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Viszeraler Schmerz beim Hund: Wenn das Verhaltensproblem im Bauch sitzt

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • vor 2 Tagen
  • 11 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Ein Hund leckt stundenlang Böden, Wände und Möbel. Das Verhalten sieht aus wie eine Zwangsstörung, wird als solche behandelt und spricht auf Verhaltenstherapie schlecht an.


Eine kanadische Arbeitsgruppe hat neunzehn solcher Hunde nicht verhaltenstherapeutisch, sondern internistisch abgeklärt — mit Blutbild, Ultraschall, Endoskopie und feingeweblicher Untersuchung von Gewebeproben aus dem Magen-Darm-Trakt. Vierzehn von neunzehn hatten eine Erkrankung des Verdauungstrakts (Bécuwe-Bonnet, Bélanger, Frank, Parent & Hélie, 2012).


Viszeraler Schmerz — also Schmerz aus den inneren Organen — gehört damit zu den am schwersten erkennbaren körperlichen Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten. Er erzeugt keine Lahmheit, keine Abwehr bei Berührung und keine lokalisierbare Empfindlichkeit. Was er erzeugt, sieht aus wie ein Verhaltensproblem.


Dieser Artikel behandelt die Besonderheiten viszeraler Schmerzverarbeitung, die vorliegenden Untersuchungen, die betroffenen Verhaltensbilder und die Konsequenzen für die Reihenfolge in der Fallbearbeitung.


Zum somatischen Schmerz als Vergleichsfall: Schmerz und Aggression beim Hund


Zur praktischen Erkennung von Schmerz: Schmerzerkennung beim Hund


Hund zeigt wiederkehrendes Leckverhalten während einer Verhaltensbeobachtung möglicher körperlicher Ursachen im Verdauungstrakt.

1. Was viszeraler Schmerz ist

1.1 Abgrenzung zum somatischen Schmerz

Somatischer Schmerz stammt aus Haut, Muskulatur, Gelenken und Knochen. Er ist gut lokalisierbar, wird durch Berührung oder Bewegung ausgelöst und lässt sich klinisch prüfen. Viszeraler Schmerz stammt aus den inneren Organen und verhält sich in fast jeder Hinsicht anders.


Auch die auslösenden Reize unterscheiden sich. Schneiden, Brennen und Quetschen — die klassischen Schmerzreize der Haut — erzeugen an inneren Organen kaum Schmerz. Was dort Schmerz erzeugt, sind Dehnung von Hohlorganen, Entzündung, Sauerstoffmangel und Zug am Aufhängeapparat. Ein Hund mit gedehntem Magen zeigt also keine Reaktion, die einem Menschen als Schmerz erkennbar wäre.


Hinzu kommt die zeitliche Struktur. Somatischer Schmerz folgt meist einem Auslöser; viszeraler Schmerz tritt in Wellen auf und wechselt mit beschwerdefreien Phasen. Damit entsteht genau das Muster wechselnder Tagesform, das in Verhaltensfällen so schwer einzuordnen ist.


1.2 Warum er schwer lokalisierbar ist

Innere Organe sind vergleichsweise spärlich mit Schmerzrezeptoren versorgt, und die vorhandenen sind großflächig und überlappend verschaltet. Zudem laufen viszerale und somatische Bahnen im Rückenmark zusammen — weshalb Organschmerz in eine Körperregion projiziert werden kann, die selbst gesund ist.


Beim Menschen ist dieses Phänomen als übertragener Schmerz gut beschrieben — der Herzinfarkt, der im linken Arm schmerzt, ist das bekannteste Beispiel. Beim Hund fehlt die entscheidende Informationsquelle, über die es beim Menschen erkannt wird: die Auskunft des Patienten.


Praktisch bedeutet das: Ein Hund kann bei Berührung am Rücken empfindlich reagieren, obwohl der Rücken gesund ist. Eine Untersuchung, die dieser Empfindlichkeit folgt, sucht dann am falschen Ort — und ein unauffälliger Befund dort wird als Ausschluss einer körperlichen Ursache gewertet.


1.3 Die Folge für die Erkennung

Aus beidem folgt, dass viszeraler Schmerz sich nicht als Schmerzverhalten zeigt, sondern als etwas anderes — Unruhe, veränderte Körperhaltung, verändertes Fress- und Leckverhalten, Rückzug. Genau diese Zeichen sind aber auch mit einer Vielzahl von Verhaltensursachen vereinbar.


Damit steht die Erkennung vor einem doppelten Problem: Die Zeichen sind unspezifisch, und sie schwanken. Beides zusammen erklärt, warum viszeraler Schmerz in Verhaltensfällen so zuverlässig durchfällt — er erfüllt keines der Kriterien, nach denen üblicherweise auf eine körperliche Ursache geschlossen wird.



Zur Erfassung von Verhaltensänderungen: Hundeverhalten messbar machen



2. Der Leitbefund

2.1 Die Untersuchung

Bécuwe-Bonnet und Kollegen untersuchten prospektiv, ob exzessives Lecken von Oberflächen — im Englischen als ELS abgekürzt — Ausdruck einer zugrundeliegenden Magen-Darm-Erkrankung sein kann statt eines primären Verhaltensproblems.


Neunzehn Hunde mit diesem Verhalten bildeten die Leckgruppe, zehn gesunde Hunde die Kontrollgruppe. Vor der internistischen Abklärung standen Verhaltensuntersuchung, körperliche und neurologische Untersuchung. Die Magen-Darm-Abklärung umfasste Laboruntersuchungen, Ultraschall, Endoskopie und die feingewebliche Untersuchung von Gewebeproben (Bécuwe-Bonnet et al., 2012).


Der Aufwand ist der eigentliche Wert dieser Arbeit. Eine oberflächliche Abklärung hätte einen erheblichen Teil der Befunde nicht gefunden.


Ebenso wichtig ist die Kontrollgruppe. Ohne sie ließe sich nicht beurteilen, ob die gefundenen Veränderungen bei Hunden dieser Altersgruppe ohnehin verbreitet sind. Zehn gesunde Hunde sind eine kleine Kontrolle — aber eine Kontrolle, und das unterscheidet die Arbeit von einer bloßen Fallserie.


2.2 Das Ergebnis

Bei vierzehn der neunzehn Hunde wurde eine Erkrankung des Verdauungstrakts diagnostiziert. Die Behandlung richtete sich nach dem jeweiligen Befund.


Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um eine Überweisungspopulation mit einem umschriebenen Vorstellungsgrund. Der Anteil sagt etwas über Hunde aus, die wegen exzessiven Leckens vorgestellt werden — nicht über Leckverhalten allgemein und nicht über Verhaltensprobleme insgesamt.


Die Einschränkung ist keine Formalie. Wer die Zahl aus dem Zusammenhang löst, kommt zu der Aussage, drei Viertel aller Verhaltensauffälligkeiten seien körperlich bedingt. Das steht nicht in der Arbeit und wäre durch sie auch nicht zu belegen.


2.3 Der Behandlungsverlauf

Nach Behandlungsbeginn wurden die Hunde über 90 Tage beobachtet und das Leckverhalten erfasst. Diese Nachbeobachtung ist methodisch entscheidend, weil sie die Frage beantwortet, auf die es ankommt: Verändert sich das Verhalten, wenn die körperliche Ursache behandelt wird?


Ohne diesen Schritt bliebe der Befund ein bloßer Zusammenhang. Magen-Darm-Veränderungen sind bei Hunden nicht selten; sie bei einem auffälligen Hund zu finden, beweist noch nichts. Erst die Veränderung nach Behandlung macht aus der Koinzidenz einen belastbaren Hinweis auf Ursächlichkeit.


Zur Frage, was Behandlungserfolg überhaupt anzeigt: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund



3. Fliegenschnappen

3.1 Die zweite Untersuchung

Dieselbe Arbeitsgruppe untersuchte sieben Hunde, die wegen Fliegenschnappen vorgestellt wurden — jenem plötzlichen Schnappen nach nicht vorhandenen Objekten, das üblicherweise als Zwangsverhalten oder als Anfallsgeschehen eingeordnet wird (Frank, Bélanger, Bécuwe-Bonnet & Parent, 2012).


Auch hier führte die Abklärung auf den Verdauungstrakt.


Das Fliegenschnappen ist als Beispiel besonders aufschlussreich, weil es das Verhaltensbild ist, bei dem eine körperliche Ursache am ehesten vermutet wird — allerdings im Gehirn. Die übliche Verdachtsdiagnose lautet fokaler Anfall, und die übliche Abklärung richtet sich entsprechend auf das Nervensystem.


Zur Abgrenzung neurologischer Veränderungen: Kognitive Dysfunktion (CDS) beim Hund


3.2 Die Parallele

Zwei unterschiedliche Verhaltensbilder, dieselbe Arbeitsgruppe, dasselbe Ergebnis. Das erhöht die Belastbarkeit, weil zwei unabhängige Vorstellungsgründe geprüft wurden — und es weist darauf hin, dass nicht das spezifische Verhalten entscheidend ist, sondern die Tatsache, dass es sich um wiederkehrende, stereotyp anmutende Muster handelt.


Zur Abgrenzung von Zwangsverhalten und Belastungsfolgen: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol verstehen und richtig messen



4. Weitere Verhaltensbilder

4.1 Grasfressen

Grasfressen wird häufig mit Magenbeschwerden in Verbindung gebracht. Die Datenlage dazu ist allerdings weniger eindeutig als die zum Oberflächenlecken — Grasfressen tritt auch bei gesunden Hunden regelmäßig auf und ist als Einzelzeichen wenig spezifisch.

Aussagekräftiger ist die Veränderung: Ein Hund, der plötzlich deutlich mehr frisst als zuvor, verhält sich anders als einer, der es immer getan hat.


Dieselbe Logik gilt für alle in diesem Abschnitt genannten Bilder. Nicht das Verhalten selbst ist der Hinweis, sondern seine Veränderung gegenüber dem, was für diesen Hund üblich war. Damit ist der Halter die wichtigste Informationsquelle — er ist der Einzige, der den Vergleichsmaßstab kennt.




4.2 Pica

Das Aufnehmen nicht essbarer Gegenstände hat mehrere mögliche medizinische Grundlagen — darunter Blutarmut, Nährstoffmangel, Verdauungsstörungen mit gestörter Aufnahme sowie Stoffwechselerkrankungen. Es ist damit ein weiteres Verhaltensbild, bei dem eine rein verhaltensbezogene Deutung zu kurz greifen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass Pica eigene Folgen hat — verschluckte Gegenstände können ihrerseits zu Beschwerden führen und damit einen Kreislauf erzeugen.


Zur Aggression als möglicher Begleiterscheinung: Aggression beim Hund: Ursachen und Auslöser verstehen


4.3 Die gemeinsame Logik

Allen genannten Bildern ist eines gemeinsam: Es handelt sich um Verhalten, das auf den Verdauungstrakt gerichtet ist oder ihn betrifft — Lecken, Schlucken, Aufnehmen. Das ist kein Zufall, sondern der plausibelste Ansatzpunkt für die Suche.


Ein Hund mit Bauchschmerz kann diese nicht mitteilen. Was er tun kann, ist Verhalten zeigen, das mit dem Verdauungstrakt zu tun hat.


Ob dieses Verhalten eine Funktion hat, ist eine offene und interessante Frage. Denkbar wäre, dass Lecken und Schlucken die Speichelproduktion anregen und damit Säure neutralisieren — ein Vorgang, der beim Menschen bei Reflux beschrieben ist. Das wäre dann kein sinnloses Zwangsverhalten, sondern ein Bewältigungsversuch.


Belegt ist das beim Hund nicht. Es ist eine Hypothese, die zu den Befunden passt.



5. Warum es als Verhaltensproblem erscheint

5.1 Das Zwangsverhaltens-Etikett

Wiederkehrende, stereotyp wirkende Verhaltensmuster ohne erkennbaren Zweck werden in der Verhaltensmedizin als Zwangsverhalten eingeordnet. Diese Zuordnung ist beschreibend und sagt nichts über die Ursache — sie wird in der Praxis aber häufig als Ursachenzuweisung behandelt.


Damit ist die Suche beendet, bevor sie begonnen hat: Wer ein Zwangsverhalten diagnostiziert, behandelt Verhalten.


Verschärft wird das durch die Plausibilität der Erklärung. Stereotypien gelten als Folge von Belastung, Reizarmut oder Konflikt — alles Faktoren, die sich in fast jeder Hundehaltung finden lassen, wenn man danach sucht. Eine Erklärung, die immer verfügbar ist, hat den Nachteil, nie widerlegt zu werden.


Zur Belastung als konkurrierender Erklärung: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle


Zur Trennung von Beschreibung und Erklärung: Temperament und Coping-Stile beim Hund


5.2 Die Behandlungsfolge

Aus der Fehlzuordnung folgt eine Behandlung, die im günstigen Fall wirkungslos bleibt. Im ungünstigen Fall verschlechtert sie die Lage — etwa wenn das Verhalten unterbunden wird, ohne dass die Ursache entfällt.


Zur Verhaltensunterdrückung als Fehldeutung von Erfolg: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund


5.3 Die Humanparallele

In der Humanmedizin gibt es ein anschauliches Gegenstück: ein Syndrom bei Säuglingen und nicht sprechenden Kindern, bei dem eine Refluxerkrankung ungewöhnliche Bewegungsmuster auslöst — Überstrecken des Rückens und Halses über mehrere Minuten. Die Bewegungen verschwinden, wenn der Reflux behandelt wird.


Die Parallele ist instruktiv, weil sie dieselbe Konstellation zeigt: ein Patient, der Schmerz nicht mitteilen kann, ein auffälliges Bewegungsmuster, und eine Ursache in einem inneren Organ.


Bemerkenswert ist auch die Geschichte dieser Diagnose beim Menschen: Die Bewegungsmuster wurden zunächst als neurologisch oder als Verhaltensstörung eingeordnet, bevor der Zusammenhang mit dem Reflux erkannt wurde. Der Fehlweg war derselbe, den die Hundemedizin bei den hier behandelten Bildern nimmt.



6. Wie Verhalten und Organ zusammenhängen

6.1 Die Verbindung über den Vagusnerv

Der Vagusnerv verbindet den Verdauungstrakt mit dem Hirnstamm und leitet Information in beide Richtungen. Über ihn lässt sich plausibel erklären, wie Zustände im Bauchraum motorische und Verhaltensmuster beeinflussen können, ohne dass eine bewusste Schmerzwahrnehmung vorliegen müsste.


Der überwiegende Teil der Fasern läuft dabei vom Bauchraum zum Gehirn, nicht umgekehrt. Der Verdauungstrakt ist also weniger ein Empfänger von Signalen als ein Sender — was erklärt, warum sein Zustand das Verhalten beeinflussen kann, ohne dass eine willentliche Beteiligung nötig wäre.


Zur Darm-Hirn-Verbindung als eigenständigem Thema: Darm-Hirn-Achse beim Hund


6.2 Grenzen der Erklärung

Was die vorliegenden Untersuchungen zeigen, ist ein Zusammenhang zwischen Verhalten und Befund sowie eine Veränderung nach Behandlung. Der Mechanismus dazwischen ist damit nicht bewiesen.


Denkbar sind mehrere Wege: unmittelbare Schmerzäußerung, gelernte Selbstberuhigung, ein reflexartig ausgelöstes Muster. Welcher zutrifft, ist nicht entschieden — für die praktische Konsequenz allerdings zweitrangig.


Für die Praxis folgt daraus allerdings ein konkreter Punkt: Wenn ein gelernter Anteil beteiligt ist, verschwindet das Verhalten nach erfolgreicher Behandlung nicht vollständig — und das darf nicht als Widerlegung der körperlichen Ursache gewertet werden.


Zur Neurochemie und ihren Messgrenzen: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen



7. Praktische Konsequenzen

7.1 Wann internistisch abgeklärt werden sollte

Keiner der folgenden Punkte belegt eine körperliche Ursache. Gemeinsam beschreiben sie Konstellationen, in denen eine internistische Abklärung vor der Verhaltensarbeit stehen sollte: wiederkehrende, stereotyp wirkende Muster mit Bezug zum Verdauungstrakt; plötzlicher Beginn ohne erkennbaren Auslöser; Auftreten in zeitlichem Zusammenhang mit Fütterung; begleitende Zeichen wie Schmatzen, Schlucken, Aufstoßen, verändertes Fressverhalten; und ausbleibendes Ansprechen auf ein fachlich passendes Vorgehen.


Ein zusätzlicher Hinweis ergibt sich aus der zeitlichen Struktur. Wo Beschwerden in Wellen auftreten, sollte auch das Verhalten in Wellen auftreten — und zwar unabhängig von den äußeren Umständen. Ein Halterprotokoll über zwei Wochen, das Zeitpunkt, Dauer und Zusammenhang mit Fütterung erfasst, kostet nichts und liefert genau diese Information.


Zur Deutung begleitender Zeichen: Warnsignale beim Hund


Zur Erfassung über die Zeit: Hundeverhalten messbar machen


7.2 Was die Abklärung umfassen muss

Hier liegt die praktisch wichtigste Einschränkung. In der zitierten Untersuchung wurden Blutbild, Ultraschall, Endoskopie und feingewebliche Untersuchung eingesetzt. Ein Teil der Befunde ist ohne Gewebeprobe nicht zu erheben.


Eine unauffällige Basisuntersuchung schließt eine Magen-Darm-Erkrankung deshalb nicht aus. Wer aus einem normalen Blutbild und einem unauffälligen Ultraschall auf ein reines Verhaltensproblem schließt, zieht einen Schluss, den die Untersuchung nicht trägt.


Für die Beratungspraxis ist das ein heikler Punkt, weil die weiterführende Abklärung aufwendig und kostspielig ist und eine Narkose erfordert. Die Entscheidung darüber liegt bei Halter und Tierarztpraxis. Was die Verhaltensseite beitragen kann, ist eine ehrliche Auskunft darüber, was eine Basisuntersuchung ausschließt — und was nicht.


Zur Zusammenarbeit an dieser Schnittstelle: Was macht einen guten Tierarzt aus?


7.3 Die Grenzen der Umkehr

Aus alldem folgt nicht, dass wiederkehrende Verhaltensmuster in der Regel körperlich bedingt wären. Die vorliegenden Untersuchungen betreffen ausgewählte Vorstellungsgründe in Überweisungspopulationen und umfassen zusammen wenige Dutzend Hunde.


Was sie belegen, ist, dass die Möglichkeit real ist und die Abklärung sich lohnt — nicht, dass sie der Regelfall wäre.


Die Versuchung zur Umkehr ist allerdings groß, und sie hat einen erkennbaren Grund: Eine körperliche Ursache verspricht eine klarere Lösung als eine Verhaltensursache. Genau diese Attraktivität ist ein Grund zur Vorsicht — sie führt dazu, dass die Hypothese länger verfolgt wird, als die Befunde tragen.




8. Zusammenfassung im Überblick

Viszeraler Schmerz stammt aus inneren Organen, ist schlecht lokalisierbar und kann in gesunde Körperregionen projiziert werden. Er zeigt sich deshalb nicht als Schmerzverhalten, sondern als Verhaltensänderung — was ihn zu einer der am schwersten erkennbaren körperlichen Ursachen macht.


Der Leitbefund stammt aus einer prospektiven Untersuchung an neunzehn Hunden mit exzessivem Lecken von Oberflächen: Vierzehn hatten eine Erkrankung des Verdauungstrakts. Die Abklärung umfasste Labor, Ultraschall, Endoskopie und feingewebliche Untersuchung; die Hunde wurden anschließend 90 Tage nachbeobachtet.


Eine zweite Untersuchung derselben Gruppe an sieben Hunden mit Fliegenschnappen führte auf denselben Bereich. Zwei verschiedene Vorstellungsgründe, dasselbe Ergebnis.


Die praktisch wichtigste Einschränkung betrifft den Umfang der Abklärung: Ein Teil der Befunde ist ohne Gewebeprobe nicht zu erheben. Eine unauffällige Basisuntersuchung schließt eine Magen-Darm-Erkrankung nicht aus.



9. Forschungslücken und Kontroversen

9.1 Kleine Stichproben

Neunzehn und sieben Hunde — die Befundlage beruht auf wenigen Dutzend Tieren aus einer Arbeitsgruppe. Unabhängige Replikation mit vergleichbarem Abklärungsaufwand steht aus.


Der Grund dafür ist absehbar: Eine Wiederholung erfordert Endoskopie und Gewebeentnahme bei jedem Tier, also Narkosen ohne unmittelbaren Nutzen für die Kontrollgruppe. Das ist ethisch und praktisch aufwendig — und dürfte erklären, warum die Arbeiten trotz breiter Rezeption seit über einem Jahrzehnt allein stehen.


9.2 Keine Aussage zur Häufigkeit

Wie viele Hunde mit wiederkehrenden Verhaltensmustern eine viszerale Ursache haben, ist nicht bekannt. Die vorliegenden Anteile stammen aus Populationen, die wegen genau dieses Verhaltens überwiesen wurden.


Eine Abschätzung wäre nur über eine unausgewählte Stichprobe möglich — also über Hunde, die aus anderen Gründen vorgestellt werden und bei denen dasselbe Abklärungsprogramm liefe. Das ist aus den in Abschnitt 9.1 genannten Gründen unwahrscheinlich.


9.3 Der Mechanismus ist offen

Ob das Verhalten unmittelbare Schmerzäußerung, gelernte Selbstberuhigung oder ein reflexartig ausgelöstes Muster ist, wurde nicht geprüft. Eine Klärung wäre für die Frage bedeutsam, ob nach erfolgreicher Behandlung zusätzlich verhaltenstherapeutisch gearbeitet werden muss.


Zur Frage, wie sich gelernte Anteile von akuten trennen lassen: Furchtkonditionierung und Rekonsolidierung beim Hund



10. Fazit

Der Wert dieses Themas liegt weniger in einer Zahl als in einer Frage, die zu selten gestellt wird: Könnte das ein Bauchproblem sein?


Sie ist deshalb selten, weil nichts an der Situation darauf hinweist. Ein Hund, der Böden leckt, sieht nicht krank aus. Er zeigt keine Schonhaltung, wehrt keine Berührung ab und lässt sich klinisch unauffällig untersuchen. Das Einzige, was auffällt, ist ein Verhalten — und Verhalten wird verhaltensbezogen erklärt.


Die vorliegenden Untersuchungen sind klein und stammen aus einer Arbeitsgruppe. Sie reichen nicht, um eine Häufigkeit zu behaupten. Sie reichen aber, um die Frage in die Fallaufnahme aufzunehmen — und sie zeigen, dass die Antwort ohne Endoskopie und Gewebeprobe womöglich nicht zu finden ist.


Für die tägliche Arbeit ergibt sich daraus eine bescheidene, aber verwertbare Regel. Wo ein wiederkehrendes Verhaltensmuster den Verdauungstrakt betrifft, wo es sich in Wellen zeigt und wo es auf ein fachlich passendes Vorgehen nicht anspricht, gehört die internistische Frage auf den Tisch — nicht als Diagnose, sondern als offene Möglichkeit, über die Halter und Tierarztpraxis gemeinsam entscheiden.



Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Viszeraler Schmerz beim Hund

Viszeraler Schmerz zeigt sich nicht als Schmerzverhalten. Innere Organe sind spärlich und großflächig innerviert, viszerale und somatische Bahnen laufen zusammen. Der Schmerz ist deshalb schlecht lokalisierbar und kann in gesunde Regionen projiziert werden.


Vierzehn von neunzehn Hunden mit exzessivem Oberflächenlecken hatten eine Magen-Darm-Erkrankung (Bécuwe-Bonnet et al., 2012). Die Abklärung umfasste Labor, Ultraschall, Endoskopie und feingewebliche Untersuchung — die Hunde wurden anschließend 90 Tage nachbeobachtet.


Ein zweites Verhaltensbild führte zum selben Bereich. Sieben Hunde mit Fliegenschnappen wurden von derselben Gruppe untersucht, mit vergleichbarem Ergebnis (Frank et al., 2012).


Eine unauffällige Basisuntersuchung schließt nichts aus. Ein Teil der Befunde war nur über Endoskopie und Gewebeprobe zu erheben. Aus normalem Blutbild und unauffälligem Ultraschall auf ein reines Verhaltensproblem zu schließen, trägt die Datenlage nicht.


Umgekehrt gilt der Schluss nicht. Die Untersuchungen betreffen ausgewählte Vorstellungsgründe in Überweisungspopulationen und umfassen zusammen wenige Dutzend Hunde. Sie belegen, dass die Möglichkeit real ist — nicht, dass sie der Regelfall wäre.



Quellen

Bécuwe-Bonnet, V., Bélanger, M.-C., Frank, D., Parent, J., & Hélie, P. (2012). Gastrointestinal disorders in dogs with excessive licking of surfaces. Journal of Veterinary Behavior, 7(4), 194–204.


Frank, D., Bélanger, M.-C., Bécuwe-Bonnet, V., & Parent, J. (2012). Prospective medical evaluation of 7 dogs presented with fly biting. Canadian Veterinary Journal, 53(12), 1279–1284.


Mills, D. S., Demontigny-Bédard, I., Gruen, M., Klinck, M. P., McPeake, K. J., Barcelos, A. M., Hewison, L., Van Haevermaet, H., Denenberg, S., Hauser, H., Koch, C., Ballantyne, K., Wilson, C., Mathkari, C. V., Pounder, J., Garcia, E., Darder, P., Fatjó, J., & Levine, E. (2020). Pain and problem behavior in cats and dogs. Animals, 10(2), 318. https://doi.org/10.3390/ani10020318


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