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Das Idealgewicht beim Hund: Warum es so wichtig ist

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • 8. Okt. 2023
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Das Wichtigste zuerst: Vier Dinge solltest du wissen. Erstens: Hinter dem Satz „Übergewicht verkürzt das Leben" steht eine ungewöhnlich saubere Studie – 48 Labrador Retriever, paarweise über ihr ganzes Leben begleitet. Zweitens: Die schlanker gefütterte Gruppe lebte im Mittel 1,8 Jahre länger und brauchte erst rund drei Jahre später eine Arthrosebehandlung. Drittens – und das ist der eigentliche Punkt: Der Unterschied bestand nicht zwischen normal und fettleibig, sondern zwischen schlank und leicht über dem Ideal. Und viertens: Die Waage sagt dir das nicht. Entscheidend ist, was du fühlst und siehst.

Dieser Artikel erklärt, wie du den Körperzustand deines Hundes selbst beurteilst, was ihn beeinflusst – und warum das Thema mehr Gewicht hat, als es klingt.


Frau überprüft im Park die Körperkondition eines Bernhardiners, indem sie die Rippen tastet – Beispiel zur Einschätzung des Idealgewichts beim Hund.

Was die Studie tatsächlich zeigt

Die Untersuchung ist deshalb so aussagekräftig, weil sie fast alle Störgrößen ausschließt, die solche Studien sonst plagen (Kealy et al., 2002).

Der Aufbau: 48 Labrador Retriever aus sieben Würfen. Innerhalb jedes Wurfs wurden Paare nach Geschlecht und Gewicht gebildet, und aus jedem Paar wurde zufällig ein Hund ausgewählt, der 25 Prozent weniger Futter bekam als sein Geschwister. Ab der achten Lebenswoche bis zum Tod. Gleiches Futter, gleiche Haltung, nur unterschiedliche Menge. Der letzte Hund starb mit 14,5 Jahren.

Die Ergebnisse:

  • Die mediane Lebenserwartung lag bei 13,0 Jahren gegenüber 11,2 Jahren – ein Unterschied von 1,8 Jahren oder rund 15 Prozent.

  • Eine Arthrosebehandlung wurde in der schlanken Gruppe erst mit durchschnittlich 13,3 Jahren nötig – etwa drei Jahre später als in der Vergleichsgruppe.

  • Andere chronische Erkrankungen setzten im Mittel rund zwei Jahre später ein.

  • Die schlanker gefütterten Hunde hatten weniger Körperfett und günstigere Blutwerte.

Und jetzt der Punkt, der oft untergeht: Die Vergleichsgruppe war nicht fettleibig. Sie wurde ab dem dritten Lebensjahr so gefüttert, dass sie keine Adipositas entwickelte. Im Körperzustand lag sie bei Werten, die man als „etwas über dem Ideal" beschreiben würde – die schlanke Gruppe lag im Idealbereich.

Der Unterschied von fast zwei Lebensjahren entstand also nicht zwischen einem normalen und einem dicken Hund, sondern zwischen einem schlanken und einem leicht zu gut genährten. Das ist die eigentliche Botschaft: Es geht nicht erst dann los, wenn ein Hund offensichtlich dick ist.

Zur Einordnung: Die Studie wurde von einem Futtermittelhersteller finanziert und mitgetragen. Sie wurde in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht, unter Beteiligung mehrerer Universitäten, und gilt als Referenzarbeit. Die Finanzierung gehört trotzdem dazugesagt.

So beurteilst du den Körperzustand

Die Waage allein hilft nicht. Ein muskulöser Hund kann bei gleichem Gewicht schlank sein, ein anderer nicht. Deshalb wird der Körperzustand beurteilt, meist mit dem Body Condition Score auf einer Skala von 1 bis 9: 1 bis 3 untergewichtig, 4 bis 5 ideal, ab 6 über dem Ideal.

Du kannst das selbst – es braucht drei Handgriffe:

1. Rippen tasten. Streich mit flacher Hand über den Brustkorb. Du solltest die Rippen fühlen können, ohne zu drücken – ähnlich wie die Knöchel auf deinem Handrücken. Musst du suchen oder Fett wegdrücken, ist zu viel drauf. Stehen sie sichtbar hervor, ist es zu wenig.


2. Von oben schauen. Steh über deinem Hund. Hinter dem Brustkorb sollte eine Taille erkennbar sein. Eine gerade Linie oder eine Auswölbung nach außen spricht für Übergewicht.

3. Von der Seite schauen. Die Bauchlinie sollte hinter dem Brustkorb nach oben laufen. Eine waagerechte oder durchhängende Linie ist ein Warnzeichen.


Wichtig bei bestimmten Typen: Bei Windhunden sind sichtbare Rippen normal. Bei stark bemuskelten und bei sehr behaarten Hunden ist Tasten wichtiger als Schauen. Und bei Rassen mit sehr tiefem Brustkorb täuscht die Seitenansicht leicht.


Mach es regelmäßig, etwa einmal im Monat, immer auf dieselbe Weise. Veränderungen fallen im Alltag nicht auf – wer seinen Hund täglich sieht, sieht die zwei Kilo nicht, die in einem Jahr dazugekommen sind. Ein Foto von oben und von der Seite, immer aus derselben Position, ist dafür erstaunlich hilfreich.


Fett ist nicht alles: die Muskelmasse

Ein Punkt, der in den meisten Texten fehlt und mit dem Alter wichtiger wird.

Der Body Condition Score bewertet vor allem das Körperfett. Muskulatur wird separat beurteilt. Das ist deshalb relevant, weil ein älterer Hund Muskeln abbauen und gleichzeitig Fett zulegen kann – auf der Waage passiert dann scheinbar nichts.

Tast deshalb nicht nur die Rippen, sondern auch die Muskulatur über Schulterblättern, Wirbelsäule, Becken und Oberschenkeln. Fühlt sich das dünner an als früher, ist das ein eigenes Thema – und keines, das sich durch weniger Futter löst.

Mehr dazu im Beitrag Wenn Hunde älter werden.

Was das Gewicht beeinflusst

Rasse und Körperbau. Ein Whippet ist naturgemäß schlank gebaut, ein Labrador kompakt. Deshalb funktioniert kein Zahlenvergleich zwischen Hunden – nur der Körperzustand.

Alter. Welpen und Junghunde brauchen viel Energie, erwachsene Hunde weniger, Senioren wieder anders. Bei alten Hunden ist der Bedarf nicht automatisch niedriger – manche brauchen sogar mehr, weil die Verwertung nachlässt.


Aktivität. Der Unterschied zwischen einem Hund mit zwei Stunden Bewegung und einem mit drei kurzen Runden ist erheblich.

Kastration. Der Energiebedarf sinkt, der Nährstoffbedarf bleibt weitgehend gleich. Ohne Anpassung steigt das Risiko für Übergewicht deutlich – wie stark, hängt zusätzlich von Aktivität, Fütterung und individuellem Stoffwechsel ab. Das ist keine Nebenwirkung, mit der man leben muss, sondern eine, die man einplant.

Erkrankungen und Medikamente. Schilddrüsenunterfunktion, hormonelle Erkrankungen und bestimmte Medikamente können das Gewicht beeinflussen. Eine unerklärliche Zu- oder Abnahme gehört abgeklärt – besonders bei gleichbleibender Fütterung.

Wenn es zu viel ist

Übergewicht belastet Gelenke, Herz-Kreislauf-System und Stoffwechsel. Und es wirkt in beide Richtungen: Ein Hund mit schmerzenden Gelenken bewegt sich weniger, nimmt dadurch zu, und das Mehrgewicht belastet die Gelenke zusätzlich.

Ein Hinweis zur Trägheit: „Er wird ruhiger" wird gern dem Gewicht oder dem Alter zugeschrieben. Es kann aber auch Schmerz sein. Wenn dein Hund unwilliger wird, lohnt sich der Blick auf beides.

Woran du Schmerzen erkennst: Schmerzerkennung beim Hund.

Warum Abnehmen in der Praxis schwer ist – und das ist der Teil, der in Ratgebern fehlt:

  • Die Packungsangabe ist ein Startwert, kein Zielwert. Sie geht von einem durchschnittlich aktiven Hund aus.

  • Leckerlis summieren sich. Als Orientierung gilt, dass sie etwa zehn Prozent der Tagesenergie nicht überschreiten sollten – und was im Training verfüttert wird, gehört von der Hauptmahlzeit abgezogen.

  • Mehrere Personen füttern. Wenn drei Menschen im Haushalt „nur ein Stückchen" geben, ist das kein Stückchen mehr. Eine gemeinsame Absprache ist oft wirksamer als jede Futterumstellung.

  • Betteln funktioniert, weil es funktioniert hat. Es hört nicht auf, weil man einmal Nein sagt – es wird zunächst sogar heftiger. Wer weiß, dass das kommt, hält es eher durch.

  • Umlenken statt streichen. Ein Teil der Tagesration über Suchspiele oder Futterspielzeug zu verfüttern, sättigt gleich und beschäftigt zusätzlich.

Und der wichtigste Punkt: Eine Gewichtsreduktion gehört tierärztlich begleitet – wegen der Ausgangsdiagnostik, wegen der Nährstoffversorgung bei reduzierter Menge und weil Kontrolltermine erfahrungsgemäß den Unterschied machen.

Wenn es zu wenig ist

Deutlich sichtbare Rippen, Hüftknochen oder Wirbelsäule, schwache Bemuskelung, wenig Energie.

Untergewicht hat oft eine Ursache, die nichts mit der Futtermenge zu tun hat: Parasiten, Zahnschmerzen, Erkrankungen des Verdauungstrakts, Stoffwechselerkrankungen, chronischer Stress. Mehr füttern ist deshalb selten die erste Antwort – abklären lassen ist es.

Fazit

Das Idealgewicht beim Hund ist kein Schönheitsthema, sondern der Faktor mit einem der größten und am direktesten steuerbaren Effekte auf Lebensdauer und Lebensqualität.

Die drei Dinge, die zählen:

Tasten statt wiegen. Rippen fühlbar, Taille von oben sichtbar, Bauchlinie von der Seite ansteigend.

Regelmäßig hinschauen. Einmal im Monat, immer gleich – Veränderungen entstehen zu langsam, um im Alltag aufzufallen.

Früh gegensteuern. In der bekannten Labrador-Studie entsprach schon der Unterschied zwischen schlank und leicht zu gut genährt fast zwei Lebensjahren. Man muss nicht warten, bis ein Hund dick ist.



Quellen

  • Kealy, R. D., Lawler, D. F., Ballam, J. M., Mantz, S. L., Biery, D. N., Greeley, E. H., Lust, G., Segre, M., Smith, G. K., & Stowe, H. D. (2002). Effects of diet restriction on life span and age-related changes in dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association, 220(9), 1315–1320. https://doi.org/10.2460/javma.2002.220.1315

  • Lawler, D. F., Larson, B. T., Ballam, J. M., Smith, G. K., Biery, D. N., Evans, R. H., Greeley, E. H., Segre, M., Stowe, H. D., & Kealy, R. D. (2008). Diet restriction and ageing in the dog: Major observations over two decades. British Journal of Nutrition, 99(4), 793–805.


Einordnung der Quellenlage

Studiendesign und Hauptergebnisse wurden anhand der Publikationsangaben sowie der Darstellungen der beteiligten Einrichtungen eingeordnet. Die Volltexte wurden für diese Fassung nicht vollständig ausgewertet.


Die Untersuchung wurde von einem Futtermittelhersteller finanziert und mitgetragen; beteiligt waren zudem mehrere Universitäten, und die Ergebnisse erschienen in einer begutachteten Fachzeitschrift. Wir nennen die Finanzierung, weil sie zur Bewertung dazugehört – die Arbeit gilt fachlich als Referenzstudie.


Die Angaben zur Beurteilung des Körperzustands folgen den gängigen tiermedizinischen Bewertungssystemen. Konkrete Futtermengen, Kalorienangaben oder Reduktionspläne nennen wir bewusst nicht – sie hängen vom einzelnen Hund ab und gehören in die tierärztliche Sprechstunde.

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Untersuchung oder Ernährungsberatung. Eine geplante Gewichtsreduktion und jede unerklärliche Gewichtsveränderung gehören tierärztlich abgeklärt.



Häufige Fragen zum Idealgewicht beim Hund



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