Schmerz und Aggression beim Hund: Die am häufigsten übersehene Ursache
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- vor 1 Tag
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Ein Hund wird wegen Aggression vorgestellt. Er hat vor drei Monaten begonnen, beim Anfassen zu schnappen, verhält sich an manchen Tagen normal und an anderen unberechenbar, und die Halter beschreiben ihn als „Jekyll und Hyde“. Die naheliegende Frage betrifft Auslöser und Lernerfahrung. Die Frage davor betrifft Schmerz.
Wie häufig dieser Zusammenhang tatsächlich vorliegt, ist nicht sauber beziffert. Belegt ist, dass er in Fällen auftritt, in denen zunächst niemand daran gedacht hat: In einer klinischen Fallserie von zwölf Hunden mit schmerzbedingter Aggression war in neun Fällen — 75 Prozent — Schmerz am Bewegungsapparat die Hauptursache, überwiegend Hüftdysplasie und Ellbogenarthrose (Camps, Amat, Mariotti, Le Brech & Manteca, 2012).
Dieser Artikel behandelt die Mechanismen, über die Schmerz Verhalten verändert, ein Rahmenmodell mit vier unterscheidbaren Zusammenhängen, die klinischen Hinweise und ihre Grenzen sowie die Frage, warum Schmerz in Verhaltensfällen so zuverlässig übersehen wird.
Zur Aggression als eigenständigem Thema: Aggression beim Hund: Ursachen und Auslöser verstehen
Zur praktischen Erkennung von Schmerz: Schmerzerkennung beim Hund

1. Wie Schmerz Verhalten verändert
1.1 Die Schwellensenkung
Der erste und allgemeinste Mechanismus ist unspezifisch: Anhaltender nozizeptiver Input erhöht die Grunderregung. Damit sinkt die Reizintensität, die zum Überschreiten der Reaktionsschwelle nötig ist — ein Hund reagiert auf etwas, das er ohne Schmerz ignoriert hätte.
Dieser Mechanismus erklärt, warum schmerzbedingte Verhaltensänderungen oft nicht auf Berührung beschränkt sind. Er wirkt über das gesamte Verhaltensspektrum — auch dort, wo niemand einen Zusammenhang zum Schmerz vermuten würde.
Praktisch bedeutsam ist die Folge für die Fallaufnahme: Wird ein Hund gleichzeitig an mehreren Stellen auffällig — an der Leine, im Haus, gegenüber Besuchern —, lohnt die Frage nach einer gemeinsamen Grundlage. Ein gemeinsamer körperlicher oder emotionaler Zustand kann mehrere scheinbar unabhängige Trainingsprobleme erklären.
Zur Frustration als möglicher Begleitwirkung: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
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1.2 Die gelernte Verknüpfung
Der zweite Mechanismus ist spezifisch und läuft über Lernen. Berührung an einer schmerzhaften Region wird zu einem verlässlich aversiven Ereignis. Der Hund lernt, dass Annäherung an diese Region vorhersagbar unangenehm endet — und beginnt, sie vorher zu unterbinden.
Entscheidend ist die zeitliche Verschiebung: Das Drohverhalten setzt schließlich vor der Berührung ein, bei der bloßen Annäherung. Damit ist der ursprüngliche Zusammenhang für den Beobachter nicht mehr erkennbar.
Diese Verschiebung erklärt auch, warum das Verhalten nach erfolgreicher Schmerzbehandlung nicht verschwindet. Was gelernt wurde, ist eine Erwartung — und die bleibt bestehen, bis sie widerlegt wird. Der Hund müsste die Erfahrung machen, dass Annäherung nicht mehr wehtut, und dafür muss er sie zulassen.
Zum Konflikt zwischen Zulassen und Vermeiden: Annäherung-Vermeidung-Konflikt beim Hund
Zur Furchtkonditionierung als zugrundeliegendem Prozess: Furchtkonditionierung und Rekonsolidierung beim Hund
1.3 Die Regenerationsebene
Der dritte Mechanismus ist der langsamste und wird am seltensten mitgedacht. Chronischer Schmerz beeinträchtigt Schlaf und Erholung. Damit sinkt die Regulationsfähigkeit über die Zeit — unabhängig davon, ob im Moment ein Schmerzreiz vorliegt.
Dieser Weg erklärt eine Beobachtung, die den beiden anderen widerspricht: Verhaltensprobleme, die sich über Wochen verschlechtern, ohne dass sich Auslöser oder Umstände geändert hätten. Wo Lernerfahrung eine Erklärung braucht und die Schwellensenkung eine gleichbleibende Ursache voraussetzt, liefert die Erschöpfung eine Erklärung für schleichende Verschlechterung.
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2. Vier Arten des Zusammenhangs
2.1 Das Rahmenmodell
Mills und Kollegen schlagen vor, das Verhältnis zwischen Problemverhalten und Schmerz in vier Kategorien einzuteilen (Mills et al., 2020). Erstens: Das vorgestellte Problem ist eine unmittelbare Äußerung von Schmerz. Zweitens: Nicht erkannter Schmerz liegt sekundären Anteilen des Problems zugrunde. Drittens: Ein oder mehrere Zeichen des Problemverhaltens werden durch Schmerz verstärkt. Viertens: Begleitende Verhaltenszeichen treten zusammen mit Schmerz auf.
2.2 Warum die Einteilung nützt
Die Kategorien unterscheiden sich in einem entscheidenden Punkt: wie viel eine Schmerzbehandlung erwarten lässt. In der ersten Kategorie sollte sie das Problem weitgehend auflösen. In der dritten sollte sie es abschwächen, ohne es zu beseitigen. In der vierten ändert sie am Hauptproblem nichts, obwohl der Schmerz behandlungsbedürftig ist.
Damit ist auch die häufigste Enttäuschung erklärt: Eine Schmerzbehandlung, die das Verhalten nicht behebt, widerlegt nicht die Schmerzbeteiligung — sie verweist auf eine andere Kategorie.
Die vierte Kategorie verdient eigene Erwähnung, weil sie am schwersten zu handhaben ist. Dort tritt Schmerz zwar auf und ist behandlungsbedürftig, hat mit dem vorgestellten Problem aber keinen ursächlichen Zusammenhang. Wer in diesem Fall Besserung erwartet, wird sie nicht finden — und schließt womöglich fälschlich, die Schmerzhypothese sei insgesamt widerlegt.
2.3 Die Konsequenz für die Abklärung
Die Autoren halten fest, dass der zugrundeliegende Mechanismus im Einzelfall möglicherweise nie bekannt wird. Das ist kein Argument gegen die Abklärung, sondern für eine bestimmte Reihenfolge: erst prüfen, dann behandeln, dann beobachten, welche Kategorie sich bestätigt.
Zur Trennung von Beobachtung und Zuschreibung: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
3. Die Fallserie
3.1 Was gefunden wurde
Camps und Kollegen beschrieben zwölf klinische Fälle, in denen aggressives Verhalten auf eine zugrundeliegende schmerzhafte Erkrankung zurückgeführt werden konnte (Camps et al., 2012). Die Arbeit ist der am häufigsten zitierte Einzelbeleg zum Thema.
3.2 Bewegungsapparat als Hauptquelle
In neun der zwölf Fälle — 75 Prozent — war Schmerz am Bewegungsapparat die Hauptursache, überwiegend Hüftdysplasie und Ellbogenarthrose.
Das ist praktisch bedeutsam, weil beide Befunde bei mittelalten und älteren Hunden häufig und zugleich häufig stumm sind: Sie erzeugen nicht zwingend eine sichtbare Lahmheit, sondern eine Schmerzhaftigkeit, die sich erst bei bestimmten Bewegungen oder Berührungen zeigt.
Hinzu kommt eine Eigenheit des Bewegungsapparats, die zur Verhaltensseite passt: Die Schmerzhaftigkeit schwankt mit Belastung, Witterung und Tagesform. Genau diese Schwankung erzeugt das Muster, das in Abschnitt 4 als wichtigster klinischer Hinweis auftaucht.
Zum Altern und seinen Verhaltensveränderungen: Wenn Hunde älter werden
3.3 Grenzen der Fallserie
Zwölf Fälle sind eine Fallserie, keine Prävalenzschätzung. Sie zeigen, dass der Zusammenhang vorkommt und wie er aussieht — nicht, wie häufig er ist. Und sie sind aus einer Überweisungspopulation gewonnen, also aus Fällen, die zuvor nicht gelöst werden konnten.
Ältere Schätzungen, wonach ein erheblicher Anteil aggressiver Hunde eine medizinische Ursache habe, werden in der Literatur referiert, stammen aber aus den frühen 1980er Jahren und sind mit heutigen Fallzuordnungen nur eingeschränkt vergleichbar.
4. Klinische Hinweise
4.1 Die qualitative Übersicht
Barcelos, Mills und Zulch verglichen Fälle aggressiven Verhaltens bei Hunden mit und ohne Schmerz am Bewegungsapparat und leiteten daraus klinische Merkmale ab, die auf eine Schmerzbeteiligung hindeuten können (Barcelos, Mills & Zulch, 2015).
4.2 Das Jekyll-und-Hyde-Muster
Auffällig war eine Beschreibung, die Halter dieser Hunde häufig verwendeten: ein schlechtes und wechselhaftes Wesen, oft mit dem Bild einer „Jekyll und Hyde“-Persönlichkeit.
Diese Formulierung ist als Hinweis brauchbar, weil sie eine Tagesform beschreibt. Ein Verhaltensproblem, das rein auf Lernerfahrung beruht, sollte über Tage hinweg vergleichbar auftreten. Eine ausgeprägte Schwankung ohne erkennbaren äußeren Grund passt besser zu einem körperlichen Zustand, der selbst schwankt.
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4.3 Warum die Hinweise nicht ausreichen
Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass die genannten Merkmale die Erkennung unterstützen, aber diagnostisch nicht hinreichend sind. Das ist keine Formalie: Kein einzelnes Zeichen und keine Zeichenkombination erlaubt, Schmerz zu bestätigen oder auszuschließen.
Was die Hinweise leisten, ist eine Priorisierung — sie zeigen an, wann eine Abklärung besonders dringlich ist.
Diese Unterscheidung ist im Beratungsgespräch wichtiger, als sie klingt. Wer einem Halter sagt, sein Hund habe vermutlich Schmerzen, trifft eine Aussage, die er nicht belegen kann und die tierärztlich möglicherweise nicht bestätigt wird. Wer sagt, das Muster spreche für eine vorrangige Abklärung, sagt dasselbe in prüfbarer Form.
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5. Der Geräuschbefund
5.1 Die Untersuchung
Eine Arbeit derselben Gruppe untersuchte Geräuschempfindlichkeit bei Hunden mit und ohne Schmerz am Bewegungsapparat mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Lopes Fagundes, Hewison, McPeake, Zulch & Mills, 2018).
5.2 Das Vermeidungsmuster
Der auffälligste Unterschied betraf nicht die Intensität der Reaktion, sondern deren räumliche Ausdehnung: Die Hunde mit Schmerz zeigten eine stärkere Tendenz, ein deutlich breiteres Spektrum an Orten zu meiden, die mit dem Geräusch verbunden waren.
5.3 Die Erklärung
Die naheliegende Deutung verbindet beide Ebenen. Erschrickt ein Hund mit schmerzhaftem Bewegungsapparat, folgt auf den Schreck eine ruckartige Bewegung — und damit ein Schmerzereignis. Der Ort wird also nicht nur mit dem Geräusch verknüpft, sondern mit Geräusch und Schmerz. Das erklärt die breitere Generalisierung.
Für die Praxis ist der Befund deshalb wertvoll, weil er einen weiteren Anlass zur Abklärung liefert: ungewöhnlich weit generalisierte Geräuschangst.
Er zeigt zugleich ein allgemeineres Muster. Schmerz verändert nicht nur, ob ein Hund reagiert, sondern wie weit sich eine erlernte Reaktion ausdehnt. Wo Schmerz beteiligt ist, sind mehr Reize und mehr Orte betroffen — was in der Fallaufnahme als besonders schwerer Fall erscheint, kann eine Frage der Generalisierung sein.
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6. Warum Schmerz übersehen wird
6.1 Hunde zeigen wenig
Der erste Grund liegt beim Tier. Chronischer Schmerz erzeugt beim Hund selten die Zeichen, die Menschen erwarten — kein Jammern, keine offensichtliche Schonhaltung. Was auftritt, sind graduelle Veränderungen: weniger Bewegung, langsameres Aufstehen, veränderte Liegepositionen, geringere Ausdauer.
Diese Veränderungen werden häufig dem Alter zugeschrieben. Bei mittelalten Hunden fällt das leichter, als es sollte.
Der Denkfehler dahinter ist verbreitet: Alter ist keine Ursache, sondern ein Zeitraum, in dem Ursachen häufiger werden. „Er wird eben älter“ beschreibt eine Korrelation und beendet die Suche nach dem, was sich tatsächlich verändert hat.
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6.2 Der Zuschreibungsfehler
Der zweite Grund liegt beim Beobachter. Ein Hund, der bei Berührung schnappt, erzeugt eine Deutung, bevor eine Untersuchung stattfindet — Dominanz, schlechte Erziehung, Unsicherheit. Diese Deutungen sind nicht falsch, aber sie beenden die Suche.
Besonders wirksam ist dabei die Vorgeschichte. Bei einem Hund aus dem Tierschutz liegt die Erklärung über die Vergangenheit so nahe, dass eine körperliche Ursache selten geprüft wird.
Dasselbe gilt für Rassezuschreibungen. Wo ein Verhalten als rassetypisch gilt, wird es erklärt statt untersucht — und gerade bei Rassen mit hoher Dysplasieprävalenz ist das eine ungünstige Kombination.
Zur Rassefrage: Der Mythos des rassetypischen Fehlverhaltens
Zur Verhaltensarbeit mit belasteter Vorgeschichte: Resozialisierung bei Hunden
6.3 Die Reihenfolge in der Praxis
Der dritte Grund ist organisatorisch. Verhaltensprobleme werden häufig zuerst bei Trainern vorgestellt, körperliche Beschwerden zuerst beim Tierarzt. Ein Hund, dessen Verhaltensproblem eine körperliche Ursache hat, landet damit systematisch an der falschen Stelle.
Zur Abgrenzung der Zuständigkeiten: Hundetrainer oder Verhaltenstherapeut — was braucht mein Hund wirklich?
7. Konsequenzen
7.1 Wann Abklärung besonders indiziert ist
Keiner der folgenden Punkte belegt für sich eine Schmerzbeteiligung. Gemeinsam beschreiben sie Konstellationen, in denen eine Abklärung vor der Verhaltensarbeit stehen sollte statt nach ihr.
Aus der Befundlage ergeben sich Konstellationen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit einer Schmerzbeteiligung: plötzlicher Beginn ohne erkennbares auslösendes Ereignis; Aggression ausschließlich bei Berührung oder Handling; ausgeprägte Tagesformschwankung; Beginn oder Verschlechterung im mittleren bis höheren Alter; ungewöhnlich weit generalisierte Geräuschangst; und Fälle, die auf ein fachlich passendes Vorgehen nicht ansprechen.
Dass die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens mit dem Alter steigt, ist in großen Kohorten belegt und mit dieser Erklärung gut vereinbar (Mikkola et al., 2021). Das ist allerdings ein Zusammenhang, kein Nachweis — mit dem Alter verändern sich auch Sinnesleistungen, Lerngeschichte und Haltungsbedingungen.
7.2 Der diagnostische Versuch
Wo eine bildgebende oder klinische Abklärung unauffällig bleibt, der Verdacht aber besteht, ist ein zeitlich begrenzter Behandlungsversuch mit Schmerzmedikation ein etabliertes Vorgehen. Er ist zugleich eine Prüfung: Verändert sich das Verhalten, spricht das für eine Beteiligung.
Die Entscheidung darüber liegt selbstverständlich in der Tierarztpraxis. Was die Verhaltensseite beitragen kann, ist die Beobachtungsgrundlage — welche Verhaltensweisen wann und wie häufig auftreten, dokumentiert über einen definierten Zeitraum vor und während der Behandlung.
Zur Zusammenarbeit an dieser Schnittstelle: Was macht einen guten Tierarzt aus?
Zwei Vorbehalte gehören dazu. Der Versuch muss lang genug sein, weil gelernte Anteile nicht mit dem Schmerz verschwinden. Und ein ausbleibender Effekt schließt Schmerz nicht aus — er verweist auf eine der anderen Kategorien aus Abschnitt 2.
Hinzu kommt ein Beobachtungsproblem, das sich aber lösen lässt: Wer weiß, dass behandelt wird, sieht Besserung leichter. Wo möglich, sollte deshalb vorher festgelegt werden, welche konkreten Verhaltensweisen wie oft erfasst werden — und diese Erfassung sollte vor Behandlungsbeginn laufen.
Zur Erfassung von Verhalten: Hundeverhalten messbar machen
7.3 Was Schmerzbehandlung leistet
Sie entfernt die Ursache, nicht das Gelernte. Ein Hund, der über Monate gelernt hat, Annäherung an eine bestimmte Region zu unterbinden, zeigt dieses Verhalten nach erfolgreicher Schmerzbehandlung weiter — es wird nur wieder veränderbar.
Das ist keine Einschränkung, sondern die eigentliche Botschaft für die Praxis. Vor der Schmerzbehandlung arbeitet Verhaltenstherapie gegen eine fortlaufend erneuerte Ursache; danach arbeitet sie an einer abgeschlossenen Lerngeschichte. Dieselbe Intervention hat vorher und nachher völlig unterschiedliche Aussichten.
Zur Veränderung der Reizbewertung: Desensibilisierung und Gegenkonditionierung beim Hund
8. Zusammenfassung im Überblick
Schmerz verändert Verhalten über drei Wege: Er senkt die Reaktionsschwelle unspezifisch, er erzeugt gelernte Vermeidung bei Berührung, und er beeinträchtigt Schlaf und Erholung.
Das Verhältnis zwischen Problemverhalten und Schmerz lässt sich in vier Kategorien einteilen — von der unmittelbaren Schmerzäußerung bis zu bloß begleitenden Zeichen. Diese Einteilung erklärt, warum eine Schmerzbehandlung das Verhalten manchmal auflöst und manchmal nur abschwächt.
In der bekanntesten Fallserie war in neun von zwölf Fällen Schmerz am Bewegungsapparat die Hauptursache, überwiegend Hüftdysplasie und Ellbogenarthrose. Eine qualitative Übersicht identifizierte klinische Hinweise, hält aber ausdrücklich fest, dass diese diagnostisch nicht hinreichend sind — besonders auffällig war ein wechselhaftes Wesen, von Haltern häufig als „Jekyll und Hyde“ beschrieben.
Ein weiterer Anlass zur Abklärung ergibt sich aus der Geräuschforschung: Hunde mit Schmerz mieden ein breiteres Spektrum an Orten, die mit dem Geräusch verbunden waren.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Keine belastbare Prävalenzschätzung
Wie häufig Schmerz an Aggression beteiligt ist, ist nicht bekannt. Die vorliegenden Zahlen stammen entweder aus kleinen Fallserien oder aus älteren Arbeiten mit nicht mehr vergleichbaren Fallzuordnungen. Eine prospektive Untersuchung mit systematischer Abklärung aller vorgestellten Aggressionsfälle fehlt.
9.2 Der Zirkelschluss in der Fallauswahl
Fallserien schmerzbedingter Aggression enthalten definitionsgemäß Fälle, in denen Schmerz gefunden wurde. Über Fälle, in denen gesucht und nichts gefunden wurde, geben sie keine Auskunft — was die Aussagekraft für die Frage nach dem Anteil erheblich einschränkt.
Die Übersicht von Barcelos und Kollegen umgeht dieses Problem teilweise, indem sie aggressive Hunde mit und ohne Schmerz vergleicht. Damit lassen sich Unterscheidungsmerkmale gewinnen — die Frage nach der Häufigkeit beantwortet aber auch dieses Design nicht.
9.3 Schmerzmessung beim Hund
Die Beurteilung chronischer Schmerzen beim Hund beruht überwiegend auf Halterangaben und klinischer Einschätzung. Validierte Instrumente werden entwickelt, sind aber noch nicht durchgängig etabliert — was jede Aussage über Schmerzbeteiligung mit derselben Unsicherheit belastet.
Damit steht dieses Feld vor demselben Problem wie die Emotionsforschung: Der interessierende Zustand ist nicht direkt zugänglich und muss über Verhalten erschlossen werden. Der Unterschied ist, dass beim Schmerz zusätzlich bildgebende und klinische Befunde zur Verfügung stehen — die allerdings, wie die Fallserien zeigen, nicht immer mit der Schmerzhaftigkeit übereinstimmen.
Zum viszeralen Schmerz als besonders schwer erkennbarer Form: Viszeraler Schmerz beim Hund
10. Fazit
Die praktisch wichtigste Aussage dieses Themas ist keine über Häufigkeiten, sondern über Reihenfolge: Die tierärztliche Abklärung gehört an den Anfang eines Aggressionsfalls, nicht ans Ende einer erfolglosen Trainingsserie.
Der Grund ist nicht, dass Schmerz die häufigste Ursache wäre — das ist nicht gezeigt. Der Grund ist die Kostenverteilung. Eine Abklärung, die nichts findet, kostet wenig. Eine übersehene Schmerzursache kostet Monate Training, das nicht wirken kann, und Wiederholungen eines Verhaltens, das sich dabei verfestigt.
Für die Beobachtung im Alltag ist das wechselhafte Wesen der brauchbarste Einzelhinweis. Ein Hund, der an manchen Tagen unauffällig ist und an anderen unberechenbar, ohne dass sich die Umstände erkennbar ändern, sollte vorrangig körperlich abgeklärt werden.
Formuliert werden sollte das allerdings als Hinweis, nicht als Diagnose. Die Autoren der einschlägigen Übersicht sind an diesem Punkt ausdrücklich zurückhaltend, und die Zurückhaltung ist berechtigt: Tagesformschwankungen entstehen auch durch Schlafqualität, Belastungsgeschichte der Vortage und die Verfassung des Menschen. Schmerz ist eine gute erste Hypothese — nicht die einzige.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Schmerz und Aggression beim Hund
Schmerz wirkt über drei getrennte Wege. Er senkt die Reaktionsschwelle unspezifisch, erzeugt gelernte Vermeidung bei Berührung und beeinträchtigt Erholung. Nur der zweite Weg ist auf die schmerzhafte Region beschränkt.
Der Bewegungsapparat dominiert die dokumentierten Fälle. In neun von zwölf Fällen einer klinischen Serie war er die Hauptquelle, überwiegend Hüftdysplasie und Ellbogenarthrose (Camps et al., 2012) — Befunde, die häufig ohne sichtbare Lahmheit verlaufen.
Klinische Hinweise sind nicht diagnostisch hinreichend. Die Autoren der einschlägigen Übersicht halten das ausdrücklich fest (Barcelos, Mills & Zulch, 2015). Am auffälligsten war ein wechselhaftes Wesen, von Haltern häufig als „Jekyll und Hyde“ beschrieben.
Vier Kategorien erklären unterschiedliche Behandlungsergebnisse (Mills et al., 2020). Eine Schmerzbehandlung, die das Verhalten nicht auflöst, widerlegt die Schmerzbeteiligung nicht — sie verweist auf eine andere Kategorie.
Weit generalisierte Geräuschangst ist ein Abklärungsanlass. Hunde mit Schmerz am Bewegungsapparat mieden ein breiteres Spektrum an Orten, die mit dem Geräusch verbunden waren (Lopes Fagundes et al., 2018).
Quellen
Barcelos, A.-M., Mills, D. S., & Zulch, H. (2015). Clinical indicators of occult musculoskeletal pain in aggressive dogs. Veterinary Record, 176(18), 465. https://doi.org/10.1136/vr.102823
Camps, T., Amat, M., Mariotti, V. M., Le Brech, S., & Manteca, X. (2012). Pain-related aggression in dogs: 12 clinical cases. Journal of Veterinary Behavior, 7(2), 99–102. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2011.08.002
Lopes Fagundes, A. L., Hewison, L., McPeake, K. J., Zulch, H., & Mills, D. S. (2018). Noise sensitivities in dogs: An exploration of signs in dogs with and without musculoskeletal pain using qualitative content analysis. Frontiers in Veterinary Science, 5, 17. https://doi.org/10.3389/fvets.2018.00017
Mikkola, S., Salonen, M., Puurunen, J., Hakanen, E., Sulkama, S., Araujo, C., & Lohi, H. (2021). Aggressive behaviour is affected by demographic, environmental and behavioural factors in purebred dogs. Scientific Reports, 11, 9433. https://doi.org/10.1038/s41598-021-88793-5
Mills, D. S., Demontigny-Bédard, I., Gruen, M., Klinck, M. P., McPeake, K. J., Barcelos, A. M., Hewison, L., Van Haevermaet, H., Denenberg, S., Hauser, H., Koch, C., Ballantyne, K., Wilson, C., Mathkari, C. V., Pounder, J., Garcia, E., Darder, P., Fatjó, J., & Levine, E. (2020). Pain and problem behavior in cats and dogs. Animals, 10(2), 318. https://doi.org/10.3390/ani10020318

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