Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit beim Hund: Warum dieselbe Belastung unterschiedlich wirkt
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 27. Juli
- 11 Min. Lesezeit
Zwei Hunde erleben denselben Reiz in derselben Intensität. Der eine kann ausweichen, der andere nicht. Der eine bekommt ein Signal, bevor es losgeht, der andere wird überrascht. Physikalisch ist die Belastung identisch — in der Wirkung ist sie es nicht.
Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit sind die beiden Größen, die darüber entscheiden, wie stark ein Ereignis belastet. Sie sind wirksamer als die Reizstärke selbst, und sie sind die einzigen beiden, die sich im Alltag gezielt gestalten lassen.
Die Forschungsgeschichte dazu beginnt ausgerechnet beim Hund — und zwar unter Bedingungen, die heute nicht mehr durchführbar wären. Bemerkenswerter ist, was ein halbes Jahrhundert später daraus wurde: Die beiden Begründer der Theorie veröffentlichten 2016 eine Neufassung, die das ursprüngliche Modell umkehrt. Ihr eigener Satz dazu lautet, die ursprüngliche Theorie habe es genau verkehrt herum gehabt (Maier & Seligman, 2016).
Dieser Artikel behandelt beide Größen getrennt, die historische Wurzel, die Umkehrung von 2016 und die Frage, was sich daraus für die tägliche Arbeit ableiten lässt.
Zum Extremfall der Kontrolllosigkeit: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund

1. Zwei verschiedene Größen
1.1 Vorhersehbarkeit
Vorhersehbarkeit bezeichnet, ob ein Tier weiß, wann etwas geschieht. Ein Ereignis ist vorhersehbar, wenn ihm ein verlässliches Signal vorausgeht oder wenn es zu festen Zeiten stattfindet.
Der Nutzen liegt nicht nur in der Vorbereitung. Ebenso wichtig ist die Kehrseite: Wenn ein Signal zuverlässig ankündigt, dass etwas passiert, dann bedeutet das Ausbleiben des Signals, dass gerade nichts passiert. Vorhersehbarkeit schafft damit Sicherheitszeiten.
1.2 Kontrollierbarkeit
Kontrollierbarkeit bezeichnet, ob das eigene Verhalten den Verlauf beeinflusst — ob ein Tier ausweichen, beenden oder abwenden kann.
Entscheidend ist dabei ein Punkt, der regelmäßig übersehen wird: Es kommt nicht darauf an, ob die Möglichkeit genutzt wird. Allein ihr Bestehen verändert die Wirkung der Situation.
Das klingt zunächst unplausibel und ist doch der belastbarste Einzelbefund des Themas. Ein Tier, das ausweichen könnte und stehen bleibt, verhält sich äußerlich wie eines, das nicht ausweichen kann — die physiologischen Folgen unterscheiden sich dennoch. Was zählt, ist offenbar die Verfügbarkeit der Handlungsalternative, nicht ihr Vollzug.
Zur Trennung von Verhalten und innerem Zustand: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
1.3 Warum sie verwechselt werden
Beide Größen hängen im Alltag zusammen: Wer eine Situation beenden kann, kann meist auch vorhersehen, wann sie endet. Genau diese Verschränkung ist ein bekanntes methodisches Problem — Bassett und Buchanan-Smith halten in ihrer Übersicht fest, dass viele Untersuchungen zu diesem Thema Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit vermengt haben (Bassett & Buchanan-Smith, 2007).
Für die Einordnung älterer Befunde heißt das: Wo von „Kontrolle“ die Rede ist, war häufig auch Vorhersehbarkeit im Spiel — und umgekehrt.
Der Grund ist bauartbedingt. Wer einen Reiz durch eigenes Verhalten beenden kann, erfährt damit zugleich, wann er endet. Eine saubere Trennung erfordert Anordnungen, in denen ein Tier zwar vorhersagen, aber nicht eingreifen kann — oder umgekehrt. Solche Aufbauten sind aufwendig und entsprechend selten.
Zur methodischen Grundfrage: Hundeverhalten messbar machen
2. Die historische Wurzel
2.1 Der Zufallsbefund
Anfang der 1960er Jahre wollte eine Arbeitsgruppe an der University of Pennsylvania untersuchen, wie sich vorherige Furchtkonditionierung auf späteres Lernen auswirkt. Hunde erhielten in einer Halterung 64 milde bis mittelstarke Stromreize an den Hinterpfoten, jeweils angekündigt durch einen Ton.
Einen Tag später wurden sie in eine Zweikammerbox gesetzt, in der sie dem Reiz durch Springen über eine niedrige Barriere entkommen konnten. Die erwartete Prüfung ließ sich nicht durchführen — viele Hunde unternahmen gar keinen Fluchtversuch (referiert in Maier & Seligman, 2016).
2.2 Die ursprüngliche Deutung
Aus diesem Nebenbefund entstand eine der einflussreichsten Theorien der Verhaltenspsychologie. Die Deutung lautete: Die Tiere hätten gelernt, dass ihr Verhalten keinen Einfluss auf den Ausgang hat — dass nichts, was sie tun, etwas ändert. Und dieses Gelernte habe den späteren Fluchtversuch verhindert.
Damit war das Passivwerden ein Lernergebnis, und aktive Flucht der Normalzustand.
Diese Deutung war über Jahrzehnte außerordentlich einflussreich. Sie wurde von der Tierforschung auf menschliche Depression übertragen und prägt bis heute die Alltagssprache — wer von einem „resignierten“ Hund spricht, benutzt implizit dieses Modell.
Für die Hundepraxis hat sie eine bestimmte Suchrichtung erzeugt: die Frage nach dem auslösenden Erlebnis, aus dem die Hilflosigkeit gelernt worden sein soll.
Zur Furchtkonditionierung als beteiligtem Prozess: Furchtkonditionierung und Rekonsolidierung beim Hund
2.3 Ein Wort zur Herkunft dieser Befunde
Die Grundlagenarbeiten entstanden mit Hunden unter Bedingungen, die heute weder genehmigungsfähig noch vertretbar wären. Das ist bei der Einordnung mitzudenken — nicht als moralische Randbemerkung, sondern weil es erklärt, warum es keine neueren Wiederholungen gibt und die gesamte Weiterentwicklung an anderen Arten stattgefunden hat.
3. Die Umkehrung von 2016
3.1 Was neu ist
Fünfzig Jahre später legten dieselben beiden Autoren eine Neufassung vor. Ihre zentrale Aussage: Die Passivität als Reaktion auf Belastung wird nicht gelernt. Sie ist die voreingestellte, nicht erlernte Antwort auf anhaltende aversive Ereignisse (Maier & Seligman, 2016).
Was gelernt wird, ist das Gegenteil — nämlich Kontrolle. Die Passivität lässt sich überwinden, indem ein Tier lernt, dass sein Verhalten wirkt.
3.2 Die beteiligten Schaltkreise
Die Autoren beschreiben den Mechanismus: Die voreingestellte Passivität wird über die serotonerge Aktivität des dorsalen Raphekerns vermittelt, die ihrerseits Fluchtverhalten hemmt. Der mediale präfrontale Cortex erkennt das Vorhandensein von Kontrolle und hemmt daraufhin den Raphekern.
Damit ist die Richtung des Lernens umgekehrt: Nicht die Hilflosigkeit wird erworben, sondern die Fähigkeit, Kontrolle zu erkennen und die voreingestellte Passivität zu unterdrücken.
Bemerkenswert ist die Deutlichkeit, mit der die Autoren das formulieren. Sie sprechen davon, dass die ursprüngliche Theorie es genau verkehrt herum hatte — eine Selbstkorrektur in dieser Schärfe ist in der Verhaltensforschung ungewöhnlich.
Zur Rolle von Serotonin und seinen Messgrenzen: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen
Zur präfrontalen Regulation: Selbstkontrolle beim Hund: Frontalcortex und Impulsregulation
3.3 Warum das mehr ist als eine Feinheit
Die praktische Konsequenz ist erheblich. Nach dem alten Modell wäre die Aufgabe, ein Fehllernen rückgängig zu machen. Nach dem neuen ist die Aufgabe, etwas aufzubauen, das noch nicht da ist.
Das verändert die Erwartung an den Verlauf. Ein Tier, das nie Kontrolle erfahren hat, muss sie nicht verlernen — es hat sie nie gelernt. Und es verändert die Richtung der Arbeit: Es geht nicht darum, eine Erfahrung zu löschen, sondern darum, wiederholt zu erleben, dass eigenes Verhalten wirkt.
Zur Löschung als Vergleichsfall: Extinktion beim Hund: Warum Verhalten verschwindet — und plötzlich wiederkommt
4. Die Immunisierung
4.1 Vorherige Kontrolle schützt
Ein weiterer Befund der Neufassung ist für die Praxis der bedeutsamste: Frühere Erfahrung mit Kontrolle über belastende Ereignisse verändert die Reaktion auf spätere unkontrollierbare Belastungen.
Die Autoren beschreiben, dass die Veränderungen im Zusammenspiel von präfrontalem Cortex und Raphekern eine Erwartung von Kontrolle tragen können. Wer gelernt hat, dass Verhalten wirkt, geht mit dieser Erwartung in neue Situationen — auch in solche, die tatsächlich nicht kontrollierbar sind.
4.2 Die praktische Bedeutung
Damit ist Kontrollierbarkeit nicht nur eine Eigenschaft der aktuellen Situation, sondern eine Ressource, die sich aufbauen lässt. Ein Hund, der in vielen Alltagssituationen erlebt, dass sein Verhalten etwas bewirkt, geht anders in eine unvermeidbare Belastung als einer, dem das durchgängig abgenommen wird.
Das ist ein Argument für Wahlmöglichkeiten im Alltag, das nichts mit Bequemlichkeit zu tun hat — sondern mit Belastbarkeit.
Konkret heißt das: Wo ein Hund selbst entscheiden kann — welchen Weg er nimmt, wo er sich hinlegt, wie lange er schnüffelt, ob er Kontakt aufnimmt —, sammelt er Erfahrungen mit Wirksamkeit. Diese Gelegenheiten kosten nichts und werden im durchstrukturierten Alltag regelmäßig wegoptimiert.
Zur frühen Entwicklung als Zeitfenster: Die sensible Phase beim Welpen
Zum Konflikt zwischen Annäherung und Vermeidung: Annäherung-Vermeidung-Konflikt beim Hund
5. Vorhersehbarkeit im Detail
5.1 Zwei Formen
Bassett und Buchanan-Smith unterscheiden zeitliche und signalisierte Vorhersehbarkeit. Zeitliche Vorhersehbarkeit entsteht durch feste Abläufe, signalisierte durch einen verlässlichen Hinweisreiz.
Beide wirken, aber nicht gleich. Feste Zeiten helfen nur, wenn das Tier über ein entsprechendes Zeitgefühl verfügt. Ein Signal wirkt unabhängig davon.
Für die Praxis ist die signalisierte Form deshalb meist die brauchbarere. Sie lässt sich auch dort herstellen, wo der Ablauf selbst unregelmäßig ist — und das ist im Alltag mit Hund der Normalfall.
Zum Zeitempfinden: Zeitgefühl bei Hunden
5.2 Die Signalwirkung
Der entscheidende Mechanismus ist nicht die Ankündigung selbst, sondern das, was ihr Ausbleiben bedeutet. Wo ein verlässliches Signal existiert, ist die übrige Zeit sicher — und genau diese Sicherheitszeit entlastet.
Ohne Signal muss ein Tier dauerhaft mit dem Ereignis rechnen. Die Belastung verteilt sich dann über den gesamten Zeitraum, statt auf die Ankündigungsphase begrenzt zu bleiben.
Zur Dauerbelastung und ihren Folgen: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol verstehen und richtig messen
5.3 Auch angenehme Ereignisse
Die Übersicht behandelt ausdrücklich beide Seiten — Vorhersehbarkeit aversiver und angenehmer Ereignisse. Bei Fütterung etwa ist die Wirkung nicht eindeutig positiv: Vollständige Vorhersehbarkeit kann Erwartungsverhalten und Anspannung in der Wartezeit erzeugen.
Damit ist die Regel nicht „möglichst viel Vorhersehbarkeit“, sondern differenzierter: Bei unangenehmen Ereignissen entlastet sie, bei angenehmen kann sie Erwartungsdruck aufbauen.
Diese Unterscheidung erklärt eine verbreitete Alltagsbeobachtung. Ein Hund, der genau weiß, wann gefüttert oder spazieren gegangen wird, wird zu diesen Zeiten unruhig — und zwar umso mehr, je verlässlicher der Ablauf ist. Was bei belastenden Ereignissen entlastet, erzeugt bei erwünschten Anspannung.
Zur Gestaltung von Verstärkung: Verstärkerpläne beim Hund
Zur Erwartungsverletzung als Mechanismus: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
6. Belege beim Hund
6.1 Die Restriktionsstudie
Der direkteste Hundebefund stammt aus der bekannten Untersuchung zu sozialer und räumlicher Einschränkung. Beagles wurden von großzügiger Gruppenhaltung auf kleine Einzelzwinger umgestellt — eine Bedingung, die beide Größen gleichzeitig entzieht: keine Kontrolle über soziale Kontakte, keine Vorhersehbarkeit der Abläufe.
Die Folgen zeigten sich auf Verhaltens- und auf hormoneller Ebene (Beerda, Schilder, van Hooff, de Vries & Mol, 1999a; Beerda et al., 1999b).
Die Einschränkung dieser Untersuchung gilt auch hier: Sie entzieht beide Größen gleichzeitig und in extremer Form. Welchen Anteil Kontrollverlust und welchen Verlust an Vorhersehbarkeit hatte, lässt sich daraus nicht bestimmen — es ist derselbe Vermengungsfall, der in Abschnitt 1.3 beschrieben ist.
Zur Restriktionsstudie im Detail: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol verstehen und richtig messen
6.2 Trainingsmethoden
Ein zweiter Zugang führt über die Trainingsforschung. Aversive Verfahren entziehen dem Hund typischerweise beides: Er kann das Ereignis nicht beenden und nicht vorhersehen. Dass Hunde aus aversiv arbeitenden Schulen mehrdeutige Reize zurückhaltender bewerteten, ist damit vereinbar (Vieira de Castro et al., 2020).
Zur Evidenzlage aversiver Methoden: Aversive Methoden beim Hund
6.3 Was beim Hund fehlt
Hier ist die übliche Einschränkung zu machen. Die neurobiologische Beschreibung — Raphekern, präfrontaler Cortex, Immunisierung durch frühere Kontrolle — stammt aus der Nagerforschung. Für den Hund liegen keine entsprechenden Messungen vor.
Was für den Hund vorliegt, ist die Verhaltensebene und die Plausibilität der Übertragung. Die Grundlagen wurden zwar am Hund entdeckt, die Mechanismen aber an anderen Arten aufgeklärt.
Zur Frage, was beim Hund überhaupt gemessen wird: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen
7. Praktische Konsequenzen
7.1 Kontrolle herstellen
Kontrolle bedeutet im Alltag vor allem: eine verfügbare Handlungsalternative. Ein Hund, der ausweichen kann, muss nicht drohen. Einer, der an der Leine festgehalten wird, hat diese Möglichkeit nicht.
Der wirksamste Einzelhebel ist die Distanz. Wer sie dem Hund überlässt statt sie vorzugeben, stellt genau die Größe wieder her, um die es hier geht — und zwar unabhängig davon, ob der Hund sie nutzt.
Ein zweiter, oft unterschätzter Hebel ist das Abbruchsignal. Ein Hund, dessen Abwendung, Erstarren oder Zurückweichen zuverlässig dazu führt, dass die Situation endet, hat Kontrolle — auch wenn er sie selten einsetzt. Wird dieselbe Abwendung übergangen, ist die Kontrolle nur scheinbar vorhanden.
Zur Deutung solcher Zeichen: Warnsignale beim Hund
Zur Erregung als begrenzender Größe: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation
7.2 Vorhersehbarkeit herstellen
Vorhersehbarkeit entsteht über verlässliche Signale und gleichbleibende Abläufe. Wichtig ist die Verlässlichkeit, nicht die Häufigkeit: Ein Signal, das nur manchmal zutrifft, erzeugt keine Sicherheitszeit.
Für Situationen, die ein Hund nicht kontrollieren kann — Tierarzt, Pflege, Handling —, ist Vorhersehbarkeit oft die einzige verbleibende Stellgröße. Sie ist damit kein Ersatz für Kontrolle, aber die nächstbeste Option.
Häufig lässt sich sogar mehr herstellen als angenommen. Auch dort, wo das Ereignis unvermeidbar ist, kann der Hund oft über Zeitpunkt, Position oder Pausen mitentscheiden — und das sind genau die Anteile, die aus Zeitgründen als Erstes wegfallen.
Zur systematischen Gewöhnung: Desensibilisierung und Gegenkonditionierung beim Hund
7.3 Der häufigste Fehler
Am häufigsten wird beides gleichzeitig entzogen, ohne dass es beabsichtigt wäre. Ein Hund wird festgehalten, damit er nicht ausweicht, und die Situation beginnt ohne Ankündigung. Das ist die ungünstigste Kombination — und sie entsteht meist aus Zeitdruck, nicht aus Härte.
Umgekehrt ist die Verbesserung oft billig: eine Ankündigung, ein Schritt Abstand, ein Abbruchsignal, das respektiert wird.
Bemerkenswert ist, dass diese drei Maßnahmen weder Zeit noch Können erfordern. Sie erfordern lediglich die Bereitschaft, den Ablauf nicht durchzuziehen — und genau daran scheitern sie meistens.
Zur Zusammenarbeit mit der Tierarztpraxis: Was macht einen guten Tierarzt aus?
Zur Verhaltensunterdrückung als Fehldeutung von Erfolg: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
8. Zusammenfassung im Überblick
Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit sind zwei getrennte Größen, die im Alltag zusammenhängen und in der Forschung häufig vermengt wurden. Vorhersehbarkeit betrifft das Wann, Kontrollierbarkeit das Ob — und ob eine Kontrollmöglichkeit genutzt wird, ist für die Wirkung zweitrangig.
Die Grundlagenforschung entstand in den 1960er Jahren an Hunden unter Bedingungen, die heute nicht mehr durchführbar wären. Die ursprüngliche Deutung lautete, Tiere lernten, dass ihr Verhalten nichts bewirkt.
2016 legten dieselben Autoren eine Neufassung vor, die das umkehrt: Passivität ist die voreingestellte, nicht erlernte Antwort auf anhaltende Belastung, vermittelt über den dorsalen Raphekern in bestimmten unkontrollierbaren Belastungssituationen. Gelernt wird das Gegenteil — Kontrolle, erkannt und vermittelt über den medialen präfrontalen Cortex.
Praktisch folgt daraus, dass Kontrolle aufgebaut statt Hilflosigkeit abgebaut werden muss, und dass frühere Kontrollerfahrung eine Erwartung trägt, die auch in unkontrollierbare Situationen mitgenommen wird.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Keine Mechanismusforschung am Hund
Die neurobiologische Beschreibung stammt aus der Nagerforschung. Beim Hund liegen keine Messungen zu den beteiligten Strukturen vor — und angesichts der erforderlichen Verfahren wird sich das nicht ändern.
Prüfbar wäre allerdings die Verhaltensvorhersage. Wenn frühere Kontrollerfahrung eine Erwartung trägt, müssten Hunde mit mehr Wahlmöglichkeiten im Alltag in unvermeidbaren Situationen weniger belastet reagieren. Eine solche Untersuchung wäre ohne invasive Verfahren machbar — sie liegt nicht vor.
9.2 Die Vermengung in älteren Arbeiten
Weil viele Untersuchungen Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit nicht getrennt haben, lässt sich bei einem Teil der Befunde nicht sagen, welche der beiden Größen gewirkt hat. Untersuchungen, die beide unabhängig variieren, sind selten.
Für die Praxis ist das weniger folgenreich, als es klingt — beide Größen wirken in dieselbe Richtung, und beide lassen sich verbessern. Bedeutsam ist die Vermengung dort, wo eine der beiden nicht herstellbar ist und man wissen müsste, wie viel die andere allein leistet.
9.3 Kein Maß für den Einzelfall
Es existiert kein Verfahren, das erfassen würde, wie viel Kontrolle ein bestimmter Hund in seinem Alltag tatsächlich hat. Was vorliegt, sind Extremvergleiche — Zwingerhaltung gegen Gruppenhaltung, aversives gegen belohnungsbasiertes Training. Der mittlere Bereich, in dem die meisten Hunde leben, ist nicht erfasst.
Ein solches Maß wäre die praktisch nützlichste Entwicklung des ganzen Themas. Es müsste erheben, in wie vielen Alltagssituationen das Verhalten eines Hundes den Verlauf tatsächlich beeinflusst — und wäre damit auch ein Beratungsinstrument.
Zum experimentellen Zugang zu affektiven Zuständen: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen
10. Fazit
Dieses Thema ist der Grund, warum sich eine gute und eine schlechte Trainingssituation unterscheiden können, obwohl äußerlich dasselbe geschieht. Nicht die Reizstärke entscheidet über die Belastung, sondern ob der Hund den Verlauf beeinflussen und vorhersehen kann.
Die Umkehrung von 2016 ist dabei die praktisch folgenreichste Einsicht. Wer glaubt, ein passiver Hund habe Hilflosigkeit gelernt, sucht nach dem auslösenden Erlebnis. Wer der neueren Fassung folgt, sucht nach Gelegenheiten, in denen der Hund erlebt, dass sein Verhalten wirkt — und das ist eine Aufgabe, die sich planen lässt.
Für den Alltag bleibt eine Prüffrage, die vor jeder Übung steht: Kann dieser Hund gerade etwas tun, das den Verlauf verändert, und weiß er, was als Nächstes kommt? Wo beides fehlt, wirkt dieselbe Übung anders als gedacht.
Beide Fragen sind in Sekunden beantwortet und verändern die Einschätzung einer Situation grundlegender als jede Beobachtung von Körpersprache. Sie beziehen sich nämlich nicht auf den Hund, sondern auf die Anordnung — und die lässt sich ändern.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit beim Hund
Es sind zwei Größen, nicht eine. Vorhersehbarkeit betrifft das Wann, Kontrollierbarkeit das Ob. In vielen Untersuchungen wurden beide vermengt, weshalb sich bei älteren Befunden oft nicht sagen lässt, welche gewirkt hat (Bassett & Buchanan-Smith, 2007).
Die Möglichkeit zählt, nicht ihre Nutzung. Eine Situation mit verfügbarem Ausweg wird anders verarbeitet als dieselbe Situation ohne — unabhängig davon, ob der Ausweg genommen wird.
Die Theorie wurde 2016 von ihren eigenen Urhebern umgekehrt. Passivität ist nicht gelernt, sondern die voreingestellte Antwort auf anhaltende Belastung; gelernt wird Kontrolle (Maier & Seligman, 2016). Praktisch heißt das: aufbauen statt abbauen.
Frühere Kontrollerfahrung wirkt vorbeugend. Die Autoren beschreiben, dass sich eine Erwartung von Kontrolle ausbildet, die in spätere Situationen mitgenommen wird — auch in solche, die tatsächlich nicht kontrollierbar sind.
Vorhersehbarkeit wirkt über die Sicherheitszeit. Entscheidend ist nicht die Ankündigung, sondern was ihr Ausbleiben bedeutet: Wo ein verlässliches Signal existiert, ist die übrige Zeit sicher. Ein Signal, das nur manchmal zutrifft, leistet das nicht.
Quellen
Bassett, L., & Buchanan-Smith, H. M. (2007). Effects of predictability on the welfare of captive animals. Applied Animal Behaviour Science, 102(3–4), 223–245. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2006.05.029
Beerda, B., Schilder, M. B. H., van Hooff, J. A. R. A. M., de Vries, H. W., & Mol, J. A. (1999a). Chronic stress in dogs subjected to social and spatial restriction. I. Behavioral responses. Physiology & Behavior, 66(2), 233–242. https://doi.org/10.1016/S0031-9384(98)00289-3
Beerda, B., Schilder, M. B. H., Bernadina, W., van Hooff, J. A. R. A. M., de Vries, H. W., & Mol, J. A. (1999b). Chronic stress in dogs subjected to social and spatial restriction. II. Hormonal and immunological responses. Physiology & Behavior, 66(2), 243–254. https://doi.org/10.1016/S0031-9384(98)00290-X
Maier, S. F., & Seligman, M. E. P. (2016). Learned helplessness at fifty: Insights from neuroscience. Psychological Review, 123(4), 349–367. https://doi.org/10.1037/rev0000033
Overmier, J. B., & Seligman, M. E. P. (1967). Effects of inescapable shock upon subsequent escape and avoidance responding. Journal of Comparative and Physiological Psychology, 63(1), 28–33. https://doi.org/10.1037/h0024166
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Vieira de Castro, A. C., Fuchs, D., Morello, G. M., Pastur, S., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLoS ONE, 15(12), e0225023. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225023

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