Fallout von Strafe beim Hund: Nebenwirkungen aversiver Einwirkung
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 26. Juli
- 11 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Juli
Die Debatte über Strafe im Hundetraining wird meist als Wirksamkeitsfrage geführt: Funktioniert sie oder nicht. Diese Frage ist die weniger interessante, denn die Antwort lautet: oft ja. Strafe unterdrückt Verhalten zuverlässig, manchmal sofort und dauerhaft.
Die eigentliche Frage ist eine andere. Aversive Einwirkung erzeugt neben der beabsichtigten Wirkung eine Reihe unbeabsichtigter — und diese Nebenwirkungen sind der Grund, warum die Verhaltensmedizin von aversiven Verfahren abrät. In der Verhaltensanalyse hat sich dafür der Begriff Fallout eingebürgert: der Niederschlag, der neben dem Ziel mit herunterkommt.
Dieser Artikel behandelt, was diese Nebenwirkungen sind, welche davon beim Hund belegt sind und welche übertragen, was die zentrale Untersuchung an Schutzhunden zeigte, wie Aggression als Nebenwirkung entsteht und warum die Bedingungen für wirksame und nebenwirkungsarme Strafe im Alltag praktisch nie erfüllt sind.
Zur Wirksamkeitsfrage und zur Studienlage insgesamt: Aversive Methoden beim Hund
Zur praktischen Seite für den Alltag: Warum Strafen bei Hunden oft mehr schaden als helfen

1. Was Fallout bezeichnet
1.1 Nebenwirkungen, nicht Unwirksamkeit
Fallout meint die Effekte, die zusätzlich zur Verhaltensunterdrückung auftreten. Der Begriff setzt voraus, dass die Hauptwirkung eintritt — er beschreibt kein Versagen, sondern einen Preis.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Argumente gegen Strafe häufig als Wirksamkeitsbehauptung vorgetragen und dann durch die Alltagserfahrung widerlegt werden. Wer erlebt hat, dass eine Einwirkung ein Verhalten beendet hat, wird einer Aussage nicht folgen, die das bestreitet.
1.2 Die vier Kategorien
Die Verhaltensanalyse unterscheidet vier Gruppen von Nebenwirkungen. Aggression — aversive Reize lösen bei vielen Arten Angriffsverhalten aus. Vermeidung — vermieden wird nicht nur das bestrafte Verhalten, sondern auch die Situation, der Ort und die einwirkende Person. Generalisierung — die aversive Bewertung dehnt sich auf begleitende Reize aus. Verhaltensunterdrückung — es verschwindet mehr als das Zielverhalten, im Extremfall die Handlungsbereitschaft insgesamt.
Diese Risiken entstehen nicht erst durch schlechte Anwendung, sondern gehören grundsätzlich zu aversiven Verfahren. Ein Reiz, der unangenehm genug ist, um Verhalten zu unterdrücken, ist in der Regel auch unangenehm genug, um Vermeidung und Abwehr auszulösen — Hauptwirkung und Fallout gehen auf dieselbe Eigenschaft zurück.
Zur Erfassung solcher Verhaltensweisen: Hundeverhalten messbar machen
1.3 Warum die Trennung zählt
Alle vier sind mit einer wirksamen Unterdrückung des Zielverhaltens vereinbar. Ein Hund kann aufhören zu bellen, den Auslöser weiterhin als bedrohlich bewerten, den Menschen meiden und in vergleichbaren Situationen früher aufgeben — und aus Sicht des Trainingsziels sieht das nach Erfolg aus.
Zur Trennung von beobachtbarem Verhalten und innerem Zustand: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
2. Was Strafe technisch ist
2.1 Positive Strafe und negative Verstärkung
Zwei Verfahren werden im Alltag beide als „Strafe“ bezeichnet und sind lerntheoretisch verschieden. Positive Strafe fügt nach einem Verhalten etwas Unangenehmes hinzu, um dessen Auftreten zu senken. Negative Verstärkung beendet etwas Unangenehmes, sobald das gewünschte Verhalten auftritt — sie erhöht Verhalten, nicht durch Belohnung, sondern durch Erleichterung.
Beide arbeiten mit einem aversiven Reiz, und beide erzeugen denselben Fallout. Die Unterscheidung ist trotzdem nützlich, weil negative Verstärkung häufig nicht als aversives Verfahren erkannt wird.
2.2 Die Bedingungen für Wirksamkeit
Aus der Lernforschung sind die Bedingungen bekannt, unter denen Strafe zuverlässig und mit möglichst geringem Fallout wirkt. Sie muss unmittelbar erfolgen, konsequent bei jedem Auftreten, von ausreichender Intensität beim ersten Mal, und es muss ein verfügbares Alternativverhalten geben, das zum selben Ziel führt.
2.3 Warum diese Bedingungen im Alltag nicht erfüllt sind
Unmittelbarkeit scheitert an der Reaktionszeit des Menschen. Konsequenz scheitert daran, dass niemand rund um die Uhr anwesend ist. Die Intensitätsforderung ist die problematischste: Eine zu schwache Einwirkung führt zu Gewöhnung und damit zur schrittweisen Steigerung — genau der Verlauf, der in der Praxis regelmäßig beschrieben wird. Und ein Alternativverhalten wird bei aversivem Vorgehen selten mitaufgebaut.
Damit ist die praktisch entscheidende Aussage nicht, dass Strafe nicht funktionieren kann, sondern dass die Bedingungen ihrer nebenwirkungsarmen Anwendung außerhalb des Labors kaum herstellbar sind.
Die Intensitätsforderung verdient dabei besondere Beachtung, weil sie der Alltagsintuition widerspricht. Wer vorsichtig einsteigt und die Einwirkung langsam steigert, tut aus Sicht der Lernforschung genau das Falsche: Er gewöhnt den Hund an aversive Reize und erzwingt damit immer höhere Intensitäten für dieselbe Wirkung. Wer dagegen sofort ausreichend stark einwirkt, erzeugt maximalen Fallout beim ersten Mal.
Dieses Dilemma lässt sich innerhalb des Verfahrens schwer auflösen — es dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass Eskalation ein häufiger Verlauf ist und nicht bloß ein Anwendungsfehler.
Zu Hilfsmitteln, die auf diesem Prinzip beruhen: Gefahren von Erziehungsgeschirren mit Zugwirkung
Zur Gestaltung von Verstärkung als Alternative: Verstärkerpläne beim Hund
3. Der Kernbefund: Schutzhunde und Stromreiz
3.1 Aufbau
Die aussagekräftigste Einzeluntersuchung zum Fallout beim Hund stammt aus der Schutzhundeausbildung. Schilder und van der Borg beobachteten Deutsche Schäferhunde im Training und erfassten zunächst die unmittelbaren Reaktionen von 32 Hunden auf 107 Stromreize (Schilder & van der Borg, 2004).
In einem zweiten Schritt verglichen sie 16 Hunde, die in der jüngeren Vergangenheit Stromreize erhalten hatten, mit 15 Kontrollhunden aus vergleichbarem Training ohne Stromreize. Ausgewertet wurden dabei ausschließlich Trainingseinheiten, in denen keine Reize abgegeben wurden — sowie zusätzlich ein Spaziergang im Park.
3.2 Die unmittelbaren Reaktionen
Auf den Reiz folgten abgesenkte Körperhaltung, hohe Schreie, Bellen und Quieken, Ausweichen, umgerichtete Aggression und Zungenlecken — Verhaltensweisen, die auf Stress, Furcht und Schmerz hinweisen. Die meisten dauerten nur Bruchteile einer Sekunde (Schilder & van der Borg, 2004).
Diese Kürze ist bemerkenswert und erklärt einen Teil der Kontroverse: Wer nicht gezielt darauf achtet, sieht sie nicht. Ein Anwender, der auf die Wirkung schaut — hört der Hund auf? —, hat die Reaktion bereits verpasst, wenn er den Blick hebt.
Damit ist auch erklärt, warum die Erfahrungsberichte auseinandergehen. Beide Seiten beschreiben, was sie gesehen haben. Nur hat die eine Seite auf Videoaufnahmen in Zeitlupe geschaut und die andere auf das Ergebnis.
Zur Deutung solcher Zeichen: Warnsignale beim Hund
3.3 Die Langzeitwirkung
Der eigentlich entscheidende Teil ist der zweite. Die zuvor geschockten Hunde ließen sich von den Kontrollhunden unterscheiden — in Einheiten ohne jeden Reiz und auch außerhalb des Trainings beim Spaziergang.
Die Autoren formulieren die Logik selbst: Wenn sich geschockte von nie geschockten Hunden noch dann unterscheiden lassen, wenn gerade kein Training stattfindet, ist die Wirkung erheblich, und eine Deutung als traumatische Erfahrung liegt nahe. Ihr Schluss: Das Wohlbefinden dieser Hunde steht auf dem Spiel.
Zur Konditionierung von Furcht und ihrer Beständigkeit: Furchtkonditionierung und Rekonsolidierung beim Hund
3.4 Ein methodisches Detail
Eine Entscheidung der Autoren verdient Erwähnung, weil sie einen verbreiteten Messfehler vorwegnimmt: Sie verzichteten bewusst auf Cortisol und andere physiologische Maße. Begründung — Hunde seien im Training ohnehin hocherregt, was solche Messwerte wenig aussagekräftig mache (Schilder & van der Borg, 2004).
Das ist dieselbe Einsicht, die den gesamten Umgang mit Stressmarkern prägt: Ein Wert ohne Vergleichsbedingung sagt nichts.
Zur Cortisolmessung und ihren Grenzen: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol verstehen und richtig messen
4. Aggression als Nebenwirkung
4.1 Schmerzausgelöste Aggression
Dass aversive Reize Angriffsverhalten auslösen, gehört zu den ältesten Befunden der Verhaltensanalyse und ist artübergreifend beschrieben. Der Mechanismus ist nicht Lernen, sondern eine unmittelbare Reaktion: Der aversive Reiz löst Aggression gegen das Nächstliegende aus.
Genau das beobachteten Schilder und van der Borg als umgerichtete Aggression im unmittelbaren Anschluss an den Reiz.
Für die Praxis folgt daraus ein Muster, das häufig falsch zugeordnet wird: Ein Hund, der nach einer Einwirkung in die Leine beißt, den begleitenden Hund angeht oder nach der Hand schnappt, zeigt keine Auflehnung. Er zeigt eine reflexartige Reaktion auf einen aversiven Reiz — und wird dafür in aller Regel erneut bestraft.
Zum Zusammenhang von Schmerz und Aggression: Schmerz und Aggression beim Hund
Zur Aggression als eigenständigem Thema: Aggression beim Hund: Ursachen und Auslöser verstehen
4.2 Der Befund von Herron
Herron, Shofer und Reisner befragten Halter von Hunden, die wegen Verhaltensproblemen vorgestellt wurden, zu selbst angewendeten Methoden und deren Ergebnis. Konfrontative Interventionen gingen bei einem erheblichen Anteil mit aggressiven Reaktionen einher — bei einer der abgefragten Vorgehensweisen in 26 Prozent der Fälle, also bei sieben von 27 Hunden (Herron, Shofer & Reisner, 2009; referiert in Ziv, 2017). Neutrale oder belohnungsbasierte Vorgehensweisen gingen dagegen selten mit aggressiven Reaktionen einher.
Die Grenzen der Arbeit gehören dazu: retrospektiv, halterberichtet, an einer Klinikpopulation erhoben. Ihr Beitrag liegt in der Richtung des Zusammenhangs, nicht in dessen Quantifizierung.
4.3 Warum das Warnsignal verschwindet
Der praktisch gefährlichste Fallout ist ein anderer und ergibt sich aus der Logik der Unterdrückung. Wird ein frühes Drohsignal bestraft, ändert sich die zugrundeliegende Bewertung nicht — nur die Anzeige. Was bleibt, ist ein Hund, der die Situation weiterhin als bedrohlich bewertet und ohne erkennbare Vorwarnung reagiert.
Zur Reaktivität und Erregungsschwelle: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation
5. Emotionale Folgen
5.1 Judgement Bias
Der methodisch eleganteste Befund nutzt die Eigenschaft affektiver Zustände, die Bewertung mehrdeutiger Information zu verschieben. Vieira de Castro und Kollegen verglichen Hunde aus belohnungsbasiert und aus aversiv arbeitenden Hundeschulen: Die Hunde aus den aversiv arbeitenden Schulen näherten sich mehrdeutigen Positionen zögerlicher, was als Hinweis auf einen negativeren Stimmungszustand gewertet wird (Vieira de Castro et al., 2020).
Das Verfahren umgeht die Schwäche der Verhaltensbeobachtung: Es misst nicht, ob ein Hund gestresst aussieht, sondern wie er entscheidet.
Zum Verfahren im Detail: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen
5.2 Verhaltensunterdrückung
Die schwerste Form des Fallout betrifft nicht ein einzelnes Verhalten, sondern die Handlungsbereitschaft insgesamt. Wenn wiederholte aversive Ereignisse nicht durch eigenes Verhalten beeinflussbar sind, kann die Bereitschaft zusammenbrechen, überhaupt etwas zu versuchen.
Der resultierende Zustand wird im Alltag regelmäßig als Erfolg gedeutet — der Hund ist ruhig, führt nicht mehr, stört nicht mehr.
Zur Verhaltensunterdrückung als Fehldeutung von Ruhe: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund
5.3 Die Beziehung zum Menschen
Weil der aversive Reiz von einer Person ausgeht, wird diese Person Teil der Vorhersage. Der Hund lernt nicht nur, dass ein Verhalten unangenehme Folgen hat, sondern auch, in wessen Anwesenheit das gilt. Daraus folgt das häufig berichtete Muster, dass ein Verhalten bei einer Person unterbleibt und bei anderen weiterläuft. Das wird oft als Beleg für Autorität gedeutet — lerntheoretisch ist es der Nachweis, dass die Person Teil der Kontingenz geworden ist und nicht das Verhalten selbst verändert wurde.
Bei ängstlichen Hunden ist die Folge schwerwiegender. Wenn die Person, die Sicherheit geben soll, zugleich Quelle unangenehmer Erfahrungen ist, entsteht ein Konflikt zwischen Annäherung und Vermeidung, der die Regulationsfähigkeit weiter einschränkt.
Zur Situation gleichzeitig aktivierter Annäherung und Vermeidung: Annäherung-Vermeidung-Konflikt beim Hund
Zur Neurobiologie von Furcht: Angst beim Hund: Neurobiologie und Verhaltensstörung
Zur Bindung als Regulationssystem: Bindungsstile beim Hund
6. Die Übersichtsarbeit
6.1 Was zusammengefasst wurde
Ziv sichtete 17 Untersuchungen zu den Wirkungen verschiedener Trainingsmethoden auf Physiologie, Wohlbefinden und Verhalten gegenüber Menschen und Artgenossen. Eingeschlossen waren Befragungen, Beobachtungsstudien und Interventionen (Ziv, 2017).
Das Ergebnis: Aversive Methoden — positive Strafe und negative Verstärkung — können sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit von Hunden gefährden. Und: Positive Strafe kann wirksam sein, es gibt aber keinen Beleg dafür, dass sie wirksamer wäre als belohnungsbasiertes Vorgehen; einiges spricht für das Gegenteil.
6.2 Die methodischen Vorbehalte
Ziv benennt die Schwächen der eingeschlossenen Arbeiten ausdrücklich und formuliert sein Fazit entsprechend zurückhaltend: Trotz der methodischen Bedenken habe es den Anschein, dass aversive Methoden unerwünschte unbeabsichtigte Folgen haben und ihr Einsatz das Wohlbefinden von Hunden gefährdet.
Diese Formulierung ist genauer als das, was daraus gemacht wird. Sie behauptet keine Beweislage, sondern eine konvergente Befundrichtung.
6.3 Was daraus folgt
Genau diese Konvergenz ist das Argument. Kein einzelner der genannten Befunde trägt für sich: Schilder und van der Borg untersuchten Schutzhunde im Stromreiztraining, Herron und Kollegen eine Klinikpopulation retrospektiv, Vieira de Castro und Kollegen Hunde aus unterschiedlichen Schulen ohne Randomisierung. Alle drei haben andere Schwächen — und alle zeigen in dieselbe Richtung.
Diese Argumentform ist in der Medizin geläufig und wird im Hundebereich selten so benannt. Wenn mehrere Untersuchungen mit unterschiedlichen methodischen Schwächen dasselbe Ergebnis liefern, ist es unwahrscheinlich, dass alle aus demselben Grund falsch liegen. Eine einzelne randomisierte Studie wäre stärker — aber sie existiert nicht und wird aus Tierschutzgründen auch nicht entstehen.
Zur Bewertung individueller Unterschiede in der Empfindlichkeit: Temperament und Coping-Stile beim Hund
7. Konsequenzen
7.1 Warum Strafe wirkt und trotzdem schadet
Der scheinbare Widerspruch löst sich über die Ebenen auf. Strafe wirkt auf der Verhaltensebene und lässt die Bewertungsebene unberührt oder verschlechtert sie. Wer nur die erste betrachtet, sieht Erfolg. Wer beide betrachtet, sieht einen Tausch.
7.2 Das Timing-Argument
Ein verbreitetes Gegenargument lautet, Strafe sei nicht das Problem, sondern schlechtes Timing. Das ist halb richtig und darum irreführend: Besseres Timing verbessert die Hauptwirkung, beseitigt aber den Fallout nicht. Schmerzausgelöste Aggression, Vermeidung der einwirkenden Person und Verhaltensunterdrückung hängen nicht am Timing, sondern am aversiven Reiz selbst.
Perfektes Timing macht die Strafe wirksamer — und damit die Nebenwirkung nicht kleiner.
Ein verwandtes Argument lautet, es komme auf die Intensität an: Eine milde Einwirkung habe keinen nennenswerten Fallout. Auch das greift zu kurz: Eine Einwirkung, die mild genug ist, um weitgehend folgenlos zu bleiben, dürfte in vielen Fällen zu mild sein, um zu wirken — und führt dann in die Eskalationsspirale aus Abschnitt 2.3. Wirkbereich und Fallout-Bereich lassen sich nach heutigem Kenntnisstand nicht sauber trennen.
7.3 Was stattdessen
Die belohnungsbasierten Verfahren sind bei vielen Trainingszielen wirksam, und für die hier behandelten Problembilder ist die Veränderung der Reizbewertung ohnehin das Ziel — nicht die Unterdrückung einer Anzeige.
Zur systematischen Veränderung der Bewertung: Desensibilisierung und Gegenkonditionierung beim Hund
8. Zusammenfassung im Überblick
Fallout bezeichnet die Nebenwirkungen aversiver Einwirkung — nicht ihre Unwirksamkeit. Vier Gruppen sind beschrieben: Aggression, Vermeidung einschließlich der einwirkenden Person, Generalisierung der aversiven Bewertung und Verhaltensunterdrückung.
Die aussagekräftigste Einzeluntersuchung stammt aus der Schutzhundeausbildung: Nach Stromreizen zeigten Hunde abgesenkte Körperhaltung, Schreie, Ausweichen und umgerichtete Aggression — meist nur Bruchteile von Sekunden. Entscheidender ist der Langzeitteil: Zuvor geschockte Hunde ließen sich von Kontrollhunden auch dann unterscheiden, wenn gerade kein Reiz gegeben wurde, und außerhalb des Trainings.
Eine Übersicht über 17 Arbeiten kommt zu dem Schluss, dass aversive Methoden körperliche und psychische Gesundheit gefährden können und dass es keinen Beleg für ihre Überlegenheit gegenüber belohnungsbasiertem Vorgehen gibt.
Das praktisch wichtigste Argument ist kein Einzelbefund, sondern die Konvergenz: Untersuchungen mit sehr verschiedenen Schwächen zeigen in dieselbe Richtung.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Randomisierung fehlt weitgehend
Hunde lassen sich aus naheliegenden Gründen nicht randomisiert einer aversiven Trainingsbedingung zuweisen. Die meisten Befunde sind deshalb Vergleiche bestehender Gruppen — mit dem bekannten Problem, dass sich die Gruppen auch anders unterscheiden könnten.
9.2 Übertragbarkeit vom Arbeitshund
Die zentrale Untersuchung betraf Schutzhunde im professionellen Training. Ob die Größenordnung auf Familienhunde übertragbar ist, ist offen — die Reizintensität und der Trainingskontext unterscheiden sich erheblich.
Die Richtung der Verzerrung ist dabei nicht eindeutig. Für eine geringere Wirkung beim Familienhund spricht die niedrigere Reizintensität. Dagegen spricht, dass Schutzhunde nach Belastbarkeit ausgewählt und über Jahre auf hohe Erregung vorbereitet werden — ein durchschnittlicher Familienhund bringt diese Voraussetzungen nicht mit.
9.3 Der Grad der Aversivität
Nahezu alle Untersuchungen vergleichen deutlich aversive mit belohnungsbasierten Verfahren. Für den weiten Bereich dazwischen — Leinenruck, Stimmeinsatz, Wassersprüher — ist die Befundlage dünn, obwohl genau dort die meisten Alltagsentscheidungen liegen.
Das ist die größte offene Frage des Themas. Aus den vorliegenden Befunden lässt sich ableiten, dass starke aversive Reize erheblichen Fallout erzeugen. Ob und ab welcher Intensität milde Einwirkungen das ebenfalls tun, ist nicht untersucht — und die theoretische Überlegung aus Abschnitt 7.2 spricht dafür, dass die Frage falsch gestellt ist, weil Wirksamkeit und Fallout an derselben Eigenschaft hängen.
Zur Frustration als möglicher Begleitwirkung: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
10. Fazit
Die Fallout-Frage ist die bessere Frage, weil sie nicht bestreitet, was Halter beobachten. Strafe kann Verhalten beenden. Der Streitpunkt ist, was sie sonst noch tut.
Die belastbarste Antwort kommt nicht aus einer einzelnen Untersuchung, sondern aus ihrem Zusammentreffen. Hunde zeigen unmittelbar Schmerz- und Furchtzeichen, sie bleiben über die Situation hinaus verändert, sie reagieren häufiger aggressiv auf konfrontative Interventionen, und sie bewerten mehrdeutige Information pessimistischer. Jede dieser Untersuchungen ist angreifbar. Ihre Übereinstimmung ist es weniger.
Für die Praxis bleibt eine Konsequenz, die ohne Werturteil auskommt: Die Bedingungen, unter denen Strafe wirksam und nebenwirkungsarm wäre, sind im Alltag nicht herstellbar. Wer sie trotzdem einsetzt, wählt nicht zwischen zwei Methoden, sondern nimmt einen Preis in Kauf, dessen Höhe er nicht kennt.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Strafe beim Hund
Fallout bestreitet die Wirksamkeit nicht. Strafe unterdrückt Verhalten oft zuverlässig. Der Begriff bezeichnet, was zusätzlich passiert: Aggression, Vermeidung der einwirkenden Person, Generalisierung und Verhaltensunterdrückung.
Die Wirkung überdauert die Situation. Hunde, die zuvor Stromreize erhalten hatten, ließen sich von Kontrollhunden auch in reizfreien Trainingseinheiten und beim Spaziergang unterscheiden (Schilder & van der Borg, 2004). Die unmittelbaren Schmerz- und Furchtzeichen dauerten dagegen oft nur Bruchteile einer Sekunde — wer nicht darauf achtet, sieht sie nicht.
Konfrontative Methoden gehen mit aggressiven Reaktionen einher. Bei einer der abgefragten Vorgehensweisen reagierten 26 Prozent der Hunde aggressiv, sieben von 27 (Herron, Shofer & Reisner, 2009). Neutrale und belohnungsbasierte Vorgehensweisen taten das selten.
Es gibt keinen Beleg für Überlegenheit. Eine Übersicht über 17 Arbeiten kommt zu dem Schluss, dass positive Strafe wirksam sein kann, aber nicht wirksamer als belohnungsbasiertes Vorgehen — mit Hinweisen auf das Gegenteil (Ziv, 2017).
Besseres Timing löst das Problem nicht. Es verbessert die Hauptwirkung. Schmerzausgelöste Aggression, Vermeidung der Person und Verhaltensunterdrückung hängen am aversiven Reiz selbst, nicht am Zeitpunkt seiner Anwendung.
Quellen
Herron, M. E., Shofer, F. S., & Reisner, I. R. (2009). Survey of the use and outcome of confrontational and non-confrontational training methods in client-owned dogs showing undesired behaviors. Applied Animal Behaviour Science, 117(1–2), 47–54. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2008.12.011
Schilder, M. B. H., & van der Borg, J. A. M. (2004). Training dogs with help of the shock collar: Short and long term behavioural effects. Applied Animal Behaviour Science, 85(3–4), 319–334.
Vieira de Castro, A. C., Fuchs, D., Morello, G. M., Pastur, S., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLoS ONE, 15(12), e0225023. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225023
Ziv, G. (2017). The effects of using aversive training methods in dogs—A review. Journal of Veterinary Behavior, 19, 50–60. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2017.02.004

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