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Hunderatgeber · Verhaltensbiologie beim Hund

Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit beim Hund: Warum dieselbe Belastung unterschiedlich wirkt

Nicht die Stärke eines Reizes entscheidet über die Belastung, sondern ob der Hund den Verlauf beeinflussen kann. Und ob er die Möglichkeit nutzt, ist dabei zweitrangig.

Michael Sauerwein

Kurz zusammengefasst

Über die Belastung durch ein Ereignis entscheidet nicht seine Stärke, sondern zwei andere Größen: ob der Hund den Verlauf beeinflussen kann und ob er ihn vorhersehen kann. Beide lassen sich im Alltag gestalten, die Reizstärke meist nicht.

Der überraschendste Einzelbefund: Es kommt nicht darauf an, ob der Hund die Handlungsmöglichkeit nutzt. Allein dass sie besteht, verändert die Wirkung. Ein Hund, der ausweichen könnte und stehen bleibt, verarbeitet die Situation anders als einer, der nicht ausweichen kann.

Und die Theorie dahinter wurde von ihren eigenen Urhebern umgedreht. Fünfzig Jahre nach den Gründungsarbeiten legten dieselben Autoren eine Neufassung vor: Bei anhaltend unkontrollierbaren unangenehmen Ereignissen ist Passivität nicht das Ergebnis eines Lernvorgangs, sondern die typische Ausgangsreaktion. Gelernt wird das Gegenteil – dass eigenes Verhalten wirkt –, und diese Erfahrung verändert die Reaktion. Für die Praxis heißt das, Kontrolle aufzubauen statt Hilflosigkeit abzubauen.

Das ist ausdrücklich keine Aussage darüber, dass Hunde grundsätzlich passiv wären. Es betrifft eine bestimmte Lage: anhaltende Belastung ohne Einfluss auf den Verlauf.

Zwei Hunde erleben denselben Reiz in derselben Intensität. Der eine kann ausweichen, der andere nicht. Der eine bekommt ein Signal, bevor es losgeht, der andere wird überrascht. Physikalisch ist die Belastung identisch – in der Wirkung ist sie es nicht.

Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit gehören zu den wichtigsten Größen dafür, wie stark ein Ereignis belastet. Sie sind nicht die einzigen – Intensität, Dauer, Vorerfahrung, Veranlagung und der aktuelle Zustand wirken ebenfalls mit. Sie sind aber diejenigen, die sich im Alltag am ehesten gezielt gestalten lassen, und sie wiegen oft schwerer als die Reizstärke selbst.

Ein wichtiger Ausgangspunkt dieser Forschung waren ausgerechnet Versuche mit Hunden – unter Bedingungen, die heute nicht mehr durchführbar wären. Die heutige Theorie stützt sich allerdings auf Arbeiten an mehreren Arten; die Aufklärung der Mechanismen fand nicht am Hund statt. Bemerkenswerter ist, was ein halbes Jahrhundert später daraus wurde: Die beiden Begründer der Theorie veröffentlichten 2016 eine Neufassung, die das ursprüngliche Modell umkehrt. Ihr eigener Satz dazu lautet, die ursprüngliche Theorie habe es genau verkehrt herum gehabt (Maier & Seligman, 2016).

Dieser Artikel behandelt beide Größen getrennt, die historische Wurzel, die Umkehrung von 2016 und die Frage, was sich daraus für die tägliche Arbeit ableiten lässt.

Zum Extremfall der Kontrolllosigkeit: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund

Hund erhält in einer Alltagssituation Wahlmöglichkeiten und kann selbst entscheiden, welchen Weg er einschlägt, während sein Mensch ihn begleitet.

1. Zwei verschiedene Größen

1.1 Vorhersehbarkeit

Vorhersehbarkeit bezeichnet, ob ein Tier weiß, wann etwas geschieht. Ein Ereignis ist vorhersehbar, wenn ihm ein verlässliches Signal vorausgeht oder wenn es zu festen Zeiten stattfindet.

Der Nutzen liegt nicht nur in der Vorbereitung. Ebenso wichtig ist die Kehrseite: Wenn ein Signal zuverlässig ankündigt, dass etwas passiert, dann bedeutet das Ausbleiben des Signals, dass gerade nichts passiert. Vorhersehbarkeit schafft damit Sicherheitszeiten.

1.2 Kontrollierbarkeit

Kontrollierbarkeit bezeichnet, ob das eigene Verhalten den Verlauf beeinflusst – ob ein Tier ausweichen, beenden oder abwenden kann.

Entscheidend ist dabei ein Punkt, der regelmäßig übersehen wird: Es kommt nicht darauf an, ob die Möglichkeit genutzt wird. Allein ihr Bestehen verändert die Wirkung der Situation.

Das klingt zunächst unplausibel und ist doch der belastbarste Einzelbefund des Themas. Ein Tier, das ausweichen könnte und stehen bleibt, verhält sich äußerlich wie eines, das nicht ausweichen kann – die physiologischen Folgen unterscheiden sich dennoch. Was zählt, ist offenbar die Verfügbarkeit der Handlungsalternative, nicht ihr Vollzug.

Zur Trennung von Verhalten und innerem Zustand: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund

1.3 Wahl und Handlungswirksamkeit sind noch einmal etwas anderes

Neben den beiden Größen kursieren zwei weitere Begriffe, die gern gleichgesetzt werden. Eine Wahl ist eine Auswahl zwischen Alternativen, die jemand anderes bereitgestellt hat. Handlungswirksamkeit meint, dass das Verhalten des Tieres den Ausgang tatsächlich verändert.

Eine Übersichtsarbeit zur Tierhaltung hat die Begriffe ausdrücklich auseinandersortiert, weil die Vermischung die Forschung behindert (Englund & Cronin, 2023). Für die Praxis heißt das: Zwei Näpfe zur Auswahl sind eine Wahl. Ein Hund, der die Nagelpflege beenden kann, hat Kontrolle. Das eine ersetzt das andere nicht.

1.4 Warum sie verwechselt werden

Beide Größen hängen im Alltag zusammen: Wer eine Situation beenden kann, kann meist auch vorhersehen, wann sie endet. Genau diese Verschränkung ist ein bekanntes methodisches Problem – Bassett und Buchanan-Smith halten in ihrer Übersicht fest, dass viele Untersuchungen zu diesem Thema Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit vermengt haben (Bassett & Buchanan-Smith, 2007).

Für die Einordnung älterer Befunde heißt das: Wo von „Kontrolle“ die Rede ist, war häufig auch Vorhersehbarkeit im Spiel – und umgekehrt.

Der Grund ist bauartbedingt. Wer einen Reiz durch eigenes Verhalten beenden kann, erfährt damit zugleich, wann er endet. Eine saubere Trennung erfordert Anordnungen, in denen ein Tier zwar vorhersagen, aber nicht eingreifen kann – oder umgekehrt. Solche Aufbauten sind aufwendig und entsprechend selten.

Zur methodischen Grundfrage: Hundeverhalten messbar machen

2. Die historische Wurzel

2.1 Der Zufallsbefund

Anfang der 1960er Jahre wollte eine Arbeitsgruppe an der University of Pennsylvania untersuchen, wie sich vorherige Furchtkonditionierung auf späteres Lernen auswirkt. Hunde erhielten in einer Halterung 64 milde bis mittelstarke Stromreize an den Hinterpfoten, jeweils angekündigt durch einen Ton.

Einen Tag später wurden sie in eine Zweikammerbox gesetzt, in der sie dem Reiz durch Springen über eine niedrige Barriere entkommen konnten. Die erwartete Prüfung ließ sich nicht durchführen – viele Hunde unternahmen gar keinen Fluchtversuch (Overmier & Seligman, 1967; Seligman & Maier, 1967).

2.2 Der Aufbau, der das Thema erst messbar machte

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Versuchsanordnung, denn sie ist der eigentliche Grund, warum aus einem Zufallsbefund ein ganzes Forschungsfeld wurde. Ohne sie ließe sich über Kontrollierbarkeit gar nichts sagen.

Das Problem ist offensichtlich: Wer einen Reiz beenden kann, bekommt ihn kürzer ab. Ein Unterschied zwischen zwei Gruppen könnte also schlicht daran liegen, dass die eine weniger abbekommen hat. Die Reizmenge und die Kontrolle darüber sind normalerweise nicht zu trennen.

Die Lösung heißt gekoppelte Kontrollgruppe. Zwei Tiere werden gleichzeitig getestet und elektrisch miteinander verschaltet. Das erste kann den Reiz durch eine Reaktion beenden. Beim zweiten hat dieselbe Reaktion keine Wirkung – aber sein Reiz endet in genau dem Moment, in dem das erste Tier ihn beendet.

Damit bekommen beide physikalisch identische Reize: gleiche Anzahl, gleiche Dauer, gleiche Stärke, zum selben Zeitpunkt. Der einzige Unterschied ist, ob das eigene Verhalten etwas bewirkt. Dazu kommt üblicherweise eine dritte Gruppe ohne jeden Reiz.

Die Schlussfolgerung ist deshalb zwingender als bei fast jeder anderen Anordnung in diesem Themenfeld: Wenn sich die beiden Reizgruppen später unterscheiden, kann der Unterschied nicht am Reiz liegen. Er muss an der psychologischen Bedingung liegen – daran, ob Verhalten wirksam war.

Genau das ist der Grund, warum der Satz aus Abschnitt 1.2 so belastbar ist: Nicht die Nutzung der Handlungsmöglichkeit zählt, sondern ihre Verfügbarkeit. Die gekoppelte Kontrollgruppe misst nichts anderes.

Und dieselbe Anordnung lieferte einen zweiten Befund, aus dem später der Immunisierungsgedanke wurde: Tiere, die zuvor Kontrolle erfahren hatten, zeigten die Beeinträchtigung anschließend nicht. Davon handelt Abschnitt 4.

2.3 Die ursprüngliche Deutung

Aus diesem Nebenbefund entstand eine der einflussreichsten Theorien der Verhaltenspsychologie. Die Deutung lautete: Die Tiere hätten gelernt, dass ihr Verhalten keinen Einfluss auf den Ausgang hat – dass nichts, was sie tun, etwas ändert. Und dieses Gelernte habe den späteren Fluchtversuch verhindert.

Damit war das Passivwerden ein Lernergebnis, und aktive Flucht der Normalzustand.

Diese Deutung war über Jahrzehnte außerordentlich einflussreich. Sie wurde von der Tierforschung auf menschliche Depression übertragen und prägt bis heute die Alltagssprache – wer von einem „resignierten“ Hund spricht, benutzt implizit dieses Modell.

Für die Hundepraxis hat sie eine bestimmte Suchrichtung erzeugt: die Frage nach dem auslösenden Erlebnis, aus dem die Hilflosigkeit gelernt worden sein soll.

Zur Furchtkonditionierung als beteiligtem Prozess: Furchtkonditionierung und Rekonsolidierung beim Hund

2.4 Ein Wort zur Herkunft dieser Befunde

Die Grundlagenarbeiten entstanden mit Hunden unter Bedingungen, die heute weder genehmigungsfähig noch vertretbar wären. Das ist bei der Einordnung mitzudenken – nicht als moralische Randbemerkung, sondern weil es erklärt, warum es keine neueren Wiederholungen gibt und die gesamte Weiterentwicklung an anderen Arten stattgefunden hat.

3. Die Umkehrung von 2016

3.1 Was neu ist

Fünfzig Jahre später legten dieselben beiden Autoren eine Neufassung vor. Ihre zentrale Aussage: Die Passivität als Reaktion auf Belastung wird nicht gelernt. Sie ist die voreingestellte, nicht erlernte Antwort auf anhaltende aversive Ereignisse (Maier & Seligman, 2016).

Was gelernt wird, ist das Gegenteil – nämlich Kontrolle. Die Passivität lässt sich überwinden, indem ein Tier lernt, dass sein Verhalten wirkt.

3.2 Die beteiligten Schaltkreise

Die Autoren beschreiben den Mechanismus: Die voreingestellte Passivität wird über die serotonerge Aktivität des dorsalen Raphekerns vermittelt, die ihrerseits Fluchtverhalten hemmt. Der mediale präfrontale Cortex erkennt das Vorhandensein von Kontrolle und hemmt daraufhin den Raphekern.

Damit ist die Richtung des Lernens umgekehrt: Nicht die Hilflosigkeit wird erworben, sondern die Fähigkeit, Kontrolle zu erkennen und die voreingestellte Passivität zu unterdrücken.

Ein Detail aus den Gründungsarbeiten selbst hatte schon früh nicht ins alte Bild gepasst, wurde aber jahrzehntelang nicht als Problem behandelt: Die Beeinträchtigung hielt nur zwei bis drei Tage an. Wäre sie das Ergebnis einer gelernten Regel – mein Verhalten bewirkt nichts –, müsste sie wie anderes Gelerntes deutlich länger bestehen. Eine voreingestellte Reaktion, die nachlässt, sobald die Belastung endet, passt besser zu diesem Verlauf.

Bemerkenswert ist die Deutlichkeit, mit der die Autoren das formulieren. Sie sprechen davon, dass die ursprüngliche Theorie es genau verkehrt herum hatte – eine Selbstkorrektur in dieser Schärfe ist in der Verhaltensforschung ungewöhnlich.

Zur Rolle von Serotonin und seinen Messgrenzen: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen

Zur präfrontalen Regulation: Selbstkontrolle beim Hund: Frontalcortex und Impulsregulation

3.3 Warum das mehr ist als eine Feinheit

Die praktische Konsequenz ist erheblich. Nach dem alten Modell wäre die Aufgabe, ein Fehllernen rückgängig zu machen. Nach dem neuen ist die Aufgabe, etwas aufzubauen, das noch nicht da ist.

Das verändert die Erwartung an den Verlauf. Ein Tier, das nie Kontrolle erfahren hat, muss sie nicht verlernen – es hat sie nie gelernt. Und es verändert die Richtung der Arbeit: Es geht nicht darum, eine Erfahrung zu löschen, sondern darum, wiederholt zu erleben, dass eigenes Verhalten wirkt.

Zur Löschung als Vergleichsfall: Extinktion beim Hund: Warum Verhalten verschwindet – und plötzlich wiederkommt

4. Die Immunisierung

4.1 Vorherige Kontrolle schützt

Ein weiterer Befund der Neufassung ist für die Praxis der bedeutsamste: Frühere Erfahrung mit Kontrolle über belastende Ereignisse verändert die Reaktion auf spätere unkontrollierbare Belastungen.

Die Autoren beschreiben, dass die Veränderungen im Zusammenspiel von präfrontalem Cortex und Raphekern eine Erwartung von Kontrolle tragen können. Wer gelernt hat, dass Verhalten wirkt, geht mit dieser Erwartung in neue Situationen – auch in solche, die tatsächlich nicht kontrollierbar sind.

4.2 Die praktische Bedeutung

Damit ist Kontrollierbarkeit nicht nur eine Eigenschaft der aktuellen Situation, sondern eine Ressource, die sich aufbauen lässt. Ein Hund, der in vielen Alltagssituationen erlebt, dass sein Verhalten etwas bewirkt, geht anders in eine unvermeidbare Belastung als einer, dem das durchgängig abgenommen wird.

Das ist ein Argument für Wahlmöglichkeiten im Alltag, das nichts mit Bequemlichkeit zu tun hat – sondern mit Belastbarkeit.

Konkret heißt das: Wo ein Hund selbst entscheiden kann – welchen Weg er nimmt, wo er sich hinlegt, wie lange er schnüffelt, ob er Kontakt aufnimmt –, sammelt er Erfahrungen mit Wirksamkeit. Diese Gelegenheiten kosten nichts und werden im durchstrukturierten Alltag regelmäßig wegoptimiert.

Zur frühen Entwicklung als Zeitfenster: Die sensible Phase beim Welpen

Zum Konflikt zwischen Annäherung und Vermeidung: Annäherung-Vermeidung-Konflikt beim Hund

4.3 Wann Kontrollerfahrung besonders zählt

Ein naheliegender Anschlussgedanke betrifft den Zeitpunkt. Wenn frühere Kontrolle eine Erwartung trägt, die in neue Situationen mitgenommen wird, dann wäre die Phase, in der ein Hund seine ersten Erwartungen über die Welt bildet, besonders bedeutsam.

Diese Überlegung ist plausibel, aber als Aussage über den Hund eine Ableitung und kein Befund. Die Immunisierungsversuche wurden an bereits erwachsenen Tieren durchgeführt; ein eigener Vergleich früher gegen später erworbener Kontrollerfahrung liegt für den Hund nicht vor.

Was sich dennoch daraus ableiten lässt, ist eine Umkehrung der üblichen Blickrichtung. In der Welpenaufzucht wird viel Aufwand darauf verwendet, dem Tier möglichst viele Reize zu zeigen. Weniger Aufmerksamkeit bekommt die Frage, wie viele dieser Begegnungen der Welpe selbst steuern konnte – ob er Abstand halten durfte, ob er sich abwenden konnte, ob sein Zurückweichen respektiert wurde.

Nach dem hier beschriebenen Modell wäre genau das der wirksamere Anteil. Zwanzig Begegnungen, bei denen der Welpe mitentscheidet, würden demnach mehr leisten als fünfzig, die über ihn hinweggehen – und Letztere könnten sogar in die Gegenrichtung wirken.

Als Hypothese ist das gut prüfbar und bislang ungeprüft. Als Handlungsregel ist es vertretbar, weil die Alternative nichts kostet: Wer dem Welpen die Wahl lässt, verliert nichts, falls die Ableitung nicht trägt.

5. Vorhersehbarkeit im Detail

5.1 Zwei Formen

Bassett und Buchanan-Smith unterscheiden zeitliche und signalisierte Vorhersehbarkeit. Zeitliche Vorhersehbarkeit entsteht durch feste Abläufe, signalisierte durch einen verlässlichen Hinweisreiz.

Beide wirken, aber nicht gleich. Feste Zeiten helfen nur, wenn das Tier über ein entsprechendes Zeitgefühl verfügt. Ein Signal wirkt unabhängig davon.

Für die Praxis ist die signalisierte Form deshalb meist die brauchbarere. Sie lässt sich auch dort herstellen, wo der Ablauf selbst unregelmäßig ist – und das ist im Alltag mit Hund der Normalfall.

Zum Zeitempfinden: Zeitgefühl bei Hunden

5.2 Die Signalwirkung

Der entscheidende Mechanismus ist nicht die Ankündigung selbst, sondern das, was ihr Ausbleiben bedeutet. Wo ein verlässliches Signal existiert, ist die übrige Zeit sicher – und genau diese Sicherheitszeit entlastet.

Ohne Signal muss ein Tier dauerhaft mit dem Ereignis rechnen. Die Belastung verteilt sich dann über den gesamten Zeitraum, statt auf die Ankündigungsphase begrenzt zu bleiben.

Zu den körperlichen Spuren anhaltender Belastung: Telomere und Stress beim Hund

5.3 Auch angenehme Ereignisse

Die Übersicht behandelt ausdrücklich beide Seiten – Vorhersehbarkeit aversiver und angenehmer Ereignisse. Bei Fütterung etwa ist die Wirkung nicht eindeutig positiv: Vollständige Vorhersehbarkeit kann Erwartungsverhalten und Anspannung in der Wartezeit erzeugen.

Damit ist die Regel nicht „möglichst viel Vorhersehbarkeit“, sondern differenzierter: Bei unangenehmen Ereignissen entlastet sie, bei angenehmen kann sie Erwartungsdruck aufbauen.

Diese Unterscheidung erklärt eine verbreitete Alltagsbeobachtung. Ein Hund, der genau weiß, wann gefüttert oder spazieren gegangen wird, wird zu diesen Zeiten unruhig – und zwar umso mehr, je verlässlicher der Ablauf ist. Was bei belastenden Ereignissen entlastet, erzeugt bei erwünschten Anspannung.

Zur Gestaltung von Verstärkung: Verstärkerpläne beim Hund

Zur Erwartungsverletzung als Mechanismus: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle

6. Belege beim Hund

6.1 Die direkte Messung am Hund

Die direkteste Prüfung des Themas am Hund stammt aus derselben Forschungslinie wie die Gründungsarbeiten und aus derselben Zeit. Dess und Kollegen variierten bei Hunden beide Größen getrennt und maßen die Cortisolreaktion im Blut (Dess, Linwick, Patterson, Overmier & Levine, 1983).

Der Befund ist genauer, als er meist wiedergegeben wird, und er fällt für die beiden Größen unterschiedlich aus. Unmittelbar, also während der Belastung selbst, zählte die Kontrolle: Hunde ohne Einfluss auf den Reiz zeigten höhere Cortisolwerte als Hunde, die ihn beenden konnten – bei gleicher Reizmenge. Die Vorhersehbarkeit machte in dieser Phase keinen entsprechenden Unterschied.

In der späteren Messung kehrte sich das Bild um: Dort wirkte die Vorhersehbarkeit, während frühere Kontrolle sich nicht in gleicher Weise niederschlug. Der Titel der Arbeit nennt genau das – unmittelbare und proaktive Effekte.

Für die Praxis ist das der wichtigste Satz des ganzen Themas: Die beiden Größen sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, weil sie offenbar zu unterschiedlichen Zeitpunkten wirken.

Diese Arbeit ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens ist sie eine der wenigen, die Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit nicht vermengt, sondern unabhängig verändert – genau der Aufbau, den Abschnitt 1.4 als selten beschreibt. Zweitens misst sie eine körperliche Größe und nicht nur Verhalten.

Zur Einordnung: Auch hier gilt, was in Abschnitt 2.4 steht. Die Arbeit stammt aus dem Jahr 1983 und arbeitete mit Stromreizen; sie wäre heute weder genehmigungsfähig noch vertretbar. Sie wird hier angeführt, weil sie existiert und weil es keine neuere Entsprechung gibt – nicht als Empfehlung eines Vorgehens.

6.2 Die Restriktionsstudie

Der direkteste Hundebefund stammt aus der bekannten Untersuchung zu sozialer und räumlicher Einschränkung. Beagles wurden von großzügiger Gruppenhaltung auf kleine Einzelzwinger umgestellt – eine Bedingung, die beide Größen gleichzeitig entzieht: keine Kontrolle über soziale Kontakte, keine Vorhersehbarkeit der Abläufe.

Die Folgen zeigten sich auf Verhaltens- und auf hormoneller Ebene (Beerda, Schilder, van Hooff, de Vries & Mol, 1999a; Beerda et al., 1999b).

Die Einschränkung dieser Untersuchung gilt auch hier: Sie entzieht beide Größen gleichzeitig und in extremer Form. Welchen Anteil Kontrollverlust und welchen Verlust an Vorhersehbarkeit hatte, lässt sich daraus nicht bestimmen – es ist derselbe Vermengungsfall, der in Abschnitt 1.4 beschrieben ist.

Zur Restriktionsstudie im Detail: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol verstehen und richtig messen

6.3 Trainingsmethoden

Ein zweiter Zugang führt über die Trainingsforschung. Aversive Verfahren entziehen dem Hund typischerweise beides: Er kann das Ereignis nicht beenden und nicht vorhersehen. Dass Hunde aus aversiv arbeitenden Schulen mehrdeutige Reize zurückhaltender bewerteten, ist damit vereinbar (Vieira de Castro et al., 2020).

Bemerkenswert an dieser Arbeit ist das Maß, mit dem sie arbeitet. Geprüft wurde nicht nur Verhalten und Cortisol, sondern die Bewertung mehrdeutiger Situationen: Die Hunde lernten eine Position mit Futter und eine ohne, danach wurde der Napf dazwischen gestellt. Wer langsamer hinläuft, rechnet eher nicht mit einem guten Ausgang.

Das ist deshalb passend, weil es genau die Größe erfasst, um die es hier geht – eine allgemeine Erwartung darüber, wie Situationen ausgehen. Ein Hund, dessen Verhalten im Training regelmäßig nichts bewirkt, entwickelt offenbar nicht nur eine Reaktion auf das Training, sondern eine Grundhaltung gegenüber offenen Situationen.

Die Einschränkung bleibt dieselbe wie bei der Restriktionsstudie: Aversives Training entzieht Kontrolle und Vorhersehbarkeit gleichzeitig. Welcher Anteil auf welche Größe entfällt, ist damit nicht bestimmt.

Zur Evidenzlage aversiver Methoden: Aversive Methoden beim Hund

6.4 Was neuere Hundestudien beitragen

Seit einigen Jahren gibt es Arbeiten, die dem Thema ohne aversive Reize nachgehen.

Freiwillige gegen erzwungene Berührung. In einer Pilotstudie mit 18 Therapiehunden und 44 Teilnehmern wurde verglichen, wie sich Hunde verhalten, wenn sie der Berührung ausweichen können, und wenn sie an der Leine gehalten und durchgehend berührt werden (Sarrafchi, de Zwaan, Tucker & Merkies, 2025). Das ist der direkteste Test des Kontrollgedankens im Alltag.

Tierärztliche Handhabung. Zwei zusammengehörige Arbeiten prüften, was sich ändert, wenn die Untersuchung an das Tier angepasst statt durchgezogen wird, einmal mit physiologischen und einmal mit Verhaltensmaßen (Squair, Proudfoot, Montelpare & Overall, 2023; Squair et al., 2024).

Cooperative Care. Eine Untersuchung zum Training vor einem Tierarztbesuch fand einen schlechteren Transfer in die reale Situation und eine niedrigere Mitarbeit als erwartet (Wess et al., 2022). Das gehört dazu, weil es die verbreitete Erzählung dämpft.

Zur Reichweite: kleine Stichproben, Pilotcharakter, und in keiner dieser Arbeiten wurde der Beitrag einer zuverlässig respektierten Abbruchmöglichkeit für sich geprüft. Sie zeigen, dass das Thema heute ohne Schmerzreize untersucht werden kann – nicht, dass die Frage beantwortet ist.

6.5 Selbst gelöst ist nicht dasselbe wie bekommen

Ein Befund gehört hierher, der ohne jeden aversiven Reiz auskommt. In einem Yoked-Aufbau lernten Hunde, ein Gerät zu bedienen, um an eine Belohnung zu kommen; die Kontrolltiere erhielten dieselbe Belohnung, ohne sie selbst herbeigeführt zu haben. Verglichen wurden Verhalten und Herzfrequenz (McGowan, Rehn, Norling & Keeling, 2014).

Der Wert des Aufbaus liegt darin, was er gleichsetzt: Beide Gruppen bekommen dasselbe, nur eine hat es selbst bewirkt. Damit ist der Effekt des Selbst-Herbeiführens von dem des Bekommens getrennt – und das ist die Vorlage für die Studien, die zu diesem Thema noch fehlen.

6.6 Was beim Hund fehlt

Hier ist die übliche Einschränkung zu machen. Die neurobiologische Beschreibung – Raphekern, präfrontaler Cortex, Immunisierung durch frühere Kontrolle – stammt aus der Nagerforschung. Für den Hund liegen keine entsprechenden Messungen der beteiligten Strukturen vor.

Was für den Hund vorliegt, ist die Verhaltensebene, eine hormonelle Messung aus den 1980er Jahren und die Plausibilität der Übertragung. Die Grundlagen wurden zwar am Hund entdeckt, die Mechanismen aber an anderen Arten aufgeklärt.

Und es fehlt etwas Naheliegendes: eine neuere Untersuchung an Hunden, die beide Größen unabhängig verändert, ohne dafür aversive Reize einzusetzen. Machbar wäre das – über harmlose Alltagssituationen mit und ohne Ausweichmöglichkeit, mit und ohne Ankündigung. Dass die belastbarste Hundemessung zu diesem Thema aus dem Jahr 1983 stammt, ist die eigentliche Lücke.

Zur Übertragbarkeit von Nagerbefunden auf den Hund allgemein: Neurologie des Hundeverhaltens

7. Praktische Konsequenzen

7.1 Kontrolle herstellen

Kontrolle bedeutet im Alltag vor allem: eine verfügbare Handlungsalternative. Ein Hund, der ausweichen kann, muss nicht drohen. Einer, der an der Leine festgehalten wird, hat diese Möglichkeit nicht.

Der wirksamste Einzelhebel ist die Distanz. Wer sie dem Hund überlässt statt sie vorzugeben, stellt genau die Größe wieder her, um die es hier geht – und zwar unabhängig davon, ob der Hund sie nutzt.

Ein zweiter, oft unterschätzter Hebel ist das Abbruchsignal. Ein Hund, dessen Abwendung, Erstarren oder Zurückweichen zuverlässig dazu führt, dass die Situation endet, hat Kontrolle – auch wenn er sie selten einsetzt. Wird dieselbe Abwendung übergangen, ist die Kontrolle nur scheinbar vorhanden.

Zur Deutung solcher Zeichen: Warnsignale beim Hund

Zur Erregung als begrenzender Größe: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation

7.2 Vorhersehbarkeit herstellen

Vorhersehbarkeit entsteht über verlässliche Signale und gleichbleibende Abläufe. Wichtig ist die Verlässlichkeit, nicht die Häufigkeit: Ein Signal, das nur manchmal zutrifft, erzeugt keine Sicherheitszeit.

Für Situationen, die ein Hund nicht kontrollieren kann – Tierarzt, Pflege, Handling –, ist Vorhersehbarkeit oft die einzige verbleibende Stellgröße. Sie ist damit kein Ersatz für Kontrolle, aber die nächstbeste Option.

Häufig lässt sich sogar mehr herstellen als angenommen. Auch dort, wo das Ereignis unvermeidbar ist, kann der Hund oft über Zeitpunkt, Position oder Pausen mitentscheiden – und das sind genau die Anteile, die aus Zeitgründen als Erstes wegfallen.

Zur systematischen Gewöhnung: Desensibilisierung und Gegenkonditionierung beim Hund

7.3 Der häufigste Fehler

Am häufigsten wird beides gleichzeitig entzogen, ohne dass es beabsichtigt wäre. Ein Hund wird festgehalten, damit er nicht ausweicht, und die Situation beginnt ohne Ankündigung. Das ist die ungünstigste Kombination – und sie entsteht meist aus Zeitdruck, nicht aus Härte.

Umgekehrt ist die Verbesserung oft billig: eine Ankündigung, ein Schritt Abstand, ein Abbruchsignal, das respektiert wird.

Wer prüfen möchte, wie es im eigenen Alltag aussieht, kann eine Woche lang mitzählen, in wie vielen Situationen der Hund den Verlauf tatsächlich beeinflussen konnte – und in wie vielen er lediglich mitgenommen, festgehalten oder umgangen wurde. Die Zahl fällt bei den meisten Teams anders aus als erwartet, und sie ist leichter zu verändern als jedes Verhalten des Hundes.

Bemerkenswert ist, dass diese drei Maßnahmen weder Zeit noch Können erfordern. Sie erfordern lediglich die Bereitschaft, den Ablauf nicht durchzuziehen – und genau daran scheitern sie meistens.

Zur Zusammenarbeit mit der Tierarztpraxis: Was macht einen guten Tierarzt aus?

Zur Verhaltensunterdrückung als Fehldeutung von Erfolg: Warum Hundetraining nicht funktioniert

Ein letzter Gedanke dazu, warum dieser Fehler so beständig ist: Er fällt nicht auf. Ein Ablauf, der ohne Ankündigung beginnt und bei dem der Hund festgehalten wird, sieht von außen aus wie ein Ablauf, der gut funktioniert – der Hund hält ja still. Genau daran lässt sich der Unterschied zwischen den beiden nicht erkennen, und deshalb braucht es die Prüffrage statt des Augenscheins.

7.4 Echte und scheinbare Kontrolle

Der Unterschied zwischen beidem entscheidet darüber, ob eine gut gemeinte Maßnahme wirkt oder nur so aussieht. Und er ist an einem einzigen Merkmal erkennbar: Kontrolle besteht nur, wenn das Verhalten des Hundes den Verlauf zuverlässig verändert.

Vier Fälle aus dem Alltag, in denen Kontrolle scheinbar gegeben ist:

Die Wahl, die keine ist. Der Hund darf entscheiden, ob er vorgeht oder zurückbleibt – aber beides führt zum selben Ergebnis, weil er ohnehin mitgenommen wird. Aus seiner Sicht wirkt sein Verhalten nicht, es verzögert nur.

Das Abbruchsignal mit Ausnahmen. Wendet sich der Hund ab und die Situation endet – außer wenn es gerade eilig ist. Eine Regel, die in der Ausnahme nicht gilt, stellt keine Kontrolle her, sondern Unsicherheit darüber, wann sie gilt.

Kontrolle nach zu langer Verzögerung. Zwischen Verhalten und Wirkung dürfen keine Sekunden liegen, in denen das Ereignis weiterläuft. Wird der Abstand zu groß, ist die Verbindung für den Hund nicht erkennbar.

Kontrolle, die erst über einer Schwelle greift. Leises Abwenden wird übersehen, deutliches Knurren beachtet. Der Hund lernt dann etwas, das niemand beabsichtigt hat – nämlich, dass nur die deutliche Variante wirkt. Das ist derselbe Mechanismus, der aus leisen Warnsignalen laute macht.

Die Prüffrage ist in allen vier Fällen dieselbe: Was genau kann dieser Hund tun, damit sich etwas ändert – und passiert das dann jedes Mal? Wo die Antwort „meistens" lautet, ist die Kontrolle nicht hergestellt.

Eine Abgrenzung gehört an diese Stelle, weil das Thema leicht in die falsche Richtung gelesen wird: Kontrolle heißt nicht, dass der Hund immer entscheiden darf. Wer jede Entscheidung an den Hund abgibt, stellt keine Kontrolle her, sondern entzieht ihm die zweite Größe aus diesem Artikel – die Vorhersehbarkeit.

Ein Mensch, der verlässlich und gleichbleibend handelt, ist für den Hund selbst eine Quelle von Sicherheit. Er macht die Umwelt berechenbar, und das leistet genau das, was Abschnitt 5 beschreibt. Beides zusammen – berechenbarer Mensch und wirksames eigenes Verhalten – ist die günstige Kombination. Beliebigkeit ist es nicht.

Umgekehrt gilt: Echte Kontrolle muss klein sein dürfen. Es geht nicht darum, dass der Hund die Situation beendet, sondern darum, dass sein Verhalten etwas bewirkt – eine Pause, einen Schritt Abstand, einen Aufschub. Das ist im Tierarzt- oder Pflegekontext fast immer herstellbar.

8. Zusammenfassung im Überblick

Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit sind zwei getrennte Größen, die im Alltag zusammenhängen und in der Forschung häufig vermengt wurden. Vorhersehbarkeit betrifft das Wann, Kontrollierbarkeit das Ob – und ob eine Kontrollmöglichkeit genutzt wird, ist für die Wirkung zweitrangig.

Die Grundlagenforschung entstand in den 1960er Jahren an Hunden unter Bedingungen, die heute nicht mehr durchführbar wären. Die ursprüngliche Deutung lautete, Tiere lernten, dass ihr Verhalten nichts bewirkt.

2016 legten dieselben Autoren eine Neufassung vor, die das umkehrt: Passivität ist die voreingestellte, nicht erlernte Antwort auf anhaltende Belastung, vermittelt über den dorsalen Raphekern in bestimmten unkontrollierbaren Belastungssituationen. Gelernt wird das Gegenteil – Kontrolle, erkannt und vermittelt über den medialen präfrontalen Cortex.

Praktisch folgt daraus, dass Kontrolle aufgebaut statt Hilflosigkeit abgebaut werden muss, und dass frühere Kontrollerfahrung eine Erwartung trägt, die auch in unkontrollierbare Situationen mitgenommen wird.

9. Forschungslücken und Kontroversen

9.1 Keine Mechanismusforschung am Hund

Die neurobiologische Beschreibung stammt aus der Nagerforschung. Beim Hund liegen keine Messungen zu den beteiligten Strukturen vor – und angesichts der erforderlichen Verfahren wird sich das nicht ändern.

Prüfbar wäre allerdings die Verhaltensvorhersage. Wenn frühere Kontrollerfahrung eine Erwartung trägt, müssten Hunde mit mehr Wahlmöglichkeiten im Alltag in unvermeidbaren Situationen weniger belastet reagieren. Eine solche Untersuchung wäre ohne invasive Verfahren machbar – sie liegt nicht vor.

9.2 Die Vermengung in älteren Arbeiten

Weil viele Untersuchungen Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit nicht getrennt haben, lässt sich bei einem Teil der Befunde nicht sagen, welche der beiden Größen gewirkt hat. Untersuchungen, die beide unabhängig variieren, sind selten.

Für die Praxis ist das weniger folgenreich, als es klingt – beide Größen wirken in dieselbe Richtung, und beide lassen sich verbessern. Bedeutsam ist die Vermengung dort, wo eine der beiden nicht herstellbar ist und man wissen müsste, wie viel die andere allein leistet.

9.3 Was sich prüfen ließe, ohne jemandem zu schaden

Das Thema hat eine ungewöhnliche Lage: Seine Grundlagen stammen aus Versuchen, die heute niemand mehr durchführen dürfte, und seine praktisch wichtigsten Vorhersagen ließen sich völlig unbedenklich prüfen.

Ein Beispiel: Wenn die Verfügbarkeit einer Handlungsalternative zählt und nicht ihre Nutzung, müssten sich zwei Gruppen von Hunden in einer harmlosen, leicht unangenehmen Alltagssituation unterscheiden – etwa beim Handling –, je nachdem, ob Abwenden respektiert wird oder nicht. Gemessen würde über Herzfrequenz und Verhaltensmaße, nicht über Belastung.

Ein zweites Beispiel: Die Vorhersage zur Immunisierung ließe sich über den Alltag prüfen. Hunde, deren Halter ihnen viele kleine Entscheidungen überlassen, müssten in unvermeidbaren Situationen gelassener reagieren. Erhebbar wäre das über Fragebogen und eine standardisierte Handlingsituation.

Dass beides nicht vorliegt, ist bemerkenswert. Es wären die Untersuchungen, die aus einem gut begründeten Modell eine belegte Aussage über den Hund machen würden.

9.4 Kein Maß für den Einzelfall

Es existiert kein Verfahren, das erfassen würde, wie viel Kontrolle ein bestimmter Hund in seinem Alltag tatsächlich hat. Was vorliegt, sind Extremvergleiche – Zwingerhaltung gegen Gruppenhaltung, aversives gegen belohnungsbasiertes Training. Der mittlere Bereich, in dem die meisten Hunde leben, ist nicht erfasst.

Ein solches Maß wäre die praktisch nützlichste Entwicklung des ganzen Themas. Es müsste erheben, in wie vielen Alltagssituationen das Verhalten eines Hundes den Verlauf tatsächlich beeinflusst – und wäre damit auch ein Beratungsinstrument.

Zum experimentellen Zugang zu affektiven Zuständen: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen

10. Fazit

Dieses Thema ist der Grund, warum sich eine gute und eine schlechte Trainingssituation unterscheiden können, obwohl äußerlich dasselbe geschieht. Nicht die Reizstärke entscheidet über die Belastung, sondern ob der Hund den Verlauf beeinflussen und vorhersehen kann.

Die Umkehrung von 2016 ist dabei die praktisch folgenreichste Einsicht. Wer glaubt, ein passiver Hund habe Hilflosigkeit gelernt, sucht nach dem auslösenden Erlebnis. Wer der neueren Fassung folgt, sucht nach Gelegenheiten, in denen der Hund erlebt, dass sein Verhalten wirkt – und das ist eine Aufgabe, die sich planen lässt.

Für den Alltag bleibt eine Prüffrage, die vor jeder Übung steht: Kann dieser Hund gerade etwas tun, das den Verlauf verändert, und weiß er, was als Nächstes kommt? Wo beides fehlt, wirkt dieselbe Übung anders als gedacht.

Beide Fragen sind in Sekunden beantwortet und verändern die Einschätzung einer Situation grundlegender als jede Beobachtung von Körpersprache. Sie beziehen sich nämlich nicht auf den Hund, sondern auf die Anordnung – und die lässt sich ändern.

Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit beim Hund

Es sind zwei Größen, nicht eine. Vorhersehbarkeit betrifft das Wann, Kontrollierbarkeit das Ob. In vielen Untersuchungen wurden beide vermengt, weshalb sich bei älteren Befunden oft nicht sagen lässt, welche gewirkt hat (Bassett & Buchanan-Smith, 2007).

Die Möglichkeit zählt, nicht ihre Nutzung. Eine Situation mit verfügbarem Ausweg wird anders verarbeitet als dieselbe Situation ohne – unabhängig davon, ob der Ausweg genommen wird.

Die Theorie wurde 2016 von ihren eigenen Urhebern umgekehrt. Passivität ist nicht gelernt, sondern die voreingestellte Antwort auf anhaltende Belastung; gelernt wird Kontrolle (Maier & Seligman, 2016). Praktisch heißt das: aufbauen statt abbauen.

Frühere Kontrollerfahrung wirkt vorbeugend. Die Autoren beschreiben, dass sich eine Erwartung von Kontrolle ausbildet, die in spätere Situationen mitgenommen wird – auch in solche, die tatsächlich nicht kontrollierbar sind.

Vorhersehbarkeit wirkt über die Sicherheitszeit. Entscheidend ist nicht die Ankündigung, sondern was ihr Ausbleiben bedeutet: Wo ein verlässliches Signal existiert, ist die übrige Zeit sicher. Ein Signal, das nur manchmal zutrifft, leistet das nicht.

Der Nachweis hängt an einer bestimmten Versuchsanordnung. Zwei Tiere werden verschaltet: Das eine kann den Reiz beenden, das andere nicht – bekommt ihn aber zum selben Zeitpunkt und gleich lang. Unterscheiden sie sich später, kann es nicht am Reiz liegen (Overmier & Seligman, 1967; Seligman & Maier, 1967).

Die Urheber haben ihre eigene Theorie umgedreht. Passivität wird nicht gelernt, sondern ist die Voreinstellung; gelernt wird Kontrolle (Maier & Seligman, 2016). Praktisch heißt das: aufbauen statt abbauen.

Frühere Kontrolle wirkt in spätere Situationen hinein. Wer erlebt hat, dass sein Verhalten wirkt, geht mit dieser Erwartung auch in Situationen, die er nicht beeinflussen kann.

Vorhersehbarkeit ist nicht immer gut. Bei unangenehmen Ereignissen entlastet sie über die Sicherheitszeit, bei angenehmen erzeugt sie Erwartungsdruck (Bassett & Buchanan-Smith, 2007).

Kontrolle muss zuverlässig sein, nicht groß. Ein Abbruchsignal mit Ausnahmen stellt keine Kontrolle her. Es genügt aber, dass das Verhalten eine Pause oder einen Schritt Abstand bewirkt.

Es gibt eine direkte Messung am Hund – aber nur eine alte. Hunde ohne Kontrolle über einen Reiz zeigten bei gleicher Reizmenge höhere Cortisolwerte, und die Wirkung reichte in spätere Situationen hinein (Dess et al., 1983). Eine neuere Entsprechung ohne aversive Reize fehlt.

Die Mechanismen stammen nicht vom Hund. Raphekern, präfrontaler Cortex und Immunisierung sind an Nagern aufgeklärt. Für den Hund liegen Verhaltensbefunde vor und die Plausibilität der Übertragung.

Quellenverzeichnis

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Dess, N. K., Linwick, D., Patterson, J., Overmier, J. B., & Levine, S. (1983). Immediate and proactive effects of controllability and predictability on plasma cortisol responses to shocks in dogs. Behavioral Neuroscience, 97(6), 1005–1016. https://doi.org/10.1037/0735-7044.97.6.1005

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Häufige Fragen zu Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit beim Hund

Warum dieselbe Belastung bei zwei Hunden unterschiedlich wirkt

Was ist der Unterschied zwischen Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit?

Vorhersehbarkeit betrifft das Wann: Der Hund weiß, dass etwas kommt, weil ein verlässliches Signal vorausgeht oder der Ablauf gleich bleibt. Kontrollierbarkeit betrifft das Ob: Sein eigenes Verhalten beeinflusst den Verlauf – er kann ausweichen, unterbrechen oder beenden. Im Alltag hängen beide zusammen, weil wer etwas beenden kann meist auch weiß, wann es endet. In der Forschung wurden sie deshalb häufig vermengt.

Muss mein Hund die Ausweichmöglichkeit auch nutzen, damit sie hilft?

Nein, und das ist der überraschendste Befund des Themas. Entscheidend ist, dass die Möglichkeit besteht, nicht dass sie genutzt wird. Ein Hund, der ausweichen könnte und stehen bleibt, verarbeitet die Situation anders als einer, der nicht ausweichen kann – obwohl beide äußerlich dasselbe tun.

Stimmt es, dass Hunde Hilflosigkeit lernen?

Nach heutigem Stand nicht in dieser Form. Dieselben Autoren, die diese Theorie begründet haben, legten 2016 eine Neufassung vor: Passivität unter anhaltender Belastung ist die voreingestellte, nicht erlernte Reaktion. Gelernt wird das Gegenteil, nämlich dass eigenes Verhalten wirkt. Für die Praxis heißt das, Kontrolle aufzubauen statt Hilflosigkeit abzubauen.

Warum wurde die alte Theorie umgedreht?

Ausschlaggebend war die neurobiologische Aufklärung des Mechanismus. Die Passivität wird über die serotonerge Aktivität des dorsalen Raphekerns vermittelt, die Fluchtverhalten hemmt; der mediale präfrontale Cortex erkennt Kontrolle und hemmt daraufhin diesen Kern. Dazu kam ein Befund, der schon länger nicht ins alte Bild passte: Die Beeinträchtigung hielt nur zwei bis drei Tage an – für ein Lernergebnis ungewöhnlich kurz.

Kann ich meinen Hund gegen Belastung widerstandsfähiger machen?

Frühere Erfahrung mit Kontrolle verändert die Reaktion auf spätere, nicht kontrollierbare Belastungen. Wer gelernt hat, dass sein Verhalten wirkt, geht mit dieser Erwartung in neue Situationen. Praktisch heißt das: Gelegenheiten schaffen, in denen der Hund selbst entscheidet – welchen Weg er nimmt, wo er sich hinlegt, wie lange er schnüffelt, ob er Kontakt aufnimmt. Diese Gelegenheiten kosten nichts und fallen im durchstrukturierten Alltag als Erstes weg.

Ist mehr Vorhersehbarkeit immer besser?

Nein. Bei unangenehmen Ereignissen entlastet sie, weil das Ausbleiben des Signals Sicherheitszeit schafft. Bei angenehmen Ereignissen kann sie das Gegenteil bewirken: Ein Hund, der genau weiß, wann gefüttert oder spazieren gegangen wird, wird zu diesen Zeiten unruhig – und zwar umso mehr, je verlässlicher der Ablauf ist.

Was mache ich beim Tierarzt, wo der Hund nichts kontrollieren kann?

Dort ist Vorhersehbarkeit oft die einzige verbleibende Stellgröße – ein verlässliches Signal, bevor etwas beginnt. Häufig lässt sich aber mehr Kontrolle herstellen als angenommen: Der Hund kann oft über Zeitpunkt, Position oder Pausen mitentscheiden. Kontrolle muss nicht heißen, dass er die Behandlung beendet; es genügt, dass sein Verhalten etwas bewirkt.

Woran erkenne ich, dass die Kontrolle nur scheinbar besteht?

An der Zuverlässigkeit. Ein Abbruchsignal, das respektiert wird – außer wenn es gerade eilig ist –, stellt keine Kontrolle her. Dasselbe gilt, wenn nur die deutliche Variante beachtet wird: Wird leises Abwenden übersehen und erst Knurren beachtet, lernt der Hund, dass nur die deutliche Form wirkt. Die Prüffrage lautet: Was genau kann dieser Hund tun, damit sich etwas ändert – und passiert das dann jedes Mal?

Gilt das alles auch für den Hund oder nur für Laborversuche?

Die Grundlagen wurden am Hund entdeckt, die Mechanismen aber an anderen Arten aufgeklärt. Für den Hund liegen keine Messungen zu Raphekern oder präfrontalem Cortex vor, und das wird sich wegen der erforderlichen Verfahren nicht ändern. Was für den Hund vorliegt, ist die Verhaltensebene – Restriktionsstudien und Trainingsforschung – und die Plausibilität der Übertragung.

Was ist die wichtigste praktische Frage aus diesem Thema?

Zwei Fragen vor jeder Übung: Kann dieser Hund gerade etwas tun, das den Verlauf verändert – und weiß er, was als Nächstes kommt? Wo beides fehlt, wirkt dieselbe Übung anders als geplant. Beide Fragen beziehen sich nicht auf den Hund, sondern auf die Anordnung, und die lässt sich ändern.

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