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unterHUNDs – Hundeschule und Verhaltenstherapie im Saarland Initiative für gewaltfreies Hundetraining

Hunderatgeber · Wissenschaft und Hundewissen · Hundeerziehung und Training

„Lerntheorie ist keine Theorie, gewaltfrei eine Worthülse“? Ein Faktencheck

Ist die Lerntheorie keine Theorie und „gewaltfrei“ nur eine Worthülse? Wir prüfen die Thesen anhand von Lernforschung, Tierwohlstudien und Gansloßers eigener Vorarbeit.

Michael Sauerwein

Kurz zusammengefasst

Für den Hundetrainerkongress Dogs-Professional am 20. und 21. Februar 2027 in Wien hat Prof. Udo Gansloßer einen zweiteiligen Vortrag mit dem Titel „Warum die Lerntheorie keine Theorie und der Begriff gewaltfrei eine Worthülse ist?“ angekündigt. Was er dort genau vortragen wird, wissen wir nicht. Der Titel selbst stellt aber zwei Thesen in den Raum, die in der Branche oft fallen, und die lassen sich heute schon prüfen.

Vier Dinge vorweg. Erstens: An beiden Thesen ist etwas dran. Das, was im Hundetraining „die Lerntheorie“ heißt, ist meist ein Ordnungsschema und keine Theorie im strengen Sinn, und „gewaltfrei“ wird oft ohne jede Definition als Werbewort benutzt. Zweitens: Daraus folgt nicht, dass die Lernforschung keine Theorien hätte. Sie hat welche, und sie machen prüfbare Vorhersagen. Drittens: Ein unscharf benutzter Begriff ist kein leerer Begriff. Man kann „gewaltfrei“ aus Sicht des Hundes präzisieren, und es gibt Studien, die die Folgen verschiedener Trainingsmethoden messen. Viertens: Ob eine Methode wirkt und ob sie vertretbar ist, sind zwei verschiedene Fragen. Die Wissenschaft beantwortet die erste, die zweite verlangt eine Abwägung.

Dreifarbiger Mischlingshund mit Schlappohren blickt aufmerksam nach oben, im Hintergrund unscharfes, warmes Abendlicht.

1. Worum es geht

1.1 Ein Titel mit zwei Thesen

Der angekündigte Titel endet mit einem Fragezeichen, ist aber als Behauptung formuliert. Er verbindet zwei Aussagen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: eine wissenschaftstheoretische (die Lerntheorie sei keine Theorie) und eine begriffliche (das Wort „gewaltfrei“ sei leer). Gemeinsam ist beiden, dass sie an zwei Säulen rütteln, auf die sich ein großer Teil des modernen Hundetrainings beruft: auf die Lernforschung als wissenschaftliche Grundlage und auf den Verzicht auf Gewalt als ethischen Anspruch.

Gerade deshalb lohnt es sich, beide Thesen ernst zu nehmen. Wer sich auf Wissenschaft beruft, sollte wissen, was eine Theorie ist und was nicht. Und wer sich „gewaltfrei“ auf die Fahne schreibt, sollte sagen können, was er damit meint.

1.2 Was dieser Beitrag nicht ist

Dieser Beitrag ist keine Vorab-Kritik an einem Vortrag, der noch nicht gehalten wurde. Udo Gansloßer ist ein erfahrener Verhaltensbiologe, und es ist gut möglich, dass er im Vortrag genau die Unterscheidungen trifft, die wir hier vorschlagen. Provokante Titel gehören auf Kongressen zum Handwerk. Wir nehmen den Titel als Anlass, nicht als Zielscheibe, und prüfen die beiden Thesen so, wie sie dastehen.

2. Was eine wissenschaftliche Theorie ist

2.1 Beobachtung, Gesetzmäßigkeit, Theorie

Im Alltag heißt „Theorie“ oft so viel wie „Vermutung“. In der Wissenschaft ist eine Theorie dagegen ein begründetes, überprüfbares Erklärungsmodell. Grob lassen sich Beobachtungen, regelhafte Zusammenhänge und theoretische Erklärungen unterscheiden. Beobachtbar ist beispielsweise, dass ein Hund ein Verhalten nach bestimmten Konsequenzen häufiger zeigt. Die Beschreibung dieses Zusammenhangs allein beantwortet noch nicht alle Fragen danach, unter welchen Bedingungen er auftritt und welche Lernprozesse zugrunde liegen. Theorien versuchen solche Zusammenhänge zu erklären und machen überprüfbare Vorhersagen.

Eine Theorie ist damit mehr als eine Sammlung von Regeln. Sie ist ein Erklärungsmodell, das sich prüfen lässt und das sich ändert, wenn die Daten es verlangen.

2.2 Was im Hundetraining „Lerntheorie“ heißt

In Hundeschulen, Trainerausbildungen und Ratgebern steht „Lerntheorie“ meist für ein bestimmtes Paket: klassische und operante Konditionierung, die vier Felder aus positiver und negativer Verstärkung und Strafe, dazu Begriffe wie Extinktion, Generalisierung oder Verstärkerpläne. Dieses Paket ist nützlich. Es gibt Trainerinnen und Trainern eine gemeinsame Sprache und hilft, Trainingssituationen sauber zu beschreiben.

Aber es ist, streng genommen, kein einheitliches Erklärungsmodell, sondern eine Sammlung von Begriffen und Gesetzmäßigkeiten aus unterschiedlichen Forschungstraditionen. Es gibt nicht die eine Lerntheorie, die alle Lernvorgänge erklärt. Habituation, klassische Konditionierung, operantes Lernen und soziales Lernen sind verschiedene Phänomene, für die es verschiedene theoretische Ansätze gibt.

👉 Weiterlesen: Moderne Lerntheorie in der Hundeerziehung: Wissenschaftlich fundiert, praxisnah und fair

3. Wo die Kritik an der „Lerntheorie“ recht hat

3.1 Das Vier-Felder-Schema beschreibt Funktionen von Konsequenzen

Die Unterscheidung zwischen positiver und negativer Verstärkung sowie positiver und negativer Strafe ist eine funktionale Einteilung von Konsequenzen. Eine Maßnahme lässt sich nicht allein anhand der Absicht des Menschen sicher einem Feld zuordnen. Ob sie tatsächlich verstärkend oder bestrafend wirkt, zeigt sich erst an der Veränderung des betreffenden Verhaltens unter vergleichbaren Bedingungen. Das Schema erklärt für sich genommen weder, wie der Hund den Reiz erlebt, noch, wie Motivation, Emotion, Kontext und Lerngeschichte die Wirkung beeinflussen.

3.2 Eine Definition nach Wirkung ist noch keine vollständige Erklärung

Im operanten Lernen werden Verstärkung und Strafe über eine beobachtete Wirkung auf die künftige Auftretenswahrscheinlichkeit von Verhalten definiert. Wer lediglich sagt, ein Verhalten werde häufiger, „weil es verstärkt wurde“, benennt damit zunächst denselben Zusammenhang neu. Das ist als Beschreibung nicht falsch, aber als alleinige Erklärung unzureichend. Die experimentelle Lernforschung geht darüber hinaus: Sie untersucht beispielsweise Kontingenzen, Motivationsbedingungen, Lernverlauf und Kontext. Die berechtigte Kritik am verkürzten Schema ist deshalb keine Widerlegung des operanten Lernens.

3.3 Gefühle und Motivation fehlen im Schema

Hier liegt ein berechtigter Einwand gegen zu einfache Trainingsdarstellungen. Ob Futter im konkreten Moment als Verstärker wirken kann, hängt unter anderem von Motivation, Sättigung, emotionalem Zustand, Vorerfahrungen und konkurrierenden Reizen ab. Unter starker Angst kann Futter weniger wirksam sein oder ganz abgelehnt werden, obwohl derselbe Hund es in einer sicheren Umgebung gerne annimmt. Das Vier-Felder-Schema beschreibt diese Voraussetzungen nicht im Detail. Dafür brauchen wir ergänzende Modelle zu Motivation, Emotion und Erregung.

👉 Weiterlesen: Verhalten ist nicht gleich Emotion: Was Hundeverhalten über den Zustand sagt und Motivation im Hundetraining: Wie Hunde durch Belohnung lernen

Wenn die These „die Lerntheorie ist keine Theorie“ also meint, dass das im Hundetraining gelehrte Schema kein Erklärungsmodell ist und Gefühle sowie Motivation ausblendet, dann hat sie einen wahren Kern.

4. Warum die Lernforschung trotzdem Theorien hat

Der Fehler beginnt dort, wo aus „das Schema ist keine Theorie“ ein „die Lernforschung hat keine Theorie“ wird. Die Lernforschung hat seit Jahrzehnten Erklärungsmodelle entwickelt, die weit über die vier Felder hinausgehen, und viele davon sind gut geprüft. Drei Beispiele.

4.1 Es kommt auf die Vorhersagekraft an, nicht auf das Zusammentreffen

Das vereinfachte Lehrbuchbild der klassischen Konditionierung lautet: Zwei Reize treten gemeinsam auf, und das Tier verknüpft sie. Robert Rescorla fasste 1988 in einem Übersichtsartikel Forschung zusammen, die ein komplexeres Bild ergibt. Entscheidend ist nicht allein das zeitliche Zusammentreffen zweier Ereignisse, sondern auch, welche Informationen ein Reiz über ein anderes Ereignis liefert. Kündigt ein Signal Futter nicht besser an als die sonstige Umgebung, fällt die entsprechende Lernwirkung unter geeigneten Bedingungen geringer aus. Klassische Konditionierung umfasst damit Lernen über Beziehungen und Vorhersagen, nicht nur zeitliches Zusammentreffen (Rescorla, 1988).

Solche Modelle machen prüfbare Vorhersagen. Für die Trainingspraxis folgt daraus unter anderem: Ein Markersignal sollte möglichst verlässlich eine nachfolgende Belohnungsmöglichkeit ankündigen. Wird es häufig ohne entsprechende Konsequenz verwendet, kann sein Vorhersagewert nachlassen. Wie stark das geschieht, hängt vom gesamten Lernkontext ab.

👉 Weiterlesen: Vorhersagefehler beim Hund: Wie Überraschung Lernen steuert

4.2 Extinktion bedeutet nicht zwangsläufig Löschung

Extinktion bezeichnet einen Lernprozess, bei dem eine zuvor gelernte Reaktion unter veränderten Bedingungen schwächer wird. Die Forschung zeigt, dass das ursprüngliche Lernen dabei nicht zwangsläufig verschwindet. Stattdessen kann neues, kontextabhängiges Lernen die Reaktion hemmen. Dadurch lässt sich vorhersagen, dass die Reaktion unter bestimmten Bedingungen wiederkehrt: etwa nach einem Kontextwechsel (Renewal), nach einer Zeitspanne (Spontaneous Recovery) oder nach einer erneuten Erfahrung mit dem zuvor bedeutsamen Ereignis (Reinstatement). Bouton (2004) beschreibt diese Mechanismen besonders für die klassische Konditionierung. Dass der Kontext auch beim operanten Lernen und seiner Extinktion eine zentrale Rolle spielt, also bei dem, was im Hundetraining meist gemeint ist, fassen Bouton und Todd (2014) zusammen.

Wichtig ist die Unterscheidung zur Generalisierung: Wenn ein Hund eine neu trainierte Leinenführung nur auf dem Übungsplatz zeigt und an einem unbekannten Ort noch nicht, kann das schlicht an unzureichender Generalisierung liegen. Es belegt für sich genommen keine Rückkehr eines durch Extinktion abgeschwächten Verhaltens.

👉 Weiterlesen: Extinktion beim Hund: Warum Verhalten abnimmt und wiederkommt

4.3 Lernen ist prüfbar, und es wird geprüft

Das dritte Beispiel ist allgemeiner: Lernforschung ist ein experimentelles Feld. Ihre Modelle werden in kontrollierten Versuchen getestet, verworfen, verfeinert. Genau das unterscheidet eine wissenschaftliche Theorie von einer Glaubensrichtung. Dass kein einzelnes Modell alle Lernvorgänge erklärt, macht die Forschung nicht unwissenschaftlich. Es ist der Normalzustand jedes lebendigen Forschungsfelds. Auch die Evolutionsbiologie besteht aus vielen Teiltheorien, und niemand würde daraus schließen, sie sei keine Wissenschaft.

Zur Reichweite: Rescorla und Bouton haben ihre Grundlagen überwiegend an Labortieren wie Ratten erarbeitet, nicht an Hunden. Die Prinzipien gelten als artübergreifend gut gestützt, wie stark sie sich im einzelnen Hundetraining zeigen, hängt aber von vielen Bedingungen ab, die im Labor kontrolliert werden und im Alltag nicht.

4.4 Zwischenfazit zur ersten These

Die These trifft das, was in vielen Kursen als „die Lerntheorie“ gelehrt wird: ein Ordnungsschema, das oft so behandelt wird, als würde es Verhalten erklären. Sie trifft nicht die Lernforschung selbst. Die sauberere Formulierung wäre: „Das Vier-Felder-Schema ist keine Theorie, und wer Hunde verstehen will, braucht mehr als das Schema.“ Dieser Satz ist richtig. Der Satz „Die Lerntheorie ist keine Theorie“ ist es in dieser Allgemeinheit nicht.

5. Ist „gewaltfrei“ eine Worthülse?

5.1 Was an der Kritik stimmt

Auch die zweite These hat einen wahren Kern, und es wäre unehrlich, ihn kleinzureden. „Gewaltfrei“ ist kein geschützter Begriff. Jede Hundeschule kann sich so nennen, ganz gleich, wie sie tatsächlich arbeitet. Eine einheitliche, überprüfbare Definition, auf die sich die Branche geeinigt hätte, gibt es nicht. Das Wort sagt deshalb für sich genommen wenig darüber aus, was im Training passiert.

Dazu kommt ein inhaltliches Problem: „Gewalt“ beschreibt zunächst das Handeln des Menschen. Für das Wohlbefinden des Hundes ist aber entscheidend, wie er eine Situation erlebt. Ein lauter Ruf kann für den einen Hund belanglos und für den anderen erschreckend sein. Umgekehrt können auch Trainingsformen, die ganz ohne Schmerz und Drohung auskommen, Stress auslösen: zu lange Einheiten, zu schwere Aufgaben, Frustration durch ausbleibende Belohnung, eine Umgebung, die den Hund überfordert.

👉 Weiterlesen: Frustration beim Hund: Verletzte Erwartung, Messung und Evidenz

5.2 Gewaltfrei ist nicht straffrei

Ein Teil der Verwirrung entsteht, weil „gewaltfrei“ oft mit „straffrei“ gleichgesetzt wird. Das sind unterschiedliche Begriffe. Wird ein angenehmer Reiz nach einem Verhalten entzogen und tritt dieses Verhalten dadurch unter vergleichbaren Bedingungen künftig seltener auf, spricht man lernpsychologisch von negativer Strafe. Dreht sich ein Mensch beim Anspringen weg, kann der Entzug von Aufmerksamkeit diese Funktion haben. Ob das tatsächlich so ist, muss am Verhalten des Hundes geprüft werden. Ein solches Vorgehen ist nicht mit Schmerzzufügung gleichzusetzen, kann aber je nach Hund und Situation Frustration auslösen.

Wir sagen das offen: Auch bei unterHUNDs setzen wir in begrenztem Umfang negative Strafe ein, wenn das für den Trainingsaufbau sinnvoll ist. Der Schwerpunkt liegt auf dem Aufbau erwünschten Verhaltens durch Belohnung. Worauf wir verzichten, sind gezielt zugefügte unangenehme Reize, positive Strafe und alles, was mit Schmerz, Angst oder Erschrecken arbeitet. Wer verspricht, ein Hund werde im Training niemals Frustration oder andere unangenehme Empfindungen erleben, verspricht etwas, das niemand garantieren kann. Daraus folgt aber nicht, dass der Anspruch eines gewaltfreien Trainings inhaltlich leer wäre.

5.3 Ein Begriff wird nicht leer, weil man ihn schlecht benutzt

Dass ein Begriff unscharf verwendet wird, ist ein Argument dafür, ihn zu schärfen, nicht dafür, ihn aufzugeben. Das gilt in der Wissenschaft für viele Begriffe: „Stress“, „Angst“, „Wohlbefinden“ wurden lange unpräzise benutzt und sind heute über messbare Kriterien gefasst. Für „gewaltfrei“ bieten sich drei Wege an.

Erstens aus Sicht des Hundes. Das Fünf-Domänen-Modell zur Beurteilung von Tierwohl bezieht seit seiner Fassung von 2020 ausdrücklich die Interaktionen mit Menschen ein. Menschliches Handeln kann danach das Wohlbefinden eines Tieres verschlechtern, etwa wenn es bedrohlich, unangenehm oder schmerzhaft ist oder als solches erinnert wird, und es kann es verbessern, etwa durch Sicherheit, angenehmen Körperkontakt oder bevorzugtes Futter (Mellor et al., 2020). „Gewaltfrei“ lässt sich auf dieser Grundlage als Training verstehen, das nicht gezielt mit negativen Erfahrungen arbeitet, um Verhalten zu unterdrücken, und das die Belastung des Hundes im Blick behält.

Zweitens über den Rechtsrahmen. Das Tierschutzgesetz verbietet in § 1, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen, und verlangt in § 2 eine Pflege und Ernährung, die seinen Bedürfnissen entspricht. § 3 Nr. 5 verbietet ausdrücklich eine Ausbildung, die mit erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden ist; Nr. 11 schränkt Geräte ein, die über direkte Stromeinwirkung nicht unerhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Zusätzlich verbietet § 2 Abs. 5 der Tierschutz-Hundeverordnung schmerzhafte Mittel bei Ausbildung, Erziehung und Training von Hunden. Das sind rechtliche Pflichten und keine vollständige Definition von Gewaltfreiheit, aber eine klare Untergrenze.

Drittens über die Folgen. Man kann messen, wie es Hunden geht, die mit unterschiedlichen Methoden trainiert werden. Damit wird aus einer Glaubensfrage eine empirische. Darum geht es im nächsten Kapitel.

👉 Weiterlesen: Tierwohl und Lebensqualität beim Hund: Was sich messen lässt und Gewaltfreies Hundetraining: Wie es funktioniert und warum es sinnvoll ist

5.4 Eine Vorarbeit, an der Gansloßer beteiligt war

Die Diskussion über eine Definition von Gewaltfreiheit ist älter als der angekündigte Kongressvortrag. 2018 stellten Bettina Hinte-Breindl, Gotje Andresen, Udo Gansloßer und Nicole Warlich-Zach auf der Tagung „Angewandte Ethologie“ eine interdisziplinär entwickelte, ausdrücklich vorläufige Arbeitsdefinition vor: Gewalt eines Menschen gegenüber einem Hund liegt vor, wenn sein Handeln oder Unterlassen ein Grundbedürfnis des Hundes beeinträchtigt. Welche Grundbedürfnisse gemeint sind, leiten die Autorinnen und Autoren in einer ersten Annäherung aus den fünf Freiheiten des Tierschutzes ab, darunter die Freiheit von Hunger und Durst und die Freiheit von Angst und Leiden (Hinte-Breindl et al., 2018).

Angewendet haben sie diese Definition auf eine Erziehungsmethode, bei der Futter zurückgehalten wird, wenn der Hund nicht kooperiert. In einer Online-Befragung unter 174 Anwenderinnen und Anwendern zeigte sich, wie unterschiedlich die Methode ausgelegt wird: 27,9 % hatten ihrem Hund einen Tag oder länger das Futter vorenthalten, 38,9 % wandten die Methode bei Hunden unter fünf Monaten an, und rund drei Viertel hatten sie über einen Hundetrainer oder eine Hundeschule kennengelernt. Die Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren: Zumindest der längerfristige, vollständige Futterentzug ist als Gewaltakt einzustufen.

Für unsere Frage ist das in zweifacher Hinsicht aufschlussreich. Erstens zeigt es, dass sich „Gewalt“ aus Sicht des Hundes präzisieren lässt, statt nur über das Handeln des Trainers. Zweitens kann Futterentzug als Konsequenz für fehlende Kooperation lerntheoretisch als negative Strafe wirken, aber nur, wenn das betreffende Verhalten dadurch tatsächlich seltener wird; eine ausbleibende Mahlzeit kann auch schlicht Deprivation oder ein fehlender Verstärker sein. Unabhängig von dieser Einordnung ist das Vorenthalten ausreichender Nahrung eine eigene Tierschutzfrage. Ob etwas gewaltfrei ist, entscheidet sich also nicht am Feld im Vier-Felder-Schema, sondern daran, was vorenthalten wird, wie lange und mit welchen Folgen für die Grundbedürfnisse. Zwischen kurz entzogener Aufmerksamkeit und einer vorenthaltenen Mahlzeit liegt genau der Unterschied, den diese Definition sichtbar macht.

Zur Reichweite: Es handelt sich um einen vierseitigen Tagungsbeitrag, die Definition ist von den Autorinnen und Autoren selbst als vorläufig bezeichnet. Befragt wurden nur Menschen, die die Methode anwenden oder angewendet hatten, über einen gezielt weitergegebenen Link. Über die Verbreitung der Methode in der gesamten Hundehalterschaft sagt die Befragung nichts.

Eine allgemeingültige, branchenweit akzeptierte Definition ist damit nicht geschaffen. Die Arbeit zeigt aber, dass eine sachliche Präzisierung möglich ist. Zwischen der Kritik an einer unklaren Selbstbezeichnung und der Behauptung, Gewaltfreiheit habe überhaupt keinen begründbaren Inhalt, besteht ein entscheidender Unterschied. Ob und wie der Vortrag an diese Arbeit anknüpft, wird sich im Februar zeigen.

6. Was die Studien zu Trainingsmethoden zeigen

Die Forschung arbeitet meist nicht mit dem Wort „gewaltfrei“, sondern unterscheidet belohnungsbasierte und aversive Methoden, also solche, die mit unangenehmen Reizen arbeiten. Das ist präziser, und es erlaubt Vergleiche.

6.1 Stress im Training und danach

Vieira de Castro und Kollegen untersuchten 92 Familienhunde aus Hundeschulen, die entweder belohnungsbasiert, überwiegend aversiv oder gemischt arbeiteten. Die Hunde aus Schulen mit aversiven Methoden zeigten im Training mehr Stressverhalten und nach dem Training stärkere Anstiege des Cortisols im Speichel. In einem anschließenden Test zur Erwartungshaltung reagierten sie pessimistischer auf mehrdeutige Reize, auch außerhalb der Trainingssituation (Vieira de Castro et al., 2020).

Zur Reichweite: Die Hunde wurden den Gruppen nicht zufällig zugeteilt, sondern kamen aus bestehenden Hundeschulen. Unterschiede zwischen Haltern, die eine bestimmte Schule wählen, können die Ergebnisse mit beeinflussen. Einzelne Cortisolwerte sind zudem schwer zu deuten. Die Studie zeigt einen deutlichen Zusammenhang, keinen Beweis für eine Ursache.

6.2 Die Grundstimmung

Casey und Kollegen verglichen Hunde, deren Halter angaben, mindestens zwei aversive Techniken zu verwenden, mit passend ausgewählten Hunden, deren Halter das nicht taten. In einem Test zur Erwartungshaltung reagierten die Hunde der ersten Gruppe negativer auf mehrdeutige Reize, was als pessimistischere Grundstimmung gedeutet wird (Casey et al., 2021).

Zur Reichweite: Die Trainingsmethoden beruhen auf Halterangaben, und die Studie ist eine Querschnittsuntersuchung. Ob die Methoden die Stimmung verändern oder ob ängstlichere Hunde eher aversiv trainiert werden, lässt sich daraus nicht sicher trennen.

👉 Weiterlesen: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messen und die Grenzen des Verfahrens

6.3 Wirksamkeit im direkten Vergleich

Ein britisches Forschungsprojekt hat Hunde mit Problemen beim Rückruf, unter anderem mit Jagdverhalten gegenüber Nutztieren, in drei Gruppen trainiert: mit Elektroreizgerät, ohne Gerät durch dieselben Trainer und belohnungsbasiert. Die Auswertung der Wirksamkeit an 63 Hunden ergab keinen Hinweis darauf, dass das Elektroreizgerät für einen zuverlässigen Rückruf nötig war (China et al., 2020). In der begleitenden Untersuchung zum Wohlbefinden zeigten Hunde der Gerätegruppe mehr Verhaltensweisen, die als Stressanzeichen gelten (Cooper et al., 2014).

Zur Reichweite: Wirksamkeits- und Wohlbefindensauswertung beruhen auf demselben Projekt und sind nicht als zwei unabhängige Studien zu zählen. Die Wirksamkeitsauswertung wurde für eine nur teilweise zufällige Gruppenzuteilung und abweichende Trainingsbedingungen der Belohnungsgruppe kritisiert (Sargisson & McLean, 2021). Die Gruppen waren klein, und das Training dauerte nur wenige Tage. Über langfristige Effekte sagt das Projekt wenig. In Deutschland ist der Einsatz solcher Geräte ohnehin grundsätzlich verboten.

6.4 Die Entwicklung über die Zeit

Die britische Langzeitstudie „Generation Pup“ begleitet Hunde vom Welpenalter an. In einer Auswertung von 1.130 Hunden war ein Wechsel zu stärker aversiven Methoden zwischen dem neunten und zwölften Lebensmonat mit mehr Verhaltensweisen verbunden, die Halter als Problem empfanden (Owczarczak-Garstecka et al., 2025). Interessant ist auch ein Nebenbefund: Die meisten Halter kombinierten Belohnung und aversive Methoden, rein aversives Training war selten.

Zur Reichweite: Die Autorinnen und Autoren betonen selbst, dass die Richtung des Zusammenhangs offen ist. Es kann sein, dass aversive Methoden Probleme verstärken, aber auch, dass Halter bei bestehenden Problemen eher zu aversiven Methoden greifen. Die Daten beruhen auf Halterangaben.

6.5 Die Gegenstimme

Es gibt auch Befunde, die zeigen, dass aversive Methoden wirken können. In einer norwegischen Feldstudie wurden 114 Jagdhunde mit Schafen konfrontiert und beim Annähern mit einem elektrischen Reiz bestraft. Die Wirkung auf das Jagdverhalten gegenüber Schafen war ein Jahr später noch nachweisbar, und die Autoren berichteten keine Nebenwirkungen des Testprotokolls (Christiansen et al., 2001).

Dazu kommt eine kleine kontrollierte Studie zum Abbruch des Hetzens einer Beuteattrappe. Das Protokoll mit Stromreizgerät unterdrückte das Hetzen schneller als zwei belohnungsbasierte Protokolle, die Übertragung auf eine neue Umgebung blieb aber begrenzt, und im Moment des Reizes zeigten die Hunde schmerztypische Lautäußerungen (Johnson & Wynne, 2024). Die Studie ist methodisch umstritten. In der Gerätegruppe wurden nur sechs Hunde ausgewertet, zwei weitere schieden aus, weil sie mehr als 20 Stromreize erhalten hatten. Laut Zusammenfassung hetzten in der neuen Umgebung 67 Prozent wieder, laut Ergebnisteil waren dort vier von sechs Hunden erfolgreich, es hätten also zwei von sechs gehetzt, rund 33 Prozent; beide Angaben widersprechen sich. Bastos et al. (2025) kritisierten die Vergleichbarkeit der Protokolle: Die futterbelohnten Hunde lernten kein Verhalten, das das Hetzen hätte ersetzen können, verglichen wurde also Strafe mit einer Bedingung ohne tragfähiges Ersatzverhalten. In ihrer Erwiderung stellen Johnson und Wynne (2025) klar, dass sie Stromreizgeräte nicht befürworten und die Studie nicht als Anleitung für Halter gedacht war. Sie verweisen auf die Gefahren unkontrollierten Hetzens, den Bedarf an rasch wirksamen Lösungen und ihre Kritik an früheren Studien als korrelativ oder quasi-experimentell und räumen ein, dass ihre Belohnungsprotokolle verbessert werden könnten. Die Kritik an der Vergleichbarkeit der Protokolle bleibt damit aus unserer Sicht bestehen.

Das gehört in einen ehrlichen Faktencheck. Strafe kann Verhalten stoppen, manchmal dauerhaft. Die entscheidende Frage ist aber, was der Hund dabei lernt und zu welchem Preis, und ob es einen Weg gibt, der dasselbe Ziel mit weniger Belastung erreicht. Ein gestopptes Verhalten ist nicht automatisch ein gelöstes Problem.

👉 Weiterlesen: Aversive Methoden beim Hund: Stress, Wirksamkeit und Studienlage und Fallout von Strafe beim Hund: Nebenwirkungen aversiver Einwirkung

6.6 Was sich zusammenfassen lässt

Keine dieser Studien beantwortet alle Fragen. Die Beobachtungsstudien zu unterschiedlichen Trainingsansätzen finden Zusammenhänge mit Stressanzeichen, negativem Erwartungsverhalten und teils mehr berichteten Verhaltensproblemen, erlauben aber nur begrenzte kausale Schlüsse. Beim Rückruftraining brachte das Elektroreizgerät im direkten Vergleich keinen Wirksamkeitsvorteil, bei zugleich festgestellten Belastungsanzeichen. Die hier besprochene kleine experimentelle Studie, die mit Stromreizgerät eine schnellere kurzfristige Unterdrückung fand, ist methodisch umstritten. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jede denkbare aversive Maßnahme in jeder Situation unwirksam wäre. Zusammengenommen zeigen die Befunde aber in dieselbe Richtung. Belohnungsbasierte Methoden ermöglichen Lernen ohne die Risiken aversiver Konsequenzen. Das ist die Grundlage für unsere Position: Die Risiken und Nebenwirkungen aversiver Methoden sind größer, als ihr Nutzen rechtfertigt. Auch belohnungsbasierte Verfahren müssen individuell angepasst werden, damit Belastung und Frustration gering bleiben.

7. Wirksamkeit und Vertretbarkeit sind zwei verschiedene Fragen

7.1 Was die Lernforschung beantworten kann

Die Lernforschung kann erklären, warum ein unangenehmer Reiz ein Verhalten seltener macht, und sie kann vorhersagen, unter welchen Bedingungen das gelingt. Insofern ist es richtig, dass sich auch aversive Methoden mit Lernprinzipien beschreiben lassen. Daraus folgt aber nichts darüber, ob ihr Einsatz notwendig, verhältnismäßig oder vertretbar ist.

7.2 Was eine Abwägung braucht

Ob eine Methode vertretbar ist, ist eine ethische und rechtliche Frage. Sie braucht empirisches Wissen über Wirkung und Nebenwirkungen, aber sie lässt sich nicht allein daraus ableiten. Genau deshalb ist der Begriff „gewaltfrei“ trotz aller Unschärfe nicht überflüssig: Er markiert einen ethischen Anspruch, der über die Frage „funktioniert es?“ hinausgeht.

Ebenso wenig ist belohnungsbasiertes Training automatisch frei von Belastung. Auch hier kann ein Hund überfordert sein, frustriert oder unter zu hoher Erregung lernen. Ein ehrlicher Anspruch lautet deshalb nicht „bei uns erlebt der Hund nie etwas Unangenehmes“, sondern: Wir arbeiten nicht gezielt mit Angst, Schmerz oder Erschrecken, und wir achten darauf, wie es dem Hund im Training geht.

👉 Weiterlesen: Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit beim Hund: Warum dieselbe Belastung unterschiedlich wirkt

Ein Beispiel (konstruiert, kein Kundenfall): Eine junge Hündin, nennen wir sie Kira, springt jeden Besuch an. Ihr Halter versteht „gewaltfrei“ als „nichts tun und warten, bis es aufhört“. Lohnt sich das Anspringen weiter, etwa weil der Besuch trotzdem lacht und streichelt, wird es eher stärker. Sinnvoller ist es, eine erwünschte Alternative gezielt zu verstärken, etwa alle vier Pfoten am Boden, und zu prüfen, was das Anspringen bisher aufrechterhält. Sich kurz wegzudrehen kann dabei helfen, ist aber nur dann negative Strafe, wenn das Anspringen dadurch tatsächlich seltener wird, und passt nicht zu jedem Hund. Kein Schmerz, kein Erschrecken, aber eine klare Struktur: Gewaltfrei heißt nicht, dass es keine Grenzen gibt, sondern dass die Grenzen nicht über Angst gesetzt werden.

8. Fazit

Beide Thesen aus dem Vortragstitel haben einen wahren Kern, und beide schießen in ihrer zugespitzten Form über das Ziel hinaus.

Das Vier-Felder-Schema, das im Hundetraining oft „die Lerntheorie“ genannt wird, ist ein Ordnungsschema und keine Theorie. Wer Hunde verstehen will, braucht zusätzlich Wissen über Motivation, Emotion und Erregung. Die Lernforschung selbst hat aber sehr wohl Theorien, und sie sind gut geprüft, wie die Arbeiten zu Kontingenz und Extinktion zeigen.

„Gewaltfrei“ ist ein nicht einheitlich definierter Begriff, der auch als Werbewort verwendet werden kann. Er ist deshalb aber nicht automatisch inhaltsleer. Ansätze zur Präzisierung existieren, unter anderem in der von Gansloßer mitverfassten Arbeit von 2018. Sie können durch Erkenntnisse zum Tierwohl, zum individuellen Erleben und zu den Folgen von Trainingsmethoden ergänzt werden. Die Studien, die die Folgen von Trainingsmethoden messen, sprechen dafür, auf aversive Methoden zu verzichten, auch wenn Beobachtungsvergleiche allein die Kausalrichtung nicht klären und die kontrollierten Vergleiche engere Trainingssituationen abdecken.

Wir sind gespannt auf die Argumente, die Udo Gansloßer im Februar vortragen wird. Wenn der Vortrag dazu führt, dass in der Branche genauer über Begriffe gesprochen wird, ist viel gewonnen. Was wir aus einer Begriffskritik nicht folgern sollten: dass der ethische Anspruch dahinter erledigt ist.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Das Vier-Felder-Schema beschreibt die Funktion von Konsequenzen anhand ihrer tatsächlichen Verhaltenswirkung; als alleinige Erklärung von Lernen reicht es nicht.
  • Die Lernforschung hat geprüfte Theorien, etwa zur Vorhersagekraft von Reizen und zur Extinktion als kontextgebundenem neuem Lernen.
  • „Gewaltfrei“ ist nicht einheitlich definiert und wird oft als Werbewort benutzt. Das spricht für eine Präzisierung, nicht für die Abschaffung des Begriffs.
  • „Gewaltfrei“ ist nicht automatisch „straffrei“. Der Entzug eines angenehmen Reizes ist nur dann negative Strafe, wenn dadurch das Verhalten seltener wird.
  • Studien zeigen Zusammenhänge aversiver Verfahren mit Belastungsanzeichen. Beim Rückruftraining brachte das Elektroreizgerät keinen Wirksamkeitsvorteil, die hier besprochene kleine experimentelle Studie zum Hetzen ist methodisch umstritten; die Beobachtungsbefunde allein belegen keine Ursache.
  • Ob eine Methode wirkt und ob sie vertretbar ist, sind zwei verschiedene Fragen.

Häufige Fragen

Ist die Lerntheorie wirklich keine Theorie?

Das hängt davon ab, was gemeint ist. Das im Hundetraining gelehrte Vier-Felder-Schema beschreibt die Funktion von Konsequenzen und ist für sich genommen keine erklärende Theorie. Die Lernforschung insgesamt hat aber gut geprüfte Theorien, zum Beispiel zur Vorhersagekraft von Reizen und zur Extinktion.

Was unterscheidet eine wissenschaftliche Theorie von einer Vermutung?

Eine wissenschaftliche Theorie erklärt, warum ein beobachteter Zusammenhang besteht, unter welchen Bedingungen er gilt, und macht Vorhersagen, die an der Wirklichkeit scheitern können. Sie wird geprüft und angepasst, wenn die Daten es verlangen.

Warum kommt abgebautes Verhalten manchmal zurück?

Weil Extinktion das alte Gelernte oft nicht löscht, sondern neues, kontextgebundenes Lernen die Reaktion hemmt. Nach einem Kontextwechsel, nach einer Zeitspanne oder nach erneuter Erfahrung mit dem früher bedeutsamen Ereignis kann die Reaktion wiederkehren. Nicht jedes Wiederauftreten lässt sich so erklären: Zeigt ein Hund ein neu gelerntes Verhalten an einem fremden Ort noch nicht, ist es oft schlicht noch nicht generalisiert.

Ist gewaltfreies Training dasselbe wie straffreies Training?

Nein. Auch bei gewaltfreiem Training kann der Entzug eines angenehmen Reizes vorkommen. Von negativer Strafe spricht man jedoch nur, wenn das betreffende Verhalten dadurch künftig seltener auftritt. Auf Schmerz und Einschüchterung zu verzichten bedeutet nicht, dass Lernen völlig ohne Frustration verläuft.

Gibt es eine verbindliche Definition von gewaltfreiem Hundetraining?

Eine einheitliche, branchenweit anerkannte Definition gibt es nicht. Es gibt aber Ansätze, etwa eine 2018 vorgestellte Arbeitsdefinition, nach der Gewalt vorliegt, wenn menschliches Handeln oder Unterlassen ein Grundbedürfnis des Hundes beeinträchtigt. Ergänzend lässt sich der Begriff über den gesetzlichen Rahmen des Tierschutzgesetzes und über messbare Folgen für das Wohlbefinden präzisieren.

Wirken aversive Methoden überhaupt?

Aversive Konsequenzen können Verhalten verringern, teilweise auch längerfristig. Die Frage ist, mit welchen Belastungen das verbunden ist und ob weniger belastende Verfahren das Ziel ebenso erreichen. Beim Rückruftraining zeigte das Elektroreizgerät im direkten Vergleich keinen Vorteil. Eine kleine, methodisch umstrittene Studie fand beim Abbruch des Hetzens eine schnellere Unterdrückung.

Beweisen die Studien, dass aversive Methoden schaden?

Eine einzelne Studie beweist keinen allgemeingültigen Kausalzusammenhang. Insbesondere Beobachtungsstudien können Unterschiede zwischen Hunden und Haltern nicht vollständig ausschließen. Die wiederholt gefundenen Zusammenhänge mit Belastungsanzeichen und die Ergebnisse kontrollierter Methodenvergleiche sind dennoch wichtige Gründe, belastungsarme Verfahren vorzuziehen.

Kann belohnungsbasiertes Training auch belasten?

Ja. Zu lange Einheiten, zu schwere Aufgaben, ausbleibende Belohnung oder eine überfordernde Umgebung können Frust und Stress auslösen. Belohnungsbasiert zu arbeiten heißt deshalb auch, auf den Zustand des Hundes im Training zu achten.

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  • Tierschutzgesetz (TierSchG), §§ 1 und 2 sowie § 3 Satz 1 Nr. 5 und Nr. 11; Tierschutz-Hundeverordnung (TierSchHuV), § 2 Abs. 5.
  • Dogs-Professional – Der Österreichische Hundetrainerkongress 2027, Programmankündigung, dogs-professional.at (abgerufen am 30.10.2026).

Zum Weiterarbeiten

Arbeitshefte zu einzelnen Problemen

Zu Leinenaggression, zum Alleinbleiben, zur Ressourcenverteidigung, zur Konkurrenz im Mehrhundehaushalt, zum Bellen am Fenster und zur Geräuschangst gibt es Arbeitshefte, die einen Plan mitliefern statt allgemeiner Ratschläge – zum Ausdrucken, mit Protokollbögen.

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