Eifersucht oder Ungerechtigkeit? Die Evolution des „Fairness“-Empfindens bei Hunden
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Aktualisiert: vor 19 Stunden
Kaum eine Frage in der Verhaltenswissenschaft löst so viel Debatte aus – und so viele wissende Blicke von Hundebesitzern – wie die, ob Hunde Eifersucht empfinden. Du kennst das Szenario bestimmt: Ein Hund bekommt ein Leckerli, Lob oder Aufmerksamkeit, während ein anderer zuschaut und dabei einen regelrecht empörten Blick aufzusetzen scheint. „Der ist eifersüchtig“, denkst du dann vielleicht. Doch hinter dieser menschlichen Zuschreibung verbirgt sich eine komplexe wissenschaftliche Untersuchung über die Evolution sozialer Kognition, Kooperation und das, was man als rudimentäres Gerechtigkeitsempfinden bezeichnen könnte.
In diesem Artikel tauchst du ein in die wachsende Zahl von Forschungsarbeiten zur Ungerechtigkeitsaversion bei Hunden – also der Tendenz, negativ zu reagieren, wenn Belohnungen ungleich verteilt werden. Beginnend mit den bahnbrechenden „Pfötchen-Test“-Studien der Universität Wien wirst du erkunden, was diese Experimente tatsächlich zeigen, wo ihre Grenzen liegen und ob das beobachtete Verhalten echte Eifersucht, ein primitives Gefühl für Ungerechtigkeit oder etwas ganz anderes darstellt. Du wirst auch die evolutionären Wurzeln einer solchen Empfindlichkeit, die methodischen Debatten um ihre Messung und die praktischen Auswirkungen auf deinen Alltag mit Hunden kennenlernen.
Für einen tieferen Einblick in die zugrundeliegenden Lernmechanismen wirf einen Blick auf: Moderne Lerntheorie in der Hundeerziehung

1. Die bahnbrechende Entdeckung: Range et al. 2009
Die wissenschaftliche Untersuchung von Fairness bei Hunden begann ernsthaft mit einer Studie von Friederike Range und Kollegen an der Universität Wien aus dem Jahr 2009, veröffentlicht in den Proceedings of the National Academy of Sciences. Stell dir vor: Das Versuchsdesign war elegant einfach. Je zwei Hunde wurden gebeten, ein antrainiertes Verhalten zu zeigen – einem menschlichen Versuchsleiter ein Pfötchen zu geben – und zwar unter verschiedenen Belohnungsbedingungen.
1.1 Das klassische Pfötchen-Test-Paradigma
Im Standardablauf wurden zwei Hunde nebeneinander positioniert und abwechselnd gebeten, ihr Pfötchen zu geben. Der Versuchsleiter variierte die Belohnungsstruktur über verschiedene Bedingungen hinweg:
Beide belohnt: Beide Hunde erhielten für jedes erfolgreiche Pfötchengeben ein Stück Futter.
Keiner belohnt: Beide Hunde führten die Aufgabe aus, ohne Futter zu erhalten.
Ungleiche Belohnung: Ein Hund erhielt Futter, während der andere die gleiche Aktion ohne Belohnung zeigte.
Die Ergebnisse waren bemerkenswert. Wenn beide Hunde belohnt wurden, kooperierten beide bereitwillig weiter. Wenn keiner belohnt wurde, hörten sie schließlich auf, aber diese Löschung erfolgte allmählich. In der ungleichen Bedingung jedoch – wo ein Hund zusah, wie ein Partner Futter bekam, während er selbst leer ausging – hörten die nicht belohnten Hunde signifikant schneller auf zu kooperieren. Sie zeigten zudem deutliche Anzeichen von Stress: Kratzen, Gähnen, Lecken und das Vermeiden des Blickkontakts zum Versuchsleiter.
1.2 Worauf die Hunde reagierten (und worauf nicht)
Entscheidend war, dass die Verweigerung der Hunde nicht einfach eine Reaktion auf das Ausbleiben von Belohnung war. Wenn sie allein in einer nicht-sozialen Bedingung getestet wurden, brauchten die Hunde viel länger, um die Kooperation einzustellen, wenn die Belohnungen ausblieben. Die Anwesenheit eines belohnten Partners beschleunigte die Verweigerung dramatisch. Diese soziale Komponente deutet darauf hin, dass Hunde nicht nur frustriert über das fehlende Futter waren, sondern spezifisch auf die Ungerechtigkeit der Situation im Vergleich zu einem Artgenossen reagierten.
Die Studie offenbarte jedoch auch wichtige Grenzen. Hunde schienen nicht empfindlich auf die Qualität der Belohnung zu reagieren. Wenn ein Hund Brot und der andere hochpräferierte Wurst erhielt, verweigerte keiner die Teilnahme. Ebenso reagierten Hunde nicht, wenn ein Hund arbeiten (ein Pfötchen geben) musste, während der andere das Futter gratis bekam – sie kooperierten weiter, solange beide etwas erhielten. Dies stand im Gegensatz zu Primaten, die sowohl auf Belohnungsqualität als auch auf Anstrengung reagieren.
Um mehr über die Körpersprache und Kommunikation von Hunden zu erfahren, die bei solchen Experimenten eine Rolle spielt, lies hier weiter: Hunde Kommunikation Körpersprache
2. Interpretation der Ergebnisse: Eifersucht, Fairness oder Frustration?
Die Veröffentlichung von Ranges Erkenntnissen sorgte für erhebliches Medienecho, mit Schlagzeilen, die verkündeten, Hunde hätten einen Sinn für Fairness und würden Eifersucht empfinden. Doch Wissenschaftler mahnten zur Vorsicht bei der Interpretation.
2.1 Das Argument für „Eifersucht“
Befürworter der Eifersuchts-Interpretation verweisen auf die soziale Spezifität der Reaktion. Hunde verweigerten die Kooperation nur, wenn ein Partner belohnt wurde und sie selbst nicht – nicht, wenn sie allein und unbelohnt waren. Das deutet auf eine Form des sozialen Vergleichs hin.
Marc Bekoff, ein prominenter Forscher auf dem Gebiet der Kognition bei Hunden, ordnete die Ergebnisse evolutionär ein: „Das Schicksal eines Wolfs- oder Kojotenrudels kann wirklich davon abhängen, ob ein Einzelner seinen Teil beiträgt. Diese Tiere lernen, Ungerechtigkeit nicht zu tolerieren.“ Aus dieser Perspektive ist Ungerechtigkeitsaversion ein adaptiver Mechanismus zur Aufrechterhaltung der Kooperation in sozialen Arten. Das wirft auch ein Licht auf die Komplexität des sozialen Gefüges, in dem Hunde leben, und wie sehr sie darauf angewiesen sind, verstanden zu werden – ein Thema, das auch in diesem Artikel vertieft wird: Hund-Mensch-Kommunikation
2.2 Das Argument für „Frustration“ oder „soziale Bahnung der Löschung“
Kritiker boten jedoch alternative Erklärungen an. Alexandra Horowitz wies in ihrer Studie „Fair is Fine, but More is Better“ aus dem Jahr 2012 auf ein entscheidendes methodisches Problem hin: Im ursprünglichen Pfötchen-Test wurden die Hunde immer im ersten Durchgang belohnt, um „vollständige Frustration“ zu vermeiden. Das bedeutete, dass das anschließende Ausbleiben der Belohnung eine Löschungsbedingung darstellte. Die Anwesenheit eines belohnten Partners könnte das Ausbleiben der Belohnung einfach deutlicher gemacht und den Löschungsprozess durch soziale Bahnung beschleunigt haben, anstatt auf ein konzeptionelles Verständnis von Fairness hinzudeuten.
Horowitz' eigene Studie führte ein anderes Paradigma ein: Hunde beobachteten zwei Trainer, von denen einer die Belohnungen gleich verteilte und der andere sie ungleich verteilte. Nach der Gewöhnung konnten die Hunde wählen, zu welchem Trainer sie gehen. Die Ergebnisse stellten einfache Fairness-Interpretationen in Frage: Die Hunde bevorzugten tatsächlich den übermäßig belohnenden Trainer gegenüber dem fairen. Sie zeigten keine Präferenz zwischen dem ungerecht benachteiligenden und dem fairen Trainer.
Horowitz folgerte: „Wenn die Einsätze hoch waren, zeigten Hunde eine größere Sensibilität für die Menge einer Belohnung als für die Fairness einer Belohnung.“ Das deutet darauf hin, dass die Reaktionen von Hunden auf Ungerechtigkeit mehr mit der Maximierung des persönlichen Gewinns zu tun haben könnten als mit der Durchsetzung von Fairness an sich. Diese Beobachtung passt gut zu den Erkenntnissen über die Bedeutung der Motivation beim Hundetraining, wo individuelle Präferenzen eine große Rolle spielen.
2.3 Die Frage des konzeptionellen Verständnisses
Eine grundlegende Frage in dieser Debatte ist, ob Hunde überhaupt die kognitive Fähigkeit für ein Konzept wie „Fairness“ besitzen. Um sich wie Primaten in Ungerechtigkeitsaufgaben zu verhalten, müsste ein Hund seine eigene Anstrengung und Belohnung mit denen eines Partners vergleichen und dann einen Meta-Vergleich anstellen – ein kognitiv anspruchsvoller Prozess.
Die einfachere Interpretation ist, dass Hunde eine basalere Empfindlichkeit besitzen: Sie erwarten Ergebnisse auf der Grundlage früherer Erfahrungen, und es belastet sie, wenn ein sozialer Partner etwas bekommt, das sie nicht bekommen, besonders wenn dieser Partner sichtbar ist. Das könnte man besser als „sozial verstärkte Enttäuschung“ denn als Gerechtigkeitssinn beschreiben. Mehr über die erstaunlichen, aber oft andersartigen kognitiven Fähigkeiten von Hunden findest du hier.
3. Verfeinerung des Paradigmas: Neue Erkenntnisse zu Kontext und Kausalität
Seit der ersten Studie von 2009 haben Forscher daran gearbeitet, die spezifischen Bedingungen zu isolieren, die Ungerechtigkeitsaversion bei Hunden auslösen.
3.1 Die Rolle der gemeinsamen Ressource
Eine Studie von McGetrick, Range und Kollegen aus dem Jahr 2019 befasste sich mit einer rätselhaften Diskrepanz in der Literatur. Eine frühere Studie hatte die Ungerechtigkeitsaversion bei Hunden nicht replizieren können, was zu der Spekulation führte, dass eine gemeinsame Futterquelle notwendig sein könnte, um die Reaktion auszulösen. Im ursprünglichen Paradigma stammten die Belohnungen aus einer einzigen, für beide Hunde sichtbaren Schüssel; in der Studie von Brucks wurden getrennte Futternäpfe verwendet.
McGetricks Team entwarf ein Experiment, um diese Hypothese direkt zu testen. Unter Verwendung der klassischen Pfötchen-Aufgabe, aber mit getrennten Futternäpfen für jeden Hund, fanden sie heraus, dass Hunde dennoch Ungerechtigkeitsaversion zeigten. Das zeigte, dass die fehlgeschlagene Replikation nicht auf die Trennung der Futterquellen zurückzuführen war, und bestätigte die Robustheit des Phänomens.
3.2 Methodische Variabilität
Eine Studie von McAuliffe und Kollegen aus dem Jahr 2021 führte eine weitere methodische Wendung ein. Mit einer neuartigen Aufgabe, die kein vorheriges Training erforderte – die Hunde konnten einfach Futterzuteilungen annehmen oder ablehnen – fanden die Forscher bei Haushunden und Dingos keine Hinweise auf Ungerechtigkeitsaversion. Das wirft wichtige Fragen zu den experimentellen Merkmalen auf, die für das Auftreten von Ungerechtigkeitsaversion notwendig sind, und deutet darauf hin, dass der Effekt kontextabhängig und möglicherweise an Aufgaben gebunden ist, die trainierte Verhaltensweisen und Leistungserwartungen beinhalten.
Diese Komplexität in der Forschung zeigt, wie wichtig ein fundiertes Verständnis des Mythos des rassetypischen Fehlverhaltens ist, um individuelle Unterschiede nicht vorschnell zu verallgemeinern.
3.3 Individuelle Unterschiede
Horowitz' Studie aus dem Jahr 2012 identifizierte eine signifikante individuelle Variation in den Reaktionen auf Ungerechtigkeit. Faktoren wie die Dauer der Hundehaltung, das Alter des Hundes und frühere Erfahrungen mit kooperativer Arbeit sagten die Präferenz für den fairen Trainer voraus, während die Rasse dies nicht tat. Das deutet darauf hin, dass Erfahrungen – insbesondere die Geschichte sozialer Interaktionen mit Menschen – die Wahrnehmung und Reaktion von Hunden auf ungleiche Behandlung prägen können. Dies unterstreicht, dass Verhalten immer im Kontext der emotionalen Intelligenz von Hunden und ihrer individuellen Lerngeschichte betrachtet werden muss.
4. Der evolutionäre Kontext: Kooperation bei Caniden
Um die Ungerechtigkeitsaversion bei Hunden zu verstehen, musst du sie in einen evolutionären Rahmen einordnen. Hunde stammen von Wölfen ab, hochsozialen Caniden, die bei der Jagd, der Aufzucht von Welpen und der Verteidigung des Territoriums kooperieren. Kooperation zwischen nicht verwandten Individuen stellt ein evolutionäres Rätsel dar: Warum anderen helfen, wenn es die eigene Fitness verringert?
4.1 Ungerechtigkeitsaversion als Mechanismus zur Aufrechterhaltung von Kooperation
Eine einflussreiche Theorie besagt, dass sich Ungerechtigkeitsaversion genau entwickelt hat, um die Kooperation aufrechtzuerhalten. Wenn Individuen bei gemeinsamen Anstrengungen konsequent weniger erhalten als ihre Partner, sollten sie sich irgendwann aus der Kooperation zurückziehen. Eine Empfindlichkeit gegenüber Ungerechtigkeit – und die Bereitschaft, unfaire Partner durch Kooperationsverweigerung zu „bestrafen“ – könnte kooperative Beziehungen im Laufe der Zeit stabilisieren.
Diese Logik gilt für Wölfe ebenso wie für Hunde. Sie stellt auch die veraltete Dominanztheorie beim Hund in Frage, die komplexe soziale Interaktionen auf ein einfaches Machtgefüge reduzierte.
4.2 Der menschliche Faktor: Domestikation und Kooperation mit Menschen
Gleichzeitig hat die Domestikation Hunde in einzigartiger Weise darauf vorbereitet, mit einer anderen Spezies – dem Menschen – zu kooperieren. Hunde wurden über Jahrtausende daraufhin gezüchtet, mit Menschen in Kontexten zusammenzuarbeiten, die Koordination erfordern: Hüten, Jagen, Bewachen und Helfen. Diese kooperative Geschichte könnte ihre Sensibilität für soziale Kontingenzen, einschließlich Erwartungen an die Belohnungsverteilung in Interaktionen mit Menschen, verstärkt oder verfeinert haben.
Die starke Mensch-Hund-Bindung, die unter anderem durch Oxytocin vermittelt wird, schafft einen Kontext, in dem soziale Erwartungen entstehen können. Mehr über dieses „Klebebormon“ und die Bindung liest du hier: Oxytocin bei Hunden
4.3 Abgrenzung der Ungerechtigkeitsaversion von Ressourcenverteidigung
Es ist wichtig, zwischen Ungerechtigkeitsaversion und Ressourcenverteidigung zu unterscheiden. Wenn ein Hund über einem Knochen knurrt oder nach einem anderen Hund schnappt, der sich seinem Napf nähert, ist dies keine Reaktion auf Ungerechtigkeit, sondern eine kompetitive Verteidigung einer wertvollen Ressource – das, was Verhaltensbiologen „Futterneid“ nennen. Dieses Verhalten dient grundlegend der Sicherung des eigenen Zugangs, nicht dem Vergleich von Ergebnissen mit anderen.
Welpen in großen Würfen müssen um den Zugang zu Zitzen konkurrieren, und dieser Wettbewerbsinstinkt ist teilweise angeboren. Dies unterscheidet sich jedoch qualitativ von der Verweigerung der Kooperation, wenn man beobachtet, dass ein anderer für die gleiche Arbeit belohnt wird. Ersteres ist Wettbewerb; Letzteres impliziert eine Form des sozialen Vergleichs, so basal er auch sein mag.
5. Was Hunde wirklich verstehen könnten: Eine sparsame Interpretation
Angesichts der Beweise und anhaltenden Debatten: Was kannst du vernünftigerweise über die Empfindlichkeit von Hunden gegenüber Fairness schlussfolgern?
5.1 Ein Vorläufer von Fairness, nicht Fairness selbst
Die sparsamste Interpretation ist, dass Hunde einen Vorläufer eines voll entwickelten Gerechtigkeitssinns besitzen – eine grundlegende emotionale und verhaltensbezogene Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Arten von Ungerechtigkeit, insbesondere wenn sie selbst diejenigen sind, die benachteiligt werden. Sie bemerken, wenn ein sozialer Partner etwas bekommt, das sie nicht bekommen, und dieses Bemerken erzeugt negative Gefühle und Verhaltensänderungen. Dies impliziert jedoch nicht unbedingt ein konzeptionelles Verständnis von „fair“ versus „unfair“ als abstrakte Prinzipien.
Horowitz deutet an, dass Hunde zwar eine „vorbereitende Sensibilität“ für ungerechte Ergebnisse zeigen, diese sich aber nicht auf alle Formen von Ungerechtigkeit erstreckt und das Streben nach höherwertigen Belohnungen, wenn verfügbar, nicht außer Kraft setzt.
5.2 Soziale Erwartung vs. moralisches Urteil
Was Hunde zu haben scheinen, ist ein System sozialer Erwartungen, das auf früheren Erfahrungen basiert. Wenn ein Interaktionsmuster etabliert ist – „Ich gebe Pfötchen, ich bekomme Futter“ – sind Verletzungen dieses Musters aversiv, insbesondere wenn eine andere Person weiterhin das erwartete Ergebnis erhält. Dies ist kein moralisches Urteil darüber, was der andere verdient, sondern eine Stressreaktion auf verletzte Erwartungen in einem sozialen Kontext.
Diese Interpretation deckt sich mit dem, was wir allgemein über die kognitive Architektur von Hunden wissen: Sie sind sehr empfänglich für Muster, Kontingenzen und soziale Signale, aber ihre kognitiven Fähigkeiten unterstützen kein abstraktes Denken über Rechte oder Gerechtigkeit. Ein spannendes Feld, das zeigt, wie Hunde über Ursache und Wirkung denken, ist die Metakognition bei Hunden.
5.3 Die emotionale Komponente: Stress, nicht Groll
Die in Ungerechtigkeitsstudien beobachteten Stressverhaltensweisen – Kratzen, Gähnen, Lecken – deuten auf eine echte emotionale Erregung hin. Hunde sind nicht gleichgültig gegenüber ungleicher Behandlung. Diese emotionale Reaktion kann jedoch besser als Stress oder Frustration denn als Groll oder moralische Empörung charakterisiert werden. Diese Unterscheidung ist wichtig für die Art und Weise, wie du solche Verhaltensweisen im Alltag interpretierst und darauf reagierst. Grundlegend dafür ist ein Verständnis dafür, wie Hunde deine Emotionen wahrnehmen und darauf reagieren.
6. Praktische Implikationen für dein Zusammenleben mit Hunden
Die Forschung zur Ungerechtigkeitsaversion hat praktische Auswirkungen auf die Führung von Mehrhundehaushalten und deinen Umgang mit den Hunden.
6.1 Umgang mit mehreren Hunden
Die Erkenntnis, dass Hunde ungleiche Behandlung bemerken und darauf reagieren, legt nahe, dass du als Besitzer darauf achten solltest, wie Belohnungen unter mehreren Hunden verteilt werden. Perfekte Gleichheit ist vielleicht nicht immer möglich, aber das Bewusstsein, dass Hunde empfindlich auf Ungleichheiten reagieren, kann deine Entscheidungen im Management leiten.
Das bedeutet nicht, dass Hunde in jeder Interaktion mathematische Gleichheit erwarten. Aber wenn ein Hund konsequent Belohnungen erhält, während ein anderer das gleiche Verhalten ohne Belohnung zeigt, kann der nicht belohnte Hund gestresst werden und weniger kooperativ sein. Um die Bedürfnisse aller Hunde in deinem Haushalt zu verstehen, ist es hilfreich, sich mit Themen wie forderndem Verhalten beim Hund auseinanderzusetzen.
6.2 Mehr als Futter: Aufmerksamkeit und Zuneigung
Ranges Spekulation, dass die Empfindlichkeit gegenüber Ungerechtigkeit sich auch auf Lob und Aufmerksamkeit erstrecken könnte, deckt sich mit deinen Erfahrungen als Besitzer mit „Eifersucht“, wenn die Aufmerksamkeit woanders hin gerichtet ist. Obwohl dies nicht systematisch untersucht wurde, trifft das zugrundeliegende Prinzip – dass Hunde Erwartungen an soziale Interaktionen bilden und negativ reagieren, wenn diese Erwartungen in einem sozialen Kontext verletzt werden – wahrscheinlich auf verschiedene Ressourcen zu, die Hunde schätzen, einschließlich menschlicher Aufmerksamkeit. Das zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, die Kommunikation zwischen Mensch und Hund zu verstehen.
6.3 Konsequenzen für dein Training
Die Forschung unterstreicht die Bedeutung von Trainingsansätzen mit positiver Verstärkung, die klare, konsistente Zusammenhänge schaffen. Hunde, die du mit belohnungsbasierten Methoden trainierst, entwickeln verlässliche Erwartungen: Bestimmte Verhaltensweisen führen zu bestimmten Ergebnissen. Wenn diese Erwartungen verletzt werden – insbesondere auf eine Weise, die den Hund gegenüber einem anderen benachteiligt – können Stress und verminderte Kooperationsbereitschaft die Folge sein.
Das ist kein Argument dafür, alle Hunde stets identisch zu behandeln, sondern für das Bewusstsein, dass Hunde soziale Beobachter sind, die wahrnehmen, was andere erhalten. Es bekräftigt auch, warum Training ohne Leckerli und der Verzicht auf Strafen in der Hundeerziehung für das Wohlbefinden deiner Hunde so entscheidend sind.
Fazit: Zwischen Eifersucht und Gerechtigkeit
Die Frage „Empfinden Hunde Eifersucht oder einen Sinn für Fairness?“ widersetzt sich einer einfachen Ja-oder-Nein-Antwort. Die Ergebnisse aus fünfzehn Jahren Forschung deuten auf etwas Nuancierteres hin: Hunde besitzen eine grundlegende Empfindlichkeit gegenüber Ungerechtigkeit, die sich als Stress und verminderte Kooperationsbereitschaft äußert, wenn sie beobachten, dass ein sozialer Partner Belohnungen erhält, die sie selbst nicht bekommen. Diese Empfindlichkeit ist robust genug, um in verschiedenen experimentellen Paradigmen aufzutreten, aber gleichzeitig begrenzt genug, dass sie nicht wie menschliche Fairness-Konzepte funktioniert.
Was Hunde haben, ist kein moralisches Prinzip, sondern eine emotionale und verhaltensbezogene Anpassung – ein Erbe ihrer evolutionären Geschichte als kooperative soziale Fleischfresser, verfeinert durch Jahrtausende der Domestikation und Kooperation mit dem Menschen. Sie bemerken, wenn die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten, insbesondere wenn ein anderer profitiert, während sie selbst leer ausgehen. Dieses Bemerken ist für sie wichtig, und es sollte auch für dich wichtig sein, wenn du dich bemühst, ihr Wohlbefinden zu verstehen und zu fördern.
Wenn dein Hund das nächste Mal einen „beleidigten“ Blick zeigt, weil ein anderer Hund im Haushalt ein Leckerli bekommt und er nicht, erlebst du nicht Bosheit oder ein moralisches Urteil, sondern einen grundlegenden sozial-kognitiven Prozess: die Entdeckung einer verletzten Erwartung in einem sozialen Kontext. Ob du dies nun Eifersucht, Ungerechtigkeitsaversion oder einfach soziale Enttäuschung nennst, es erinnert dich daran, dass Hunde keine passiven Empfänger deiner Handlungen sind, sondern aktive Interpreten der sozialen Welt, die sie mit dir teilen.
Für eine ganzheitliche Betrachtung des Hundeverhaltens und wie du es positiv beeinflussen kannst, lohnt sich ein Blick auf die Prinzipien des emotionsbasierten Hundetrainings.
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Referenzen
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Häufige Fragen zur Wahrnehmung von Fairness bei Hunden

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