Überimitation bei Hunden: Warum Hunde Überflüssiges nachmachen
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 5. Feb.
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Das Wichtigste zuerst: Überimitation bedeutet, Handlungsschritte nachzumachen, die für das Ziel gar nicht nötig sind. Lange galt das als typisch menschlich – und das Überraschende ist: Ausgerechnet Große Menschenaffen, unsere nächsten Verwandten, lassen unnötige Schritte in der Regel weg. Der Hund gehört dagegen zu den wenigen nicht-menschlichen Arten, bei denen Überimitation in experimentellen Aufgaben nachgewiesen wurde. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass Hunde kausal irrelevante Handlungen kopieren – besonders dann, wenn ihre eigene Bezugsperson sie vormacht, teils sogar noch, nachdem sie das Futter längst haben.
Gleichzeitig kopieren Hunde nicht blind: In anderen Aufgaben handeln sie ausgesprochen effizient. Wie die Überimitation zu deuten ist – soziale Motivation oder Verständnisgrenze –, ist offen.
👉 Die Grundlagen dazu: Soziales Lernen beim Hund

Was Überimitation bedeutet
Überimitation beschreibt ein Verhalten, bei dem ein Individuum nicht nur zielrelevante Handlungen nachahmt, sondern auch irrelevante oder ineffiziente Schritte.
Das klassische Beispiel stammt aus der Entwicklungspsychologie: Ein Erwachsener zeigt einem Kind eine Box, aus der ein Spielzeug geholt werden kann. Bevor er sie öffnet, klopft er mehrfach mit einem Stab darauf – obwohl das Klopfen den Mechanismus gar nicht beeinflusst. Viele Kinder kopieren später alle Schritte, das Klopfen eingeschlossen.
Funktional ist das ineffizient. Sozial ergibt es Sinn: Kinder deuten solche Handlungen offenbar als soziale Regel, als „so macht man das". Lange galt dieses Verhalten deshalb als typisch menschlich.
Im Tierreich ist Überimitation selten
Hier liegt der erste verbreitete Irrtum. Populär heißt es oft, kluge Tierarten würden alle überimitieren. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.
Große Menschenaffen kopieren unnötige Schritte in aller Regel nicht. Sie konzentrieren sich auf das Ergebnis – Fachbegriff: sie emulieren. Sie sehen, was erreicht werden soll, und suchen den kürzesten Weg dorthin.
Genau das macht den Befund beim Hund bemerkenswert. Der Hund ist eine der wenigen nicht-menschlichen Arten, bei denen Überimitation in experimentellen Aufgaben überhaupt gezeigt werden konnte. Vereinzelte Befunde gibt es auch bei anderen Arten, sie sind aber seltener und stärker umstritten.
„Einzigartig menschlich" ist das Phänomen damit nicht mehr. Weit verbreitet aber ebenso wenig – und die interessante Frage lautet nicht mehr, ob Hunde überimitieren, sondern wann und warum.
Was wie Nachahmung aussieht, aber keine ist
Bevor es weitergeht, eine Abgrenzung, die im Alltag mehr Missverständnisse aufklärt als alles andere in diesem Artikel. Vieles, was Halter als Nachahmung deuten, ist etwas Einfacheres.
Aufmerksamkeitslenkung auf einen Ort. Du gehst zum Schrank, dein Hund geht danach auch zum Schrank. Das ist keine Nachahmung einer Handlung, sondern die Wirkung deiner Bewegung auf seine Aufmerksamkeit – der Ort ist interessant geworden, nicht die Handlung. Fachlich heißt das lokale Verstärkung.
Aufmerksamkeitslenkung auf einen Gegenstand. Du hantierst mit einem Spielzeug, dein Hund nimmt es anschließend. Auch hier hat er nichts kopiert, sondern erfahren, dass dieser Gegenstand relevant ist.
Stimmungsübertragung. Ein Hund fängt an zu bellen, der andere bellt mit. Hier wird keine Handlung kopiert und keine Idee übernommen – es überträgt sich der emotionale Zustand. Der Fachbegriff lautet emotionale Ansteckung. Das ist ein alter, reflexnaher Mechanismus, den viele soziale Arten zeigen, und er läuft schneller ab als jede Form von Lernen.
Für Mehrhundehaushalte ist das der praktisch wichtigste Punkt der ganzen Aufzählung: Was sich an der Haustür überträgt, ist nicht die Absicht zu bellen, sondern die Erregung. Deshalb hilft es auch wenig, dem Zweithund das Bellen abzugewöhnen, solange der Erste weiter hochfährt.
👉 Emotional Contagion in Dogs (englisch) · Der Hund als Spiegel des Menschen
Zufällige Übereinstimmung. Zwei Wesen im selben Raum tun oft dasselbe, weil dieselben Bedingungen auf sie wirken. Beide gehen zur Tür, wenn es klingelt.
Der Unterschied ist nicht akademisch. Echte Imitation heißt: Der Hund übernimmt die Art und Weise, wie etwas getan wurde, obwohl ein anderer Weg zum selben Ziel führen würde. Genau deshalb sind die Versuchsaufbauten in der Forschung so umständlich konstruiert – sie müssen alle einfacheren Erklärungen ausschließen, bevor sie von Imitation sprechen dürfen.
Wenn dein Hund also „genau macht, was du machst", lohnt die Rückfrage: Hätte er auf einem anderen Weg dasselbe erreicht? Wenn nein, ist es wahrscheinlich keine Imitation.
Was die Studien zeigen
Die Forschung zum Imitationslernen beim Hund stammt maßgeblich aus dem Wiener Umfeld um Ludwig Huber, Friederike Range und Claudia Fugazza.
Hunde können gezielt nachahmen
Dass Hunde menschliche Handlungen überhaupt gezielt reproduzieren können, zeigte zuerst eine Arbeit von Topál und Kollegen (2006) – wobei der Titel die wichtigste Einschränkung schon nennt: Es ging um einen einzelnen Hund, einen Assistenzhund mit jahrelanger Erfahrung im Nachahmen. Systematisch untersucht wurde die Methode erst später (Fugazza & Miklósi, 2014).
Beim „Do as I do"-Training lernt der Hund ein Signal, das bedeutet: Mach es nach. Er beobachtet eine Handlung seines Menschen – etwa das Öffnen einer Schublade – und führt sie anschließend selbst aus.
Die eigentliche Leistung liegt dabei eine Ebene höher, als es aussieht. Der Hund lernt nicht zwanzig einzelne Handlungen, die er auf zwanzig Signale hin abruft. Er lernt eine übergeordnete Regel: Schau, was gerade getan wurde, und finde in deinem eigenen Bewegungsrepertoire die Entsprechung. Fachlich ist das Regel-Lernen oder Konzepthandeln.
Der Test dafür ist die Übertragung auf Neues. Ein Hund, der nur einzelne Verknüpfungen gelernt hätte, könnte eine nie zuvor gezeigte Handlung nicht nachmachen. Genau das gelingt aber – und darin liegt der Unterschied zwischen echter Nachahmung und bloßer Konditionierung.
Hunde können also spezifische Aktionen erkennen und gezielt reproduzieren. Das lässt sich im Tricktraining direkt nutzen.
Hunde kopieren nicht blind
Der wichtigste Befund gegen die Vorstellung vom blinden Nachmachen stammt von Range, Viranyi und Huber (2007) – und er ist deutlicher, als er meist wiedergegeben wird.
Der Aufbau: Hunde sollten einen Behälter öffnen, indem sie an einem Stab zogen. Von sich aus benutzen Hunde dafür das Maul. Die Demonstratorin – und das ist wichtig, denn hier war es ein anderer Hund, kein Mensch – war darauf trainiert, stattdessen die Pfote zu benutzen.
Die eine Gruppe sah eine Demonstratorin, die dabei einen Ball im Maul trug. Der umständliche Weg über die Pfote hatte also einen erkennbaren Grund. Die andere Gruppe sah dieselbe Handlung mit freiem Maul – kein Grund erkennbar.
Das Ergebnis war eindeutig. Ohne erkennbaren Grund kopierten gut 83 Prozent der Hunde die umständliche Pfotenmethode. War der Grund sichtbar, taten es nur rund 21 Prozent – die anderen wählten den effizienteren eigenen Weg.
Hunde imitieren also selektiv und kontextabhängig. Sie fragen gewissermaßen, ob der ungewöhnliche Weg einen Sinn hatte – und wenn ja, machen sie es besser.
Und doch: Hunde überimitieren
Der überraschende Teil kommt in Aufgaben, die gezielt dafür gebaut wurden. Dort kopieren Hunde sehr wohl kausal irrelevante Handlungen.
Johnston und Kollegen (2017) zeigten das für Handlungen eines fremden Experimentators. Huber und Kollegen (2018) fanden, dass ein beachtlicher Teil der Hunde eine überflüssige Handlung ihrer eigenen Bezugsperson nachmachte.
Besonders aufschlussreich ist die Folgearbeit (Huber et al., 2020): Wurde dieselbe unnötige Handlung von einer fremden Person statt vom vertrauten Menschen gezeigt, kopierten sie nur noch sehr wenige Hunde. Es kommt also entscheidend darauf an, wer demonstriert.
Zwei weitere Befunde derselben Gruppe schärfen das Bild. Das Ausmaß der Überimitation hängt mit der Qualität der Mensch-Hund-Beziehung zusammen (Huber et al., 2022). Und viele Hunde führten die überflüssige Handlung sogar noch aus, nachdem sie das Futter bereits hatten (Mackie & Huber, 2023) – der Nutzen kann es also nicht gewesen sein.
Selbst Welpen kopierten menschliche Handlungen teilweise spontan, ganz ohne Futterbelohnung (Fugazza et al., 2023).
Warum überimitieren Hunde?
Die Befunde deuten darauf hin, dass Überimitation beim Hund weniger dem Nutzen dient als der sozialen Beziehung.
Drei Beobachtungen sprechen dafür: Hunde kopieren vor allem die Bezugsperson. Die Beziehungsqualität spielt eine Rolle. Und sie zeigen die irrelevanten Schritte selbst dann, wenn das eigentliche Ziel bereits erreicht ist.
Die Autoren der jüngsten dieser Arbeiten beschreiben den Effekt als Social Priming – soziale Vorbahnung (Mackie & Huber, 2023). Gemeint ist damit, dass Anwesenheit und vorangegangene Interaktion mit dem vertrauten Menschen ein soziales Motivationssystem in Gang setzen, das die rein zweckgerichtete Motivation überlagert: Der Hund handelt dann nicht mehr primär, um an Futter zu kommen, sondern um mit seinem Menschen im gemeinsamen Tun zu bleiben.
Das ist die Deutung dieser Arbeitsgruppe für ihren eigenen Befund, kein durchgehend etablierter Mechanismus.
Damit ist die Frage aber nicht entschieden, und das ist wichtig. Dass ein Hund die überflüssige Handlung nach dem Futtererfolg noch ausführt, spricht deutlich gegen reine Nutzenmotivation – es schließt aber nicht aus, dass er die Handlung für einen notwendigen Teil der Abfolge hält. Beide Erklärungen sagen dasselbe Verhalten vorher. Die vorliegenden Aufbauten verschieben das Gewicht Richtung soziale Motivation; trennen können sie die Alternativen nicht.
Wichtig ist außerdem eine Abgrenzung, die häufig unterschlagen wird: Kinder überimitieren, um soziale Regeln und Zugehörigkeit zu lernen. Beim Hund fehlt der Beleg, dass dieselben Prozesse dahinterstehen. Ähnliches Verhalten sagt nichts über identische Ursachen.
Imitation und Emulation sind kein Entweder-oder
In der Forschung wird unterschieden zwischen Imitation – die exakte Handlung wird kopiert – und Emulation – nur das Ziel wird übernommen, der Weg dahin frei gewählt.
Hunde nutzen beides, je nach Kontext. In vielen Problemlösesituationen handeln sie effizient und emulieren. In sozial aufgeladenen Situationen mit der Bezugsperson zeigen sie dagegen Überimitation.
Das ist kein Widerspruch, sondern flexible Nutzung sozialer Information. Und es passt zu einem größeren Muster: Die Stärke des Hundes liegt im Sozialen, nicht im rein physikalischen Problemlösen.
Die Rolle der Domestikation
Hunde haben sich über Jahrtausende an das Leben mit Menschen angepasst und dabei eine ausgeprägte Fähigkeit entwickelt, menschliche Gesten, Blicke und Aufmerksamkeit zu lesen.
Diese Ausrichtung auf den Menschen könnte erklären, warum Hunde – anders als Menschenaffen – überhaupt geneigt sind, menschliche Handlungen so genau zu kopieren, dass sie sogar Überflüssiges übernehmen. Überimitation wäre dann eine Art Nebenprodukt der besonders engen sozialen Orientierung.
Das ist allerdings eine plausible Erzählung, keine geprüfte Hypothese. Die Domestikationserklärung wird in der Verhaltensforschung derzeit an vielen Stellen zurückhaltender formuliert als noch vor zehn Jahren, weil sich Unterschiede zwischen Hunden und Wölfen häufig auch durch Lebenserfahrung und Aufzuchtbedingungen erklären lassen.
Der Befund, der die Erzählung stört
Es gibt einen Vergleich, der selten zusammen mit der Überimitation erwähnt wird, obwohl er direkt dazugehört.
Werden Wölfe und Hunde unter vergleichbaren Bedingungen aufgezogen und beobachten sie einen Artgenossen bei einer Aufgabe, schneiden die Wölfe beim Nachahmen besser ab als die Hunde (Range & Virányi, 2014). Nicht schlechter – besser.
Das passt schlecht zu der Vorstellung, Domestikation habe die Nachahmungsfähigkeit hervorgebracht. Eine mögliche Auflösung: Domestikation hat die Fähigkeit nicht erzeugt, sondern umgelenkt. Was beim Wolf dem Rudel gilt, gilt beim Hund dem Menschen.
Diese Lesart ist mit den Befunden verträglich – bewiesen ist sie nicht. Sie zeigt aber, warum man mit der bequemen Formel „das kommt von der Domestikation" vorsichtig sein sollte: Sie erklärt im Nachhinein fast alles und sagt kaum etwas vorher.
Lernt der Zweithund vom Ersten?
Die Frage kommt in fast jedem Beratungsgespräch zum Zweithund, meist mit großer Hoffnung verbunden. Die Antwort ist zweigeteilt.
Ja, Hunde lernen von Artgenossen. Das ist gut belegt – die Untersuchung mit der Pfotenmethode ist genau dafür ein Beispiel. Ein Hund kann von einem anderen übernehmen, wo etwas zu holen ist, wie ein Mechanismus funktioniert oder dass eine Situation ungefährlich ist.
Nein, Signale und Regeln übertragen sich nicht. Ein Rückruf, ein Bleiben, ein ruhiges Verhalten an der Leine – das sind Verknüpfungen zwischen einem Signal und einer Konsequenz, die jeder Hund für sich aufbauen muss. Der Zweithund sieht, dass der Erste auf ein Wort hin herankommt und Futter bekommt. Was er nicht sieht, ist die Bedeutung des Wortes für ihn selbst.
Und es gibt eine Kehrseite, die häufiger eintritt als die erhoffte: Was sich zuverlässig überträgt, sind Verhaltensweisen mit unmittelbarem eigenem Nutzen oder starker emotionaler Beteiligung. Bellen am Zaun. Hinterherlaufen. Aufregung bei Besuch. Diese Dinge lernt der Zweithund oft schneller, als der Erste sie verlernt.
Praxisbezug: Eine Familie holte sich einen Junghund in der Hoffnung, er würde sich das entspannte Alleinbleiben beim älteren Rüden abschauen. Nach sechs Wochen bellte der Ältere mit. Wir haben das Alleinbleiben mit beiden getrennt neu aufgebaut, erst einzeln, dann zusammen. Soziales Lernen funktioniert in beide Richtungen – und die unerwünschte ist meistens die schnellere, weil sie sich für den Hund sofort auszahlt.
Was das fürs Training bedeutet
Demonstrationen wirken – aber nicht mechanisch. Hunde erfassen oft das Ziel einer Handlung und kopieren nicht zwangsläufig jeden Schritt. Zeig also klar, worum es geht, statt auf exakte Bewegungsübernahme zu setzen.
Die Beziehung ist ein Lernfaktor, kein Beiwerk. Dass Hunde vor allem ihre vertraute Bezugsperson nachahmen und dass die Beziehungsqualität dabei eine Rolle spielt, ist einer der wenigen Befunde, die das direkt zeigen.
„Do as I do" gezielt nutzen. Die Methode setzt genau an dieser Nachahmungsfähigkeit an und eignet sich besonders für Hunde mit enger Bindung an ihren Menschen.
Eigene Lösungswege zulassen. Dass viele Hunde effizientere eigene Strategien finden, ist kein Ungehorsam, sondern ein Zeichen dafür, dass der Hund die Aufgabe verstanden hat.
Und eine unbequeme Konsequenz: Wenn Hunde auch Überflüssiges von uns übernehmen, übernehmen sie möglicherweise auch Anspannung, Hektik und unbeabsichtigte Bewegungsmuster. Was du beim Training tust, wirkt nicht nur über das, was du beabsichtigst.
👉 Moderne Lerntheorie in der Hundeerziehung · Gewaltfreies Hundetraining · Erregungsregulation beim Hund
Was die Forschung nicht zeigt
Die Deutung ist offen. Ob Überimitation beim Hund sozial motiviert ist oder teils auf einem Missverständnis von Ursache und Wirkung beruht, ist nicht entschieden.
Kein Gleichsetzen mit menschlichem Normenlernen. Kinder überimitieren, um soziale Regeln zu lernen. Beim Hund fehlt der Beleg für dieselben Prozesse.
Begrenzte Datenbasis. Ein Großteil der Belege stammt aus wenigen Arbeitsgruppen mit überschaubaren Stichproben. Die Effekte sind real, aber moderat und variabel.
Große individuelle Unterschiede. Ob ein Hund überimitiert, hängt von Bindung, Erfahrung und Persönlichkeit ab. Ein Artmerkmal, das jeder Hund zeigt, ist es nicht.
Vieles, was wie Nachahmung aussieht, ist keine. Lokale Verstärkung, Stimmungsübertragung und zufällige Übereinstimmung erklären den Großteil der Alltagsbeobachtungen.
Social Priming entscheidet die Deutungsfrage nicht. Der Befund verschiebt das Gewicht Richtung soziale Motivation, schließt eine kausale Fehleinschätzung durch den Hund aber nicht aus.
Signale übertragen sich nicht von Hund zu Hund. Was ein Zweithund übernimmt, sind Orte, Gelegenheiten und Erregung – nicht die Bedeutung eines Signals.
Die Domestikationserklärung ist nicht geprüft. Sie ist plausibel und passt zu den Befunden, ist aber nicht gegen Alternativen getestet.
Fazit
Die Vorstellung, Hunde seien reine Effizienz-Pragmatiker, die Überflüssiges einfach weglassen, greift zu kurz. Der Hund gehört zu den wenigen Tierarten, bei denen Überimitation in experimentellen Aufgaben nachgewiesen wurde – und zwar in einer Form, die stark davon abhängt, wer demonstriert.
Gleichzeitig kopieren Hunde nicht blind. Sie wägen ab, richten sich häufig nach dem Ziel und finden eigene Wege.
Das macht Hunde zu flexiblen sozialen Lernern: mal effizient und zielorientiert, mal sozial mitmachend, weil die Beziehung zählt. Für die Praxis heißt das vor allem eines – die Bindung ist nicht nur nett, sondern ein Motor des Lernens.
Weiterführend auf Englisch
👉 Social Learning in Dogs · Attachment Styles in Dogs · Canine Causal Reasoning · Do Dogs Understand Human Gestures? · Behavioral Flexibility in Dogs
Quellen
Fugazza, C., & Miklósi, Á. (2014). Should old dog trainers learn new tricks? The efficiency of the Do as I do method and shaping/clicker training method to train dogs. Applied Animal Behaviour Science, 153, 53–61. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2014.01.009
Fugazza, C., Temesi, A., Coronas, R., Uccheddu, S., Gácsi, M., & Pogány, Á. (2023). Spontaneous action matching in dog puppies, kittens and wolf pups. Scientific Reports, 13, 2094. https://doi.org/10.1038/s41598-023-28959-5
Huber, L., Popovová, N., Riener, S., Salobir, K., & Cimarelli, G. (2018). Would dogs copy irrelevant actions from their human caregiver? Learning & Behavior, 46(4), 387–397. https://doi.org/10.3758/s13420-018-0336-z
Huber, L., Salobir, K., Mundry, R., & Cimarelli, G. (2020). Selective overimitation in dogs. Learning & Behavior, 48(1), 113–123. https://doi.org/10.3758/s13420-019-00400-w
Huber, L., Kubala, D., & Cimarelli, G. (2022). Overimitation in dogs: Is there a link to the quality of the relationship with the caregiver? Animals, 12(3), 326. https://doi.org/10.3390/ani12030326
Johnston, A. M., Holden, P. C., & Santos, L. R. (2017). Exploring the evolutionary origins of overimitation: A comparison across domesticated and non-domesticated canids. Developmental Science, 20(4), e12460. https://doi.org/10.1111/desc.12460
Mackie, L., & Huber, L. (2023). Socially priming dogs in an overimitation task. Frontiers in Psychology, 14, 1063132. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1063132
Range, F., & Virányi, Z. (2014). Wolves are better imitators of conspecifics than dogs. PLOS ONE, 9(1), e86559. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0086559
Range, F., Viranyi, Z., & Huber, L. (2007). Selective imitation in domestic dogs. Current Biology, 17(10), 868–872. https://doi.org/10.1016/j.cub.2007.04.026
Topál, J., Byrne, R. W., Miklósi, Á., & Csányi, V. (2006). Reproducing human actions and action sequences: „Do as I do!" in a dog. Animal Cognition, 9(4), 355–367. https://doi.org/10.1007/s10071-006-0051-6
Einordnung der Quellenlage
Die Angaben zu Range, Viranyi und Huber (2007) wurden gegen die Publikation geprüft. Zu ergänzen ist ein Detail, das in populären Wiedergaben regelmäßig fehlt: Die Demonstration erfolgte durch einen Artgenossen, nicht durch einen Menschen. Die Studie belegt damit selektive Imitation zwischen Hunden; die Übertragung auf Mensch-Hund-Demonstrationen ist naheliegend, aber nicht Gegenstand dieser Arbeit. Die Anteile lagen bei rund 83 Prozent (kein erkennbarer Grund) gegenüber rund 21 Prozent (Grund erkennbar).
Topál et al. (2006) ist eine Einzelfallstudie – der Titel weist selbst auf einen einzelnen Hund hin. Die Arbeit belegt, dass die Fähigkeit vorkommt, nicht wie verbreitet sie ist. Systematische Untersuchungen zur Methode folgten später.
Die Befunde zur Überimitation stammen überwiegend aus einer Forschungsgruppe in Wien. Das ist keine Kritik an der Qualität der Arbeiten, aber eine relevante Einschränkung: Unabhängige Replikationen aus anderen Arbeitsgruppen liegen bislang in geringer Zahl vor. Johnston et al. (2017) ist eine der wenigen Arbeiten aus anderem Umfeld.
Die Stichproben der einzelnen Arbeiten sind überwiegend klein bis mittelgroß; die berichteten Effekte sind moderat und mit erheblicher individueller Streuung. Aussagen im Text sind deshalb bewusst als Anteile und Tendenzen formuliert, nicht als Regel für den einzelnen Hund.
Der Abschnitt zur Domestikation gibt eine in der Literatur diskutierte Erklärung wieder, die nicht gegen Alternativen geprüft wurde. Range und Virányi (2014) fanden bei vergleichbar aufgezogenen Tieren eine bessere Nachahmungsleistung von Wölfen gegenüber Artgenossen als bei Hunden. Die im Text angebotene Auflösung – Domestikation habe die Fähigkeit nicht erzeugt, sondern auf den Menschen umgelenkt – ist mit den Befunden verträglich, aber nicht eigens geprüft.
Die Abgrenzung zwischen echter Imitation und einfacheren Mechanismen (lokale Verstärkung, Reizhervorhebung, emotionale Ansteckung) gibt Lehrbuchwissen der vergleichenden Verhaltensforschung wieder und ist nicht einzeln zitiert.
Der Begriff Social Priming stammt aus dem Titel der Arbeit von Mackie und Huber (2023). Er benennt den beobachteten Effekt, liefert aber keine Entscheidung zwischen sozialer Motivation und kausaler Fehleinschätzung: Beide Erklärungen sagen dasselbe Verhalten vorher. Formulierungen, wonach die Studie eine kognitive Fehldeutung ausschließe, gehen über den Befund hinaus.
Die Darstellung des „Do as I do"-Protokolls als Regel-Lernen folgt der Argumentation der einschlägigen Arbeiten: Entscheidend ist die Übertragung auf zuvor nicht trainierte Handlungen, die sich mit einer Kette einzelner konditionierter Verknüpfungen nicht erklären ließe.
Die Aussagen zum Lernen zwischen Hunden stützen sich auf die allgemeine Befundlage zum sozialen Lernen. Kontrollierte Untersuchungen speziell zur Frage, welche Verhaltensweisen sich in Mehrhundehaushalten übertragen und welche nicht, liegen nach unserer Recherche nicht vor; die Unterscheidung folgt lernpsychologischen Grundlagen und praktischer Erfahrung.
Die Trainingsempfehlungen beruhen auf lernpsychologischen Grundlagen und praktischer Erfahrung, nicht auf Interventionsstudien.
Häufige Fragen zu Überimitation bei Hunden
Überimitation bei Hunden. Wie Hunde durch Nachahmung lernen – Studien, Unterschiede zum Menschen und was das fürs Training bedeutet

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