Bindungsstile beim Hund: Was der Strange-Situation-Test zeigt — und was nicht
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 26. Juli
- 11 Min. Lesezeit
Dass Hunde eine Bindung zu ihren Menschen aufbauen, bestreitet niemand. Umstritten ist etwas anderes: ob sich diese Bindung in Stile einteilen lässt — sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent — wie beim menschlichen Säugling.
Die Übertragung erfolgte 1998. Topál und Kollegen beobachteten 51 Halter-Hund-Paare in einer angepassten Fassung von Ainsworths Strange Situation Test und fanden Muster von Bindungsverhalten gegenüber dem Halter (Topál, Miklósi, Csányi & Dóka, 1998). Seither ist das Verfahren zum Standard geworden.
Fünfzehn Jahre später prüfte eine schwedische Gruppe eine Voraussetzung, die bis dahin niemand kontrolliert hatte — und fand ein Problem, das den wichtigsten Einzelbefund des Tests betrifft (Rehn, McGowan & Keeling, 2013). Dieser Artikel behandelt beides: was die Bindungsforschung beim Hund gezeigt hat und warum ihre methodische Grundlage schwächer ist als angenommen.
Zur Bindung als Regulationsgröße bei Trennung: Trennungsangst beim Hund: Panik, Frustration, Langeweile

1. Was Bindung bezeichnet
1.1 Bindung als Regulationssystem
In der Verhaltensbiologie wird Bindung zunächst funktional beschrieben und nicht ausschließlich über subjektives Erleben definiert: Sie bezeichnet eine Beziehung, in der die Anwesenheit einer bestimmten Person die Stressantwort dämpft und Explorationsverhalten ermöglicht.
Daraus folgt die zentrale Prüfgröße. Wenn eine Person als sichere Basis wirkt, sollte das Tier in ihrer Anwesenheit mehr erkunden als in Anwesenheit einer fremden Person. Genau dieser Effekt steht im Zentrum der Bindungsdiagnostik — und genau er ist beim Hund problematisch.
1.2 Die Kriterien
Als Bindung im engeren Sinn gilt eine Beziehung, die vier Merkmale erfüllt: das Aufsuchen von Nähe, Belastung bei Trennung, Beruhigung bei Wiedervereinigung und die Nutzung der Person als Ausgangspunkt für Erkundung. Die ersten drei sind beim Hund gut dokumentiert. Das vierte ist der strittige Punkt.
Warum ausgerechnet das vierte? Weil die ersten drei auch durch eine einfachere Erklärung gedeckt wären: Der Hund hat gelernt, dass diese Person Ressourcen, Zugang und Sicherheit vermittelt. Erst das vierte Kriterium verlangt mehr — nämlich, dass die bloße Anwesenheit den inneren Zustand so verändert, dass anderes Verhalten möglich wird. Das ist der Unterschied zwischen einer wichtigen Person und einer Bindungsfigur.
Zur praktischen Seite des Beziehungsaufbaus: Bindung zum Hund stärken
1.3 Abgrenzung zu Zuneigung
Bindung im Fachsinn deckt sich nicht zwangsläufig mit dem, was Halter als gute Beziehung beschreiben. Ein Hund kann seinen Menschen deutlich bevorzugen, ohne dass dessen Anwesenheit die Stressantwort messbar dämpft — und umgekehrt kann eine belastete Beziehung eine starke Bindung sein.
Diese Unterscheidung ist praktisch bedeutsam, weil Halter das Wort in der ersten Bedeutung verwenden und die Forschung in der zweiten.
Zur Trennung von Beobachtung und Zuschreibung: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
2. Der Test und seine Übertragung
2.1 Die Strange Situation
Das Verfahren stammt aus der Säuglingsforschung und besteht aus einer festen Abfolge kurzer Episoden in einem unbekannten Raum: Das Kind ist mit der Bezugsperson allein, eine fremde Person kommt hinzu, die Bezugsperson geht, kommt zurück, geht erneut, und so fort. Beurteilt wird vor allem das Verhalten bei der Wiedervereinigung.
Der Aufbau ist bewusst belastend — er soll das Bindungssystem aktivieren, weil sich Bindungsverhalten nur unter milder Beanspruchung zeigt. Ein völlig entspanntes Individuum sucht keine sichere Basis, weil es keine braucht. Genau diese Eigenschaft macht das Verfahren aussagekräftig und zugleich heikel: Es erzeugt den Zustand, den es misst.
2.2 Die Anwendung auf den Hund
Topál und Kollegen übertrugen dieses Vorgehen auf 51 Halter-Hund-Paare. Ihr Ergebnis: Erwachsene Hunde zeigen gegenüber dem Halter Verhaltensmuster, die den beim Kind beschriebenen entsprechen (Topál et al., 1998).
Ein Nebenbefund derselben Arbeit wird selten mitzitiert und ist bemerkenswert: Die Variabilität zwischen den Hunden war erheblich, aber Geschlecht, Alter, Haltungsbedingungen und Rasse hatten auf die meisten Verhaltensvariablen keinen Einfluss.
Zur Frage, wie viel die Rasse überhaupt erklärt: Temperament und Coping-Stile beim Hund
2.3 Was gefunden wurde
In der Folge wurde das Verfahren breit eingesetzt. Berichtet wurden unter anderem: mehr Nähesuche zum Halter als zu Fremden, mehr Belastungszeichen in dessen Abwesenheit, intensivere Begrüßung bei Rückkehr — und eben mehr Exploration in Anwesenheit des Halters, der klassische Sichere-Basis-Effekt.
Eine verwandte Forschungslinie verglich Hunde mit von Hand aufgezogenen Wölfen und unterschiedlich sozialisierten Welpen (Topál et al., 2005). Sie ist für die Domestikationsfrage bedeutsam, weil sie prüft, ob das Bindungsverhalten gegenüber Menschen eine Besonderheit des Hundes ist oder aus der Aufzucht folgt.
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3. Das Reihenfolgeproblem
3.1 Der Kontrollversuch
Rehn und Kollegen prüften eine Voraussetzung, die im Aufbau steckt: In der Standardfassung erscheint die vertraute Person immer an derselben Stelle der Episodenfolge, die fremde Person an einer anderen. Damit ist der Personenunterschied mit der Reihenfolge verwechselt.
Sie testeten zwölf Beagle-Hündinnen zweimal. In der einen Bedingung nahmen eine vertraute und eine fremde Person teil. In der Kontrollbedingung nahmen zwei fremde Personen teil — Fremde A an der Position der vertrauten Person, Fremde B an der Position der Fremden (Rehn, McGowan & Keeling, 2013).
3.2 Was gefunden wurde
In der ersten Bedingung trat das erwartete Ergebnis ein: Die Hunde explorierten mehr in Anwesenheit der vertrauten Person. In der Kontrollbedingung explorierten sie aber ebenfalls mehr in Anwesenheit von Fremder A als von Fremder B — obwohl beide fremd waren.
Der Schluss der Autoren: Der Effekt der vertrauten Person auf das Explorationsverhalten — das Schlüsselmerkmal zur Beurteilung sicherer Bindung — ließ sich aufgrund der Reihenfolge nicht zuverlässig prüfen. Sie fordern, künftig ausschließlich ausbalancierte Fassungen zu verwenden.
Zur methodischen Grundfrage: Hundeverhalten messbar machen
3.3 Was bestehen bleibt
Der Befund entwertet nicht die gesamte Bindungsforschung. Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass die Hunde verlässlich mehr Kontakt zur vertrauten Person aufnahmen als zu Fremden — dieser Unterschied ist von der Reihenfolge nicht betroffen.
Ihre Empfehlung lautet deshalb, sich auf das Wiedervereinigungsverhalten zu konzentrieren statt auf das Explorationsverhalten. Damit bleibt Bindung messbar — nur eben nicht über den Weg, der die Stileinteilung trägt.
Die Erklärung für den Reihenfolgeeffekt ist naheliegend und macht ihn umso schwerer zu umgehen: Mit jeder Episode ist der Raum weniger unbekannt. Ein Hund exploriert in der vierten Minute mehr als in der ersten, unabhängig davon, wer anwesend ist. Wer die vertraute Person immer an derselben späteren Stelle einsetzt, misst also Gewöhnung mit.
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4. Bindungsstile beim Hund
4.1 Die Übertragung der Kategorien
Aus der Säuglingsforschung stammen drei Grundmuster: sicher, unsicher-vermeidend und unsicher-ambivalent. Die Zuordnung erfolgt fast ausschließlich über das Verhalten bei der Wiedervereinigung — nicht über die Trennungsreaktion, was regelmäßig verwechselt wird.
Beim Hund wurden entsprechende Klassifikationsverfahren entwickelt und angewendet. Wie belastbar die Zuordnung ist, hängt allerdings daran, wie gut die zugrundeliegenden Kriterien übertragbar sind.
Ein Beispiel zeigt die Schwierigkeit. Ein Hund, der bei der Rückkehr des Halters ruhig liegen bleibt, würde nach Säuglingskriterien als vermeidend eingeordnet. Beim Hund kann dasselbe Verhalten aber Ausdruck guter Gewöhnung an Trennungen sein — oder von Verhaltensunterdrückung. Drei sehr verschiedene Zustände, ein Verhaltensbild.
Zur Verhaltensunterdrückung als Deutungsfalle: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund
4.2 Wie belastbar die Zuordnung ist
Hier ist Zurückhaltung angebracht. Aus dem Reihenfolgeproblem folgt, dass ausgerechnet das Kriterium, das „sicher“ von „unsicher“ trennen soll — die Nutzung der Person als sichere Basis für Exploration —, in der Standardfassung nicht sauber erhoben wird.
Die Kategorien lassen sich damit vergeben, aber ihre Trennschärfe ist ungeklärt. Für den Einzelfall folgt daraus dieselbe Einschränkung wie bei anderen Verfahren dieses Clusters: Gruppenvergleich ja, individuelle Etikettierung nein.
Zur Parallele beim Stimmungsmaß: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen
4.3 Der Einwand gegen das Säuglingsmodell
Es existiert eine grundsätzlichere Kritik: Der Vergleich mit dem menschlichen Säugling sei unpassend, weil ein erwachsener Hund kein unreifes Individuum ist, sondern ein sozial und emotional erwachsenes. Aus dieser Sicht wären Trennungsprobleme nicht Ausdruck unsicherer Bindung, sondern der Blockade normaler erwachsener Gruppenverhaltensweisen — also Frustration.
Diese Deutung passt bemerkenswert gut zu den Befunden aus der Trennungsforschung, wo drei von sieben Komponenten Frustration betrafen.
Für die Praxis ist die Unterscheidung nicht akademisch. Nach dem Bindungsmodell wäre die Antwort auf Trennungsprobleme mehr Sicherheit; nach dem Reifemodell wäre sie die Auflösung der Blockade — etwa durch Beschäftigung, Zugang oder Wahlmöglichkeit. Beide Wege sind gangbar, aber sie führen zu unterschiedlichen Programmen.
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5. Wie schnell Bindung entsteht
5.1 Tierheimhunde
Gácsi und Kollegen beobachteten 60 Tierheimhunde in der angepassten Fassung des Tests und untersuchten, ob sie zu einer zuvor unbekannten Person eine Bindung aufbauen (Gácsi, Topál, Miklósi, Dóka & Csányi, 2001). Der Titel der Arbeit nennt das Ergebnis: neue Bindungen bilden sich.
5.2 Was das bedeutet
Für die Praxis ist das eine der nützlichsten Aussagen der gesamten Bindungsforschung, und sie widerspricht zwei verbreiteten Annahmen zugleich.
Sie widerspricht der Vorstellung, ein Hund brauche Monate, um Vertrauen zu fassen — die Bindungsbildung setzt deutlich früher ein. Und sie widerspricht der gegenteiligen Sorge, ein Hund mit belasteter Vorgeschichte könne keine neue Bindung mehr eingehen.
In der Beratung ist das eine der wenigen Aussagen dieses Themenfelds, die unmittelbar entlasten. Wer einen Hund aus dem Tierschutz übernimmt, hört häufig, es dauere ein Jahr, bis der Hund „ankommt". Diese Zahl hat keine Grundlage in der Bindungsforschung — was tatsächlich Zeit braucht, ist die Gewöhnung an Abläufe und die Verhaltensänderung, nicht die Bindung selbst.
Zur Arbeit mit Hunden aus schwieriger Vorgeschichte: Resozialisierung bei Hunden
5.3 Grenzen
Die Einschränkung liegt in der Messgröße. Gezeigt wurde, dass Hunde gegenüber der neuen Person Bindungsverhalten zeigen — nicht, dass diese Bindung ebenso tragfähig ist wie eine langjährige. Schnelle Bindungsbildung und stabile Bindung sind zwei verschiedene Fragen, und nur die erste ist beantwortet.
Zur frühen Entwicklung: Die sensible Phase beim Welpen
6. Der Mensch als Variable
6.1 Cortisolmodulation
Die interessantere Forschungslinie betrifft nicht den Hund allein, sondern das Paar. Schöberl und Kollegen untersuchten, welche sozialen Faktoren die Cortisolmodulation von Hunden während einer Strange-Situation-Prozedur beeinflussen (Schöberl, Beetz, Solomon, Wedl, Gee & Kotrschal, 2016).
Der Ansatz ist methodisch dem reinen Verhaltensmaß überlegen, weil er eine zweite, unabhängige Ebene einbezieht — und weil er das Grundproblem der Verhaltensbeobachtung umgeht: Ein Hund, der äußerlich ruhig bleibt, kann endokrin deutlich reagieren.
Genau hier liegt der Ertrag physiologischer Maße in der Bindungsforschung. Sie können die drei Zustände auseinanderhalten, die im Verhalten zusammenfallen — entspannte Gewöhnung, unterdrückte Belastung und tatsächliche Gelassenheit.
Zur Cortisolmessung und ihren Grenzen: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol verstehen und richtig messen
6.2 Merkmale des Halters
Dass Merkmale des Menschen die Reaktion des Hundes mitbestimmen, ist inzwischen mehrfach berichtet worden — bis hin zur Synchronisation der Langzeit-Cortisolwerte zwischen Hund und Halter.
Für die Bindungsdiagnostik folgt daraus ein grundsätzlicher Vorbehalt: Was gemessen wird, ist eine Eigenschaft der Beziehung, nicht des Hundes. Ein Hund kann gegenüber verschiedenen Bezugspersonen unterschiedliche Muster zeigen.
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6.3 Die Übertragungsfrage
Ob die Bindungsstile des Halters sich auf den Hund übertragen, ist eine naheliegende und schwer zu prüfende Frage. Korrelative Befunde existieren; sie lassen nicht entscheiden, ob der Mensch den Hund prägt, ob bestimmte Menschen bestimmte Hunde wählen, oder ob beides zusammenwirkt.
Die dritte Möglichkeit ist die wahrscheinlichste und zugleich die am schwersten zu untersuchende. Beziehungen entwickeln sich wechselseitig: Ein Hund, der viel Nähe sucht, erzeugt beim Menschen ein anderes Verhalten als einer, der wenig sucht — und dieses Verhalten wirkt zurück. Querschnittsdaten können solche Rückkopplungen grundsätzlich nicht auflösen.
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7. Praktische Einordnung
7.1 Was „Hyperbindung“ nicht erklärt
Der Begriff wird in der Praxis für Hunde verwendet, die ständig Nähe suchen und schlecht allein bleiben — mit der Empfehlung, Kontakt zu reduzieren. Diese Ableitung ist doppelt problematisch.
Erstens ist Nähesuche kein Maß für Bindungsqualität, sondern eines der vier Kriterien, die auch bei sicherer Bindung erfüllt sind. Zweitens kann das Ignorieren kontaktsuchenden Verhaltens bei tatsächlich unsicherer Bindung das Gegenteil bewirken — worauf die Forschung zu trennungsbezogenen Problemen ausdrücklich hinweist.
Hinzu kommt ein logisches Problem. „Hyperbindung" wird aus dem Verhalten erschlossen, das sie erklären soll: Der Hund sucht viel Nähe, also ist er überbunden, also sucht er viel Nähe. Das ist derselbe Zirkelschluss wie bei anderen Eigenschaftszuschreibungen — und er verschließt die Frage, welche Bedingungen die Nähesuche tatsächlich auslösen.
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7.2 Sicherheit statt Nähe
Die tragfähigere Zielgröße ist nicht weniger Nähe, sondern mehr Vorhersehbarkeit. Ein Hund, der verlässlich einschätzen kann, wann Kontakt verfügbar ist, braucht ihn seltener zu erzwingen.
Der Unterschied ist praktisch erheblich. Kontakt nach Zufall zu gewähren — mal ja, mal nein, je nach Laune des Menschen — erzeugt genau das Verhalten, das anschließend als Überbindung gedeutet wird. Ein verlässlicher Rhythmus mit klaren Signalen erzeugt es nicht, obwohl er insgesamt mehr Kontakt enthalten kann.
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Zur Vorhersehbarkeit als eigenständiger Variable: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund
7.3 Grenzen der Zuschreibung
Ein Bindungsstil ist kein Etikett für einen Hund. Er beschreibt bestenfalls ein Beziehungsmuster zu einer bestimmten Person, erhoben mit einem Verfahren, dessen Kernkriterium methodisch angreifbar ist.
Für die Beratung heißt das: Die Beobachtung, dass ein Hund bei Rückkehr des Halters lange braucht, um sich zu beruhigen, ist verwertbar. Die daraus abgeleitete Kategorie ist es kaum.
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8. Zusammenfassung im Überblick
Bindung bezeichnet funktional eine Beziehung, in der die Anwesenheit einer bestimmten Person die Stressantwort dämpft und Exploration ermöglicht. Von den vier üblichen Kriterien sind drei beim Hund gut belegt — Nähesuche, Trennungsbelastung, Beruhigung bei Wiedervereinigung. Das vierte, die Nutzung als sichere Basis, ist der strittige Punkt.
Die Strange Situation wurde 1998 an 51 Halter-Hund-Paaren auf den Hund übertragen und zeigte entsprechende Verhaltensmuster — ohne nennenswerten Einfluss von Geschlecht, Alter, Haltungsbedingungen oder Rasse.
2013 zeigte ein Kontrollversuch an zwölf Beagle-Hündinnen, dass der Sichere-Basis-Effekt mit der Reihenfolge der Episoden verwechselt ist: Auch eine fremde Person an der Position der vertrauten Person erzeugte mehr Exploration. Unberührt bleibt, dass Hunde verlässlich mehr Kontakt zur vertrauten Person aufnehmen — weshalb die Autoren empfehlen, auf das Wiedervereinigungsverhalten zu setzen.
Tierheimhunde bilden gegenüber zuvor unbekannten Personen Bindungsverhalten aus. Das widerspricht sowohl der Vorstellung, Bindung brauche Monate, als auch der Sorge, belastete Hunde könnten keine neue Bindung mehr eingehen.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Ausbalancierte Fassungen fehlen weitgehend
Die Forderung nach ausbalancierten Testfassungen steht seit 2013 im Raum. Ein großer Teil der seither erhobenen Daten beruht weiterhin auf der Standardfassung — was den Vergleich zwischen Arbeiten erschwert.
9.2 Keine Konsistenzdaten
Ob ein zugeordneter Bindungsstil über Monate oder Jahre stabil bleibt, ist beim Hund nicht systematisch untersucht. Angesichts der moderaten Konsistenz anderer Persönlichkeitsmaße wäre eine hohe Stabilität nicht selbstverständlich.
Erschwerend kommt hinzu, dass wiederholtes Testen das Ergebnis verändert: Der Raum ist beim zweiten Mal nicht mehr unbekannt, das Verfahren also nicht mehr dasselbe. Dieses Problem teilt die Bindungsdiagnostik mit anderen Verfahren, die auf Neuheit angewiesen sind.
9.3 Die Modellfrage
Ob das Säuglingsmodell überhaupt der passende Rahmen ist, bleibt offen. Die Gegenposition — erwachsene Hunde als sozial reife Individuen — führt zu anderen Vorhersagen, insbesondere für die Deutung von Trennungsproblemen.
Entscheidbar wäre die Frage über die Vorhersagen selbst. Nach dem Bindungsmodell sollte mehr Sicherheit die Trennungsprobleme verringern; nach dem Reifemodell sollte die Auflösung der Zugangsblockade wirken. Beides ließe sich vergleichen — geschehen ist es nicht.
Zur Anpassungsfähigkeit erlernten Verhaltens: Verhaltensflexibilität beim Hund
10. Fazit
Die Bindungsforschung beim Hund hat etwas Wichtiges gezeigt und etwas anderes weniger gut, als es scheint. Gut gezeigt ist, dass Hunde bestimmte Personen bevorzugt aufsuchen, bei deren Abwesenheit belastet reagieren und sich bei Rückkehr an ihnen orientieren. Weniger gut gezeigt ist, dass sich daraus stabile, individuell zuordenbare Bindungsstile ableiten lassen.
Der Grund ist methodisch und lässt sich beheben — ausbalancierte Testfassungen wären die Lösung. Bis dahin gilt für Bindungsstile dasselbe wie für die anderen Konstrukte dieses Clusters: brauchbar als Beschreibungsrahmen, nicht als Diagnose.
Für die Praxis ist ohnehin der Befund aus dem Tierheim der wertvollste. Bindung entsteht schneller, als die meisten Halter annehmen — und dieser Satz nützt in der Beratung mehr als jede Stileinteilung.
Er nimmt zwei Sorgen zugleich den Boden: die des Übernehmers, der fürchtet, der Hund werde ihn nie annehmen, und die des Abgebenden, der fürchtet, den Hund im Stich zu lassen. Beide Sorgen sind verständlich, und beide werden von den Daten nicht gestützt.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Bindungsstile beim Hund
Drei der vier Bindungskriterien sind beim Hund gut belegt. Nähesuche, Belastung bei Trennung und Beruhigung bei Wiedervereinigung. Strittig ist das vierte — die Nutzung der Person als sichere Basis für Erkundung.
Der Sichere-Basis-Effekt ist mit der Reihenfolge verwechselt. In einem Kontrollversuch an zwölf Beagle-Hündinnen explorierten die Hunde auch dann mehr, wenn an der Position der vertrauten Person eine fremde Person stand (Rehn, McGowan & Keeling, 2013). Das Schlüsselmerkmal der Bindungsdiagnostik ließ sich damit nicht zuverlässig prüfen.
Unberührt bleibt die Kontaktaufnahme. Hunde nahmen verlässlich mehr Kontakt zur vertrauten Person auf. Die Autoren empfehlen deshalb, auf das Wiedervereinigungsverhalten zu setzen statt auf Exploration.
Rasse, Alter, Geschlecht und Haltung erklärten wenig. In der Gründungsarbeit an 51 Halter-Hund-Paaren war die Variabilität zwischen Hunden erheblich, aber diese Faktoren beeinflussten die meisten Verhaltensvariablen nicht (Topál et al., 1998).
Bindung entsteht schneller als angenommen. Tierheimhunde zeigten gegenüber zuvor unbekannten Personen Bindungsverhalten (Gácsi et al., 2001). Das widerspricht sowohl der Annahme, Vertrauen brauche Monate, als auch der Sorge, belastete Hunde könnten sich nicht neu binden.
Quellen
Gácsi, M., Topál, J., Miklósi, Á., Dóka, A., & Csányi, V. (2001). Attachment behavior of adult dogs (Canis familiaris) living at rescue centers: Forming new bonds. Journal of Comparative Psychology, 115(4), 423–431. https://doi.org/10.1037/0735-7036.115.4.423
Rehn, T., McGowan, R. T. S., & Keeling, L. J. (2013). Evaluating the Strange Situation Procedure (SSP) to assess the bond between dogs and humans. PLoS ONE, 8(2), e56938. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0056938
Schöberl, I., Beetz, A., Solomon, J., Wedl, M., Gee, N., & Kotrschal, K. (2016). Social factors influencing cortisol modulation in dogs during a strange situation procedure. Journal of Veterinary Behavior, 11, 77–85. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2015.09.007
Topál, J., Miklósi, Á., Csányi, V., & Dóka, A. (1998). Attachment behavior in dogs (Canis familiaris): A new application of Ainsworth's (1969) Strange Situation Test. Journal of Comparative Psychology, 112(3), 219–229. https://doi.org/10.1037/0735-7036.112.3.219
Topál, J., Gácsi, M., Miklósi, Á., Virányi, Z., Kubinyi, E., & Csányi, V. (2005). Attachment to humans: A comparative study on hand-reared wolves and differently socialized dog puppies. Animal Behaviour, 70(6), 1367–1375.

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