top of page

Ohrenentzündung beim Hund: Warum sie immer wiederkommt

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • 22. Juli
  • 11 Min. Lesezeit

Das Wichtigste zuerst: Fünf Dinge solltest du über Ohrentzündungen wissen. Erstens: Sie gehören zu den häufigsten Diagnosen überhaupt – in britischen Praxisdaten wurde bei 7,3 Prozent aller Hunde binnen eines Jahres eine Ohrentzündung dokumentiert. Zweitens, und das ist der entscheidende Satz: Eine wiederkehrende Ohrentzündung ist in der Regel die Folge einer zugrunde liegenden Ursache. Sie ist ein Befund, keine Diagnose. Drittens: Der häufigste Auslöser dahinter ist eine Allergie – wer nur Tropfen gibt, behandelt jedes Mal das Ergebnis. Viertens: Bevor irgendetwas ins Ohr kommt, muss klar sein, ob das Trommelfell intakt ist – manche Wirkstoffe können sonst das Gehör schädigen. Fünftens: Wattestäbchen, Öl, Essig und Hausmittel haben im Gehörgang nichts verloren.

Kaum ein Problem läuft so oft in einer Endlosschleife wie das entzündete Hundeohr: Tropfen wirken, nach ein paar Wochen ist es wieder da, und beim vierten Mal glaubt niemand mehr an eine Lösung. Dieser Artikel erklärt, warum das so ist – und was man anders machen muss, damit es aufhört.

Hinweis: Dieser Beitrag ist allgemeine Aufklärung und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Ohrentropfen aus einer früheren Behandlung sollten nie ohne erneute Abklärung wiederverwendet werden.


Tierarzt untersucht das Ohr eines Hundes mit einem Otoskop. Der Gehörgang eines Hundes wird bei einer Ohruntersuchung kontrolliert, um Ursachen für Ohrentzündungen wie Entzündungen, Sekret oder Veränderungen im Gehörgang zu erkennen. Das Bild zeigt die fachgerechte Diagnose von Ohrenproblemen beim Hund.

Warum das Hundeohr so anfällig ist

Der Gehörgang des Hundes ist anders gebaut als unserer, und dieser Unterschied erklärt fast alles.

Er verläuft nicht gerade, sondern L-förmig: erst ein längerer senkrechter Abschnitt nach unten, dann ein Knick und ein waagerechter Abschnitt zum Trommelfell. Das schützt das Innere gut vor Verletzungen – und es bedeutet zugleich, dass alles, was hineingelangt, schlecht wieder herauskommt. Sekret, Feuchtigkeit und Schmutz sammeln sich am Knick.

Dazu kommt das Milieu: dunkel, warm und feucht. Für Hefen und Bakterien, die dort ohnehin in kleiner Zahl leben, sind das ideale Bedingungen, sobald sich etwas verschiebt.

Und der Gehörgang ist ausgekleidete Haut. Was am Bauch juckt und sich entzündet, tut das im Ohr genauso – nur unter deutlich schlechteren Bedingungen. Genau daraus entsteht der Zusammenhang, um den es in diesem Artikel geht.

Woran du sie erkennst

Die frühen Zeichen sind unspektakulär, die späten unübersehbar.

  • Kopfschütteln und Kratzen am Ohr

  • Schiefhaltung des Kopfes, oft zur betroffenen Seite

  • Geruch aus dem Ohr – süßlich, hefig oder faulig

  • Sekret: braun, schmierig, gelblich oder eitrig

  • Rötung und Schwellung im Gehörgang, verdickte Ohrmuschel

  • Berührungsempfindlichkeit, Wegdrehen beim Anfassen, Knurren

  • Reiben des Kopfes an Möbeln oder am Boden

Zwei Punkte werden oft übersehen. Ohrentzündungen tun weh – oft mehr, als Halter annehmen, weil der Gehörgang nicht ausweichen kann. Ein Hund, der plötzlich beim Streicheln am Kopf abwehrt, hat unter Umständen kein Verhaltensproblem. Und ein Hämatom an der Ohrmuschel – eine prall geschwollene, teigige Ohrmuschel – ist fast immer die Folge von heftigem Kopfschütteln, also ein Hinweis auf ein Ohrproblem, nicht der eigentliche Befund.

Wiederkehrende Ohrentzündungen haben eine Ursache dahinter

Das ist der Kern des Artikels, und die Fachliteratur formuliert ihn deutlich: Wiederkehrende Ohrentzündungen beim Hund sind in der Regel die Folge einer zugrunde liegenden Ursache. Sie entstehen selten aus sich heraus, sondern weil etwas anderes die Bedingungen im Gehörgang verändert hat.

Bei chronisch wiederkehrenden Ohrentzündungen gehört die atopische Dermatitis, also die Umweltallergie, zu den häufigsten zugrunde liegenden Ursachen. Und hier liegt der Grund für die Endlosschleife: Tropfen bekämpfen die Hefen und Bakterien, die sich vermehrt haben. Sie wirken auch – der Hund ist nach zehn Tagen beschwerdefrei. Was sie nicht tun, ist die Allergie zu behandeln, die die Entzündung überhaupt erst ausgelöst hat. Sobald die Tropfen aus sind, laufen dieselben Bedingungen weiter, und der nächste Schub folgt.

Daraus ergibt sich die praktisch wichtigste Regel: Ab der zweiten oder dritten Ohrentzündung ist die richtige Frage nicht mehr „welche Tropfen", sondern „warum schon wieder". Wer nach dem dritten Mal noch keine Ursachensuche gestartet hat, wird auch beim zehnten Mal Tropfen geben.

Bei manchen Hunden ist das Ohr sogar das erste und lange einzige Zeichen einer Allergie – Monate oder Jahre, bevor jemand an Haut oder Pfoten denkt.



Das Vier-Faktoren-Modell

In der Dermatologie wird eine Ohrentzündung nicht als eine Sache betrachtet, sondern in vier Gruppen zerlegt. Das klingt akademisch, ist aber die einzige Denkweise, mit der man aus der Schleife herauskommt.

Primärursachen starten die Entzündung. Dazu zählen Allergien, Ohrmilben, Fremdkörper wie Grannen, Hormonstörungen und seltener Tumoren oder Autoimmunerkrankungen. Ohne Behandlung dieser Ebene kommt alles zurück.

Sekundärfaktoren sind das, was man sieht und riecht: Hefen und Bakterien, die sich im veränderten Milieu vermehren. Sie machen den größten Teil der akuten Beschwerden aus und sprechen gut auf Behandlung an – aber sie sind nicht der Grund.

Prädisponierende Faktoren machen ein Ohr anfälliger, ohne selbst krank zu machen: Schlappohren, enge oder stark behaarte Gehörgänge, viel Schwimmen, feuchtes Klima, häufiges falsches Reinigen.

Perpetuierende Faktoren halten die Sache am Laufen, wenn sie einmal chronisch geworden ist: dauerhafte Verdickung und Verengung des Gehörgangs, Verkalkung, ein beschädigtes Trommelfell und eine Beteiligung des Mittelohrs.

Der letzte Punkt erklärt die hartnäckigsten Fälle. Ist das Mittelohr betroffen, sitzt dort ein Reservoir, das äußerliche Tropfen gar nicht erreichen – und von dort wird das äußere Ohr immer wieder neu besiedelt.

Welche Hunde besonders betroffen sind

Eine Auswertung von 22.333 Hunden aus britischen Erstversorgerpraxen ergab für ein Jahr eine dokumentierte Häufigkeit von 7,30 Prozent. Die beiden am höchsten bewerteten Risikofaktoren waren Rasse und Ohrform (O'Neill et al. 2021).

Sechzehn Rassetypen lagen deutlich über Mischlingen. Ganz vorn der Basset Hound mit einem etwa sechsfachen Risiko, gefolgt vom Shar Pei, dem Labradoodle, dem Beagle und dem Golden Retriever.

Der Labradoodle in dieser Liste ist bemerkenswert, weil Doodle-Kreuzungen oft mit dem Versprechen besserer Gesundheit verkauft werden. Beim Ohr trifft das nicht zu – die Kombination aus Schlappohr und dichtem, in den Gehörgang wachsendem Haar ist eher ungünstig.

Weitere begünstigende Merkmale: hängende Ohren, die den Gehörgang abdecken und die Belüftung reduzieren; enge Gehörgänge; und viel Wasserkontakt.

Wichtig für die Einordnung: Ohrform und Rasse sind prädisponierende, keine primären Faktoren. Ein Basset bekommt keine Ohrentzündung, weil er Schlappohren hat – er bekommt sie leichter, wenn etwas anderes hinzukommt.

Ohrmilben: der Sonderfall bei jungen Hunden

Eine Primärursache verdient eine eigene Erwähnung, weil sie sich anders verhält als alles andere in diesem Artikel: Ohrmilben.

Sie sind hoch ansteckend, betreffen vor allem Welpen und Junghunde sowie Tiere aus Gruppenhaltung und dem Auslandstierschutz – und sie sind bei erwachsenen Einzelhunden aus stabiler Haltung eher selten. Typisch ist ein krümeliges, dunkelbraunes, fast schwarzes Sekret, das an Kaffeesatz erinnert, dazu heftiger Juckreiz.

Zwei Dinge machen sie zum Sonderfall. Erstens sind sie im Gegensatz zur Allergie eine Ursache, die sich tatsächlich beseitigen lässt – hier führt die Behandlung zur Heilung, nicht nur zur Kontrolle. Zweitens müssen alle Tiere im Haushalt mitbehandelt werden, auch Katzen und auch die, die nichts zeigen. Sonst wandern die Milben zurück.

Nachgewiesen werden sie im Ohrabstrich unter dem Mikroskop. Genau deshalb steht die Untersuchung vor der Behandlung: Bei einem jungen Hund mit dunklem Sekret liegt die Milbe nahe – aber Hefen sehen von außen ähnlich aus, und die Behandlung ist eine völlig andere.

Was in der Praxis passiert

Drei Schritte gehören zu einer ordentlichen Abklärung, und der zweite wird am häufigsten weggelassen.

Otoskopie. Der Gehörgang wird bis zum Trommelfell eingesehen. Beurteilt werden Rötung, Schwellung, Verengung, Art des Sekrets, Fremdkörper – und ob das Trommelfell überhaupt sichtbar und intakt ist. Bei starken Schmerzen oder stark verengtem Gehörgang ist das erst nach Vorbehandlung oder unter Sedierung möglich.

Zytologie. Ein Abstrich wird ausgestrichen, angefärbt und unter dem Mikroskop angesehen. Erst dort zeigt sich, ob Hefen oder Bakterien überwiegen – und bei Bakterien, ob es Kokken oder Stäbchen sind. Davon hängt die Wahl des Präparats ab. Eine Behandlung ohne Zytologie ist Raten, und braune Schmiere sieht bei Hefen und bei Bakterien ähnlich aus.

Die Zytologie hat allerdings eine Grenze: Sie zeigt die Form der Bakterien, nicht die Art und nicht deren Empfindlichkeit. Gerade Stäbchenbakterien stehen für die problematischen, immer wiederkehrenden Verläufe und sind häufig gegen mehrere Wirkstoffe unempfindlich. Werden sie gefunden oder spricht ein Ohr nicht wie erwartet an, gehört deshalb eine bakteriologische Untersuchung mit Antibiogramm dazu – also eine Kultur im Labor, die bestimmt, welcher Wirkstoff tatsächlich wirkt. Ohne diesen Schritt wird reflexhaft ein Breitbandpräparat gegeben, gegen das der Keim längst unempfindlich ist, und der Verlauf zieht sich über Monate.

Ursachensuche, spätestens beim wiederholten Auftreten: Allergieabklärung, Ausschluss von Ohrmilben, Blick auf die Schilddrüse, Suche nach Fremdkörpern.

Bei hartnäckigen oder beidseitig chronischen Fällen kommen eine Ohrspülung unter Narkose und bildgebende Verfahren dazu, um das Mittelohr zu beurteilen.

Warum das Trommelfell alles entscheidet

Dieser Punkt ist der wichtigste Sicherheitsaspekt des ganzen Themas, und er ist der Grund, warum alte Tropfen nicht wiederverwendet werden dürfen.

Ist das Trommelfell beschädigt, gelangen Wirkstoffe ins Mittelohr. Einige Substanzen, die im äußeren Gehörgang unproblematisch sind, können dort das Gleichgewichts- oder Hörorgan schädigen. Die Folge kann bleibender Hörverlust oder eine dauerhafte Gleichgewichtsstörung sein.

Deshalb gilt: Vor jeder Behandlung wird geprüft, ob das Trommelfell intakt ist – und deshalb ist eine Restpackung aus dem Vorjahr keine gute Idee. Was beim letzten Mal richtig war, kann diesmal falsch sein, weil sich der Befund geändert hat.

Dasselbe gilt für Spülungen: Was in einen Gehörgang mit intaktem Trommelfell gehört, gehört nicht in einen mit Loch.

In der Praxis stößt das regelmäßig auf Unverständnis, und deshalb lohnt die Erklärung: Bei einem stark entzündeten Ohr ist das Trommelfell am ersten Tag oft gar nicht einsehbar. Der Gehörgang ist zugeschwollen, voller Sekret, und der Hund hat Schmerzen. Dann wird zunächst schonend gereinigt oder über einige Tage entzündungshemmend vorbehandelt, damit die Schwellung zurückgeht – und erst danach lässt sich beurteilen, was dahinter liegt. Wenn deine Tierärztin sagt, sie sehe das Trommelfell noch nicht, ist das kein Versagen, sondern die richtige Reihenfolge.

Behandlung: was tatsächlich wirkt

Die Behandlung läuft auf zwei Ebenen gleichzeitig, und beide sind nötig.

Akut wird das Ohr gereinigt und mit einem Präparat behandelt, das zum Befund der Zytologie passt – bei Hefen ein anderes als bei Bakterien. Häufig ist ein entzündungshemmender Anteil enthalten, weil die Schwellung selbst den Gehörgang verengt. Wichtig ist, die Behandlung vollständig zu Ende zu führen, auch wenn der Hund nach drei Tagen wieder munter ist – vorzeitiges Absetzen ist einer der Hauptgründe für schnelle Rückfälle.

Ursächlich wird das behandelt, was die Entzündung ausgelöst hat. Ohne diesen Teil ist die akute Behandlung nur ein Aufschub.

Bei sehr schmerzhaften oder stark verengten Ohren wird oft zuerst über einige Tage entzündungshemmend vorbehandelt, damit überhaupt untersucht und gereinigt werden kann.

Wenn ein Gehörgang über Jahre chronisch umgebaut, verengt und verkalkt ist, kommt irgendwann keine Behandlung mehr an. Dann bleibt ein chirurgischer Eingriff. Das klingt drastisch, ist aber bei diesen Hunden häufig der Moment, in dem jahrelanger Dauerschmerz endet.

Ohrenreinigung: richtig und falsch

Reinigen ist sinnvoll – bei manchen Hunden regelmäßig, bei anderen nie. Ein gesundes, geruchloses, sauberes Ohr braucht keine Pflege. Zu häufiges Reinigen macht das Milieu erst kaputt.

Wichtig ist dabei die Wahl des Mittels, und sie ist keine Geschmacksfrage. Reiniger unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung, und die passende Wahl richtet sich nach dem mikroskopischen Befund – bei Hefen wird ein anderes Milieu gebraucht als bei Bakterien. Freiverkäufliche Pflegepräparate mit Pflanzenauszügen, Duftstoffen oder Ölen sind auf einem gesunden Ohr meist unproblematisch, brennen auf entzündeter oder aufgekratzter Haut aber erheblich und können das Milieu weiter verschieben. Bei einem kranken Ohr gehört der Reiniger deshalb zur Verordnung, nicht in den Einkaufswagen.

So geht es: Das verordnete Ohrreinigungsmittel großzügig in den Gehörgang geben, den Ohrgrund von außen etwa zwanzig bis dreißig Sekunden massieren, den Hund schütteln lassen und anschließend nur die sichtbare Ohrmuschel mit einem Tuch oder Wattepad auswischen. Die Reinigung passiert durch die Flüssigkeit und das Schütteln, nicht durch Wischen.

So nicht:

  • Keine Wattestäbchen in den Gehörgang. Wegen des L-förmigen Verlaufs schieben sie Material nach innen statt es herauszuholen, und sie können das Trommelfell verletzen.

  • Kein Öl, kein Essig, kein Alkohol, kein Wasserstoffperoxid. Öl bleibt liegen und wird zum Nährboden, Essig und Alkohol reizen die entzündete Haut, und bei defektem Trommelfell ist all das gefährlich.

  • Keine Reinigung bei akut schmerzendem Ohr, bevor jemand hineingesehen hat.

  • Keine Restpackung aus einer früheren Behandlung.


Zum Haar im Gehörgang gibt es unterschiedliche Auffassungen. Routinemäßiges Auszupfen bei gesunden Ohren gilt heute als eher schädlich, weil es die Haut reizt und Eintrittspforten schafft. Bei stark zugewachsenen Gehörgängen kann gezieltes Kürzen sinnvoll sein – das ist eine Einzelfallentscheidung, keine Regel.

Der plötzliche Einzelfall: Fremdkörper

Ein Bild fällt aus dem Rahmen und ist wichtig, weil es anders läuft: Ein Hund, der während oder direkt nach einem Spaziergang plötzlich heftig den Kopf schüttelt, an einem Ohr kratzt und deutlich Schmerzen zeigt, hat meist keine schleichende Entzündung, sondern etwas im Ohr.

Der Klassiker ist die Granne. Ihre Widerhaken erlauben nur eine Richtung – sie wandert tiefer, bis zum Trommelfell und darüber hinaus. Hier wird nicht beobachtet und nicht gespült, sondern zeitnah untersucht; die Entfernung erfolgt oft in Sedierung.

Was du zu Hause tun kannst

Schau einmal die Woche hinein und rieche kurz. Zehn Sekunden pro Ohr. Veränderungen fallen so auf, bevor der Hund leidet.

Trockne die Ohren nach dem Schwimmen und Baden – ausschütteln lassen und die Ohrmuschel abtupfen.

Führe Buch über die Schübe. Datum, welches Ohr, Jahreszeit. Nach drei Einträgen sieht man ein Muster, das im Gespräch mehr wert ist als jede Beschreibung.

Zähl mit, wie oft es wiederkommt – und sprich die Ursachensuche aktiv an, wenn es das dritte Mal ist.

Führe Behandlungen zu Ende, auch wenn es besser aussieht.

Trainiere das Anfassen der Ohren, solange sie gesund sind. Ein Hund, der Ohrenkontrolle gelernt hat, lässt sich auch dann behandeln, wenn es wehtut – und das entscheidet oft darüber, ob eine Behandlung zu Hause überhaupt funktioniert.

Grenzen der Evidenz

Die Häufigkeitszahlen stammen aus dokumentierten Praxisdiagnosen, nicht aus Reihenuntersuchungen. Eine ältere Auswertung derselben Arbeitsgruppe kam mit 10,2 Prozent auf einen höheren Wert als die 7,3 Prozent aus dem Jahr 2016 – unterschiedliche Jahrgänge, Stichproben und Falldefinitionen erklären das. Beide Werte zeigen dieselbe Größenordnung, keiner ist der exakte Wert.

Das Vier-Faktoren-Modell ist ein etabliertes klinisches Denkmodell, kein experimentell überprüftes Kausalgefüge. Es ordnet die Praxis gut, aber die Grenzen zwischen den Gruppen sind im Einzelfall fließend.


Und die Aussage, wiederkehrende Ohrentzündungen seien in der Regel sekundär, ist eine fachliche Grundüberzeugung der Dermatologie, die sich auf klinische Erfahrung und Fallserien stützt. Sie ist gut begründet – aber sie ist kein Ergebnis einer randomisierten Studie.

Fazit

Ohrentzündungen sind häufig, schmerzhaft und in den meisten hartnäckigen Fällen falsch verstanden: Sie sind ein Befund, keine Diagnose. Wer nach der zweiten oder dritten Runde immer noch fragt, welche Tropfen helfen, stellt die falsche Frage – wiederkehrende Ohrentzündungen sind in der Regel die Folge einer zugrunde liegenden Ursache, und die Allergie steht dabei weit vorn. Was die Sache praktisch entscheidet, ist ein Blick unters Mikroskop statt auf die Farbe der Schmiere, ein intaktes Trommelfell, bevor irgendetwas ins Ohr kommt, und die Bereitschaft, ab dem dritten Mal nach dem Warum zu suchen statt nach dem Nächsten.

Quellen

  • O'Neill, D. G., Volk, A. V., Soares, T., Church, D. B., Brodbelt, D. C. & Pegram, C. (2021): Frequency and predisposing factors for canine otitis externa in the UK – a primary veterinary care epidemiological view. Canine Medicine and Genetics 8: 7. https://doi.org/10.1186/s40575-021-00106-1 (22.333 Hunde aus einer Population von 905.554; dokumentierte Einjahres-Häufigkeit 7,30 %; Rasse und Ohrform als höchstrangige Risikofaktoren; erhöhte Odds u. a. bei Basset Hound 5,87, Shar Pei 3,44, Labradoodle 2,95, Beagle 2,54 und Golden Retriever; sekundäre und perpetuierende Faktoren als Treiber des chronischen Verlaufs)

  • Watson, N. et al. (2026): Incidence Rate of Otitis Externa Episodes in Atopic Dogs Is Reduced by a Therapeutic Diet in a 6-Month Randomised, Blinded, Controlled, Clinical Trial. Veterinary Dermatology. https://doi.org/10.1111/vde.70017 (hält einleitend fest, dass wiederkehrende Ohrentzündungen beim Hund grundsätzlich sekundär sind und die atopische Dermatitis zu den primären Auslösern zählt; in einer früheren Arbeit lag Otitis bei 22 % der dermatologisch vorgestellten Hunde vor)

  • O'Neill, D. G., Church, D. B., McGreevy, P. D., Thomson, P. C. & Brodbelt, D. C. (2014): Prevalence of Disorders Recorded in Dogs Attending Primary-Care Veterinary Practices in England. PLOS ONE. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0090501 (Ohrentzündung mit 10,2 % als häufigste dokumentierte Diagnose in dieser älteren Auswertung)

  • Olivry, T., DeBoer, D. J., Favrot, C., Jackson, H. A., Mueller, R. S., Nuttall, T. & Prélaud, P. (2015): Treatment of canine atopic dermatitis: 2015 updated guidelines from the International Committee on Allergic Diseases of Animals (ICADA). BMC Veterinary Research 11: 210. https://doi.org/10.1186/s12917-015-0514-6


Häufige Fragen zu Ohrenentzündung beim Hund



bottom of page
unterHUNDs.de Trainerausbildung Blog