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Hund leckt ständig: Pfoten, Menschen, Gegenstände – was dahintersteckt

Lecken gehört zum normalen Hundeverhalten. Wenn dein Hund aber ständig Pfoten, Böden oder dich ableckt, steckt oft etwas dahinter. Was Studien zu Ursachen zeigen und was hilft.

Michael Sauerwein

Kurz zusammengefasst

Lecken ist für Hunde ein ganz normales Verhalten: zur Körperpflege, im Kontakt mit Menschen und anderen Hunden und als Teil der Körpersprache. Zum Problem wird es, wenn es deutlich mehr wird, sich nicht mehr unterbrechen lässt oder die Haut schädigt. Vier Dinge sind wichtig. Erstens: Hinter übermäßigem Lecken stecken häufig körperliche Ursachen wie Juckreiz, Schmerzen oder Magen-Darm-Erkrankungen; in einer kleinen Studie fanden sich bei 14 von 19 Hunden, die auffällig Oberflächen ableckten, Veränderungen im Magen-Darm-Trakt. Zweitens: Auch Wunden, die wie ein typisches Leckgranulom aussehen, können ganz andere Erkrankungen sein. Drittens: Verhaltensursachen wie Aufmerksamkeit, Unterforderung, Stress oder Zwangsverhalten sollten erst nach der tierärztlichen Abklärung angenommen werden. Viertens: Lefzenlecken ist kein eindeutiges Stresszeichen.

Dieser Beitrag zeigt, welches Lecken normal ist, welche Ursachen hinter ständigem Lecken stecken können, was du festhalten solltest, wann es schnell zum Tierarzt geht und was hilft.

Ein braun-weißer Hund liegt auf einem hellen Teppich im Wohnzimmer und leckt konzentriert an seiner Vorderpfote. Sein Kopf ist gesenkt, die Zunge deutlich sichtbar.

1. Lecken ist erst einmal normal

1.1 Körperpflege

Hunde pflegen sich mit der Zunge. Sie lecken sich nach dem Fressen die Schnauze, säubern nach dem Spaziergang die Pfoten, putzen den Genitalbereich oder lecken an einer kleinen Schramme. Das ist kurz, gezielt und hört von selbst wieder auf.

Aus der Praxis: Interessant wird es erst, wenn sich das Muster verändert: Das Lecken dauert länger, kommt häufiger, betrifft immer dieselbe Stelle oder hinterlässt Spuren.

1.2 Lecken am Menschen und an anderen Hunden

Viele Hunde lecken ihren Menschen Hände, Gesicht oder Beine ab, besonders bei der Begrüßung. Auch unter Hunden kommt Lecken vor, etwa an der Schnauze des anderen. In einer Pilotstudie zur Kommunikation zwischen Hunden war das Lecken an der Schnauze des anderen Hundes häufiger, wenn sich die Hunde kannten, während viele andere Beschwichtigungssignale häufiger gegenüber fremden Hunden auftraten (Mariti et al., 2017). Das ist eine beobachtende Pilotstudie mit 24 Hunden.

Aus der Praxis: Leckt dich dein Hund vor allem bei der Begrüßung und lässt er sich leicht umlenken, ist das meist soziales Verhalten.

1.3 Lefzenlecken als Signal: nur im Zusammenhang

Das kurze Lecken über die eigene Nase oder die Lefzen wird oft als Beschwichtigungs- oder Stresssignal beschrieben. Die Studienlage ist differenzierter. Firnkes et al. (2017) haben 116 Hunde in einem standardisierten Test beobachtet, in dem fremde Personen sich neutral, freundlich oder bedrohlich verhielten. Lefzenlecken und Wegschauen kamen in bedrohlichen und konfliktreichen Situationen häufiger vor, die Autorinnen und Autoren sehen darin mögliche Beschwichtigungssignale gegenüber Menschen. Gleichzeitig war Lefzenlecken ein häufiger Teil ganz normaler, freundlicher Begrüßung, und unter starker Bedrohung zeigten die Hunde diese Verhaltensweisen sogar seltener als in milderen Situationen.

In einem Experiment, in dem Hunde Bilder von Gesichtern betrachteten, leckten sie sich häufiger über das Maul, wenn sie negative statt positive Gesichtsausdrücke sahen, und häufiger bei Menschengesichtern als bei Hundegesichtern. Die dazu abgespielten Geräusche machten keinen Unterschied (Albuquerque et al., 2018). Die Autorinnen und Autoren deuten das als mögliche Reaktion auf emotionale Ausdrücke. Ob Lecken dabei ein Signal an andere ist, ein Ausdruck des eigenen Zustands oder beides, klärt die Studie nicht.

Für den Alltag heißt das: Ein einzelnes Lefzenlecken sagt wenig. Erst mit der Situation und weiteren Zeichen wie angespannter Haltung oder Erstarren ergibt sich ein Bild, und manchmal geht es schlicht um Futter.

👉 Körpersprache beim Hund

2. Wann Lecken zu viel ist

Eine feste Grenze, ab wie vielen Minuten am Tag Lecken krankhaft ist, gibt es nicht. Übersichtsarbeiten zu wiederholtem Verhalten beim Hund beschreiben eher ein Kontinuum von normaler Wiederholung bis zu einem Verhalten, das den Alltag des Hundes deutlich beeinträchtigt (Tynes & Sinn, 2014; Bowen & Fatjó, 2024).

Aus der Praxis: Folgende Anzeichen sprechen dafür, dass das Lecken genauer angeschaut werden sollte:

  • Das Lecken hat deutlich zugenommen oder ist plötzlich neu aufgetreten.
  • Es lässt sich schwer unterbrechen oder beginnt sofort wieder.
  • Es unterbricht andere Tätigkeiten wie Fressen, Spielen oder Schlafen, oder der Hund wacht nachts davon auf.
  • Es hinterlässt Spuren: nasses oder rotbraun verfärbtes Fell, gerötete, kahle oder offene Stellen.
  • Der Hund leckt Böden, Wände, Teppiche oder Möbel ausgiebig ab, ohne dass dort Futterreste sind.
  • Weitere Veränderungen kommen dazu, etwa Schmatzen, häufiges Schlucken, Grasfressen, Unruhe, verändertes Fressverhalten oder Lahmheit.

3. Zuerst die Medizin: körperliche Ursachen

Die wichtigste Regel bei ständigem Lecken lautet: erst den Körper abklären, dann das Verhalten deuten. Eine Übersichtsarbeit für Praktiker zu wiederholtem Verhalten bei Hunden und Katzen betont, dass körperliche Erkrankungen und Schmerzen häufig mit solchen Verhaltensweisen verwechselt werden und eine vollständige medizinische Untersuchung vor der Verhaltensdiagnose stehen sollte (Tynes & Sinn, 2014). Das ist eine erzählende Übersichtsarbeit ohne eigene Daten, die folgenden Beispiele zeigen aber, warum diese Reihenfolge sinnvoll ist.

3.1 Juckreiz und Allergien

Pfotenlecken ist ein typisches Zeichen für Juckreiz. In den Leitlinien zur Diagnose der atopischen Dermatitis, einer häufigen allergischen Hauterkrankung, werden übermäßiges Putzen und Lecken als Juckreizverhalten genannt, und die Pfoten und unteren Gliedmaßen gehören zu den am häufigsten betroffenen Stellen (Hensel et al., 2015). Die Diagnose ist dort eine klinische: Sie stützt sich auf typische Befunde und darauf, andere Ursachen mit ähnlichen Zeichen auszuschließen, etwa Flöhe, Milben oder Infektionen der Haut. Bei ganzjährigem Juckreiz oder gleichzeitigen Magen-Darm-Beschwerden gehört eine Ausschlussdiät dazu. Allergietests dienen laut den Leitlinien nicht dazu, die Diagnose zu stellen, sondern erst danach dazu, Allergene für eine Immuntherapie auszuwählen.

👉 Juckreiz beim Hund: Ursachen finden statt raten

3.2 Schmerzen

Wie wichtig Schmerzen für Verhaltensauffälligkeiten insgesamt sind, zeigt eine Übersichtsarbeit, in der erfahrene Fachleute 100 aktuelle Verhaltensfälle bei Hunden durchgesehen haben. Nach vorsichtiger Schätzung spielte bei etwa einem Drittel ein schmerzhafter Anteil eine Rolle (Mills et al., 2020). Das waren gemischte Verhaltensfälle, nicht speziell leckende Hunde. Die Zahl sagt also nicht, wie oft Schmerz hinter Lecken steckt, wohl aber, dass er mitgedacht werden sollte.

Aus der Praxis: Hunde lecken oft an Stellen, die wehtun, etwa an einem Gelenk, einer Verletzung zwischen den Zehen oder einer entzündeten Kralle. Leckt ein älterer Hund immer wieder an einem Handgelenk, Knie oder Sprunggelenk, ist Arthrose eine naheliegende Frage an die Tierarztpraxis. Achte darauf, ob er die Stelle schont oder steif aufsteht.

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3.3 Magen und Darm: wenn der Hund Böden und Gegenstände ableckt

Bécuwe-Bonnet et al. (2012) haben 19 Hunde, die wegen übermäßigen Leckens an Oberflächen vorgestellt wurden, und 10 gesunde Vergleichshunde gründlich untersucht, einschließlich einer vollständigen Magen-Darm-Diagnostik. Bei 14 der 19 leckenden Hunde fanden sich Veränderungen im Magen-Darm-Trakt, darunter entzündliche Veränderungen der Darmschleimhaut, eine verzögerte Magenentleerung, eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung, ein Fremdkörper im Magen und Giardien. Nach einer Behandlung entsprechend den Befunden besserte sich das Lecken bei mehr als der Hälfte der nachverfolgten Hunde deutlich.

Das ist eine kleine Studie aus einer Universitätsklinik, und die Behandlungsphase hatte keine Vergleichsgruppe. Sie zeigt nicht, dass Lecken an Oberflächen immer eine Magen-Darm-Ursache hat. Sie zeigt aber, dass es voreilig wäre, ein solches Verhalten ohne Untersuchung als reines Verhaltensproblem zu behandeln.

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3.4 Übelkeit

Aus der Praxis: Häufiges Lefzenlecken, Schmatzen, vermehrtes Schlucken, Speicheln, Grasfressen oder Unruhe, oft in den Stunden vor dem Erbrechen oder nachts, sind typische Hinweise auf Übelkeit.

3.5 Das Leckgranulom

Manche Hunde lecken eine Stelle, oft an der Vorderseite eines Vorderbeins oder an einem Hinterlauf, so lange, bis eine offene, verdickte Wunde entsteht. Diese akrale Leckdermatitis, auch Leckgranulom genannt, gilt oft als Verhaltensproblem. Eine Fallserie zeigt, warum das Aussehen allein keine Diagnose ist: Bei sechs Hunden mit Wunden, die wie eine typische akrale Leckdermatitis aussahen, stellten sich als Ursachen ein Lymphom, ein Metallstift aus einer früheren Knochenoperation, eine tiefe bakterielle Hautinfektion, ein Mastzelltumor, eine Leishmaniose und eine vermutete Pilzinfektion heraus (Denerolle et al., 2007).

Sechs Hunde sagen nichts darüber, wie häufig solche Ursachen sind. Die Botschaft ist trotzdem klar: Eine Leckwunde gehört tierärztlich untersucht.

4. Verhaltensursachen

Erst wenn körperliche Ursachen abgeklärt oder behandelt sind und das Lecken trotzdem bleibt, rücken Verhaltensursachen in den Vordergrund.

4.1 Aufmerksamkeit

Lecken kann durch die Reaktion des Menschen aufrechterhalten werden. Hall et al. (2015) haben bei fünf Hunden mit stereotypem oder zwanghaftem Verhalten systematisch geprüft, was das Verhalten aufrechterhält. Bei zwei Hunden waren es die Reaktionen der Halter, bei einem davon ging es um Lecken. Bei zwei anderen hielt allein die Bewegung von Licht das Verhalten aufrecht, ganz ohne soziale Folge. Wo die aufrechterhaltende Folge verändert wurde, ging das Verhalten bei allen drei so behandelten Hunden zurück. Das sind sehr wenige Hunde, aber derselbe Ablauf kann bei verschiedenen Hunden ganz unterschiedliche Gründe haben.

Aus der Praxis: Wenn dein Hund vor allem dann leckt, wenn du telefonierst, fernsiehst oder dich mit jemand anderem unterhältst, und du jedes Mal reagierst, auch nur mit „Lass das!“, kann genau diese Reaktion das Lecken lohnend machen.

4.2 Langeweile und Unterforderung

Ein Hund, der wenig zu tun hat, sucht sich Beschäftigung, und Lecken ist immer verfügbar. In einer Fragebogenstudie mit fast 4.500 finnischen Hunden war wiederholtes Verhalten häufiger bei Hunden, die wenig Bewegung bekamen und die ohne andere Hunde lebten (Sulkama et al., 2022). Dabei ging es um wiederholtes Verhalten insgesamt, nicht speziell um Lecken. Die Daten stammen aus Halterangaben und zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen.

Aus der Praxis: Lecken aus Langeweile tritt typischerweise in ruhigen Phasen auf, wenn der Hund allein liegt und nichts los ist, und lässt sich durch ein Angebot zum Schnüffeln oder Kauen gut unterbrechen.

4.3 Stress und Konflikt

Die Studien zum Lefzenlecken zeigen, dass kurzes Lecken in angespannten Situationen häufiger auftreten kann (Firnkes et al., 2017; Albuquerque et al., 2018). Über längeres Lecken am eigenen Körper sagen sie nichts.

Aus der Praxis: Auch ausgiebiges Lecken am eigenen Körper sehen wir häufig in Situationen, die für den Hund belastend sind. Typische Auslöser sind Alleinsein, Besuch, laute Geräusche, Konflikte mit anderen Hunden im Haushalt oder Veränderungen im Tagesablauf. Wenn das Lecken immer in denselben Situationen beginnt, ist das ein wichtiger Hinweis.

4.4 Zwangsverhalten

Bei einem kleinen Teil der Hunde wird Lecken zu einem Verhalten, das sich kaum noch unterbrechen lässt, viel Zeit einnimmt und die Haut schädigt. Dann sprechen Fachleute von Zwangsverhalten oder abnormal wiederholtem Verhalten. Eine klinische Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass solches Verhalten oft übersehen oder als harmlose Eigenart abgetan wird, und schlägt vor, körperliche, umweltbedingte und persönlichkeitsbezogene Faktoren getrennt zu bewerten (Bowen & Fatjó, 2024). Das realistische Ziel ist dabei oft, das Verhalten deutlich zu verringern, nicht, es vollständig zum Verschwinden zu bringen (Tynes & Sinn, 2014).

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5. Wie du die Ursachen auseinanderhältst

Aus der Praxis: Zu Hause kannst du keine Diagnose stellen, aber du kannst liefern, was in der Tierarztpraxis am meisten fehlt: genaue Beobachtungen aus dem Alltag.

5.1 Ein Leck-Tagebuch führen

Aus der Praxis: Notiere ein bis zwei Wochen lang jeden längeren Leckanfall mit wenigen Stichworten:

  • Wann: Uhrzeit, vor oder nach dem Fressen, nachts, nach dem Spaziergang.
  • Wo: welche Körperstelle oder welcher Gegenstand, in welchem Raum.
  • Wie lange: ungefähr, und ob es sich unterbrechen ließ.
  • Was vorher war: Alleinsein, Besuch, Geräusche, Spiel, Ruhe.
  • Was sonst auffällt: Kratzen, Schmatzen, Schlucken, Grasfressen, Erbrechen, Durchfall, Lahmen, Unruhe.

5.2 Videos machen

Aus der Praxis: Ein kurzes Video von einem typischen Leckanfall ist in der Praxis oft mehr wert als jede Beschreibung. Filme aus etwas Abstand, ohne einzugreifen. Fotografiere betroffene Hautstellen, bevor behandelt wird.

5.3 Muster, die Hinweise geben

Aus der Praxis: Diese Muster sind keine Beweise, aber gute Fragen. Vor allem Pfoten, dazu Kratzen und Knabbern, eher saisonal: Juckreiz. Immer dieselbe Stelle an einem Gelenk, dazu Steifheit oder Schonen: Schmerz. Böden und Gegenstände, dazu Schmatzen, Schlucken, Grasfressen oder nächtliche Unruhe: Magen und Darm. Vor allem, wenn du da bist und reagierst: Aufmerksamkeit. In ruhigen, ereignislosen Phasen: Unterforderung. In bestimmten belastenden Situationen: Stress.

6. Wann du schnell zum Tierarzt solltest

Aus der Praxis: Jedes deutlich vermehrte oder neue Lecken gehört abgeklärt. Zügig solltest du in diesen Fällen handeln:

  • Offene, nässende, blutende oder schnell größer werdende Stellen oder eine Wunde, die nicht abheilt.
  • Lahmheit, Schwellung oder deutliche Schmerzreaktion beim Anfassen.
  • Lecken an Böden oder Gegenständen zusammen mit Erbrechen, Durchfall, Appetitlosigkeit oder deutlicher Unruhe.
  • Häufiges Lecken am Genitalbereich oder After, besonders zusammen mit häufigem Harnabsatz, Pressen oder Rutschen auf dem Hinterteil.
  • Der Hund lässt sich nicht mehr unterbrechen oder verletzt sich selbst.

Aus der Praxis: Sofort, auch nachts, solltest du die Praxis oder den tierärztlichen Notdienst anrufen, wenn dein Hund heftig speichelt, schmatzt und würgt, ohne zu erbrechen, und dabei einen aufgeblähten Bauch hat oder sehr unruhig ist. Das kann auf eine Magendrehung hindeuten, die ein Notfall ist.

7. Was hilft

7.1 Die körperliche Ursache behandeln

Wird eine körperliche Ursache gefunden, ist ihre Behandlung der wichtigste Schritt. In der Studie zum Lecken an Oberflächen besserte sich das Lecken bei mehr als der Hälfte der nachverfolgten Hunde, nachdem die gefundene Magen-Darm-Erkrankung behandelt wurde (Bécuwe-Bonnet et al., 2012). Bei Juckreiz braucht die Abklärung oft Zeit, weil mehrere Ursachen nacheinander ausgeschlossen werden (Hensel et al., 2015).

Aus der Praxis: Führe das Leck-Tagebuch während der Behandlung weiter, so siehst du, ob sich etwas verändert.

7.2 Für Beschäftigung und Auslastung sorgen

Aus der Praxis: Gib deinem Hund regelmäßig Gelegenheit zu Tätigkeiten, die ihn zufrieden und ruhig machen: ausgiebiges Schnüffeln auf dem Spaziergang, Suchspiele mit Futter, Kauen an geeigneten Kauartikeln oder Lecken an einer bestrichenen Leckmatte. Kontrollierte Studien, die solche Angebote speziell gegen übermäßiges Lecken getestet haben, gibt es nicht. In den Fragebogendaten war wenig Bewegung mit mehr wiederholtem Verhalten verbunden (Sulkama et al., 2022), der Zusammenhang ist aber nicht als Ursache belegt.

7.3 Umlenken statt nur unterbrechen

Aus der Praxis: Wenn dein Hund zu lecken beginnt, biete ihm ruhig eine Alternative an, die er stattdessen tun kann, zum Beispiel einen Kauartikel, ein kleines Suchspiel oder ein Signal, das er gut kann und für das er belohnt wird. Wird das Lecken durch deine Aufmerksamkeit aufrechterhalten, hilft es, Zuwendung vor allem dann zu geben, wenn er gerade nicht leckt (Hall et al., 2015).

7.4 Nicht bestrafen

Schimpfen, Anstarren oder Wegstoßen können das Lecken im Moment stoppen. Die Frage ist, was dein Hund dabei lernt und um welchen Preis. Hat das Lecken eine körperliche Ursache, bleibt sie bestehen, und der Hund leckt vielleicht nur noch heimlich. Ist Stress beteiligt, kommt ein weiterer Stressor hinzu. Und auch eine negative Reaktion kann genau die Aufmerksamkeit sein, die das Verhalten aufrechterhält (Hall et al., 2015).

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7.5 Halskragen, Verband und Body nur nach Absprache

Aus der Praxis: Ein Halskragen, ein Verband, ein Schutzschuh oder ein Body können eine Wunde vor weiterem Lecken schützen und ihr Zeit zum Heilen geben. Sie behandeln aber nicht die Ursache, und falsch angelegt machen sie selbst Probleme, etwa Druckstellen oder Feuchtigkeit unter dem Verband. Setze sie deshalb nur nach Absprache mit deiner Tierarztpraxis ein. Das gilt auch für Sprays, Salben oder Bitterstoffe: Auf eine offene Stelle gehört nur, was tierärztlich empfohlen wurde.

8. Zur Reichweite

Zum Lecken beim Hund gibt es nur wenige gezielte Studien, und die meisten sind klein. Die Studie zu Magen-Darm-Erkrankungen (Bécuwe-Bonnet et al., 2012) umfasste 19 vorgestellte Hunde und 10 Vergleichshunde aus einer Universitätsklinik, ihre Behandlungsphase hatte keine Kontrollgruppe. Die Fallserie zum Leckgranulom (Denerolle et al., 2007) beschreibt sechs Hunde aus der Dermatologie und sagt nichts über Häufigkeiten. Die Studie von Hall et al. (2015) umfasste fünf Hunde. Die Schätzung zu Schmerzen (Mills et al., 2020) stammt aus gemischten Verhaltensfällen, nicht aus Hunden, die viel lecken.

Die Studien zum Lefzenlecken (Firnkes et al., 2017; Albuquerque et al., 2018; Mariti et al., 2017) sind beobachtend oder im Labor mit Bildern durchgeführt. Die finnischen Fragebogendaten (Sulkama et al., 2022) beruhen auf Halterangaben, betreffen wiederholtes Verhalten allgemein und zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Die Leitlinien zur atopischen Dermatitis (Hensel et al., 2015) und die Übersichtsarbeiten zu wiederholtem Verhalten (Tynes & Sinn, 2014; Bowen & Fatjó, 2024) fassen Fachwissen und klinische Erfahrung zusammen. Die Hinweise zu Übelkeit, zum Dokumentieren, zu Warnzeichen, zu Beschäftigung, Umlenken und Schutzmaßnahmen sind Praxiserfahrung und deshalb als solche gekennzeichnet.

9. Fazit

Lecken gehört zum normalen Hundeverhalten. Wird es aber deutlich mehr, betrifft immer dieselbe Stelle, richtet sich auf Böden und Gegenstände oder schädigt die Haut, steckt häufig etwas Körperliches dahinter. Verhaltensursachen gibt es, sie sollten aber erst nach der Abklärung angenommen werden.

Die drei Dinge, die den Unterschied machen:

Erst den Körper abklären. Juckreiz, Schmerz und Magen-Darm-Erkrankungen gehören vor jede Verhaltensdeutung.

Genau beobachten und festhalten. Wann, wo, wie lange und was vorher war, dazu Videos und Fotos.

Umlenken statt strafen. Beschäftigung, Alternativen und Belohnung für ruhige Momente, Schutzmaßnahmen nur nach tierärztlicher Absprache.

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Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zum ständigen Lecken beim Hund

Lefzenlecken hat keine feste Bedeutung. Es kam bei 116 Hunden in bedrohlichen Situationen häufiger vor, war aber auch Teil freundlicher Begrüßung (Firnkes et al., 2017).

Negative Gesichtsausdrücke gingen mit mehr Maullecken einher. Hunde leckten sich beim Betrachten negativer Gesichter häufiger über das Maul als bei positiven (Albuquerque et al., 2018).

Lecken an Oberflächen kann eine Magen-Darm-Ursache haben. Bei 14 von 19 Hunden, die auffällig Oberflächen ableckten, fanden sich Veränderungen im Magen-Darm-Trakt (Bécuwe-Bonnet et al., 2012).

Das Aussehen einer Leckwunde ist keine Diagnose. Hinter sechs scheinbar typischen Leckgranulomen steckten sechs verschiedene körperliche Erkrankungen (Denerolle et al., 2007).

Schmerz ist bei Verhaltensauffälligkeiten häufig beteiligt. In 100 durchgesehenen Verhaltensfällen spielte nach vorsichtiger Schätzung bei etwa einem Drittel ein schmerzhafter Anteil eine Rolle (Mills et al., 2020).

Was das Lecken aufrechterhält, ist von Hund zu Hund verschieden. Bei einigen Hunden war es die Reaktion der Halter, bei anderen nicht (Hall et al., 2015).

Quellen

  • Albuquerque, N., Guo, K., Wilkinson, A., Resende, B., & Mills, D. S. (2018). Mouth-licking by dogs as a response to emotional stimuli. Behavioural Processes, 146, 42–45. https://doi.org/10.1016/j.beproc.2017.11.006
  • Bécuwe-Bonnet, V., Bélanger, M.-C., Frank, D., Parent, J., & Hélie, P. (2012). Gastrointestinal disorders in dogs with excessive licking of surfaces. Journal of Veterinary Behavior, 7(4), 194–204. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2011.07.003
  • Bowen, J., & Fatjó, J. (2024). Repetitive behaviors in dogs. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice, 54(1), 71–85. https://doi.org/10.1016/j.cvsm.2023.09.003
  • Denerolle, P., White, S. D., Taylor, T. S., & Vandenabeele, S. I. J. (2007). Organic diseases mimicking acral lick dermatitis in six dogs. Journal of the American Animal Hospital Association, 43(4), 215–220. https://doi.org/10.5326/0430215
  • Firnkes, A., Bartels, A., Bidoli, E., & Erhard, M. (2017). Appeasement signals used by dogs during dog–human communication. Journal of Veterinary Behavior, 19, 35–44. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2016.12.012
  • Hall, N. J., Protopopova, A., & Wynne, C. D. L. (2015). The role of environmental and owner-provided consequences in canine stereotypy and compulsive behavior. Journal of Veterinary Behavior, 10(1), 24–35. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2014.10.005
  • Hensel, P., Santoro, D., Favrot, C., Hill, P., & Griffin, C. (2015). Canine atopic dermatitis: Detailed guidelines for diagnosis and allergen identification. BMC Veterinary Research, 11, Artikel 196. https://doi.org/10.1186/s12917-015-0515-5
  • Mariti, C., Falaschi, C., Zilocchi, M., Fatjó, J., Sighieri, C., Ogi, A., & Gazzano, A. (2017). Analysis of the intraspecific visual communication in the domestic dog (Canis familiaris): A pilot study on the case of calming signals. Journal of Veterinary Behavior, 18, 49–55. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2016.12.009
  • Mills, D. S., Demontigny-Bédard, I., Gruen, M., Klinck, M. P., McPeake, K. J., Barcelos, A. M., Hewison, L., Van Haevermaet, H., Denenberg, S., Hauser, H., Koch, C., Ballantyne, K., Wilson, C., Mathkari, C. V., Pounder, J., Garcia, E., Darder, P., Fatjó, J., & Levine, E. (2020). Pain and problem behavior in cats and dogs. Animals, 10(2), Artikel 318. https://doi.org/10.3390/ani10020318
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  • Tynes, V. V., & Sinn, L. (2014). Abnormal repetitive behaviors in dogs and cats: A guide for practitioners. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice, 44(3), 543–564. https://doi.org/10.1016/j.cvsm.2014.01.011

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Untersuchung und keine individuelle Beratung. Wenn dein Hund deutlich mehr leckt als früher, offene Stellen hat, lahmt oder zusätzlich Magen-Darm-Beschwerden zeigt, lass ihn tierärztlich untersuchen.

Häufige Fragen zum ständigen Lecken beim Hund

Ursachen, Tierarzt und Alltag

Warum leckt mein Hund ständig seine Pfoten?

Häufige Gründe sind Juckreiz, etwa durch Allergien, Parasiten oder Hautinfektionen, aber auch Schmerzen oder eine Verletzung zwischen den Zehen. Seltener stecken Langeweile oder Stress dahinter. Leckt dein Hund die Pfoten deutlich mehr als früher oder ist das Fell dort verfärbt oder die Haut gerötet, lass das tierärztlich abklären.

Warum leckt mein Hund den Boden, Teppiche oder Möbel ab?

Das kann ein Hinweis auf Beschwerden im Magen-Darm-Trakt sein. In einer kleinen Studie fanden sich bei 14 von 19 Hunden, die auffällig Oberflächen ableckten, entsprechende Veränderungen. Achte auf Schmatzen, Schlucken, Grasfressen oder nächtliche Unruhe und lass deinen Hund untersuchen, bevor du von einem Verhaltensproblem ausgehst.

Warum leckt mich mein Hund ständig ab?

Lecken am Menschen ist meist soziales Kontaktverhalten, besonders bei der Begrüßung. Es kann auch durch Aufmerksamkeit verstärkt werden, wenn du jedes Mal reagierst. Wenn es dich stört, biete ihm eine Alternative an und belohne ruhige Begrüßungen, statt ihn zu bestrafen.

Ist Lefzenlecken immer ein Stresszeichen?

Nein. In Studien kam Lefzenlecken in angespannten Situationen häufiger vor, war aber auch Teil ganz normaler, freundlicher Begrüßung. Es kann auch einfach mit Futter zu tun haben. Ein einzelnes Lecken sagt wenig, erst die Situation und weitere Körpersignale ergeben ein Bild.

Was ist ein Leckgranulom?

So nennt man eine verdickte, oft offene Wunde, meist an einem Bein, die durch ständiges Lecken entsteht oder unterhalten wird. Sie wird oft als Verhaltensproblem gesehen, kann aber auch durch Infektionen, Tumoren oder andere Erkrankungen bedingt sein. Deshalb gehört jede solche Wunde tierärztlich untersucht.

Wann muss ich mit meinem leckenden Hund zum Tierarzt?

Grundsätzlich bei jedem deutlich vermehrten oder neu aufgetretenen Lecken. Zügig bei offenen oder blutenden Stellen, Lahmheit, Erbrechen, Durchfall oder Appetitlosigkeit. Sofort beim Notdienst, wenn dein Hund heftig speichelt und würgt, ohne zu erbrechen, und dabei einen aufgeblähten Bauch hat oder sehr unruhig ist.

Darf ich meinen Hund fürs Lecken bestrafen?

Schimpfen kann das Lecken im Moment stoppen, die Ursache bleibt aber bestehen. Hat dein Hund Juckreiz oder Schmerzen, leckt er dann vielleicht nur heimlich weiter. Ist Stress beteiligt, kommt ein weiterer Stressor hinzu. Besser ist es, die Ursache abklären zu lassen, ihm Alternativen anzubieten und ruhige Momente zu belohnen.

Hilft ein Halskragen gegen das Lecken?

Ein Halskragen, Verband oder Body kann eine Wunde schützen und ihr Zeit zum Heilen geben, behandelt aber nicht die Ursache. Falsch eingesetzt kann er Druckstellen, Feuchtigkeit oder zusätzlichen Stress verursachen. Nutze solche Hilfsmittel deshalb nur nach Absprache mit deiner Tierarztpraxis.

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