Trennungsangst beim Hund: Panik-System, Bindungsphysiologie und die Zerlegung eines Sammelbegriffs
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- vor 1 Tag
- 11 Min. Lesezeit
Der Begriff „Trennungsangst" wird im Alltag häufig wie eine Diagnose verwendet.. Wissenschaftlich ist der Begriff jedoch ein Syndrom – eine Ansammlung von Zeichen, die gemeinsam auftreten, ohne dass eine gemeinsame biologische Ursache belegt wäre. Der Unterschied ist nicht akademisch: Ein Syndrom lässt sich nur unspezifisch behandeln, eine Diagnose gezielt.
Wie weit die beiden auseinanderliegen, hat eine Arbeit der Universität Lincoln gezeigt. An 762 Hunden mit trennungsbezogenen Problemen wurden 54 Verhaltenszeichen analysiert, ohne vorab eine Theorie anzulegen. Heraus kamen sieben Komponenten und vier deutlich unterscheidbare Formen des Problems (de Assis, Matos, Pike, Burman & Mills, 2020). Nur eine davon entspricht dem, was landläufig unter Trennungsangst verstanden wird.
Dieser Artikel behandelt ausschließlich die wissenschaftliche Einordnung: die empirische Zerlegung des Syndroms, das Panik-System als neurobiologische Grundlage der Trennungsreaktion, die Bindungsphysiologie und die Abgrenzung gegenüber Frustration und Langeweile. Behandlung und Training sind bewusst nicht Gegenstand – dafür ist die Frage, um welche der vier Formen es geht, ohnehin die Voraussetzung.
Zur praktischen Seite des Themas: Trennungsangst beim Hund erkennen und verstehen

1. Warum „Trennungsangst“ keine Diagnose ist
1.1 Syndrom gegen Diagnose
Eine Diagnose beschreibt die Natur eines Zustands, ein Syndrom nur ein regelmäßig gemeinsam auftretendes Zeichenbündel. Die Behandlung eines Syndroms bleibt zwangsläufig unspezifisch, weil eine klare biologische Ursache fehlt oder mehrere Ursachen infrage kommen (de Assis et al., 2020).
Genau darin liegt das Problem: Hinter denselben Zeichen – Zerstörung, Lautäußerung, Unsauberkeit – können Furcht, Frustration oder die Panik beim Verlust einer Bindungsfigur stehen. Für die Einordnung des Einzelfalls macht das den entscheidenden Unterschied.
Zur Frage, wie Verhaltenskonstrukte überhaupt messbar gemacht werden: Hundeverhalten messbar machen
1.2 Wie verbreitet das Problem ist
Die Angaben schwanken erheblich. Für die allgemeine Hundepopulation werden 22,3 bis 55 Prozent genannt; bei verhaltenstherapeutischen Überweisungsfällen machen trennungsbezogene Probleme zwischen 14 und 40 Prozent aus (de Assis et al., 2020). In der finnischen Kohorte, die nach engeren Kriterien fragte, lag trennungsbezogenes Verhalten bei 5 Prozent (Salonen et al., 2020).
Diese Spannweite ist kein Widerspruch, sondern eine direkte Folge der uneinheitlichen Falldefinition.
1.3 Was die Unschärfe anrichtet
Ein konkretes Beispiel aus der Literatur macht die Folgen sichtbar: Zwei Untersuchungen berichten, dass Kastration das Risiko mehr als verdreifacht, eine dritte findet ein höheres Risiko bei unkastrierten Hunden. Die Autoren halten es für wahrscheinlicher, dass diese Widersprüche aus unterschiedlichen Falldefinitionen stammen als aus echten regionalen Unterschieden (de Assis et al., 2020).
Solange nicht feststeht, was gezählt wird, sind auch statistisch saubere Ergebnisse nicht vergleichbar.
1.4 Was die Komorbidität nahelegt
Ein unabhängiger Hinweis auf die Heterogenität kommt aus der finnischen Kohorte. Hunde mit trennungsbezogenem Verhalten waren dort 2,8-mal häufiger furchtsam, zugleich aber 4,1-mal häufiger hyperaktiv-impulsiv und 3,4-mal häufiger unaufmerksam als Hunde ohne dieses Verhalten (Salonen et al., 2020).
Das Muster passt schlecht zu einem einheitlichen Angstproblem und gut zu einem gemischten: Der stärkste Zusammenhang besteht nicht mit Furcht, sondern mit Merkmalen der Impuls- und Aufmerksamkeitsregulation.
Zu diesem Merkmalsbereich: ADHS-ähnliche Merkmale beim Hund
2. Die empirische Zerlegung
2.1 Aufbau der Untersuchung
Der Zugang war bewusst theoriefrei. Der Fragebogen umfasste 243 Positionen und deckte das gesamte Spektrum theoretischer Erklärungsansätze ab, damit sich keine Gruppen allein deshalb bilden, weil nur nach einem Aspekt gefragt wurde. Von 5.122 Antworten blieben nach Vollständigkeitsprüfung und Altersausschluss 762 Hunde für die Analyse (de Assis et al., 2020).
2.2 Die sieben Komponenten
Die Hauptkomponentenanalyse ergab aus 54 Zeichen sieben Komponenten, die zusammen 52 Prozent der Varianz erklären:
Ausgangsfrustration (11 Prozent) – Zerstörung an Türen, Rahmen, Griffen und Ausgängen, überwiegend mit den Krallen. Soziale Panik (9 Prozent) – Lautäußerung und Unruhe rund um den Aufbruch, benannt nach Panksepps Panik-System. Ausscheidung (9 Prozent). Umgerichtete Frustration (8 Prozent) – Zerstörung mit dem Fang, an mittelgroßen Gegenständen. Reaktive Kommunikation (6 Prozent) – Bellen gegenüber Rutenwedeln bei unklaren sozialen Begegnungen. Unmittelbare Frustration (5 Prozent) – aggressives Verhalten, wenn gewohnte Erwartungen abgeschnitten werden. Geräuschempfindlichkeit (5 Prozent).
2.3 Die vier Formen
Die Clusteranalyse teilte die 762 Hunde in vier Gruppen, die die Autoren benannten als Ausgangsfrustration (n = 133), umgerichtet-reaktiv (n = 221), reaktiv-gehemmt (n = 271) und langeweilebezogen (n = 137). Innerhalb dieser vier ließen sich elf Untergruppen abgrenzen.
Bemerkenswert an dieser Aufteilung ist, was fehlt: Keine der vier Formen ist schlicht „Trennungsangst“ im Sinne von Bindungspanik. Soziale Panik ist eine Komponente, die in allen vier Clustern in unterschiedlicher Ausprägung vorkommt – am stärksten in Cluster A, am schwächsten im Langeweile-Cluster.
2.4 Wie belastbar die Einteilung ist
Die Autoren haben mehrfach abgesichert. Die Komponentenstruktur wurde an einer zweiten Stichprobe wiederholt. Zwei verschiedene Clusterverfahren ordneten 89 Prozent der Hunde derselben Gruppe zu. Eine Diskriminanzanalyse ordnete über 90 Prozent korrekt zu, bei einer Fehlklassifikationsrate von 8,4 Prozent (de Assis et al., 2020).
Zum Vergleich verweisen die Autoren auf die Zuverlässigkeit der Trennungsangst-Diagnose beim Menschen im strukturierten Interview – ihre Zuordnungsgüte liegt in derselben Größenordnung.
3. Das Panik-System
3.1 Was beschrieben wurde
Die zweite Komponente wurde ausdrücklich nach Panksepps Konzept benannt. Panksepp beschrieb ein eigenständiges neuronales System für Trennungsdistress, das er vom Furchtsystem abgrenzt: Es wird nicht durch Bedrohung aktiviert, sondern durch den Verlust sozialer Nähe, und äußert sich bei jungen Säugetieren in Trennungsrufen (Panksepp, 1998).
Die Unterscheidung ist inhaltlich bedeutsam. Trennungspanik ist demnach nicht eine Unterform von Angst, sondern ein eigenes Motivationssystem mit eigener Auslösebedingung.
Der funktionale Sinn liegt auf der Hand: Für ein junges Säugetier ist der Verlust der Bezugsperson unmittelbar lebensbedrohlich, aber die adaptive Antwort darauf ist nicht Flucht oder Erstarren, sondern ein Signal, das die Bezugsperson zurückholt. Ein Furchtsystem, das auf Rückzug und Reglosigkeit ausgelegt ist, würde hier das Falsche tun. Deshalb ist ein getrenntes System plausibel.
Praktisch erklärt das eine Beobachtung, die sonst widersprüchlich wirkt: Ein Hund kann bei Trennung hochgradig belastet sein und dabei laut, aktiv und ungehemmt wirken – Zeichen, die im Furchtkontext gerade gegen eine starke Belastung sprächen.
Zur Neurobiologie von Furcht und Angst zum Vergleich: Angst beim Hund: Neurobiologie und Verhaltensstörung
3.2 Neurochemie der Trennung
Das System wird in der Grundlagenforschung mit endogenen Opioiden, mit Oxytocin und mit Prolaktin in Verbindung gebracht: Substanzen, die soziale Nähe signalisieren, dämpfen Trennungsrufe, ihr Entzug verstärkt sie. Daraus stammt die verbreitete Analogie zwischen sozialer Bindung und Abhängigkeit.
Diese Analogie ist allerdings mit Vorsicht zu behandeln. Sie beschreibt eine Ähnlichkeit der beteiligten Systeme, keine Gleichsetzung der Zustände – und sie wird in populären Darstellungen regelmäßig zu der Aussage verkürzt, ein Hund sei nach seinem Menschen „süchtig". Das trägt nichts zur Einordnung bei und legt eine Behandlungsrichtung nahe, die aus der Sache nicht folgt.
Zur Rolle der beteiligten Botenstoffe insgesamt: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen
3.3 Grenzen der Übertragung
Hier ist dieselbe Offenheit nötig wie bei Angst. Die Befunde zum Panik-System stammen praktisch vollständig aus Nager- und Vogelforschung sowie aus Arbeiten an Primaten. Für den Hund gibt es keine direkte Messung zentraler Opioidaktivität unter Trennungsbedingungen und keine bildgebende Untersuchung dieses Systems.
Was für den Hund vorliegt, ist die Verhaltensebene – und die Beobachtung der Lincoln-Gruppe, dass sich die entsprechenden Zeichen tatsächlich zu einer eigenen Komponente bündeln. Das stützt die Übertragung, ersetzt sie aber nicht.
4. Bindungsphysiologie
4.1 Bindung als Regulationssystem
Bindung ist funktional ein Regulationssystem: Die Anwesenheit der Bezugsperson dämpft die Stressantwort, ihre Abwesenheit hebt sie an. Deshalb ist Trennung kein neutraler Zustand, sondern der Wegfall eines Regulators.
Daraus folgt ein Zusammenhang, der die Einordnung erschwert: Wie stark die Trennung belastet, hängt nicht nur vom Hund ab, sondern von der Qualität der Regulation, die vorher stattfand. Zwei Hunde mit identischer Trennungsdauer können sehr unterschiedlich belastet sein, ohne dass sich der Unterschied an ihnen selbst festmachen ließe.
Das erklärt auch, warum die Belastung nicht linear mit der Abwesenheitsdauer wächst. Die stärksten Zeichen treten in der Untersuchung rund um den Aufbruch und in der ersten Phase danach auf – also dort, wo der Regulator wegfällt, nicht dort, wo er am längsten fehlt.
Zur Cortisolregulation unter Dauerbelastung: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol und Langzeitfolgen
4.2 Sichere und unsichere Bindung
Aus der Humanforschung ist bekannt, dass bestimmte Betreuungsstile – emotional inkonsistent oder ausgeprägt unberechenbar – zu unsicheren Bindungsformen führen. Die Autoren der Lincoln-Arbeit greifen diesen Zusammenhang ausdrücklich auf und weisen darauf hin, dass Bindungspanik und Furcht ontogenetisch nicht getrennt sein müssen (de Assis et al., 2020).
Zu Bindungsstilen im Detail: Bindungsstile beim Hund
Zur frühen Entwicklung: Die sensible Phase beim Welpen
4.3 Warum „Hyperbindung“ zu kurz greift
Die verbreitete Vorstellung, trennungsbezogene Probleme entstünden aus übermäßiger Bindung, wird durch die Daten nicht getragen. Die Lincoln-Autoren benennen sie sogar als Quelle einer problematischen Empfehlung: Kontaktsuchendes Verhalten zu ignorieren, um eine vermeintliche Überbindung abzubauen, kann bei tatsächlich ängstlicher Bindung das Gegenteil bewirken und die Unsicherheit verstärken (de Assis et al., 2020).
Zur Unterscheidung von beobachtbarem Verhalten und innerem Zustand: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
5. Abgrenzung gegenüber Frustration
5.1 Der Frustrationsanteil ist der größte
Das für die Praxis wichtigste Ergebnis der Untersuchung ist selten zitiert: Drei der sieben Komponenten beziehen sich auf Frustration – Ausgangsfrustration, umgerichtete Frustration und unmittelbare Frustration. Zusammen erklären sie 24 Prozent der Gesamtvarianz. Rechnet man die reaktive Kommunikation hinzu, die die Autoren ebenfalls als mögliche Frustrationsintoleranz deuten, kommen weitere 6 Prozent dazu (de Assis et al., 2020).
Das steht im Gegensatz zur bisherigen Schwerpunktsetzung der Forschung, die überwiegend auf die Bindung zwischen Hund und Halter sowie auf Furcht abstellte.
Zur Frustration als eigenständigem Mechanismus: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
5.2 Ausgangsfrustration gegen Panik
Der Unterschied lässt sich am Zerstörungsmuster festmachen. Ausgangsfrustration richtet sich auf Türen, Rahmen, Griffe und Bodenbereiche unmittelbar am Ausgang und erfolgt überwiegend mit den Krallen – ein Fluchtversuch an der Blockade. Soziale Panik äußert sich dagegen in Lautäußerung und Unruhe rund um den Aufbruch, nicht in gerichteter Zerstörung.
Ein Nebenbefund korrigiert eine verbreitete Annahme: Die theoretisch begründete Erwartung, Hunde zerstörten bevorzugt Gegenstände mit dem Geruch des Halters, ließ sich nicht bestätigen. Unterschieden wurde die Zerstörung stattdessen danach, ob sie mit den Krallen zum Ausgang hin oder mit dem Fang an mittelgroßen Gegenständen erfolgte (de Assis et al., 2020).
5.3 Umgerichtete Frustration
Die vierte Komponente umfasst Zerstörung mit dem Fang an mittelgroßen Gegenständen und Kleidung. Sie tritt im Isolationskontext auf und wird als umgerichtetes Verhalten gedeutet: Das eigentliche Ziel ist unerreichbar, die Aktivität verlagert sich auf das Nächstliegende.
Zur Erregungsseite dieses Zustands: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation
6. Abgrenzung gegenüber Langeweile und anderem
6.1 Der Langeweile-Cluster
Die vierte Hauptgruppe umfasste 137 Hunde und wurde als langeweilebezogen eingeordnet. Sie zeichnet sich durch die niedrigsten Werte bei sozialer Panik und bei reaktiver Kommunikation aus. Diese Hunde zeigen also Zeichen, die als Trennungsangst gedeutet werden – ohne die Merkmale, die eine Trennungspanik ausmachen würden.
Damit ist eine praktisch bedeutsame Fehlzuschreibung empirisch belegt: Ein Teil der Hunde, die als trennungsängstlich eingeordnet werden, könnte daher anderen Mechanismen folgen
Die beiden Untergruppen dieses Clusters unterscheiden sich zudem deutlich voneinander: Die eine zeigt kaum Zerstörung, die andere ausgeprägt umgerichtete Frustration. Das spricht dafür, dass unter „Langeweile" noch einmal zwei verschiedene Zustände liegen – ein weitgehend passiver und ein aktiv-unzufriedener.
Zur Einordnung gehört ein Vorbehalt. Die Clusterbezeichnung stammt aus der Interpretation eines Expertengremiums, nicht aus einer unabhängigen Messung von Langeweile. Sie beschreibt, welche Zeichen fehlen – niedrige Panikwerte, niedrige reaktive Kommunikation –, und schließt daraus auf den wahrscheinlichsten verbleibenden Zustand. Das ist begründet, aber es ist eine Ausschlussdiagnose.
6.2 Geräuschempfindlichkeit gehört nicht dazu
Die siebte Komponente erfasst Panik und Zerstörung bei lauten Geräuschen. Auffällig ist ihre geringe Häufigkeit: Die zugehörigen Zeichen traten bei weniger als 1,5 Prozent der Hunde auf. Die Autoren halten fest, dass Geräuschfurcht entgegen früherer Auffassung keine eigene Form trennungsbezogener Probleme bildet (de Assis et al., 2020).
Für die Einordnung heißt das: Ein Hund, der bei Gewitter allein zu Hause panisch reagiert, hat ein Geräuschproblem, kein Trennungsproblem.
Zur Geräuschfurcht und ihrer Entstehung: Furchtkonditionierung und Rekonsolidierung beim Hund
6.3 Was gar nicht lud
Zwei Zeichen, die in gängigen Definitionen von Trennungsangst regelmäßig auftauchen, luden auf keine einzige Komponente: Speicheln und niedergeschlagenes Verhalten. Letzteres ist besonders bemerkenswert, weil es mit 52,9 Prozent das zweithäufigste Einzelzeichen der gesamten Stichprobe war.
Die Autoren führen das darauf zurück, dass Niedergeschlagenheit ein kontextübergreifender Zustand ist und zudem stark von der Deutung des Halters abhängt. Für die Abgrenzung der Formen taugt es nicht – für die Tierschutzbewertung schon.
Zur experimentellen Erfassung von Stimmungszuständen: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen
7. Konsequenzen für die Einordnung
7.1 Warum Studien sich widersprechen
Die uneinheitliche Falldefinition erklärt einen großen Teil der widersprüchlichen Befunde in der Literatur – vom Kastrationseffekt bis zur Rangfolge der Zeichen. Wer Studien zu diesem Thema liest, sollte zuerst prüfen, welche Einschlusskriterien galten.
7.2 Zwei problematische Standardempfehlungen
Die Lincoln-Gruppe benennt zwei Empfehlungen, die ohne Zuordnung zur konkreten Form problematisch sind. Die erste ist widersprüchlich in sich: Abbautraining der Abschiedssignale bei gleichzeitiger Gabe eines gefüllten Spielzeugs vor dem Verlassen – letzteres macht den Aufbruch gerade vorhersagbarer. Die zweite ist das bereits genannte Ignorieren kontaktsuchenden Verhaltens (de Assis et al., 2020).
7.3 Niedergeschlagenheit als übersehenes Zeichen
Dass niedergeschlagenes Verhalten bei mehr als der Hälfte der Hunde berichtet wurde, aber selten Anlass zur Vorstellung gibt, ist ein eigenständiger Befund. Es ist leicht zu übersehen, weil es nichts zerstört und niemanden stört.
Zur Verhaltensunterdrückung als Fehldeutung von Ruhe: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund
Zur Deutung von Körpersprache und frühen Anspannungszeichen: Warnsignale beim Hund
8. Zusammenfassung im Überblick
„Trennungsangst“ ist ein Syndrom, keine Diagnose. Hinter denselben Zeichen können Furcht, Frustration oder Bindungspanik stehen, und die Behandlung eines Syndroms bleibt zwangsläufig unspezifisch.
Die bislang größte Untersuchung zerlegte das Syndrom an 762 Hunden theoriefrei in sieben Komponenten und vier Formen: Ausgangsfrustration, umgerichtet-reaktiv, reaktiv-gehemmt und langeweilebezogen. Zwei Clusterverfahren stimmten zu 89 Prozent überein.
Das auffälligste Ergebnis betrifft die Gewichtung: Drei der sieben Komponenten sind Frustration und erklären zusammen 24 Prozent der Varianz. Soziale Panik im Sinne von Panksepps Panik-System ist eine Komponente unter mehreren, nicht der Kern des Problems.
Neurobiologisch ist das Panik-System als eigenes, vom Furchtsystem getrenntes Motivationssystem beschrieben, das auf den Verlust sozialer Nähe reagiert. Die zugehörige Neurochemie stammt allerdings aus anderen Arten; direkte Messungen am Hund fehlen.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Keine Behandlungsstudien nach Form
Die Zerlegung schafft die Grundlage, um Behandlungen formspezifisch zu prüfen – geprüft wurde es aber noch nicht. Ob ein Hund aus dem Langeweile-Cluster anders auf eine Intervention anspricht als einer aus dem Panik-Bereich, ist eine plausible und offene Frage.
Die Autoren halten die Behandlung ausdrücklich außerhalb des Untersuchungsgegenstands und beschreiben ihre Arbeit als Grundlage für spätere Wirksamkeitsprüfungen. Damit ist der derzeitige Stand klar umrissen: Die Einteilung existiert, ihre therapeutische Relevanz ist begründet vermutet, aber nicht belegt.
9.2 Keine physiologische Validierung
Die vier Formen sind über Verhaltenszeichen definiert und über die vermuteten emotionalen Zustände interpretiert. Ob sich diese Zustände physiologisch unterscheiden lassen, ist nicht gezeigt. Die Autoren bezeichnen Motivation und Emotion selbst ausdrücklich als hypothetische Konstrukte.
Zu stabilen individuellen Unterschieden, die die Zuordnung modulieren dürften: Temperament und Coping-Stile beim Hund
9.3 Halterbericht und Auswahleffekte
Die Daten stammen aus einer freiwilligen Online-Befragung. Die Autoren weisen selbst auf einen möglichen Rekrutierungseffekt hin: Der Weimaraner war in der Stichprobe auffällig stark vertreten, was ebenso gut daran liegen kann, dass Zuchtverbände die Umfrage verbreitet haben, wie an einem erhöhten Risiko.
10. Fazit
Die wichtigste Konsequenz aus dieser Forschung ist eine Frage, die vor jeder anderen steht: Welche der vier Formen liegt vor? Der Sammelbegriff „Trennungsangst“ beantwortet sie nicht, sondern verdeckt sie.
Für die Einordnung im Einzelfall sind drei Unterscheidungen entscheidend. Richtet sich die Zerstörung mit den Krallen auf den Ausgang, spricht das für Frustration an der Blockade. Konzentrieren sich die Zeichen auf Lautäußerung und Unruhe um den Aufbruch herum, spricht das für soziale Panik. Fehlen beide Muster und bleiben unspezifische Beschäftigungszerstörung und niedrige Panikwerte, ist Langeweile die naheliegendere Erklärung.
Was die Neurobiologie beitragen kann, ist ein Verständnis dafür, warum Trennung überhaupt ein eigenes Problem ist: Bindung wirkt als Regulator, und ein eigenes Motivationssystem reagiert auf ihren Verlust. Was sie beim Hund noch nicht beitragen kann, ist eine Messung – dieser Teil ist übertragen, nicht gezeigt.
Zur praktischen Umsetzung des Alleinbleibens: So gewöhnst du deinen Hund ans Alleinsein
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Trennungsangst beim Hund
„Trennungsangst“ ist ein Syndrom, keine Diagnose. Hinter denselben Zeichen können Furcht, Frustration oder Bindungspanik stehen (de Assis et al., 2020). Das erklärt, warum sich Studien zum Thema widersprechen – etwa zur Frage, ob Kastration das Risiko erhöht oder senkt.
Es gibt vier unterscheidbare Formen. An 762 Hunden ergaben sich theoriefrei sieben Komponenten und vier Cluster: Ausgangsfrustration, umgerichtet-reaktiv, reaktiv-gehemmt und langeweilebezogen. Zwei unabhängige Clusterverfahren stimmten zu 89 Prozent überein, die Diskriminanzanalyse ordnete über 90 Prozent korrekt zu.
Frustration wiegt schwerer als Bindungspanik. Drei der sieben Komponenten betreffen Frustration und erklären zusammen 24 Prozent der Varianz. Das widerspricht der bisherigen Schwerpunktsetzung auf Bindung und Furcht.
Geräuschfurcht bildet keine eigene Form. Die entsprechenden Zeichen traten bei unter 1,5 Prozent auf. Ein Hund, der bei Gewitter allein panisch reagiert, hat ein Geräuschproblem – kein Trennungsproblem.
Niedergeschlagenheit lud auf keine Komponente. Sie war mit 52,9 Prozent das zweithäufigste Einzelzeichen überhaupt, taugt aber nicht zur Unterscheidung der Formen – wohl aber als Tierschutzhinweis, gerade weil sie nichts zerstört und niemanden stört.
Quellen
de Assis, L. S., Matos, R., Pike, T. W., Burman, O. H. P., & Mills, D. S. (2020). Developing diagnostic frameworks in veterinary behavioral medicine: Disambiguating separation related problems in dogs. Frontiers in Veterinary Science, 6, 499. https://doi.org/10.3389/fvets.2019.00499
McPeake, K. J., Collins, L. M., Zulch, H., & Mills, D. S. (2019). The Canine Frustration Questionnaire—Development of a new psychometric tool for measuring frustration in domestic dogs (Canis familiaris). Frontiers in Veterinary Science, 6, 152. https://doi.org/10.3389/fvets.2019.00152
Mikkola, S., Salonen, M., Puurunen, J., Hakanen, E., Sulkama, S., Araujo, C., & Lohi, H. (2021). Aggressive behaviour is affected by demographic, environmental and behavioural factors in purebred dogs. Scientific Reports, 11, 9433. https://doi.org/10.1038/s41598-021-88793-5
Panksepp, J. (1998). Affective neuroscience: The foundations of human and animal emotions. Oxford University Press.
Salonen, M., Sulkama, S., Mikkola, S., Puurunen, J., Hakanen, E., Tiira, K., Araujo, C., & Lohi, H. (2020). Prevalence, comorbidity, and breed differences in canine anxiety in 13,700 Finnish pet dogs. Scientific Reports, 10, 2962. https://doi.org/10.1038/s41598-020-59837-z

.png)


