Verhaltensflexibilität beim Hund: Warum Anpassungsfähigkeit über den Trainingserfolg entscheidet
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 16. Juni
- 14 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Juli
Kurz zusammengefasst
Verhaltensflexibilität – die Fähigkeit, erlerntes Verhalten anzupassen, wenn sich die Bedingungen ändern – ist eine der wichtigsten und zugleich am wenigsten beachteten kognitiven Grundlagen des Hundetrainings. Sie zeigt sich in vielen Formen: einer erlernten Kontingenz zu widerstehen, wenn sie nicht mehr gilt (Reversal Learning, Extinktion), Gelerntes angemessen zu verallgemeinern und neue Probleme flexibel zu lösen. Diese Fähigkeiten beruhen auf Lernmechanismen wie der Vorhersagefehler-Verarbeitung (Schultz et al., 1997) und auf exekutiven Funktionen, die mit dem präfrontalen Kortex assoziiert werden.
Wichtig einzuordnen: Verhaltensflexibilität ist kein fester Wesenszug, sondern variiert stark – mit dem Alter (Piotti et al., 2018; Wallis et al., 2016; Van Bourg et al., 2021), dem Individuum, dem emotionalen Zustand und dem Kontext. Ein erheblicher Teil der neurobiologischen Details stammt aus Forschung an anderen Arten oder aus Laborsettings und ist auf den einzelnen Familienhund nur mit Vorsicht übertragbar. Und: Reduzierte Flexibilität ist unspezifisch – sie kann altersbedingt, stress-, angst- oder erregungsbedingt sein, weshalb Beobachtung allein selten die Ursache verrät. Praktisch am folgenreichsten: Wer flexibel bleiben soll, muss unter der Erregungsschwelle bleiben – hohe Erregung, Angst und Stress verengen das Verhaltensrepertoire, unabhängig von der zugrundeliegenden kognitiven Kapazität.
Eine ausführlichere englischsprachige Aufarbeitung findest du in unserem Research-Artikel: Behavioral Flexibility in Dogs (englisch).

Einleitung
Wenn Menschen über gut trainierte Hunde sprechen, meinen sie oft Zuverlässigkeit: Der Hund sitzt, wenn man „Sitz" sagt, kommt beim Rückruf, bleibt an lockerer Leine. Doch ein Merkmal, das gut funktionierende Mensch-Hund-Teams von solchen unterscheidet, die im Alltag immer wieder scheitern, ist selten die reine Zuverlässigkeit einzelner Signale. Es ist die Fähigkeit des Hundes, sein Verhalten anzupassen, wenn sich die Situation ändert – Verhaltensflexibilität.
Verhaltensflexibilität beschreibt die Fähigkeit eines Organismus, erworbene Verhaltensmuster zu modifizieren, zu unterdrücken oder zu ersetzen, wenn sich Umweltbedingungen, Kontingenzen oder Ziele verändern. Sie ist das kognitive Gegenstück zur Starrheit: die Kapazität, nicht auf einer einmal gelernten Strategie zu beharren, wenn diese nicht mehr funktioniert. Für das Zusammenleben mit Menschen – eine Umgebung, die ständig wechselnde Regeln, Kontexte und Anforderungen stellt – ist diese Fähigkeit von zentraler Bedeutung.
Dieser Artikel erklärt, was Verhaltensflexibilität ausmacht, welche Lern- und Gehirnmechanismen ihr zugrunde liegen, wie sie sich über die Lebensspanne verändert, was die Forschung zu flexibler Problemlösung bei Hunden zeigt – und was all das konkret für Training und Verhaltenstherapie bedeutet.
1. Was ist Verhaltensflexibilität?
Verhaltensflexibilität ist kein einzelnes Vermögen, sondern ein Bündel verwandter Fähigkeiten, die sich experimentell teilweise trennen lassen. Vier Komponenten sind besonders relevant.
Reversal Learning. Die Fähigkeit, eine erlernte Reiz-Belohnungs-Zuordnung umzukehren: Was zuvor belohnt wurde, wird es nicht mehr – und umgekehrt. Reversal-Aufgaben sind ein klassisches Maß für Flexibilität, weil sie erfordern, eine zuvor korrekte, jetzt aber falsche Reaktion aktiv zu unterdrücken. Perseveration – das Beharren auf der alten Reaktion – ist das Kennzeichen mangelnder Flexibilität.
Extinktion. Wenn ein zuvor verstärktes Verhalten keine Verstärkung mehr erhält, nimmt seine Häufigkeit typischerweise ab. Extinktion ist selbst eine Form von Flexibilität – der Hund passt sein Verhalten an eine veränderte Kontingenz an. Zugleich zeigt die Forschung, dass extingiertes Verhalten nicht gelöscht, sondern gehemmt wird und unter bestimmten Bedingungen zurückkehren kann.
Mehr dazu, warum gelöschtes Verhalten wiederkommt: Extinktion beim Hund: Warum gelöschtes Verhalten zurückkommt.
Generalisierung und Diskrimination. Flexibilität bedeutet auch, Gelerntes im richtigen Maß zu verallgemeinern: ähnliche Situationen ähnlich zu behandeln (Generalisierung), aber relevante Unterschiede zu erkennen (Diskrimination). Zu enge Generalisierung führt zu einem Hund, der ein Signal nur an einem Ort befolgt; zu breite Generalisierung zu einem, der nicht zwischen relevanten Kontexten unterscheidet.
Flexible Problemlösung. Die Fähigkeit, angesichts eines neuen Problems verschiedene Strategien zu erzeugen und zu wechseln, statt eine einzige, möglicherweise ungeeignete Strategie zu wiederholen.
Diese Komponenten hängen zusammen, sind aber nicht identisch – ein Hund kann in einer Reversal-Aufgabe stark und in einer neuartigen Problemlöseaufgabe schwach sein. Das ist einer der Gründe, warum „Flexibilität" nicht als einzelner, fester Wert behandelt werden sollte.
2. Lern- und Gehirnmechanismen
2.1 Vorhersagefehler als Motor der Anpassung
Verhaltensanpassung setzt voraus, dass das Gehirn registriert, wenn Erwartungen nicht mit der Realität übereinstimmen. Das Modell des Vorhersagefehlers (Schultz, Dayan & Montague, 1997) beschreibt genau diesen Mechanismus: Dopaminerge Neuronen signalisieren die Diskrepanz zwischen erwartetem und tatsächlichem Ergebnis. Ein positiver Vorhersagefehler (besser als erwartet) verstärkt das vorangegangene Verhalten; ein negativer (schlechter als erwartet) schwächt es.
Für Flexibilität ist das zentral: Wenn eine zuvor verlässliche Strategie plötzlich nicht mehr das erwartete Ergebnis liefert, erzeugt das einen negativen Vorhersagefehler – das Signal, das Verhalten anzupassen. Reversal Learning und Extinktion sind aus dieser Perspektive Prozesse, die durch anhaltende Vorhersagefehler angetrieben werden: Das System muss registrieren, dass sich die Kontingenz geändert hat, und darauf reagieren.
Mehr zum Mechanismus: Vorhersagefehler beim Hund: Wie Überraschung Lernen und Verhalten steuert.
2.2 Dopaminerge und serotonerge Beteiligung
Dopaminerge Systeme sind eng mit der Kodierung von Vorhersagefehlern und der Motivation zu zielgerichtetem Verhalten verknüpft und damit direkt an flexibler Anpassung beteiligt. Zugleich zeigt die breitere Neurowissenschaft, dass Flexibilität nicht auf ein einzelnes Neurotransmittersystem reduzierbar ist. Insbesondere legt die Neuformulierung der erlernten Hilflosigkeit (Maier & Seligman, 2016) nahe, dass serotonerge Aktivität im Hirnstamm unter anhaltendem, unkontrollierbarem Stress eine Standard-Passivität fördert, die aktives, exploratives und damit flexibles Verhalten unterdrückt – solange nicht präfrontale Schaltkreise Kontrolle detektieren und diese Passivität hemmen.
Das ist praktisch bedeutsam: Verhaltensflexibilität ist nicht nur eine Frage der kognitiven Kapazität, sondern auch des emotionalen und motivationalen Zustands. Ein gestresster, ängstlicher oder in Passivität verfallener Hund kann Flexibilität nicht zeigen, selbst wenn die zugrundeliegende Fähigkeit intakt ist.
Zur Neuformulierung der erlernten Hilflosigkeit: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund: Wenn Hunde aufgeben.
2.3 Präfrontaler Kortex und exekutive Funktionen
Verhaltensflexibilität – besonders in Reversal- und Set-Shifting-Aufgaben – wird in der Säugetierforschung eng mit exekutiven Funktionen und dem präfrontalen Kortex verknüpft. Zentral sind dabei Inhibitionsprozesse: die Fähigkeit, eine vorherrschende, aber nun unangemessene Reaktion aktiv zu unterdrücken. Perseveration – das Kennzeichen mangelnder Flexibilität – wird in dieser Literatur häufig als Versagen präfrontal vermittelter Inhibition interpretiert.
Für Hunde ist diese Zuordnung plausibel, aber überwiegend aus vergleichender Analogie und Läsions-/Bildgebungsforschung an anderen Arten abgeleitet; direkte kausale Nachweise beim Hund sind begrenzt. Näheres dazu in Abschnitt 5.
3. Alter und Verhaltensflexibilität
Eine der am besten dokumentierten Einflussgrößen auf Verhaltensflexibilität ist das Alter. Flexibilität – insbesondere Reversal Learning und Inhibition – gehört zu den kognitiven Domänen, die im Alter tendenziell früher und deutlicher nachlassen als etwa einfaches assoziatives Lernen.
3.1 Befunde aus der Alternsforschung
Wallis et al. (2016) testeten 95 Familien-Border-Collies im Alter von 5 Monaten bis 13 Jahren an einem Touchscreen-Apparat in vier Aufgaben (Bilddiskrimination, logisches Schlussfolgern durch Ausschluss, Gedächtnis). Die Beschränkung auf eine einzige Rasse diente dazu, unterschiedliche Entwicklungs- und Alterungsgeschwindigkeiten verschiedener Rassen auszuschließen. Die Befunde zeigten altersbezogene Unterschiede über mehrere kognitive Domänen hinweg – jüngere Hunde lernten in mehreren Aufgaben schneller, wobei die Muster je nach Aufgabentyp variierten.
Piotti et al. (2018) testeten 107 mittelgroße bis große Familienhunde und verglichen jüngere (2,5–6,5 Jahre) mit älteren (8–14,5 Jahren) in räumlichen Diskriminations- und Reversal-Aufgaben, die in einer einzigen Sitzung durchführbar waren. Jüngere Hunde lernten in beiden Aufgaben signifikant schneller als ältere. Ein bemerkenswerter Zusatzbefund: Beim Reversal Learning lernten Hunde, die auf die Position der Reize trainiert wurden, schneller als solche, die auf Reizmerkmale trainiert wurden – die meisten alten Hunde erreichten das Kriterium bei merkmalsbasiertem Training gar nicht innerhalb der Grenze. Positionsbasierte Aufgaben sind demnach für Reversal-Tests mit älteren Hunden besser geeignet.
3.2 Alter sagt nicht alles – intermittierende Schübe
Eine wichtige Verfeinerung liefert eine Studie zu seriellem Reversal Learning: Van Bourg, Gunter und Wynne (2021) setzten 80 Familienhunde einem räumlichen seriellen Reversal-Test aus (Wahl zwischen zwei identischen Boxen, wobei die belohnte Box nach je drei korrekten Wahlen wechselte). Mittelalte Hunde schnitten insgesamt am besten ab. Entscheidend: Das Alter sagte nicht unmittelbar vorher, wie häufig ein Hund die wechselnde Belohnungskontingenz überhaupt erlernte – aber sowohl ältere als auch jüngere Hunde zeigten längere Phasen perseverativer Fehler. Die Autoren schlossen daraus, dass altersbedingte kognitive Defizite bei Hunden möglicherweise besser durch intermittierende „Schübe" schwerer kognitiver Dysfunktion charakterisiert werden als durch ein zeitlich gleichmäßiges Defizit – und empfahlen, künftige Tests auf die Variabilität innerhalb eines Individuums auszurichten.
Die praktische Konsequenz: Nachlassende Flexibilität im Alter ist kein linearer, konstanter Prozess. Ein Hund kann phasenweise gut anpassungsfähig wirken und dann Phasen ausgeprägter Perseveration zeigen. Das sollte Erwartungen an Konsistenz prägen – gerade bei älteren Hunden.
3.3 Wichtige Einschränkungen
Diese Befunde sind wertvoll, haben aber Grenzen. Reversal- und Diskriminationsaufgaben messen spezifische, eng definierte Facetten von Flexibilität unter kontrollierten Bedingungen; ihre Übertragung auf die Alltagsflexibilität eines Hundes im Wohnzimmer, auf dem Spaziergang oder in einer sozialen Begegnung ist eine Extrapolation, keine direkte Messung. Zudem stammen mehrere zentrale Studien aus wenigen Forschungsgruppen und teils aus einzelnen Rassen (Wallis et al., 2016: Border Collies) – die Generalisierbarkeit über Rassen, Populationen und Kontexte hinweg ist nur begrenzt geprüft.
4. Flexible Problemlösung und physische Kognition
Ein verwandter, aber unterscheidbarer Bereich betrifft die Fähigkeit von Hunden, physische Probleme flexibel zu lösen – und hier ist die Befundlage aufschlussreich differenziert.
4.1 Das Beispiel der Mittel-Zweck-Aufgaben
Frühe Studien mit Schnurzieh-Aufgaben fanden, dass Hunde eher schlecht abschnitten und stattdessen eine einfache Nähe-Regel anzuwenden schienen: Sie zogen an der Schnur, deren Ende der Belohnung am nächsten lag, unabhängig davon, ob diese Schnur tatsächlich mit der Belohnung verbunden war. Das führte zu der Deutung, dass Hunde im physischen Bereich – anders als im sozial-kommunikativen – nur begrenzte Fähigkeiten zeigen.
Range, Hentrup und Virányi (2011) fanden jedoch, dass Hunde ein verwandtes „Stützproblem" lösen konnten: In einer „On/Off"-Aufgabe wählten 32 Hunde zwischen einem Brett mit einer Belohnung darauf und einem Brett mit einer Belohnung daneben – und zogen das richtige Brett überzufällig häufig, sogar dann, wenn die zugängliche Belohnung auf dem Brett weiter entfernt lag als die unzugängliche daneben. Das spricht dafür, dass Hunde unter geeigneten Bedingungen mehr als eine simple Nähe-Regel nutzen können.
Nachfolgende Arbeiten präzisierten das Bild. Riemer et al. (2013) testeten 34 Border Collies in Schnurzieh-Aufgaben und zeigten, dass Hunde lernen können, auf die Verbindung (Konnektivität) zu achten, statt nur auf Nähe. Müller et al. (2014) fanden, dass Hunde das Stützproblem auf Basis wahrnehmbarer Hinweisreize lösen. Zusammengenommen zeigen diese Studien: Die Leistung von Hunden bei physischen Problemen ist sensibel für spezifische Wahrnehmungs- und Aufgabenmerkmale – Hunde gelingen manchmal durch Beachtung der Verbindung, fallen manchmal aber auf nähebasierte Strategien zurück, je nachdem, wie die Aufgabe gestaltet ist. Flexibilität ist hier also nicht einfach vorhanden oder abwesend, sondern kontext- und aufgabensensitiv.
4.2 Die „unlösbare Aufgabe" und der Blick zum Menschen
Ein besonders aufschlussreiches Paradigma ist die „unlösbare Aufgabe": Ein Hund arbeitet zunächst an einer lösbaren Aufgabe (z. B. Futter aus einem Behälter holen); dann wird die Aufgabe unlösbar gemacht. Viele Hunde wechseln an diesem Punkt von eigenständigen Lösungsversuchen zu einem Blick zum Menschen – oft als „Hilfegesuch" oder soziale Rückversicherung gedeutet. Eine methodenkritische Übersicht (Mendes, Resende & Savalli, 2021) zeigt allerdings, dass die Ergebnisse dieses Paradigmas stark von der konkreten Methodik abhängen und dass die Deutung des Menschenblicks als gezieltes „Hilfegesuch" mit Vorsicht zu behandeln ist.
Für Flexibilität ist relevant: Der Wechsel von eigenständigem Problemlösen zu sozialer Orientierung ist selbst eine Form der Strategieanpassung. Ob dieser Wechsel adaptiv ist, hängt vom Kontext ab – im Zusammenleben mit dem Menschen ist er es oft, in Situationen, die eigenständige Lösung erfordern, kann er die Persistenz reduzieren.
Mehr dazu, wie Hunde menschliche Kommunikation nutzen: Hund-Mensch-Kommunikation: Wie Hunde uns wirklich verstehen. Und zur Frage, was Hunde über ihr eigenes Wissen wissen: Metakognition bei Hunden.
4.3 Kognitiver Bias als Fenster in den Zustand
Verhaltensflexibilität wird nicht nur durch kognitive Kapazität, sondern durch den affektiven Zustand moduliert. Das Paradigma des kognitiven Bias macht das messbar: Hunde werden trainiert, zwei Reize (z. B. Näpfe an unterschiedlichen Positionen) mit positivem bzw. negativem Ergebnis zu assoziieren, und dann mit mehrdeutigen Zwischenreizen getestet. Wie schnell und „optimistisch" ein Hund sich einem mehrdeutigen Reiz nähert, gilt als Indikator seines zugrundeliegenden affektiven Zustands.
Mendl et al. (2010) fanden, dass Hunde mit ausgeprägterem trennungsbedingtem Verhalten eher einen „pessimistischen" kognitiven Bias zeigten – sie behandelten mehrdeutige Reize eher so, als sagten sie ein negatives Ergebnis voraus. Das illustriert, dass affektive Zustände die Informationsverarbeitung – und damit die Bereitschaft zu explorierendem, flexiblem Verhalten – direkt beeinflussen.
Zum Umgang mit Trennungsstress und Angst: Angst beim Hund: Darf man trösten?.
5. Neurobiologische Grundlagen im Detail
5.1 Exekutive Funktionen und Inhibition
Verhaltensflexibilität, wie sie in Reversal- und Set-Shifting-Aufgaben gemessen wird, ist in der Säugetierforschung robust mit dem präfrontalen Kortex und exekutiven Funktionen verknüpft – insbesondere mit inhibitorischer Kontrolle, der Fähigkeit, eine vorherrschende, aber unangemessene Reaktion zu unterdrücken. Perseveration wird in dieser Literatur als Kennzeichen beeinträchtigter präfrontaler Inhibition interpretiert.
Für Hunde ist diese Zuordnung theoretisch gut begründet und mit dem Verhaltensbild (Perseveration bei alternden Hunden; Van Bourg et al., 2021) konsistent, beruht aber überwiegend auf vergleichender Analogie und Bildgebungs-/Läsionsforschung an anderen Arten. Direkte kausale Nachweise der spezifischen präfrontalen Schaltkreise beim Hund sind gegenwärtig begrenzt.
Zur Rolle des präfrontalen Kortex bei Selbstkontrolle: unser englischsprachiger Research-Artikel Prefrontal Cortex and Canine Self-Control (englisch).
5.2 Neuroplastizität und Erfahrung
Flexibilität ist keine feste Größe, sondern erfahrungsabhängig. Die zugrundeliegenden Schaltkreise sind plastisch – wiederholte Erfahrungen, in denen Verhaltensanpassung erfolgreich zu besseren Ergebnissen führt, können die Bereitschaft und Fähigkeit zu künftiger Flexibilität stärken. Umgekehrt können Umgebungen, die konsistent Starrheit belohnen oder Anpassung bestrafen, Flexibilität untergraben. Das ist die neurobiologische Grundlage dafür, warum frühe Erfahrung und die Art des Trainings die spätere Anpassungsfähigkeit prägen (siehe Abschnitt 7–8).
5.3 Erregung und die Verengung des Repertoires
Ein durchgängiges Prinzip: Hohe Erregung – ob durch Angst, Frustration, starke Aufregung oder Stress – verengt das verfügbare Verhaltensrepertoire. Unter hoher Erregung greifen Organismen tendenziell auf gut eingeübte, vorherrschende Reaktionen zurück und verlieren den Zugang zu flexiblerem, exploratorischem Verhalten. Das ist praktisch einer der wichtigsten Punkte des gesamten Themas: Ein Hund über seiner Erregungsschwelle kann Flexibilität nicht zeigen, unabhängig von seiner kognitiven Grundkapazität.
Zur Regulation von Erregung und dem Aufbau von Selbstkontrolle: Erregungsregulation beim Hund: Neurobiologie, Lernen und Selbstkontrolle.
6. Grenzen der Forschung und offene Fragen
6.1 Unspezifität der Indikatoren
Reduzierte Verhaltensflexibilität ist ein unspezifisches Signal. Perseveration, ein verengtes Repertoire oder das Scheitern an einer Reversal-Aufgabe können viele Ursachen haben: altersbedingte kognitive Veränderungen, Stress, Angst, hohe Erregung, Schmerz, sensorische Einschränkungen oder schlicht unzureichende Motivation. Aus der bloßen Beobachtung reduzierter Flexibilität lässt sich die Ursache selten sicher ableiten. Wie in verwandten Themenfeldern gilt: Das Konstrukt ist als Erklärungsrahmen wertvoller denn als Einzeldiagnose.
6.2 Übertragung aus Labor und anderen Arten
Ein großer Teil der mechanistischen Details – insbesondere zur präfrontalen und neurochemischen Grundlage – stammt aus Nagetier- und Primatenforschung oder aus kontrollierten Laborsettings. Die Übertragung auf den einzelnen Familienhund in seiner komplexen, variablen Alltagsumgebung ist eine Extrapolation. Vergleichende Studien mit Hunden existieren für einige Facetten (Reversal, Diskrimination, physische Kognition), aber ein integriertes, direkt am Hund geprüftes Modell der Verhaltensflexibilität fehlt.
6.3 Abgrenzung zur kognitiven Dysfunktion
Bei älteren Hunden überlappt reduzierte Flexibilität mit dem kognitiven Dysfunktionssyndrom (CDS, „Hundedemenz") – einem altersbedingten neurodegenerativen Zustand mit Parallelen zur Alzheimer-Erkrankung. Perseveration und beeinträchtigtes Reversal Learning gehören zu den Frühindikatoren, die in der CDS-Forschung genutzt werden (Van Bourg et al., 2021). Die Abgrenzung zwischen normaler altersbedingter Variabilität, stress-/angstbedingter Inflexibilität und beginnender neurodegenerativer Erkrankung ist klinisch anspruchsvoll und erfordert mehr als eine einzelne Verhaltensbeobachtung.
Mehr dazu in unserem englischsprachigen Research-Artikel: Cognitive Dysfunction Syndrome in Dogs (englisch).
7. Praktische Anwendung
7.1 Warum Flexibilität über den Trainingserfolg entscheidet
Viele Trainingsprobleme im Alltag sind im Kern Flexibilitätsprobleme. Ein Hund, der ein Signal nur in der Trainingsumgebung befolgt, hat ein Generalisierungsproblem. Ein Hund, der bei einer Änderung der Routine überfordert reagiert, hat Schwierigkeiten mit Anpassung. Ein Hund, der ein einmal etabliertes Verhalten stur zeigt, obwohl es nicht mehr funktioniert, perseveriert. In all diesen Fällen ist nicht die Zuverlässigkeit eines einzelnen Signals das Problem, sondern die Fähigkeit, Verhalten an veränderte Bedingungen anzupassen.
Daraus folgt ein Perspektivwechsel: Training sollte nicht nur einzelne, zuverlässige Reaktionen aufbauen, sondern die zugrundeliegende Anpassungsfähigkeit fördern.
7.2 Flexibilität aktiv aufbauen
Über Kontexte hinweg trainieren. Ein Verhalten an vielen verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten und mit unterschiedlichen Ablenkungen zu üben, baut angemessene Generalisierung auf – der Hund lernt, dass das Signal überall gilt, nicht nur an einem Ort.
Wahlmöglichkeiten und Problemlösen einbauen. Übungen, bei denen der Hund verschiedene Strategien ausprobieren und aus Ergebnissen lernen kann, fördern flexibles Problemlösen. Shaping – das schrittweise Formen von Verhalten durch Verstärkung von Annäherungen – ist besonders geeignet, weil es den Hund aktiv Verhalten erzeugen und anpassen lässt, statt nur vorgegebene Reaktionen abzurufen.
Ein guter Einstieg ins präzise, verstärkungsbasierte Formen: Einführung ins Clickertraining.
Änderungen graduell und vorhersehbar gestalten. Flexibilität wächst am besten, wenn Anpassung gelingt. Werden Anforderungen zu schnell oder zu unvorhersehbar geändert, steigt die Erregung – und damit sinkt die Fähigkeit zu flexiblem Verhalten. Kleine, bewältigbare Änderungen mit hoher Erfolgsquote bauen die Fähigkeit auf, mit größeren umzugehen.
Unter der Erregungsschwelle bleiben. Weil hohe Erregung das Repertoire verengt (Abschnitt 5.3), ist die Arbeit an der Erregungsregulation eine Voraussetzung für flexibles Verhalten – nicht ein separates Thema. Ein Hund, der lernen soll, in einer herausfordernden Situation flexibel zu reagieren, muss zunächst in dieser Situation regulierbar sein.
Das ist besonders relevant bei reaktivem Verhalten: Hundebegegnungen an der Leine: Warum dein Hund ausrastet.
7.3 Was Flexibilität untergräbt
Aversive, unvorhersehbare Methoden. Methoden, die Angst und hohe Erregung erzeugen – besonders unvorhersehbar oder schlecht getimt –, verengen das Repertoire und können, wie in der Literatur zur erlernten Hilflosigkeit beschrieben, Passivität statt Anpassung fördern.
Übermäßige Starrheit in der Umgebung. Eine völlig invariante, überstrukturierte Umgebung bietet wenig Gelegenheit, Anpassung zu üben. Vorhersehbarkeit in den Regeln (was zu welchem Ergebnis führt) ist wertvoll; Monotonie in den Erfahrungen kann Flexibilität dagegen einschränken.
Frühe Erfahrungsarmut. Die Sozialisationsphase prägt, wie bereitwillig ein Hund sich später auf Neues einlässt. Reichhaltige, positive frühe Erfahrungen legen die Grundlage für spätere Anpassungsfähigkeit.
Zur Bedeutung der frühen Phase: Sozialisation beim Welpen.
8. Flexibilität über die Lebensspanne unterstützen
8.1 Welpen und Junghunde
In der frühen Entwicklung geht es weniger darum, Flexibilität zu „trainieren", als darum, die Grundlage zu legen: vielfältige, positive Erfahrungen, die dem Hund beibringen, dass Neues sicher und bewältigbar ist, und die frühe Übung darin, verschiedene Strategien auszuprobieren.
8.2 Erwachsene Hunde
Bei erwachsenen Hunden lässt sich Flexibilität durch kontextübergreifendes Training, Problemlöseübungen und die schrittweise Erhöhung von Anforderungen gezielt fördern – immer unter Beachtung der Erregungsregulation.
8.3 Ältere Hunde
Angesichts der Befunde zu altersbedingtem Rückgang (Piotti et al., 2018; Wallis et al., 2016) und der intermittierenden „Schübe" perseverativer Fehler (Van Bourg et al., 2021) sind bei älteren Hunden angepasste Erwartungen und Methoden sinnvoll: positionsbasierte statt merkmalsbasierte Aufgaben, kürzere Einheiten, mehr Geduld mit Inkonsistenz und Aufmerksamkeit für mögliche Frühzeichen kognitiver Dysfunktion. Fortgesetzte geistige und körperliche Aktivität wird allgemein als unterstützend für kognitive Gesundheit im Alter diskutiert.
8.4 Emotionale Grundlage nicht vergessen
Über alle Lebensphasen hinweg gilt: Flexibilität setzt einen regulierbaren emotionalen Zustand voraus. Arbeit an Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Erregungsregulation ist keine Vorbedingung, die man „abhaken" kann, sondern eine dauerhafte Grundlage flexiblen Verhaltens.
8.5 Spiel als Übungsfeld für Flexibilität
Spiel bietet ein natürliches Übungsfeld: Es beinhaltet schnellen Wechsel zwischen Rollen und Strategien, das Ausprobieren von Verhaltensweisen ohne ernste Konsequenzen und das flexible Anpassen an einen Spielpartner. Gut reguliertes Spiel kann daher – neben seinem Eigenwert – zur Übung von Anpassungsfähigkeit beitragen.
Mehr zum Spielverhalten und seiner Bedeutung: Spielverhalten bei Hunden sowie unser englischsprachiger Research-Artikel The Neurobiology and Development of Play in Dogs (englisch).
Und weil soziales Lernen ebenfalls flexibles Verhalten erfordert und fördert: Soziales Lernen beim Hund.
Fazit
Verhaltensflexibilität ist eine der wichtigsten und zugleich am wenigsten sichtbaren Grundlagen eines gut funktionierenden Mensch-Hund-Teams. Sie entscheidet oft mehr über den Alltagserfolg als die Zuverlässigkeit einzelner Signale, weil das Leben mit Menschen ständige Anpassung verlangt.
Die Forschung zeigt: Flexibilität beruht auf Lernmechanismen wie der Vorhersagefehler-Verarbeitung und auf exekutiven, präfrontal assoziierten Funktionen. Sie variiert stark mit dem Alter, dem Individuum, dem Kontext und – besonders wichtig – dem emotionalen und Erregungszustand. Vieles, was wir über die neuronalen Details wissen, stammt aus anderen Arten oder aus dem Labor und ist auf den einzelnen Hund nur mit Vorsicht übertragbar. Reduzierte Flexibilität ist ein unspezifisches Signal, das viele Ursachen haben kann.
Für die Praxis folgt daraus eine klare Linie: Flexibilität lässt sich fördern – durch kontextübergreifendes Training, Problemlösen und Wahlmöglichkeiten, durch graduelle, vorhersehbare Veränderungen und vor allem durch die konsequente Beachtung der Erregungsregulation. Und sie lässt sich untergraben – durch aversive, unvorhersehbare Methoden, durch Erfahrungsarmut und durch Bedingungen, die Starrheit belohnen. Der vielleicht wichtigste Satz zum Mitnehmen: Ein Hund, der flexibel sein soll, muss sich zuerst sicher und reguliert fühlen.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick
Was Verhaltensflexibilität beim Hund ist: Die Fähigkeit, erlerntes Verhalten anzupassen, wenn sich Bedingungen ändern – umfasst Reversal Learning, Extinktion, angemessene Generalisierung und flexibles Problemlösen.
Worauf sie beruht: Auf Lernmechanismen wie der Vorhersagefehler-Verarbeitung (Schultz et al., 1997) und auf exekutiven, mit dem präfrontalen Kortex assoziierten Funktionen (Inhibition, Anti-Perseveration).
Wie sie variiert: Stark mit dem Alter (Piotti et al., 2018; Wallis et al., 2016) – wobei der Rückgang nicht linear ist, sondern in intermittierenden „Schüben" auftreten kann (Van Bourg et al., 2021) – sowie mit Individuum, Kontext und emotionalem Zustand.
Was die Forschung nicht zeigt: Reduzierte Flexibilität ist unspezifisch (Alter, Stress, Angst, Erregung, Schmerz kommen infrage); viele Mechanismen stammen aus anderen Arten/Laborsettings.
Fürs Training: Über Kontexte trainieren, Problemlösen und Wahl einbauen, Änderungen graduell gestalten – und vor allem unter der Erregungsschwelle bleiben. Flexibilität setzt einen regulierbaren Zustand voraus.
Quellen
Lern- und Gehirnmechanismen
Schultz, W., Dayan, P., & Montague, P. R. (1997). A neural substrate of prediction and reward. Science, 275(5306), 1593–1599. https://doi.org/10.1126/science.275.5306.1593
Maier, S. F., & Seligman, M. E. P. (2016). Learned helplessness at fifty: Insights from neuroscience. Psychological Review, 123(4), 349–367. https://doi.org/10.1037/rev0000033
Alter & Verhaltensflexibilität
Piotti, P., Szabó, D., Bognár, Z., Egerer, A., Hulsbosch, P., Carson, R. S., & Kubinyi, E. (2018). Effect of age on discrimination learning, reversal learning, and cognitive bias in family dogs. Learning & Behavior, 46(4), 537–553. https://doi.org/10.3758/s13420-018-0357-7
Wallis, L. J., Virányi, Z., Müller, C. A., Serisier, S., Huber, L., & Range, F. (2016). Aging effects on discrimination learning, logical reasoning and memory in pet dogs. Age, 38(1), 6. https://doi.org/10.1007/s11357-015-9866-x
Van Bourg, J., Gunter, L. M., & Wynne, C. D. L. (2021). A rapid serial reversal learning assessment for age-related cognitive deficits in pet dogs. Behavioural Processes, 186, 104375. https://doi.org/10.1016/j.beproc.2021.104375
Physische Kognition & flexible Problemlösung
Range, F., Hentrup, M., & Virányi, Z. (2011). Dogs are able to solve a means-end task. Animal Cognition, 14(4), 575–583. https://doi.org/10.1007/s10071-011-0394-5
Riemer, S., Müller, C., Range, F., & Huber, L. (2013). Dogs (Canis familiaris) can learn to attend to connectivity in string pulling tasks. Journal of Comparative Psychology, 127(1), 31–39. https://doi.org/10.1037/a0033202
Müller, C. A., Riemer, S., Range, F., & Huber, L. (2014). Dogs learn to solve the support problem based on perceptual cues. Animal Cognition, 17(5), 1071–1080. https://doi.org/10.1007/s10071-014-0739-y
Mendes, J. W. W., Resende, B., & Savalli, C. (2021). A review of the unsolvable task in dog communication and cognition: Comparing different methodologies. Animal Cognition, 24(5), 907–922. https://doi.org/10.1007/s10071-021-01501-8
Affektiver Zustand & kognitiver Bias
Mendl, M., Brooks, J., Basse, C., Burman, O., Paul, E., Blackwell, E., & Casey, R. (2010). Dogs showing separation-related behaviour exhibit a 'pessimistic' cognitive bias. Current Biology, 20(19), R839–R840. https://doi.org/10.1016/j.cub.2010.08.030

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