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Hunderatgeber · Wissenschaft und Hundewissen

Können Hunde wirklich im Dunkeln sehen? Die erstaunliche Nachtsicht der Vierbeiner

Hunde sehen nicht im völligen Dunkeln – aber ihre Anpassung an Dämmerung ist bemerkenswert. Drei anatomische Besonderheiten machen den Unterschied, eine kennt fast jeder vom Foto.

Michael Sauerwein

Kurz zusammengefasst

Hunde können nicht im völligen Dunkeln sehen, und sie sind gut an Dämmerung und schwaches Licht angepasst. Verantwortlich dafür sind vor allem eine hohe Stäbchendichte, das reflektierende Tapetum lucidum und eine weite Pupille. Drei Dinge gehören dazu, die in populären Darstellungen meist fehlen: Der Vorteil beruht nicht darauf, dass Hunde andere Wellenlängen sehen als wir, das Tapetum erkauft seinen Gewinn mit Unschärfe, und viele der kursierenden Zahlen stammen aus Untersuchungen mit drei Hunden. Die Richtung der Aussagen ist gut belegt, die Größe des Vorteils ist es nicht.

Du kennst das: Bei einer abendlichen Runde durch den Wald siehst du nur schemenhaft die nächsten Bäume, während dein Hund scheinbar mühelos den Weg findet und jeder Bewegung folgt. Aber was steckt dahinter? Können Hunde tatsächlich im Dunkeln sehen, oder nutzen sie einfach andere Sinne geschickter?

Die Antwort liegt in einer Kombination aus anatomischen Besonderheiten, der Verarbeitung schwacher Lichtreize und dem Zusammenspiel mit Nase und Ohren. Dieser Beitrag geht die einzelnen Bausteine durch, nennt bei jedem, worauf die Aussage beruht, und trennt das, was gemessen wurde, von dem, was daraus geschlossen wird.

Labrador Retriever bewegt sich sicher durch einen dunklen Wald bei Nacht, seine Augen reflektieren das Licht (Tapetum lucidum) und zeigen die ausgeprägte Nachtsicht von Hunden

1. Warum die Frage schwerer zu beantworten ist, als sie klingt

1.1 Was „im Dunkeln sehen" heißen soll

Die Frage vermischt drei verschiedene Dinge. Wie wenig Licht reicht, damit überhaupt etwas wahrgenommen wird? Wie viele Einzelheiten sind bei diesem Licht erkennbar? Und wie schnell erkennt das Auge eine Bewegung?

Auf diese drei Fragen fallen die Antworten für den Hund unterschiedlich aus, und genau darin liegt sein Profil: Er braucht weniger Licht als wir, er erkennt dabei weniger Einzelheiten, und er bemerkt Bewegung gut. Wer nur die erste Frage stellt, kommt zu einem Bild, das den Hund überlegener erscheinen lässt, als er ist.

1.2 Wie die Zahlen zu lesen sind

Ein großer Teil der kursierenden Angaben, also Pupillendurchmesser, Verstärkungsfaktoren, Sehschärfewerte, sind Näherungen, die je nach Untersuchung, Messverfahren und Rasse schwanken. Mehrere der grundlegenden Arbeiten zum Hundeauge beruhen auf drei Tieren.

Das entwertet sie nicht, denn physiologische Messungen an wenigen Tieren sind in diesem Feld üblich und liefern belastbare Größenordnungen. Es heißt aber, dass eine Angabe wie „Hunde unterscheiden Helligkeiten halb so fein wie wir" eine Größenordnung ist und keine Konstante.

1.3 Was dieser Beitrag nicht behauptet

Nicht, dass Hunde im Dunkeln orientierungslos wären, und nicht, dass sie eine Nachtsichtbrille im Kopf hätten. Beides kursiert, und beides geht an dem vorbei, was die Augenheilkunde tatsächlich beschreibt.

2. Woher die Anpassung kommt

2.1 Die dämmerungsaktive Vorgeschichte

Hunde stammen vom Wolf ab, und viele Merkmale des Sehsystems gehen auf die Lebensweise dämmerungsaktiver Jäger zurück. Die Hauptaktivität von Wölfen liegt in der Morgen- und Abenddämmerung, wenn auch viele Beutetiere aktiv sind.

Das Hundeauge ist deshalb nicht für völlige Dunkelheit gebaut, sondern für sehr schwaches Licht, wie es in der Dämmerung oder bei bewölktem Mondlicht herrscht. In solchen Lagen ist das visuelle System des Hundes bei Bewegung und groben Umrissen leistungsfähiger als unseres.

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2.2 Warum eine Anpassungsgeschichte keine Messung ist

Die Herleitung über die Lebensweise der Vorfahren ist plausibel und sie ist eine Erzählung. Sie erklärt, warum ein Merkmal bestehen könnte, und sie belegt nicht, wie stark es ausgeprägt ist.

Belegt wird das durch Messungen am heutigen Hund, und die folgen jetzt, mitsamt den Stellen, an denen sie dünner sind, als es der Anpassungsgeschichte entspräche.

3. Stäbchen und Zapfen

3.1 Die beiden Sensortypen

Die Netzhaut enthält zwei Hauptarten von Lichtsinneszellen. Stäbchen sind sehr lichtempfindlich und ermöglichen Sehen bei schwachem Licht, allerdings ohne Farbe. Zapfen sind weniger lichtempfindlich und zuständig für Farbe und Schärfe bei Tageslicht.

Die Netzhaut des Hundes ist stärker stäbchendominiert als die menschliche. Der Zapfenanteil liegt beim Hund bei etwa drei Prozent der Lichtsinneszellen, beim Menschen bei etwa fünf Prozent (Byosiere et al., 2018). Die genauen Werte hängen stark von der Netzhautregion ab, und die Richtung ist eindeutig.

3.2 Was daraus folgt und was nicht

Mehr Stäbchen bedeuten eine höhere Empfindlichkeit für schwaches Licht. Hunde nehmen noch bei Lichtstärken etwas wahr, die für uns bereits dunkel sind.

Was daraus nicht folgt, ist eine Zahl. Wie viel weniger Licht ein Hund braucht als ein Mensch, ist nicht sauber bestimmt, und die in Ratgebern kursierenden Faktoren, also „fünfmal" oder „siebenmal besser", haben keine belastbare Quelle.

3.3 Der Befund, der die übliche Erklärung einschränkt

Eine Annahme, die sich hartnäckig hält, lautet, Hunde seien für andere Wellenlängen empfindlich als wir und sähen deshalb nachts besser. Das trifft nicht zu. Die Wellenlänge, bei der das Sehpigment Rhodopsin am empfindlichsten ist, unterscheidet sich zwischen Hund und Mensch kaum, und der sichtbare Bereich bei schwachem Licht ist damit ähnlich (Byosiere et al., 2018).

Der Vorteil des Hundes muss also aus anderen Eigenschaften stammen, nämlich aus dem Bau des Auges und der Verschaltung der Netzhaut. Die Übersichtsarbeit von 2018 hält zugleich fest, dass die Empfindlichkeit des Hundeauges bei schwachem Licht weniger gut belegt ist, als es die Verbreitung der Aussage vermuten lässt, und dass es dazu weiterer Untersuchungen bedarf.

4. Das Tapetum lucidum

4.1 Was es tut

Hinter der Netzhaut liegt eine reflektierende Schicht, das Tapetum lucidum. Sie wirft einfallendes Licht zurück, sodass ein Teil davon ein zweites Mal durch die Netzhaut läuft und die Lichtsinneszellen eine weitere Gelegenheit bekommen, ein Lichtteilchen aufzunehmen (Ollivier et al., 2004).

Es ist auch der Grund, warum Hundeaugen im Scheinwerfer- oder Taschenlampenlicht grünlich, gelblich oder bläulich leuchten. Beim Menschen fehlt diese Schicht.

4.2 Der Preis: Streuung und Unschärfe

Der zweite Durchgang ist kein sauberer Vorgang. Das zurückgeworfene Licht wird gestreut, und diese Streuung verringert die Fähigkeit des Auges, Einzelheiten aufzulösen.

Damit steht ein Zielkonflikt fest, der in populären Darstellungen fast nie auftaucht: Das Tapetum verbessert das Erkennen bei schwachem Licht und verschlechtert die Schärfe. Ein Teil der geringeren Sehschärfe des Hundes ist der Preis für seine Dämmerungstauglichkeit und kein unabhängiger Mangel.

4.3 Wie groß der Gewinn ist, steht nicht fest

Für den Faktor, um den ein Tapetum die Lichtausbeute erhöht, kursieren Zahlen. Die bekannteste, nämlich eine etwa 130-fache Reflexion gegenüber dem menschlichen Auge, stammt aus einer Untersuchung an der Katze und nicht am Hund.

Sie wird trotzdem regelmäßig für Hunde zitiert. Für den Hund gibt es keinen vergleichbar etablierten Wert, und das ist eine der Stellen, an denen eine Zahl beim Wandern durch Ratgebertexte die Art gewechselt hat.

4.4 Auch innerhalb der Art schwankt es

Die Größe des Tapetums hängt weitgehend von Rasse und Körpergröße ab, und deutliche Unterschiede finden sich auch innerhalb einer Rasse (Byosiere et al., 2018). Bei manchen Hunden ist es klein, bei einzelnen fehlt es.

Aus dem Vorhandensein der Schicht lässt sich für einen bestimmten Hund also nicht ableiten, wie gut er bei schwachem Licht sieht. Auch die Färbung des Augenleuchtens sagt darüber nichts, sie hängt mit dem Bau der Schicht zusammen und nicht mit ihrer Leistung.

5. Pupille, Linse und Schärfe

5.1 Die Pupille

Die Pupille des Hundes öffnet sich weiter als die menschliche, was bei schwachem Licht mehr Licht pro Zeit auf die Netzhaut bringt. Die genannten Höchstwerte sind Näherungen und hängen von Körpergröße und Rasse ab.

5.2 Die Linse und die Naheinstellung

Die Linse ist beim Hund verhältnismäßig groß und liegt nahe an der Netzhaut. Das hilft der Lichtausbeute. Die Akkommodation, also das Scharfstellen auf verschiedene Entfernungen, ist beim Hund zugleich begrenzt.

Deshalb werden Gegenstände im Nahbereich unscharf, grob unterhalb von 30 bis 50 Zentimetern. Ein Hund, der ein Leckerchen direkt vor der Nase nicht findet und stattdessen schnüffelt, verhält sich nicht begriffsstutzig, sondern nutzt den Sinn, der in diesem Abstand funktioniert.

5.3 Die Sehschärfe und was die Angabe bedeutet

Für die Sehschärfe des Hundes wird üblicherweise ein Wert um 20/75 genannt. Als Faustregel: Was ein Mensch bei Tageslicht aus etwa 75 Metern scharf erkennt, muss für einen Hund knapp viermal näher sein, also auf etwa 20 Meter, um dieselbe Detailschärfe zu erreichen.

Diese Angabe ist ein Mittelwert über Untersuchungen mit verschiedenen Verfahren und wenigen Tieren. Sie beschreibt die Größenordnung zuverlässig und den Einzelhund nicht.

5.4 Die Schärfe ist nicht überall gleich

Eine neuere Arbeit zeigt, dass die Netzhaut des Hundes einen Bereich mit deutlich dichter stehenden Zapfen besitzt, ähnlich wie die Sehgrube bei Primaten (Beltran et al., 2014). Das legt nahe, dass in einem kleinen Ausschnitt des Blickfelds deutlich schärfer gesehen werden kann.

Das ändert das Bild vom durchgehend unscharf sehenden Hund. Es spricht dafür, dass die Schärfe davon abhängt, wo im Blickfeld etwas liegt, und dass ein Hund, der etwas genau ansieht, mehr erkennen kann, als der Mittelwert nahelegt. Dieselbe Arbeit beschreibt, dass genau dieser Bereich von erblichen Netzhauterkrankungen betroffen sein kann.

6. Bewegung und Zeitauflösung

6.1 Die Stärke

Hunde erkennen Bewegungen gut. Spezialisierte Ganglienzellen der Netzhaut reagieren empfindlich auf Bewegungsreize, auch bei schwachem Licht.

Für die jagenden Vorfahren war das überlebenswichtig, und im Alltag zeigt es sich daran, dass ein stehendes Reh oft übersehen und ein losrennendes meist sofort bemerkt wird.

6.2 Warum ein Hund Stehendes schlechter erkennt

Ein Sehsystem, das auf Bewegung ausgelegt ist, liefert bei unbewegten Objekten weniger. Das erklärt eine Beobachtung, die viele Halter machen: Ein reglos dastehender Mensch in einiger Entfernung wird oft erst erkannt, wenn er sich bewegt oder wenn der Wind seinen Geruch heranträgt.

Für das Training heißt das, dass Stillstehen für einen unsicheren Hund nicht beruhigend sein muss. Was er nicht einordnen kann, bleibt eine offene Frage, und eine offene Frage in der Dämmerung kann eher als Bedrohung behandelt werden.

7. Was Hunde bei Dunkelheit sehen

  • Graustufen überwiegen. Farben treten zurück, weil bei schwachem Licht überwiegend die Stäbchen arbeiten. Ein für uns rotes Spielzeug im Gras ist ein kontrastarmes, bräunlich-graues Objekt.
  • Bewegungen fallen auf. Auch kleine Zuckungen im hohen Gras werden bemerkt.
  • Kontraste tragen. Ein heller Wegrand im dunklen Wald ist eine Orientierungslinie.
  • Einzelheiten verschwinden. Gesichter oder kleine Formen sind kaum erkennbar, hier übernehmen Geruch und Gehör.

Deshalb wirken Hunde bei schwachem Licht oft zielstrebig: Sie setzen das Gesehene mit dem zusammen, was Nase und Ohren liefern. Wie du den Geruchssinn gezielt einbeziehst, steht in Geruchssinn beim Hund: Können Hunde Angst und Krankheiten riechen?.

8. Farbe und Helligkeit

8.1 Zwei Zapfentypen statt drei

Die Netzhaut des Hundes enthält zwei Klassen von Zapfenpigmenten mit rechnerischen Empfindlichkeitsgipfeln bei etwa 429 und 555 Nanometern, gemessen an drei Hunden in Verhaltensversuchen (Neitz, Geist & Jacobs, 1989). Das ergibt ein zweifarbiges Sehen im Blau-Gelb-Bereich, während Menschen drei Zapfentypen haben.

Rot und Grün fallen für den Hund weitgehend zusammen. Der Vergleich mit der menschlichen Rot-Grün-Blindheit ist dabei mehr als ein Bild: Eine Untersuchung mit einer abgewandelten Form des Ishihara-Tests, also genau des Verfahrens, mit dem beim Menschen Farbsinnstörungen geprüft werden, kam beim Hund zum entsprechenden Ergebnis (Siniscalchi et al., 2017).

8.2 Farbe zählt mehr, als lange angenommen

Lange galt, Hunde nutzten vor allem Helligkeitsunterschiede und Farbe sei nebensächlich. Ein Verhaltensversuch mit acht zuvor untrainierten Hunden spricht dagegen: Wenn sich zwei Reize sowohl in Helligkeit als auch in Farbton unterscheiden, entscheiden die Tiere nach dem Farbton, obwohl die Helligkeit in diesem Aufbau nutzbar gewesen wäre (Kasparson, Badridze & Maximov, 2013).

Für die Praxis heißt das, dass die Farbe eines Spielzeugs nicht gleichgültig ist, nur eben in anderen Kategorien als bei uns. Blau und Gelb sind unterscheidbar, Rot und Grün kaum.

8.3 Helligkeitsunterschiede erkennt der Hund gröber

Wie fein Helligkeiten unterschieden werden, wurde an drei Hunden mit einer Reihe von 30 Graustufen geprüft. Das Ergebnis: Die Helligkeitsunterscheidung des Hundes ist etwa doppelt so grob wie die des Menschen (Pretterer et al., 2004).

Das kann praktisch bedeutsam sein. Zwei Grautöne, die für uns verschieden aussehen, können für den Hund derselbe sein, und ein kontrastarmes Hindernis am Wegrand kann für ihn schlechter sichtbar sein als für dich.

9. Einschränkungen und blinde Flecken

  • Geringere Sehschärfe bei Tageslicht. Hunde erkennen im Mittel weniger Einzelheiten als wir und gleichen das über andere Sinne aus.
  • Zweifarbiges Sehen. Rot und Grün werden kaum unterschieden, Blau und Gelb schon.
  • Gröbere Helligkeitsunterscheidung. Etwa halb so fein wie beim Menschen (Pretterer et al., 2004).
  • Nahbereich. Unterhalb von etwa 30 bis 50 Zentimetern wird es unscharf, hier helfen Tasthaare und Geruch.
  • Nicht für völlige Dunkelheit. Bei vollständiger Lichtabwesenheit, etwa in einem fensterlosen Raum, erzeugt auch das Hundeauge kein Bild. Dann zählen Gehör und Geruch.

10. Der Vergleich mit der Katze

10.1 Wer besser sieht

Katzen sind stärker an die Nacht angepasst: höhere Stäbchendichte, ein ausgeprägteres Tapetum und senkrecht geschlitzte Pupillen, die sich bei Nacht weit öffnen und bei Tag eng schließen lassen.

10.2 Warum der Vergleich trotzdem hinkt

Die Katze ist eine Einzeljägerin, die sich beim Anschleichen weitgehend auf Augen und Ohren verlässt. Der Hund jagt in der Gruppe und über die Nase, und sein Sehsystem musste nie dasselbe leisten.

„Schlechter" ist deshalb der falsche Maßstab. Zwei Arten mit verschiedenen Lebensweisen haben verschiedene Lösungen, und beide funktionieren in ihrer Umgebung.

11. Woher die Evidenz stammt

11.1 Ein kleines und altes Feld

Die grundlegende Übersichtsarbeit zum Sehen des Hundes stammt von 1995 (Miller & Murphy). Die Übersicht von 2018 hält fest, dass die Fortschritte der Sehforschung am Hund seither begrenzt geblieben sind und dass die alte Arbeit weiterhin die beste ausführliche Darstellung vieler Aspekte ist (Byosiere et al., 2018).

Das ist für ein Thema, über das so viel geschrieben wird, eine bemerkenswerte Lage. Während die Kognitionsforschung am Hund stark gewachsen ist, blieb die Sehphysiologie weitgehend stehen.

11.2 Sehr kleine Stichproben

Die Arbeit zum Farbsehen prüfte drei Hunde (Neitz et al., 1989), die zur Helligkeitsunterscheidung ebenfalls drei (Pretterer et al., 2004). Das ist in der Sinnesphysiologie nicht ungewöhnlich, weil solche Verfahren aufwendig sind.

Es heißt aber, dass Rasseunterschiede, Altersunterschiede und individuelle Abweichungen von diesen Arbeiten nicht erfasst werden. Wer eine Zahl aus dieser Literatur zitiert, zitiert eine Messung an wenigen Tieren.

11.3 Warum die Übersicht von 2018 so nützlich ist

Sie wurde nicht für Halter geschrieben, sondern für Forschende, die Kognitionsversuche mit Hunden planen. Ihre Leitfrage lautet, ob wir das Sehsystem des Hundes gut genug verstehen, um die Ergebnisse solcher Versuche überhaupt zu deuten.

Ihr Fazit ist bescheidener, als populäre Texte nahelegen: Das Sehen des Hundes ist dem menschlichen in einigen Hinsichten überlegen und in anderen unterlegen, und mehrere verbreitete Aussagen sind schwächer belegt als angenommen (Byosiere et al., 2018).

11.4 Was fehlt

Eine Untersuchung, die dieselben Hunde über mehrere Sehleistungen prüft und berichtet, wie diese zusammenhängen. Vergleichswerte für verschiedene Rassen und Kopfformen. Und eine saubere Bestimmung dessen, wie viel weniger Licht ein Hund tatsächlich braucht als ein Mensch.

Letzteres ist die Zahl, nach der alle fragen, und sie ist die am schlechtesten belegte des ganzen Themas.

12. Was das für deinen Alltag heißt

12.1 Nächtliche Spaziergänge

Auch wenn dein Hund sich gut orientiert, bleiben Straßenverkehr und Hindernisse gefährlich. Eine leuchtende Leine oder ein reflektierendes Halsband helfen, und zwar nicht damit dein Hund dich sieht, sondern damit andere ihn sehen.

12.2 Spielzeug und Sichtbarkeit

Weil Rot und Grün kaum unterschieden werden, sind Spielzeuge in Blau, Gelb oder Weiß besser sichtbar, gerade im Gras oder auf dunklem Grund. Ein roter Ball auf einer Wiese ist für deinen Hund ein Suchproblem und für dich ein farblich auffälliges Objekt.

12.3 Kontrast statt Helligkeit

Weil die Helligkeitsunterscheidung gröber ist, hilft bei schwachem Licht weniger die Menge des Lichts als der Unterschied. Ein heller Weg neben dunklem Bewuchs ist leichter zu nutzen als eine gleichmäßig ausgeleuchtete Fläche.

12.4 Unsicherheit im Dunkeln ernst nehmen

Manche Hunde reagieren im Dunkeln ängstlich, und das hat oft weniger mit Sehen zu tun als mit der Einordnung. Was nicht erkannt wird, bleibt offen, und Offenes wird eher vorsichtig behandelt. Wie du Sicherheit gibst, liest du in Angst beim Hund – darf man trösten?.

12.5 Die Nase einbeziehen

Nachts orientiert sich dein Hund stark über Gerüche, und Suchaufgaben sind in der Dämmerung deshalb besonders passend. Ideen dazu in Denksport, Nasenarbeit und kreative Beschäftigung.

12.6 Wann es ein Fall für die Tierarztpraxis ist

Erkrankungen wie der Graue Star oder die fortschreitende Netzhautatrophie können das Sehen beeinträchtigen, und bei der fortschreitenden Netzhautatrophie ist oft zuerst das Sehen bei schwachem Licht betroffen. Ein Hund, der abends plötzlich unsicher wird, an Kanten anstößt, im Dunkeln stehen bleibt oder Treppen meidet, gehört augenärztlich untersucht.

Der Zeitpunkt zählt hier. Weil die Tiere den Verlust lange über Geruch, Gehör und Gewohnheit ausgleichen, fällt er im vertrauten Zuhause spät auf und in fremder Umgebung plötzlich. Mehr in Hundegesundheit – Vorsorge und häufige Erkrankungen.

13. Was die Forschung (noch) nicht zeigt

  • Wie viel weniger Licht ein Hund braucht, ist nicht sauber bestimmt. Die Übersicht von 2018 hält ausdrücklich fest, dass die erhöhte Empfindlichkeit bei schwachem Licht weiterer Untersuchungen bedarf (Byosiere et al., 2018).
  • Der Vorteil beruht nicht auf anderen Wellenlängen. Die Empfindlichkeit des Sehpigments unterscheidet sich zwischen Hund und Mensch kaum.
  • Der Verstärkungsfaktor des Tapetums stammt von der Katze. Für den Hund gibt es keinen vergleichbar etablierten Wert.
  • Die Stichproben sind sehr klein. Farbsehen und Helligkeitsunterscheidung wurden an je drei Hunden bestimmt.
  • Rasseunterschiede sind kaum untersucht. Tapetumgröße und Augenbau schwanken erheblich, auch innerhalb einer Rasse.
  • Das Feld ist weitgehend stehen geblieben. Die Fortschritte seit 1995 sind nach eigener Einschätzung der Übersichtsarbeit begrenzt.

14. Fazit

Hunde sehen nicht im völligen Dunkeln, und sie sind gut an Dämmerung und schwaches Licht angepasst. Das Zusammenspiel aus hoher Stäbchendichte, dem reflektierenden Tapetum lucidum und einer weiten Pupille bringt bei Mondlicht oder in der Abenddämmerung eine Sehleistung, die unserer in Teilen überlegen ist, immer im Verbund mit Geruchssinn und Gehör.

Zwei Dinge gehören dabei mitgesagt. Der Vorteil hat einen Preis, denn dieselbe Schicht, die das Licht ein zweites Mal nutzbar macht, streut es und kostet Schärfe. Und die Größe des Vorteils ist schlechter belegt als seine Richtung: Die verbreiteten Faktoren haben keine tragfähige Quelle, und die Übersichtsarbeit von 2018 hält die erhöhte Empfindlichkeit für nicht ausreichend untersucht.

Für dich heißt das: Vertraue auf die Sinne deines Hundes und kenne ihre Grenzen. Er bemerkt Bewegung oft früher als du, er erkennt Einzelheiten schlechter, und bei einer offenen Frage in der Dämmerung entscheidet meistens die Nase.

Wichtigste Erkenntnisse im Überblick

  • Der Nachtvorteil beruht nicht auf anderen Wellenlängen. Die Empfindlichkeit des Sehpigments unterscheidet sich zwischen Hund und Mensch kaum, der Vorteil kommt aus dem Bau des Auges (Byosiere et al., 2018).

  • Das Tapetum lucidum kostet Schärfe. Das zurückgeworfene Licht wird gestreut, und diese Streuung verringert die Auflösung von Einzelheiten (Ollivier et al., 2004). Ein Teil der geringeren Sehschärfe ist der Preis der Dämmerungstauglichkeit.

  • Die bekannteste Zahl stammt von der Katze. Der oft zitierte Verstärkungsfaktor des Tapetums wurde am Katzenauge bestimmt, und für den Hund gibt es keinen vergleichbaren Wert.

  • Farbe zählt mehr als lange angenommen. Hunde sehen zweifarbig mit Empfindlichkeitsgipfeln um 429 und 555 Nanometer (Neitz et al., 1989), und Rot-Grün-Blindheit wurde mit einem abgewandelten Ishihara-Test direkt gezeigt (Siniscalchi et al., 2017). Helligkeiten unterscheiden sie etwa doppelt so grob wie wir (Pretterer et al., 2004).

  • Die Datenbasis ist schmal. Farbsehen und Helligkeitsunterscheidung wurden an je drei Hunden bestimmt, und die Sehforschung am Hund ist seit 1995 nach eigener Einschätzung des Felds kaum vorangekommen.

Quellen

  • Beltran, W. A., Cideciyan, A. V., Guziewicz, K. E., Iwabe, S., Swider, M., Scott, E. M., Savina, S. V., Ruthel, G., Stefano, F., Zhang, L., Zorger, R., Sumaroka, A., Jacobson, S. G., & Aguirre, G. D. (2014). Canine retina has a primate fovea-like bouquet of cone photoreceptors which is affected by inherited macular degenerations. PLOS ONE, 9(3), e90395. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0090395
  • Byosiere, S. E., Chouinard, P. A., Howell, T. J., & Bennett, P. C. (2018). What do dogs (Canis familiaris) see? A review of vision in dogs and implications for cognition research. Psychonomic Bulletin & Review, 25(5), 1798–1813. https://doi.org/10.3758/s13423-017-1404-7
  • Kasparson, A. A., Badridze, J., & Maximov, V. V. (2013). Colour cues proved to be more informative for dogs than brightness. Proceedings of the Royal Society B, 280(1766), 20131356. https://doi.org/10.1098/rspb.2013.1356
  • Miller, P. E., & Murphy, C. J. (1995). Vision in dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association, 207(12), 1623–1634. (Für diese Arbeit wurde kein DOI vergeben.)
  • Neitz, J., Geist, T., & Jacobs, G. H. (1989). Color vision in the dog. Visual Neuroscience, 3(2), 119–125. https://doi.org/10.1017/S0952523800004430
  • Ollivier, F. J., Samuelson, D. A., Brooks, D. E., Lewis, P. A., Kallberg, M. E., & Komáromy, A. M. (2004). Comparative morphology of the tapetum lucidum (among selected species). Veterinary Ophthalmology, 7(1), 11–22. https://doi.org/10.1111/j.1463-5224.2004.00318.x
  • Pretterer, G., Bubna-Littitz, H., Windischbauer, G., Gabler, C., & Griebel, U. (2004). Brightness discrimination in the dog. Journal of Vision, 4(3), 10. https://doi.org/10.1167/4.3.10
  • Siniscalchi, M., d'Ingeo, S., Fornelli, S., & Quaranta, A. (2017). Are dogs red–green colour blind? Royal Society Open Science, 4(11), 170869. https://doi.org/10.1098/rsos.170869

Häufige Fragen zur Nachtsicht der Hunde

Können Hunde bei schwachem Licht besser sehen als Menschen?

Ja. Hunde sind durch eine hohe Anzahl lichtempfindlicher Stäbchenzellen, das Tapetum lucidum und weitere Anpassungen des Auges sehr gut an Dämmerung und schwaches Licht angepasst. Dadurch können sie geringe Lichtmengen besser nutzen als Menschen.

Warum leuchten Hundeaugen im Dunkeln?

Hinter der Netzhaut befindet sich eine reflektierende Schicht namens Tapetum lucidum. Sie sorgt dafür, dass ein Teil des Lichts erneut durch die Netzhaut läuft und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit einer Reizaufnahme. Gleichzeitig verursacht sie das typische Leuchten der Hundeaugen im Scheinwerfer- oder Taschenlampenlicht.

Sehen Hunde Farben wie Menschen?

Nein. Hunde sehen dichromatisch und können vor allem Blau- und Gelbtöne unterscheiden. Rot- und Grüntöne können sie deutlich schlechter unterscheiden und nehmen sie eher als ähnliche Grau- oder Brauntöne wahr.

Können Katzen besser im Dunkeln sehen als Hunde?

Katzen sind noch stärker an sehr geringe Lichtmengen angepasst und besitzen unter anderem ein besonders ausgeprägtes Tapetum lucidum. Hunde gleichen ihre etwas geringere Spezialisierung durch gute Bewegungserkennung und die Kombination mit Geruchssinn und Gehör aus.

Wie orientieren sich Hunde bei völliger Dunkelheit?

Bei vollständiger Dunkelheit kann auch ein Hundeauge keine Bilder erzeugen. Dann verlassen sich Hunde stärker auf andere Sinne wie Geruch und Gehör, um ihre Umgebung wahrzunehmen und sich zu orientieren.

Blogbeitrag: Nachtsicht der Hunde

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