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Hund klaut Essen vom Tisch: Warum er es tut und was wirklich hilft

Viele Hunde klauen Essen vom Tisch oder von der Arbeitsplatte, am liebsten unbeobachtet. Warum das so ist und wie du es mit Management und Training mit Belohnung löst.

Michael Sauerwein

Kurz zusammengefasst

Ein Hund, der Essen vom Tisch oder von der Küchenarbeitsplatte nimmt, ist nicht frech. Er tut, was sich für ihn lohnt. Vier Dinge sind wichtig. Erstens: Futter ist ein sehr starker Verstärker, und jeder erfolgreiche Griff belohnt das Verhalten; gerade unregelmäßige Erfolge machen es hartnäckig. Zweitens: In Experimenten nahmen Hunde verbotenes Futter häufiger, wenn der Mensch nicht hinsah, eine Barriere seinen Blick verdeckte oder das Futter im Dunkeln lag. Aufpassen allein reicht deshalb nicht. Drittens: Der sogenannte Schuldblick verrät nicht, ob dein Hund etwas geklaut hat; in Studien war er vor allem eine Reaktion auf das Schimpfen des Menschen. Viertens: Am meisten hilft Management, also nichts in Reichweite, kombiniert mit Training mit Belohnung.

Dieser Beitrag zeigt, warum Hunde Essen klauen, was die Forschung dazu sagt, wann du an eine gesundheitliche Ursache denken solltest, wie du die Küche sicher machst und wie du ein Verhalten aufbaust, das sich mehr lohnt als der Griff nach dem Teller.

Ein braun-weiß-schwarzer Hund stellt seine Vorderpfoten auf den Esstisch und schnuppert an einem belegten Sandwich auf einem Teller. Die Szene zeigt typisches Futterklauen im häuslichen Alltag.

1. Warum Hunde Essen klauen

1.1 Futter ist ein sehr starker Verstärker

Futter muss ein Hund nicht erst mögen lernen. Es ist ein sogenannter primärer Verstärker. In einer Studie konnten Hunde in kurzen Sitzungen wählen, ob sie zu einer Person gingen, die sie streichelte, oder zu einer Stelle, an der es Futter gab. Solange Futter gut verfügbar war, entschieden sich die meisten Hunde für das Futter; wurde es seltener, verlagerten viele ihre Zeit zum Streicheln, mit deutlichen Unterschieden zwischen den Hunden (Feuerbacher & Wynne, 2014).

Hunde unterscheiden sich dabei. Bei Labrador Retrievern fanden Raffan et al. (2016) eine Genvariante im sogenannten POMC-Gen, die mit höherem Körpergewicht, mehr Körperfett und stärkerer Futtermotivation zusammenhing. Unter den anderen untersuchten Rassen kam sie nur beim eng verwandten Flat Coated Retriever vor. Das erklärt nicht jeden Labrador, der den Kuchen holt, zeigt aber, dass manche Hunde es schwerer haben als andere, Essen liegen zu lassen.

Aus der Praxis: Dazu kommt, dass Hunde Nahrung von Natur aus suchen und Gelegenheiten nutzen. Ein Stück Käse auf dem Schneidebrett ist aus Sicht deines Hundes kein verbotener Gegenstand, sondern ein Fund.

1.2 Jeder Erfolg zählt, und unregelmäßige Erfolge zählen besonders

Ein Hund, der einmal ein Wurstbrot von der Arbeitsplatte erwischt hat, wurde für das Hochsteigen belohnt. Er wird es wieder versuchen. Meistens findet er nichts, manchmal aber doch, und genau dieses Muster macht Verhalten hartnäckig. In der Lernforschung ist seit Langem beschrieben, dass unregelmäßig belohntes Verhalten länger anhält, wenn die Belohnung ausbleibt, als jedes Mal belohntes (Humphreys, 1939). Amsel (1962) erklärte das unter anderem damit, dass in einer solchen Lerngeschichte auch das Weitermachen nach Enttäuschungen gelernt wird.

Findet dein Hund nur an jedem zehnten Tag etwas, ist das für ihn kein Grund aufzuhören. Darum ist es so wichtig, dass er gar nicht mehr fündig wird.

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1.3 Gelegenheit macht Diebe

Aus der Praxis: Die meisten Diebstähle passieren in typischen Momenten, etwa wenn du an die Tür gehst, während das Essen auf dem Tisch steht, wenn der Einkauf noch auf dem Boden liegt oder wenn beim Kochen der Teller mit dem Fleisch an der Kante steht. Viele Hunde lernen sehr genau, welche Situationen sich lohnen.

2. Hunde klauen, wenn niemand hinschaut

Viele Halter berichten, dass ihr Hund nie etwas nimmt, solange sie im Raum sind, aber zugreift, sobald sie sich umdrehen. Genau diese Situation wurde mehrfach im Experiment untersucht.

2.1 Augen offen, Rücken zugewandt, Raum verlassen

Call et al. (2003) haben zwölf Hunden in einer Reihe von Durchgängen verboten, ein sichtbares Stück Futter zu nehmen. In manchen Durchgängen schaute die Person den Hund die ganze Zeit an. In anderen verließ sie den Raum, drehte ihm den Rücken zu, beschäftigte sich mit etwas anderem oder schloss die Augen. In den meisten Bedingungen, in denen die Person nicht hinsah, verhielten sich die Hunde deutlich anders als dann, wenn sie hinsah. Schaute die Person sie an, nahmen die Hunde weniger Futter, näherten sich ihm auf indirekterem Weg und saßen häufiger, statt sich hinzulegen.

2.2 Wenn eine Barriere den Blick verdeckt

Bräuer et al. (2004) gingen einen Schritt weiter und stellten Barrieren zwischen Mensch und Futter. Ob die Hunde das verbotene Futter eher nahmen, hing davon ab, ob die Barriere den Blick des Menschen tatsächlich verdeckte, je nach Ausrichtung, Größe oder ob sie ein Fenster hatte. In einem weiteren Teil derselben Arbeit fanden die Autoren dagegen keine Hinweise darauf, dass Hunde wissen, was sie selbst gesehen haben.

2.3 Klauen im Dunkeln

Bei Kaminski et al. (2013) verbot eine Person dem Hund immer, ein Stück Futter zu nehmen; verändert wurde, ob der Bereich um die Person oder um das Futter beleuchtet war. Die Hunde klauten deutlich mehr Futter, wenn es dunkel war, als wenn es hell war. Entscheidend war die Beleuchtung um das Futter herum, nicht die um den Menschen. Die Autoren halten es für möglich, dass Hunde berücksichtigen, ob der Mensch das Futter sehen kann. Ob dahinter echtes Verständnis oder eine einfachere Regel steckt, ist nicht abschließend geklärt.

2.4 Was das für deine Küche bedeutet

Für den Alltag ist die Deutung zweitrangig. Wichtig ist das Muster: Hunde richten ihr Verhalten danach, ob sie beobachtet werden. Ein Hund, der in deinem Beisein nichts nimmt, hat womöglich nur gelernt, dass es sich in deinem Beisein nicht lohnt. Deshalb ist Management wichtiger als Aufpassen: Du kannst nicht jede Sekunde hinsehen, aber du kannst dafür sorgen, dass es nichts zu finden gibt.

3. Der Schuldblick verrät nichts

Du kommst ins Zimmer, die Butter ist weg, und dein Hund duckt sich, legt die Ohren an und schaut weg. Für viele Halter ist das der Beweis, dass er weiß, was er getan hat. Die Forschung sieht das anders.

Horowitz (2009) filmte vierzehn Hunde, denen der Halter ein Leckerchen verbot, bevor er den Raum verließ. Dem Halter wurde danach zutreffend oder unzutreffend gesagt, ob der Hund gehorcht hatte. Das Schuldblickverhalten unterschied sich nicht danach, ob der Hund gefressen hatte, trat aber deutlich häufiger auf, wenn der Halter schimpfte, am stärksten bei Hunden, die gehorcht hatten und trotzdem geschimpft wurden.

Zwei weitere Studien passen dazu. Bei Hecht et al. (2012) konnten vierundsechzig Hunde Futter vom Tisch nehmen, während der Halter draußen war. Hunde, die gefressen hatten, zeigten danach nicht häufiger Schuldblickverhalten als Hunde, die verzichtet hatten, und die Halter konnten am Begrüßungsverhalten nicht erkennen, ob ihr Hund die Regel gebrochen hatte. Bei Ostojić et al. (2015) verhielten sich die Halter neutral und lagen mit ihrem Urteil nicht häufiger richtig als der Zufall.

Nachträgliches Schimpfen hilft deshalb nicht. Dein Hund lernt dabei eher, dass deine Rückkehr unangenehm werden kann, nicht dass der Tisch tabu ist.

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4. Wenn das Interesse an Essen plötzlich zunimmt

Klaut ein Hund schon immer, ist das meist eine Frage von Lerngeschichte und Gelegenheit. Anders ist es, wenn ein Hund, der jahrelang nichts angerührt hat, plötzlich ständig nach Futter sucht oder Mülleimer ausräumt.

Aus der Praxis: Manchmal steckt etwas Einfaches dahinter, etwa eine zu knappe Futtermenge, eine Futterumstellung oder eine Diät. Ein deutlich gesteigerter Hunger kann aber auch mit Erkrankungen oder Medikamenten zusammenhängen. Sucht dein Hund plötzlich viel mehr nach Futter als sonst, trinkt mehr, nimmt ab oder zu, lass das in deiner Tierarztpraxis abklären, bevor du an Training denkst.

5. Warum Klauen gefährlich werden kann

Manches, was auf dem Tisch liegt, kann für Hunde gefährlich sein. Zu den bekannten Gefahren gehören zum Beispiel Schokolade, Weintrauben und Rosinen, Zwiebeln und Knoblauch sowie Süßigkeiten oder Kaugummi mit dem Süßstoff Xylit.

Aus der Praxis: Dazu kommen Dinge, die nicht giftig, aber gefährlich sind, etwa gekochte Knochen, Spieße, Maiskolben oder mitgefressene Verpackungen. Hast du den Verdacht, dass dein Hund etwas Gefährliches erwischt hat, warte nicht ab, sondern ruf sofort in deiner Tierarztpraxis oder beim Notdienst an und nimm nach Möglichkeit die Verpackung mit.

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6. Management kommt zuerst

Weil jeder erfolgreiche Griff das Klauen belohnt und Hunde gerade dann zugreifen, wenn du nicht hinsiehst, ist Management keine Notlösung, sondern die Grundlage. Solange das Training läuft, darf dein Hund nicht nebenbei Erfolg haben.

6.1 Nichts in Reichweite

Aus der Praxis: Die wichtigste Regel ist auch die einfachste: Essen liegt nie unbeaufsichtigt dort, wo dein Hund hinkommt. Das betrifft Tischkante und Arbeitsplatte, aber auch Couchtisch, Einkaufstüten und Mülleimer. Schieb Lebensmittel nach hinten oder in den Schrank und räum den Tisch nach dem Essen sofort ab. Wie hoch dein Hund auf den Hinterbeinen kommt, unterschätzen viele Halter.

6.2 Türschutzgitter und Hundebox

Aus der Praxis: Wenn sich Essen nicht wegräumen lässt, etwa beim Kochen für Gäste oder beim Familienessen, hilft eine räumliche Trennung. Ein Türschutzgitter vor der Küche lässt deinen Hund sehen und hören, was passiert, hält ihn aber von der Arbeitsplatte fern. Auch eine Hundebox kann helfen, sofern dein Hund sie als angenehmen Rückzugsort kennt und nicht als Strafe.

6.3 Kritische Momente planen

Aus der Praxis: Überleg dir, wann bei dir am meisten geklaut wird, und plane genau diese Momente. Klingelt es, während das Essen auf dem Tisch steht, nimm deinen Hund mit oder schick ihn vorher hinter das Gitter. Für Kinder gibt es feste Plätze, an denen gegessen wird, und bei Gästen, die gern vom Tisch füttern, gilt für diesen Abend die räumliche Trennung.

7. Training mit Belohnung

Management verhindert, dass das Klauen weiter belohnt wird. Training sorgt dafür, dass dein Hund etwas anderes lernt, das sich lohnt. Die hier zitierten Studien prüfen dieses Vorgehen beim Klauen vom Tisch durch Familienhunde nicht direkt. Die folgenden Schritte sind eine mögliche praktische Umsetzung aus dem Training.

7.1 Deckentraining beim Kochen und Essen

Aus der Praxis: Die beste Alternative zum Klauen ist ein Platz, an dem dein Hund entspannt liegt, während du kochst oder isst. Bau das Deckentraining zuerst in ruhigen Momenten auf, ohne Essen auf dem Tisch. Belohne deinen Hund dafür, dass er sich auf die Decke legt und dort bleibt, erst kurz, dann länger, dann mit dir in etwas Entfernung. Danach übst du in der Küche, zuerst beim Kaffeekochen, dann beim Brotschmieren, schließlich beim richtigen Kochen.

Aus der Praxis: Ein Kauartikel oder ein befülltes Futterspielzeug auf der Decke gibt deinem Hund während des Familienessens selbst etwas zu tun. Plane die Belohnungen aus der Tagesration ein.

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7.2 Vier Pfoten auf dem Boden belohnen

Aus der Praxis: Viele Halter reagieren erst, wenn der Hund schon mit den Vorderpfoten an der Arbeitsplatte steht. Achte stattdessen auf die Momente, in denen er neben dir steht und alle vier Pfoten auf dem Boden hat, und belohne genau dann, am besten mit einem Leckerchen auf dem Boden. So lernt er, dass sich unten mehr lohnt als oben. Später belohnst du seltener, aber nicht gar nicht mehr.

7.3 Ein belohntes „Lass es“

Aus der Praxis: Ein Signal wie „Lass es“ wird oft als Drohung benutzt. Verlässlicher wird es mit Belohnung. Leg ein Leckerchen in deine geschlossene Hand. Sobald dein Hund aufhört zu schnüffeln und sich abwendet oder dich anschaut, bekommt er aus der anderen Hand ein besseres Leckerchen. Klappt das zuverlässig, sagst du das Signal kurz vorher. Danach liegt das Leckerchen offen auf dem Boden, später auf einem Hocker, irgendwann auf dem Tisch. Die Belohnung kommt immer von dir, nie vom verbotenen Futter.

Aus der Praxis: Setz das Signal im Alltag erst ein, wenn du sicher bist, dass es klappt. Ein „Lass es“, auf das doch das Brot folgt, macht das Signal schwächer.

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7.4 Alternativen verstärken statt nur verbieten

Hinter diesen Übungen steht ein Prinzip: Du belohnst gezielt ein Verhalten, das an die Stelle des unerwünschten tritt. In der Fachsprache heißt das differenzielle Verstärkung alternativen Verhaltens. Eine Übersicht über 116 Arbeiten stufte diesen Ansatz als gut belegt ein (Petscher et al., 2009). Diese Arbeiten stammen allerdings vom Menschen, überwiegend von Menschen mit Entwicklungsbeeinträchtigungen; beim Hund gibt es keinen vergleichbaren Forschungsbestand.

Aus der Praxis: Liegen auf der Decke, vier Pfoten auf dem Boden oder ein Blick zu dir sollen sich mehr lohnen als jeder Versuch am Tisch. Das gelingt nur, wenn das Klauen gleichzeitig keinen Erfolg mehr bringt.

7.5 Realistisch bleiben

Aus der Praxis: Ein Hund mit langer Klau-Geschichte wird nicht nach zwei Wochen verzichten, wenn ein Braten unbeaufsichtigt auf dem Tisch steht. Ziel ist ein Alltag, in dem er beim Kochen und Essen gelassen auf seinem Platz liegt, und eine Küche, in der es nichts zu holen gibt. Bei sehr futterorientierten Hunden bleibt Management dauerhaft Teil der Lösung.

8. Und was ist mit Strafe?

Ein lauter Ruf, ein Klaps auf den Tisch oder sogenannte Fallen wie scheppernde Dosen am Tischrand können das Klauen im Moment stoppen. Die Frage ist, was der Hund dabei lernt und um welchen Preis.

Die Studien zum Klauen unter Beobachtung (Call et al., 2003; Bräuer et al., 2004; Kaminski et al., 2013) legen nahe, dass Hunde sehr genau darauf achten, ob der Mensch hinschaut. Wird der Hund nur in deinem Beisein bestraft, lernt er womöglich vor allem, dass Klauen in deiner Gegenwart unangenehm ist, und klaut, wenn du nicht da bist. Scheppernde Fallen können außerdem Angst vor der Küche, vor Geräuschen oder vor dir auslösen, und das betrifft dann alles, was dein Hund dort erlebt.

Die Studienlage zu Trainingsmethoden spricht in dieselbe Richtung. In einer Studie mit 92 Hunden aus sieben Hundeschulen zeigten Hunde aus aversiv arbeitenden Schulen mehr Stressverhalten, höhere Cortisolanstiege und ein pessimistischeres Urteilsverhalten (Vieira de Castro et al., 2020). In einer Halterbefragung ging häufigerer Einsatz von Strafe mit mehr berichtetem Problemverhalten einher (Hiby et al., 2004). Eine Übersichtsarbeit fand keine Belege dafür, dass aversive Methoden wirksamer sind als belohnungsbasiertes Training, wohl aber Hinweise auf Risiken für das Wohlbefinden (Ziv, 2017).

Aus der Praxis: Erwischst du deinen Hund mitten im Klauen, ist ein ruhiges Unterbrechen in Ordnung: Name, Rückruf, Belohnung fürs Kommen. Danach räumst du das Essen weg und fragst dich, wie es dazu kommen konnte.

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9. Zur Reichweite

Zum Klauen vom Tisch im Alltag gibt es kaum gezielte Forschung. Die Studien zum Klauen unter Beobachtung (Call et al., 2003; Bräuer et al., 2004; Kaminski et al., 2013) sind Laborexperimente zur sozialen Kognition mit kleinen Gruppen, bei Call et al. (2003) zwölf Hunde. Sie zeigen, dass Hunde ihr Verhalten danach richten, ob sie gesehen werden können, nicht aber, wie man das Klauen zu Hause abstellt, und ihre Deutung ist umstritten. Die Studien zum Schuldblick sind ebenfalls klein (bei Horowitz, 2009, vierzehn Hunde), kommen aber mit unterschiedlichen Aufbauten zu einem passenden Bild (Hecht et al., 2012; Ostojić et al., 2015).

Die Wahlstudie (Feuerbacher & Wynne, 2014) betrifft eine bestimmte Laborsituation, die Genvariante (Raffan et al., 2016) nur Labrador und Flat Coated Retriever, und sie zeigt einen Zusammenhang, keinen Automatismus. Die Grundlagen zur unregelmäßigen Verstärkung stammen aus klassischer Lernforschung (Humphreys, 1939, untersuchte einen Lidschlagreflex beim Menschen), und die Übersicht zur differenziellen Verstärkung (Petscher et al., 2009) bezieht sich auf Menschen. Die Studien zu Trainingsmethoden (Vieira de Castro et al., 2020; Hiby et al., 2004; Ziv, 2017) betreffen Training allgemein und lassen sich nur mit Vorsicht übertragen; die Befragung von Hiby et al. (2004) zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen. Die Hinweise zu Management, Gesundheit und Trainingsschritten sind deshalb als Praxiserfahrung gekennzeichnet.

10. Fazit

Ein Hund, der Essen vom Tisch klaut, folgt einer einfachen Logik: Futter lohnt sich, und jeder Erfolg, auch ein seltener, hält das Verhalten am Leben. Weil Hunde genau darauf achten, ob du hinschaust, reicht es nicht, ihn zu erwischen. Nachhaltiger ist es, die Gelegenheiten zu nehmen und ein Verhalten aufzubauen, das sich mehr lohnt.

Die drei Dinge, die den Unterschied machen:

Nichts in Reichweite. Kein Essen unbeaufsichtigt an Tischkante, Arbeitsplatte oder Mülleimer, und bei Bedarf ein Türschutzgitter.

Eine Alternative belohnen. Deckentraining beim Kochen und Essen, vier Pfoten auf dem Boden und ein belohntes „Lass es“.

Ursachen ernst nehmen. Plötzlich mehr Hunger gehört in die Tierarztpraxis, und nachträgliches Schimpfen hilft nicht.

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Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zum Klauen vom Tisch

Futter ist ein sehr starker Verstärker. Solange Futter gut verfügbar war, wählten die meisten Hunde Futter statt Streicheln (Feuerbacher & Wynne, 2014), und bei Labrador und Flat Coated Retriever hing eine Genvariante mit stärkerer Futtermotivation zusammen (Raffan et al., 2016).

Unregelmäßige Erfolge machen hartnäckig. Unregelmäßig belohntes Verhalten hält länger an, wenn die Belohnung ausbleibt (Humphreys, 1939; Amsel, 1962).

Hunde klauen eher unbeobachtet. Hunde nahmen verbotenes Futter häufiger, wenn der Mensch nicht hinsah, eine Barriere seinen Blick verdeckte oder das Futter im Dunkeln lag (Call et al., 2003; Bräuer et al., 2004; Kaminski et al., 2013).

Der Schuldblick ist kein Geständnis. Er hing vom Schimpfen des Halters ab, nicht davon, ob der Hund gefressen hatte, und Halter konnten Verstöße nicht erkennen (Horowitz, 2009; Hecht et al., 2012; Ostojić et al., 2015).

Alternativen verstärken ist gut belegt, beim Menschen. Eine Übersicht über 116 Arbeiten stufte differenzielle Verstärkung alternativen Verhaltens als gut gestützt ein (Petscher et al., 2009).

Strafe hat ihren Preis. Hunde aus aversiv arbeitenden Hundeschulen zeigten mehr Stressverhalten und höhere Cortisolanstiege (Vieira de Castro et al., 2020).

Quellen

  • Amsel, A. (1962). Frustrative nonreward in partial reinforcement and discrimination learning: Some recent history and a theoretical extension. Psychological Review, 69(4), 306–328. https://doi.org/10.1037/h0046200
  • Bräuer, J., Call, J., & Tomasello, M. (2004). Visual perspective taking in dogs (Canis familiaris) in the presence of barriers. Applied Animal Behaviour Science, 88(3–4), 299–317. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2004.03.004
  • Call, J., Bräuer, J., Kaminski, J., & Tomasello, M. (2003). Domestic dogs (Canis familiaris) are sensitive to the attentional state of humans. Journal of Comparative Psychology, 117(3), 257–263. https://doi.org/10.1037/0735-7036.117.3.257
  • Feuerbacher, E. N., & Wynne, C. D. L. (2014). Most domestic dogs (Canis lupus familiaris) prefer food to petting: Population, context, and schedule effects in concurrent choice. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 101(3), 385–405. https://doi.org/10.1002/jeab.81
  • Hecht, J., Miklósi, Á., & Gácsi, M. (2012). Behavioral assessment and owner perceptions of behaviors associated with guilt in dogs. Applied Animal Behaviour Science, 139(1–2), 134–142. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2012.02.015
  • Hiby, E. F., Rooney, N. J., & Bradshaw, J. W. S. (2004). Dog training methods: Their use, effectiveness and interaction with behaviour and welfare. Animal Welfare, 13(1), 63–69. https://doi.org/10.1017/S0962728600026683
  • Horowitz, A. (2009). Disambiguating the “guilty look”: Salient prompts to a familiar dog behaviour. Behavioural Processes, 81(3), 447–452. https://doi.org/10.1016/j.beproc.2009.03.014
  • Humphreys, L. G. (1939). The effect of random alternation of reinforcement on the acquisition and extinction of conditioned eyelid reactions. Journal of Experimental Psychology, 25(2), 141–158. https://doi.org/10.1037/h0058138
  • Kaminski, J., Pitsch, A., & Tomasello, M. (2013). Dogs steal in the dark. Animal Cognition, 16(3), 385–394. https://doi.org/10.1007/s10071-012-0579-6
  • Ostojić, L., Tkalčić, M., & Clayton, N. S. (2015). Are owners’ reports of their dogs’ ‘guilty look’ influenced by the dogs’ action and evidence of the misdeed? Behavioural Processes, 111, 97–100. https://doi.org/10.1016/j.beproc.2014.12.010
  • Petscher, E. S., Rey, C., & Bailey, J. S. (2009). A review of empirical support for differential reinforcement of alternative behavior. Research in Developmental Disabilities, 30(3), 409–425. https://doi.org/10.1016/j.ridd.2008.08.008
  • Raffan, E., Dennis, R. J., O’Donovan, C. J., Becker, J. M., Scott, R. A., Smith, S. P., Withers, D. J., Wood, C. J., Conci, E., Clements, D. N., Summers, K. M., German, A. J., Mellersh, C. S., Arendt, M. L., Iyemere, V. P., Withers, E., Söder, J., Wernersson, S., Andersson, G., … O’Rahilly, S. (2016). A deletion in the canine POMC gene is associated with weight and appetite in obesity-prone Labrador retriever dogs. Cell Metabolism, 23(5), 893–900. https://doi.org/10.1016/j.cmet.2016.04.012
  • Vieira de Castro, A. C., Fuchs, D., Morello, G. M., Pastur, S., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLOS ONE, 15(12), Artikel e0225023. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225023
  • Ziv, G. (2017). The effects of using aversive training methods in dogs – A review. Journal of Veterinary Behavior, 19, 50–60. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2017.02.004

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Beratung. Wenn dein Hund plötzlich deutlich mehr Hunger hat, sich sein Gewicht oder sein Trinkverhalten verändert oder er etwas Gefährliches gefressen haben könnte, wende dich an deine Tierarztpraxis.

Häufige Fragen zum Klauen vom Tisch

Ursachen, Management und Training

Warum klaut mein Hund Essen vom Tisch?

Weil es sich für ihn lohnt. Futter ist für die meisten Hunde ein sehr starker Verstärker, und jeder erfolgreiche Griff auf den Tisch belohnt das Verhalten. Gerade unregelmäßige Erfolge machen es hartnäckig. Mit Frechheit oder fehlendem Respekt hat das nichts zu tun.

Warum klaut mein Hund nur, wenn ich nicht im Raum bin?

Hunde achten sehr genau darauf, ob sie beobachtet werden. In Experimenten nahmen sie verbotenes Futter häufiger, wenn der Mensch wegsah, den Raum verließ, eine Barriere seinen Blick verdeckte oder das Futter im Dunkeln lag. Dein Hund hat also gelernt, wann es sich lohnt, nicht dass Essen tabu ist.

Weiß mein Hund, dass er etwas falsch gemacht hat, wenn er schuldbewusst schaut?

Das lässt sich aus dem Blick nicht ablesen. In Studien hing der sogenannte Schuldblick vor allem davon ab, ob der Halter schimpfte, und nicht davon, ob der Hund etwas gefressen hatte. Halter konnten am Begrüßungsverhalten auch nicht erkennen, ob ihr Hund eine Regel gebrochen hatte.

Darf ich meinen Hund fürs Klauen bestrafen?

Ein lauter Ruf oder eine scheppernde Falle können das Klauen im Moment stoppen. Die Frage ist, was dein Hund dabei lernt und um welchen Preis. Er lernt womöglich nur, in deiner Abwesenheit zu klauen, oder bekommt Angst vor der Küche oder vor dir. Besser ist es, Gelegenheiten zu verhindern und ein anderes Verhalten zu belohnen.

Was mache ich beim Kochen mit meinem Hund?

Am besten liegt er auf einer Decke, die du vorher in ruhigen Momenten mit Belohnung aufgebaut hast, oder er ist mit einem Türschutzgitter von der Küche getrennt. Ein Kauartikel oder ein befülltes Futterspielzeug kann ihm die Zeit erleichtern. Wichtig ist, dass in dieser Phase nichts in seiner Reichweite liegt.

Mein Hund hat plötzlich ständig Hunger. Ist das ein Trainingsproblem?

Nicht unbedingt. Ein deutlich gesteigertes Interesse an Futter kann mit der Futtermenge, einer Futterumstellung oder einer Diät zusammenhängen, aber auch mit Erkrankungen oder Medikamenten. Lass das zuerst in deiner Tierarztpraxis abklären, besonders wenn sich auch Gewicht oder Trinkverhalten verändern.

Was tun, wenn mein Hund etwas Gefährliches vom Tisch gefressen hat?

Warte nicht ab, ob Beschwerden auftreten, sondern ruf sofort deine Tierarztpraxis oder den tierärztlichen Notdienst an. Bekannte Gefahren sind zum Beispiel Schokolade, Weintrauben und Rosinen, Zwiebeln, Knoblauch und Produkte mit Xylit, aber auch gekochte Knochen oder Spieße. Nimm nach Möglichkeit die Verpackung mit.

Wie lange dauert es, bis mein Hund nichts mehr vom Tisch nimmt?

Das hängt davon ab, wie lange und wie erfolgreich er schon geklaut hat und wie konsequent das Management ist. Viele Hunde lernen recht schnell, beim Kochen auf ihrer Decke zu bleiben. Ein Braten, der unbeaufsichtigt auf dem Tisch steht, bleibt aber gerade für sehr futterorientierte Hunde eine Versuchung, deshalb bleibt Management oft dauerhaft Teil der Lösung.

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