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Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen — und die Grenzen des Verfahrens

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • vor 1 Tag
  • 12 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 24 Stunden

Der innere Zustand eines Hundes ist nicht beobachtbar. Verhalten ist mehrdeutig, physiologische Werte erfassen Intensität statt Vorzeichen, und Halterangaben hängen an der Deutung des Halters. Genau deshalb hat sich ein Verfahren durchgesetzt, das den Zustand nicht misst, sondern eine seiner Folgen: wie ein Tier mehrdeutige Information bewertet.

Die Grundidee stammt aus der Humanpsychologie. Menschen in negativer Stimmung deuten Uneindeutiges eher ungünstig — das halb volle Glas erscheint halb leer. Wenn Tiere dasselbe tun, ließe sich aus ihrer Entscheidung auf ihren Zustand schließen, ohne ihn beschreiben zu müssen.

Dieser Artikel behandelt den Aufbau des Verfahrens, die Befunde beim Hund, die Ergebnisse der bislang umfassendsten Metaanalyse und die Grenzen — darunter einen selten zitierten Negativbefund und eine grundsätzliche Deutungsfrage, die das gesamte Konstrukt betrifft.

Zur methodischen Ausgangslage: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund

Hund führt eine Cognitive-Bias-Testaufgabe durch, bei der Entscheidungsverhalten unter mehrdeutigen Reizen zur Einschätzung von Stimmung untersucht wird.

1. Die Grundidee

1.1 Von der Humanpsychologie zum Tier

Der Zusammenhang zwischen affektivem Zustand und der Bewertung mehrdeutiger Information ist beim Menschen gut belegt. Die Übertragung auf Tiere setzt voraus, dass derselbe Mechanismus wirkt — was plausibel ist, weil er funktional begründet ist: In einem gefährlichen Umfeld ist es sinnvoll, Uneindeutiges vorsichtshalber als Bedrohung zu behandeln.

Mendl und Kollegen entwickelten daraus einen Rahmen, der affektive Zustände über zwei Dimensionen beschreibt — Valenz und Erregung — und Entscheidungsverhalten als Zugang nutzt (Mendl, Burman & Paul, 2010b).

Der funktionale Gedanke dahinter ist entscheidend für die Übertragbarkeit. Eine Stimmungslage lässt sich als Zusammenfassung bisheriger Erfahrungen verstehen: Wer viel Ungünstiges erlebt hat, sollte bei Unklarheit vom Ungünstigen ausgehen. Das ist keine Verzerrung im Sinne eines Fehlers, sondern eine sinnvolle Anpassung an das, was das Tier bislang erlebt hat.


Damit ist auch gesagt, was das Verfahren erfassen soll: nicht die momentane Reaktion auf einen Reiz, sondern die aufsummierte Erwartungshaltung.

1.2 Der Aufbau des Tests

Das Verfahren läuft in drei Schritten. Zuerst lernt das Tier zwei Reize zu unterscheiden: Einer kündigt etwas Positives an, der andere etwas Negatives oder Neutrales. Beim Hund geschieht das meist räumlich — eine Schale an einer Position enthält Futter, an einer anderen nicht.

Dann folgt die Manipulation oder der Gruppenvergleich. Und schließlich der eigentliche Test: Die Schale steht an einer Zwischenposition, deren Bedeutung das Tier nicht gelernt hat. Gemessen wird, ob es hingeht und wie schnell.

Der Aufbau hat eine Eigenschaft, die ihn von den meisten Verhaltenstests unterscheidet: Es gibt keine richtige Antwort. Die Zwischenposition ist tatsächlich mehrdeutig — weder Hingehen noch Ausbleiben ist korrekt. Damit misst der Test keine Leistung, sondern eine Neigung.


Varianten arbeiten statt mit Positionen mit Tönen zwischen zwei gelernten Frequenzen oder mit Grautönen zwischen zwei gelernten Helligkeiten. Beim Hund hat sich die räumliche Variante durchgesetzt, weil sie ohne aufwendige Wahrnehmungsschulung auskommt.

1.3 Was gemessen wird

Erfasst wird der Anteil positiver Reaktionen auf mehrdeutige Reize und die Latenz bis zur Reaktion. Ein Tier, das schneller und häufiger hingeht, wird als „optimistischer“ eingeordnet.

Wichtig ist die Formulierung: Gemessen wird eine Entscheidung, aus der auf einen Zustand geschlossen wird. Das ist ein Schluss, kein Ablesen.

Zur Frage, wie Verhaltenskonstrukte gebildet werden: Hundeverhalten messbar machen

2. Befunde beim Hund

2.1 Trennungsbezogenes Verhalten

Die Gründungsarbeit für den Hund kam aus Bristol. Hunde, die trennungsbezogenes Verhalten zeigten, reagierten auf mehrdeutige Positionen zurückhaltender als Hunde ohne diese Zeichen — sie wurden als „pessimistisch“ eingeordnet (Mendl et al., 2010a).

Der Befund ist deshalb bedeutsam, weil er eine Brücke schlägt: von einem Verhalten, das der Halter meldet, zu einem Zustand, der über eine unabhängige Entscheidungsaufgabe erfasst wird.


Die Richtung des Zusammenhangs bleibt allerdings offen. Ob eine negativere Grundstimmung das trennungsbezogene Verhalten begünstigt oder ob wiederholte belastende Trennungen die Grundstimmung verschieben, lässt ein Gruppenvergleich nicht entscheiden. Plausibel ist beides — und wahrscheinlich beides zugleich.

Zur Einordnung trennungsbezogener Probleme: Trennungsangst beim Hund: Panik, Frustration, Langeweile


2.2 Trainingsmethoden

Der für die Trainingsdebatte wichtigste Befund stammt von Vieira de Castro und Kollegen: Hunde aus aversiv arbeitenden Hundeschulen näherten sich mehrdeutigen Positionen zögerlicher als Hunde aus belohnungsbasiert arbeitenden Schulen (Vieira de Castro et al., 2020).

Dieses Verfahren umgeht die Schwäche der reinen Verhaltensbeobachtung. Es misst nicht, ob ein Hund gestresst wirkt, sondern wie er entscheidet — und ist damit deutlich schwerer durch Verhaltensunterdrückung zu verfälschen.

Genau deshalb ist dieser Befund in der Trainingsdebatte schwerer zu entkräften als Beobachtungsstudien. Der übliche Einwand gegen letztere lautet, die Beobachter hätten gesehen, was sie sehen wollten. Bei einer Latenzmessung an einer Futterschale greift dieser Einwand nicht.

Die verbleibende Schwäche ist eine andere: Die Hunde wurden nicht zufällig den Schulen zugewiesen. Halter, die aversive Schulen wählen, könnten sich in anderer Hinsicht unterscheiden — etwa dadurch, dass sie schwierigere Hunde haben.


Zu den Folgen aversiver Einwirkung: Fallout von Strafe beim Hund

2.3 Behandlungsverlauf

Eine dritte Anwendung prüfte, ob eine klinische Besserung mit einer Veränderung des Zustands einhergeht oder nur mit unterdrücktem Verhalten. Karagiannis, Burman und Mills untersuchten Hunde mit trennungsbezogenen Problemen unter Fluoxetin und einem Verhaltensmodifikationsplan und fanden über zwei Monate eine „weniger pessimistische“ Verschiebung (Karagiannis, Burman & Mills, 2015).

Die Fragestellung ist genau richtig gewählt — und die Stichprobe klein: fünf behandelte Hunde und sieben Kontrollen. Als Machbarkeitsnachweis wertvoll, als Wirksamkeitsbeleg nicht belastbar.

Die Fragestellung verdient trotzdem Hervorhebung, weil sie in der Verhaltensmedizin selten so klar gestellt wird: Zeigt eine Besserung im Verhalten an, dass es dem Tier besser geht — oder nur, dass es weniger tut? Ohne ein vom Verhalten unabhängiges Maß ist diese Frage nicht beantwortbar, und genau dafür wurde das Verfahren hier eingesetzt.

Zur Frustration und ihren Messinstrumenten: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle

2.4 Positive Manipulation

Nicht alle Anwendungen betreffen Belastung. Duranton und Horowitz fanden, dass Nasenarbeit bei Familienhunden zu einer positiveren Bewertung mehrdeutiger Reize führte (Duranton & Horowitz, 2019). Die Richtung ist bemerkenswert: Das Verfahren erfasst nicht nur Verschlechterungen.

Für die Beweisführung ist das ein wichtiger Punkt. Ein Maß, das nur in eine Richtung ausschlägt, wäre verdächtig — es könnte schlicht Erschöpfung oder Gewöhnung an die Testsituation abbilden. Dass sich das Ergebnis auch in die positive Richtung verschieben lässt, spricht dafür, dass tatsächlich ein Zustand erfasst wird.


3. Was die Metaanalyse zeigt

3.1 Der Gesamteffekt

2020 erschien die bislang umfassendste systematische Übersicht mit Metaanalyse über Arten, Manipulationen und Studiendesigns hinweg. Das Ergebnis bestätigt die Grundannahme: Tiere unter relativ besseren Bedingungen verhielten sich „optimistischer“ als Tiere unter relativ schlechteren (Lagisz et al., 2020).

Entscheidend ist aber die Größenordnung. Der Gesamteffekt lag bei einem Konfidenzintervall von 0,087 bis 0,320 — nach den üblichen Maßstäben ein kleiner Effekt.


3.2 Die Heterogenität

Der zweite zentrale Befund ist die Streuung. Die Effektstärken zwischen den Studien waren stark heterogen (Lagisz et al., 2020). Das heißt: Die Ergebnisse hängen erheblich davon ab, welche Art untersucht wurde, wie manipuliert wurde und wie der Test aufgebaut war.


3.3 Was das bedeutet

Beide Befunde zusammen ergeben eine differenzierte Lage. Der Effekt existiert — er ist über Arten hinweg konsistent in der Richtung. Er ist aber klein, und seine Größe schwankt stark je nach Umsetzung.


Für die Einordnung einzelner Studien folgt daraus eine Regel: Ein positiver Befund an einer kleinen Stichprobe ist mit Vorsicht zu behandeln, weil kleine Effekte in kleinen Stichproben nur bei günstiger Streuung überhaupt signifikant werden.


Diese Regel gilt unabhängig davon, ob einem das Ergebnis gefällt — auch für die Befunde, die für belohnungsbasiertes Training sprechen. Wer sie nur auf gegnerische Studien anwendet, betreibt keine Methodenkritik, sondern Auswahl.



4. Die Grenzen des Verfahrens

4.1 Ein aussagekräftiger Negativbefund

Selten zitiert und deshalb besonders erwähnenswert: Müller und Kollegen prüften, ob eine kurze Abwesenheit des Halters bei Familienhunden eine negative Verschiebung erzeugt. Sie fanden keine (Müller et al., 2012).


Die Autoren bieten zwei Erklärungen an, und beide sind lehrreich. Entweder erzeugt eine kurze Trennung bei daran gewöhnten Hunden tatsächlich keine Angst — dann ist der Negativbefund inhaltlich richtig. Oder das Verfahren ist zu unempfindlich, um einen moderaten, kurzfristigen Zustand zu erfassen — dann liegt eine Methodengrenze vor.



4.2 Sensitivität

Die zweite Erklärung ist für die Praxis die wichtigere. Wenn das Verfahren nur ausgeprägte oder länger andauernde Zustände erfasst, taugt es zur Erfassung chronischer Belastung — nicht aber zur Beurteilung einer einzelnen Trainingseinheit oder eines akuten Ereignisses.


Damit hat das Verfahren dieselbe Eigenschaft wie Haarcortisol: Es bildet eine längere Zeitspanne ab und ist gerade deshalb für kurzfristige Fragen ungeeignet. Wer wissen will, wie eine einzelne Trainingseinheit gewirkt hat, braucht ein anderes Maß — oder muss akzeptieren, dass die Frage so nicht beantwortbar ist.


Zur Unterscheidung akuter und chronischer Belastung: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol verstehen und richtig messen


Zur Zellalterung als noch längerfristigem Marker: Telomere beim Hund: Zellalterung, Stress und Lebenserwartung


4.3 Stichprobengrößen und Aufwand

Ein praktisches Problem begrenzt das Feld zusätzlich. Jeder Hund muss die Unterscheidung erst lernen, was Zeit kostet, und Hunde, die das Kriterium nicht erreichen, fallen aus. Entsprechend klein sind die Stichproben — im Extremfall fünf Tiere.

Hinzu kommt ein Verlernproblem: Mehrdeutige Positionen bleiben unbelohnt, weshalb wiederholtes Testen die gelernte Unterscheidung untergräbt. Verlaufsmessungen sind dadurch nur begrenzt möglich.

Beide Einschränkungen wirken in dieselbe Richtung — sie begrenzen die Stichprobengröße und die Zahl der Messzeitpunkte. Für ein Verfahren, das kleine Effekte nachweisen soll, ist das eine ungünstige Kombination, und sie erklärt einen Teil der Uneinheitlichkeit in der Literatur.

5. Die Deutungsfrage

5.1 Optimismus oder Risikobereitschaft?

Eine grundsätzliche Kritik betrifft das Konstrukt selbst. Was das Verfahren misst, ist die Bereitschaft, eine unsichere Option zu wählen. Ob dahinter eine veränderte Erwartung steht — der Hund hält Futter für unwahrscheinlicher — oder eine veränderte Risikobereitschaft — der Hund scheut den vergeblichen Weg —, ist mit dem Aufbau nicht zu trennen.

Die Begriffe „optimistisch“ und „pessimistisch“ legen die erste Deutung nahe, ohne sie zu belegen. Sie stammen aus der Humanpsychologie, wo sich Erwartungen erfragen lassen — beim Tier nicht.

Eine dritte Möglichkeit kommt hinzu: veränderte Motivation. Ein Hund, der weniger an Futter interessiert ist, geht langsamer hin, ohne dass sich Erwartung oder Risikobereitschaft geändert hätten. Gute Testaufbauten kontrollieren das über die Reaktion auf die eindeutig positive Position — aber es ist eine weitere Fehlerquelle.

5.2 Was das ändert

Praktisch weniger, als es wirkt. Beide Deutungen verweisen auf einen veränderten Zustand, und beide sind mit den Befunden vereinbar. Für die Anwendung als Wohlbefindensmaß ist das ausreichend.

Für die Sprache ist es das nicht. „Der Hund ist pessimistisch“ behauptet mehr, als gemessen wurde — nämlich eine Erwartungshaltung. Sauberer wäre: Der Hund entscheidet unter Unsicherheit zurückhaltender.

Zur Situation gleichzeitig aktivierter Annäherung und Vermeidung: Annäherung-Vermeidung-Konflikt beim Hund

5.3 Warum es trotzdem nützlich bleibt

Die Deutungsfrage entwertet das Verfahren nicht, weil es seine Aufgabe unabhängig davon erfüllt: Es liefert ein Maß, das nicht an der Interpretation eines Beobachters hängt und das sich durch unterdrücktes Verhalten deutlich schwerer verfälschen lässt. Beides leistet kein anderes verfügbares Verfahren.

Zur Verhaltensunterdrückung als Alternativerklärung: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund

6. Warum das Verfahren gebraucht wird

6.1 Das Problem der Alternativen

Die Konkurrenzverfahren haben bekannte Schwächen. Verhaltensbeobachtung ist mehrdeutig und übersieht systematisch passive Zustände. Cortisol erfasst Intensität, nicht Vorzeichen, und kann bei chronischer Belastung sinken statt steigen. Halterangaben hängen daran, ob der Halter das Verhalten als Ausdruck eines Zustands deutet.

Zur Neurochemie und ihren Messgrenzen: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen

6.2 Der Vorteil

Der Cognitive-Bias-Test hat gegenüber allen dreien einen strukturellen Vorteil: Der Hund weiß nicht, dass er getestet wird, und kann sich nicht anders verhalten, um besser dazustehen. Es gibt keine soziale Erwünschtheit und keine bewusste Anpassung.

Frei von Störgrößen ist er deshalb nicht. Futterinteresse, Motivationslage, Lerngeschichte und stabile Persönlichkeitsmerkmale wirken alle auf die gemessene Latenz ein — sie lassen sich nur durch Gruppenvergleich und Kontrollbedingungen herausmitteln, nicht durch den Aufbau selbst ausschließen.

Vor allem aber trennt er das, was in der Praxis am schwersten zu trennen ist — veränderte Bewertung von unterdrücktem Verhalten.

Diese Trennung ist der Grund, warum das Verfahren in der Tierschutzforschung so schnell an Bedeutung gewonnen hat. Sämtliche älteren Maße konnten die Frage nicht beantworten, ob ein ruhigeres Tier ein zufriedeneres Tier ist. Das Verfahren kann dazu beitragen, diese Frage einzugrenzen — nicht sicher, aber unabhängiger vom sichtbaren Verhalten.

Zur Verhaltensunterdrückung im Detail: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund

6.3 Der Preis

Der Preis ist Aufwand. Ein Test dieser Art erfordert Vortraining, standardisierte Bedingungen und eine Vergleichsgruppe. Für die klinische Einzelfallarbeit ist er damit nicht verfügbar — was den nächsten Abschnitt begründet.

7. Praktische Einordnung

7.1 Kein Einzelfallinstrument

Das Verfahren ist ein Gruppenvergleichsmaß. Es beantwortet Fragen der Form „Unterscheiden sich Hunde unter Bedingung A von Hunden unter Bedingung B?“ — nicht die Frage, wie es einem bestimmten Hund geht.

Angebote, die einen individuellen „Optimismuswert“ versprechen, überschreiten damit die Grundlage des Verfahrens.

Der Grund ist nicht bloß Vorsicht. Bei einem kleinen Effekt und hoher individueller Streuung sagt ein Einzelwert schlicht zu wenig — dieselbe Zahl kann von einem entspannten Hund mit geringem Futterinteresse und von einem belasteten Hund mit hohem Futterinteresse stammen. Erst der Vergleich vieler Tiere mittelt diese Störgrößen heraus.

7.2 Was übertragbar ist

Übertragbar sind die Befunde, nicht die Methode. Dass Hunde aus aversiv arbeitenden Schulen zurückhaltender entschieden, ist eine Aussage über Trainingsmethoden — und die lässt sich in der Beratung verwenden, ohne selbst zu testen.

Dasselbe gilt für den Befund zur Nasenarbeit und für den zum Behandlungsverlauf. In allen drei Fällen ist die Aussage eine über Bedingungen, nicht über Individuen — und genau so gehört sie in die Beratung.

Zur Evidenzlage aversiver Methoden: Aversive Methoden beim Hund

7.3 Nasenarbeit als Beispiel

Der Befund zur Nasenarbeit ist der praktisch anschlussfähigste, weil er eine Empfehlung stützt, die ohnehin gegeben wird. Angebracht bleibt Zurückhaltung im Anspruch: Gezeigt wurde eine Verschiebung im Testverhalten nach einer Intervention — nicht, dass Nasenarbeit generell glücklich macht.

Zu stabilen individuellen Unterschieden, die solche Effekte überlagern: Temperament und Coping-Stile beim Hund

8. Zusammenfassung im Überblick

Der Cognitive-Bias-Test misst nicht den Zustand eines Tieres, sondern wie es unter Unsicherheit entscheidet. Aus dieser Entscheidung wird auf den Zustand geschlossen — ein indirekter, aber vergleichsweise robuster Zugang.

Beim Hund liegen vier Anwendungslinien vor: trennungsbezogenes Verhalten, Trainingsmethoden, Behandlungsverlauf und positive Beschäftigung. Die Befunde gehen in die erwartete Richtung, die Stichproben sind teilweise sehr klein — in einer Behandlungsstudie fünf Hunde.

Die umfassendste Metaanalyse bestätigt den Effekt über Arten hinweg, beziffert ihn aber als klein und stark heterogen. Ein selten zitierter Negativbefund zeigt zudem, dass kurze, moderate Belastungen möglicherweise unterhalb der Nachweisgrenze liegen.

Offen bleibt eine Deutungsfrage: Ob die Zurückhaltung eine veränderte Erwartung oder eine veränderte Risikobereitschaft abbildet, ist mit dem Aufbau nicht zu trennen.

9. Forschungslücken und Kontroversen

9.1 Standardisierung

Die Testaufbauten unterscheiden sich zwischen Arbeitsgruppen erheblich — räumlich oder akustisch, Go/No-Go oder aktive Wahl, unterschiedliche Zwischenpositionen. Das dürfte einen Teil der Heterogenität in der Metaanalyse erklären und erschwert die Zusammenführung von Befunden.

9.2 Die Erwartungs-Risiko-Frage

Ob sich die beiden Deutungen experimentell trennen lassen, ist offen. Sinnvoll wären Aufbauten, die Erwartung und Kosten der Fehlentscheidung unabhängig variieren. Solange das nicht geschehen ist, bleibt die Bezeichnung des Konstrukts eine Setzung — mit dem Nebeneffekt, dass die gewählten Begriffe die Deutung mitprägen.

9.3 Wiederholte Messung

Weil mehrdeutige Positionen unbelohnt bleiben, untergräbt jeder Test die gelernte Unterscheidung. Verfahren, die wiederholte Messung ohne diesen Effekt erlauben, wären der wichtigste methodische Fortschritt — sie würden Verlaufsbeobachtung überhaupt erst ermöglichen.

Zur Anpassungsfähigkeit erlernten Verhaltens: Verhaltensflexibilität beim Hund

10. Fazit

Der Cognitive-Bias-Test ist das beste verfügbare Verfahren für eine Frage, die anders nicht zu beantworten ist — und es ist schwächer, als seine Popularität vermuten lässt.

Beide Aussagen gehören zusammen. Wer nur die erste kennt, überschätzt einzelne Befunde und leitet aus fünf Hunden allgemeine Schlüsse ab. Wer nur die zweite kennt, verwirft ein Verfahren, das als einziges den Unterschied zwischen veränderter Bewertung und unterdrücktem Verhalten sichtbar macht.

Für die Praxis bleibt der Befund zu den Trainingsmethoden der belastbarste Ertrag. Er ist deshalb überzeugend, weil er nicht auf Beobachtung beruht — und damit dem Einwand entgeht, man sehe eben, was man sehen wolle.

Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Cognitive Bias beim Hund

Gemessen wird eine Entscheidung, nicht ein Zustand. Der Test erfasst, wie schnell und wie häufig ein Tier auf eine mehrdeutige Position zugeht. Der Schluss auf den inneren Zustand ist eine Interpretation — allerdings eine, die sich durch unterdrücktes Verhalten deutlich schwerer verfälschen lässt als eine Verhaltensbeobachtung.

Der Effekt ist real, aber klein. Die umfassendste Metaanalyse bestätigt über Arten hinweg, dass Tiere unter besseren Bedingungen „optimistischer“ entscheiden — mit einem Konfidenzintervall von 0,087 bis 0,320 und starker Heterogenität zwischen Studien (Lagisz et al., 2020).

Ein Negativbefund zeigt die Nachweisgrenze. Eine kurze Abwesenheit des Halters erzeugte bei Familienhunden keine messbare Verschiebung (Müller et al., 2012). Entweder war keine Angst vorhanden — oder das Verfahren ist für moderate, kurzfristige Zustände zu unempfindlich.

Die Stichproben sind teilweise sehr klein. In der Behandlungsstudie zu trennungsbezogenen Problemen waren es fünf behandelte Hunde und sieben Kontrollen (Karagiannis, Burman & Mills, 2015). Bei kleinen Effekten ist das als Machbarkeitsnachweis zu lesen, nicht als Wirksamkeitsbeleg.

„Pessimistisch“ behauptet mehr als gemessen wurde. Ob eine veränderte Erwartung oder eine veränderte Risikobereitschaft vorliegt, trennt der Aufbau nicht. Sauberer ist die Beschreibung: Der Hund entscheidet unter Unsicherheit zurückhaltender.

Quellen

Duranton, C., & Horowitz, A. (2019). Let me sniff! Nosework induces positive judgment bias in pet dogs. Applied Animal Behaviour Science, 211, 61–66.


Karagiannis, C. I., Burman, O. H. P., & Mills, D. S. (2015). Dogs with separation-related problems show a "less pessimistic" cognitive bias during treatment with fluoxetine (Reconcile™) and a behaviour modification plan. BMC Veterinary Research, 11, 80. https://doi.org/10.1186/s12917-015-0373-1


Lagisz, M., Zidar, J., Nakagawa, S., Neville, V., Sorato, E., Paul, E. S., Bateson, M., Mendl, M., & Løvlie, H. (2020). Optimism, pessimism and judgement bias in animals: A systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 118, 3–17. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2020.07.012


Mendl, M., Brooks, J., Basse, C., Burman, O., Paul, E., Blackwell, E., & Casey, R. (2010a). Dogs showing separation-related behaviour exhibit a "pessimistic" cognitive bias. Current Biology, 20(19), R839–R840. https://doi.org/10.1016/j.cub.2010.08.030


Mendl, M., Burman, O. H. P., & Paul, E. S. (2010b). An integrative and functional framework for the study of animal emotion and mood. Proceedings of the Royal Society B, 277(1696), 2895–2904. https://doi.org/10.1098/rspb.2010.0303


Müller, C. A., Riemer, S., Rosam, C. M., Schößwender, J., Range, F., & Huber, L. (2012). Brief owner absence does not induce negative judgement bias in pet dogs. Animal Cognition, 15(5), 1031–1035. https://doi.org/10.1007/s10071-012-0526-6


Vieira de Castro, A. C., Fuchs, D., Morello, G. M., Pastur, S., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLoS ONE, 15(12), e0225023. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225023


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