Kastration bei der Hündin: medizinische Fakten, Verhaltensaspekte und praktisches Management
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 24. März
- 11 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Tag
Das Wichtigste zuerst: Vier Dinge solltest du wissen, bevor du entscheidest. Erstens: Der oft genannte Schutz vor Mammatumoren durch frühe Kastration ist wissenschaftlich weniger eindeutig belegt, als es viele vereinfachte Darstellungen vermuten lassen – eine systematische Übersichtsarbeit stuft die Evidenz ausdrücklich als schwach ein. Zweitens: Beim Verhalten widersprechen sich die Studien; Halterbefragungen finden Zusammenhänge, die einzige prospektive Kohortenstudie an Hündinnen fand keine. Drittens: Beim Zeitpunkt gibt es einen belegten Effekt – Hündinnen, die später kastriert wurden, hatten in einer britischen Auswertung 20 Prozent geringere Chancen auf früh einsetzende Harninkontinenz. Und viertens: Es gibt klare medizinische Indikationen, bei denen sich die Frage gar nicht stellt.
Die Entscheidung, eine Hündin kastrieren zu lassen, gehört zu den emotionalsten Fragen im Zusammenleben mit Hund – und zu denen, bei denen am meisten Halbwissen kursiert. In diesem Artikel gehen wir durch, was die Datenlage tatsächlich hergibt, wo sie dünner ist als behauptet, und wie du deine Hündin auch ohne Operation souverän durch ihre Zyklen begleitest.

1. Was bei einer Kastration passiert
Bei der Kastration werden die Eierstöcke entfernt (Ovarektomie) oder die Eierstöcke samt Gebärmutter (Ovariohysterektomie). Die Hündin ist danach dauerhaft nicht mehr fortpflanzungsfähig, und die ovarielle Produktion der Geschlechtshormone entfällt.
Das ist kein kleiner Eingriff. Mit dem Wegfall der Sexualsteroide verändert sich die übergeordnete hormonelle Regulation: Weil die Rückkopplung durch die Eierstockhormone fehlt, steigen die Hypophysenhormone LH und FSH an und bleiben dauerhaft erhöht. Dieser Anstieg wird in der Forschung als ein möglicher Mechanismus im Zusammenhang mit dem Risiko für Harninkontinenz diskutiert (Reichler et al., 2005).
Zur Einordnung: Ob Ovarektomie oder Ovariohysterektomie gewählt wird, macht nach derzeitigem Stand für das Inkontinenzrisiko keinen belegten Unterschied.
Verfahren und Alternativen
Laparoskopische Ovarektomie. Kleinere Zugänge, in der Regel weniger Schmerzen und schnellere Heilung.
Ovarschonende Hysterektomie. Entfernung der Gebärmutter bei erhaltener Eierstockfunktion. Die Hündin kann nicht mehr trächtig werden, behält aber ihren Hormonhaushalt. Wichtig zur Erwartungssteuerung: Die Läufigkeiten bleiben inklusive Anziehungswirkung auf Rüden bestehen, und ein etwaiger Einfluss der Hormone auf das Mammatumorrisiko bleibt ebenfalls bestehen. Das Verfahren ist in Deutschland unüblich und nicht in jeder Praxis verfügbar.
GnRH-Implantate, etwa mit Deslorelin. Eine zeitlich begrenzte hormonelle Option, die in Einzelfällen genutzt werden kann, um hormonelle Effekte zu beurteilen, bevor eine irreversible Entscheidung fällt. Deslorelin-Implantate werden bei Hündinnen in bestimmten Fällen tierärztlich eingesetzt, die Anwendung ist jedoch nicht mit einer regulären Kastration gleichzusetzen und erfolgt abhängig von Indikation und rechtlicher Einordnung durch die behandelnde Tierärztin oder den behandelnden Tierarzt.
Ein realistischer Hinweis zur „Testphase": Das Implantat bildet den Zustand nach Kastration nicht exakt ab. Es beginnt mit einer anfänglichen Stimulationsphase, und die Wirkdauer ist individuell unterschiedlich. Als Orientierung ist es brauchbar, als Garantie nicht.
2. Wann eine Kastration medizinisch angezeigt ist
Es gibt Situationen, in denen die Abwägung eindeutig ausfällt:
Pyometra (Gebärmutterentzündung): ein lebensbedrohlicher Zustand, der rasches chirurgisches Handeln erfordert.
Tumoren an Eierstock oder Gebärmutter.
Schwere, wiederkehrende Scheinträchtigkeiten mit erheblichem Leidensdruck, wenn Management und tierärztliche Behandlung ausgeschöpft sind.
Bestimmte hormonabhängige Erkrankungen nach tierärztlicher Abklärung.
Hier geht es nicht um Erziehung, sondern um die Gesundheit der Hündin. Diese Entscheidung trifft die Tierärztin, nicht die Hundeschule.
3. Mammatumoren: der am häufigsten überzogene Punkt
Kaum eine Aussage wird so selbstverständlich weitergegeben wie diese: Wer vor der ersten oder zweiten Läufigkeit kastriert, senkt das Mammatumorrisiko drastisch. Die Zahlen dahinter stammen aus einer Arbeit von 1969, in der das relative Risiko bei Kastration vor der ersten Läufigkeit mit 0,005 angegeben wurde, nach einer Läufigkeit mit 0,08 und nach zwei oder mehr Läufigkeiten mit 0,26.
Diese Studienlage wurde nach Cochrane-Kriterien systematisch überprüft. Aus über 11.000 Treffern blieben 13 englischsprachige Arbeiten übrig, die den Zusammenhang untersucht hatten. Das Ergebnis fiel deutlich aus: Wegen der begrenzten Datenmenge und des Verzerrungsrisikos in den veröffentlichten Ergebnissen sei die Evidenz sowohl dafür, dass eine Kastration das Mammatumorrisiko senkt, als auch dafür, dass der Zeitpunkt eine Rolle spielt, als schwach einzustufen und keine solide Grundlage für feste Empfehlungen (Beauvais et al., 2012a).
Bei der Arbeit von 1969 wurde unter anderem bemängelt, dass Fälle und Kontrollen aus unterschiedlichen Zeiträumen rekrutiert wurden und Störgrößen nicht ausreichend berücksichtigt waren.
Was das praktisch heißt: Es heißt nicht, dass der Effekt nicht existiert. Es heißt, dass niemand seriös behaupten kann, ihn zu kennen – und dass „vor der zweiten Läufigkeit" keine belastbare Zeitvorgabe ist. Wenn dir jemand diesen Punkt als entscheidendes Argument präsentiert, ist Nachfragen angebracht.
4. Verhalten: wo sich die Studien widersprechen
Der wichtigste Satz zuerst, weil er im Alltag am meisten hilft: Eine Kastration ersetzt kein Training. Sie löst keine Angstprobleme, behebt keine Unsicherheit und verändert keine erlernten Verhaltensmuster. Verhalten, das durch Lernen entstanden ist, verschwindet nicht durch einen chirurgischen Eingriff.
Und auch der naheliegende Einwand trägt nicht weit: Auch hormonell beeinflusstes Verhalten ist nicht automatisch durch eine Operation lösbar. Hormone verändern die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Verhalten auftritt – gezeigt und geübt wurde es trotzdem, und geübtes Verhalten bleibt abrufbar.
Bei der Frage, ob eine Kastration Ängstlichkeit oder Aggression verstärken kann, ist die Datenlage allerdings uneinheitlicher, als viele Ratgeber – auch tierschutzorientierte – es darstellen.
Was Halterbefragungen zeigen. In einer Auswertung von 8.981 kastrierten Hündinnen über den standardisierten C-BARQ-Fragebogen unterschieden sich 23 Verhaltensweisen zwischen intakten und kastrierten Tieren. Eine längere Lebenszeit unter Einfluss der Gonadenhormone war mit signifikant weniger Nennungen von zehn überwiegend unerwünschten Verhaltensweisen verbunden – darunter eine zum Bereich Ängstlichkeit und drei zum Bereich Aggression. Umgekehrt waren Kauen und Heulen bei längerer Hormonexposition häufiger (Starling et al., 2019).
Was die prospektive Studie zeigt. In der bislang einzigen prospektiven Kohortenstudie zu diesem Thema wurden 306 Labrador-/Golden-Retriever-Mischlingshündinnen entweder vor der Pubertät mit sechs Monaten oder nach der ersten Läufigkeit kastriert. Beurteilt wurden sechs Verhaltensbereiche – Trainierbarkeit, Aggression, Angst und Ängstlichkeit, Erregbarkeit, Anhänglichkeit und Sozialverhalten – im Alter von einem und von drei Jahren. Ergebnis: kein Einfluss des Kastrationszeitpunkts auf einen der sechs Bereiche (Moxon et al., 2022).
Warum das kein Widerspruch sein muss. Halterbefragungen sind Momentaufnahmen und können die Wirkrichtung nicht auflösen. Wird eine Hündin ängstlicher, weil sie kastriert wurde – oder wurde sie kastriert, weil sie auffällig war? Beides erzeugt dieselbe Korrelation. Die prospektive Studie umgeht dieses Problem, betrachtet aber nur zwei nah verwandte Rassen unter sehr einheitlichen Aufzuchtbedingungen und lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Hunde übertragen. Die Autorinnen der prospektiven Arbeit halten selbst fest, dass die Befunde zwischen den Studien erheblich schwanken und die Zusammenhänge für viele Verhaltensweisen unklar bleiben.
Unsere Einordnung für die Praxis: Eine Kastration ist keine verlässliche Maßnahme gegen Unsicherheit oder Aggression, und es gibt Hinweise darauf, dass sie in Einzelfällen in die andere Richtung wirken kann. Das ist ein Grund, bei ängstlichen Hündinnen zurückhaltend zu sein – aber kein Grund für die Behauptung, Kastration mache Hündinnen ängstlich. Wer das eine gegen das andere ausspielt, arbeitet nicht mit der Studienlage, sondern gegen sie.
Wenn Verhalten das eigentliche Thema ist, gehört an den Anfang eine Analyse: Ist die Ursache hormonell, schmerzbedingt, erlernt oder umweltbedingt? Diese Frage lässt sich klären, und zwar bevor operiert wird.
5. Gelenke und Wachstum: die Zahl hinter der Behauptung
Der Satz „Frühkastration verzögert den Schluss der Wachstumsfugen und erhöht das Risiko für Kreuzbandrisse und Hüftgelenksdysplasie" gehört zum Standardrepertoire. Er verdient eine genauere Betrachtung.
Der Mechanismus ist plausibel: Östrogen hemmt die Wachstumshormon-IGF-Achse und ist am Schluss der Wachstumsfugen bei Erreichen der Skelettreife beteiligt. Fällt es früh weg, ist ein verlängertes Längenwachstum zu erwarten.
Die Belegkette ist dagegen dünner, als der Selbstverständlichkeitston vermuten lässt. Wie die Autorinnen der prospektiven Kohortenstudie anmerken, handelt es sich bei den meisten zitierenden Quellen um Übersichtsarbeiten, die auf eine Hundestudie zurückgreifen – mit sieben Hündinnen in der Gruppe der mit sieben Wochen kastrierten Tiere, vier in der Sieben-Monats-Gruppe und sechs intakten Tieren. Eine zweite Arbeit an Hündinnen fand keine signifikanten Unterschiede in der Knochenlänge (Moxon et al., 2023).
In der prospektiven Studie selbst wuchsen die vor der Pubertät kastrierten Hündinnen zwischen dem sechsten und siebzehnten Monat signifikant stärker in die Höhe (6,5 gegenüber 4,4 cm). Der absolute Höhen- und Gewichtsunterschied mit 17 Monaten war jedoch nicht signifikant (58,5 gegenüber 56,6 cm; 28,3 gegenüber 27,3 kg). Die Autorinnen erklären das damit, dass in beiden Gruppen erst nach der Hauptwachstumsphase kastriert wurde.
Und der Satz, der für den Gelenkteil entscheidend ist: Es gibt nach Angaben derselben Arbeit keine Forschung, die den Effekt einer Kastration vor gegenüber nach der bekannten Pubertät direkt auf Hüftgelenksdysplasie oder andere Erkrankungen des Bewegungsapparats untersucht (Moxon et al., 2023). Studien zu Kastration und Gelenkerkrankungen betrachten meist das Alter, ohne den Pubertätsstatus zu erfassen.
Fazit für diesen Punkt: Ein Zusammenhang zwischen sehr früher Kastration und Gelenkproblemen ist biologisch plausibel und wird durch Beobachtungsdaten gestützt, aber die verbreitete Darstellung als gesicherte, quantifizierte Kausalität geht über die Belege hinaus – besonders für Kastrationen, die ohnehin erst nach der Hauptwachstumsphase erfolgen.
6. Harninkontinenz: bessere Zahlen als die kursierenden
Die Angabe „5 bis 20 Prozent der kastrierten Hündinnen werden inkontinent" kursiert breit. Sie stammt aus älteren, teils an Überweisungspopulationen erhobenen Arbeiten. Die neueren, bevölkerungsbezogenen Daten geben ein anderes Bild:
In der tierärztlichen Grundversorgung in England lag die Häufigkeit von Harninkontinenz über intakte und kastrierte Hündinnen zusammen bei 3,14 Prozent (O'Neill et al., 2017).
Kastrierte Hündinnen hatten in einer Fall-Kontroll-Studie das 3,01-Fache der Chance auf eine Inkontinenzdiagnose gegenüber intakten (Pegram et al., 2019).
Zum Zeitpunkt: In einer Auswertung von 1.500 Hündinnen mit einem Verfahren, das eine randomisierte Studie nachbildet, hatten später kastrierte Hündinnen (7 bis 18 Monate) eine um 20 Prozent geringere Chance auf früh einsetzende Inkontinenz als früh kastrierte (3 bis unter 7 Monate); Odds Ratio 0,80, Konfidenzintervall 0,54 bis 0,97 (Pegram et al., 2024).
Zur Ehrlichkeit gehört die Einschränkung, die die Autorinnen selbst benennen: Der berechnete E-Wert von 1,81 bedeutet, dass ein nicht erfasster Störfaktor mittlerer Stärke diesen Zusammenhang rechnerisch auflösen könnte. Der Effekt der Kastration an sich ist deutlich stärker als der Effekt des Zeitpunkts.
Eine ältere systematische Übersicht kam zu dem Schluss, dass es schwache Hinweise auf ein sinkendes Risiko mit steigendem Kastrationsalter bis etwa zwölf Monate gibt, danach nicht mehr (Beauvais et al., 2012b).
Praktisch relevant: Inkontinenz ist in der Regel dauerhaft, meist gut medikamentös beherrschbar und mit lebenslangen Kosten verbunden.
7. Ein Punkt, der fast überall fehlt: die Vulvakonformation
Wird vor der Pubertät kastriert, fehlt der Östrogenschub, der die äußeren Geschlechtsorgane ausreifen lässt. In der prospektiven Kohortenstudie hatten mit 17 Monaten signifikant mehr der vor der Pubertät kastrierten Hündinnen eine Vulva, die als juvenil oder eingesunken beurteilt wurde; bei der verblindeten Auswertung digitaler Bilder waren es 71,1 gegenüber 46,3 Prozent (Moxon et al., 2023).
Warum das zählt: Eine eingesunkene oder juvenile Vulva geht mit vermehrten Hautfalten einher, in denen sich Urin und Bakterien sammeln können. Das wird mit Hautentzündungen im Bereich der Vulva, Harnwegsinfektionen, Blasenentzündungen und Scheidenentzündungen in Verbindung gebracht.
Einordnung: Die Studie selbst zieht daraus keine Gegenanzeige gegen die frühe Kastration, sondern fordert, die langfristigen Folgen zu untersuchen, bevor Empfehlungen ausgesprochen werden. Es ist ein Argument für Sorgfalt beim Zeitpunkt, nicht für Panik.
8. Weitere Risiken – mit ehrlicher Gewichtung
Gewichtszunahme. Der Energiebedarf sinkt. Ohne angepasste Fütterung folgt Übergewicht – das ist der am besten beherrschbare und zugleich am häufigsten unterschätzte Punkt.
Bestimmte Tumorarten. Für einzelne Tumorarten wie Hämangiosarkome und Übergangszellkarzinome der Harnblase wurden in Beobachtungsstudien Zusammenhänge mit dem Kastrationsstatus beschrieben. Diese Befunde sind rasseabhängig und erlauben keine einfache Aussage über Ursache und Wirkung. Wir nennen hier bewusst keine Zahlen: Eine einzelne Angabe wie „dreifach erhöht" ohne Rasse, Alter und Studiendesign wäre
scheinpräzise.
Rasseabhängigkeit. Die Risikoprofile unterscheiden sich zwischen Rassen und Größenklassen erheblich. Deshalb ist eine pauschale Altersempfehlung fachlich nicht haltbar – die Entscheidung gehört auf die einzelne Hündin bezogen.
9. Praktisches Management des Zyklus
Bevor über eine Kastration nachgedacht wird, steht die souveräne Begleitung durch die natürlichen Zyklen. Vieles, was als „Problem" empfunden wird, ist eine Frage des Managements.
Die Phasen
Die folgenden Angaben sind Orientierungswerte mit erheblicher individueller Schwankung – die Abstände zwischen den Läufigkeiten und die Phasenlängen unterscheiden sich zwischen Hündinnen und Rassen deutlich.
Phase | Dauer (ca.) | Merkmale |
Proöstrus | 3–17 Tage | Vulva geschwollen, blutiger Ausfluss, Rüden zeigen Interesse, Hündin lässt noch nicht zu |
Östrus („Standhitze") | 3–14 Tage | Ausfluss hellt auf, Hündin nimmt Rüden an, fruchtbare Phase |
Diöstrus (Metöstrus) | 60–90 Tage | Gelbkörperphase nach der Hitze, mögliche Scheinträchtigkeit |
Anöstrus | mehrere Monate | Zyklusruhe zwischen zwei Läufigkeiten |
Eine Präzisierung zum Anöstrus: Diese Phase wird oft als „Ruhephase ohne hormonelle Aktivität" beschrieben. Zyklusruhe bedeutet aber nicht hormonelle Stille – in dieser Zeit wird der nächste Zyklus vorbereitet. Für die Praxis heißt das vor allem: Der Anöstrus gilt als der Zeitraum, in dem ein planbarer Eingriff üblicherweise terminiert wird.
Kein Freilauf in der Standhitze
Sobald die Hündin in den Östrus kommt, ist verlässlicher Freilauf nicht mehr gegeben. Auch eine sonst gut abrufbare Hündin kann in dieser Phase anders reagieren. Sinnvoll sind gesicherte, eingezäunte Ausläufe ohne Rüdenzugang oder konsequente Leinenführung.
Wie du Leinenspaziergänge entspannt gestaltest, haben wir im Beitrag zur Leinenführigkeit beschrieben.
Gruppenkurse: Absprache statt Regel
Eine läufige Hündin gehört in dieser Zeit in der Regel nicht in den regulären Gruppenunterricht. Das ist keine Bewertung der Hündin, sondern eine Frage der Trainingsqualität: Für viele Hunde, besonders für intakte Rüden, ist die Situation eine erhebliche Ablenkung, und auch die Konzentrationsfähigkeit der Hündin selbst kann verändert sein. Ausweichtermine, Einzelstunden oder angepasste Settings sind dann meist die bessere Lösung.
Umgekehrt gilt dasselbe: Auch stark erregte oder nicht mehr ansprechbare Rüden sind in solchen Konstellationen oft nicht gruppentauglich. Entscheidend ist nicht Geschlecht oder Kastrationsstatus, sondern die tatsächliche Ansprechbarkeit des einzelnen Hundes, die Gruppenzusammensetzung und das Trainingsziel. Auch bei kastrierten Hündinnen sollte die Teilnahme deshalb nie pauschal bewertet werden.
Regelmäßige Kontrolle
Gewöhne dir an, die Vulva rund um die erwartete Läufigkeit regelmäßig anzuschauen. Schwellung, Rötung und Ausfluss geben Hinweise auf den Zyklusstand. Übelriechender oder eitriger Ausfluss, starke Schwellung außerhalb des Zyklus, vermehrtes Trinken, Mattigkeit oder Fressunlust in den Wochen nach der Läufigkeit gehören umgehend tierärztlich abgeklärt – das können Anzeichen einer Gebärmutterentzündung sein.
Scheinträchtigkeit
In der zweiten Zyklushälfte produziert der Körper natürlicherweise Progesteron. Viele Hündinnen zeigen danach eine hormonell bedingte Scheinträchtigkeit: Unruhe, Nestbauverhalten, Bemuttern von Gegenständen, Milchbildung, vermehrte Anhänglichkeit oder Gereiztheit.
Was hilft: Ruhe, Vermeidung von Stimulation der Gesäugeleiste, Beschäftigung umlenken statt Bemutterungsobjekte wegzunehmen. Keine hormonellen Mittel in Eigenregie. Bei deutlichem Leidensdruck gehört die Hündin tierärztlich vorgestellt – wiederholte, schwere Verläufe sind einer der nachvollziehbaren Gründe, über eine Kastration nachzudenken.
Ausführlich haben wir das Thema im Beitrag zur Scheinträchtigkeit bei Hündinnen aufbereitet.
10. Entscheidungshilfe
Vier Fragen, die die Sache meist klären:
Geht es um Gesundheit oder um Alltagserleichterung? Beides sind legitime Motive, aber sie verdienen unterschiedliche Abwägungen.
Ist das Problem wirklich hormonell? Angst, Unsicherheit, Leinenaggression und Impulsprobleme sind es meistens nicht.
Sind Training und Management ausgeschöpft? Zwei sichere Läufigkeiten zu managen ist Aufwand, aber reversibel. Eine Kastration ist es nicht.
Wie eilig ist es? Bei einer Pyometra ist die Frage entschieden. Sonst hast du Zeit für eine saubere Abwägung – und der Anöstrus ist der übliche Zeitraum für einen geplanten Eingriff.
Fazit
Die Kastration einer Hündin kann sinnvoll sein. Eine pauschale Empfehlung ist sie nicht – und zwar in beide Richtungen. Wer sie als Routine darstellt, überzeichnet den Nutzen; wer sie als grundsätzlich schädlich darstellt, überzeichnet die Risiken.
Was die Datenlage trägt: Es gibt klare medizinische Indikationen. Der Mammatumor-Schutz ist schwach belegt. Der Zeitpunkt hat einen messbaren, aber moderaten Einfluss auf das Inkontinenzrisiko. Beim Verhalten widersprechen sich Befragungsstudien und die einzige prospektive Untersuchung. Und Verhaltensprobleme, die durch Lernen entstanden sind, löst keine Operation.
Gute Entscheidungen entstehen aus dem Zusammenspiel von tierärztlicher Einschätzung und einer ehrlichen Verhaltensanalyse – nicht aus Mythen, Bequemlichkeit oder dem Gefühl, „das macht man halt so".
Wie sich die Abwägung beim Rüden unterscheidet, haben wir in einem eigenen Beitrag zusammengetragen.
Quellen
Beauvais, W., Cardwell, J. M., & Brodbelt, D. C. (2012a). The effect of neutering on the risk of mammary tumours in dogs – a systematic review. Journal of Small Animal Practice, 53(6), 314–322. https://doi.org/10.1111/j.1748-5827.2011.01220.x
Beauvais, W., Cardwell, J. M., & Brodbelt, D. C. (2012b). The effect of neutering on the risk of urinary incontinence in bitches – a systematic review. Journal of Small Animal Practice, 53(4), 198–204. https://doi.org/10.1111/j.1748-5827.2011.01176.x
Moxon, R., Freeman, S., Payne, R., Corr, S., & England, G. C. W. (2022). A prospective cohort study investigating the behavioural development of bitches in a guide dog training programme neutered prepubertally or post-pubertally. Frontiers in Veterinary Science, 9, Artikel 902775. https://doi.org/10.3389/fvets.2022.902775
Moxon, R., Freeman, S. L., Payne, R., Godfrey-Hunt, J., Corr, S., & England, G. C. W. (2023). A prospective cohort study investigating the impact of neutering bitches prepubertally or post-pubertally on physical development. Animals, 13(9), Artikel 1431. https://doi.org/10.3390/ani13091431
O'Neill, D. G., Riddell, A., Church, D. B., Owen, L., Brodbelt, D. C., & Hall, J. L. (2017). Urinary incontinence in bitches under primary veterinary care in England: Prevalence and risk factors. Journal of Small Animal Practice, 58(12), 685–693. https://doi.org/10.1111/jsap.12731
Pegram, C., O'Neill, D., Church, D., Hall, J., Owen, L., & Brodbelt, D. (2019). Spaying and urinary incontinence in bitches under UK primary veterinary care: A case–control study. Journal of Small Animal Practice, 60(7), 395–403. https://doi.org/10.1111/jsap.13014
Pegram, C., Diaz-Ordaz, K., Brodbelt, D. C., Chang, Y.-M., Hall, J. L., Church, D. B., & O'Neill, D. G. (2024). Later-age neutering causes lower risk of early-onset urinary incontinence than early neutering – a VetCompass target trial emulation study. PLOS ONE, 19(7), Artikel e0305526. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0305526
Reichler, I. M., Hung, E., Jöchle, W., Piché, C. A., Roos, M., Hubler, M., & Arnold, S. (2005). FSH and LH plasma levels in bitches with differences in risk for urinary incontinence. Theriogenology, 63(8), 2164–2180. https://doi.org/10.1016/j.theriogenology.2004.09.047
Starling, M., Fawcett, A., Wilson, B., Serpell, J., & McGreevy, P. (2019). Behavioural risks in female dogs with minimal lifetime exposure to gonadal hormones. PLOS ONE, 14(12), Artikel e0223709. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0223709
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Beratung. Die Entscheidung über eine Kastration, ihren Zeitpunkt und das Verfahren gehört in das Gespräch mit deiner Tierärztin oder deinem Tierarzt.

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