Grannen beim Hund: Die unterschätzte Sommer-Gefahr für Ohren, Pfoten und Nase
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 26. Apr.
- 15 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Juli
Das Wichtigste zuerst: Vier Dinge solltest du über Grannen wissen. Erstens: Eine Granne kann sich durch ihre rückwärts gerichteten Widerhaken überwiegend nur in eine Richtung fortbewegen – tiefer ins Gewebe. Zweitens: Nach den größten vorliegenden Fallserien ist nicht die Pfote die häufigste Fundstelle, sondern der Gehörgang. Drittens: Die Saison ist enger, als viele denken – in einer britischen Auswertung von über 4,5 Millionen Tierarztkontakten fielen rund neun von zehn Fällen in die Monate Juni bis September, allein 42,7 Prozent in den Juli. Und viertens: Symptome können zwischenzeitlich nachlassen, während die Granne weiterwandert. Genau das macht das Abwarten so tückisch.
Du kommst vom Spaziergang zurück. Alles war unauffällig – dein Hund ist durch eine Wiese getobt, hat gejagt, gespielt. Zwei Stunden später liegt er plötzlich auf dem Boden und leckt hektisch an einer Pfote. Du schaust hin: keine Wunde, kein Splitter. Nur dieses ständige Lecken. In diesem Artikel gehen wir durch, was dann tatsächlich passiert, woran du die verschiedenen Eintrittsstellen erkennst, welche Hunde nach aktueller Datenlage häufiger betroffen sind – und wo die verbreiteten Ratgeber-Aussagen an der Studienlage vorbeigehen.

Was eine Granne eigentlich ist
Hier lohnt sich eine Präzisierung, weil sie das Verständnis für den Rest verändert. Eine Granne ist nicht der Samenstand selbst. Botanisch ist sie ein borstenförmiger Fortsatz, der aus der Deckspelze oder Hüllspelze eines Grasährchens herauswächst, sich zur Spitze hin verjüngt und je nach Art unterschiedlich stark mit feinen Widerhaken besetzt ist (Petersen & Kellogg, 2022).
Was in den Hund eindringt, ist deshalb meist nicht „eine Granne" im engeren Sinn, sondern die gesamte Ausbreitungseinheit: das Ährchen mit der Granne daran. In der tiermedizinischen Bildgebung erscheint dieses Gebilde charakteristisch spindelförmig, mit einer Länge, die in einer italienischen Ultraschall-Fallserie zwischen 0,8 und 2,5 Zentimetern lag (Caivano et al., 2016).
Bei den Grasarten ist die Datenlage dünner, als man erwarten würde. In der tiermedizinischen Literatur wird am häufigsten die Mäusegerste (Hordeum murinum) namentlich genannt, und Hordeum-Arten tauchen auch in Fallberichten explizit als Verursacher auf (Koutinas et al., 2003). Die Autorinnen der bislang größten europäischen Untersuchung halten aber ausdrücklich fest, dass die beteiligten Grasarten in der Praxis kaum systematisch erfasst werden und hier Forschungsbedarf besteht (Brant et al., 2021). Wenn du also Listen mit Wiesenfuchsschwanz, Quecke, Roggen, Gerste und Hafer liest: Das sind plausible Kandidaten, keine belegte Rangfolge. Für die Praxis ist die Unterscheidung ohnehin zweitrangig – entscheidend ist die Struktur, nicht der Artname.
Warum eine Granne überwiegend in eine Richtung wandert
Der Mechanismus ist in der Übersichtsliteratur klar beschrieben: Die Ausbreitungseinheit wandert wegen ihrer spindelförmigen Gestalt und ihrer rückwärts gerichteten Widerhaken durch Gewebe und Körperhöhlen (Caivano et al., 2023). Die Widerhaken zeigen also nach hinten, gegen die Bewegungsrichtung. Jede Bewegung des Hundes – Laufen, Schütteln, Kratzen – schiebt die Einheit ein Stück weiter vor. Der Weg zurück ist dagegen blockiert, weil die Haken sich beim Zurückziehen im Gewebe verankern.
Es gibt darüber hinaus einen zweiten, faszinierenden Mechanismus, den man sauber einordnen muss. Bei Wildweizen konnte gezeigt werden, dass die Grannen sich durch Feuchtigkeitswechsel selbst biegen und strecken: Die Anordnung der Zellulosefibrillen in der Zellwand lässt die Granne beim Trocknen abknicken und bei Feuchtigkeit wieder strecken, und verkieselte Härchen sorgen dafür, dass diese Bewegung die Einheit nur in Richtung des Samens vorantreibt (Elbaum et al., 2007). Der tägliche Feuchtigkeitszyklus wirkt damit wie ein Motor, der den Samen in den Boden treibt.
Wichtig zur Einordnung: Diese Arbeit stammt aus der Botanik und beschreibt die Selbsteingrabung im Erdboden, nicht die Wanderung im Körpergewebe. Ob dieser Mechanismus im warmen, feuchten Gewebe eines Hundes eine Rolle spielt, ist unseres Wissens nicht untersucht. Für den Weg durch den Körper ist die belegte Erklärung die mechanische: Form plus rückwärts gerichtete Haken plus die Eigenbewegung des Hundes.
Was die Granne im Körper auslöst, ist gut dokumentiert: Sie schleppt Bakterien ein, ruft eine Fremdkörperreaktion hervor, stört die örtliche Abwehr und bietet einen Ansatzpunkt für chronische Infektionen, die sich häufig als Abszesse und Fistelgänge zeigen (Caivano et al., 2023).
Wo Grannen tatsächlich landen
Hier weicht die Datenlage von der gängigen Ratgeber-Darstellung ab. In fast allen Texten steht die Pfote an erster Stelle. In den beiden großen ausgewerteten Fallserien steht sie das nicht.
In einer Auswertung von 754 Hunden und 37 Katzen einer US-amerikanischen Universitätsklinik über zehn Jahre verteilten sich die bestätigten Fundorte bei Hunden so: Gehörgang 28,6 Prozent, Nasengang 18 Prozent, Haut und Unterhaut zusammen 26,7 Prozent – wovon 47,3 Prozent zwischen den Zehen saßen. Rechnet man das um, liegt der Zwischenzehenbereich bei etwa 13 Prozent aller Fälle, also deutlich hinter dem Ohr (Philp et al., 2022). Eine ältere Auswertung von 182 Fällen aus derselben Region kam auf einen noch klareren Befund: Der äußere Gehörgang war mit 51 Prozent der mit Abstand häufigste Sitz (Brennan & Ihrke, 1983).
Einschränkung, die dazugehört: Beide Zahlen stammen aus Kalifornien, also aus einer Region mit spezifischer Grasflora und Klima. Eine vergleichbar aufgeschlüsselte Verteilung für Mitteleuropa liegt uns nicht vor. Die britische Auswertung nennt zwar Zwischenzehenräume, Ohren, Augen und Nasenhöhle als typische Sitze, gibt dafür aber keine eigene Prozentverteilung an (Brant et al., 2021). Nimm die Reihenfolge also als gut belegten Hinweis, nicht als Naturgesetz für den Saarländer Feldrand – und kontrolliere ohnehin alle vier Stellen.
Ohr
Die Szene: Dein Hund schüttelt plötzlich heftig den Kopf. Er hält ihn schief, reibt sich am Boden, zuckt bei Berührung zurück.
Typische Anzeichen: abrupt einsetzendes, heftiges Kopfschütteln; Kopfschiefhaltung; Kratzen am Ohr; Schmerzreaktion bei Berührung; später Rötung, Schwellung, veränderter Geruch oder Ausfluss.
Was zu tun ist: Zeitnah zum Tierarzt, sinnvollerweise noch am selben Tag. Nichts selbst einführen – keine Pinzette, kein Wattestäbchen, keine Spüllösung. Jeder Versuch von außen kann die Granne tiefer schieben.
Zur Einordnung der Dringlichkeit: In den Fallserien wird die Granne im Gehörgang typischerweise beim ersten Termin mit dem Otoskop dargestellt und in leichter Sedation entfernt. Es ist also in aller Regel ein Fall für denselben oder den nächsten Tag, nicht für die nächsten Minuten. Dass eine Granne das Trommelfell durchdringen und weiterwandern kann, ist beschrieben – als seltener Verlauf, nicht als Regelfall. Der Grund für schnelles Handeln ist deshalb weniger die Minute als die Tatsache, dass jeder Wartetag die Entfernung aufwendiger macht.
Pfote und Haut
Die Szene: Abends fängt dein Hund an, ausdauernd an einer Pfote zu lecken. Du schaust nach: keine sichtbare Wunde. Am nächsten Morgen humpelt er.
Typische Anzeichen: anhaltendes Lecken an einer Pfote; Lahmheit, oft wechselnd stark; Schwellung im Zwischenzehenbereich, häufig warm; kleine Eintrittsstelle oder Sekret; gespreizte Zehen, Abwehr beim Anfassen.
Was zu tun ist: Sitzt die Granne noch lose im Fell, kannst du sie vorsichtig an der Basis mit einer Pinzette herausnehmen – ohne Ruckeln. Steckt sie bereits in der Haut oder ist die Stelle geschwollen: nicht selbst ziehen, sondern abklären lassen. Sie kann abbrechen, und der Rest wandert weiter.
Genau hier entsteht das Problem, das später aufwendig wird: Grannen in Unterhaut und tieferem Weichteilgewebe sind bei der ersten Untersuchung oft nicht auffindbar, und unvollständig entfernte Reste führen Wochen bis Monate später zu Abszessen oder Fistelgängen (Caivano et al., 2023).
Nase
Die Szene: Dein Hund schnüffelt an einem Grasbüschel und niest daraufhin heftig und mehrfach hintereinander. Später reibt er sich die Nase, eventuell kommt etwas Blut aus einem Nasenloch.
Typische Anzeichen: anfallsartiges, wiederholtes Niesen; einseitiger Nasenausfluss, anfangs klar, später eitrig oder blutig; Reiben der Nase am Boden oder mit der Pfote; Unruhe.
Was zu tun ist: Tierärztlich abklären lassen. Nichts selbst versuchen. Die Granne sitzt häufig zu tief für den Blick von außen; zur Darstellung wird eine Rhinoskopie eingesetzt, also eine Nasenspiegelung mit einer kleinen Kamera, in der Regel unter Narkose.
Auge
Die Szene: Dein Hund blinzelt anhaltend mit einem Auge, es tränt, die Bindehaut ist gerötet. Er kneift zu und reibt womöglich mit der Pfote.
Typische Anzeichen: einseitiges Blinzeln und Zukneifen; Tränenfluss und Rötung; Reiben; gelegentlich ein sichtbarer Fremdkörper.
Was zu tun ist: Das ist die Situation, in der wirklich derselbe Tag zählt – notfalls über den Notdienst. Keine Augentropfen und keine Salben aus der eigenen Hausapotheke, auch keine, die vom letzten Mal übrig sind. Der Hornhautzustand entscheidet mit darüber, welches Präparat überhaupt infrage kommt, und diese Beurteilung braucht eine Untersuchung.
Warum Mittel aus der eigenen Hausapotheke beim Hund ein eigenes Risiko sind, haben wir in einem gesonderten Beitrag zusammengetragen.
Wenn die Granne weiterwandert
Die dramatischen Verläufe existieren, sie sind aber selten und stammen überwiegend aus Fallberichten – das gehört zur ehrlichen Darstellung dazu. Dokumentiert sind unter anderem: Wanderungen in den Brustraum mit Lungenentzündung, Rippenfell- oder Herzbeutelerguss und Pneumothorax (Caivano et al., 2023; Sériot et al., 2021), Abszesse im Bereich der Lendenmuskulatur nach Durchtritt durch das Zwerchfell (Birettoni et al., 2017), Knochenentzündungen der Lendenwirbel (Johnston & Summers, 1971) sowie ein Empyem im Wirbelkanal (Whitty et al., 2013). Auch bakterielle Hirnhaut- und Gehirnentzündungen durch wandernde pflanzliche Fremdkörper sind beschrieben – in der zitierten Arbeit bei drei Hunden (Dennis et al., 2005).
Das ist die Antwort auf die Frage, warum man das nicht laufen lässt. Nicht, weil jeder Fall so endet – die allermeisten tun das ausdrücklich nicht –, sondern weil du von außen nicht erkennen kannst, welcher Fall welcher ist.
Welche Hunde häufiger betroffen sind
Bei diesem Punkt kursieren die meisten unbelegten Listen. Die derzeit belastbarste Datengrundlage für Europa stammt aus einem britischen Praxisnetzwerk: 245 Tierarztpraxen, 4.580.503 ausgewertete Konsultationen, daraus 1.037 bestätigte Fälle und 6.756 Kontrolltiere (Brant et al., 2021). Die Ergebnisse im Vergleich zum Retriever-Typ als Referenz:
Spaniel-Typen: 7,71-fach erhöhte Chance (95-%-Konfidenzintervall 5,39–11,03). Der English Cocker Spaniel stellte allein 22,6 Prozent aller Fälle.
Arbeitshund-Typen: 3,00-fach (1,85–4,88)
Mischlinge: 2,90-fach (2,03–4,13)
Kleine Terrier: 2,73-fach (1,80–4,14)
Hütehund-Typen: kein signifikanter Unterschied (0,81; 0,38–1,71)
Molosser-artige Typen: kein signifikanter Unterschied (0,58; 0,32–1,05)
Weitere Faktoren aus derselben Auswertung: Rüden waren 1,36-fach häufiger betroffen als Hündinnen. Das Fallrisiko erreichte seinen Gipfel bei ungefähr vier Jahren und sank danach mit steigendem Alter. Und Hunde in ländlich eingestuften Postleitzahlbereichen hatten ein höheres Risiko als solche in städtischen – wobei absolut betrachtet 62,9 Prozent der Fälle auf Hunde mit städtisch gemeldeter Adresse entfielen. Ländliche Umgebung erhöht die Wahrscheinlichkeit, schützt aber die Stadtbewohner keineswegs.
Zwei Dinge muss man dazu offen sagen. Erstens widerspricht diese Auswertung an mehreren Stellen der älteren kalifornischen Fallserie, in der Springer Spaniel, Golden Retriever, Bretonischer Vorstehhund und Airedale Terrier häufiger und Deutsche Schäferhunde, Zwergpudel und Dackel seltener betroffen waren (Brennan & Ihrke, 1983). Der Golden Retriever taucht dort als Risikorasse auf, während Retriever in der britischen Auswertung die Referenzgruppe mit dem niedrigsten Fallanteil bildeten. Solche Unterschiede können an der Rassenzusammensetzung der jeweiligen Region, an unterschiedlichen Grasarten oder an unterschiedlichen Klinikpopulationen liegen.
Zweitens – und das ist der praktisch wichtigere Punkt: Keine dieser Zahlen zeigt eine Ursache. Sie zeigen, welche Hunde in Praxen vorgestellt wurden. Die naheliegende Erklärung für den Spaniel-Effekt ist eine Kombination aus dicht behaarten Ohren und Pfoten, einem lebhaften Suchverhalten im Gelände und viel Exposition, nicht eine Eigenschaft der Rasse als solcher. Die Autorinnen weisen zudem darauf hin, dass Hunde mit mittellangem Fell und Hunde, die selten gepflegt werden, in einer australischen Untersuchung stärker betroffen waren.
Für dich heißt das: Entscheidend ist nicht, welche Rasse im Ausweis steht, sondern wie viel Fell an Ohren und Pfoten sitzt, wie intensiv dein Hund ins hohe Gras geht und wie regelmäßig kontrolliert wird.
Wann Grannen-Saison ist
Die verbreitete Angabe „Juni bis August" ist am hinteren Ende zu kurz gegriffen. In der britischen Auswertung wurden Fälle in allen Monaten des Jahres erfasst, 90,6 Prozent davon zwischen Juni und September (Brant et al., 2021). Die Verteilung im Detail:
Der Juli allein stellte 42,7 Prozent aller Fälle. Die Chance auf einen Grannenfall lag dort 175,6-fach über der des Januars (Konfidenzintervall 43,6–707,8).
August und Juni folgten mit dem 94,4- beziehungsweise 86,0-Fachen, September mit dem 42,9-Fachen.
Bereits im Mai zeigte sich ein signifikanter Anstieg auf das 5,5-Fache.
Die weiten Konfidenzintervalle beim Juli-Wert entstehen dadurch, dass es im Januar nur sehr wenige Fälle gab; die Größenordnung ist eindeutig, die exakte Zahl ist es nicht. Und der Gipfel verschob sich nicht in jedem Jahr gleich – 2015 lag er im August statt im Juli.
Praktisch bedeutet das: Ab Mai steigt das Risiko messbar, im Juli ist es am höchsten, und der September gehört noch dazu. Aber ein Grannenfall im Oktober oder im Winter ist kein Ding der Unmöglichkeit, unter anderem weil eine früher eingedrungene Granne verzögert Beschwerden machen kann.
Zur Häufigkeit insgesamt eine Zahl, die für Ruhe sorgen darf: Über zehn Jahre lag die Häufigkeit grannenbedingter Erkrankungen in der untersuchten US-Universitätsklinik bei 0,25 Prozent der Hunde (Philp et al., 2022). Grannen sind also der mit Abstand häufigste pflanzliche Fremdkörper – in der älteren Fallserie machten sie 61 Prozent aller Fremdkörperfälle eines Jahres aus (Brennan & Ihrke, 1983) –, aber gemessen an allen Hunden kein häufiges Ereignis. Das ist kein Grund zur Nachlässigkeit, wohl aber ein Grund, nicht in Panik durch den Sommer zu gehen.
Der Satz, der viele Grannenprobleme verschlimmert
„Ich dachte, das geht schon wieder weg."
Was daran gefährlich ist, lässt sich präziser sagen, als es meist getan wird. Es stimmt nicht, dass eine Granne niemals von selbst wieder herauskommt – die Autorinnen der britischen Auswertung halten ausdrücklich fest, dass ein Teil der Fälle vermutlich ohne Tierarztbesuch abheilt und deshalb in keiner Statistik auftaucht (Brant et al., 2021). Das Problem ist ein anderes, und es ist schwerwiegender: Du kannst von außen nicht unterscheiden, welcher Fall folgenlos bleibt und welcher gerade in die Tiefe wandert.
Dazu kommt ein Effekt, der das Abwarten aktiv belohnt und genau deshalb so heimtückisch ist. In der Übersichtsliteratur wird beschrieben, dass klinische Anzeichen von den Haltern unbemerkt bleiben oder nach einer entzündungshemmenden beziehungsweise antibiotischen Behandlung verschwinden können – während die Wanderung weitergeht (Caivano et al., 2023). Es wird also scheinbar besser, und der Fremdkörper ist trotzdem noch da.
Und ein Teil der Hunde zeigt von Anfang an keine passenden Symptome: In der Auswertung über 791 Fälle wurden 11,9 Prozent der Grannen als Zufallsbefund entdeckt, ohne dass die Vorstellung wegen entsprechender Beschwerden erfolgt war (Philp et al., 2022).
An dieser Stelle noch eine Korrektur zu einer verbreiteten Erklärung: Man liest häufig, Jagdhunde seien besonders gefährdet, weil sie eine „hohe Schmerztoleranz" hätten. Dafür gibt es keine belastbaren Belege. Die Erklärung, die sich in der Fachliteratur findet, ist eine andere und deutlich naheliegendere: Bei jungen Jagd- und Arbeitshunden wird eine höhere Rate an Grannen im Brustraum vermutlich durch die stärkere Exposition im Gelände und durch das Hecheln mit offenem Fang beim Arbeiten erklärt (Caivano et al., 2023). Es geht also um Gelegenheit und Atemmuster, nicht um Schmerzempfinden.
Die häufigsten Fehler
Abwarten, weil es besser aussieht. Nachlassende Symptome sind kein verlässlicher Hinweis darauf, dass die Granne weg ist. Bei Lahmheit, Kopfschütteln, anfallsartigem Niesen oder einseitigem Augenzukneifen nach einem Spaziergang im hohen Gras: abklären lassen.
Selbst im Ohr oder in der Nase hantieren. Pinzette, Wattestäbchen, Spülung – all das kann die Granne weiter nach innen schieben, im Ohr zusätzlich das Trommelfell gefährden. Lose im Fell darfst du entfernen, alles ab der Haut gehört in fachliche Hände.
Auf Schmerzäußerung warten. Ein relevanter Teil der Fälle fällt gar nicht durch Schmerz auf. Verlass dich auf die Kontrolle, nicht auf die Reaktion deines Hundes.
Zu selten kontrollieren. In der Hochsaison genügt ein einzelner Spaziergang durch reifes Gras. Ein wöchentlicher Blick reicht dafür nicht.
Die Pfoten bei der Fellpflege vergessen. Viele scheren im Sommer den Bauch und übersehen Zwischenzehen und Ohrinnenseiten – genau die Stellen, an denen sich Grannen bevorzugt festsetzen. Eine angemessene Pflege und Gesundheitsvorsorge gehören zu den Pflichten des Tierhalters nach § 2 Tierschutzgesetz.
So senkst du das Risiko
Route anpassen. Meide in der Hochsaison hohe, reife, trockene Wiesen und Feldränder. Waldwege, kurz gemähte Flächen und feste Wege sind deutlich unproblematischer. Wenn du durch kritisches Gelände musst, lass deinen Hund nah bei dir laufen, statt ihn durchs Gras pflügen zu lassen.
Die Kontrolle nach dem Spaziergang. Mach sie zur Routine, wie das Absuchen nach Zecken. Eine kurze Kontrolle nach Spaziergängen lässt sich meist innerhalb weniger Minuten durchführen; bei viel Fell dauert es entsprechend länger.
Ohren: Ohrmuschel umklappen, Innenseite anschauen, mit den Fingern die Behaarung durchgehen. Auffällig sind Rötung, Schwellung, veränderter Geruch – und natürlich das Kopfschütteln selbst.
Pfoten: Jede Pfote anheben, Zehen spreizen, Zwischenzehenhaut anschauen und abtasten. Du suchst nach roten Stellen, winzigen Einstichöffnungen, Sekret und warmen Schwellungen.
Nase und Augen: Gibt es einseitigen Ausfluss? Niest er auffällig? Blinzelt oder tränt ein Auge einseitig?
Fell: Gegen die Wuchsrichtung streichen, besonders Achseln, Leisten, Hals, Rute und Bauch. Grannen ertastest du als kleine, steife Stoppeln.
Fellpflege anpassen. Haare zwischen den Zehen kürzen – mit einer Schere mit abgerundeter Spitze und in Ruhe. Langes Fell an Bauch, Achseln und Hinterläufen kürzen. Nach Spaziergängen bürsten, gerade bei dichter Unterwolle. Wenn dein Hund das Anfassen der Pfoten unangenehm findet, lohnt sich der Aufbau über kleine, freiwillige Schritte – Pfotenkontrolle ist eine Übung wie jede andere und lässt sich sauber konditionieren.
Wenn du etwas findest. Lose im Fell: vorsichtig an der Basis greifen, gerade herausziehen, nicht ruckeln. Bereits in der Haut steckend: nicht ziehen, abklären lassen. Symptome ohne sichtbare Granne: ebenfalls abklären lassen.
Ähnlich strukturierte saisonale Risiken haben wir für Zecken, den Eichenprozessionsspinner und den Hitzschlag aufbereitet.
Was beim Tierarzt passiert
Damit du weißt, was auf euch zukommt – und warum frühes Handeln den Aufwand tatsächlich verkleinert.
Im Ohr wird der Gehörgang mit dem Otoskop eingesehen. Lässt sich die Granne darstellen, wird sie mit einer feinen Zange entfernt, meist in leichter Sedation, damit der Hund still hält und der Gehörgang nicht verletzt wird. Die Nachbehandlung richtet sich nach dem Befund.
In der Pfote und in der Unterhaut ist die Granne häufig schon nicht mehr sichtbar. Zur Lokalisation wird zunehmend Ultraschall eingesetzt; im Ultraschallbild erscheint sie als spindelförmige, helle Struktur, oft umgeben von einem dunklen Saum aus Entzündungsflüssigkeit. In einer französischen Fallserie gelang die ultraschallgestützte Entfernung aus den Gliedmaßen bei 19 Hunden in allen Fällen (Fauchon et al., 2017). Die Wunde wird in der Regel offen abheilen gelassen, damit keine Infektion eingeschlossen wird.
In der Nase kommt eine Rhinoskopie zum Einsatz, meist unter Vollnarkose.
Am Auge erfolgt der Eingriff unter Vergrößerung, in Sedation oder Kurznarkose, häufig gefolgt von örtlicher Behandlung und einem Schutzkragen.
Warum Warten teuer wird, zeigt eine Zahl besonders deutlich: In einer Studie zu Abszessen der Lendenmuskulatur war bei 11 von 22 Hunden bereits zuvor operiert worden, ohne dass der Fremdkörper vollständig entfernt worden war (Birettoni et al., 2017). Je tiefer eine Granne gewandert ist, desto schwerer wird sie vollständig gefunden – und unvollständig entfernt heißt: es geht weiter.
Grannen und Verhalten – der Punkt, der oft übersehen wird
In der Verhaltensberatung begegnet uns regelmäßig ein Muster, das auch nach schmerzhaften oder unangenehmen körperlichen Erfahrungen entstehen kann. Eine Granne ist nur ein mögliches Beispiel dafür. Ein Hund war wochenlang an der Pfote in Behandlung, wurde mehrfach fixiert, untersucht, verbunden. Danach mag er das Anfassen der Pfoten nicht mehr, geht zögerlicher auf bestimmten Untergründen oder wird beim Spaziergang unsicher. Der Auslöser ist längst abgeheilt – die Verknüpfung ist geblieben.
Umgekehrt gilt derselbe Zusammenhang und wird noch häufiger übersehen: Wenn ein Hund im Sommer plötzlich unwilliger wird, weniger läuft, sich Berührungen entzieht oder gereizt reagiert, gehört Schmerz auf die Liste der möglichen Ursachen – bevor über Training nachgedacht wird. Verhaltensänderung ohne erkennbaren Anlass ist ein Grund für eine tierärztliche Abklärung, nicht für mehr Konsequenz.
Woran du Schmerzen beim Hund erkennst, haben wir hier ausführlich beschrieben.
Fazit
Grannen sind ein eng saisonales Problem mit einem klaren Gipfel im Juli und einem relevanten Fenster von Juni bis September. Sie sind, gemessen an allen Hunden, kein häufiges Ereignis – aber der häufigste pflanzliche Fremdkörper und einer, dessen Verlauf du von außen nicht einschätzen kannst.
Die drei Dinge, die den Unterschied machen:
Kontrollieren. Nach jedem Spaziergang durch reifes Gras, Ohren zuerst, dann Pfoten, Nase, Augen, Fell.
Nicht selbst hantieren. Lose im Fell ja, in der Haut nein.
Nicht auf Besserung warten. Nachlassende Symptome sind kein Beweis dafür, dass die Granne draußen ist – sie können auch bedeuten, dass sie weitergewandert ist.
Und wenn du unsicher bist, ob das Humpeln von gestern noch relevant ist: Ein Termin, der sich als überflüssig herausstellt, ist deutlich günstiger als eine Operation, die es nicht gewesen wäre.
Quellen
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Brant, B. J., Singleton, D. A., Noble, P. J. M., & Radford, A. D. (2021). Seasonality and risk factors for grass seed foreign bodies in dogs. Preventive Veterinary Medicine, 197, Artikel 105499. https://doi.org/10.1016/j.prevetmed.2021.105499
Brennan, K. E., & Ihrke, P. J. (1983). Grass awn migration in dogs and cats: A retrospective study of 182 cases. Journal of the American Veterinary Medical Association, 182(11), 1201–1204. https://doi.org/10.2460/javma.1983.182.11.1201
Caivano, D., Birettoni, F., Rishniw, M., Bufalari, A., De Monte, V., Proni, A., Giorgi, M. E., & Porciello, F. (2016). Ultrasonographic findings and outcomes of dogs with suspected migrating intrathoracic grass awns: 43 cases (2010–2013). Journal of the American Veterinary Medical Association, 248(4), 413–421. https://doi.org/10.2460/javma.248.4.413
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Sériot, P., Dunié-Mérigot, A., Baudin-Tréhiou, C., Blond, L., Bernardin, F., Poujol, L., & Gibert, S. (2021). Treatment and outcome of spontaneous pneumothorax secondary to suspected migrating vegetal foreign body in 37 dogs. Veterinary Record, 189(1), Artikel e22. https://doi.org/10.1002/vetr.22
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Rechtsgrundlage
§ 2 Tierschutzgesetz – Pflichten der Halterin oder des Halters zu angemessener Ernährung, Pflege und verhaltensgerechter Unterbringung.
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf eine Granne oder bei unklaren Symptomen wende dich an deine Tierärztin oder deinen Tierarzt, bei akuten Augenbeschwerden an den tierärztlichen Notdienst.

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