Aversive Methoden beim Hund: Wirksamkeit, Studienlage und offene Kritik
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

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Aktualisiert: vor 24 Stunden
Die Frage, ob aversive Methoden wirken, wird von beiden Seiten falsch gestellt. Die eine Seite behauptet, sie funktionierten nicht — was der Alltagserfahrung widerspricht und deshalb überzeugt niemanden. Die andere behauptet, sie seien in schwierigen Fällen unverzichtbar — was eine empirisch prüfbare Aussage ist und geprüft wurde.
Die belastbarste Prüfung stammt aus Lincoln: 63 Hunde mit bekannten Problemen im Freilauf, insbesondere schlechtem Rückruf, wurden auf drei Trainingsgruppen verteilt und über fünf Tage trainiert. Das Ergebnis der Autoren lautet, es gebe keinen Hinweis darauf, dass Training mit elektronischen Reizgeräten notwendig sei — selbst für die am häufigsten genannte Indikation (China, Mills & Cooper, 2020).
Zu dieser Arbeit erschien allerdings ein Fachkommentar mit erheblicher Methodenkritik. Dieser Artikel behandelt beides: die Studienlage zur Wirksamkeit und die Gegenrede — weil eine einseitige Darstellung an dieser Stelle nicht tragfähig wäre.
Zu den Nebenwirkungen aversiver Einwirkung: Fallout von Strafe beim Hund

1. Was „aversiv“ umfasst
1.1 Die Bandbreite
Der Begriff deckt ein weites Feld ab: vom Leinenruck über Stimmeinsatz, Wurfketten und Sprühhalsbänder bis zu elektronischen Reizgeräten. Diese Verfahren unterscheiden sich in Intensität um Größenordnungen, werden in der Debatte aber häufig zusammengefasst.
Die Zusammenfassung ist teils berechtigt — der Wirkmechanismus ist derselbe — und teils irreführend, weil die Befundlage praktisch ausschließlich am oberen Ende erhoben wurde.
Für die Praxis in Deutschland ist das der eigentlich relevante Punkt. Elektronische Reizgeräte sind hier ohnehin nicht zulässig; entschieden wird täglich über den unteren und mittleren Bereich — und genau dort gibt es kaum Daten.
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1.2 Positive Strafe und negative Verstärkung
Lerntheoretisch sind zwei Verfahren zu trennen. Positive Strafe fügt nach einem Verhalten etwas Unangenehmes hinzu und senkt dessen Auftreten. Negative Verstärkung beendet etwas Unangenehmes, sobald das gewünschte Verhalten erscheint.
Die zweite wird selten als aversiv erkannt, arbeitet aber mit demselben Reiz. Bemerkenswert ist, dass genau dieses Verfahren in den untersuchten Trainingsprotokollen zum Einsatz kam: Der Reiz endete, sobald der Hund die geforderte Handlung zeigte, gefolgt von verbalem Lob.
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1.3 Warum die Einordnung strittig ist
Ein Teil der Auseinandersetzung entsteht daraus, dass Anwender ihr Vorgehen anders einordnen als Kritiker. Wer ein Reizgerät auf niedriger Stufe einsetzt und dabei bleibt, beschreibt es als Kommunikationshilfe, nicht als Strafe. Ob diese Beschreibung zutrifft, ist keine Meinungsfrage — sie hängt daran, ob der Reiz Verhalten senkt oder beendet wird, um Verhalten zu erhöhen. Beides macht ihn aversiv.
2. Die Studienlage im Überblick
2.1 Die Übersichtsarbeit
Ziv sichtete 17 Untersuchungen zu den Wirkungen verschiedener Trainingsmethoden auf Physiologie, Wohlbefinden und Verhalten. Zwei Schlüsse: Aversive Methoden können körperliche und psychische Gesundheit gefährden. Und positive Strafe kann wirksam sein, es gibt aber keinen Beleg für eine Überlegenheit gegenüber belohnungsbasiertem Vorgehen — einiges spricht für das Gegenteil (Ziv, 2017).
Ziv benennt die methodischen Schwächen der eingeschlossenen Arbeiten ausdrücklich und formuliert entsprechend zurückhaltend: Trotz dieser Bedenken habe es den Anschein, dass aversive Methoden unerwünschte unbeabsichtigte Folgen haben und das Wohlbefinden gefährden.
Diese Vorsicht wird in der Weitergabe regelmäßig getilgt. Die Übersicht wird dann als Beweis zitiert, den sie ausdrücklich nicht beansprucht — was der Gegenseite ein leichtes Ziel liefert.
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2.2 Studientypen und ihre Aussagekraft
Die Befunde verteilen sich auf drei Typen mit sehr unterschiedlicher Aussagekraft. Befragungen erfassen große Zahlen, hängen aber von der Selbsteinschätzung der Halter ab und können Ursache und Wirkung nicht trennen. Beobachtungsstudien vergleichen bestehende Gruppen — mit dem Problem, dass sich diese auch anders unterscheiden könnten. Interventionsstudien weisen Trainingsverfahren zu und sind die einzigen, die Wirksamkeit direkt vergleichen.
Von der letzten Kategorie existieren beim Hund sehr wenige. Genau darauf kommt es an.
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2.3 Die Wirksamkeitsfrage
Für die Praxis ist nicht entscheidend, ob ein Verfahren wirkt, sondern ob es besser wirkt als die Alternative. Ein Verfahren mit Nebenwirkungen wäre nur zu rechtfertigen, wenn es etwas leistet, was das nebenwirkungsärmere nicht leistet.
3. Die Interventionsstudien
3.1 Der erste Vergleich
Cooper und Kollegen untersuchten Wohlbefinden und Wirksamkeit von Training mit elektronischen Reizgeräten im Vergleich zu belohnungsbasiertem Training (Cooper, Cracknell, Hardiman, Wright & Mills, 2014). Die Arbeit entstand im Rahmen eines Auftragsprojekts der britischen Regierung, was für die Unabhängigkeit spricht — der Auftraggeber war nicht die Herstellerseite.
Diese Herkunft ist für die Bewertung nicht nebensächlich. In einem Feld, in dem Hersteller und Interessenverbände auf beiden Seiten Studien finanzieren, ist die Finanzierungsquelle eine der ersten Fragen. Sie ist zugleich der Grund, warum diese Arbeiten trotz ihrer Schwächen den Kern der Debatte bilden.
3.2 Der Wirksamkeitsvergleich
Die Nachfolgearbeit beantwortete die verbliebene Frage. 63 Hunde mit bekannten Problemen im Freilauf wurden drei Gruppen zu je 21 zugewiesen und erhielten über fünf Tage bis zu 150 Minuten Training zu Rückruf und allgemeinem Gehorsam (China, Mills & Cooper, 2020).
Die Gruppen waren so gewählt, dass der naheliegendste Einwand vorweggenommen wurde: E-Collar — vom Hersteller benannte Trainer mit elektronischen Reizen; Kontrolle 1 — dieselben Trainer nach ihrem Vorgehen ohne elektronische Reize; Kontrolle 2 — unabhängige Trainer mit Schwerpunkt auf positiver Verstärkung.
Die zweite Gruppe ist der methodisch interessante Teil. Sie trennt die Wirkung des Geräts von der Kompetenz des Trainers — ein Einwand, der sonst jede solche Untersuchung entwerten würde.
3.3 Das Ergebnis
Training mit positiver Verstärkung erwies sich sowohl beim Zielverhalten als auch beim allgemeinen Gehorsam als wirksamer. Der Schluss der Autoren: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Training mit elektronischen Reizgeräten notwendig ist — auch nicht für die am häufigsten genannte Indikation (China, Mills & Cooper, 2020).
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4. Die Gegenrede
4.1 Die methodische Kritik
Zu dieser Arbeit erschien ein Kommentar in derselben Zeitschrift, der mehrere Einwände erhebt (Sargisson & McLean, 2021). Die Gruppe mit positiver Verstärkung wurde zu anderer Zeit, an anderem Ort und von anderen Trainern trainiert als die beiden übrigen. Die Zuweisung war nur teilweise zufällig: Zwei Halter wollten ihre Hunde keinen Stromreizen aussetzen, weshalb zwei Hunde zwischen Gruppen getauscht wurden. Und eine Prüfung der Auswerterübereinstimmung, wie sie in der Vorgängerarbeit erfolgt war, unterblieb.
Zwei weitere Punkte kommen hinzu: Es fehlte eine Ausgangserhebung des Verhaltens vor Trainingsbeginn, was die Beurteilung des Trainingserfolgs erschwert. Und die Hunde zeigten sich bereits in den ersten Einheiten weitgehend gehorsam, obwohl das Einschlusskriterium Verhaltensprobleme waren.
Der Kommentar hält zudem fest, dass die Schlussfolgerungen über die Ergebnisse hinausgingen — und weist darauf hin, dass die Arbeit zur Begründung pauschaler Verbote herangezogen werden könnte, obwohl sie den Einsatz gegen Beutefangverhalten und Aggression gar nicht geprüft hat.
4.2 Was die Kritik trifft
Diese Einwände sind ernst zu nehmen. Wenn eine Vergleichsgruppe von anderen Personen an anderem Ort trainiert wird, lässt sich der Effekt des Verfahrens nicht sauber vom Effekt der Trainer trennen. Das schwächt genau den Vergleich, auf den es ankommt — und es ist bemerkenswert, dass die Autoren diese Trennung bei den ersten beiden Gruppen sorgfältig hergestellt hatten.
Der Kommentar weist außerdem auf einen weiteren Punkt hin: Die Mindestreizstärke wurde für jeden Hund individuell festgelegt, was für milde Reize spricht. Wenn die Auswerter tatsächlich blind waren und die Reizabgabe an den Reaktionen nicht erkennbar war, spricht das gegen die Annahme erheblichen Leidens in dieser Untersuchung.
4.3 Was sie nicht trifft
Zwei Dinge bleiben stehen. Erstens der Vergleich zwischen den ersten beiden Gruppen — dieselben Trainer, mit und ohne Gerät. Dieser Teil ist von der Kritik nicht betroffen und ist der aussagekräftigere.
Zweitens die Beweislastfrage. Auch wenn die Untersuchung die Überlegenheit belohnungsbasierten Trainings nicht zweifelsfrei zeigt, zeigt sie nicht das Gegenteil. Wer ein Verfahren mit dokumentierten Nebenwirkungen einsetzen will, müsste dessen Notwendigkeit belegen — und dieser Beleg fehlt weiterhin.
Zu den dokumentierten Nebenwirkungen: Fallout von Strafe beim Hund
4.4 Die Antwort der Autoren
Der Disput blieb nicht einseitig. Die Lincoln-Gruppe antwortete in derselben Zeitschrift auf den Kommentar (Cooper, Mills & China, 2021). Damit liegt ein vollständiger, öffentlich nachvollziehbarer Fachaustausch vor — Originalarbeit, Kritik, Erwiderung.
Für die Einordnung ist das wertvoller als jede der drei Einzelarbeiten. Wer nur die Originalstudie zitiert, unterschlägt die Kritik; wer nur die Kritik zitiert, unterschlägt die Erwiderung. Beides kommt in der Debatte vor, je nach Interessenlage.
5. Der Sonderfall Aversionskonditionierung
5.1 Was gemeint ist
Der Kommentar bringt einen Anwendungsfall ins Spiel, der von den Untersuchungen nicht abgedeckt ist: die einmalige Aversionskonditionierung gegen ein bestimmtes Zielobjekt. Das bekannteste Beispiel stammt aus Neuseeland, wo Jagdhunde davon abgehalten werden sollen, Kiwis zu töten — ein intensiver Reiz wird ein- bis zweimal mit einem präparierten Kiwi gepaart.
5.2 Warum das anders liegt
Dieses Verfahren unterscheidet sich in mehreren Punkten grundlegend vom Trainingseinsatz. Es zielt nicht auf Gehorsam, sondern auf Vermeidung eines einzelnen Reizes. Es wird ein- oder zweimal angewendet, nicht wiederholt. Und es steht einer konkreten, tödlichen Alternative gegenüber — für den bedrohten Vogel wie für den Hund, der andernfalls getötet werden könnte.
Ob die berichtete Wirkungsdauer von bis zu drei Jahren belastbar ist, lässt sich hier nicht beurteilen. Aber die Struktur des Falls ist eine andere.
Bemerkenswert ist, wie die Kritiker selbst argumentieren: Sie räumen ein, dass der Einsatz intensiver Stromreize ethisch bedenklich ist, halten ihn aber für vertretbar, wenn ein Hund andernfalls wegen seines Verhaltens eingeschläfert würde. Das ist eine Abwägung gegen eine konkrete Alternative — nicht die Behauptung, das Verfahren sei unbedenklich.
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5.3 Die Übertragungsgrenze
Genau deshalb taugt dieser Fall nicht als Argument für den Trainingseinsatz. Wer aus der Kiwi-Aversion ableitet, elektronische Reizgeräte seien im Rückruftraining gerechtfertigt, überträgt von einem einmaligen Notfalleingriff auf eine wiederholte Alltagsanwendung.
Umgekehrt gilt dasselbe: Wer aus den Trainingsstudien ein pauschales Urteil über jeden denkbaren Einsatz ableitet, überträgt ebenfalls. Der Kommentar weist zu Recht darauf hin, dass die Untersuchung diesen Anwendungsfall nicht geprüft hat.
6. Was aus der Gesamtlage folgt
6.1 Wirksamkeit ist nicht das Argument
Die Beweislage lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Aversive Verfahren wirken — was nicht heißt, dass sie für jedes Ziel geeignet oder einer Alternative überlegen sind. Genau dafür gibt es keinen belastbaren Beleg. Damit verschiebt sich die Debatte weg von der Wirksamkeit und hin zum Preis.
Diese Verschiebung ist auch rhetorisch bedeutsam. Wer die Wirksamkeit bestreitet, wird von jedem widerlegt, der ein Gegenbeispiel erlebt hat. Wer sie einräumt und nach dem Preis fragt, steht auf festerem Boden — und zwingt die Gegenseite zu einer Aussage über Notwendigkeit, die sie belegen müsste.
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6.2 Der Vergleichsmaßstab
Ein häufiger Einwand lautet, in der Praxis werde nicht gegen ideales belohnungsbasiertes Training verglichen, sondern gegen das, was Halter tatsächlich hinbekommen. Das ist ein berechtigter Punkt — und einer, den die Lincoln-Untersuchung teilweise abfängt, weil dort professionelle Trainer beider Richtungen arbeiteten.
Er verweist aber auf die eigentliche Variable: die Kompetenz des Anwenders.
Hinzu kommt eine Asymmetrie im Risiko. Belohnungsbasiertes Training, schlecht ausgeführt, führt zu langsamem Fortschritt. Aversives Training, schlecht ausgeführt, führt zu den Nebenwirkungen aus dem Fallout-Artikel. Die Fehlertoleranz der beiden Verfahren ist unterschiedlich — und das ist für Halterempfehlungen relevanter als der Vergleich unter Idealbedingungen.
Zur Verhaltensunterdrückung als Extremfall: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund
6.3 Kompetenz als Variable
Ziv hebt diesen Punkt hervor: Wenn aversive oder eingreifende Verfahren gewählt werden, ist die Kompetenz der Anwender entscheidend, damit Timing und Konsequenz überhaupt stimmen. Genau daran hängt der praktische Einwand — denn dieselbe Kompetenz, die aversives Vorgehen tolerabel machen würde, macht es zugleich verzichtbar.
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7. Rechtslage und Praxis
7.1 Regulierung
In Deutschland sind elektronische Reizgeräte im Hundetraining durch das Tierschutzrecht untersagt. Andere Länder handhaben das unterschiedlich — in Teilen Großbritanniens bestehen Verbote, in anderen Ländern ist der Einsatz erlaubt. Diese Ungleichheit ist der Grund, warum die vorliegenden Interventionsstudien aus Großbritannien stammen und nicht aus Deutschland.
7.2 Warum Verbote die Forschung erschweren
Daraus entsteht eine paradoxe Lage. Dort, wo der Einsatz verboten ist, lässt sich seine Wirkung nicht untersuchen. Dort, wo er erlaubt ist, entstehen die Studien — und werden anschließend zur Begründung von Verboten herangezogen, was die Kommentatoren ausdrücklich ansprechen.
Für die Bewertung bedeutet das: Die Datenlage wird sich kaum wesentlich verbessern. Wer auf die entscheidende Studie wartet, wartet vermutlich vergeblich.
7.3 Praktische Konsequenz
Für die Arbeit in Deutschland ist die Frage rechtlich entschieden und damit praktisch nachrangig. Relevant bleibt sie für zwei Situationen: für Halter, die im Internet auf Empfehlungen aus anderen Rechtsräumen stoßen, und für die Einordnung milderer aversiver Verfahren, die nicht reguliert sind.
Der erste Fall ist häufiger, als er wirken mag. Ein erheblicher Teil der deutschsprachigen Inhalte zu Rückruftraining verlinkt oder übersetzt Material aus Rechtsräumen, in denen der Geräteeinsatz erlaubt ist. Wer die Herkunft einer Empfehlung nicht prüft, übernimmt möglicherweise ein Vorgehen, das hier gar nicht zulässig wäre.
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8. Zusammenfassung im Überblick
Aversive Verfahren wirken. Das bedeutet nicht, dass sie für jedes Ziel geeignet oder einer Alternative überlegen sind — die entscheidende Frage ist genau das, und dafür gibt es keinen belastbaren Beleg.
Die aussagekräftigsten Daten stammen aus zwei britischen Interventionsstudien. In der zweiten wurden 63 Hunde mit Rückrufproblemen auf drei Gruppen verteilt: elektronische Reize, dieselben Trainer ohne Reize, und unabhängige Trainer mit Schwerpunkt positive Verstärkung. Belohnungsbasiertes Training war beim Zielverhalten und beim allgemeinen Gehorsam wirksamer.
Zu dieser Arbeit erschien ein Fachkommentar mit ernstzunehmender Methodenkritik: Die Vergleichsgruppe wurde zu anderer Zeit, an anderem Ort und von anderen Trainern trainiert, die Zuweisung war nur teilweise zufällig, und eine Prüfung der Auswerterübereinstimmung fehlte. Unberührt davon bleibt der Vergleich zwischen den beiden Gruppen mit denselben Trainern.
Ein Sonderfall bleibt außerhalb dieser Befundlage: die einmalige Aversionskonditionierung gegen ein einzelnes Zielobjekt. Sie ist strukturell etwas anderes als wiederholter Trainingseinsatz — in beide Richtungen nicht übertragbar.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Wenige Interventionsstudien
Die gesamte Wirksamkeitsdebatte stützt sich auf eine sehr kleine Zahl von Interventionsstudien, im Wesentlichen aus einer Arbeitsgruppe. Unabhängige Replikation fehlt — und wird durch die Regulierungslage zusätzlich erschwert.
9.2 Der mittlere Intensitätsbereich
Untersucht wurde nahezu ausschließlich das obere Ende der Skala. Für Leinenruck, Stimmeinsatz und ähnliche Alltagsverfahren fehlen vergleichbare Daten, obwohl dort die meisten Entscheidungen fallen.
Diese Lücke ist keine Nachlässigkeit. Interventionsstudien in diesem Bereich wären schwer zu standardisieren — ein Leinenruck lässt sich nicht in Milliampere angeben —, und die zu erwartenden Effekte wären klein. Wahrscheinlich bleibt es hier dauerhaft bei theoretischer Ableitung.
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9.3 Langfristige Wirksamkeit
Die vorliegenden Untersuchungen erfassen Trainingszeiträume von Tagen. Ob sich die Unterschiede über Monate halten, ob Rückfälle unterschiedlich häufig auftreten und wie sich die Verfahren bei den schwierigsten Fällen verhalten, ist nicht untersucht.
Gerade der letzte Punkt trifft den Kern des Streits. Das übliche Argument für aversive Verfahren betrifft nicht den durchschnittlichen Hund, sondern den Ausnahmefall — und genau dort ist die Datenlage am dünnsten, weil solche Hunde in Studien selten vorkommen.
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10. Fazit
Wer eine eindeutige Beweislage erwartet, wird enttäuscht. Die beste verfügbare Untersuchung spricht klar gegen die Notwendigkeit elektronischer Reizgeräte und hat zugleich methodische Schwächen, die ein Fachkommentar zu Recht benennt.
Entscheidend ist deshalb, wo die Beweislast liegt. Ein Verfahren mit dokumentierten Nebenwirkungen bräuchte einen Nachweis seiner Notwendigkeit, um gerechtfertigt zu sein. Dieser Nachweis existiert nicht — und die Kritik an den vorliegenden Studien ändert daran nichts, weil sie zeigt, dass die Frage unzureichend geklärt ist, nicht dass sie anders zu beantworten wäre.
Für die Praxis in Deutschland ist die Frage bei elektronischen Reizgeräten rechtlich entschieden. Interessanter ist der ungeregelte mittlere Bereich — und dort ist die Datenlage am dünnsten. Wer dort Entscheidungen trifft, trifft sie ohne Studien, und sollte das auch so sagen.
Das ist zugleich die ehrlichste Antwort auf die Frage, warum die Fachwelt so einhellig abrät, obwohl die Studienlage dünner ist als oft dargestellt. Nicht weil die Beweise erdrückend wären, sondern weil die Beweislast auf der Seite liegt, die ein Verfahren mit dokumentierten Nebenwirkungen einsetzen will — und weil ein nebenwirkungsärmeres Verfahren zur Verfügung steht, das nachweislich funktioniert.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Aversive Methoden beim Hund
Die Wirksamkeitsfrage ist die falsche. Aversive Verfahren wirken. Das bedeutet nicht, dass sie für jedes Ziel geeignet oder einer Alternative überlegen sind. Entscheidend ist genau das — und dafür gibt es keinen belastbaren Beleg (Ziv, 2017).
Die aussagekräftigste Untersuchung spricht dagegen. Bei 63 Hunden mit Rückrufproblemen in drei Gruppen zu je 21 war belohnungsbasiertes Training beim Zielverhalten und beim allgemeinen Gehorsam wirksamer (China, Mills & Cooper, 2020).
Diese Untersuchung hat dokumentierte Schwächen. Ein Fachkommentar kritisiert, dass die Vergleichsgruppe zu anderer Zeit, an anderem Ort und von anderen Trainern trainiert wurde, dass die Zuweisung nur teilweise zufällig war und dass eine Prüfung der Auswerterübereinstimmung fehlte (Sargisson & McLean, 2021).
Der stärkste Teil bleibt unberührt. Die ersten beiden Gruppen wurden von denselben Trainern betreut — einmal mit, einmal ohne Gerät. Dieser Vergleich trennt die Wirkung des Verfahrens von der Kompetenz des Anwenders und ist von der Kritik nicht betroffen.
Kompetenz löst das Problem nicht. Aversive Verfahren erfordern präzises Timing und Konsequenz, um überhaupt zu wirken. Dieselbe Kompetenz, die sie tolerabel machen würde, macht sie zugleich verzichtbar.
Quellen
China, L., Mills, D. S., & Cooper, J. J. (2020). Efficacy of dog training with and without remote electronic collars vs. a focus on positive reinforcement. Frontiers in Veterinary Science, 7, 508. https://doi.org/10.3389/fvets.2020.00508
Cooper, J. J., Cracknell, N., Hardiman, J., Wright, H., & Mills, D. (2014). The welfare consequences and efficacy of training pet dogs with remote electronic training collars in comparison to reward based training. PLoS ONE, 9(9), e102722. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0102722
Cooper, J. J., Mills, D. S., & China, L. (2021). Response: Commentary: Remote electronic training aids; efficacy at deterring predatory behavior in dogs and implications for training and policy. Frontiers in Veterinary Science, 8, 675005. https://doi.org/10.3389/fvets.2021.675005
Sargisson, R. J., & McLean, I. G. (2021). Commentary: Efficacy of dog training with and without remote electronic collars vs. a focus on positive reinforcement. Frontiers in Veterinary Science, 8, 629746. https://doi.org/10.3389/fvets.2021.629746
Vieira de Castro, A. C., Fuchs, D., Morello, G. M., Pastur, S., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLoS ONE, 15(12), e0225023. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225023
Ziv, G. (2017). The effects of using aversive training methods in dogs—A review. Journal of Veterinary Behavior, 19, 50–60. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2017.02.004

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