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Niereninsuffizienz beim Hund: Früh erkennen, richtig handeln

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • 21. Juli
  • 10 Min. Lesezeit

Das Wichtigste zuerst: Fünf Dinge solltest du über die chronische Nierenerkrankung wissen. Erstens, und das erklärt fast alles: Die klassischen Nierenwerte steigen erst spät. Kreatinin wird häufig erst bei deutlich fortgeschrittenem Funktionsverlust auffällig – „die Werte waren doch immer gut" ist deshalb kein Widerspruch zur Diagnose. Zweitens: Ein neuerer Wert namens SDMA kann bereits bei früherem Funktionsverlust auffällig werden. Drittens: Das früheste Alltagszeichen ist vermehrtes Trinken und Urinieren – und der Urin verrät oft mehr als das Blut. Viertens: Die Erkrankung ist nicht heilbar, aber der Verlauf lässt sich erheblich beeinflussen. Fünftens: Die Maßnahme mit dem besten Beleg ist keine Tablette, sondern das Futter – in einer randomisierten Studie senkte eine Nierendiät urämische Krisen und Sterblichkeit.

Die chronische Nierenerkrankung ist eine der häufigsten Erkrankungen des alten Hundes und eine, bei der der Zeitpunkt der Diagnose viel entscheidet. Dieser Artikel erklärt, warum sie so spät auffällt, woran du früher etwas merkst und was den Verlauf tatsächlich verändert.


Hinweis: Dieser Beitrag ist allgemeine Aufklärung und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Bei plötzlicher Verschlechterung mit Erbrechen und Fressunlust gehört ein nierenkranker Hund umgehend vorgestellt.

Älterer Hund liegt auf einem Hundebett neben einer Wassermesskanne, Nierendiät und Unterlagen zur Nierenkontrolle. Das Bild zeigt die Überwachung einer chronischen Nierenerkrankung beim Hund mit Maßnahmen wie Trinkmengenmessung, angepasster Fütterung und regelmäßiger Kontrolle von Nierenwerten. Es symbolisiert das frühzeitige Erkennen und Management einer Niereninsuffizienz beim Hund.

Was die Niere tut

Die Niere ist mehr als ein Filter. Sie besteht aus Hunderttausenden winziger Funktionseinheiten, den Nephronen, und erledigt gleich mehrere Aufgaben.

Sie entgiftet, indem sie Abbauprodukte aus dem Blut in den Urin überführt. Sie reguliert den Wasserhaushalt, indem sie den Urin konzentriert oder verdünnt. Sie steuert den Blutdruck und den Mineralhaushalt, vor allem Phosphat und Kalium. Und sie produziert ein Hormon, das die Bildung roter Blutkörperchen anregt – deshalb gehört Blutarmut zu den Spätfolgen.

Entscheidend ist eine Eigenschaft: Verlorene Nephrone werden nicht ersetzt. Was zerstört ist, bleibt es. Die verbleibenden Einheiten übernehmen mehr Arbeit und gleichen den Verlust lange aus – bis sie es nicht mehr können.


Genau diese Kompensationsfähigkeit ist Segen und Fluch zugleich. Sie hält den Hund lange beschwerdefrei. Und sie sorgt dafür, dass beim ersten auffälligen Wert schon sehr viel verloren ist.

Warum die Werte so spät steigen

Hier liegt der Punkt, der Haltern am meisten Rätsel aufgibt – und der erklärt, warum die Diagnose so oft wie aus dem Nichts kommt.


Der klassische Nierenwert Kreatinin stammt aus dem Muskelstoffwechsel und wird über die Niere ausgeschieden. Er steigt erst dann über den Normbereich, wenn ein erheblicher Teil der Nierenfunktion bereits verloren ist – üblicherweise wird eine Größenordnung von rund drei Vierteln genannt. Bis dahin schaffen die verbleibenden Nephrone es, den Wert im Normbereich zu halten.


Das heißt: Ein normaler Nierenwert bedeutet nicht, dass die Niere gesund ist. Er bedeutet, dass sie noch kompensiert.


Zwei Dinge kommen erschwerend hinzu.


Kreatinin hängt an der Muskelmasse. Ein alter, abgemagerter Hund mit wenig Muskulatur produziert weniger Kreatinin – sein Wert kann normal aussehen, obwohl die Niere schlecht arbeitet. Umgekehrt kann ein sehr bemuskelter Hund einen Wert am oberen Rand haben, ohne krank zu sein.


Der Wert schwankt mit dem Flüssigkeitshaushalt. Ein ausgetrockneter Hund hat höhere Werte, ohne dass die Niere selbst schlechter geworden wäre. Deshalb wird für die Einordnung ein stabiler, ausreichend mit Flüssigkeit versorgter Hund vorausgesetzt – und in aller Regel wird zweimal gemessen.


Der Fortschritt heißt SDMA. Dieser Wert steigt deutlich früher an – als Orientierung wird ein Funktionsverlust von etwa 40 Prozent genannt. Er hängt außerdem nicht von der Muskelmasse ab, was ihn gerade beim alten, abgebauten Hund wertvoll macht. Er ist kein Ersatz für Kreatinin, sondern eine Ergänzung – und der Grund, warum ein Nierenprofil beim Seniorcheck heute mehr enthält als früher.

Und der Urin ist oft schneller als das Blut. Die Fähigkeit, Urin zu konzentrieren, geht früher verloren als die Entgiftungsleistung. Ein Hund, der große Mengen dünnen, fast wasserklaren Urin absetzt, während die Blutwerte noch normal sind, ist genau der Fall, den man sucht.

Der entscheidende Messwert dafür heißt spezifisches Uringewicht, im Laborbericht oft als USG geführt. Er misst, wie stark die Niere den Urin eindickt. Ein gesunder Hund, der konzentrieren kann, liegt üblicherweise über einem Wert von 1,030. Sinkt der Wert dauerhaft in den Bereich um 1,008 bis 1,012, hat der Urin praktisch dieselbe Dichte wie das Blutplasma – die Niere konzentriert dann gar nicht mehr, sie lässt nur noch durch.


Eine Urinuntersuchung gehört deshalb zwingend dazu – ein Blutbild allein reicht nicht.



Woran du es erkennst

Die frühen Zeichen sind leise, die späten unspezifisch.

Früh:

  • Vermehrtes Trinken und vermehrtes Urinieren, oft mit nächtlichem Rauswollen

  • Größere Urinmengen, hell und wenig riechend

  • Leichter, schleichender Gewichtsverlust

Später:

  • Nachlassender Appetit, Wählerischkeit beim Futter

  • Erbrechen, Übelkeit, schlechter Maulgeruch

  • Abgeschlagenheit, stumpfes Fell

  • Blasse Schleimhäute durch Blutarmut

  • Geschwüre im Maul, schlechter Atem

  • Bluthochdruck mit möglichen Folgen an den Augen

Für die Einordnung wichtig: Vermehrter Durst hat viele Ursachen. Die drei häufigsten beim älteren Hund sind Niere, Diabetes und Cushing – und sie lassen sich mit wenigen Untersuchungen auseinanderhalten.

Akut oder chronisch: ein wichtiger Unterschied

Nicht jede Nierenerkrankung ist chronisch, und die Unterscheidung ändert alles.

Ein akutes Nierenversagen entwickelt sich innerhalb von Stunden bis Tagen. Ursachen sind unter anderem Vergiftungen – Weintrauben und Rosinen, Frostschutzmittel, bestimmte Schmerzmittel aus der Humanmedizin –, schwere Kreislaufeinbrüche, Leptospirose und Harnabflussstörungen. Der Hund ist plötzlich schwer krank, erbricht, frisst nicht und setzt oft auffällig wenig Urin ab.

Das ist ein Notfall – und zugleich die Form, die im Gegensatz zur chronischen prinzipiell rückbildungsfähig ist, wenn früh und intensiv behandelt wird.

Die chronische Nierenerkrankung entwickelt sich dagegen über Monate bis Jahre, und der Schaden bleibt.


Ein Sonderfall verdient Erwähnung: Bei einem Hund mit chronisch vorgeschädigter Niere kann eine zusätzliche Belastung – Austrocknung, eine Narkose, ein Medikament – die Situation akut kippen lassen. Deshalb gehört eine bekannte Nierenerkrankung vor jeder Narkose auf den Tisch.


Welche Hunde betroffen sind und woher es kommt

Die chronische Nierenerkrankung ist in erster Linie eine Erkrankung des älteren Hundes – mit steigendem Alter nimmt die Häufigkeit deutlich zu. Sie kommt aber in jedem Alter vor, und bei einem jungen Hund mit Nierenwerten steht eine angeborene Fehlbildung oder eine Infektion weiter oben.

Häufige Wege dorthin:

Altersbedingter Nephronverlust, die mit Abstand häufigste Konstellation und meist ohne fassbare Einzelursache.

Vorausgegangene akute Schädigung – eine überstandene Vergiftung, ein Kreislaufeinbruch oder eine Leptospirose können bleibende Schäden hinterlassen, die Jahre später zur chronischen Erkrankung führen.

Erbliche Nierenerkrankungen, bei einzelnen Rassen beschrieben, unter anderem bei Cocker Spaniel, Bullterrier, Shar Pei und Berner Sennenhund. Sie treffen typischerweise junge Hunde.

Erkrankungen mit Eiweißverlust über die Niere, ausgelöst etwa durch chronische Infektionen oder Immunprozesse. Bei Hunden aus dem Mittelmeerraum gehört hier die Leishmaniose auf die Liste.

Zahn- und andere Dauerentzündungen werden als begünstigend diskutiert – belegt ist ein Zusammenhang, eine bewiesene Ursache-Wirkung-Kette beim Hund nicht.

Der wichtigste Punkt daraus: Bei einem jungen Hund mit auffälligen Nierenwerten wird anders gesucht als bei einem alten – dort geht es um eine behandelbare Ursache, hier meist um das Steuern eines Verlaufs.

Wie eingeteilt wird

Die international gebräuchliche Einteilung stammt von der International Renal Interest Society, kurz IRIS. Sie ordnet die Erkrankung in vier Stadien – und das ist mehr als Bürokratie, weil sich daran die Behandlung ausrichtet.

Die Zuordnung erfolgt über Kreatinin und SDMA, gemessen an einem stabilen, ausreichend mit Flüssigkeit versorgten Hund und in aller Regel zweimal, nachdem andere Ursachen ausgeschlossen wurden. Ein einzelner Wert an einem schlechten Tag ergibt kein Stadium.

Anschließend wird in zwei Richtungen untergliedert:

Nach Eiweiß im Urin. Gemessen wird das Verhältnis von Eiweiß zu Kreatinin im Urin.

Nach Blutdruck. Bluthochdruck ist bei Nierenerkrankungen häufig und schädigt Augen, Herz und die Niere selbst.

Diese beiden Zusatzangaben sind keine Feinheit: Sowohl ein erhöhter Eiweißverlust als auch ein erhöhter Blutdruck waren in Untersuchungen an nierenkranken Hunden mit einem höheren Risiko für Krisen und für den Tod verbunden. Beide sind zudem behandelbar – anders als der Nephronverlust selbst.

Dazu kommen Ultraschall und je nach Fall weitere Untersuchungen; im Bild zeigen sich bei chronischer Erkrankung typischerweise kleinere, hellere Nieren mit unscharfem inneren Aufbau.

Was tatsächlich wirkt: das Futter

Hier liegt die beste Nachricht des Artikels, und sie ist ungewöhnlich gut belegt.

Für die Nierendiät gibt es eine randomisierte, doppelt verblindete kontrollierte Studie beim Hund – eine Seltenheit in der Tiermedizin. 38 Hunde mit chronischer Nierenerkrankung wurden über bis zu 24 Monate entweder mit einem normalen Erhaltungsfutter oder mit einer Nierendiät gefüttert. Ergebnis: Bei Hunden mit leichter und mittelschwerer Erkrankung senkte die Nierendiät urämische Krisen und die Sterblichkeit, und die Nierenfunktion verschlechterte sich langsamer (Jacob et al. 2002).

Der Unterschied zwischen den Futtern war dabei erheblich: Die Nierendiät enthielt etwa die Hälfte des Eiweißes und rund ein Viertel des Phosphats des Erhaltungsfutters.

Nierendiäten sind typischerweise phosphatreduziert, im Eiweißgehalt angepasst bei gleichzeitig hoher Eiweißqualität, natriumreduziert, gepuffert gegen Übersäuerung und mit Omega-3-Fettsäuren angereichert.


Der wichtigste einzelne Hebel ist dabei nach heutigem Verständnis das Phosphat – und es lohnt zu verstehen, warum.

Kann die Niere Phosphat nicht mehr ausreichend ausscheiden, steigt der Spiegel im Blut. Der Körper reagiert mit einer vermehrten Ausschüttung von Parathormon aus den Nebenschilddrüsen, das den Wert wieder senken soll. Um das zu erreichen, holt es Kalzium aus den Knochen – mit zwei unerwünschten Folgen: Der Knochen wird schwächer, und Kalzium und Phosphat lagern sich in Weichteilen und in der Niere selbst ab. Diese Verkalkung schädigt die verbliebenen Nephrone weiter.

Die Phosphatkontrolle ist damit keine Feinjustierung, sondern der Versuch, einen sich selbst verstärkenden Kreislauf zu unterbrechen.

Beim Eiweiß kommt es dagegen auf das Stadium an, und hier wird oft zu früh zu viel gemacht. In den frühen Stadien steht die Phosphatkontrolle im Vordergrund; eine deutliche Eiweißsenkung ist vor allem dann angezeigt, wenn urämische Beschwerden bestehen, viel Eiweiß über den Urin verloren geht oder die Erkrankung fortgeschritten ist. Der Grund für die Zurückhaltung: Alte Hunde bauen ohnehin Muskulatur ab, und ein zu früher, zu strenger Eiweißentzug beschleunigt genau das – mit Folgen für Beweglichkeit, Immunlage und Lebensqualität. Deshalb gehört bei jedem Nierenpatienten die Muskulatur regelmäßig mitbeurteilt, nicht nur der Laborwert.

Zwei praktische Punkte entscheiden über den Erfolg.

Umstellung braucht Geduld. Nierenpatienten sind oft wählerisch, und ein abrupter Wechsel scheitert häufig. Angemischt über ein bis zwei Wochen, angewärmt, in mehreren kleinen Portionen.

Fressen schlägt Perfektion. Ein Hund, der die Nierendiät verweigert und deshalb gar nichts frisst, ist schlechter dran als einer, der etwas anderes frisst. Gewichtsverlust und Muskelabbau sind bei Nierenpatienten ein eigenständiges Problem – deshalb wird im Zweifel erst die Kalorienzufuhr gesichert und dann an der Zusammensetzung gearbeitet.


Die weiteren Bausteine

Neben dem Futter kommen je nach Stadium und Befund weitere Maßnahmen dazu.

Wasser, immer und überall. Ein nierenkranker Hund kann seinen Urin nicht mehr konzentrieren und verliert dadurch mehr Flüssigkeit. Mehrere Näpfe, unterwegs immer Wasser dabei, und niemals die Trinkmenge begrenzen – auch dann nicht, wenn nachts jemand raus muss.

Phosphatbinder, wenn die Diät allein den Phosphatwert nicht ausreichend senkt.

Blutdruckbehandlung bei nachgewiesenem Bluthochdruck.

Behandlung des Eiweißverlusts über den Urin.

Mittel gegen Übelkeit und Magenschutz bei entsprechenden Beschwerden – das verbessert die Lebensqualität oft mehr als alles andere.

Infusionen, in fortgeschrittenen Stadien teils auch als Unterhautgabe zu Hause, was viele Halter nach Anleitung gut hinbekommen.

Und was wegfällt: Bestimmte Medikamente belasten die Niere zusätzlich, allen voran entzündungshemmende Schmerzmittel. Bei einem nierenkranken Hund gehört jede Schmerzbehandlung neu bewertet – und Mittel aus der menschlichen Hausapotheke sind hier besonders gefährlich.

Wenn es kippt: die urämische Krise

Ein chronisch nierenkranker Hund kann über Jahre stabil bleiben – und dann innerhalb von Tagen entgleisen.

Zeichen dafür:

  • Erbrechen, oft mehrfach

  • Vollständige Futterverweigerung

  • Deutliche Abgeschlagenheit, Zittern

  • Austrocknung, schlechter Maulgeruch, Geschwüre im Maul

  • Deutlich weniger Urin als sonst

Das ist ein Fall für die Klinik. Häufig steckt ein zusätzlicher Auslöser dahinter – ein Infekt, eine Austrocknung, ein neues Medikament –, und wenn dieser behandelt wird, erholt sich der Hund oft wieder auf das vorherige Niveau.

Deshalb gilt: Nicht abwarten. Eine Krise, die früh aufgefangen wird, bedeutet oft nicht das Ende der Erkrankung, sondern eine Episode darin.

Was du zu Hause tun kannst

Miss die Trinkmenge über mehrere ruhige Tage und notiere sie. Steigt sie, ist das der früheste Hinweis auf eine Verschlechterung – oft Wochen vor dem nächsten Blutbild.

Wieg deinen Hund regelmäßig. Gewichtsverlust ist bei Nierenpatienten ein eigenständiger Risikofaktor und leicht zu übersehen.

Notiere Appetit und Erbrechen. Zwei Zeilen pro Woche reichen.

Sorge für Wasser überall und nimm es auf jeden Spaziergang mit.

Nutze den Seniorcheck. Ab etwa sieben bis acht Jahren gehören Blutbild und Urinuntersuchung zur jährlichen Kontrolle – der Urin ist der Teil, der am häufigsten weggelassen wird und am meisten früh zeigt.

Frag beim Blutbild nach SDMA, wenn es nicht ohnehin enthalten ist.

Melde jede neue Medikation – auch das, was für ein anderes Problem verschrieben wurde.

Prognose

Eine ehrliche Antwort lautet: sehr unterschiedlich.

Entscheidend sind das Stadium bei Diagnose, die Geschwindigkeit des Fortschreitens, das Ausmaß des Eiweißverlusts und der Blutdruck. Hunde, die früh erkannt und konsequent geführt werden, leben häufig noch Jahre mit guter Lebensqualität. Hunde, die erst im fortgeschrittenen Stadium auffallen, haben eine deutlich kürzere Aussicht.


Was sich nicht seriös sagen lässt, ist eine Zahl für den einzelnen Hund. Die berichteten Überlebenszeiten streuen selbst innerhalb eines Stadiums von wenigen Monaten bis zu mehreren Jahren.


Wichtiger als jede Prognose ist deshalb die Frage, wie es dem Hund heute geht – und da lässt sich in aller Regel viel bewegen.


Grenzen der Evidenz

Die Angaben, ab welchem Funktionsverlust Kreatinin beziehungsweise SDMA ansteigen, sind Orientierungsgrößen aus verschiedenen Untersuchungen, keine exakten Schwellen. Sie beschreiben die Richtung – dass Kreatinin spät und SDMA früher reagiert – zuverlässig, den genauen Prozentwert nicht.

Die zitierte Fütterungsstudie umfasste 38 Hunde. Für tiermedizinische Verhältnisse ist das eine gute Studie mit sauberem Design, im Vergleich zur Humanmedizin ist es eine kleine. Der Effekt zeigte sich zudem bei leichter und mittelschwerer Erkrankung; für fortgeschrittene Stadien ist die Datenlage dünner.

Die IRIS-Einteilung ist ein Konsensinstrument, das regelmäßig überarbeitet wird – Grenzwerte haben sich über die Jahre verschoben und werden es weiter tun.

Und die Prognoseangaben stammen aus Beobachtungsstudien an ausgewählten Patientengruppen, meist aus Überweisungskliniken. Sie sind auf den durchschnittlichen Praxispatienten nur begrenzt übertragbar.

Fazit

Die chronische Nierenerkrankung ist deshalb so tückisch, weil die Niere ihren eigenen Verfall lange verdeckt: Wenn der Kreatininwert zum ersten Mal auffällt, ist der Funktionsverlust meist schon weit fortgeschritten. Genau das macht den Urin und den früher reagierenden SDMA-Wert so wertvoll – und es macht den Seniorcheck mit Urinuntersuchung zur wirksamsten Einzelmaßnahme überhaupt. Heilbar ist die Erkrankung nicht, aber beeinflussbar: Die Maßnahme mit dem besten Beleg ist dabei keine Tablette, sondern das Futter. Und der beste Frühwarnwert für zu Hause ist derselbe wie bei den anderen Alterserkrankungen – die Trinkmenge, gemessen statt geschätzt.

Quellen

  • Jacob, F., Polzin, D. J., Osborne, C. A., Allen, T. A., Kirk, C. A., Neaton, J. D., Lekcharoensuk, C. & Swanson, L. L. (2002): Clinical evaluation of dietary modification for treatment of spontaneous chronic renal failure in dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association 220(8): 1163–1170. https://doi.org/10.2460/javma.2002.220.1163 (doppelt verblindete, randomisierte kontrollierte Studie an 38 Hunden über bis zu 24 Monate; Nierendiät gegenüber Erhaltungsfutter mit günstigem Effekt auf urämische Krisen und Sterblichkeit bei leichter und mittelschwerer Erkrankung sowie langsamerem Funktionsverlust; Nierendiät mit etwa halbem Eiweiß- und rund einem Viertel des Phosphatgehalts)

  • Jacob, F., Polzin, D. J., Osborne, C. A., Neaton, J. D., Lekcharoensuk, C., Allen, T. A., Kirk, C. A. & Swanson, L. L. (2003): Association between initial systolic blood pressure and risk of developing a uremic crisis or of dying in dogs with chronic renal failure. Journal of the American Veterinary Medical Association 222(3): 322–329. https://doi.org/10.2460/javma.2003.222.322

  • Jacob, F. et al. (2005): Evaluation of the association between initial proteinuria and morbidity rate or death in dogs with naturally occurring chronic renal failure. Journal of the American Veterinary Medical Association 226(3): 393–400. https://doi.org/10.2460/javma.2005.226.393

  • International Renal Interest Society (IRIS): IRIS Staging of CKD. http://www.iris-kidney.com/ (Einteilung in vier Stadien anhand von Kreatinin und SDMA am stabilen, ausreichend hydrierten Patienten und in der Regel bei zwei Messungen; Untergliederung nach Eiweißausscheidung im Urin und Blutdruck; nicht anwendbar bei akutem oder dekompensiertem Geschehen)

  • Treatment Guidelines for Chronic Kidney Disease in Dogs and Cats. Today's Veterinary Practice. https://todaysveterinarypractice.com/urology-renal-medicine/treatment-chronic-kidney-disease-dogs-cats/ (Kreatinin als vergleichsweise unempfindlicher Marker; Interpretation stets im Licht von Muskelmasse, Urinkonzentration und klinischem Befund; SDMA ergänzend zur früheren Erkennung)

Häufige Fragen zu Niereninsuffizienz beim Hund



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