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Zerrspiele mit dem Hund: Mythen, Regeln und was Studien zeigen

Macht Gewinnen beim Zerrspiel deinen Hund dominant? Was Studien wirklich zeigen, wie Zerren zur Belohnung wird und mit welchen Regeln das Spiel sicher bleibt.

Michael Sauerwein

Kurz zusammengefasst

Kaum ein Spiel hat einen so schlechten Ruf wie das Zerrspiel. Lange hieß es: Wenn dein Hund gewinnt, hält er sich für den Chef. Die Forschung sieht das anders. Vier Dinge sind wichtig. Erstens: In einem Experiment mit Golden Retrievern veränderte Gewinnen oder Verlieren beim Zerren das Maß, das am ehesten dem klassischen Dominanzbegriff entspricht, nicht. Zweitens: Nach dem Spiel waren die Hunde aufmerksamer und folgsamer, egal wie die Runde ausging. Drittens: In einer Beobachtungsstudie mit 50 Hund-Halter-Paaren hatte Gewinnen oder Verlieren keinen einheitlichen Effekt; auffällig war eher, wer die Spiele meistens begann. Viertens: Zerren kann die Erregung deutlich steigern. Deshalb sind klare Regeln sinnvoll, vor allem ein Startsignal, ein Stoppsignal und ein „Aus“, das über Tausch statt über Kraft entsteht.

Dieser Beitrag zeigt, was die Studien tatsächlich gemessen haben, wie du Zerrspiele als Belohnung nutzt und wann du vorsichtig sein solltest.

Hund spielt draußen mit einer Person Zerrspiel und hält ein geflochtenes Seilspielzeug fest im Maul.

1. Was beim Zerrspiel eigentlich passiert

1.1 Ein Spiel zwischen zwei Partnern

Beim Zerrspiel halten du und dein Hund dasselbe Spielzeug und ziehen abwechselnd daran. Anders als beim Ballspiel braucht es beide Seiten: Der Mensch spielt mit, reagiert und gibt nach.

Eine Übersichtsarbeit zum Spiel bei Hunden kam zu dem Ergebnis, dass die meisten Belege für zwei Funktionen sprechen: die Entwicklung motorischer Fähigkeiten und den sozialen Zusammenhalt. Die meisten Formen des Spiels schienen das Miteinander zwischen Hund und Mensch zu verbessern (Sommerville et al., 2017). Das beweist nicht, dass gerade Zerrspiele die Bindung stärken, passt aber nicht zur Vorstellung vom Spiel als Machtkampf.

👉 Spielverhalten bei Hunden

1.2 Warum so viele Hunde Zerren lieben

Aus der Praxis: Zerren enthält Elemente, die vielen Hunden von Natur aus liegen. Packen, Festhalten, Ziehen und Schütteln sind Teile des Jagdverhaltens, die im Spiel ohne echtes Beutetier ablaufen. Manche Hunde haben trotzdem wenig Interesse daran, und das ist völlig in Ordnung.

Aus der Praxis: Wie dein Hund zerrt, sagt viel über seine Stimmung. Ein entspannter Hund knurrt oft tief und spielerisch, wedelt locker, macht Spielverbeugungen und kommt nach einer Pause von selbst mit dem Spielzeug zurück. Dieses Knurren ist für sich genommen kein Warnsignal. Wichtiger ist das Gesamtbild: Wird der Körper deutlich steifer, verändert sich der Blick oder ist dein Hund kaum noch ansprechbar, kann die Situation gekippt sein. Dann ist eine Pause sinnvoll; aus einem einzelnen Signal allein lässt sich nicht sicher ablesen, ob ein Hund noch spielerisch oder bereits konfliktgeladen reagiert.

2. Der Dominanzmythos

2.1 Woher die Sorge kommt

Die Regel „Lass den Hund beim Zerren nie gewinnen“ stammt aus einer Zeit, in der Hundeverhalten fast ausschließlich über Rangordnung erklärt wurde. Die Idee: Jedes Spiel um ein Objekt ist ein Wettkampf um Status, und ein Hund, der regelmäßig gewinnt, steigt auf und wird schwieriger.

Diese Sicht unterstellt dem Hund eine Absicht, die niemand gemessen hat, und macht aus einem Spiel eine Machtfrage.

👉 Dominanztheorie Hund: Warum „der will mich dominieren“ ein Irrtum ist

2.2 Was das Experiment von 2002 getestet hat

Rooney und Bradshaw (2002) haben die Frage direkt untersucht. 14 Golden Retriever spielten in mehreren Durchgängen Zerrspiele mit einer Person, die sie entweder gewinnen oder verlieren ließ. Danach wurde ihr Verhalten in einer Reihe von Tests erfasst. Aus 52 Einzelmessungen ergaben sich neun übergeordnete Faktoren.

Das Ergebnis: Der Faktor „Confidence“, also Selbstsicherheit, der am ehesten dem klassischen Dominanzbegriff entspricht, wurde durch Gewinnen oder Verlieren nicht verändert. Nach dem Spiel zeigten die Hunde mehr gehorsame Aufmerksamkeit gegenüber der Person, und zwar unabhängig davon, ob sie gewonnen oder verloren hatten. Ein Befund fiel auf: Die verspieltesten Hunde suchten nach gewonnenen Runden deutlich mehr Aufmerksamkeit (Rooney & Bradshaw, 2002).

Das ist eher das Gegenteil dessen, was der Mythos vorhersagt. Die Autoren schränken selbst ein, dass Spielsignale und das Temperament des einzelnen Hundes diese Effekte beeinflussen können (Rooney & Bradshaw, 2002).

2.3 Was die Beobachtungsstudie von 2003 ergänzt

Ein Jahr später filmten Rooney und Bradshaw (2003) 50 Hund-Halter-Paare in kurzen, frei gewählten Spielrunden und testeten die Hunde anschließend eine Stunde lang auf Verhaltensweisen, die üblicherweise mit „Dominanz“ und „Bindung“ in Verbindung gebracht werden. Hunde, die Zerr- und Apportierspiele spielten, erzielten hohe Werte in einem Faktor, den die Autoren als selbstsichere Kontaktfreude bezeichneten. Gewinnen oder Verlieren hatte keinen einheitlichen Effekt auf die Testergebnisse.

Ein Befund ist für die Praxis interessant: Wenn der Hund die Mehrzahl der Spiele begann, war er deutlich weniger lenkbar und zeigte eher Aggressionsverhalten. Das ist ein Zusammenhang, keine Ursache. Die Autoren deuten ihre Ergebnisse so, dass die Art, wie ein Hund spielt, eher sein Temperament und die Beziehung widerspiegelt, als dass das Spiel diese bestimmt. Für eine entscheidende Rolle von Spielen bei der Dominanz fanden sie keinen Beleg (Rooney & Bradshaw, 2003).

2.4 Was das für dich bedeutet

Du darfst deinen Hund gewinnen lassen. Für viele Hunde ist das der schönste Teil des Spiels, und die Studienlage spricht nicht dafür, dass er dadurch „aufsteigt“.

Aus der Praxis: Was zählt, ist nicht, wer am Ende das Spielzeug hat, sondern ob das Spiel Regeln hat, die dein Hund versteht. Ein Hund, der nach dem Gewinnen mit dem Spielzeug wieder zu dir kommt, zeigt damit zumindest, dass das gemeinsame Spiel für ihn noch nicht beendet ist.

3. Zerrspiele als Belohnung im Training

3.1 Spielen kann das Lernen unterstützen

Dass Hunde nach dem Zerrspiel aufmerksamer waren (Rooney & Bradshaw, 2002), ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass Spiel und Lernen gut zusammenpassen. In einer Studie mit 16 Labrador Retrievern lernten die Hunde zuerst eine Unterscheidungsaufgabe. Danach hatte die Hälfte eine halbe Stunde Spielzeit, die andere Hälfte ruhte. 24 Stunden später brauchte die Spielgruppe im Mittel 26 Durchgänge, um die Aufgabe wieder zu beherrschen, die Ruhegruppe 43. Das Cortisol im Speichel sank nach dem Spiel (Affenzeller et al., 2017). Die Stichprobe ist klein, und die Studie prüfte Spiel nach dem Lernen, nicht gezielt Zerrspiele.

3.2 Futter oder Spielzeug?

Ist ein Zerrspielzeug als Belohnung besser als Futter? Eine kleine Studie mit 10 Familienhunden hat das verglichen. Für jeden Hund wurde zuerst sein liebstes Futter und sein liebstes Spielzeug ermittelt; zur Auswahl standen unter anderem ein Ball und ein Zerrspielzeug. Danach mussten die Hunde für die jeweilige Belohnung arbeiten. Neun von zehn Hunden arbeiteten für ihr Lieblingsfutter mehr als für ihr Lieblingsspielzeug (Lazaro et al., 2023).

Das heißt nicht, dass Spielzeug als Belohnung nichts taugt. Futter und Spielzeug wurden nicht gleichzeitig angeboten, und Hunde, die schon mit Spielzeug trainiert worden waren, waren nicht dabei (Lazaro et al., 2023). Es heißt aber: Verlass dich nicht darauf, dass dein Hund ein Zerrspiel höher bewertet als ein gutes Leckerli.

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3.3 Spielzeug nutzt sich ab

In einem Experiment mit 16 im Zwinger gehaltenen Labrador Retrievern ließ das Interesse an einem Spielzeug bei wiederholtem Anbieten rasch nach. Ein neues Spielzeug, das sich in Farbe oder Geruch unterschied, weckte das Interesse wieder (Pullen et al., 2012). Die Studie zeigt damit vor allem schnelle Habituation bei wiederholter kurzer Darbietung. Sie hat nicht geprüft, ob ein Zerrspielzeug zu Hause allein deshalb an Wert verliert, weil es den ganzen Tag verfügbar ist. Für die Praxis kann Rotation trotzdem sinnvoll sein, wenn sie das Interesse deines Hundes erhöht.

Aus der Praxis: Du kannst ein besonderes Zerrspielzeug gezielt für Training oder gemeinsame Spielrunden reservieren und zwischen mehreren Spielzeugen wechseln. Ob das den Verstärkerwert bei deinem Hund tatsächlich erhöht, musst du individuell beobachten.

3.4 Belohnung statt Konfrontation

In einer Befragung von 364 Hundehaltern hing der eingeschätzte Gehorsam mit der Zahl der Übungen zusammen, die belohnungsbasiert trainiert worden waren, nicht mit dem Einsatz von Strafe. Mehr Strafe ging dagegen mit mehr berichteten Verhaltensproblemen einher (Hiby et al., 2004). Das ist ein Zusammenhang aus Halterangaben, kein Experiment.

Aus der Praxis: Zerren eignet sich besonders als Belohnung für Übungen, bei denen dein Hund Energie haben darf, zum Beispiel für einen schnellen Rückruf. Für sehr ruhige Übungen kann Zerren als unmittelbare Belohnung unpraktisch sein, wenn dein Hund dadurch stark hochfährt. Ob Futter oder Spiel besser passt, hängt aber vom Hund, vom Trainingsziel und vom jeweiligen Verstärkerwert ab.

4. Erregung: der eigentliche Knackpunkt

4.1 Zerren dreht hoch

Aus der Praxis: Eine praktisch wichtige Variable beim Zerrspiel ist die Erregung. Manche Hunde werden im Verlauf immer hektischer und können dabei auch versehentlich eine Hand erwischen. Aus einem solchen einzelnen Kontakt lässt sich keine aggressive Absicht ableiten; er kann aber ein Hinweis darauf sein, dass das Spiel gerade zu schnell, zu eng oder zu aufregend geworden ist.

Dazu passt ein Befund zur Selbstkontrolle: In einer Studie mit 106 Hunden verbesserte gesteigerte Erregung die Impulskontrolle bei ruhigen Assistenzhunden, verschlechterte sie aber bei Familienhunden, die schon von sich aus aufgeregter waren (Bray et al., 2015). Die Studie hat nicht Zerrspiele untersucht. Sie zeigt aber, dass dieselbe Aufregung nicht für jeden Hund dasselbe bedeutet.

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4.2 Ein Startsignal

Aus der Praxis: Gib dem Spiel ein eigenes Startsignal, zum Beispiel „Nimm“ oder „Zerr“. Erst auf dieses Wort darf dein Hund das Spielzeug packen. So kannst du das Spiel gezielt als Belohnung einsetzen. Packt dein Hund vor dem Signal zu, nimmst du das Spielzeug ruhig weg und hältst es kurz still. Wartet er, kommt das Signal.

Hunde, die in der Beobachtungsstudie die meisten Spiele selbst begannen, waren weniger lenkbar (Rooney & Bradshaw, 2003). Das ist ein Zusammenhang und kein Ursache-Wirkungs-Nachweis; daraus folgt insbesondere nicht, dass Hunde Spiele nicht selbst initiieren sollten.

Aus der Praxis: Ein Startsignal ist trotzdem nützlich, weil es für Klarheit sorgt und verhindert, dass dein Hund einfach nach einem bewegten Spielzeug greift. Bringt dein Hund dir das Spielzeug und lädt dich zum Spielen ein, kannst du darauf eingehen und das eigentliche Zerren mit deinem Startsignal beginnen.

4.3 Das „Aus“ über Tausch aufbauen

Aus der Praxis: Das wichtigste Signal beim Zerrspiel ist das Loslassen. Ein gutes „Aus“ baust du nicht über Kraft auf, sondern über Tausch. So gehst du vor:

  • Spannung rausnehmen. Hör auf zu ziehen und halte das Spielzeug ganz still, nah am Körper.
  • Tausch anbieten. Halte ein gutes Leckerli direkt vor die Nase deines Hundes. Lässt er los, sagst du „Aus“ in dem Moment, in dem das Spielzeug frei wird, und gibst das Leckerli.
  • Das Spiel zurückgeben. Direkt danach gibt es oft das Startsignal und das Spiel geht weiter. So lernt dein Hund: Loslassen bedeutet nicht das Ende, sondern eine Pause.
  • Signal vorziehen. Klappt das zuverlässig, sagst du „Aus“, bevor du das Leckerli zeigst. Später kann das Weiterspielen selbst die Belohnung für das Loslassen sein.

Warum nicht einfach das Spielzeug aus dem Maul nehmen? In einer Befragung von 140 Hundehaltern an einer verhaltensmedizinischen Überweisungsklinik löste jede der konfrontativen Maßnahmen, darunter das gewaltsame Herausnehmen von Gegenständen aus dem Maul, bei mindestens einem Viertel der Hunde, bei denen sie angewendet wurde, eine aggressive Reaktion aus (Herron et al., 2009). Das sind rückblickende Angaben von Haltern, deren Hunde bereits wegen Verhaltensproblemen vorgestellt wurden. Die Studie beweist nicht, dass Tauschen solche Reaktionen verhindert, spricht aber dafür, konfrontatives Wegnehmen bei konfliktanfälligen Hunden besonders kritisch zu sehen.

4.4 Pausen einbauen

Aus der Praxis: Unterbrich das Spiel regelmäßig, nicht erst, wenn es kippt. Nach ein paar Zügen folgt das „Aus“, dann eine kurze Pause. Erst wenn dein Hund durchatmet, gibt es das nächste Startsignal. Am Ende der Spielrunde steht ein klares Schlusssignal, zum Beispiel „Fertig“, und ein ruhiger Ausklang, etwa mit einem Kauartikel oder einer kleinen Suchaufgabe.

5. Die Spielregeln im Überblick

Aus der Praxis: Diese Regeln sind Erfahrungswerte, keine Studienergebnisse.

  • Zähne auf Haut unterbricht das Spiel. Erwischt dein Hund deine Hand, auch aus Versehen, sagst du ruhig „Schade“, lässt das Spielzeug los oder nimmst es weg und machst eine kurze Pause. Nicht schimpfen. Passiert es öfter, ist die Erregung zu hoch oder das Spielzeug zu kurz.
  • Ein langes Spielzeug. Nutze ein Zerrspielzeug, das lang genug ist, dass zwischen Hundemaul und deiner Hand genug Platz bleibt.
  • Seitlich ziehen, nicht ruckartig nach oben. Zieh das Spielzeug eher waagerecht und hin und her, als es hochzureißen.
  • Der Hund darf gewinnen. Lass zwischendurch los. Kommt dein Hund mit dem Spielzeug zurück, hast du alles richtig gemacht.
  • Kurze Runden. Lieber mehrere kurze Einheiten mit Pausen als eine lange, die immer wilder wird.
  • Du hörst auf, bevor es kippt. Das Spiel endet idealerweise, solange dein Hund noch gut ansprechbar ist.

6. Wann du vorsichtig sein solltest

6.1 Welpen und Zahnwechsel

Aus der Praxis: Welpen können schon früh sanft zerren lernen. Während des Zahnwechsels, der bei vielen Hunden ungefähr zwischen dem vierten und siebten Lebensmonat liegt, ist das Zahnfleisch oft empfindlich, und lockere Milchzähne sitzen nicht mehr fest. In dieser Zeit lässt du deinen Welpen eher halten und leicht ziehen, als selbst kräftig gegenzuhalten. Ein weiches, nachgiebiges Spielzeug ist besser als ein hartes Tau.

6.2 Hals und Wirbelsäule

Aus der Praxis: Beim kräftigen Zerren wirken mechanische Kräfte auf Kiefer, Hals und übrigen Bewegungsapparat. Studien dazu, welche Kräfte beim üblichen Zerrspiel auftreten oder ab wann daraus ein Verletzungsrisiko entsteht, haben wir nicht gefunden. Vermeide deshalb extremes Hochheben am Spielzeug, abrupte Richtungswechsel und ruckartiges Herumschleudern. Bei Hunden mit Problemen an Hals, Rücken oder Gelenken, bei älteren Hunden und nach Operationen sprichst du vorher mit deiner Tierarztpraxis.

6.3 Kinder und Zerrspiele

Aus der Praxis: Kinder ziehen oft ruckartig, lassen unvorhersehbar los und bewegen sich schnell. Das treibt die Erregung des Hundes hoch, und kleine Hände sind nah am Hundemaul. Wenn überhaupt, dann nur mit älteren Kindern, die die Regeln kennen, unter Aufsicht eines Erwachsenen, mit einem langen Spielzeug und mit einem Hund, der Start, Aus und Pause sicher beherrscht. Für kleine Kinder sind ruhigere Spiele wie Suchspiele die bessere Wahl.

Besonders wichtig ist das bei Hunden, die Dinge verteidigen. In einer klinischen Fallserie mit 111 Hunden, die ein Kind gebissen hatten, war Futterverteidigung mit 42 Prozent der häufigste Zusammenhang bei Bissen an bekannte Kinder (Reisner et al., 2007). Das war eine Klinikstichprobe, und es ging um Futter, nicht um Spielzeug. Es zeigt aber, dass Ressourcenverteidigung gegenüber Kindern ernst zu nehmen ist.

👉 Sicherheit und Respekt: der richtige Umgang mit Hunden für Kinder

6.4 Hunde, die Dinge verteidigen

Aus der Praxis: Erstarrt dein Hund über einem Spielzeug, knurrt er ernst, wenn du dich näherst, oder rennt er mit dem Spielzeug weg und lässt sich nicht mehr ansprechen, verteidigt er möglicherweise eine Ressource. Dann ist ein Zerrspiel nicht der richtige Rahmen. Übe Tauschen ohne Wettkampf und hol dir fachliche Unterstützung.

👉 Ressourcenverteidigung beim Hund

6.5 Hunde mit Erregungsproblemen

Aus der Praxis: Manche Hunde finden aus hoher Erregung nur schwer wieder heraus. Sie hecheln noch lange, schnappen nach Leine oder Kleidung oder reagieren danach stärker auf andere Hunde. Dann halte Zerrspiele vorerst sehr kurz und ruhig oder ersetze sie durch Nasenarbeit.

6.6 Das richtige Spielzeug

Aus der Praxis: Ein gutes Zerrspielzeug ist lang, stabil und gut zu greifen, für dich wie für deinen Hund. Ausgefranste Seile oder lose Teile sortierst du aus, weil verschluckte Fasern gefährlich werden können. Nach dem Spiel räumst du das Spielzeug weg.

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7. Was du besser lässt

Aus der Praxis: Manche Ratgeber empfehlen, einen Hund, der beim Zerren zu wild wird, zu korrigieren oder zu bestrafen. Das kann ein Verhalten im Moment stoppen. Die Frage ist aber, was dein Hund dabei lernt und um welchen Preis. Konfrontative Korrekturen können zusätzliche Bedrohung und Konflikt in die Situation bringen. Ob dadurch im Einzelfall die Beziehung oder das Vertrauen beeinträchtigt wird, lässt sich aus den hier zitierten Studien nicht direkt ableiten. Praktisch sinnvoller ist es, die Situation früh zu entschärfen: Pause, Tausch, kürzere Runden.

Die konfrontativen Maßnahmen aus der Befragung von Herron et al. (2009) lösten bei einem beträchtlichen Teil der Hunde Aggression aus.

Lass auch die Regel „Der Mensch muss immer gewinnen“ fallen. Sie beruht auf dem Dominanzgedanken, für den die Studien zum Zerrspiel keinen Beleg geliefert haben (Rooney & Bradshaw, 2002, 2003).

8. Zur Reichweite

Die Forschung zu Zerrspielen ist schmal und schon älter. Das Experiment zum Gewinnen und Verlieren (Rooney & Bradshaw, 2002) umfasste nur 14 Golden Retriever und erfasste kurzfristige Effekte; ob die Ergebnisse für andere Rassen, für Hunde mit Verhaltensproblemen oder über Monate gelten, ist offen. Die Studie mit 50 Hund-Halter-Paaren (Rooney & Bradshaw, 2003) ist eine Beobachtungsstudie und zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen. Die Übersichtsarbeit zur Funktion des Spiels (Sommerville et al., 2017) bezieht sich auf Spiel allgemein, nicht speziell auf Zerren.

Die Studien zu Belohnung und Lernen sind klein: 16 Labradore bei Affenzeller et al. (2017) und bei Pullen et al. (2012), dort im Zwinger gehalten, 10 Familienhunde bei Lazaro et al. (2023). Die Studie zu Erregung und Impulskontrolle (Bray et al., 2015) hat kein Zerrspiel untersucht. Die Befragungen (Hiby et al., 2004; Herron et al., 2009) beruhen auf Angaben von Haltern, und die Fallserie zu Bissen an Kindern (Reisner et al., 2007) stammt aus einer Klinik für Hunde, die bereits wegen Aggression vorgestellt wurden. Die Spielregeln, das Vorgehen beim „Aus“ sowie die Hinweise zu Zahnwechsel, Hals und Wirbelsäule, Kindern und Spielzeug sind Praxiserfahrung und deshalb als solche gekennzeichnet.

9. Fazit

Für die verbreitete Behauptung, dass Gewinnen beim Zerrspiel einen Hund gegenüber dem Menschen „dominanter“ macht, liefern die direkten Studien keinen Beleg. In der kleinen experimentellen Studie veränderte Gewinnen oder Verlieren die untersuchte Dominanzdimension der Hund-Mensch-Beziehung nicht. Nach dem Spiel waren die Hunde sogar aufmerksamer. Die eigentliche Herausforderung ist die Erregung, und die bekommst du mit klaren Regeln in den Griff.

Die drei Dinge, die den Unterschied machen:

Gewinnen lassen ohne schlechtes Gewissen. Bringt er das Spielzeug zurück, kann das gemeinsame Spiel einfach weitergehen.

Start, Aus und Pause üben. Das „Aus“ entsteht über Tausch, nicht über Kraft.

Erregung im Blick behalten. Kurze Runden, Zähne auf Haut unterbricht das Spiel, und bei Welpen, Kindern oder Hunden, die Dinge verteidigen, besonders vorsichtig sein.

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Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Zerrspielen mit dem Hund

Kein gemessener Dominanzeffekt durch Gewinnen. Bei 14 Golden Retrievern veränderte Gewinnen oder Verlieren beim Zerren den Faktor Selbstsicherheit nicht, der in dieser Studie der klassischen Dominanzidee am nächsten kam (Rooney & Bradshaw, 2002).

Nach dem Spiel aufmerksamer. Die Hunde zeigten nach dem Zerrspiel mehr gehorsame Aufmerksamkeit, unabhängig vom Ausgang (Rooney & Bradshaw, 2002).

Wer anfängt, fällt auf. Hunde, die die meisten Spiele selbst begannen, waren weniger lenkbar; Gewinnen oder Verlieren hatte keinen einheitlichen Effekt (Rooney & Bradshaw, 2003).

Futter schlägt oft Spielzeug. Neun von zehn Familienhunden arbeiteten für ihr Lieblingsfutter mehr als für ihr Lieblingsspielzeug (Lazaro et al., 2023).

Spielzeug verliert an Reiz. Das Interesse an einem Spielzeug ließ bei Wiederholung rasch nach und kehrte mit einem neuen Spielzeug zurück (Pullen et al., 2012).

Erregung wirkt individuell. Mehr Erregung half ruhigen Hunden bei der Impulskontrolle und schadete aufgeregten (Bray et al., 2015).

Quellen

  • Affenzeller, N., Palme, R., & Zulch, H. (2017). Playful activity post-learning improves training performance in Labrador Retriever dogs (Canis lupus familiaris). Physiology & Behavior, 168, 62–73. https://doi.org/10.1016/j.physbeh.2016.10.014
  • Bray, E. E., MacLean, E. L., & Hare, B. A. (2015). Increasing arousal enhances inhibitory control in calm but not excitable dogs. Animal Cognition, 18(6), 1317–1329. https://doi.org/10.1007/s10071-015-0901-1
  • Herron, M. E., Shofer, F. S., & Reisner, I. R. (2009). Survey of the use and outcome of confrontational and non-confrontational training methods in client-owned dogs showing undesired behaviors. Applied Animal Behaviour Science, 117(1–2), 47–54. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2008.12.011
  • Hiby, E. F., Rooney, N. J., & Bradshaw, J. W. S. (2004). Dog training methods: Their use, effectiveness and interaction with behaviour and welfare. Animal Welfare, 13(1), 63–69. https://doi.org/10.1017/S0962728600026683
  • Lazaro, X. A., Winter, J. M., Fernand, J. K., Cox, D. J., & Dorey, N. R. (2023). Efficacy of edible and leisure reinforcers with domestic dogs. Animals, 13(19), Artikel 3073. https://doi.org/10.3390/ani13193073
  • Pullen, A. J., Merrill, R. J. N., & Bradshaw, J. W. S. (2012). Habituation and dishabituation during object play in kennel-housed dogs. Animal Cognition, 15(6), 1143–1150. https://doi.org/10.1007/s10071-012-0538-2
  • Reisner, I. R., Shofer, F. S., & Nance, M. L. (2007). Behavioral assessment of child-directed canine aggression. Injury Prevention, 13(5), 348–351. https://doi.org/10.1136/ip.2007.015396
  • Rooney, N. J., & Bradshaw, J. W. S. (2002). An experimental study of the effects of play upon the dog–human relationship. Applied Animal Behaviour Science, 75(2), 161–176. https://doi.org/10.1016/S0168-1591(01)00192-7
  • Rooney, N. J., & Bradshaw, J. W. S. (2003). Links between play and dominance and attachment dimensions of dog–human relationships. Journal of Applied Animal Welfare Science, 6(2), 67–94. https://doi.org/10.1207/S15327604JAWS0602_01
  • Sommerville, R., O’Connor, E. A., & Asher, L. (2017). Why do dogs play? Function and welfare implications of play in the domestic dog. Applied Animal Behaviour Science, 197, 1–8. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2017.09.007

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Beratung. Wenn dein Hund beim Spiel ernsthaft droht, Spielzeug gegenüber Menschen verteidigt oder nach dem Spiel nur schwer zur Ruhe kommt, hol dir fachliche Unterstützung. Bei Schmerzen im Maul, an Hals oder Rücken lass ihn tierärztlich untersuchen.

Häufige Fragen zu Zerrspielen mit dem Hund

Dominanz, Regeln und Sicherheit

Wird mein Hund dominant, wenn er beim Zerrspiel gewinnt?

Die Studien, die das direkt untersucht haben, sprechen nicht dafür. In einem Experiment mit 14 Golden Retrievern veränderte Gewinnen oder Verlieren das Maß für Selbstsicherheit nicht, das dem klassischen Dominanzbegriff am nächsten kommt. In einer Beobachtungsstudie mit 50 Hund-Halter-Paaren hatte Gewinnen oder Verlieren keinen einheitlichen Effekt. Die Daten liefern damit keinen Grund für die Regel, der Mensch müsse beim Zerrspiel immer gewinnen.

Muss ich beim Zerrspiel immer gewinnen?

Nein. Diese Regel stammt aus dem Dominanzdenken und ist durch die Studien zum Zerrspiel nicht gedeckt. Wichtiger als der Ausgang sind klare Regeln: ein Startsignal, ein Aus über Tausch und regelmäßige Pausen. Kommt dein Hund nach dem Gewinnen mit dem Spielzeug wieder zu dir, kann das gemeinsame Spiel einfach weitergehen.

Mein Hund knurrt beim Zerren. Ist das gefährlich?

Bei vielen Hunden gehört ein tiefes, spielerisches Knurren zum Zerrspiel dazu. Entscheidend ist das Gesamtbild. Lockerer Körper, Spielverbeugungen und ein Hund, der nach dem Loslassen wiederkommt, sprechen für Spiel. Wird der Körper deutlich steifer, verändert sich der Blick oder beginnt dein Hund das Spielzeug zu verteidigen, beende die Situation ruhig. Bei wiederkehrenden Konflikten solltest du dir fachliche Unterstützung holen.

Wie bringe ich meinem Hund bei, das Spielzeug loszulassen?

Über Tausch. Hör auf zu ziehen und halte das Spielzeug still, biete ein gutes Leckerli an und sag „Aus“ in dem Moment, in dem dein Hund loslässt. Danach geht das Spiel oft direkt weiter, so lernt dein Hund, dass Loslassen kein Ende bedeutet. Das Spielzeug mit Kraft aus dem Maul zu nehmen, ist keine gute Idee, weil es Abwehr auslösen kann.

Was tue ich, wenn mein Hund beim Zerren meine Hand erwischt?

Lass das Spielzeug los oder nimm es ruhig weg, sag zum Beispiel „Schade“ und mach eine kurze Pause. Nicht schimpfen und nicht ziehen. Passiert das öfter, ist die Erregung zu hoch oder das Spielzeug zu kurz. Mach die Runden kürzer, baue mehr Pausen ein und nutze ein längeres Zerrspielzeug.

Darf mein Welpe im Zahnwechsel zerren?

Vorsichtig. Im Zahnwechsel ist das Zahnfleisch oft empfindlich, und lockere Milchzähne sitzen nicht mehr fest. Lass deinen Welpen eher halten und leicht ziehen, als selbst kräftig gegenzuhalten, und nutze ein weiches Spielzeug. Zieh nie an einem Spielzeug, um einen wackelnden Zahn zu lösen.

Dürfen Kinder mit dem Hund Zerrspiele machen?

Nur mit Bedacht. Kinder ziehen oft ruckartig und bewegen sich schnell, das treibt die Erregung des Hundes hoch. Wenn überhaupt, dann ältere Kinder, die die Regeln kennen, unter Aufsicht eines Erwachsenen, mit einem langen Spielzeug und einem Hund, der Start, Aus und Pause sicher beherrscht. Bei Hunden, die Dinge verteidigen, sind Zerrspiele mit Kindern tabu.

Ist Spielzeug oder Futter die bessere Belohnung?

Das ist von Hund zu Hund verschieden. In einer kleinen Studie arbeiteten neun von zehn Familienhunden für ihr Lieblingsfutter mehr als für ihr Lieblingsspielzeug. Zerrspiele eignen sich gut als Belohnung für Übungen, bei denen dein Hund Energie haben darf, etwa beim Rückruf. Für ruhige Übungen kann Futter praktischer sein, wenn Spiel deinen Hund stark hochfährt.

Zum Weiterarbeiten

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