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Konkurrenz im Mehrhundehaushalt: Warum der ruhige Hund oft der ist, dessen Lage sich nicht bessert

Wenn zwei Hunde zusammenleben, entsteht Konkurrenz nicht zwischen Charakteren, sondern an bestimmten Stellen der Wohnung. Die auffällige Form ist das Knurren – die beiden häufigeren fallen niemandem auf.

Michael Sauerwein · 8. September 2026 · 16 Minuten Lesezeit

Zwei Hunde in einer Küche vor zwei Näpfen: Einer frisst, der andere steht abwartend daneben und sieht zu ihm hinüber.

Kurz zusammengefasst

Zwei Hunde in einer Wohnung konkurrieren nicht um eine Rangordnung, sondern um den Zugang zu bestimmten Dingen an bestimmten Orten. In der größten Befragung dazu wurden drei Muster unterschieden, mit denen ein Hund sich diesen Zugang sichert: aggressives Verteidigen, Vermeiden und schnelles Aufnehmen. Nur das erste wird zuverlässig als Problem erkannt. Hunde in Mehrhundehaushalten zeigten alle drei häufiger. Was hilft, ist nicht Schlichten, sondern die Situation so umzubauen, dass sie gar nicht erst entsteht.

Zur Reichweite: Die Datengrundlage sind Halterbefragungen zu einem Zeitpunkt, keine Beobachtung im Haushalt und keine Verlaufsstudie. Sie zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen, und sie sagen nichts über deine beiden Hunde im Einzelfall. Die Autorengruppe nennt selbst eine Längsschnittstudie als das, was fehlt, um zu klären, wie die drei Muster zusammenhängen.

Zwei Näpfe stehen auf dem Küchenboden, anderthalb Meter auseinander, so wie seit Jahren. Du füllst beide, stellst sie hin und gehst weiter. Der eine frisst sofort. Der andere frisst nicht.

Er steht daneben, sieht kurz zu seinem Napf, dann zum anderen Hund, und bleibt stehen. Erst als der erste fertig ist und die Küche verlässt, geht er hin und frisst auf.

Für dich ist das kein Problem. Er ist eben der Ruhigere, der Höfliche, der sich nichts draus macht. Und weil nie etwas passiert, gibt es auch nichts zu regeln.

Es ist trotzdem eine Lösung, und zwar seine – eine, die für ihn in dieser Situation funktioniert. Was es ihn kostet, steht auf keinem Zettel.

Drei Muster, und nur eines sieht nach einem Problem aus

In der bislang größten Befragung zu Konkurrenz zwischen Hunden im selben Haushalt wurden 3.068 Halter über soziale Medien angeworben. Wer in einem vorgeschalteten Test Ressourcenverhalten in Videos falsch einordnete, flog raus; übrig blieben Angaben von 2.207 Teilnehmern zu 3.589 Hunden (Jacobs et al., 2018a). Unterschieden wurden drei Muster, mit denen ein Hund seinen Zugang zu einer Sache sichert. Ressourcenverteidigung meint dabei nicht automatisch Aggression, sondern Verhalten, mit dem ein Hund den Zugang zu etwas kontrolliert, das für ihn Wert hat – so haben Fachleute den Begriff in einer eigenen Befragung eingegrenzt (Jacobs et al., 2018b).

Das aggressive Verteidigen. Erstarren, Knurren, Zähne zeigen, Schnappen. Es ist das einzige, das zuverlässig als Problem erkannt wird – und auch das einzige, bei dem Halter überhaupt auf die Idee kommen, etwas zu ändern. Wenn du dich fragst, was das Knurren dabei eigentlich leistet, findest du das im Beitrag Warum Hunde knurren und was du dann tun solltest.

Das Vermeiden. Der Hund geht dem anderen aus dem Weg, wartet ab, dreht sich weg, nimmt die Sache und trägt sie fort. Das sieht nach Frieden aus.

Das schnelle Aufnehmen. Der Hund frisst schneller, sobald der andere in der Nähe ist, oder schlingt seinen Napf leer, statt in Ruhe zu fressen. Das sieht nach Appetit aus.

Alle drei gehören zum selben Thema. Zwei davon fallen niemandem auf. Und ein Befund derselben Arbeit betrifft dich unmittelbar, wenn bei dir mehrere Hunde leben: Hunde in Mehrhundehaushalten zeigten häufiger alle drei Muster als Hunde, die ohne Artgenossen im Haushalt leben.

Warum Halter zwei davon übersehen

Dass die leisen Muster übersehen werden, ist nicht Nachlässigkeit, sondern gemessen. In einer Studie derselben Arbeitsgruppe beurteilten 1.438 Halter Videosequenzen, die vier Fachleute vorher unabhängig voneinander eingeordnet hatten (Jacobs et al., 2017). Das Vorhandensein oder Fehlen von Beißaggression erkannten sie zuverlässiger als jedes andere Muster. Das Vermeiden und das schnellere Fressen nicht.

Das erklärt, warum so viele Halter vom ersten ernsten Vorfall überrascht werden. Er ist nicht der Anfang. Er ist der Tag, an dem der Verzicht nicht mehr gereicht hat.

Zur Reichweite: Beurteilt wurden Videos fremder Hunde, nicht die eigenen im Alltag. Belegt ist damit, dass die leisen Muster schwerer zu erkennen sind – nicht, wie gut jemand seine eigenen zwei Hunde liest. Woran du die frühen Zeichen erkennst, steht in Warnsignale beim Hund und in Körpersprache verstehen.

Warum Ausweichen in einer Wohnung nicht reicht

Hunde können Konflikte häufig dadurch beenden, dass einer Abstand herstellt oder die Situation verlässt. Das ist die billigste Lösung, die es gibt: keine Verletzung, kein Risiko, die Sache ist beendet. Draußen funktioniert sie fast immer, weil Platz da ist und weil sich zwei Hunde danach aus dem Weg gehen können. Das ist allgemeine Verhaltensbiologie und kein Befund aus den oben genannten Befragungen.

In deiner Wohnung steht dieser Weg nicht offen. Der Flur ist einen Meter breit. Die Näpfe stehen jeden Tag an derselben Stelle. Der Sessel, auf dem du sitzt, ist der einzige. Und der Hund, der ausgewichen ist, begegnet demselben anderen Hund zwei Stunden später wieder, an derselben Tür.

In einer Wohnung ist Ausweichen keine dauerhafte Lösung, sondern eine, die zwanzigmal am Tag neu getroffen werden muss. Daraus folgt fast alles Weitere: Wenn deine Hunde die naheliegende Lösung nicht haben, musst du sie ihnen bauen. Nicht als Übung, sondern als Einrichtung.

Warum sie es nicht unter sich ausmachen

Der Rat kommt gut gemeint und von allen Seiten: Halt dich raus, die klären das schon, Einmischen macht es nur schlimmer.

Der zweite Teil des Satzes stimmt sogar. Planloses Dazwischengehen macht es schlimmer. Der erste Teil stimmt nicht. Zwei Hunde, die im Freien aneinandergeraten, können sich trennen. In einer Wohnung geht niemand: Der Unterlegene kann nicht weg, der Überlegene bekommt keine Rückmeldung, und die nächste Begegnung findet zwei Stunden später an derselben Tür statt.

„Lass sie das unter sich ausmachen“ ist hier deshalb nicht abwartend. Es ist die Entscheidung, sie in einer Lage zu lassen, aus der sie sich selbst nicht befreien können.

Und nein, es geht nicht um die Rangordnung

Das Wort fällt bei diesem Thema fast immer, und es führt nicht weiter. Deine Hunde führen keinen Streit um eine Position, den einer irgendwann gewinnt und der dann erledigt ist. Sie haben ein Problem an bestimmten Stellen, und dieselben zwei Hunde können an einer Stelle völlig klar sein und an der nächsten nicht.

Warum das Modell auch grundsätzlich nicht trägt, steht in Die Dominanztheorie beim Hund. Für deinen Alltag reicht der praktische Teil: An einer Rangordnung könntest du nichts ändern. An Situationen schon. Das ist die bessere Nachricht von beiden.

Wo die Konkurrenz tatsächlich entsteht

Konkurrenz zwischen zwei Hunden entsteht nicht überall, sondern an wenigen, immer gleichen Stellen. Bevor du irgendetwas änderst, lohnt es sich, eine Woche lang mitzuschreiben: wo es eng wurde, wie oft, wer ausgewichen ist. Auch und gerade die Situationen, in denen nichts passiert ist.

Am Ende der Woche zählst du zusammen und fängst dort an, wo die höchste Zahl steht – nicht dort, wo es am lautesten war. Fast alle fangen bei dem einen Vorfall an, der ihnen Angst gemacht hat. Der ist aber oft die Folge von zwanzig kleinen Momenten an einer ganz anderen Stelle.

Der Napf

Getrennt heißt getrennt, nicht mit Abstand. Zwei Näpfe in derselben Küche sind keine Trennung, auch nicht mit drei Metern dazwischen: Beide Hunde sehen einander, beide wissen, wann der andere fertig ist, und der Schnellere hat einen Grund, schneller zu werden.

Also zwei Räume, oder ein Raum und eine geschlossene Tür, oder ein Gitter. Die Näpfe sammelst du ein, wenn beide fertig sind, nicht wenn der Erste fertig ist – ein leerer Napf am Boden ist für den anderen Hund immer noch ein Napf. Und die Tür bleibt zu, bis beide gefressen haben.

Wenn einer von beiden bisher gewartet hat, wirst du in den ersten Tagen sehen, dass er auf einmal normal frisst. Das ist die schnellste Rückmeldung, die es bei diesem Thema gibt.

Kauartikel und Knochen

Ein häufiger Auslöser, und einer mit besonders hohem Konfliktpotenzial. Dieselbe Regel wie beim Futter, nur strenger, weil ein Kauartikel lange hält und sein Wert über die Zeit eher steigt als fällt.

Ausgegeben wird nur in getrennten Räumen. Eingesammelt wird erst, wenn beide fertig sind, und zwar von dir – nicht dadurch, dass du die Tür aufmachst und es sich ergibt. Reste sind das eigentliche Problem: Der halb aufgekaute Knochen unter dem Sofa gehört weggeräumt, bevor die Tür aufgeht. Ein Rest, den ein Hund vergessen hat, ist für den anderen kein Rest.

Was du nicht tust: beiden gleichzeitig etwas geben und danebenstehen, damit sie lernen, sich zu vertragen. Das ist keine Übung, das ist eine Wette. Und sie geht meistens gut, was den Einsatz jedes Mal erhöht.

Engstellen: Türen, Flur, Treppe

Hier entstehen in vielen Haushalten die ersten ernsteren Konflikte. Eine Engstelle ist jede Stelle, an der zwei Hunde nicht gleichzeitig durchpassen und trotzdem beide gleichzeitig durchwollen: die Wohnungstür, die Terrassentür, der Flur, die Treppe, der Weg zwischen Sofa und Couchtisch.

Heikel macht sie die Kombination aus hoher Erregung – dahinter wartet etwas Gutes – und fehlendem Platz zum Ausweichen. Beides zusammen, jeden Tag, mehrmals. Was hohe Erregung mit dem Zugriff auf Gelerntes macht, steht in Erregungsregulation beim Hund.

Umbauen heißt hier entzerren: Einer geht zuerst, und zwar immer derselbe. Der zweite wird gehalten oder wartet hinter einer Tür, während der erste durchgeht. Kein Rufen, kein Kommando, das erst noch sitzen muss. Auf der Treppe gilt zusätzlich: nie gleichzeitig.

Sofa und Liegeplätze

Ein Platz lässt sich nicht teilen und nicht tauschen. Die Grundfrage ist nicht, ob deine Hunde aufs Sofa dürfen – dazu findest du die Abwägung in Darf der Hund aufs Sofa? –, sondern ob es darüber jedes Mal eine Verhandlung gibt.

Wenn ja, hast du zwei Wege. Der einfache: Das Sofa ist für beide zu, dauerhaft und nicht als Strafe. Der aufwendigere: Es ist für einen von beiden, und der andere hat einen eigenen Platz, der genauso gut ist und an dem er wirklich nicht gestört wird. Was nicht funktioniert, ist die dritte Möglichkeit, die alle zuerst probieren: beide dürfen, und wenn es Ärger gibt, muss der runter, der angefangen hat.

Für die übrigen Liegeplätze gilt: Jeder Hund braucht einen Ort, an den der andere nicht kommt. Nicht denselben Korb an derselben Wand, sondern zwei Orte mit Abstand, und mindestens einer davon in einem Raum, den du zumachen kannst. Warum ungestörte Ruhe hier mehr ist als Komfort, steht in Wie viel Schlaf ein Hund braucht.

Deine Aufmerksamkeit

Für viele der überraschendste Punkt, und in den Aufzeichnungen steht er häufiger oben, als die meisten erwarten. Auch die Aufmerksamkeit des Menschen kann eine begrenzte Ressource sein: deine Hand, der Platz neben dir auf dem Sofa, die Tatsache, dass du gerade aus der Küche kommst. Nichts davon ist unbegrenzt verfügbar, und beide Hunde merken das.

Erkennbar ist es an Kleinigkeiten. Einer schiebt sich zwischen dich und den anderen. Einer legt den Kopf auf dein Knie, sobald du den anderen streichelst. Einer kommt jedes Mal dazu, wenn du dich zum anderen hinunterbeugst. Das ist kein Eifersuchtsdrama, sondern dasselbe Muster wie am Napf.

Umbauen heißt: Streicheleinheiten finden getrennt statt. Wenn einer sich dazwischenschiebt, hörst du auf, statt ihn wegzuschicken, und machst später weiter, wenn der andere nicht im Raum ist. Und du fängst nicht damit an, den Zurückgedrängten demonstrativ zu bevorzugen – das erhöht nur den Einsatz.

Begrüßung, Spielzeug, der Aufbruch zum Spaziergang

Heimkommen und Besuch sind Engstellen mit Zusatzbelastung: hohe Erregung, enger Raum, etwas, das beide gleichzeitig wollen. Was hilft, ist Reihenfolge und Ruhe. Du kommst herein, ohne zu begrüßen, legst ab und begrüßt dann, wenn beide vier Pfoten am Boden haben.

Spielzeug ist der Schauplatz, der sich am leichtesten räumen lässt: Es liegt nicht herum, es wird ausgegeben und wieder eingesammelt. Beachtung verdient das gemeinsame Spiel mit einem Gegenstand – Zerrspiele zu zweit, ein Ball für beide, das Werfen im Garten. Das sieht aus wie Miteinander und ist Wettbewerb um einen Gegenstand bei hoher Erregung. Was Hunde beim Spiel eigentlich tun, steht in Spielverhalten bei Hunden.

Und der Aufbruch zum Spaziergang: Der Konflikt entsteht im Flur, nicht draußen. Leinen werden geholt, Geschirre angelegt, alle wollen gleichzeitig los. Das ist dieselbe Engstelle wie oben, nur mit dem höchsten Erregungsniveau des Tages. Wenn du das drei Tage lang nacheinander und in derselben Reihenfolge machst, wird die Sache leiser, ohne dass du etwas trainiert hast.

Warum Tauschtraining das Problem nicht löst

Es gibt ein gut erprobtes Verfahren für Hunde, die Dinge gegenüber Menschen verteidigen: ein zuverlässiges Abgeben aufbauen, indem der Hund für das Hergeben etwas Besseres bekommt und den Gegenstand anschließend zurückerhält. Das lohnt sich, und zwar mit jedem Hund einzeln. In der oben genannten Befragung war ein zuverlässig auf Signal abrufbares Abgeben mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit beißender Verteidigungsaggression verbunden (Jacobs et al., 2018a).

Nur löst es das Problem nicht, um das es hier geht. Ein Hund, der dir alles abgibt, gibt es deshalb nicht dem anderen Hund ab. Du bist nicht der, mit dem er um den Kauknochen konkurriert.

Dazu kommt ein zweiter Befund derselben Arbeit, der die Richtung vorgibt: Gegenüber Menschen sind die Muster beweglich, gegenüber anderen Hunden liegen sie vergleichsweise fest. Ein Hund, der gegenüber Artgenossen aggressiv verteidigt, zeigt seltener eines der beiden anderen Muster. Bei Menschen lohnt sich also Training. Zwischen Hunden lohnt sich vor allem, die Situation umzubauen.

Vorhersagbarkeit schlägt Gerechtigkeit

Fast alle Halter mit zwei Hunden versuchen, gerecht zu sein. Gleich viel Aufmerksamkeit, gleich große Portion, keiner soll benachteiligt werden. Das ist ein menschlicher Maßstab, und deine Hunde teilen ihn nicht.

Was für sie zählt, ist nicht, ob beide gleich viel bekommen, sondern ob vorher feststeht, wer was bekommt. Solange das offen ist, muss es in jeder einzelnen Situation neu geklärt werden – und genau dieses Klären willst du abstellen.

Wenn jeden Tag derselbe zuerst durch die Tür geht, ist die Tür keine Frage mehr. Wenn jeden Tag derselbe zuerst angeleint wird, ist das Anleinen keine Frage mehr. Welcher deiner beiden Hunde in diesen Zeilen steht, ist dabei erstaunlich unwichtig. Wichtig ist, dass immer derselbe darin steht.

Das ist keine Rangordnung, sondern eine Ablauffolge – und zwar deine, nicht ihre. Du bestimmst keinen Chef, du bestimmst, wer als Erster durch die Tür geht, damit das nicht jeden Tag neu ausgehandelt wird. Wenn du dich entscheiden musst: Nimm den, der ohnehin schneller an der Tür ist. Eine Ordnung, die gegen das läuft, was sowieso passiert, musst du jeden Tag durchsetzen. Eine, die mitläuft, hält von selbst.

Und der Punkt, an dem die meisten scheitern: Was einmal umgebaut ist, bleibt umgebaut. Die getrennte Fütterung aus Woche eins läuft in Woche sechs immer noch. Sie ist keine Übergangslösung, die man abbaut, wenn es besser wird. Sie ist der Grund, warum es besser wird.

Wann ein Text im Internet nicht mehr reicht

An diesen Punkten hört das hier auf: Es hat Verletzungen gegeben, egal wie klein und egal wie lange her. Einer deiner Hunde ist auf einen Menschen losgegangen. Es passiert ohne erkennbaren Anlass. Einer der beiden entspannt sich nicht mehr, beobachtet den anderen dauernd, frisst schlechter oder zieht sich zurück, sobald der andere den Raum betritt. Oder es leben kleine Kinder im Haushalt und mindestens einer der Hunde verteidigt auch ihnen gegenüber – das hat Vorrang vor allem anderen.

Zuerst in die Tierarztpraxis, und zwar mit beiden Hunden. Ein Hund mit Schmerzen weicht schlechter aus, steht schlechter auf und reagiert früher, wenn ihm jemand zu nah kommt. Das verändert die Lage zwischen zwei Hunden mehr als jede Erziehung, und es ist von außen nicht zu sehen. Ein besonderes Schmerzknurren, an dem du es erkennen könntest, gibt es nicht – ein Hund mit Schmerzen knurrt wie jeder andere Hund. Worauf du achten kannst, steht in Schmerzerkennung beim Hund, den Zusammenhang mit Aggression behandeln Schmerz und Aggression und viszeraler Schmerz.

Die häufigere Spur ist trotzdem Angst. In einer finnischen Fragebogenstudie mit einem Datensatz von 9.270 Hunden erhöhten mehrere Faktoren die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens gegenüber Menschen: höheres Alter, männliches Geschlecht, geringe Körpergröße, das Fehlen von Artgenossen im Haushalt, der erste eigene Hund – und Ängstlichkeit, der einzige Verhaltensfaktor in diesem Modell. Ängstliche Hunde zeigten deutlich häufiger aggressives Verhalten (Mikkola et al., 2021). Schmerz wird geprüft, weil man ihn übersieht und weil er behandelbar ist. Angst steht trotzdem häufiger dahinter. Mehr dazu in Die Neurobiologie der Angst beim Hund und, für den Alltag, in Angsthunde.

Zur Reichweite: Diese Arbeit hat aggressives Verhalten gegenüber Menschen untersucht, nicht zwischen Hunden im selben Haushalt, und sie beruht auf Halterangaben aus einer Rassehundepopulation. Sie ordnet Faktoren nach Gewicht, sie erklärt keinen Einzelfall – und dass Ängstlichkeit auch die Konflikte zwischen deinen beiden Hunden erklärt, folgt daraus nicht zwingend.

Arbeitsheft

Wenn zwei Hunde nicht teilen können

Konkurrenz im Mehrhundehaushalt verstehen und den Alltag entspannen

Dieser Artikel ordnet die Forschungslage ein. Das Arbeitsheft zeigt Schritt für Schritt, wie du im Alltag vorgehst:

  • Eine Woche mitschreiben, bevor du etwas änderst – und danach an der Stelle anfangen, an der die höchste Zahl steht
  • Die drei Muster für jeden Hund einzeln erfassen, auch die leisen
  • Ein Schauplatz pro Woche, umgebaut statt trainiert: Napf, Kauartikel, Engstellen, Liegeplätze, Aufmerksamkeit
  • Eine Zugangsordnung zum Aufhängen, als Absprache zwischen den Menschen im Haushalt
  • Sieben Bögen zum Ausdrucken: Schauplatzliste, Wer zeigt was, Wochenprotokoll, Zugangsordnung, Umbauplan, Vorbereitung aufs Beratungsgespräch

32 Seiten · PDF · 9,90 € · sofort verfügbar

Nicht das richtige Heft, wenn deine Hunde sich bereits verletzt haben, wenn einer von ihnen einen Menschen gebissen hat oder wenn kleine Kinder im Haushalt leben und mindestens einer der Hunde auch ihnen gegenüber verteidigt. In diesen Fällen braucht ihr jemanden vor Ort.

Arbeitsheft ansehen

Häufige Fragen zur Konkurrenz im Mehrhundehaushalt

Mein ruhiger Hund wartet einfach ab. Ist das nicht in Ordnung?

Für den Alltag ist es bequem, für ihn ist es die Feststellung, dass er an bestimmte Dinge nicht herankommt, solange der andere da ist. Es ist kein Grund für ein schlechtes Gewissen, aber es ist der Grund, warum sich die Lage nicht von selbst bessert: Solange einer das Problem jeden Tag durch Verzicht löst, hat keiner von beiden einen Anlass, etwas anderes zu versuchen.

Soll ich dazwischengehen, wenn es kracht?

In dem Moment ist die Lage bereits aus dem Ruder, und du bist ein dritter Körper auf engem Raum. Was du tun kannst, ist die Situation beenden, indem du einen der beiden herausnimmst. Was du in diesem Moment nicht tust, ist erziehen. Die Arbeit passiert vorher, an den Stellen, an denen es regelmäßig eng wird.

Hilft es, den schwächeren Hund gezielt zu stärken?

Der Gedanke ist nachvollziehbar, in der Praxis führt er dazu, dass ausgerechnet dort, wo du dabei bist, mehr auf dem Spiel steht als sonst. Was den Zurückgedrängten tatsächlich entlastet, ist nicht deine Parteinahme, sondern Vorhersagbarkeit: Er muss die Frage nicht mehr jeden Tag neu beantworten.

Wir haben nur eine kleine Wohnung. Geht das überhaupt?

Getrennt füttern geht auch ohne zwei freie Räume: nacheinander, und einer wartet währenddessen hinter einer Tür, einem Gitter oder draußen. Bei Kauartikeln gilt dasselbe. Der Aufwand ist am Anfang unbequem, aber er ist vorübergehend – der Punkt ist nicht, dass es für immer so bleibt, sondern dass an dieser Stelle wochenlang nichts mehr passiert.

Werden meine beiden irgendwann Freunde?

Vielleicht, vielleicht nicht. Manche Hunde sind es nicht und werden es nicht, und das lässt sich nicht herbeitrainieren. Das erreichbare Ziel ist ein anderes und es ist genug: ein Alltag, in dem sie keine Freunde sein müssen, weil es nichts mehr zu verhandeln gibt.

Quellenverzeichnis

Jacobs, J. A., Pearl, D. L., Coe, J. B., Widowski, T. M., & Niel, L. (2017). Ability of owners to identify resource guarding behaviour in the domestic dog. Applied Animal Behaviour Science, 188, 77–83. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2016.12.012

Jacobs, J. A., Coe, J. B., Pearl, D. L., Widowski, T. M., & Niel, L. (2018a). Factors associated with canine resource guarding behaviour in the presence of dogs: A cross-sectional survey of dog owners. Preventive Veterinary Medicine, 161, 134–142. https://doi.org/10.1016/j.prevetmed.2017.02.004

Jacobs, J. A., Coe, J. B., Widowski, T. M., Pearl, D. L., & Niel, L. (2018b). Defining and clarifying the terms canine possessive aggression and resource guarding: A study of expert opinion. Frontiers in Veterinary Science, 5, 115. https://doi.org/10.3389/fvets.2018.00115

Mikkola, S., Salonen, M., Puurunen, J., Hakanen, E., Sulkama, S., Araujo, C., & Lohi, H. (2021). Aggressive behaviour is affected by demographic, environmental and behavioural factors in purebred dogs. Scientific Reports, 11, 9433. https://doi.org/10.1038/s41598-021-88793-5

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Wer an einem bestimmten Verhalten arbeitet, findet bei uns Arbeitshefte mit Trainingsplan und Protokollbögen, Lernwerkzeuge zum Üben und zwei Fachbücher aus dem unterHUNDs Verlag.

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