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Frustration beim Hund: Erwartungsverletzung, Messung und Evidenzlage

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • vor 1 Tag
  • 12 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Frustration gehört zu den wenigen großen Verhaltensbegriffen beim Hund, für die ein psychometrisch geprüftes Messinstrument entwickelt wurde. Während „Reaktivität“ gar nicht operationalisiert ist und „Aggression“ uneinheitlich, liegt für Frustration seit 2019 ein psychometrisch geprüftes Halterinstrument vor: der Canine Frustration Questionnaire, entwickelt an 2.348 vollständig ausgefüllten Fragebögen (McPeake, Collins, Zulch & Mills, 2019).

Das ist ein Fortschritt und zugleich eine Einladung zur Überinterpretation. Die Autoren selbst schreiben deutlich, dass ihr Instrument keine Störung definiert, sondern eine Neigung abbildet – und dass die fünf gefundenen Komponenten gemeinsam knapp die Hälfte der Varianz erklären. Wer daraus eine Diagnose macht, überdehnt das Werkzeug.


Dieser Artikel behandelt die Definition über die Erwartungsverletzung, die experimentelle Grundlage von Amsels Frustrationseffekt bis zu den Extinktionsstudien am Hund, Aufbau und Grenzen des CFQ, die typischen Auslösekontexte, die neurobiologische Einordnung über den Vorhersagefehler, die Abgrenzung gegenüber Furcht und Impulsivität sowie die praktischen Konsequenzen. Ein wiederkehrender Punkt: Bei Frustration ist die Messung weiter als die Behandlung.

Hund zeigt erhöhte Aufmerksamkeit und Frustration an der Leine, weil ein gewünschtes Ziel während einer Verhaltenstrainingssituation nicht erreichbar ist.

1. Was Frustration bezeichnet

1.1 Die Definition über die Erwartungsverletzung

Frustration wird als emotionale Reaktion definiert, die auftritt, wenn eine Erwartung verletzt wird – wenn eine erwartete Belohnung ausbleibt, geringer ausfällt oder sich verzögert, oder wenn der Zugang zu einem angestrebten Ziel blockiert ist (McPeake et al., 2019). Der entscheidende Begriff ist Erwartung: Ohne vorherige Erfahrung, die eine Erwartung aufgebaut hat, entsteht keine Frustration. Ein Hund, der nie gelernt hat, dass am Waldrand abgeleint wird, frustriert dort nicht.

Daraus folgt eine unbequeme Einsicht für die Praxis: Frustration ist häufig ein Nebenprodukt konsistenten Trainings. Je verlässlicher eine Kontingenz aufgebaut wurde, desto stärker fällt die Reaktion aus, wenn sie einmal nicht eingelöst wird.

Zur Erwartungsbildung und ihrer Verletzung als Lernmechanismus: Vorhersagefehler beim Hund: Wie Überraschung Lernen steuert

1.2 Drei Ebenen: Reaktion, Stimmung, Merkmal

Wie andere affektive Zustände existiert Frustration auf drei Ebenen: als konkrete emotionale Reaktion im Moment, als Stimmungslage über Stunden oder Tage, und als überdauerndes Merkmal – eine konsistente Neigung über Situationen und Zeit hinweg (McPeake et al., 2019). Die Hundeforschung hat sich bis 2019 nahezu ausschließlich mit der ersten Ebene befasst; der CFQ war der erste Versuch, die dritte zu erfassen.

Klinisch ist die Unterscheidung folgenreich. Ein Hund, der in einer einzelnen Situation frustriert reagiert, braucht eine andere Herangehensweise als ein Hund, der generell frustrationsintolerant ist.


Zur Erfassung überdauernder individueller Unterschiede: Temperament und Coping-Stile beim Hund

1.3 Warum Frustration nicht Ungeduld ist

Der Alltagsbegriff „ungeduldig“ beschreibt dasselbe Verhalten harmloser, als es ist. Frustration gilt als negativer emotionaler Zustand und ist damit ein Tierschutzthema, nicht nur ein Trainingsproblem. Sie wird mit Übersprungverhalten, mit umgerichtetem Verhalten und mit der Entstehung repetitiver Verhaltensmuster in Verbindung gebracht (McPeake et al., 2019).

Die Umdeutung zu „Ungeduld“ ist dabei kein bloßer Wortfehler, sondern hat praktische Folgen. Wer Ungeduld sieht, wartet ab oder korrigiert. Wer Frustration sieht, fragt nach der verletzten Erwartung. Die erste Haltung lässt den Zustand bestehen, die zweite macht ihn bearbeitbar.

Zur grundsätzlichen Trennung von beobachtbarem Verhalten und innerem Zustand: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund


2. Die experimentelle Grundlage

2.1 Amsels Frustrationseffekt

Die theoretische Basis stammt aus der Lernforschung der 1950er- und 60er-Jahre. Amsel beschrieb, dass das Ausbleiben einer erwarteten Belohnung nicht einfach zu weniger Verhalten führt, sondern zunächst zu mehr – die Reaktion wird kurzfristig intensiver, bevor sie nachlässt (Amsel, 1962). Dieser sogenannte Frustrationseffekt ist die Grundlage dafür, den Zustand überhaupt verhaltensmäßig zu fassen: Er erzeugt eine messbare Signatur.

Die Arbeiten stammen aus Rattenexperimenten. Ihre Übertragung auf den Hund ist plausibel, weil der zugrundeliegende Lernmechanismus artübergreifend gilt – aber sie ist Übertragung.

2.2 Extinktion als Frustrationsparadigma beim Hund

Für den Hund liegen mehrere Studien vor, die Frustration über das Ausbleiben von Verstärkung erzeugen. Jakovcevic und Kollegen löschten eine antrainierte Blickkontaktreaktion und beobachteten dabei signifikante Zunahmen von Ortswechseln, Schnüffeln und Lautäußerungen (Jakovcevic, Elgier, Mustaca & Bentosela, 2013). Vorausgegangen waren Untersuchungen derselben Gruppe zum Effekt von Verstärkung, Verstärkerauslassung und Extinktion auf kommunikatives Verhalten (Bentosela, Barrera, Jakovcevic, Elgier & Mustaca, 2008).

Das ist die praktisch relevanteste Beobachtung des ganzen Themas: Die Verhaltensweisen, die bei Frustration auftreten, sind zunächst unspezifisch. Schnüffeln, Umherlaufen, Vokalisieren – nichts davon sieht nach „Frustration“ aus, und alles davon wird im Alltag anders gedeutet.


Zum Löschungsprozess und seinen Rückfallphänomenen: Extinktion beim Hund: Warum Verhalten verschwindet – und plötzlich wiederkommt

2.3 Anreizkontrast

Eine verwandte Beobachtung betrifft nicht das Ausbleiben, sondern die Verschlechterung einer Belohnung. Bentosela und Kollegen untersuchten Anreizkontrast beim Hund – die Reaktion darauf, dass eine bislang hochwertige Belohnung durch eine geringerwertige ersetzt wird (Bentosela, Jakovcevic, Elgier, Mustaca & Papini, 2009). Die Relevanz für den Alltag ist unmittelbar: Wer von Fleischwurst auf Trockenfutter wechselt, verändert nicht nur die Verstärkerstärke, sondern erzeugt eine Erwartungsverletzung.

Zur Gestaltung von Verstärkung über den Trainingsverlauf: Verstärkerpläne beim Hund


2.4 Was diese Studien nicht zeigen

Sie zeigen, wie Frustration in einer definierten Laborsituation aussieht. Sie zeigen nicht, wie verbreitet Frustration im Alltag ist, ob einzelne Hunde konsistent stärker reagieren, oder ob eine Laborreaktion etwas über das Verhalten an der Leine vorhersagt. Genau diese Lücke sollte der CFQ schließen.



3. Der Canine Frustration Questionnaire

3.1 Entwicklung und Reliabilität

McPeake und Kollegen generierten 33 Items aus Literaturarbeit, Interviews mit sechzehn Verhaltensexperten, einer Befragung von Ethologen zweier Fachtagungen und einer Halterbefragung. Ausgefüllt wurde der Fragebogen von 2.348 Personen aus 36 Ländern, zu Hunden von zwei Monaten bis achtzehneinhalb Jahren aus 127 Rassen (McPeake et al., 2019).


Die Reliabilitätsprüfung ist der methodisch stärkste Teil der Arbeit und läuft auf drei Ebenen: Wiederholung durch dieselbe Person nach sechs Wochen (246 auswertbare Paare), Wiederholung nach einem Jahr (276 Paare) und unabhängige Beurteilung durch eine zweite Bezugsperson desselben Hundes (92 Paare). Neun Items fielen dabei heraus – die meisten, fünf, an der Beurteilung durch zwei verschiedene Personen.


3.2 Die fünf Komponenten

Die Hauptkomponentenanalyse ergab eine Fünf-Faktoren-Lösung mit 21 Items: Allgemeine Frustration (26,98 Prozent der Varianz), Barrierefrustration und Beharren (6,55), unerfüllte Erwartungen (5,70), autonome Kontrolle (5,25) und Frustrationsbewältigung (5,02). Die interne Konsistenz lag bei einem Cronbachs Alpha von 0,792.


Diese Struktur ist inhaltlich aufschlussreich, weil sie eine verbreitete Verengung korrigiert. Frustration wird im Alltag fast ausschließlich mit der zweiten Komponente gleichgesetzt – dem an der Leine ziehenden Hund. Tatsächlich erklärt die allgemeine, situationsübergreifende Neigung mit Abstand den größten Varianzanteil.


3.3 Was die Zahlen hergeben – und was nicht

Drei Einschränkungen gehören zwingend dazu, und die Autoren benennen sie selbst.

Erstens erklären alle fünf Komponenten zusammen 49,43 Prozent der Varianz – gut die Hälfte bleibt unerklärt. Zweitens schreiben die Autoren ausdrücklich, dass solche Skalen keine abgrenzbare Verhaltensstörung definieren, sondern eine Neigung abbilden. Drittens beruht das Instrument auf Halterwahrnehmung; die Validierung gegen Verhaltenstests und physiologische Messwerte stand zum Publikationszeitpunkt noch aus.


Ein Detail verdient besondere Erwähnung, weil es regelmäßig falsch berichtet wird: Im allgemeinen linearen Modell war der Rasseeffekt mit p = 0,045 knapp signifikant – die Post-hoc-Analyse mit Bonferroni-Korrektur zeigte jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen einzelnen Rassen (McPeake et al., 2019). Das Gesamtmodell erklärte 13,6 Prozent der Varianz.


Zur Frage, wie Verhaltenskonstrukte überhaupt messbar gemacht werden: Hundeverhalten messbar machen



4. Auslösekontexte

4.1 Barrieren

Physische Barrieren sind der offensichtlichste Auslöser: Leine, Tür, Zaun, Box. Die Leine ist dabei der Sonderfall mit der größten Alltagsrelevanz, weil sie dauerhaft und systematisch zwischen den Hund und ein angestrebtes Ziel tritt – den entgegenkommenden Hund, das flüchtende Wild, den Menschen mit dem Futterbeutel.


Zur häufigsten Alltagsform dieses Problems: Hundebegegnungen an der Leine: Warum dein Hund ausrastet


4.2 Ausbleibende, reduzierte, verzögerte Belohnung

Die zweite Gruppe betrifft Abweichungen von einer etablierten Erwartung: Der Spaziergang endet früher als üblich, die Fütterung verschiebt sich, der gewohnte Freilauf entfällt. Dass Routineabweichungen als Frustrationsauslöser gelten, ist die theoretisch sauberste Ableitung aus der Erwartungsdefinition – und zugleich die im Alltag am wenigsten beachtete.


Besonders unterspezifiziert ist dabei die reduzierte Belohnung. Sie tritt seltener als bewusste Entscheidung auf und häufiger als schleichende Abwertung: Das Training läuft länger, die Verstärker werden kleiner, die Aufmerksamkeit des Menschen sinkt. Aus Sicht des Hundes ist das eine fortlaufende Serie von Erwartungsverletzungen – und die Verhaltensverschlechterung gegen Ende einer Einheit wird anschließend als nachlassende Konzentration gedeutet statt als das, was sie sein könnte.


Ein zweiter Punkt betrifft die zeitliche Struktur. Verzögerung wirkt nicht linear: Eine Wartezeit, die der Hund vorhersagen kann, ist etwas anderes als dieselbe Wartezeit ohne Anhaltspunkt. Das verbindet Frustration mit der Vorhersagbarkeit als eigenständiger Variable und erklärt, warum ritualisierte Abläufe vor einer Belohnung mehr leisten als bloßes Abwarten.


4.3 Autonomie und Ressourcen

Die vierte CFQ-Komponente heißt „autonome Kontrolle“ und versammelt Items, die auf den ersten Blick nicht zusammenzugehören scheinen: Aggression bei der Wegnahme von Gegenständen, Fluchtversuche bei Einsperren, Territorialverhalten, übermäßiges Belecken der eigenen Körperteile. Der verbindende Gedanke ist der Verlust der Möglichkeit, selbst zu entscheiden.


Damit rückt Frustration in die Nähe eines Themas, das sonst getrennt behandelt wird: Kontrollierbarkeit als eigenständige Tierschutzvariable, unabhängig von der Annehmlichkeit der Situation.


Praktisch bedeutsam ist hier die umgerichtete Reaktion. Kann der Hund das eigentliche Ziel nicht erreichen und die Blockade nicht auflösen, richtet sich das Verhalten häufig auf das Nächstliegende – die Leine, den begleitenden Hund, gelegentlich den Menschen am anderen Ende. Solche Vorfälle werden regelmäßig als Aggressionsproblem eingeordnet, obwohl der Auslöser eine Zugangsblockade war.


Zur Klassifikation und Neurobiologie aggressiven Verhaltens: Aggression beim Hund: Ursachen und Auslöser verstehen


Kommt die Situation regelmäßig vor, verlässt sie die Ebene des Einzelereignisses: Wiederholte, nicht auflösbare Blockaden erfüllen die Bedingungen, unter denen chronische Belastung entsteht.


Zur Cortisolregulation unter Dauerbelastung: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol und Langzeitfolgen



5. Neurobiologische Einordnung

5.1 Vorhersagefehler

Der mechanistische Anschluss liegt beim Vorhersagefehler – der Differenz zwischen erwartetem und tatsächlichem Ergebnis. Fällt ein Ergebnis schlechter aus als erwartet, entsteht ein negativer Vorhersagefehler, der neurochemisch über eine Absenkung der phasischen Dopaminaktivität abgebildet wird. Dopamin ist dabei ausdrücklich kein „Glückshormon“, sondern ein Signal für Motivation, Erwartung und Erwartungsabweichung.



5.2 Erregung und präfrontale Regulation

Frustration geht typischerweise mit hoher physiologischer Erregung einher. Damit gilt dieselbe Einschränkung wie bei anderen hocherregten Zuständen: Die präfrontale Regulation, die eine angelaufene Reaktion stoppen könnte, wird mit steigender Erregung zunehmend unzuverlässig. Der Hund ist in diesem Zustand über gelernte Signale schlechter erreichbar – nicht aus Unwilligkeit, sondern weil der Abrufmechanismus momentan eingeschränkt ist.




5.3 Grenzen der Übertragung

Hier gilt dieselbe Ehrlichkeit wie bei Angst. Die dopaminerge Vorhersagefehler-Signatur ist in Nager- und Primatenforschung gut charakterisiert; direkte Messungen phasischer Dopaminaktivität beim Hund unter Frustrationsbedingungen liegen nicht vor. Was für den Hund existiert, ist die Verhaltensebene – die Extinktions- und Kontraststudien aus Abschnitt 2. Die neurochemische Erklärung darunter ist eine begründete Übertragung.



6. Diagnostik und Differenzialdiagnose

6.1 Gegenüber Furcht

Die klinisch wichtigste Unterscheidung. Furcht und Frustration erzeugen an der Leine oberflächlich ähnliche Bilder – Bellen, Vorpreschen, Erregung –, verlaufen aber in entgegengesetzte Richtungen: Furcht zielt auf Distanzvergrößerung, Frustration auf Annäherung. Die zuverlässigste Unterscheidung liefert deshalb nicht die Reaktion, sondern ihr Ende. Endet sie, wenn der Reiz sich entfernt, spricht das für Furcht. Endet sie, wenn der Hund den Reiz erreicht, für Frustration.



Zur Situation, in der beide Motivationen gleichzeitig wirken: Annäherung-Vermeidung-Konflikt beim Hund


6.2 Gegenüber Impulsivität

Frustration und Impulsivität hängen zusammen, sind aber verschieden. Impulsivität beschreibt die exekutive Kontrolle von Verhalten – die Fähigkeit, eine Reaktion zurückzuhalten. Frustration beschreibt einen emotionalen Zustand. Die Autoren des CFQ empfehlen ausdrücklich, ihr Instrument gemeinsam mit der Impulsivitätsskala DIAS (Wright, Mills & Pollux, 2011) und der Skala zur Reizsensitivität von Sheppard und Mills (2002) einzusetzen, statt eines davon allein.


Zur Überschneidung mit aufmerksamkeits- und impulsivitätsbezogenen Merkmalen: ADHS-ähnliche Merkmale beim Hund


6.3 Schmerz und Reizbarkeit

Die erste CFQ-Komponente enthält ein Item zur Tagesform – Hunde, die an manchen Tagen ohne erkennbaren Grund leichter frustrieren. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass sich dahinter schmerzbedingte Reizbarkeit verbergen kann, und verweisen auf Arbeiten zu unerkanntem Bewegungsapparat-Schmerz bei Hunden mit Verhaltensproblemen (Barcelos, Mills & Zulch, 2015; Lopes Fagundes, Hewison, McPeake, Zulch & Mills, 2018).


Zum Zusammenhang von Schmerz und Verhaltensänderung: Schmerz und Aggression beim Hund



7. Praktische Konsequenzen

7.1 Vorhersagbarkeit gestalten

Weil Frustration aus Erwartungsverletzung entsteht, ist die Erwartungsstruktur selbst der Ansatzpunkt. Zwei Wege führen zum Ziel: Entweder wird die Erwartung zuverlässig eingelöst, oder sie wird gar nicht erst eng aufgebaut. Ein Hund, der gelernt hat, dass an einer bestimmten Stelle immer abgeleint wird, frustriert dort verlässlich, wenn es einmal nicht geschieht. Ein Hund, für den der Ort variabel war, nicht.


Damit steht Konsistenz in einem Spannungsverhältnis zu sich selbst – sie erleichtert das Lernen und erzeugt zugleich die Erwartung, deren Verletzung frustriert. Aufzulösen ist das nicht durch Inkonsistenz, sondern durch Variabilität an genau den Stellen, an denen eine Zusage nicht dauerhaft gehalten werden kann.


7.2 Frustrationstoleranz: der Evidenzstand

Übungen zum Aufbau von Frustrationstoleranz sind in der Praxis etabliert. Der Evidenzstand ist allerdings dünner, als die Verbreitung vermuten lässt: Die Autoren des CFQ verweisen auf entsprechende Übungsvorschläge und halten ausdrücklich fest, dass diese empirisch noch nicht evaluiert wurden (McPeake et al., 2019). Sie benennen die Entwicklung des CFQ selbst als Voraussetzung dafür, solche Interventionen künftig überhaupt prüfen zu können.


Das heißt nicht, dass diese Übungen wirkungslos sind. Es heißt, dass ihre Wirksamkeit bisher auf klinischer Erfahrung beruht, nicht auf kontrollierten Studien – und dass das so gesagt werden sollte.


7.3 Warum Strafe hier eskaliert

Bei Frustration ist aversive Einwirkung besonders ungünstig, weil sie an der falschen Stelle ansetzt. Der Hund erlebt bereits eine Blockade zwischen sich und seinem Ziel; eine zusätzliche unangenehme Konsequenz beseitigt die Blockade nicht, sondern erhöht die Erregung. Der beschriebene Frustrationseffekt – kurzfristige Intensivierung des Verhaltens – wirkt dabei gegen die Absicht des Einwirkenden.


Zu den neurobiologischen Folgen von Strafe: Fallout von Strafe beim Hund


Zur Evidenzlage aversiver Methoden insgesamt: Aversive Methoden beim Hund



8. Zusammenfassung im Überblick

Frustration ist die emotionale Reaktion auf eine verletzte Erwartung – bei ausbleibender, reduzierter oder verzögerter Belohnung ebenso wie bei blockiertem Zugang zu einem Ziel. Ohne vorherige Erwartungsbildung entsteht sie nicht, was sie zu einem systematischen Nebenprodukt konsistenten Trainings macht.


Experimentell fassbar wird sie über Amsels Frustrationseffekt: Das Ausbleiben einer erwarteten Belohnung führt zunächst zu intensiverem, nicht zu weniger Verhalten. Beim Hund ist dieser Effekt über Extinktions- und Anreizkontraststudien belegt, wobei die auftretenden Verhaltensweisen – Schnüffeln, Umherlaufen, Vokalisieren – unspezifisch sind und im Alltag selten als Frustration erkannt werden.


Mit dem Canine Frustration Questionnaire liegt seit 2019 ein reliabel entwickeltes Halterinstrument vor. Seine fünf Komponenten erklären knapp die Hälfte der Varianz; die Autoren betonen ausdrücklich, dass es keine Störung definiert. Behandlungsseitig besteht die größte Lücke: Übungen zum Aufbau von Frustrationstoleranz sind verbreitet, aber empirisch nicht evaluiert.



9. Forschungslücken und Kontroversen

9.1 Validierung gegen Verhalten und Physiologie

Der CFQ misst Halterwahrnehmung. Ob ein hoher Skalenwert mit messbar anderem Verhalten in standardisierten Frustrationstests oder mit physiologischen Markern einhergeht, war zum Publikationszeitpunkt Gegenstand laufender Arbeiten, aber nicht gezeigt. Bis dahin bleibt die Skala ein Maß für die Einschätzung des Halters – mit allen bekannten Einschränkungen.


Zum experimentellen Zugang zu affektiven Zuständen: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen


9.2 Kein Kausalnachweis

Sämtliche CFQ-Zusammenhänge sind querschnittlich. Dass Hunde mit berichtetem Verhaltensproblem höhere Werte erreichen, kann bedeuten, dass Frustration zu Problemen führt, dass Probleme Frustration erzeugen, oder dass Halter mit Problemhunden ihr Tier insgesamt kritischer einschätzen. Die Daten entscheiden das nicht.


9.3 Unbekannte Entwicklung

Jüngere Hunde erreichten in der Untersuchung höhere Werte als ältere. Ob Frustrationstoleranz mit dem Reifungsprozess zunimmt, ob Erwartungen sich mit der Zeit realistischer einstellen oder ob ein Auswahleffekt vorliegt, ist offen – longitudinale Daten fehlen.



10. Fazit

Frustration ist unter den großen Verhaltensbegriffen der am besten vermessene und der am schlechtesten behandelte. Für die Erfassung gibt es ein methodisch sorgfältig entwickeltes Instrument; für die Behandlung gibt es etablierte Übungen ohne kontrollierte Wirksamkeitsprüfung.


Der begrifflich wertvollste Beitrag der Forschung liegt in der Definition selbst. Frustration entsteht aus Erwartungsverletzung – und damit wird die Frage im Einzelfall beantwortbar: Welche Erwartung hat dieser Hund aufgebaut, und wodurch wird sie verletzt? Diese Frage ist präziser als jede Zuschreibung von Ungeduld oder mangelnder Impulskontrolle, und sie zeigt direkt auf die veränderbaren Größen.


Für die Abgrenzung an der Leine bleibt die einfachste Regel die belastbarste: Nicht die Reaktion verrät die Motivation, sondern das, was sie beendet.



Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Frustration beim Hund

Frustration setzt eine Erwartung voraus. Sie entsteht bei ausbleibender, reduzierter oder verzögerter Belohnung und bei blockiertem Zugang zum Ziel (McPeake et al., 2019). Ohne vorherige Erwartungsbildung entsteht sie nicht – konsistentes Training erzeugt sie deshalb mit.


Das Ausbleiben einer Belohnung erhöht zunächst die Verhaltensintensität. Amsels Frustrationseffekt (Amsel, 1962) ist beim Hund über Extinktionsstudien belegt: Beim Löschen einer antrainierten Reaktion nahmen Ortswechsel, Schnüffeln und Lautäußerungen zu (Jakovcevic et al., 2013). Diese Zeichen sind unspezifisch und werden im Alltag selten als Frustration gedeutet.


Es gibt ein validiertes Erhebungsinstrument. Der Canine Frustration Questionnaire wurde an 2.348 Fragebögen entwickelt, mit Wiederholungsprüfung nach sechs Wochen und einem Jahr sowie durch eine zweite Bezugsperson (McPeake et al., 2019). Fünf Komponenten erklären 49,4 Prozent der Varianz.


Die Skala definiert keine Störung. Das schreiben die Autoren ausdrücklich – sie bildet eine Neigung ab. Der Rasseeffekt war im Modell knapp signifikant, hielt der Post-hoc-Korrektur aber nicht stand; das Gesamtmodell erklärte 13,6 Prozent der Varianz.


Frustrationstoleranz-Übungen sind nicht evaluiert. Sie sind in der Praxis etabliert, ihre Wirksamkeit beruht bislang auf klinischer Erfahrung. Die Autoren des CFQ benennen die empirische Prüfung solcher Interventionen ausdrücklich als offene Aufgabe.



Quellen

Amsel, A. (1962). Frustrative nonreward in partial reinforcement and discrimination learning: Some recent history and a theoretical extension. Psychological Review, 69(4), 306–328. https://doi.org/10.1037/h0046200


Barcelos, A. M., Mills, D. S., & Zulch, H. (2015). Clinical indicators of occult musculoskeletal pain in aggressive dogs. Veterinary Record, 176(18), 465. https://doi.org/10.1136/vr.102823


Bentosela, M., Barrera, G., Jakovcevic, A., Elgier, A. M., & Mustaca, A. E. (2008). Effect of reinforcement, reinforcer omission and extinction on a communicative response in domestic dogs (Canis familiaris). Behavioural Processes, 78(3), 464–469. https://doi.org/10.1016/j.beproc.2008.03.004


Bentosela, M., Jakovcevic, A., Elgier, A. M., Mustaca, A. E., & Papini, M. R. (2009). Incentive contrast in domestic dogs (Canis familiaris). Journal of Comparative Psychology, 123(2), 125–130. https://doi.org/10.1037/a0013340


Jakovcevic, A., Elgier, A. M., Mustaca, A. E., & Bentosela, M. (2013). Frustration behaviors in domestic dogs. Journal of Applied Animal Welfare Science, 16(1), 19–34. https://doi.org/10.1080/10888705.2013.740974


Lopes Fagundes, A. L., Hewison, L., McPeake, K. J., Zulch, H., & Mills, D. S. (2018). Noise sensitivities in dogs: An exploration of signs in dogs with and without musculoskeletal pain using qualitative content analysis. Frontiers in Veterinary Science, 5, 17. https://doi.org/10.3389/fvets.2018.00017


McPeake, K. J., Collins, L. M., Zulch, H., & Mills, D. S. (2019). The Canine Frustration Questionnaire—Development of a new psychometric tool for measuring frustration in domestic dogs (Canis familiaris). Frontiers in Veterinary Science, 6, 152. https://doi.org/10.3389/fvets.2019.00152


Mikkola, S., Salonen, M., Puurunen, J., Hakanen, E., Sulkama, S., Araujo, C., & Lohi, H. (2021). Aggressive behaviour is affected by demographic, environmental and behavioural factors in purebred dogs. Scientific Reports, 11, 9433. https://doi.org/10.1038/s41598-021-88793-5


Riemer, S., Mills, D. S., & Wright, H. (2014). Impulsive for life? The nature of long-term impulsivity in domestic dogs. Animal Cognition, 17(3), 815–819. https://doi.org/10.1007/s10071-013-0701-4


Sheppard, G., & Mills, D. S. (2002). The development of a psychometric scale for the evaluation of the emotional predispositions of pet dogs. International Journal of Comparative Psychology, 15(2), 201–222.


Wright, H. F., Mills, D. S., & Pollux, P. M. J. (2011). Development and validation of a psychometric tool for assessing impulsivity in the domestic dog (Canis familiaris). International Journal of Comparative Psychology, 24(2), 210–225. https://doi.org/10.46867/ijcp.2011.24.02.03


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