top of page

Wenn ein Hund beißt: Warum die Antwort nicht in der Rasse liegt

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • vor 2 Tagen
  • 12 Min. Lesezeit

Warum Rasselisten, Wesenstests und Sachkundenachweis allein keine Sicherheit schaffen

Am Mittwochnachmittag, dem 8. Juli 2026, ist in Drosa in der Gemeinde Osternienburger Land ein vierjähriges Mädchen von einem Hund mehrfach gebissen worden und an seinen Verletzungen gestorben. Mehrere Anwesende versuchten, das Tier von dem Kind zu trennen. Rettungsdienst, Notarzt und ein Rettungshubschrauber waren im Einsatz; das Kind starb noch am Unglücksort.

Der Hund stammte aus dem familiären Umfeld. Er wurde beschlagnahmt und in eine Tierschutzeinrichtung gebracht. Gegen die 32-jährige Mutter und einen 30-jährigen Bekannten der Familie wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Die Ermittlungen dauern an. Wie es zu dem Angriff kam, ist bislang unklar.

Dieser konkrete Fall ist nicht Gegenstand dieses Artikels. Wir wissen nicht, was in diesem Haushalt passiert ist, und niemand, der ehrlich ist, weiß es. Wir werden hier nicht spekulieren, keine Schuld zuweisen und keine Rekonstruktion versuchen.

Der Fall zeigt nur, warum wir über die grundsätzlichen Mechanismen sprechen müssen. Denn in den Stunden nach solchen Meldungen wiederholt sich ein Muster, das sich nach nahezu jedem vergleichbaren Vorfall wiederholt – und das verhindert, dass wir die Fragen stellen, die tatsächlich Kinder schützen würden.


Mutter schützt ein Kleinkind beim Umgang mit einem ruhenden Familienhund im Wohnzimmer, während der Hund neben einem Kauknochen auf dem Boden liegt.


Das Ritual

Es läuft immer gleich ab. Die Rasse steht in der Überschrift. Innerhalb von Stunden fordert jemand ein Verbot. Innerhalb von Tagen diskutieren Landtage über Listen. Und innerhalb von Wochen ist es still, bis zum nächsten Mal.

Wie belastbar dieser erste Schritt ist, zeigt der aktuelle Fall selbst. Die „Bild" berichtete, es habe sich um einen Pitbull gehandelt. Polizei und Staatsanwaltschaft gaben die Rasse anschließend als American Staffordshire Terrier an. Zahlreiche Medien hatten zu diesem Zeitpunkt bereits „Pitbull" in der Überschrift.

Die Rasse, um die gestritten wird, stand also fest, bevor sie feststand.

Das ist kein Nebendetail. Es ist der Prototyp des Problems: Ein Merkmal, das über das individuelle Verhalten eines Hundes wenig aussagt, wird zum zentralen Deutungsrahmen einer Katastrophe – und wird dabei nicht einmal zuverlässig bestimmt.

Was in diesem Ritual nie zur Sprache kommt: dass die drei Instrumente, mit denen Deutschland gefährliche Hunde reguliert – die Rasseliste, der Wesenstest, der Sachkundenachweis – jeweils etwas anderes messen als das, was tatsächlich zu schweren Bissverletzungen bei Kindern führt.

Wir prüfen die Rasse. Wir prüfen den Hund. Wir fragen den Menschen ab.

Keine dieser drei Prüfungen erfasst den Vorgang, um den es geht. Wir sagen das nicht als Außenstehende. unterHUNDs ist behördlich anerkannt für die Abnahme und Durchführung des Sachkundenachweises. Wir nehmen diese Prüfung ab. Wir wissen deshalb ziemlich genau, was sie leisten kann – und was nicht. Der folgende Text ist auch eine Auseinandersetzung mit unserem eigenen Instrument.

Was die Rasse erklärt – und was nicht

Beginnen wir mit dem, was am besten untersucht ist.

Die bislang größte Untersuchung zum Zusammenhang von Rasse und Verhalten – Morrill und Kolleg:innen, 2022 in Science veröffentlicht – hat 18.385 Hunde per Fragebogen erfasst und 2.155 davon genotypisiert. Das zentrale Ergebnis: Rasse erklärt etwa neun Prozent der Verhaltensunterschiede zwischen einzelnen Hunden.

Neun Prozent.

Nach der bislang größten genetischen Untersuchung dieser Art liefert die Rassezugehörigkeit damit nur eine sehr begrenzte Aussagekraft über das individuelle Verhalten eines Hundes. Und für jene Eigenschaft, um die es bei der Frage nach Gefährlichkeit eigentlich geht – die Aggressionsschwelle, also wie leicht ein Hund durch beängstigende oder unangenehme Reize provozierbar ist – gehört sie in dieser Untersuchung zu den Merkmalen mit der geringsten rassebezogenen Aussagekraft überhaupt.

Wer daraus schließt, Genetik spiele keine Rolle, hat die Studie allerdings falsch gelesen. Dieselbe Arbeit zeigt: Die meisten Verhaltensmerkmale sind erblich, mit Erblichkeitsschätzungen über 25 Prozent.

Genetik ist relevant. Sie ist nur nicht Rasse.

Dieser Unterschied ist der Kern der ganzen Sache – und er wird von beiden Lagern der Debatte gleichermaßen ignoriert. Wir haben ihn an anderer Stelle ausführlicher behandelt: im Beitrag zum Mythos Kampfhund und in der tieferen Betrachtung des rassetypischen Fehlverhaltens.

Was bedeutet das für Hundehalter? Die Rasse Ihres Hundes sagt Ihnen wenig darüber, wie er sich in einer konkreten Situation verhalten wird. Sie sagt Ihnen etwas über Wahrscheinlichkeiten in großen Gruppen – nicht über Ihren Hund im Wohnzimmer. Umgekehrt gilt: Ein Hund ist auch kein unbeschriebenes Blatt. Veranlagung existiert. Sie folgt nur nicht der Rassegrenze.

Der Wesenstest prüft nicht die Situation, in der Kinder gebissen werden

Der Wesenstest gilt als das seriöseste Instrument in diesem Feld – und in mancher Hinsicht ist er das auch. Der niedersächsische Wesenstest ist standardisiert, wird vollständig auf Video dokumentiert, von fortgebildeten Tierärzt:innen durchgeführt, jede Aufgabe mindestens zweimal durchlaufen.

Und selbst seine Befürworter beschreiben ihn korrekt als das, was er ist: eine Momentaufnahme.

Wie schwierig es überhaupt ist, Hundeverhalten messbar zu machen, haben wir an anderer Stelle beschrieben. Der Wesenstest teilt alle Grenzen, die für standardisierte Verhaltenstests generell gelten – und einige zusätzliche.

Er erfasst Verhalten in einer fremden Umgebung. Er kann – das steht so in der veterinärmedizinischen Fachliteratur – gerade nicht beschreiben, wie sich ein Hund gegenüber Kindern verhält. Und er kann nicht beschreiben, wie er sich im eigenen Territorium verhält.

Man muss sich einen Moment klarmachen, was das bedeutet.

Viele schwere Beißvorfälle mit kleinen Kindern ereignen sich genau dort: bei einem bekannten Hund, im häuslichen Umfeld. Es sind exakt die beiden Bedingungen, die der Test nicht abbildet.

Dazu kommt ein Detail, das für sich genommen ein Eingeständnis des Gesetzgebers ist: Der niedersächsische Wesenstest schreibt vor, den Hund vorab auf Beruhigungsmittel und auf verhaltensbeeinflussende Erkrankungen zu untersuchen.

Warum? Weil der Test sonst manipulierbar wäre. Weil Menschen ihre Hunde sedieren, damit sie bestehen.

Nun könnte man einwenden: Ein Bluttest prüft kein Verhalten. Er stellt lediglich sicher, dass die Prüfbedingungen stimmen.

Das ist richtig – und es ist genau der Punkt.

Der Gesetzgeber hat für die Prüfung des Hundes erkannt, dass ein Testergebnis wertlos ist, wenn die Prüfsituation nicht der Realität entspricht. Er hat deshalb Vorkehrungen getroffen, um die Aussagekraft der Prüfung abzusichern. Für die Prüfung des Menschen existiert nichts Vergleichbares. Ob das abgefragte Wissen etwas darüber aussagt, wie jemand im Alltag mit seinem Hund umgeht, bleibt weitgehend offen – und wird nicht überprüft.

Der Vorwurf, jemand könne sich in einer Prüfung anders zeigen als im Alltag, gilt also nicht nur für den Menschen am einen Ende der Leine. Er gilt für beide Enden. Nur wurde er bisher nur an einem Ende ernst genommen.

Was bedeutet das für Hundehalter? Ein bestandener Wesenstest ist keine Unbedenklichkeitsbescheinigung. Er bedeutet: Dieser Hund hat sich an diesem Tag, in dieser fremden Umgebung, gegenüber diesen Testpersonen unauffällig verhalten. Über das Verhalten Ihres Hundes gegenüber Ihrem Kind, in Ihrer Wohnung, an seinem Futternapf sagt er nichts.

Wo Kinder tatsächlich gebissen werden

Hier wird es unbequem – und zwar für alle Beteiligten, uns eingeschlossen.

Reisner, Shofer und Nance haben 2007 die Umstände von 111 Bissen gegen Kinder ausgewertet, die an einer veterinärmedizinischen Verhaltensambulanz vorgestellt wurden.

Bei Kindern unter sechs Jahren war der häufigste Auslöser Ressourcenverteidigung – in 44 Prozent der Fälle. Bei älteren Kindern stand Territorialverteidigung im Vordergrund. Bisse gegen vertraute Kinder geschahen überwiegend im Haus, am ruhenden, bekannten Hund, während einer aus Sicht des Kindes freundlichen Interaktion.

Und dann die Zahlen, die das gesamte deutsche Prüfsystem infrage stellen:

Bei 66 Prozent der Hunde gab es keinen vorherigen Biss gegen ein Kind. Bei 19 Prozent gab es keinen vorherigen Biss gegen einen Menschen überhaupt.

Ein Wesenstest hätte bei diesen Hunden mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Befund ergeben. Nicht, weil er schlecht durchgeführt worden wäre – sondern weil es zu diesem Zeitpunkt nichts zu finden gab.

Weiter: 77 Prozent der Hunde zeigten Auffälligkeiten im Angstbereich. Bei 50 Prozent wurden medizinische Ursachen festgestellt oder vermutet – orthopädische Probleme, Hauterkrankungen. Also: Schmerz.

Und schließlich der für unsere eigene Branche unangenehmste Befund: Zwei Drittel der Halter:innen hatten mit ihrem Hund eine Hundeschule besucht. Kastration und Gehorsamstraining, so das Fazit der Autor:innen, erwiesen sich nicht als verlässliche Schutzmaßnahmen.

Auch diese Studie hat eine wichtige Einschränkung, und wir nennen sie ausdrücklich, weil sie gerade den letzten Punkt betrifft: Es handelt sich um 111 Hunde, die nach einem Vorfall in einer universitären Verhaltensambulanz vorgestellt wurden. Das ist keine repräsentative Stichprobe der Hundepopulation. Halter:innen, die nach einem Biss den Weg in eine spezialisierte Ambulanz finden, sind vermutlich überdurchschnittlich engagiert – und waren deshalb mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch vorher schon in einer Hundeschule. Die Zahl „zwei Drittel" trägt also weniger, als sie auf den ersten Blick scheint.

Was der Befund dennoch zeigt: Ein Hundeschulbesuch schützt nicht zuverlässig vor einem Biss gegen ein Kind. Er ist keine Versicherung. Das gilt unabhängig davon, wie die genaue Quote in der Gesamtbevölkerung aussehen würde.

Wir verkaufen hier nichts. Auch nicht uns selbst.

Was bedeutet das für Hundehalter? Der gefährlichste Hund für ein Kleinkind ist statistisch nicht der fremde Hund auf der Straße. Es ist der eigene, vertraute, bisher völlig unauffällige Familienhund – am Napf, am Knochen, am Schlafplatz. Und mit erhöhter Wahrscheinlichkeit ein Hund, der Angst hat oder Schmerzen.

Der Sachkundenachweis prüft Wissen. Nicht Verhalten.

Damit sind wir beim Menschen – und bei unserem eigenen Instrument.

Wir sind behördlich anerkannt für die Abnahme des Sachkundenachweises. Wir halten ihn für sinnvoll. Wir würden ihn gerne verpflichtend für alle Hundehalter:innen sehen. Und wir sagen trotzdem, was er ist:

Ein Sachkundenachweis ist ein Wissenstest. Was er umfasst und wie er abläuft, haben wir in einem eigenen Beitrag zur Sachkundeprüfung dargestellt.

Er prüft, ob jemand weiß, was ein abgewandter Kopf bedeutet, was Beschwichtigungssignale sind, was das Tierschutzgesetz verlangt. Er prüft, ob jemand die richtige Antwort geben kann.

Er prüft nicht, was jemand tut, wenn der Hund zum dritten Mal in die Wohnung gemacht hat, das Kind schreit, der Chef angerufen hat und die Nerven weg sind.

Das ist kein rhetorischer Effekt. Es ist die zentrale Lücke, und sie ist empirisch besetzt.

Herron, Shofer und Reisner haben 2009 Halter:innen befragt, deren Hunde wegen Verhaltensproblemen in einer Spezialambulanz vorgestellt wurden. Sie wollten wissen, welche Methoden zuvor angewandt worden waren – und wie der Hund darauf reagiert hatte. Konfrontative Techniken lösten bei mindestens einem Viertel der Hunde, an denen sie angewandt wurden, aggressives Verhalten aus:

  • Den Hund anknurren: 41 Prozent

  • Einen Gegenstand gewaltsam aus dem Fang nehmen: 39 Prozent

  • Alpha-Rollen: 31 Prozent

  • Den Hund anstarren: 30 Prozent

  • Den Hund an den Lefzen packen und schütteln: 26 Prozent

Die Studie hat klare Einschränkungen: Es handelte sich um Hunde, die bereits Verhaltensprobleme zeigten, und die Angaben stammen aus der Erinnerung der Halter:innen. Sie beweist nicht, dass Gewalt Aggression erzeugt. Aber sie zeigt sehr deutlich, dass Gewalt bei Hunden mit Vorbelastung Aggression auslöst. Was gewaltfreies Hundetraining demgegenüber konkret bedeutet, haben wir gesondert beschrieben.

Und hier ist der Punkt, den wir als Prüfstelle machen müssen, weil ihn sonst niemand macht:

Kein Sachkundenachweis der Welt erfasst, ob jemand später zu diesen Methoden greifen wird. Man kann unsere Prüfung mit voller Punktzahl bestehen und am nächsten Tag den Hund in den Boden drücken. Wir würden es nicht erfahren. Das ist keine Schwäche unserer Durchführung. Es ist die Konstruktion des Instruments.

Was bedeutet das für Hundehalter? Der Sachkundenachweis ist ein Boden, keine Garantie. Er stellt sicher, dass Sie die Grundlagen kennen. Ob Sie sie an einem schlechten Tag anwenden, entscheiden Sie – nicht die Prüfung.

Und trotzdem: Das hier ist keine Schuldzuweisung

An dieser Stelle wird der Satz „das Problem liegt am anderen Ende der Leine" gefährlich – weil er als Schuldspruch gelesen wird. Wir meinen ihn nicht so, und die Daten geben es auch nicht her.

Ein Hund ist kein unbeschriebenes Blatt, auf dem der Mensch schreibt. Über ein Viertel der Verhaltensvarianz ist erblich. Drei Viertel der Hunde, die ein Kind gebissen hatten, waren angstauffällig. Die Hälfte hatte vermutlich Schmerzen. Zwei Drittel der Halter:innen hatten sich Hilfe geholt.


Wer aus „die Rasse ist schuld" ein „der Halter ist schuld" macht, hat einen Determinismus gegen einen anderen getauscht. Der zweite ist in unserer Branche populärer. Richtiger ist er nicht.

Der Satz stimmt in einer anderen Lesart. Und in dieser ist er präzise:

Die Regulierung endet an der Leine. Sie hört genau da auf, wo das Verhalten des Menschen anfängt.

Wir testen den Hund einmalig in einer Umgebung, in der er nie beißen wird. Wir fragen den Menschen einmalig ab, was er weiß. Und dann gehen beide nach Hause – in genau die Situation, die niemand geprüft hat. Ressourcen, Enge, Schmerz, Müdigkeit, ein Kleinkind, das einen schlafenden Hund umarmt.

Wo die Empirie endet und die Politik anfängt

Wir wollen hier sauber trennen, weil das sonst kaum jemand tut.

Was die Empirie hergibt: Die Rassezugehörigkeit hat nur begrenzte Aussagekraft über individuelles Verhalten und ist für die Aggressionsschwelle besonders schwach. Der Wesenstest ist eine Momentaufnahme, die Kinder- und Territorialkontexte konstruktionsbedingt ausspart. Die Mehrheit der Hunde, die Kinder beißen, ist zuvor nicht auffällig geworden. Angst und Schmerz sind in dieser Gruppe massiv überrepräsentiert. Konfrontative Methoden lösen bei vorbelasteten Hunden häufig Aggression aus.

Was die Empirie nicht hergibt: Welche Regulierung stattdessen kommen soll. Das ist eine politische Abwägung, keine wissenschaftliche.

Man kann daraus ableiten, dass es einen verpflichtenden, praktischen Hundeführerschein für alle Halter:innen braucht. Dagegen steht: Auch der ist eine punktuelle Prüfung – und er belastet vor allem jene, die ohnehin sorgfältig sind.


Man kann daraus ableiten, dass verpflichtende Schmerzdiagnostik und Verhaltensberatung nach dem ersten Vorfall sinnvoller wäre als ein Rassenverbot. Dagegen steht: Das setzt voraus, dass es einen ersten Vorfall gibt.

Man kann daraus ableiten, dass Aufklärung über Ressourcenkonflikte und Kind-Hund-Aufsicht mehr Kinder schützt als jede Liste. Dagegen steht: Aufklärung erreicht selten die, die sie am nötigsten hätten.

Wir haben eine Meinung dazu. Aber wir halten es für unredlich, sie als Ergebnis der Studien auszugeben, die wir eben zitiert haben. Sie ist es nicht.

Was jetzt konkret hilft

Bis die Politik das sortiert hat, ist das hier keine abstrakte Debatte. Es sind vier Dinge, die heute Abend in jedem Haushalt umsetzbar sind.

Erstens: Ressourcen sind der häufigste Auslöser bei kleinen Kindern. Futternapf, Kauknochen, Schlafplatz, Spielzeug. Ein Hund, der bei Annäherung erstarrt, den Kopf senkt, das Weiße im Auge zeigt oder plötzlich schneller frisst, verteidigt bereits. Er hat nicht „nichts gesagt". Er wurde nicht verstanden. Wer die Körpersprache des Hundes lesen kann, sieht die Eskalation lange vor dem Biss – und wer weiß, was Knurren tatsächlich bedeutet, bestraft es nicht weg.

Zweitens: Der ruhende Hund ist tabu. Ein Großteil der Bisse gegen Kleinkinder passiert am liegenden, schlafenden oder sich zurückziehenden Hund. Ein Zweijähriger kann nicht lernen, einen schlafenden Hund in Ruhe zu lassen. Die Umgebung muss es für ihn erledigen. Rückzugsorte müssen für Kinder unerreichbar sein – nicht als Regel, die man einübt, sondern als bauliche Tatsache. Konkrete Regeln für den sicheren Umgang zwischen Kindern und Hunden haben wir zusammengestellt.

Drittens: Schmerz ist ein Verhaltensfaktor. Bei der Hälfte der Hunde, die Kinder gebissen hatten, wurde eine medizinische Ursache vermutet. Ein Hund, der plötzlich unwirsch wird, gehört zum Tierarzt, bevor er zur Hundeschule gehört. Wie man Schmerzen beim Hund erkennt, ist deshalb Grundwissen und nicht Spezialthema.

Viertens: Aufsicht bedeutet Eingreifen-Können. Ein Erwachsener im selben Raum, der aufs Handy schaut, ist keine Aufsicht. Aufsicht heißt: in Reichweite, Blick auf beide, bereit, die Interaktion zu beenden, bevor der Hund es tun muss.

Wer diese Grundlagen systematisch nachholen möchte: Unser Online-Lerntrainer zum Sachkundenachweis ist kostenlos und deckt Körpersprache, Stresssignale und rechtliche Grundlagen ab. Er macht niemanden zum Verhaltenstherapeuten. Er sorgt aber dafür, dass man die Signale kennt, über die dieser Artikel spricht.

Was bedeutet das für die Arbeit mit Hunden?

Wir haben in diesem Text drei Instrumente auseinandergenommen – eines davon unser eigenes. Es wäre billig, dabei stehen zu bleiben. Also: Was folgt daraus für die fachliche Arbeit?

Verhaltensanalyse vor dem Vorfall, nicht danach. Das gesamte deutsche System ist reaktiv. Ein Hund wird begutachtet, nachdem etwas passiert ist. Die Reisner-Daten zeigen, warum das zu spät ist: Zwei Drittel dieser Hunde hatten keine Vorgeschichte. Was sie hatten, war Angst – und die ist lange vorher sichtbar, wenn jemand hinsieht, der es gelernt hat. Wann eine Verhaltenstherapie statt eines Trainings angezeigt ist, ist dabei die erste Frage, nicht die letzte.

Schmerzabklärung gehört an den Anfang jeder Verhaltensberatung, nicht ans Ende. Bei jedem zweiten Hund, der ein Kind gebissen hatte, stand eine medizinische Ursache im Raum. Jede Verhaltenstherapie, die vor einer orthopädischen und dermatologischen Abklärung beginnt, arbeitet möglicherweise am falschen Problem.

Management ist keine Kapitulation, sondern die Intervention mit der besten Evidenz. Ein Kindergitter vor dem Schlafplatz verhindert mehr Bisse als jedes Signal. Auch ein sauber aufgebautes Maulkorbtraining ist keine Bankrotterklärung, sondern eine Sicherheitsmaßnahme, die dem Hund Freiheit zurückgibt. Wer Management als „Ausrede für schlechtes Training" abtut, hat die Zahlen nicht gelesen.


Kind-Hund-Kompetenz ist eine eigene Disziplin. Sie richtet sich an Erwachsene, nicht an Kinder. Wer Sicherheit über die Einsicht des Kindes herstellen will, hat den Entwicklungsstand des Kindes nicht verstanden – und delegiert die Verantwortung an denjenigen, der sie am wenigsten tragen kann.

Halterkompetenz zeigt sich im Alltag, nicht in der Prüfung. Deshalb ist die entscheidende Frage in unserer Arbeit nicht, was jemand weiß, sondern was er tut, wenn es schwierig wird – und ob er sich Hilfe holt, bevor er die Kontrolle verliert. Ein Sachkundenachweis kann das nicht abfragen. Eine über Monate begleitete Beziehung schon.

Verhalten wird über Situationen hinweg beobachtet, nicht in einer. Das ist der eigentliche Grund, warum ein einmaliger Test – gleich welcher – das Problem strukturell nicht lösen kann. Verhalten ist kontextabhängig. Wer es beurteilen will, muss es in verschiedenen Kontexten sehen, über Zeit.

Das ist kein besseres Prüfverfahren. Es ist der Verzicht auf die Vorstellung, dass ein Prüfverfahren ausreicht.

Zum Schluss

Ein Kind ist gestorben. Wir wissen nicht, warum. Es ist gut möglich, dass wir es nie mit Sicherheit wissen werden.

Was wir wissen: In den kommenden Wochen wird über die Rasse dieses Hundes gestritten werden – über eine Rasse, deren Bestimmung schon am ersten Tag zwischen Boulevardpresse und Staatsanwaltschaft auseinanderging. Es wird Forderungen nach Listen geben und Gegenforderungen. Am Ende wird sich vermutlich wenig ändern.


Und irgendwo in Deutschland wird währenddessen ein zweijähriges Kind einen schlafenden Familienhund umarmen, der Schmerzen hat, den nie jemand untersucht hat, der noch nie jemanden gebissen hat – und der jeden Wesenstest bestehen würde.

Das ist die Stelle, an der wir ansetzen müssten.


Quellen

Herron, M. E., Shofer, F. S., & Reisner, I. R. (2009). Survey of the use and outcome of confrontational and non-confrontational training methods in client-owned dogs showing undesired behaviors. Applied Animal Behaviour Science, 117(1–2), 47–54. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2008.12.011

Morrill, K., Hekman, J., Li, X., McClure, J., Logan, B., Goodman, L., Gao, M., Dong, Y., Alonso, M., Carmichael, E., Snyder-Mackler, N., Alonso, J., Cai, H. J., Boyko, A. R., & Karlsson, E. K. (2022). Ancestry-inclusive dog genomics challenges popular breed stereotypes. Science, 376(6592), eabk0639. https://doi.org/10.1126/science.abk0639

Reisner, I. R., Shofer, F. S., & Nance, M. L. (2007). Behavioral assessment of child-directed canine aggression. Injury Prevention, 13(5), 348–351. https://doi.org/10.1136/ip.2007.015396

Reisner, I. R., Nance, M. L., Zeller, J. S., Houseknecht, E. M., Kassam-Adams, N., & Wiebe, D. J. (2011). Behavioural characteristics associated with dog bites to children presenting to an urban trauma centre. Injury Prevention, 17(5), 348–353. https://doi.org/10.1136/ip.2010.029868



Hund beißt: Häufige Fragen zu Ursachen, Risiken und Prävention



bottom of page
unterHUNDs.de Trainerausbildung Blog