Kausalverständnis beim Hund: Warum soziale Stärke und physikalische Schwäche zusammengehören
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- vor 3 Tagen
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Hunde gelten als klug, und in einem Bereich sind sie es außergewöhnlich: im Lesen menschlicher Signale. Sie folgen Zeigegesten, orientieren sich an Blickrichtung und Körperhaltung und tun das spontan, ohne Training.
In einem anderen Bereich sind sie unauffällig bis schwach: beim Verstehen physikalischer Zusammenhänge. Der Titel der einflussreichsten Vergleichsarbeit fasst es zusammen — sozialer Hund, kausaler Affe (Bräuer, Kaminski, Riedel, Call & Tomasello, 2006). Menschenaffen nutzten physikalische Hinweise besser, Hunde soziale.
Ein Detail dieser Arbeit macht den Unterschied besonders deutlich und wird selten zitiert: Hunde folgten dem sozialen Hinweis auch dann, wenn ein physikalischer Hinweis den Futterort direkt sichtbar machte. Die Bevorzugung des Sozialen ist also keine Notlösung bei fehlender Information.
Dieser Artikel behandelt, was Kausalverständnis bezeichnet, welche Aufgaben Hunde regelmäßig nicht lösen, welche Erklärungen dafür vorliegen und welche praktischen Fehlzuschreibungen daraus entstehen.

1. Was Kausalverständnis bezeichnet
1.1 Physikalische und soziale Kognition
Die vergleichende Kognitionsforschung trennt zwei Bereiche. Soziale Kognition betrifft den Umgang mit anderen Individuen — Signale lesen, Aufmerksamkeit einschätzen, aus Verhalten schließen. Physikalische Kognition betrifft den Umgang mit Objekten — Zusammenhänge zwischen Dingen erkennen, Wirkungen vorhersagen, Werkzeuge nutzen.
Beide sind unabhängig voneinander ausgeprägt. Eine Art kann in einem Bereich herausragen und im anderen unauffällig sein — beim Hund ist genau das der Fall.
Diese Unabhängigkeit ist der eigentliche Ertrag der vergleichenden Kognitionsforschung. Sie widerspricht der Vorstellung einer allgemeinen Intelligenz, die sich über alle Aufgaben hinweg gleichmäßig zeigt. Was existiert, sind Profile — und Profile entstehen dort, wo eine Art bestimmte Probleme lösen musste und andere nicht.
Zur Kommunikationsseite dieses Profils: Hund-Mensch-Kommunikation: Wie Hunde uns wirklich verstehen
Zur Frage, wie solche Fähigkeiten überhaupt gemessen werden: Hundeverhalten messbar machen
1.2 Mittel-Zweck-Verständnis
Der am besten untersuchte Teilbereich betrifft die Mittel-Zweck-Verbindung: die Einsicht, dass ein Gegenstand bewegt werden muss, um einen anderen zu erreichen. Das ist die Grundlage jeder Werkzeugnutzung und eine der frühesten Fähigkeiten, die beim menschlichen Kleinkind geprüft werden.
Geprüft wird sie meist über Aufgaben, bei denen ein Ziel nicht direkt erreichbar ist und ein Zwischenschritt eingeschoben werden muss. Entscheidend ist dabei, dass die Lösung beim ersten Versuch gelingt: Wer durch Ausprobieren zum Erfolg kommt, hat gelernt — wer sie sofort findet, hat den Zusammenhang erfasst. Diese Unterscheidung trennt Einsicht von Versuch und Irrtum und ist der Grund, warum in diesen Versuchen die ersten Durchgänge ausgewertet werden.
1.3 Warum die Unterscheidung zählt
Für die Praxis ist die Trennung folgenreich, weil sie erklärt, warum derselbe Hund in einer Situation überraschend klug und in einer anderen überraschend begriffsstutzig wirkt. Beides ist kein Widerspruch, sondern das erwartbare Profil.
Zur Einordnung kognitiver Leistungen insgesamt: Kognitive Fähigkeiten bei Hunden
2. Der Schlüsselbefund
2.1 Sozialer Hund, kausaler Affe
Bräuer und Kollegen testeten Haushunde und Menschenaffen der Gattung Pan in einer Reihe von Objektwahlaufgaben. In jeder Aufgabe wurde der Ort des versteckten Futters durch einen Hinweis angezeigt — kommunikativ, verhaltensbezogen oder physikalisch (Bräuer et al., 2006).
Die Vorhersage aus den unterschiedlichen ökologischen Anpassungen bestätigte sich: Hunde nutzten menschliche kommunikative Hinweise wie die Zeigegeste besonders gut, Menschenaffen dagegen physikalische, kausale Hinweise.
Die Anordnung ist deshalb aussagekräftig, weil beide Arten dieselben Aufgaben bearbeiteten. Ein Leistungsunterschied lässt sich damit nicht auf unterschiedliche Schwierigkeit zurückführen — die Aufgaben waren identisch, nur die Hinweisart unterschied sich. Was verglichen wurde, ist nicht Intelligenz, sondern Zuschnitt.
Zur Nachahmung als weiterer sozialer Fähigkeit: Überimitation bei Hunden
2.2 Das entscheidende Detail
Die soziale Bevorzugung blieb auch dann bestehen, wenn nichtsoziale Hinweise den Futterort direkt erkennbar machten — etwa wenn zwei Bretter so auf dem Boden lagen, dass die Lage der Belohnung für den Hund sichtbar war.
Zwei weitere Angaben aus der Arbeit sind für die Einordnung wichtig: Die Leistung ließ sich nicht durch Geruchshinweise erklären, da entsprechende Kontrollbedingungen das ausschlossen. Und sie war nicht im Versuch erlernt — die Hunde waren von den ersten Durchgängen an erfolgreich.
Zur sozialen Kognition allgemein: Soziales Lernen beim Hund
2.3 Die Grenze der sozialen Stärke
Auch die soziale Stärke hat einen Zuschnitt. Nachfolgende Arbeiten legen nahe, dass die Nutzung menschlicher Hinweise auf kooperative Zusammenhänge begrenzt ist: In wettbewerblichen Anordnungen zeigten Hunde keine entsprechende Leistung.
Das ist bemerkenswert, weil es gegen eine allgemeine Deutungsfähigkeit spricht und für eine spezialisierte Anpassung an eine bestimmte Art von Interaktion.
Für die Praxis bedeutet das eine Einschränkung, die selten gezogen wird: Ein Hund, der eine Zeigegeste versteht, versteht damit nicht die Absicht des Zeigenden. Er nutzt einen Hinweis, der in kooperativen Zusammenhängen verlässlich funktioniert hat. Wo diese Verlässlichkeit fehlt — etwa bei widersprüchlichen Signalen —, greift die Fähigkeit nicht.
Zur Trennung von Beobachtung und unterstellter Absicht: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
3. Das Schnurzieh-Problem
3.1 Der Aufbau
Osthaus, Lea und Slater prüften in vier Experimenten das Mittel-Zweck-Verständnis. Die Hunde sollten ein sichtbares Futterstück hinter einer Barriere erreichen, das über eine Schnur mit einem erreichbaren Holzklotz verbunden war. Mal lag eine Schnur bereit, mal zwei — angebunden war das Futter aber nur an einer. Der Erfolg verlangte, die richtige Schnur zu ziehen (Osthaus, Lea & Slater, 2005).
3.2 Der Näherungsfehler
Das Ergebnis war zweigeteilt und genau darin aufschlussreich. Lag das Futter geradeaus vor dem Hund, also senkrecht zur Barriere, gelang die Aufgabe. Verlief die Schnur dagegen im Winkel, scheiterten die Hunde.
Ihr typischer Fehler war kein zufälliger: Sie schoben oder griffen dort zu, wo die Stelle in direkter Linie zum Futter lag — ein sogenannter Näherungsfehler. Sie folgten also der räumlich kürzesten Verbindung statt der tatsächlichen mechanischen.
Wer das Muster einmal kennt, erkennt es im Alltag wieder. Ein Hund, der an einem Zaun entlangläuft und immer dort drängt, wo das Ziel am nächsten ist — statt zum offenen Tor zurückzugehen —, macht denselben Fehler. Der kürzeste Weg im Blick schlägt den funktionierenden Weg.
Zur Erregung, die diesen Effekt verstärkt: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation
3.3 Was daraus folgt
Der Befund ist stärker als ein bloßes Scheitern. Ein zufälliges Ergebnis würde bedeuten, dass die Aufgabe zu schwer war. Ein systematischer Fehler in eine bestimmte Richtung bedeutet, dass eine andere Regel angewendet wurde — hier offenbar räumliche Nähe statt physikalischer Verbindung.
Zur Anpassungsfähigkeit erlernten Verhaltens: Verhaltensflexibilität beim Hund
4. Weitere physikalische Aufgaben
4.1 Schwerkraft
Dieselbe Arbeitsgruppe prüfte das Verständnis für die Fallrichtung von Objekten und verglich Hunde mit menschlichen Kleinkindern und einem nichtmenschlichen Primaten (Osthaus, Slater & Lea, 2003). Auch hier gehören Hunde nicht zu den Arten, die durch spontanes physikalisches Verständnis auffallen.
4.2 Gegenbefunde
Die Lage ist allerdings nicht einheitlich. Spätere Arbeiten mit veränderten Aufgabenstellungen berichteten, dass Hunde Mittel-Zweck-Aufgaben durchaus lösen können, wenn der Aufbau anders gestaltet ist — etwa wenn die Belohnung auf einem Brett liegt statt an einer Schnur zu hängen.
Damit steht die pauschale Aussage, Hunde verstünden keine Mittel-Zweck-Verbindungen, auf schwächerem Boden als die spezifische, dass sie an Schnuraufgaben mit Winkel scheitern.
Diese Differenzierung ist mehr als Vorsicht. Sie verweist auf eine methodische Regel, die für den gesamten Bereich gilt: Ein Negativbefund zeigt, dass eine Art diese Aufgabe nicht löst — nicht, dass ihr die zugrundeliegende Fähigkeit fehlt. Um das zu belegen, müsste man mehrere unabhängige Aufgabentypen prüfen, die dieselbe Fähigkeit verlangen.
Zur Frage der Testabhängigkeit bei anderen Konstrukten: Temperament und Coping-Stile beim Hund
4.3 Die Einordnung
Ein umfangreicher Übersichtsartikel hat die Frage aufgegriffen, in welchem Sinn Hunde überhaupt besonders sind, und die kognitiven Leistungen im Artenvergleich eingeordnet (Lea & Osthaus, 2018). Die Grundlinie: Hunde sind in mehreren Bereichen gut, aber selten außergewöhnlich — mit Ausnahme der sozial-kommunikativen Domäne und des Geruchssinns.
Zu stabilen individuellen Unterschieden, die solche Vergleiche überlagern: Temperament und Coping-Stile beim Hund
5. Warum das so ist
5.1 Die Domestikationshypothese
Die naheliegende Erklärung lautet, die Domestikation habe die soziale Kognition ausgebaut — und möglicherweise die physikalische vernachlässigt, weil ein Hund Probleme über den Menschen lösen kann statt selbst.
Diese Erklärung ist attraktiv, weil sie beide Beobachtungen mit einer Ursache verbindet. Sie hat aber eine Voraussetzung, die geprüft werden kann: Wölfe müssten dann physikalisch besser abschneiden als Hunde.
Zur frühen Entwicklung als alternativer Erklärungsebene: Die sensible Phase beim Welpen
5.2 Der Wolfsvergleich
Diese Erklärung ist geprüft worden. Eine Vergleichsuntersuchung stellte erwachsene Wölfe und Hunde vor dieselbe Schnuraufgabe. Weder Wölfe noch Hunde zeigten ein unmittelbares Verständnis der Mittel-Zweck-Verbindung — sie machten allerdings unterschiedliche Fehler: Hunde neigten stärker zum Näherungsfehler, Wölfe zu einer Seitenpräferenz.
Der Schluss der Autoren: Die Leistungen bestätigten nicht, dass die Domestikation die physikalische Kognition des Hundes verändert hat. Das schließt einen Einfluss der Domestikation nicht aus — es spricht nur dagegen, sie als alleinige Erklärung zu behandeln.
5.3 Wahrnehmungslogik statt Denkfehler
Eine dritte Deutung setzt tiefer an. Der Näherungsfehler entspricht dem, was die Wahrnehmung nahelegt: Der kürzeste sichtbare Weg zum Ziel. Aus dieser Sicht wenden Hunde keine falsche Regel an, sondern eine perzeptuelle — sie folgen dem, was sie sehen, statt dem, was mechanisch verbunden ist.
Diese Deutung erklärt zugleich, warum die geradlinige Anordnung gelang: Dort fallen Wahrnehmung und Mechanik zusammen.
Sie hat außerdem den Vorteil, ohne Annahmen über Denkprozesse auszukommen. Statt zu behaupten, dem Hund fehle ein Konzept, beschreibt sie, welcher Information er folgt. Das ist prüfbar — man kann Wahrnehmung und Mechanik gezielt gegeneinanderstellen und vorhersagen, wo der Hund zugreift.
Zur präfrontalen Kontrolle, die eine solche Regel überschreiben müsste: Selbstkontrolle beim Hund: Frontalcortex und Impulsregulation
Zur Verarbeitung von Bewertung und Erwartung: Vorhersagefehler beim Hund: Wie Überraschung Lernen steuert
6. Praktische Konsequenzen
6.1 Was Hunde im Alltag nicht ableiten
Aus der Befundlage folgt eine Reihe alltäglicher Situationen, in denen Ableitungen erwartet werden, die vermutlich nicht stattfinden. Dass eine Leine sich um einen Baum gewickelt hat und rückwärts gelöst werden müsste. Dass ein Spielzeug unter einem Möbelstück nur über einen Umweg erreichbar ist. Dass eine geschlossene Tür sich zur anderen Seite öffnet.
In all diesen Fällen zeigt sich häufig dasselbe Muster wie im Versuch: Zugang wird dort gesucht, wo die Entfernung zum Ziel am kürzesten ist.
Die Konsequenz für das Training ist unspektakulär, aber wirksam. Wo ein Umweg nötig ist, wird er nicht abgeleitet, sondern gelernt — und zwar für jede Situation neu, weil Übertragung auf ähnliche Aufbauten nicht selbstverständlich ist. Wer davon ausgeht, der Hund habe das Prinzip verstanden, wird beim nächsten Zaun überrascht.
Zur Frustration, die daraus entsteht: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
6.2 Der Zuschreibungsfehler
Die praktisch bedeutsamste Konsequenz betrifft die Deutung. Wenn ein Hund eine physikalisch lösbare Aufgabe nicht löst, wird das häufig als mangelnde Motivation, Sturheit oder Aufregung gedeutet. Die Befundlage legt eine einfachere Erklärung nahe: Die Aufgabe liegt außerhalb dessen, was spontan abgeleitet wird.
Umgekehrt wird bei sozialen Aufgaben regelmäßig zu viel unterstellt. Ein Hund, der einer Zeigegeste folgt, zeigt eine spezialisierte Anpassung — nicht ein allgemeines Verstehen der Absicht dahinter.
Beide Fehler wirken in dieselbe Richtung: Sie verschieben die Erklärung vom Aufbau der Situation auf eine Eigenschaft des Hundes. Und beide erschweren die Lösung, weil sich Eigenschaften schlechter verändern lassen als Situationen.
Zur Trennung von Beobachtung und Zuschreibung: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
6.3 Was stattdessen wirkt
Weil der soziale Kanal der starke ist, ist Zeigen wirksamer als Warten. Ein Hund, der die Lösung eines physikalischen Problems nicht findet, findet sie häufig sofort, wenn ein Mensch sie anzeigt — nicht weil er faul wäre, sondern weil das der Kanal ist, auf dem er ausgelegt ist.
Für Beschäftigungsaufgaben folgt daraus eine Gestaltungsregel. Aufgaben, die auf physikalischer Einsicht beruhen, frustrieren häufiger als sie beschäftigen. Aufgaben, die auf Suche, Geruch oder sozialer Zusammenarbeit beruhen, treffen die Stärken — und das ist keine Anspruchssenkung, sondern eine Anpassung an das Profil.
Zur Nasenarbeit als Beispiel: Denksport, Nasenarbeit und kreative Beschäftigung
Zur Gestaltung von Verstärkung im Aufbau: Verstärkerpläne beim Hund
7. Grenzen der Aussage
7.1 Aufgabenabhängigkeit
Die Befunde stammen aus wenigen Aufgabentypen, überwiegend Schnur- und Objektwahlaufgaben. Ob sich daraus ein allgemeines Urteil über physikalisches Verständnis ableiten lässt, ist offen — die Gegenbefunde aus Abschnitt 4.2 sprechen dagegen.
7.2 Der Geruchssinn
Fast alle Aufgaben sind visuell aufgebaut. Das ist eine erhebliche Einschränkung bei einer Art, deren stärkster Sinn der Geruchssinn ist. Untersuchungen zur Geruchsrepräsentation deuten darauf hin, dass Hunde in diesem Kanal Erwartungen an ein bestimmtes Objekt bilden (Bräuer & Belger, 2018).
Der Gedanke ist naheliegend und methodisch unbequem zugleich. Wer die kognitiven Fähigkeiten einer Art über deren schwächsten Wahrnehmungskanal prüft, misst mit hoher Wahrscheinlichkeit zu niedrig. Bei einem Menschen würde niemand auf die Idee kommen, Problemlösen über Geruchsaufgaben zu erheben.
Zum Geruchssinn und seinen Leistungen: Geruchssinn beim Hund
Zur Frage, ob Hunde ihren eigenen Wissensstand einschätzen: Metakognition bei Hunden
7.3 Ökologische Gültigkeit
Ein Schnurzieh-Versuch im Labor bildet keine Aufgabe ab, die ein Hund in seiner Evolutionsgeschichte lösen musste. Das Scheitern sagt daher etwas über die Grenzen spontaner Übertragung — nicht notwendigerweise über die Grenzen des Denkens.
Dieselbe Kritik trifft allerdings auch die Gegenseite. Wer aus alltäglichen Beobachtungen auf hohe kognitive Leistungen schließt — der Hund, der die Türklinke öffnet —, übersieht, dass solche Leistungen durch Ausprobieren über Wochen entstehen können. Der Laborversuch prüft Einsicht beim ersten Versuch; der Alltag prüft, was sich über die Zeit lernen lässt. Beides sind verschiedene Fragen.
8. Zusammenfassung im Überblick zu Kausalverständnis beim Hund
Hunde sind im Lesen menschlicher Signale ausgeprägt stark und im Verstehen physikalischer Zusammenhänge unauffällig. Im direkten Vergleich mit Menschenaffen nutzten sie kommunikative Hinweise besser, die Affen physikalische — und die Bevorzugung des sozialen Hinweises blieb auch dann bestehen, wenn der Futterort physikalisch direkt erkennbar war.
Im Schnurzieh-Versuch gelang die Aufgabe bei geradliniger Anordnung, scheiterte aber im Winkel. Der typische Fehler war systematisch: Zugriff an der Stelle mit der kürzesten Linie zum Futter statt an der mechanisch verbundenen. Das spricht für die Anwendung einer perzeptuellen Regel, nicht für ein Denkversagen.
Eine Vergleichsuntersuchung an Wölfen fand ebenfalls kein unmittelbares Mittel-Zweck-Verständnis, allerdings andere Fehlertypen. Die bisherigen Befunde stützen damit nicht eindeutig, dass die Domestikation allein für die physikalische Schwäche verantwortlich ist.
Praktisch bedeutsam ist vor allem die Umdeutung: Was im Alltag als Sturheit oder mangelnde Motivation erscheint, kann schlicht außerhalb dessen liegen, was spontan abgeleitet wird.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Die visuelle Verzerrung der Aufgaben
Die gesamte Befundlage beruht auf visuell aufgebauten Aufgaben. Ein Aufgabenkanon, der olfaktorische Zusammenhänge prüft, existiert kaum — obwohl er der Wahrnehmungswelt des Hundes näher käme.
Der Grund ist praktisch: Gerüche lassen sich schwerer kontrolliert darbieten als visuelle Reize. Sie bleiben haften, verteilen sich und lassen sich nicht abrupt abschalten. Die methodische Hürde erklärt die Lücke — sie rechtfertigt aber nicht, die vorliegenden Befunde als vollständiges Bild zu behandeln.
9.2 Uneinheitliche Ergebnisse
Ob Hunde Mittel-Zweck-Verbindungen grundsätzlich nicht verstehen oder nur bestimmte Aufbauten nicht bewältigen, ist nicht abschließend geklärt. Die Antwort hängt erkennbar vom Aufgabendesign ab, was für die zweite Lesart spricht.
Eine Klärung wäre methodisch nicht schwer: Dieselben Hunde müssten mehrere Aufgabentypen bearbeiten, die dieselbe Fähigkeit verlangen. Bislang stammen die Befunde aus unterschiedlichen Stichproben, was Vergleiche zwischen Aufgaben zusätzlich erschwert.
9.3 Individuelle Unterschiede
Berichtet wird meist auf Gruppenebene. Ob einzelne Hunde die Aufgaben zuverlässig lösen und welche Merkmale sie unterscheiden, ist selten ausgewertet.
Das ist bedauerlich, weil ein Gruppenmittelwert bei solchen Aufgaben irreführend sein kann. Ein Ergebnis knapp über dem Zufallsniveau entsteht sowohl, wenn alle Tiere leicht überzufällig abschneiden, als auch, wenn wenige die Aufgabe lösen und der Rest rät. Beides führt zu unterschiedlichen Schlüssen über die zugrundeliegende Fähigkeit.
Zur experimentellen Erfassung individueller Zustände: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen
10. Fazit
Das Bild vom Hund als allgemein klugem Tier ist zu grob. Zutreffender ist ein Profil mit einer ausgeprägten Spitze und einer breiten Mittellage: außergewöhnlich im sozial-kommunikativen Bereich, unauffällig bei physikalischen Zusammenhängen.
Dieses Profil ist keine Schwäche, sondern eine Anpassung. Ein Tier, das Probleme über einen kooperativen Menschen lösen kann, braucht keine eigene Werkzeugkompetenz — und der Wolfsvergleich spricht dafür, dass die physikalische Schwäche nicht erst mit der Domestikation entstanden ist.
Die Formulierung „Schwäche" ist ohnehin eine Setzung des Vergleichsmaßstabs. Gemessen wird an Aufgaben, die Menschen und Menschenaffen entwickelt haben, weil sie deren Lebensweise entsprechen. Ein Aufgabenkanon, der Geruchsspuren, soziale Rangfolgen oder Bewegungsvorhersage prüft, würde ein anderes Bild ergeben — und ist bislang nicht entwickelt.
Für die Praxis folgt daraus eine einfache Regel: Wo ein Hund an einer Sachaufgabe scheitert, lohnt der Blick auf den sozialen Kanal, bevor auf Motivation oder Charakter geschlossen wird. Zeigen wirkt dort, wo Abwarten nicht wirkt.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick
Sozialer Hund, kausaler Affe. Im direkten Vergleich nutzten Hunde menschliche kommunikative Hinweise besser, Menschenaffen physikalische (Bräuer et al., 2006). Die Bevorzugung des sozialen Hinweises blieb bestehen, auch wenn der Futterort physikalisch direkt sichtbar war.
Die soziale Stärke ist auf Kooperation zugeschnitten. In wettbewerblichen Anordnungen zeigten Hunde die entsprechende Leistung nicht. Es handelt sich um eine spezialisierte Anpassung, nicht um allgemeine Deutungsfähigkeit.
Der Fehler im Schnurversuch ist systematisch, nicht zufällig. Hunde lösten die Aufgabe geradeaus, scheiterten im Winkel — und griffen dann dort zu, wo die Linie zum Futter am kürzesten war (Osthaus, Lea & Slater, 2005). Das spricht für eine perzeptuelle Regel statt für ein Denkversagen.
Die bisherigen Befunde stützen nicht eindeutig, dass die Domestikation allein dafür verantwortlich ist. Auch Wölfe zeigten kein unmittelbares Mittel-Zweck-Verständnis, machten aber andere Fehler. Das spricht dafür, dass die physikalische Schwäche nicht erst mit der Domestikation entstanden ist.
Fast alle Aufgaben sind visuell. Bei einer Art, deren stärkster Sinn der Geruchssinn ist, ist das eine erhebliche Einschränkung der Aussagekraft.
Quellen
Bräuer, J., & Belger, J. (2018). A ball is not a Kong: Odor representation and search behavior in domestic dogs (Canis familiaris) of different education. Journal of Comparative Psychology, 132(2), 189–199.
Bräuer, J., Kaminski, J., Riedel, J., Call, J., & Tomasello, M. (2006). Making inferences about the location of hidden food: Social dog, causal ape. Journal of Comparative Psychology, 120(1), 38–47. https://doi.org/10.1037/0735-7036.120.1.38
Lea, S. E. G., & Osthaus, B. (2018). In what sense are dogs special? Canine cognition in comparative context. Learning & Behavior, 46(4), 335–363. https://doi.org/10.3758/s13420-018-0349-7
Osthaus, B., Lea, S. E. G., & Slater, A. M. (2005). Dogs (Canis lupus familiaris) fail to show understanding of means-end connections in a string-pulling task. Animal Cognition, 8(1), 37–47. https://doi.org/10.1007/s10071-004-0230-2
Osthaus, B., Slater, A. M., & Lea, S. E. G. (2003). Can dogs defy gravity? A comparison with the human infant and a non-human primate. Developmental Science, 6(5), 489–497. https://doi.org/10.1111/1467-7687.00306

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