Verstärkerpläne beim Hund: Löschungswiderstand, Frustration und was tatsächlich verstärkt
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 2. Juli
- 12 Min. Lesezeit
„Variabel verstärken macht das Verhalten stabiler“ gehört zu den meistwiederholten Sätzen im Hundetraining. Er stimmt — und er ist unvollständig. Dieselbe Ausdünnung, die ein Verhalten löschungsresistent macht, erzeugt zugleich Frustration, weil jede ausbleibende Belohnung eine Erwartungsverletzung ist.
Beide Effekte stammen aus derselben Lernforschung und wurden gemeinsam beschrieben. In der Weitergabe hat sich nur einer durchgesetzt.
Hinzu kommt eine Frage, die vor jedem Verstärkerplan steht und seltener gestellt wird: Was verstärkt beim Hund überhaupt? Die Antwort ist unbequemer als erwartet. In einer Untersuchung an 114 Hunden bevorzugten die Tiere Streicheln gegenüber verbalem Lob — auch dann, wenn das Lob vom eigenen Halter kam und das Streicheln von einer fremden Person (Feuerbacher & Wynne, 2015).
Dieser Artikel behandelt die Pläne selbst, den Löschungswiderstand und seine Kehrseite, die Befundlage zur Wirksamkeit einzelner Verstärker beim Hund sowie die praktischen Grenzen der üblichen Ausdünnungsempfehlung.

1. Was Verstärkerpläne sind
1.1 Kontinuierlich und intermittierend
Ein Verstärkerplan legt fest, welche Auftreten eines Verhaltens verstärkt werden. Bei kontinuierlicher Verstärkung folgt auf jedes Auftreten eine Konsequenz; bei intermittierender nur auf einen Teil.
Kontinuierliche Verstärkung baut Verhalten häufig schnell auf; bei Ausbleiben der Verstärkung kann es jedoch schneller zu einer Löschung kommen. Intermittierende Verstärkung baut in der Regel langsamer auf und erzeugt Verhalten, das der Löschung tendenziell länger widersteht. Diese Grundaussage ist seit Jahrzehnten stabil.
Wichtig für das Verständnis: Ein Verstärkerplan beschreibt keine Trainingsmethode, sondern eine Bedingung. Auch wer nie über Pläne nachdenkt, arbeitet nach einem — meist nach einem unsystematischen. Die Frage ist nicht, ob ein Plan wirkt, sondern ob er beabsichtigt ist.
Zur lerntheoretischen Grundlage insgesamt: Moderne Lerntheorie in der Hundeerziehung
1.2 Quoten und Intervalle
Intermittierende Pläne unterscheiden sich danach, ob die Verstärkung an die Anzahl der Reaktionen gekoppelt ist oder an die Zeit. Beide gibt es in fester und variabler Form.
Für die Praxis ist vor allem der Unterschied zwischen fest und variabel relevant. Feste Quoten erzeugen ein charakteristisches Muster: Nach der Verstärkung folgt eine Pause, dann steigt die Rate wieder an. Variable Quoten erzeugen gleichmäßiges Verhalten ohne diese Pausen — der Grund, warum sie als Ideal gelten.
Der Unterschied zwischen Quoten- und Intervallplänen wird im Hundetraining selten gemacht, hat aber Folgen. Quotenpläne belohnen Häufigkeit und erzeugen hohe Reaktionsraten. Intervallpläne belohnen Ausdauer und erzeugen gleichmäßiges, ruhigeres Verhalten. Wer ein ruhiges Warten aufbauen will, arbeitet sinnvollerweise über Zeit, nicht über Wiederholungszahl — auch wenn beides als „variabel verstärken“ beschrieben wird.
1.3 Woher die Befunde stammen
Hier gilt eine Einschränkung, die für den gesamten Bereich zutrifft: Die Systematik der Verstärkerpläne wurde überwiegend an Tauben und Ratten unter Laborbedingungen erarbeitet — mit einfachen Reaktionen, hohen Wiederholungszahlen und kontrollierter Deprivation.
Für den Hund existieren zu den Plänen selbst deutlich weniger Untersuchungen. Was für den Hund gut untersucht ist, betrifft die Frage davor: welche Konsequenzen überhaupt verstärken.
Diese Asymmetrie ist bemerkenswert, weil sie der Gewichtung im Training zuwiderläuft. Dort wird über Quoten und Timing detailliert gesprochen, während die Frage nach dem Verstärker als selbstverständlich gilt. Die Befundlage ist genau umgekehrt verteilt.
Ein Grund liegt in der Übertragbarkeit. Ein Taubenexperiment mit tausenden Tastendrücken pro Sitzung lässt sich am Familienhund nicht nachbilden — schon weil die Wiederholungszahlen und die Deprivation nicht herstellbar sind.
Zur methodischen Grundfrage: Hundeverhalten messbar machen
2. Der Löschungswiderstand
2.1 Der Effekt
Verhalten, das intermittierend verstärkt wurde, widersteht der Löschung länger als kontinuierlich verstärktes. Die gängige Erklärung: Bei kontinuierlicher Verstärkung ist das Ausbleiben ein sofort erkennbarer Wechsel der Bedingungen. Bei intermittierender Verstärkung ist das Ausbleiben Teil des Gewohnten — der Wechsel wird später bemerkt.
2.2 Die übliche Ableitung
Daraus folgt die Standardempfehlung: erst kontinuierlich aufbauen, dann ausdünnen, um das Verhalten haltbar zu machen. Die Ableitung ist grundsätzlich richtig.
Zur Löschung und ihren Rückfallphänomenen: Extinktion beim Hund: Warum Verhalten verschwindet — und plötzlich wiederkommt
2.3 Was dabei untergeht
Zwei Dinge werden selten mitgesagt.
Erstens gilt der Effekt für Problemverhalten genauso. Ein Hund, der beim Betteln gelegentlich Erfolg hat, zeigt genau das Muster, das die Empfehlung anstrebt — nur beim falschen Verhalten. Die häufigste unbeabsichtigte Anwendung variabler Verstärkung im Alltag ist die inkonsequente Reaktion auf unerwünschtes Verhalten.
Zweitens ist Löschungswiderstand nicht in jeder Situation erwünscht. Er bedeutet, dass sich das Verhalten schlechter abbauen lässt — auch dann, wenn die Bedingungen sich ändern und es unpassend geworden ist.
Das betrifft mehr Fälle, als es scheint. Ein Hund, der als Junghund für aufmerksames Anspringen gelegentlich Zuwendung bekam, zeigt dasselbe Verhalten Jahre später mit demselben Löschungswiderstand — und der Aufbau war nie beabsichtigt.
Zur Anpassungsfähigkeit erlernten Verhaltens: Verhaltensflexibilität beim Hund
3. Die Kehrseite
3.1 Der Frustrationseffekt
Amsel beschrieb, dass das Ausbleiben einer erwarteten Belohnung nicht einfach zu weniger Verhalten führt, sondern zunächst zu mehr — die Reaktion wird kurzfristig intensiver, bevor sie nachlässt (Amsel, 1962). Genau dieser Effekt tritt bei jeder nicht verstärkten Wiederholung eines intermittierenden Plans auf.
Ausdünnung erzeugt also nicht nur Löschungswiderstand, sondern auch wiederholte kleine Frustrationsereignisse. Beide Effekte haben dieselbe Ursache: die Erwartungsverletzung.
3.2 Befunde am Hund
Für den Hund ist das nicht nur Theorie. Bentosela und Kollegen untersuchten die Wirkung von Verstärkung, Verstärkerauslassung und Extinktion auf eine kommunikative Reaktion (Bentosela, Barrera, Jakovcevic, Elgier & Mustaca, 2008). In einer späteren Arbeit derselben Gruppe nahmen beim Löschen einer antrainierten Blickkontaktreaktion Ortswechsel, Schnüffeln und Lautäußerungen zu (Jakovcevic, Elgier, Mustaca & Bentosela, 2013).
Diese Verhaltensweisen sind unspezifisch und werden im Training selten als Frustration gedeutet — häufiger als Ablenkung oder mangelnde Motivation.
Zur Frustration als eigenständigem Mechanismus: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
3.3 Die Abwägung
Damit ist die Ausdünnung keine reine Verbesserung, sondern ein Tausch: mehr Haltbarkeit gegen mehr Frustration. Wie günstig dieser Tausch ausfällt, hängt vom Hund ab — und die Frustrationsneigung unterscheidet sich individuell erheblich.
Für Hunde mit niedriger Frustrationstoleranz kann eine langsame, gleichmäßige Ausdünnung deshalb die schlechtere Wahl sein als eine deutliche Verstärkung mit klarem Endsignal.
Der Grund ist die Vorhersehbarkeit. Eine ausgedünnte Verstärkung ist per Definition unvorhersehbar — das ist ihr Wirkprinzip. Ein klares Endsignal dagegen macht das Ausbleiben ankündbar und nimmt ihm die Erwartungsverletzung. Beides schließt sich aus: Man kann nicht gleichzeitig Löschungswiderstand über Unvorhersehbarkeit erzeugen und Frustration über Vorhersehbarkeit vermeiden.
Zur Kontrollierbarkeit als eigenständiger Variable: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol verstehen und richtig messen
Zur individuellen Ausprägung: Temperament und Coping-Stile beim Hund
4. Was beim Hund tatsächlich verstärkt
4.1 Streicheln gegen verbales Lob
Feuerbacher und Wynne untersuchten an 114 Hunden, welche Form menschlicher Zuwendung bevorzugt wird. Die Hunde konnten zwischen zwei Personen wählen: Eine bot Streicheln, die andere verbales Lob. Nach fünf Minuten tauschten die Rollen (Feuerbacher & Wynne, 2015).
Das Ergebnis war deutlich und in einer Konstellation überraschend: Die Hunde bevorzugten Streicheln — auch dann, wenn das Lob vom eigenen Halter kam und das Streicheln von einer fremden Person.
4.2 Verbales Lob allein
Die Autoren gehen weiter. In einer zweiten Anordnung wechselte dieselbe Person zwischen Streicheln und Lob beziehungsweise zwischen Streicheln und keiner Interaktion. Verbales Lob unterschied sich dabei kaum von gar keiner Zuwendung.
Ihre Formulierung dazu ist scharf: Ohne gezielte Konditionierung seien menschliche Lautäußerungen für Hunde ebenso bedeutungslos wie für Katzen. Was Lob im Alltag wirksam macht, ist demnach die Kopplung mit anderem — nicht das Lob selbst.
4.3 Futter gegen soziale Interaktion
In einer weiteren Arbeit verglich dieselbe Gruppe Futter mit sozialer Interaktion und untersuchte dabei ausdrücklich Populations-, Kontext- und Planeffekte in der Wahlsituation (Feuerbacher & Wynne, 2014). Die meisten Haushunde bevorzugten Futter gegenüber Streicheln.
Verwandte Arbeiten verglichen die relative Wirksamkeit sozialer Interaktion und Futter bei Haushunden und handaufgezogenen Wölfen (Feuerbacher & Wynne, 2012) sowie drei verschiedene Verstärkerarten im Lernversuch (Fukuzawa & Hayashi, 2013).
Dieser Befund wird in der Debatte um Futter im Training regelmäßig verkürzt — in beide Richtungen. Er belegt nicht, dass soziale Zuwendung wertlos wäre; sie funktionierte in mehreren Anordnungen als Verstärker. Er belegt aber auch nicht, dass sie Futter gleichwertig ersetzen könnte.
Zur Debatte um Futter im Training: Training ohne Leckerli — sinnvoll oder sabotierend?
Zur Frage, welche Hirnantwort dabei messbar ist: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen
5. Kontext und Planeffekte
5.1 Wovon die Präferenz abhängt
Der wichtigste Zusatz zu den Präferenzbefunden ist, dass sie nicht absolut gelten. Untersucht wurden ausdrücklich Kontext- und Planeffekte — die Bevorzugung von Futter gegenüber Streicheln hing also davon ab, unter welchen Bedingungen und nach welchem Plan die Alternativen verfügbar waren.
Damit ist die verbreitete Frage „Was ist der beste Verstärker für meinen Hund?“ falsch gestellt. Sie hat keine kontextfreie Antwort.
Sinnvoller ist die Frage nach der Rangfolge unter den jeweiligen Bedingungen — und danach, ob diese Rangfolge im Training überhaupt erhoben wurde. In der Praxis wird sie meist angenommen statt geprüft, obwohl eine Wahlsituation mit zwei Alternativen in wenigen Minuten Klarheit schafft.
5.2 Warum das praktisch zählt
Aus der Kontextabhängigkeit folgt eine konkrete Konsequenz für die Trainingsplanung. Ein Verstärker, der in ruhiger Umgebung gut funktioniert, kann unter Ablenkung wirkungslos sein — nicht weil der Hund unmotiviert wäre, sondern weil sich die Verfügbarkeit von Alternativen geändert hat.
Zur Erregung als konkurrierender Größe: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation
5.3 Konditionierte Verstärker
Die Befunde zum verbalen Lob werfen ein Licht auf Markersignale. Ein Clicker oder ein Markerwort wirkt nicht aus sich heraus, sondern weil es verlässlich etwas ankündigt. Wird diese Kopplung dünner — was bei der Ausdünnung des Plans geschieht —, verliert auch der Marker an Wirkung.
Das ist ein oft übersehener Nebeneffekt der Ausdünnung: Sie schwächt nicht nur die Verstärkerdichte, sondern auch die Vorhersagekraft des Markers. Wer den Clicker weiterhin setzt, ihn aber nur noch gelegentlich einlöst, dünnt zwei Dinge zugleich aus.
Die saubere Alternative ist, den Marker verlässlich einzulösen und stattdessen die Zahl der markierten Wiederholungen zu senken. Damit bleibt die Kopplung intakt, während die Verstärkerdichte sinkt.
Zum Markersignal im Detail: Einführung ins Clickertraining
Zur Rolle der Vorhersage im Lernen: Vorhersagefehler beim Hund: Wie Überraschung Lernen steuert
6. Anreizkontrast
6.1 Was bei Abwertung geschieht
Nicht nur das Ausbleiben einer Belohnung erzeugt eine Reaktion, sondern auch ihre Verschlechterung. Bentosela und Kollegen untersuchten Anreizkontrast beim Hund — die Reaktion darauf, dass eine hochwertige Belohnung durch eine geringerwertige ersetzt wird (Bentosela, Jakovcevic, Elgier, Mustaca & Papini, 2009).
6.2 Praktische Folgen
Für die Trainingsplanung ist das relevanter, als es wirkt. Wer mit hochwertigem Futter aufbaut und später auf Trockenfutter wechselt, verändert nicht nur die Verstärkerstärke — er erzeugt eine Erwartungsverletzung mit den bekannten Folgen.
Dasselbe gilt für die schleichende Abwertung innerhalb einer Einheit: Die Aufmerksamkeit des Menschen lässt nach, die Portionen werden kleiner, das Timing ungenauer. Aus Sicht des Hundes ist das eine fortlaufende Verschlechterung.
Die Verhaltensverschlechterung gegen Ende einer Einheit wird deshalb regelmäßig falsch zugeordnet — als nachlassende Konzentration des Hundes statt als Reaktion auf eine nachlassende Verstärkerqualität. Wer das prüfen will, kehrt die Reihenfolge um und beginnt eine Einheit mit dem, womit er sonst aufhört.
Zur Motivation als Alltagsbegriff: Die Bedeutung der Motivation beim Hundetraining
Zur Selbstkontrolle als davon betroffener Größe: Selbstkontrolle beim Hund: Frontalcortex und Impulsregulation
7. Praktische Einordnung
7.1 Aufbau gegen Erhaltung
Die tragfähige Unterscheidung ist die zwischen Aufbau und Erhaltung. Beim Aufbau eines neuen Verhaltens ist kontinuierliche Verstärkung in aller Regel die bessere Wahl — jede Auslassung ist hier eine verpasste Information. Bei bereits sicherem Verhalten ist Ausdünnung sinnvoll.
Der häufigste Fehler liegt im Übergang: zu früh ausgedünnt, weil das Verhalten in ruhiger Umgebung sicher aussah.
Ein brauchbares Kriterium für den Übergang ist nicht die Zahl der Wiederholungen, sondern die Zuverlässigkeit unter den Bedingungen, unter denen das Verhalten gebraucht wird. Ein Signal, das zu Hause sitzt und draußen nicht, ist nicht ausdünnungsreif — es ist noch nicht generalisiert.
Zum Zusammenhang von Erregung und Abrufbarkeit: Selbstkontrolle beim Hund: Frontalcortex und Impulsregulation
7.2 Wann Ausdünnung nicht sinnvoll ist
Aus Abschnitt 3 folgt eine Einschränkung, die selten formuliert wird. Bei Hunden mit niedriger Frustrationstoleranz, bei Verhalten unter hoher Erregung und bei Verhalten, das in belastenden Situationen abrufbar bleiben soll, ist eine dichte Verstärkung die bessere Wahl — auch dauerhaft.
Ein Rückruf aus einer schwierigen Situation gehört in diese Kategorie. Ihn auszudünnen, um ihn haltbarer zu machen, ist eine Übertragung aus dem Bereich einfacher Signale, die dort nicht hingehört.
Der Grund ist die Konkurrenz. Ein Rückruf steht gegen eine Alternative, die selbst verstärkend wirkt — das Wild, den anderen Hund, den interessanten Geruch. Wer die eigene Verstärkung ausdünnt, verschiebt das Verhältnis zugunsten der Konkurrenz. Bei einem Signal ohne konkurrierende Verstärkung, etwa dem Sitz im Wohnzimmer, tritt dieses Problem nicht auf.
Zur Angst als erschwerender Bedingung: Angst beim Hund: Neurobiologie und Verhaltensstörung
7.3 Was die Evidenz nicht hergibt
Zahlenangaben zu optimalen Verstärkerquoten — jedes dritte Mal, jedes fünfte Mal — haben in der Hundeliteratur keine Grundlage. Sie stammen entweder aus Laborbefunden an anderen Arten oder aus Erfahrung. Beides ist als Ausgangspunkt brauchbar und als Regel nicht belegt.
Dasselbe gilt für die verbreitete Empfehlung, Verstärker in ihrer Wertigkeit zu staffeln und die Staffelung strategisch einzusetzen. Sie ist plausibel und deckt sich mit den Anreizkontrast-Befunden — geprüft wurde sie beim Hund nicht.
Zum experimentellen Zugang zum Befinden als Prüfgröße: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen
Zur Trennung von Verhalten und innerem Zustand: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
8. Zusammenfassung im Überblick zu Verstärkerpläne beim Hund
Intermittierend verstärktes Verhalten widersteht der Löschung länger als kontinuierlich verstärktes. Diese Grundaussage ist stabil — sie gilt allerdings für Problemverhalten ebenso, und die inkonsequente Reaktion auf unerwünschtes Verhalten ist die häufigste unbeabsichtigte Anwendung variabler Verstärkung im Alltag.
Die Kehrseite wird selten mitgesagt: Jede nicht verstärkte Wiederholung ist eine Erwartungsverletzung und erzeugt Frustration. Ausdünnung ist damit kein reiner Gewinn, sondern ein Tausch — mehr Haltbarkeit gegen mehr Frustration.
Zur Frage, was beim Hund überhaupt verstärkt, liegt eine bemerkenswerte Befundlage vor. An 114 Hunden wurde Streicheln gegenüber verbalem Lob bevorzugt, auch wenn das Lob vom eigenen Halter kam. Verbales Lob allein unterschied sich kaum von gar keiner Zuwendung. Und die meisten Haushunde bevorzugten Futter gegenüber Streicheln — abhängig von Kontext und Verstärkerplan.
Die Systematik der Pläne selbst stammt überwiegend aus Laborarbeiten an Tauben und Ratten. Für den Hund ist gut untersucht, was verstärkt — weniger, nach welchem Plan.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Wenig Planforschung am Hund
Die klassischen Planvergleiche wurden am Hund kaum wiederholt. Ob die aus dem Taubenlabor bekannten Muster in derselben Form auftreten, ist damit eine begründete Annahme, keine Befundlage.
Naheliegend wäre eine Wiederholung mit den Mitteln, die inzwischen zur Verfügung stehen — etwa mit automatisierten Futterspendern, die Pläne exakt umsetzen. Der Aufwand wäre überschaubar, das Ergebnis für die Praxis unmittelbar verwertbar.
9.2 Keine Daten zur Frustrationsabwägung
Dass Ausdünnung Löschungswiderstand und Frustration zugleich erzeugt, folgt aus zwei belegten Einzelbefunden. Wie sich beide gegeneinander verhalten und ab welcher Ausdünnungsrate der Nachteil überwiegt, ist nicht untersucht.
9.3 Langfristige Wirkung
Die Präferenzuntersuchungen erfassen Wahlverhalten in kurzen Sitzungen. Ob sich daraus die Wirksamkeit über Wochen ableiten lässt, ist offen — Präferenz und Verstärkerwirkung sind verwandte, aber nicht identische Größen.
Der Unterschied ist konkret: Ein Hund kann eine Alternative bevorzugen, ohne dass sie ein Verhalten aufbaut, und umgekehrt. Was in der Wahlsituation gemessen wird, ist die relative Attraktivität in diesem Moment — nicht die Fähigkeit, ein Verhalten über die Zeit zu erhalten.
Zum Aufbau konditionierter Reaktionen über die Zeit: Furchtkonditionierung und Rekonsolidierung beim Hund
10. Fazit
Verstärkerpläne sind der Bereich des Hundetrainings, in dem am sichersten aufgetreten und am wenigsten geprüft wird. Die Grundaussagen stimmen; ihre Zahlen und Feinheiten stammen aus dem Taubenlabor.
Am tragfähigsten sind zwei Einsichten, die beide gegen die übliche Betonung laufen. Erstens erzeugt Ausdünnung nicht nur Haltbarkeit, sondern auch Frustration — sie ist ein Tausch, kein Fortschritt. Zweitens ist die Frage nach dem Plan der Frage nach dem Verstärker nachgeordnet, und dort ist die Befundlage am Hund am besten.
Wer die Wahl hat, sollte deshalb weniger Zeit auf die Feinjustierung von Quoten verwenden und mehr darauf, ob die eingesetzte Konsequenz für diesen Hund in dieser Situation überhaupt eine ist. Verbales Lob allein ist es nach den vorliegenden Daten meistens nicht.
Diese Verschiebung der Aufmerksamkeit kostet nichts und ist sofort umsetzbar. Zwei Alternativen nebeneinander anbieten und beobachten, wofür der Hund sich entscheidet — unter genau den Bedingungen, unter denen später trainiert werden soll. Das ist keine Forschung, aber es beantwortet die Frage, die vor allen Planüberlegungen steht.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick
Ausdünnung ist ein Tausch, kein reiner Gewinn. Intermittierende Verstärkung erhöht den Löschungswiderstand — und erzeugt zugleich bei jeder Auslassung eine Erwartungsverletzung mit Frustrationsreaktion (Amsel, 1962; Jakovcevic et al., 2013).
Der Effekt gilt für Problemverhalten genauso. Die inkonsequente Reaktion auf unerwünschtes Verhalten ist die häufigste unbeabsichtigte Anwendung variabler Verstärkung im Alltag — mit demselben Ergebnis: schwer abzubauendes Verhalten.
Hunde bevorzugen Streicheln gegenüber verbalem Lob. An 114 Hunden zeigte sich diese Präferenz sogar dann, wenn das Lob vom eigenen Halter kam und das Streicheln von einer fremden Person (Feuerbacher & Wynne, 2015).
Verbales Lob allein wirkt kaum. Es unterschied sich in der Untersuchung kaum von gar keiner Zuwendung. Die Autoren führen die Alltagswirkung von Lob auf die Kopplung mit anderem zurück, nicht auf das Lob selbst.
Präferenzen sind kontextabhängig. Die Bevorzugung von Futter gegenüber Streicheln hing von Population, Kontext und Verstärkerplan ab (Feuerbacher & Wynne, 2014). Die Frage nach dem „besten Verstärker“ hat keine kontextfreie Antwort.
Quellen
Amsel, A. (1962). Frustrative nonreward in partial reinforcement and discrimination learning: Some recent history and a theoretical extension. Psychological Review, 69(4), 306–328. https://doi.org/10.1037/h0046200
Bentosela, M., Barrera, G., Jakovcevic, A., Elgier, A. M., & Mustaca, A. E. (2008). Effect of reinforcement, reinforcer omission and extinction on a communicative response in domestic dogs (Canis familiaris). Behavioural Processes, 78(3), 464–469. https://doi.org/10.1016/j.beproc.2008.03.004
Bentosela, M., Jakovcevic, A., Elgier, A. M., Mustaca, A. E., & Papini, M. R. (2009). Incentive contrast in domestic dogs (Canis familiaris). Journal of Comparative Psychology, 123(2), 125–130. https://doi.org/10.1037/a0013340
Feuerbacher, E. N., & Wynne, C. D. L. (2012). Relative efficacy of human social interaction and food as reinforcers for domestic dogs and hand-reared wolves. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 98(1), 105–129. https://doi.org/10.1901/jeab.2012.98-105
Feuerbacher, E. N., & Wynne, C. D. L. (2014). Most domestic dogs (Canis lupus familiaris) prefer food to petting: Population, context, and schedule effects in concurrent choice. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 101(3), 385–405. https://doi.org/10.1002/jeab.81
Feuerbacher, E. N., & Wynne, C. D. L. (2015). Shut up and pet me! Domestic dogs (Canis lupus familiaris) prefer petting to vocal praise in concurrent and single-alternative choice procedures. Behavioural Processes, 110, 47–59. https://doi.org/10.1016/j.beproc.2014.08.019
Fukuzawa, M., & Hayashi, N. (2013). Comparison of 3 different reinforcements of learning in dogs (Canis familiaris). Journal of Veterinary Behavior, 8(4), 221–224.
Jakovcevic, A., Elgier, A. M., Mustaca, A. E., & Bentosela, M. (2013). Frustration behaviors in domestic dogs. Journal of Applied Animal Welfare Science, 16(1), 19–34. https://doi.org/10.1080/10888705.2013.740974

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