageszeitlich schwankt, ist das einen Hinweis wert.
Was du zum Verlauf wissen solltest: Die Zeichen bilden sich in unterschiedlichem Tempo zurück. Trinkmenge und Heißhunger bessern sich oft binnen Wochen. Muskulatur und Fell brauchen Monate – beim Fell nicht selten ein halbes Jahr oder länger, und manchmal bleibt ein Rest.
Und ein Punkt, der Erwartungen zurechtrückt: Ziel ist ein Hund, dem es gut geht, nicht ein Laborwert im Zielbereich. Die Steuerung der Dosis richtet sich maßgeblich danach, wie es dem Hund im Alltag geht – Trinkmenge, Appetit, Aktivität –, nicht allein nach der Zahl im Bericht.
Wenn die Behandlung kippt
Das ist der Teil, den jeder Halter eines behandelten Hundes kennen muss.
Die Behandlung drosselt die Kortisolproduktion – und sie kann sie zu weit drosseln. Dann entsteht das Gegenteil des Cushings: ein Mangel, der lebensbedrohlich werden kann.
Die Warnzeichen sind unspezifisch und genau deshalb gefährlich:
Fressunlust oder völlige Futterverweigerung
Erbrechen und Durchfall
Deutliche Schwäche, Zittern, Taumeln
Teilnahmslosigkeit
Die Regel ist einfach und nicht verhandelbar: Bei diesen Zeichen wird das Medikament abgesetzt und sofort die Praxis kontaktiert – nicht die nächste Gabe abgewartet, nicht bis Montag. Ein Hund, der unter Cushing-Behandlung nicht frisst, ist bis zum Beweis des Gegenteils ein Notfall.
Genau deshalb sind die Kontrolltermine in den ersten Wochen so eng getaktet, und deshalb lohnt es sich, diese Zeichen mit allen im Haushalt durchzusprechen.
Was du zu Hause tun kannst
Miss die Trinkmenge, vor der Diagnose und danach. Sie ist der beste Verlaufsparameter, den es gibt – besser als jeder Eindruck und für dich jederzeit verfügbar.
Fotografiere Bauchumfang und kahle Stellen in gleichem Abstand und Licht. Veränderungen über Monate sieht man sonst nicht.
Notiere Appetit, Aktivität und nächtliches Rauswollen. Diese drei Angaben steuern die Dosis mehr, als die meisten Halter ahnen.
Nenne alle Medikamente, auch Salben, Ohren- und Augentropfen mit Kortison. Sie sind die häufigste übersehene Ursache.
Sprich die Warnzeichen im Haushalt durch, damit auch jemand anderes richtig reagiert.
Verändere die Dosis nie eigenmächtig – aber setz das Medikament aus und ruf an, wenn dein Hund nicht frisst.
Grenzen der Evidenz
Die Kennzahlen zu den Tests stammen aus verschiedenen Untersuchungen mit unterschiedlichen Vergleichsmaßstäben, Grenzwerten und Patientengruppen – daher die großen Spannen. Sie zeigen die Größenordnung und die Richtung, nicht exakte Werte für ein bestimmtes Labor.
Ein grundsätzliches Problem kommt hinzu: Für das Cushing-Syndrom gibt es beim lebenden Hund keinen echten Goldstandard. Jede Bewertung eines Tests vergleicht ihn deshalb mit einer Kombination aus klinischem Bild und anderen Tests – was die Zahlen weniger belastbar macht, als sie aussehen.
Ein eigenes Kapitel ist das sogenannte atypische oder okkulte Cushing: die Vorstellung, dass nicht Kortisol, sondern dessen Vorstufen oder Geschlechtshormone aus der Nebenniere das Bild verursachen, während die üblichen Tests unauffällig bleiben. Der Begriff kursiert in der Hundeszene häufiger, als seine Absicherung es hergibt: Der Konsensus hält ausdrücklich fest, dass die Rolle von Kortisolvorstufen und Geschlechtshormonen bei diesem Bild unklar bleibt – und nur ein Teil der Fachgruppe testet überhaupt darauf, und dann erst, wenn alle anderen Erklärungen ausgeschlossen sind. Als Erklärung für einen Hund, bei dem sonst nichts gefunden wurde, taugt der Begriff also nicht.
Der zitierte Konsensus stammt aus dem Jahr 2013. Die Grundaussagen – nur bei passendem Bild testen, kein Test ist perfekt, andere Erkrankungen verfälschen – sind seither unverändert gültig; einzelne Grenzwerte und Verfahren haben sich weiterentwickelt.
Und der Anhaltspunkt von etwa 100 Millilitern pro Kilogramm und Tag ist eine klinische Faustregel mit Spielraum: Fütterung, Temperatur und Aktivität beeinflussen die Trinkmenge erheblich.
Fazit
Cushing entsteht durch einen dauerhaften Kortisolüberschuss und zeigt sich deshalb überall gleichzeitig – am Durst, am Fell, an der Muskulatur, am Bauchumfang. Der wichtigste Hinweis kommt dabei oft nicht aus dem Labor, sondern von dir: eine über mehrere Tage gemessene Trinkmenge macht aus einem Eindruck einen Anlass. Und genau darauf kommt es an, denn hier gilt eine Regel, die die Fachgruppe ausdrücklich formuliert: Getestet wird nur, wenn das Bild passt. Ein Hormontest bei einem Hund ohne passende Zeichen liefert häufiger ein falsches als ein richtiges Ergebnis – und aus einem falschen Ergebnis wird eine lebenslange Behandlung. Steht die Diagnose dagegen sauber, ist die Behandlung wirksam. Sie verlangt nur, dass du ein Warnzeichen kennst: Ein Hund unter Cushing-Behandlung, der nicht frisst, gehört sofort in die Praxis.
Quellen
Behrend, E. N., Kooistra, H. S., Nelson, R., Reusch, C. E. & Scott-Moncrieff, J. C. (2013): Diagnosis of spontaneous canine hyperadrenocorticism: 2012 ACVIM consensus statement (small animal). Journal of Veterinary Internal Medicine 27(6): 1292–1304. https://doi.org/10.1111/jvim.12192 (Verdacht ergibt sich aus Vorbericht und klinischer Untersuchung; Hormontests nur bei passenden klinischen Zeichen; kein Screening- oder Differenzierungstest ist fehlerfrei; kein Laborbefund ist beweisend; ACTH-Stimulationstest mit Sensitivität 57–95 % und Spezifität 59–93 %, niedrig dosierter Dexamethason-Hemmtest mit Sensitivität 85–100 %; positive und negative Vorhersagewerte hängen von der Krankheitshäufigkeit in der getesteten Gruppe ab; Vorsicht bei Hunden unter Antiepileptika; Hunde zeigen keinen Tagesrhythmus der Kortisolausschüttung)
American Animal Hospital Association (2023): AAHA Selected Endocrinopathies of Dogs and Cats Guidelines. https://www.aaha.org/resources/2023-aaha-selected-endocrinopathies-of-dogs-and-cats-guidelines/
Diagnosis of spontaneous hyperadrenocorticism in dogs. Part 2: Adrenal function testing and differentiating tests. The Veterinary Journal, 2019. https://doi.org/10.1016/j.tvjl.2019.05.011 (keiner der verfügbaren Nebennierentests ist vollständig verlässlich; häufige falsch positive und falsch negative Ergebnisse; zahlreiche nicht die Nebenniere betreffende Erkrankungen beeinflussen die Ergebnisse)

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