Hunderatgeber · Verhaltensbiologie beim Hund
Schmerz und Aggression beim Hund: Was Arthrose mit Verhalten zu tun hat
Schmerz sieht oft wie ein Verhaltensproblem aus. Was Fallserien und Messungen am Hund zeigen, wo die Evidenz endet und warum Schmerz vor dem Trainingsplan abgeklärt gehört.
Michael Sauerwein
In der tierärztlichen Verhaltensmedizin werden Aggression, Gereiztheit und plötzliche Verhaltensänderungen oft zuerst als Verhaltensproblem behandelt und erst danach als medizinisches, manchmal gar nicht. Dabei ist Schmerz ein häufig übersehener Einflussfaktor: In Auswertungen der Fälle von Verhaltensmedizinern lag die vorsichtige Schätzung bei etwa einem Drittel der überwiesenen Hunde mit einer schmerzhaften Erkrankung (Mills et al., 2020). Arthrose, eine fortschreitende degenerative Gelenkerkrankung, ist die am häufigsten diagnostizierte Gelenkerkrankung beim Hund (Anderson et al., 2018), und ihre Folgen können über Steifheit und Lahmheit hinaus bis in die emotionale Regulation und das Verhalten reichen.
Die zentrale Aussage dieses Beitrags ist gut gestützt und lohnt sich klar auszusprechen: Beim Hund ist der Zusammenhang zwischen chronischem Schmerz und Problemverhalten keine Randhypothese, sondern eine dokumentierte klinische Realität. Fallauswertungen von Verhaltensmedizinern legen nahe, dass ein großer Teil der überwiesenen Hunde Schmerzen hat, quantitative sensorische Tests haben bei Hunden mit Arthrose eine weit verbreitete erhöhte Schmerzempfindlichkeit gezeigt, und kleine klinische Fallserien beschreiben Hunde, deren Problemverhalten sich besserte, nachdem der Schmerz behandelt wurde. Kontrollierte Studien mit Verhalten als Endpunkt fehlen allerdings weitgehend. Dieser Beitrag stellt die Evidenz vom Hund in den Vordergrund und erklärt dann die Neurobiologie dahinter, wobei er offen kennzeichnet, welche Mechanismen am Hund gezeigt und welche aus der Schmerzforschung an Menschen und Nagern übertragen sind. Die praktische Schlussfolgerung ist einfach und folgenreich: Aggression bei einem Hund mit Schmerzen kann Ausdruck einer körperlichen Belastung sein statt eines Versagens im Verhalten, und ein Verhaltensplan, der diese Frage nie stellt, arbeitet an einem ungeprüften Problem.
1. Einführung
1.1 Der übersehene Faktor
Schmerz wird unter anderem deshalb übersehen, weil er sich versteckt. Ein Hund mit chronischen Beschwerden jault meist nicht. Er wird weniger tolerant beim Anfassen, warnt schneller, steht langsamer auf und zieht sich mehr zurück, Veränderungen, die leicht unter „schlecht gelaunt“, „alt geworden“ oder „dominant“ abgelegt werden. Weil Arthrose bei bestimmten Rassen, schwereren Hunden und Hunden über acht Jahren häufiger vorkommt (Anderson et al., 2018), werden ihre Anzeichen leicht als normal hingenommen, statt abgeklärt zu werden. Schmerz als mögliche Ursache in Betracht zu ziehen, statt eine Verhaltensursache vorauszusetzen, ist die wichtigste Veränderung, für die dieser Beitrag eintritt (Aggression ist ein Signal für einen inneren Zustand, kein moralisches Versagen).
1.2 Wie die Evidenz zu lesen ist
Hinter diesem Thema stehen zwei Ebenen der Evidenz. Die erste ist stark und stammt vom Hund: Fallauswertungen aus der Klinik, kontrollierte sensorische Tests bei Hunden mit Arthrose und klinische Fallserien zu schmerzbedingter Aggression. Die zweite ist der feinere Mechanismus, also die konkreten Schaltkreise und Botenstoffe, die Schmerz mit Aggression verbinden. Er stützt sich stark auf die Schmerzforschung an Menschen und Nagern und wird mit guten Gründen auf den Hund übertragen. Dieser Beitrag hält beides getrennt, damit das Vertrauen in die Aussage „Schmerz beeinflusst Verhalten beim Hund“ (hoch) nicht mit dem Vertrauen in eine bestimmte molekulare Erklärung (geringer) verwechselt wird.
2. Arthrose als chronischer Schmerzzustand
2.1 Mehr als ein Gelenkproblem
Arthrose umfasst den Abbau von Knorpel, den Umbau des Knochens unter dem Knorpel und eine chronische, niedriggradige Entzündung, und sie ist die am häufigsten diagnostizierte Gelenkerkrankung beim Hund. Wie häufig sie ist, hängt von der Definition ab: Bei 455.557 Hunden in tierärztlicher Grundversorgung in Großbritannien lag die Jahresprävalenz diagnostizierter Arthrose der Gliedmaßengelenke bei 2,5 Prozent, während frühere Schätzungen auf Grundlage von Überweisungsdaten 20 Prozent erreichten (Anderson et al., 2018). Ihr Schmerz ist nicht zwingend rein nozizeptiv, also eine getreue Meldung von Gewebeschaden. Mit der Zeit können Anteile hinzukommen, bei denen sich das Schmerzsystem selbst verändert. Das ist eine Erklärung dafür, warum Verhaltensanzeichen bestehen bleiben können, während die sichtbaren Gelenkveränderungen gering wirken: Ein Teil des Problems hat sich möglicherweise vom Gelenk ins Nervensystem verlagert (eine Verschiebung vom Signal aus dem Körper zur veränderten zentralen Verarbeitung).
2.2 Zentrale Sensibilisierung, am Hund gemessen
Der entscheidende Übergang ist die zentrale Sensibilisierung: Das zentrale Nervensystem wird überempfindlich, sodass die Schmerzwahrnehmung zunehmend unabhängig vom andauernden Schaden im Gewebe wird. Das ist für den Hund nicht bloß aus Daten vom Menschen erschlossen. Mit quantitativen sensorischen Tests mit mechanischen und thermischen Reizen verglichen Forschende 31 Hunde mit Arthrose in Hüfte oder Knie mit 23 gesunden Hunden: Arthrose hing bei allen Testarten eng mit Hyperalgesie zusammen, nicht nur am betroffenen Gelenk, sondern auch am vorderen Schienbeinmuskel und im Mittelfußbereich, und die mechanische Empfindlichkeit korrelierte mäßig mit den Gelenkschmerzwerten. Die Autoren deuten das als wahrscheinlichen Hinweis auf eine zentrale Sensibilisierung (Knazovicky et al., 2016). Ein sensibilisiertes Nervensystem ist eine plausible Verbindung zwischen einem schmerzenden Gelenk und einem Hund, der auf Berührung an einer anderen Stelle reagiert.
2.3 Warum Röntgenbilder die Frage nicht klären
Befunde in der Bildgebung und Schmerz passen nicht sauber zueinander. Hunde mit deutlichen Röntgenveränderungen können sich beschwerdefrei bewegen, und Hunde mit unauffälligen Bildern können erhebliche Beschwerden haben, besonders wenn Weichteile oder die Wirbelsäule beteiligt sind. Fachleute in diesem Bereich halten ausdrücklich fest, dass sich Schmerz mit einem normalen Röntgenbild nicht ausschließen lässt und dass Röntgenveränderungen das Ausmaß des Schmerzes nicht vorhersagen (Lopes Fagundes et al., 2018).
Praktisch heißt das: Ein unauffälliges Röntgenbild schließt Schmerz nicht aus, und ein auffälliges sagt nicht, wie stark das Tier leidet. Beide Fehler kommen vor, und der zweite führt zu einer Behandlung, die auf ein Bild zielt statt auf einen Patienten.
2.4 Chronischer Schmerz ist nicht einfach verlängerter akuter Schmerz
Eine kurze schmerzhafte Episode und eine Erkrankung, die Jahre dauert, unterscheiden sich in mehr als der Dauer. Anhaltende Schmerzsignale können die Verarbeitung im Rückenmark und im Gehirn verändern, und der entstehende Zustand hat eigene Merkmale: gesenkte Schwellen, Ausbreitung über die ursprüngliche Stelle hinaus und Reaktionen auf Reize, die vorher neutral waren.
Das ist ein Grund, warum eine Schmerzmitteldosis, die für eine akute Verletzung reicht, bei einem Tier in einem lange bestehenden Schmerzzustand wenig bewirken kann, und warum das Verhaltensbild bestehen bleiben kann, nachdem das Gelenk selbst behandelt wurde.
3. Wie häufig ist der Zusammenhang zwischen Schmerz und Verhalten?
3.1 Was die Fallauswertungen zeigen
Hier ist die Evidenz vom Hund am eindrucksvollsten. In einer Arbeit mehrerer Autorinnen und Autoren werteten Verhaltensmediziner 100 aktuelle Hundefälle aus ihrer Praxis aus und kamen zu der vorsichtigen Schätzung, dass etwa ein Drittel der überwiesenen Fälle eine schmerzhafte Erkrankung betraf, in manchen Praxen fast 80 Prozent. Schmerzen im Bewegungsapparat spielen eine große Rolle, aber auch schmerzhafte Magen-Darm- und Hauterkrankungen werden häufig als bedeutsam erkannt (Mills et al., 2020). Die Zusammenfassung der Autoren lohnt sich zu behalten: Die Beziehung zwischen Schmerz und Problemverhalten ist oft komplex, aber immer logisch. Speziell zur Aggression beschrieb eine Serie von zwölf klinischen Fällen schmerzbedingter Aggression Hüftdysplasie als Schmerzursache bei acht Hunden und Ellbogenarthrose bei einem, die übrigen drei hatten eine chronische Ohrentzündung oder eine Hautverletzung. Hunde, die vor Beginn der schmerzhaften Erkrankung nicht aggressiv gewesen waren, waren impulsiver und häufiger in Situationen des Anfassens aggressiv als Hunde, die schon vorher aggressiv gewesen waren (Camps et al., 2012). Zwölf Fälle beschreiben, was diese Tiere hatten, einen Anteil für eine größere Population können sie nicht festlegen. Zusammen mit den Zahlen aus den Fallauswertungen ist Schmerz in der Verhaltensarbeit mit Hunden aber keine gelegentliche Kuriosität, sondern ein wiederkehrender und unterschätzter Einflussfaktor (deshalb gehört ungeklärte Reaktivität tierärztlich abgeklärt).
3.2 Warum sich die Häufigkeit schwer festlegen lässt
Zahlen dazu, wie oft Schmerz hinter Problemverhalten steckt, schwanken zwischen den Quellen stark, und der Grund liegt in der Struktur, nicht in den Daten. Eine verhaltensmedizinische Überweisungspraxis sieht eine gefilterte Population, eine allgemeine Tierarztpraxis eine andere, und keine von beiden ist eine Zufallsstichprobe der Hunde.
Schätzungen aus verhaltensmedizinischen Praxen beschreiben deshalb, was in diesen Praxen ankommt. Das ist nicht dieselbe Größe wie der Anteil der Verhaltensprobleme in der gesamten Hundepopulation, bei denen Schmerz eine Rolle spielt (wie die breitere Forschung zur Aggression zeigt).
3.3 Die Richtung des Zusammenhangs
Wo Schmerz und Problemverhalten gemeinsam auftreten, sind drei Konstellationen möglich: Der Schmerz hat das Verhalten hervorgebracht, das Verhalten hat über veränderte Bewegung oder Konflikte den Schmerz hervorgebracht, oder beides folgt aus etwas Drittem wie dem Alter. Fallserien können das nicht unterscheiden.
Der klinische Nutzen hängt nicht davon ab, das zu klären. Er hängt nur davon ab, dass Schmerz unter Verhaltensfällen häufig genug ist, um ihn auszuschließen, und dafür ist die Evidenz einigermaßen klar.
4. Neurobiologie schmerzbedingter Aggression
Die folgenden Mechanismen sollen erklären, warum der klinische Zusammenhang besteht. Die meisten sind überwiegend an Menschen und Labortieren beschrieben und werden auf den Hund übertragen. Der Beitrag kennzeichnet das, statt sie als Messungen am Hund darzustellen.
4.1 Gemeinsame Schaltkreise
Schmerz und Abwehrverhalten werden nicht in getrennten Abteilungen verarbeitet. In der Bildgebung am Menschen sind an der Regulation von Schmerz und von Ärger überlappende Regionen beteiligt, darunter der vordere Gyrus cinguli, der orbitofrontale Kortex, die vordere Insel, die Amygdala und das periaquäduktale Grau (Bruehl et al., 2009) (dieselbe Architektur, die emotionalem Verhalten allgemein zugrunde liegt). Die Annahme ist, dass anhaltender Schmerz solche Schaltkreise aktiviert hält und so die Schwelle für Abwehrreaktionen senkt. Beim Hund ist das erschlossen, nicht gemessen.
4.2 Serotonin und Verhaltenshemmung
Serotonin moduliert sowohl Schmerz als auch Impulskontrolle, und chronische Schmerzzustände wurden in der artübergreifenden Forschung mit einer gestörten Serotoninregulation in Verbindung gebracht, die Gereiztheit erhöhen und Verhaltenshemmung verringern kann (Teil der breiteren Neurochemie, die Verhalten prägt). Diese Doppelrolle, dasselbe System dämpft Schmerz und bremst reaktives Verhalten, ist ein Grund, warum Schmerz und eine kurze Zündschnur so oft zusammen auftreten. Die Einzelheiten stammen überwiegend aus artübergreifender Schmerz- und Stimmungsforschung.
4.3 Die Stressachse und die Stressbelastung
Chronischer Schmerz ist ein anhaltender körperlicher Stressor. Die Annahme ist, dass er die Aktivierung der Stressachse aufrechterhalten kann, mit einer chronischen Stressbelastung, die die Widerstandskraft verringert und die Schwelle für reaktives Verhalten senkt. Ob Hunde mit Arthrose tatsächlich erhöhte Cortisolwerte zeigen, belegen die hier zitierten Studien nicht (die Folgen chronischen Stresses für das Gehirn). Ein Hund mit Schmerzen kann deshalb zugleich ein chronisch gestresster Hund sein, mit den Kosten für die Reaktivität, die dieser Zustand mit sich bringen kann (mit einem Nervensystem, das auf höherer Grunderregung läuft).
4.4 Gestörtes körpereigenes Opioidsystem
Das körpereigene Opioidsystem hilft, sowohl körperliches Unbehagen als auch emotionale Belastung abzupuffern, und unter chronischem Schmerz kann es aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn diese Pufferwirkung nachlässt, kann das Tier Schmerz und Stress womöglich schlechter abfangen, und die Wahrscheinlichkeit einer Abwehrreaktion kann steigen. In der Forschung am Menschen verbindet eine Hypothese zur Opioid-Dysfunktion die Neigung, Ärger nach außen auszudrücken, über eine unzureichende körpereigene Opioidhemmung mit erhöhter Schmerzempfindlichkeit (Bruehl et al., 2009). Die Regulation von Ärger wurde außerdem mit Auftreten und Schwere noziplastischer Schmerzen in Verbindung gebracht, mit gegenläufigen Aktivitätsmustern im medialen präfrontalen Kortex und in der Amygdala (Yarns et al., 2022). Es ist plausibel, dass solche Mechanismen beim Hund ähnlich wirken, gemessen wurden sie dort nicht.
4.5 Was die Mechanismen nicht belegen
Gemeinsame Schaltkreise, Serotoninmodulation, Beteiligung der Stressachse und gestörtes Opioidsystem sind jeweils gut beschrieben, überwiegend an Menschen und Nagern. Zusammen machen sie schmerzbedingte Gereiztheit biologisch erwartbar statt überraschend.
Was sie nicht leisten, ist, Schmerz bei einem bestimmten Hund als Ursache festzustellen. Ein plausibler Mechanismus erhöht die Ausgangswahrscheinlichkeit. Er ersetzt nicht die Untersuchung des Tieres, und im Abstand zwischen beidem entstehen die meisten Fehler in diesem Bereich (individuelle Unterschiede wiegen mehr, als Gruppenmittelwerte vermuten lassen).
4.6 Die Forschung am Menschen trägt dieses Kapitel
Zwei der Quellen, auf denen dieses Kapitel ruht, betreffen Menschen (Bruehl et al., 2009; Yarns et al., 2022). Das ist kein Mangel, den man verstecken müsste, dort liegt die mechanistische Forschung. Es verändert aber, was das Kapitel behaupten kann.
Der Beitrag vom Hund ist dort am stärksten, wo am Hund gemessen wurde: beim Nachweis weit verbreiteter Empfindlichkeit bei Hunden mit Arthrose (Knazovicky et al., 2016) und im klinischen Fallmaterial. Die Kapitel zum Mechanismus sind geliehen und sollten so gelesen werden (wo Angst für sich betrachtet wird).
5. Zentrale Sensibilisierung und verstärkte Bedrohung
5.1 Wie die Verstärkung funktioniert
Das klinische Gesicht der zentralen Sensibilisierung ist ein Nervensystem, das Bedrohung übermeldet. In der Schmerzforschung am Menschen kennzeichnen zwei Merkmale diesen Zustand: Hyperalgesie, eine übersteigerte Reaktion auf tatsächlich schmerzhafte Reize, und Allodynie, Schmerz bei normalerweise harmlosen Reizen wie leichter Berührung. Bei Hunden mit Arthrose wurde Hyperalgesie gemessen (Knazovicky et al., 2016), Allodynie wurde deutlich weniger untersucht. Für einen betroffenen Hund können alltägliche Situationen, gestreichelt, hochgehoben oder gebürstet zu werden oder im Liegen angestupst zu werden, schmerzhaft sein. So gesehen kann die „Aggression“ ein Versuch sein, weiteren Schmerz zu verhindern, getragen von veränderter Verarbeitung im Nervensystem und nicht von Absicht, Sturheit oder dem gelernten Streben nach Kontrolle. Der Hund, der sich umdreht, wenn man ihn an einer bestimmten Stelle berührt, ist oft weniger unberechenbar, als es wirkt. Sein Verhalten passt womöglich genau zu dem, was sein Nervensystem meldet.
5.2 Warum das den Blick auf das Training verändert
Ein sensibilisiertes Nervensystem reagiert auf gewöhnliche Reize, als wären sie bedrohlich. Der Hund überreagiert also in keinem sinnvollen Sinn auf einen schwachen Reiz, denn für dieses Tier ist der Reiz nicht schwach.
Verhaltenspläne, die davon ausgehen, die Reaktion des Hundes stehe in keinem Verhältnis zum Reiz, werden wahrscheinlich scheitern und dabei wie mangelnde Mitarbeit aussehen (schrittweise Protokolle als gut gestützter Weg).
5.3 Was Sensibilisierung nicht erklärt
Erhöhte Schmerzempfindlichkeit wurde bei Hunden mit Arthrose gemessen (Knazovicky et al., 2016), und eine Messung in einer Gruppe belegt sie nicht beim einzelnen Tier. Sie belegt auch nicht, dass ein bestimmtes Verhalten bei einem bestimmten Hund von ihr hervorgebracht wird.
Der Mechanismus ist real, und der Schritt vom Mechanismus zum Einzelfall ist ein Schluss. Das ist dieselbe Vorsicht, die im ganzen Beitrag gilt.
6. Klinisches Bild
6.1 Wie es aussieht
Schmerzbedingte Verhaltensänderungen werden oft falsch gelesen, deshalb lohnt es sich, ihre Muster zu benennen. Dazu gehören erhöhte Gereiztheit beim Anfassen, Abwehraggression bei Annäherung oder Berührung, besonders an bestimmten Stellen, Aggression im Zusammenhang mit Bewegung wie Aufstehen, Springen oder dem Aufgefordertwerden, sich zu bewegen, geringere Toleranz gegenüber anderen Tieren und breitere Veränderungen wie Rückzug, weniger Aktivität und nachlassendes Interesse. Wichtig ist, dass sich das Bild nicht auf Aggression beschränkt: In klinischem Fallmaterial wurde Schmerz auch mit Furcht vor Geräuschen in Verbindung gebracht, eine Erinnerung daran, dass Beschwerden das Verhalten breit aus dem Gleichgewicht bringen können, statt ein einzelnes, sauberes Symptom hervorzubringen (Lopes Fagundes et al., 2018). Weil sich diese Anzeichen stark mit primären Verhaltensproblemen überschneiden, lässt sich Schmerz allein anhand des Verhaltens nicht ausschließen (Furcht und Abwehr nutzen Mechanismen, die sich mit der Schmerzverarbeitung überschneiden).
6.2 Was Halter zuerst berichten
Die Veränderungen, wegen derer ein Hund in die Beratung kommt, werden selten mit Schmerzbegriffen beschrieben. Halter berichten von einem Hund, der mürrisch geworden ist, der an einer bestimmten Stelle nicht mehr gestreichelt werden will, der langsamer zur Begrüßung kommt, der schnappt, wenn man ihn hochhebt, oder der anderen Hunden nicht mehr entspannt begegnet.
In klinische Begriffe übersetzt, sind das geringere Toleranz beim Anfassen, lageabhängige Empfindlichkeit, weniger Motivation zur Annäherung und abstandsvergrößerndes Abwehrverhalten. Der Unterschied im Vokabular ist ein Teil der Erklärung, warum die Schmerzfrage nicht gestellt wird (wie man Verhalten beobachtbar beschreibt).
6.3 Was sich verändert und was bleibt
Ein Muster, das Aufmerksamkeit verdient, ist die Auswahl. Ein Hund, dessen Verhalten sich beim Anfassen, Hochheben oder bei Annäherung verändert hat, während Fressen, Spiel im eigenen Tempo und vertraute Abläufe unverändert bleiben, beschreibt etwas Örtliches und keine allgemeine Stimmungsänderung.
Allgemeine Veränderungen haben andere Erklärungen, darunter kognitiven Abbau, und die Unterscheidung ergibt sich aus der Vorgeschichte des Halters ohne jedes Gerät.
7. Geräuschempfindlichkeit als mögliches Schmerzzeichen
7.1 Ein unerwartetes Bild
Aggression ist das Bild, mit dem dieser Beitrag begonnen hat, und sie ist nicht das einzige Verhalten, das Schmerz hervorbringen kann. Eine klinische Arbeit betrachtete stattdessen Geräuschempfindlichkeit, mit der Überlegung, dass schmerzhafte Erkrankungen beim Menschen mit der Entwicklung furchtbezogener Vermeidungsreaktionen einhergehen.
Zwanzig Fallakten einer verhaltensmedizinischen Universitätsklinik wurden mit qualitativer Inhaltsanalyse untersucht: zehn Hunde mit festgestellten Schmerzen im Bewegungsapparat und zehn ohne (Lopes Fagundes et al., 2018).
7.2 Das Alter bei Beginn
Der deutlichste Unterschied war, wann das Problem begann. In den Kontrollfällen lag das durchschnittliche Alter bei Beginn bei 2 Jahren und 8 Monaten, in den Schmerzfällen bei 6 Jahren und 6 Monaten (Lopes Fagundes et al., 2018).
Fast vier Jahre später. Diese eine Zahl ist der am besten übertragbare Befund der Studie, weil Halter das Alter bei Beginn meist angeben können und Fachleute damit arbeiten können (wie die Evidenz zur Geräuschangst zeigt).
7.3 Ausweitung und soziale Vermeidung
Zwei weitere Themen unterschieden die Gruppen. Die Furchtreaktion hatte sich in 8 von 10 Schmerzfällen deutlich ausgeweitet, in fünf Fällen auf den Ort, an dem das Geräusch aufgetreten war, in drei Fällen bis zur Vermeidung des Autos, gegenüber 2 von 10 Kontrollen. Und 8 von 10 Schmerzfällen zeigten Unsicherheit oder Vermeidung gegenüber zumindest einigen anderen Hunden, gegenüber 2 von 10 Kontrollen (Lopes Fagundes et al., 2018).
Laute Geräusche gehörten bei allen zehn Schmerzfällen zur Hauptbeschwerde und nur bei sechs der Kontrollen. Die körperlichen Zeichen während der Reaktion unterschieden die Gruppen dagegen nicht: Zittern und Verstecken waren in beiden häufig (wie sich Gelerntes auf andere Situationen ausweitet).
7.4 Was tatsächlich im Körper gefunden wurde
Der Schmerz wurde bei vier Hunden durch die klinische Untersuchung festgestellt, bei acht durch Röntgen und bei einem durch Magnetresonanztomografie, wobei manche Tiere mehr als ein Verfahren durchliefen. Die Befunde betrafen in fünf Fällen die Hüfte, einschließlich Dysplasie, in vier Fällen degenerative Gelenkerkrankungen der Gliedmaßen und in einem Fall eine umschriebene Spondylose an L2 und L3 (Lopes Fagundes et al., 2018).
Jeder Schmerzfall erhielt Schmerzmittel, in allen Fällen ein nichtsteroidales Antiphlogistikum, zusätzlich zum Verhaltensplan, und acht von ihnen bekamen außerdem Psychopharmaka, ebenso wie alle zehn Kontrollen. Alle Fälle beider Gruppen besserten sich unter der Behandlung, außer einem Hund mit Hüftdysplasie, dessen Halter keine Schmerzmittel geben wollte. Acht Schmerzfälle und sieben Kontrollen galten zum Zeitpunkt der Auswertung als zur Zufriedenheit der Halter gelöst (Lopes Fagundes et al., 2018). Weil Schmerzmittel, Verhaltensplan und Medikamente kombiniert wurden, lässt sich die Besserung nicht allein den Schmerzmitteln zuschreiben.
7.5 Der vorgeschlagene Mechanismus
Die Autoren bieten eine Hypothese an, keinen Nachweis: Geräusche, die eine normale Schreckreaktion auslösen, könnten eine Muskelanspannung verursachen, die bestehenden Schmerz verschlimmert (Lopes Fagundes et al., 2018). Nach dieser Erklärung ist das Geräusch nicht an sich beängstigend, es wird zu einem verlässlichen Vorboten von Schmerz.
Sie weisen außerdem darauf hin, dass Hunde unter Berufung auf frühere Arbeiten möglicherweise eine niedrigere Schmerzschwelle für Schall haben als Menschen, etwa 95 Dezibel gegenüber etwa 130 Dezibel. Das würde laute Geräusche zu einem plausiblen aversiven Reiz aus eigenem Recht machen, unabhängig von einem Schmerzherd im Bewegungsapparat.
7.6 Was die Studie nicht tragen kann
Die Autoren sind hier ungewöhnlich deutlich. Den Befunden soll keine statistische Signifikanz zugeschrieben werden, sie sind als Grundlage für weitere Fragen zu behandeln, und die Ergebnisse gelten als vorläufig, bis kontrollierte Studien mit größeren Stichproben sie untersuchen können (Lopes Fagundes et al., 2018).
Eine weitere Einschränkung gehört in jede Zusammenfassung: Die Kontrollhunde wurden weder weiter untersucht noch probeweise mit Schmerzmitteln behandelt, sodass einige von ihnen Schmerzen gehabt haben könnten, nach denen nie gesucht wurde (Lopes Fagundes et al., 2018).
7.7 Wie man sie trotzdem nutzt
Zwanzig Fälle können keine Regel aufstellen, aber eine Frage schärfen. Das Muster, das sich in die Praxis mitnehmen lässt, ist die Kombination und nicht ein einzelnes Element: eine Furchtreaktion, die spät begonnen hat, die sich weit über den ursprünglichen Auslöser hinaus ausgeweitet hat und die mit neuer Unsicherheit gegenüber anderen Hunden einhergeht.
Diese Kombination ist ein Grund, sich den Körper anzusehen, bevor der Verhaltensplan ausgeweitet wird, und dieses Hinsehen kostet wenig (wo medizinische Differenzialdiagnosen bei Furcht besprochen werden).
Das Fachbuch
Wenn der Körper hinter dem Verhalten steckt
Zwischen Training und Tierarzt: Schmerz als übersehene Ursache, die Zusammenarbeit mit der Tierarztpraxis und was Training leisten kann – und was nicht.
246 Seiten · 54,90 € · ISBN 978-3-9829325-3-8
8. Schmerz messen bei einer Art, die ihn nicht berichten kann
8.1 Das Problem der Einschätzung
Jede klinische Aussage in diesem Beitrag hängt davon ab, dass jemand entscheidet, ob ein Hund Schmerzen hat oder ob sich sein Schmerz gebessert hat. Ohne Selbstauskunft trifft diese Entscheidung ein Halter oder eine Tierärztin, die das Tier beobachten, und bei Arthrose wurde dieses Urteil ungewöhnlicherweise an einem objektiven Maßstab überprüft.
Die Ganganalyse mit Kraftmessplatte misst die Bodenreaktionskräfte direkt. Sie ist das, was diesem Fachgebiet am nächsten an eine Messung kommt, die nicht durch jemandes Eindruck läuft (zu den Grenzen, Verhalten objektiv zu messen).
8.2 Was der Vergleich zeigte
Achtundfünfzig Hunde mit arthrosebedingter Lahmheit wurden im Placeboarm einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten multizentrischen Studie begleitet, und die Einschätzungen von Haltern und Tierärzten wurden mit der Ganganalyse verglichen (Conzemius & Evans, 2012).
Laut Zusammenfassung trat ein Placeboeffekt bei den Betreuenden in 39,7 Prozent der Fälle auf, wenn Halter die Lahmheit ihres Hundes beurteilten. Der Volltext nennt an anderer Stelle für Halter 56,9 Prozent, ein Widerspruch innerhalb der Arbeit selbst. Bei Tierärzten, die die Lahmheit im Schritt oder Trab oder den Schmerz beim Abtasten beurteilten, lagen die Werte zwischen 43,1 und 44,8 Prozent. Von den 58 Hunden hatten 46 über 42 Tage unveränderte Bodenreaktionskräfte, bei 7 verbesserten und bei 5 verschlechterten sie sich um mindestens 5 Prozent (Conzemius & Evans, 2012).
8.3 Der Effekt nahm mit der Zeit zu
Der Placeboeffekt bei den Betreuenden verstärkte sich im Verlauf signifikant (Conzemius & Evans, 2012). Dieses Detail ist für alle, die zu Hause einen informellen Versuch machen, wichtiger als die Prozentzahl, weil der Eindruck einer Besserung umso stärker wird, je länger die Beobachtung dauert.
Ein Halter, der seit vier Wochen ein Ergänzungsmittel gibt, berichtet womöglich eher von einer Besserung als derselbe Halter nach einer Woche, unabhängig davon, was im Gelenk passiert.
8.4 Tierärzte waren nicht besser
Auch die fachlichen Einschätzungen unterlagen dem Effekt, mit Werten im selben Bereich wie bei den Haltern (Conzemius & Evans, 2012). Das lohnt sich deutlich zu sagen, weil es die naheliegende Antwort ausschließt, sich einfach auf das Auge der Fachperson zu verlassen.
Der Befund handelt nicht von Leichtgläubigkeit. Er handelt davon, was die Beurteilung des Gangs mit bloßem Auge auflösen kann, und das ist weniger, als es sich anfühlt.
8.5 Was das für die Verhaltensfrage bedeutet
Für Verhalten gibt es keine Kraftmessplatte. Wenn sich die Einschätzung eines sichtbaren, mechanischen Zeichens wie Lahmheit so stark bewegt, während die zugrunde liegende Messung gleich bleibt, dann ist die Einschätzung von Gereiztheit, Toleranz beim Anfassen oder Bereitschaft zur Annäherung mindestens ebenso anfällig.
Das gilt für beide Richtungen der Argumentation dieses Beitrags. Es schwächt selbstsichere Berichte, ein Schmerzmittel habe ein Verhaltensproblem gelöst, und es schwächt ebenso selbstsichere Berichte, es habe nichts bewirkt (ein Problem, auf das auch die Literatur zur Ernährung stößt).
8.6 Warum es geprüfte Instrumente gibt
Das Fachgebiet hat darauf mit strukturierten Halterfragebögen reagiert, die festgelegte Fragen und Bewertungen haben, statt sich auf offene Eindrücke zu verlassen. Sie beseitigen den Placeboeffekt nicht, aber sie begrenzen ihn, weil eine bewertete Frage nach etwas konkret Beobachtbarem fragt und nicht danach, ob es besser zu sein scheint.
Wo ein Fall davon abhängt, ob Schmerz vorliegt, ist ein bewerteter Ausgangswert vor jeder Maßnahme deutlich mehr wert als eine Erinnerung im Nachhinein.
9. Der Schmerzmittelversuch als diagnostisches Werkzeug
9.1 Warum er eingesetzt wird
Wo die Bildgebung nichts Eindeutiges zeigt und das Verhaltensbild auf Schmerz hindeutet, ist der praktische nächste Schritt oft ein Versuch mit Schmerzmitteln, bei dem das Verhalten beobachtet wird. Er wird eingesetzt, weil er verfügbar, bezahlbar und für die Frage unmittelbar relevant ist.
Nach der Evidenz des vorigen Kapitels ist er aber auch genau die Art von Vorher-nachher-Vergleich, die dem Placeboeffekt bei Betreuenden am stärksten ausgesetzt ist (Conzemius & Evans, 2012).
9.2 Was ein Nichtansprechen nicht bedeutet
Wenn sich unter einem Schmerzmittel nichts bessert, ist Schmerz damit nicht ausgeschlossen. Verschiedene Mechanismen sprechen auf verschiedene Wirkstoffe an, eine Dosis kann zu niedrig sein, und ein Teil des Problems kann inzwischen gelernt sein statt schmerzbedingt (schrittweise Protokolle als gut gestützter Weg).
Fachleute in diesem Bereich halten das ausdrücklich fest (Lopes Fagundes et al., 2018), und genau das geht leicht verloren, wenn ein Versuch so berichtet wird, als habe er Schmerz ausgeschlossen.
9.3 Was ein Ansprechen ebenfalls nicht beweist
Eine Besserung während eines Schmerzmittelversuchs ist mit mehreren Erklärungen vereinbar: Das Medikament hat gewirkt, die Erwartung des Halters hat seine Wahrnehmung verschoben, das Problem schwankte und besserte sich zufällig, oder der Haushalt hat seinen Umgang mit dem Hund verändert, sobald Schmerz vermutet wurde.
Die letzte Erklärung wird leicht übersehen und kann erheblich ins Gewicht fallen. Ein Halter, der glaubt, dass sein Hund Schmerzen hat, geht anders auf ihn zu, und schon diese Veränderung kann Abwehrverhalten verringern (wie die breitere Forschung zur Aggression zeigt).
9.4 Wie der Versuch aussagekräftiger wird
Drei Dinge verbessern ihn, und keines braucht Geräte. Vorher festlegen, was als Besserung gilt, in konkret beobachtbaren Begriffen statt als allgemeinen Eindruck. Einen Ausgangswert über einen Zeitraum aufzeichnen und nicht an dem Tag, an dem die Entscheidung fällt, weil solche Versuche oft dann beginnen, wenn es am schlimmsten ist. Und wo möglich jemanden um eine Einschätzung bitten, der nicht weiß, dass der Versuch begonnen hat.
Nichts davon macht den Versuch verblindet. Es beseitigt die größten und vorhersehbarsten Fehlerquellen, und mehr ist nicht verfügbar (wo Vorher-nachher-Vergleiche nach Halterurteil auf dasselbe Problem stoßen).
9.5 Wo der Versuch in der Abfolge steht
Ein Schmerzmittelversuch ist ein Schritt in einer Abklärung und kein Ersatz dafür. Er folgt auf die klinische Untersuchung und, wo angezeigt, auf die Bildgebung, und er ersetzt sie nicht, weil eine positive Reaktion wenig über die Quelle sagt und eine negative Schmerz nicht ausschließt.
So gelesen bleibt er eines der nützlicheren Werkzeuge in diesem Bereich, und genau seine Grenzen halten ihn nützlich.
9.6 Den Versuch richtig dokumentieren
Wie auch immer er ausgeht, der Versuch gehört aufgeschrieben: welcher Wirkstoff, in welcher Dosis, wie lange, was gemessen wurde und wie der Ausgangswert war. Ein Versuch, der nicht dokumentiert ist, lässt sich nicht weiterführen, und die nächste Fachperson sieht nur einen Vermerk, dass Schmerzmittel versucht wurden.
Genau dieser Vermerk führt dazu, dass derselbe Versuch ein Jahr später noch einmal gemacht wird oder dass Schmerz auf Grundlage eines Versuchs ausgeschlossen wird, den niemand mehr nachvollziehen kann.
10. Forschungslücken und methodische Herausforderungen
Die Stärke der Evidenz vom Hund unterscheidet sich je nach Aussage und sollte entsprechend gelesen werden.
Fallauswertung, nicht Population. Die Häufigkeitszahlen stammen aus den Fällen von Verhaltensmedizinern, in denen schwierige Fälle überrepräsentiert sind. Sie zeigen, dass Schmerz in dieser Population ein wichtiger Einflussfaktor ist, nicht, dass ein Drittel aller Familienhunde schmerzbedingte Verhaltensprobleme hat (Mills et al., 2020).
Zusammenhang und Störfaktoren. Nachzuweisen, dass Schmerz die Aggression eines bestimmten Hundes verursacht, ist wirklich schwierig. Deshalb wird das Ansprechen auf einen Schmerzmittelversuch als Hinweis genutzt, der selbst unvollkommen ist, weil eine Besserung auch Beruhigung oder andere Effekte widerspiegeln kann.
Mechanismus von anderen Arten. Erhöhte Schmerzempfindlichkeit ist bei Hunden gemessen (Knazovicky et al., 2016), aber die feinere neurochemische Erklärung, also Serotonin, Opioide und die Ebene des periaquäduktalen Graus, ist weitgehend aus Arbeiten an Menschen und Nagern übertragen.
Schmerz einzuschätzen ist schwierig. Hunde verbergen Schmerz, und objektive, geprüfte Verhaltensmaße für Schmerz sind noch in Entwicklung. Sowohl zu viel als auch zu wenig Zuschreibung sind deshalb reale Risiken (die grundsätzliche Schwierigkeit, Verhalten und seine Ursachen zu messen).
Überschneidung mit Alter und anderen Erkrankungen. Schmerz tritt zusammen mit kognitivem Abbau und anderen altersbedingten Veränderungen auf, was die Zuordnung bei älteren Hunden erschwert (wo kognitive Dysfunktion Verhaltensänderungen nachahmen oder verstärken kann).
Die Beurteilung des Ergebnisses ist das schwächste Glied. In dem einen Bereich, in dem das Urteil von Haltern und Tierärzten bei dieser Art an einem objektiven Maß überprüft wurde, bewegten sich beide deutlich, während die Bodenreaktionskräfte gleich blieben (Conzemius & Evans, 2012). Für Verhaltensergebnisse gibt es keinen vergleichbaren Maßstab.
Der Vergleich zur Geräuschempfindlichkeit umfasst zwanzig Fälle. Seine Autoren schreiben ausdrücklich, dass ihm keine statistische Signifikanz zugeschrieben werden soll und dass seine Themen in größeren kontrollierten Studien bestätigt werden müssen (Lopes Fagundes et al., 2018).
Kontrollgruppen werden selten auf Schmerz untersucht. In derselben Studie wurden die als schmerzfrei eingestuften Hunde weder weiter untersucht noch probeweise mit Schmerzmitteln behandelt, sodass der Vergleich unterschätzen könnte, wie oft Schmerz auch in der Vergleichsgruppe vorliegt (Lopes Fagundes et al., 2018).
Kontrollierte Studien zu Schmerzmitteln mit Problemverhalten als Endpunkt fehlen weitgehend. Die oben besprochene placebokontrollierte Arthrosestudie maß Lahmheit und Bodenreaktionskräfte, nicht Problemverhalten (Conzemius & Evans, 2012). Eine Studie mit Problemverhalten als Endpunkt ist genau das, was dieses Fachgebiet braucht. Solange es sie nicht gibt, stützt sich die Aussage, Schmerz treibe Problemverhalten an, auf Fallserien, Mechanismus und klinische Plausibilität statt auf kontrollierte Evidenz.
11. Folgerungen für die Praxis
11.1 Die klinische Abfolge
Die Folgen für die Praxis sind direkt. Eine Verhaltenseinschätzung ohne Schmerzbeurteilung ist unvollständig. Eine gründliche Abklärung verbindet deshalb eine ausführliche Verhaltens- und medizinische Vorgeschichte, eine orthopädische und neurologische Untersuchung und die ausdrückliche Prüfung chronischen Schmerzes als möglichen Hauptfaktor, einschließlich eines sorgfältig ausgewerteten Schmerzmittelversuchs bei starkem Verdacht, auch ohne offensichtlichen Befund. Die Autoren der Fallauswertung kommen zu dem Schluss, dass es in der Regel besser ist, vermuteten Schmerz zuerst zu behandeln, als ihn erst zu erwägen, wenn das Tier nicht auf die Verhaltenstherapie anspricht (Mills et al., 2020). Liegt Schmerz vor, muss die Behandlung mehrgleisig sein: medikamentöse Schmerztherapie, Physiotherapie, Anpassung der Umgebung, um Auslöser zu verringern, sowie Gewichts- und Ernährungsmanagement, um die Gelenke zu entlasten. Verhaltensmodifikation allein wird wahrscheinlich nicht ausreichen, solange der Schmerz besteht: Von einem Hund zu verlangen, eine Abwehrreaktion auf etwas „zu verlernen“, das tatsächlich wehtut, ist meist keine Aufgabe, die sich durch Training allein lösen lässt. Das ermutigende Gegenstück betrifft die Prognose: In der Fallserie zur Geräuschempfindlichkeit schätzten die Autoren die Prognose als ausgezeichnet ein, wenn die Fälle nach dem Erkennen des Schmerzes richtig behandelt wurden (Lopes Fagundes et al., 2018). Vergleichbare Verlaufsdaten zu schmerzbedingter Aggression sind spärlicher. Das macht die richtige Diagnose zu einer Frage des Tierwohls und zu einem plausiblen Weg, das Verhalten zu verbessern (statt ein Signal echter Belastung zu unterdrücken).
11.2 Wo die Zuständigkeit von Verhaltensfachleuten endet
Zu erkennen, dass ein Fall eine medizinische Abklärung braucht, gehört zur Kompetenz von Verhaltensfachleuten. Die Erkrankung zu diagnostizieren, Schmerzmittel zu verordnen und Bildgebung zu beurteilen, gehört nicht dazu.
Der nützliche Beitrag von der Verhaltensseite ist eine strukturierte, datierte Beschreibung dessen, was sich wann verändert hat. Genau diese Information kann eine tierärztliche Untersuchung allein nicht zurückgewinnen.
11.3 Die Schmerzbehandlung beendet den Verhaltensfall nicht
Wo Schmerz ein Verhalten über Monate angetrieben hat, lösen sich die in dieser Zeit entstandenen Verknüpfungen nicht unbedingt auf, wenn der Schmerz behandelt wird. Fachleute beschreiben, dass gelernte Verknüpfungen nach der Schmerztherapie bestehen bleiben und ein eigenes Verhaltensprogramm brauchen können (Lopes Fagundes et al., 2018). Ein Hund, der gelernt hat, dass eine Annäherung am Sofa wehtut, hat etwas gelernt, das für ihn auch dann noch gilt, wenn das Gelenk nicht mehr schmerzt.
Beide Teile brauchen Aufmerksamkeit, und wer erwartet, dass Schmerzmittel allein ein gefestigtes Muster auflösen, landet leicht beim falschen Schluss, Schmerz sei nie beteiligt gewesen (schrittweise Protokolle als gut gestützter Weg).
11.4 Worauf man zu Hause achten sollte
Drei Beobachtungen lohnt es sich gezielt festzuhalten, weil sie ein örtliches körperliches Problem von einem allgemeinen Verhaltensproblem unterscheiden und leicht in der Erinnerung verloren gehen (praktisch zur Schmerzerkennung beim Hund).
Erstens die Lage: ob die Reaktion daran gebunden ist, an bestimmten Stellen oder in bestimmten Haltungen angefasst, hochgehoben oder angesprochen zu werden. Zweitens der Zeitpunkt: ob sie nach Ruhe, nach Bewegung, bei kaltem Wetter oder zu bestimmten Tageszeiten schlimmer ist. Drittens die Beständigkeit: ob dieselbe Annäherung dieselbe Reaktion auslöst oder ob es davon abhängt, was an diesem Tag sonst passiert ist (hier wird angesammelte Belastung sichtbar).
11.5 Was es kostet, die Reihenfolge falsch zu wählen
Ein Verhaltensplan bei einem Hund mit unbehandeltem Schmerz verlangt vom Tier, etwas auszuhalten, das wehtut. Er kann eine Zeit lang zu wirken scheinen, wenn der Hund seine Reaktionen unterdrückt. Unterdrückung ist aber keine Lösung, und ein späteres Scheitern kann schwerer ausfallen als das ursprüngliche Bild.
Das ist das stärkste praktische Argument dieses Beitrags, und es hängt nicht davon ab, dass die Häufigkeitszahlen genau stimmen. Es setzt nur voraus, dass Schmerz häufig genug ist, um ihn zuerst auszuschließen (wie die breitere Forschung zur Aggression zeigt).
12. Auf einen Blick
Schmerz ist in verhaltensmedizinischen Fällen häufig. Die vorsichtige Schätzung lag bei etwa einem Drittel der überwiesenen Hunde mit einer schmerzhaften Erkrankung, in manchen Praxen bei fast 80 Prozent (Mills et al., 2020).
Schmerzbedingte Aggression ist in klinischen Fällen beschrieben. In zwölf Fällen war Hüftdysplasie die häufigste Schmerzursache, und Hunde, die vor der schmerzhaften Erkrankung nicht aggressiv gewesen waren, waren impulsiver und häufiger beim Anfassen aggressiv (Camps et al., 2012).
Weit verbreitete Schmerzempfindlichkeit wurde am Hund gemessen. Hunde mit Arthrose zeigten Hyperalgesie über das betroffene Gelenk hinaus, was die Autoren als wahrscheinlichen Hinweis auf eine zentrale Sensibilisierung lesen (Knazovicky et al., 2016).
Spät einsetzende Furcht verdient eine körperliche Untersuchung. Im Vergleich von zwanzig Fällen einer verhaltensmedizinischen Klinik begann die Geräuschempfindlichkeit bei Hunden mit Schmerzen im Bewegungsapparat im Durchschnitt fast vier Jahre später (Lopes Fagundes et al., 2018).
Zwei weitere Themen gingen mit Schmerz einher. Eine Ausweitung der Furcht über den ursprünglichen Auslöser hinaus in 8 von 10 Fällen und neue Vermeidung anderer Hunde in 8 von 10 Fällen, gegenüber jeweils 2 von 10 Kontrollen (Lopes Fagundes et al., 2018).
Diese Studie kann kein statistisches Gewicht tragen. Die Autoren schreiben, dass den Befunden keine statistische Signifikanz zugeschrieben werden soll und dass sie bis zu größeren kontrollierten Studien vorläufig sind (Lopes Fagundes et al., 2018).
Das Urteil von Haltern und Tierärzten bewegt sich, auch wenn sich nichts bewegt. Ein Placeboeffekt bei den Betreuenden trat laut Zusammenfassung in 39,7 Prozent der Fälle bei Haltern und in 43,1 bis 44,8 Prozent bei Tierärzten auf, während 46 von 58 Hunden unveränderte Bodenreaktionskräfte zeigten (Conzemius & Evans, 2012).
Der Effekt verstärkt sich mit der Zeit. Die wahrgenommene Besserung nahm im Verlauf der Beobachtung signifikant zu (Conzemius & Evans, 2012).
Ein erfolgloser Schmerzmittelversuch schließt Schmerz nicht aus. Verschiedene Schmerzmechanismen sprechen auf verschiedene Wirkstoffe an, und ein gelernter Anteil kann bestehen bleiben, nachdem der schmerzbedingte behandelt ist.
13. Fazit
Chronischer Schmerz, und besonders Arthrose, ist ein grundlegender, aber häufig übersehener Faktor bei Verhaltensproblemen des Hundes. Das Zusammenwirken von anhaltendem Schmerz, veränderter neurochemischer Regulation und gemeinsamen Schaltkreisen für Schmerz und Emotion kann eine körperliche Belastung darstellen, unter der Abwehraggression wahrscheinlicher wird. Dieser Zusammenhang stützt sich auf Evidenz vom Hund zur Häufigkeit von Schmerz in verhaltensmedizinischen Fällen (Mills et al., 2020), zu Schmerzen im Bewegungsapparat bei den meisten Hunden einer kleinen Serie von Aggressionsfällen (Camps et al., 2012) und zu einer weit verbreiteten Schmerzempfindlichkeit bei Hunden mit Arthrose, die wahrscheinlich auf eine zentrale Sensibilisierung hinweist (Knazovicky et al., 2016), während der feinere Mechanismus offen aus der Forschung an Menschen und Nagern übernommen ist. Die klinische Folgerung ergibt sich klar: Aggression bei einem Hund mit Schmerzen sollte als möglicher Ausdruck einer zugrunde liegenden körperlichen Belastung betrachtet und nicht als Versagen im Verhalten vorausgesetzt werden. Schmerz als möglichen Hauptfaktor in Betracht zu ziehen, ist entscheidend für eine genaue Diagnose, eine wirksame Behandlung und nicht zuletzt einen fairen Umgang mit dem Hund.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick
Beim Hund ist der Zusammenhang zwischen Schmerz und Verhalten eine dokumentierte klinische Realität und keine Randidee: Eine Fallauswertung mehrerer Verhaltensmediziner kam vorsichtig geschätzt auf etwa ein Drittel der überwiesenen Hunde mit einer schmerzhaften Erkrankung, in manchen Praxen auf fast 80 Prozent (Mills et al., 2020), und in einer Serie von zwölf Fällen schmerzbedingter Aggression waren Hüftdysplasie oder Ellbogenarthrose bei neun Hunden die Schmerzursache (Camps et al., 2012).
Arthroseschmerz ist nicht nur ein Signal aus dem Gelenk. Hunde mit Arthrose zeigen eine weit verbreitete Hyperalgesie über das betroffene Gelenk hinaus, wahrscheinlich ein Hinweis auf zentrale Sensibilisierung (Knazovicky et al., 2016). Das könnte erklären, warum ein Hund mit einem schmerzenden Gelenk auf Berührung an anderer Stelle reagiert.
Der vorgeschlagene Mechanismus verbindet Schmerz und Abwehrverhalten über überlappende Schaltkreise für Schmerz und Ärger und eine nachlassende Opioid-Pufferung, beschrieben am Menschen (Bruehl et al., 2009; Yarns et al., 2022), sowie über Wirkungen von Serotonin und Stressachse. Abgesehen von den Messungen der Empfindlichkeit stammen diese Einzelheiten überwiegend aus der Forschung an Menschen und Nagern und werden auf den Hund übertragen.
Erhöhte Schmerzempfindlichkeit bedeutet, dass gewöhnlicher Umgang wehtun kann. Schmerzbedingte Aggression kann deshalb ein Versuch sein, weiteren Schmerz zu vermeiden, statt Absicht oder Sturheit. Die Anzeichen reichen über Aggression hinaus: Bei geräuschempfindlichen Hunden mit Schmerzen im Bewegungsapparat begann die Furcht später, weitete sich stärker aus und ging mit neuer Vermeidung anderer Hunde einher (Lopes Fagundes et al., 2018). Weil sich die Anzeichen mit primären Verhaltensproblemen überschneiden, lässt sich Schmerz allein anhand des Verhaltens nicht ausschließen.
Eine Verhaltenseinschätzung ohne Schmerzbeurteilung ist unvollständig, und vermuteten Schmerz zuerst zu behandeln, ist in der Regel die bessere Reihenfolge (Mills et al., 2020). Die Eindrücke von Haltern und Tierärzten zur Besserung unterliegen stark einem Placeboeffekt (Conzemius & Evans, 2012), deshalb brauchen Schmerzmittelversuche festgelegte, aufgezeichnete Maße, und gelernte Verknüpfungen können bestehen bleiben, nachdem der Schmerz behandelt ist.
Quellen
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Bruehl, S., Burns, J. W., Chung, O. Y., & Chont, M. (2009). Pain-related effects of trait anger expression: Neural substrates and the role of endogenous opioid mechanisms. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 33(3), 475–491. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2008.12.003
Camps, T., Amat, M., Mariotti, V. M., Le Brech, S., & Manteca, X. (2012). Pain-related aggression in dogs: 12 clinical cases. Journal of Veterinary Behavior, 7(2), 99–102. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2011.08.002
Conzemius, M. G., & Evans, R. B. (2012). Caregiver placebo effect for dogs with lameness from osteoarthritis. Journal of the American Veterinary Medical Association, 241(10), 1314–1319. https://doi.org/10.2460/javma.241.10.1314
Knazovicky, D., Helgeson, E. S., Case, B., Gruen, M. E., Maixner, W., & Lascelles, B. D. X. (2016). Widespread somatosensory sensitivity in naturally occurring canine model of osteoarthritis. Pain, 157(6), 1325–1332. https://doi.org/10.1097/j.pain.0000000000000521
Lopes Fagundes, A. L., Hewison, L., McPeake, K. J., Zulch, H., & Mills, D. S. (2018). Noise sensitivities in dogs: An exploration of signs in dogs with and without musculoskeletal pain using qualitative content analysis. Frontiers in Veterinary Science, 5, 17. https://doi.org/10.3389/fvets.2018.00017
Mills, D. S., Demontigny-Bédard, I., Gruen, M., Klinck, M. P., McPeake, K. J., Barcelos, A. M., Hewison, L., Van Haevermaet, H., Denenberg, S., Hauser, H., Koch, C., Ballantyne, K., Wilson, C., Mathkari, C. V., Pounder, J., Garcia, E., Darder, P., Fatjó, J., & Levine, E. (2020). Pain and problem behavior in cats and dogs. Animals, 10(2), 318. https://doi.org/10.3390/ani10020318
Yarns, B. C., Cassidy, J. T., & Jimenez, A. M. (2022). At the intersection of anger, chronic pain, and the brain: A mini-review. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 135, 104558. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2022.104558