Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund: Warum Verhalten den inneren Zustand nicht verrät
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- vor 2 Tagen
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Ein Hund liegt still auf seiner Decke. Ein zweiter hört nach einer Einwirkung auf zu bellen. Ein dritter geht ohne Zögern auf einen fremden Menschen zu. In allen drei Fällen liegt eine Deutung nahe — entspannt, verstanden, freundlich — und in allen drei Fällen ist sie nicht durch das gestützt, was tatsächlich beobachtet wurde.
Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern das methodische Grundproblem der gesamten Verhaltensbiologie. Verhalten ist messbar, der innere Zustand nicht. Zwischen beiden liegt ein Schluss, und dieser Schluss ist die Stelle, an der Trainingsentscheidungen richtig oder falsch werden.
Dieser Artikel behandelt, wie sich beide Ebenen unterscheiden, warum erlerntes Verhalten und emotionale Reaktion immer gleichzeitig entstehen, mit welchen Verfahren sich innere Zustände überhaupt erschließen lassen und wo diese Verfahren an ihre Grenzen kommen. Ein wiederkehrender Punkt: Die Abnahme eines Verhaltens ist der am häufigsten fehlgedeutete Befund der Praxis.
Zur Einführung ins Thema für den Alltag: Verhalten ist nicht gleich Emotion

1. Das Grundproblem
1.1 Verhalten ist beobachtbar, Emotion nicht
Emotionen sind in der Verhaltensforschung hypothetische Konstrukte. Hypothetisch bedeutet dabei nicht unwirklich, sondern dass der Zustand nicht direkt beobachtet werden kann und über überprüfbare Indikatoren erschlossen wird. Sie werden also nicht gemessen, sondern aus indirekten Anzeichen abgeleitet — und müssen deshalb so formuliert sein, dass sie widerlegbar bleiben (Mills, 2017). Wer über die Emotion eines Hundes spricht, macht eine Hypothese, keine Beobachtung.
Das gilt in beide Richtungen. „Der Hund ist entspannt“ ist ebenso eine Zuschreibung wie „der Hund leidet“. Beide können zutreffen, beide brauchen Belege über die bloße Verhaltensbeschreibung hinaus.
Zur methodischen Grundlage: Hundeverhalten messbar machen
1.2 Ursache oder Folge?
Die Frage, ob Emotionen die Ursache des zugehörigen Verhaltens sind oder dessen Folge, ist seit dem 19. Jahrhundert umstritten. Anderson und Adolphs schlagen einen Ausweg vor, der ohne Rückgriff auf subjektives Erleben auskommt: Emotionale Verhaltensweisen sind eine Klasse von Verhalten, die einen inneren Emotionszustand ausdrückt, und dieser Zustand lässt sich über allgemeine funktionale Eigenschaften charakterisieren (Anderson & Adolphs, 2014).
Diese Eigenschaften — unter anderem Skalierbarkeit mit der Reizstärke, Fortbestehen über den Auslöser hinaus, Übertragung auf andere Verhaltensweisen — sind prüfbar, ohne dass man wissen muss, wie sich der Zustand anfühlt. Genau das macht den Ansatz artübergreifend anwendbar.
1.3 Warum die Frage nicht akademisch ist
Aus der Unterscheidung folgen unterschiedliche Interventionen. Wer ein Verhalten für das Problem hält, verändert Verhalten. Wer den zugrundeliegenden Zustand für das Problem hält, verändert Bewertung. Bei einem furchtmotivierten Hund führt der erste Weg zu einem Tier, das die Reaktion unterdrückt und den Zustand behält.
2. Zwei Lernwege, zwei Ebenen
2.1 Respondentes und operantes Lernen
Klassische und operante Konditionierung sind keine konkurrierenden Erklärungen, sondern beschreiben verschiedene Aspekte derselben Situation. Klassische Konditionierung betrifft, was ein Reiz bedeutet — welche Konsequenz er ankündigt. Operante Konditionierung betrifft, was ein Verhalten bewirkt — welche Konsequenz ihm folgt.
Die erste verändert vorrangig die emotionale Bewertung, die zweite vorrangig die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens. Genau darin liegt der Kern der Unterscheidung, um die es hier geht.
Die Trennung ist allerdings analytisch, nicht physisch. Ein Leckerli für ein gezeigtes Sitz verstärkt operant das Verhalten und verknüpft zugleich klassisch den Kontext mit einem angenehmen Ausgang. Umgekehrt erzeugt eine rein klassische Prozedur fast immer auch Verhalten, das Konsequenzen hat. Wer eines von beiden zu isolieren versucht, arbeitet gegen die Struktur der Situation.
Praktisch bedeutsam ist, welcher der beiden Prozesse im Vordergrund steht. Bei einem Hund, der ein Signal noch nicht kann, dominiert die operante Seite. Bei einem Hund, der ein Signal kann und es in einer bestimmten Situation nicht zeigt, ist die Frage fast immer eine der Bewertung — was diese Situation für ihn bedeutet.
2.2 Was Pavlovsche Konditionierung wirklich ist
Die verbreitete Lehrbuchdarstellung — ein neutraler Reiz wird zum Ersatz für den unkonditionierten Reiz und löst dieselbe Reaktion aus — hält Rescorla für irreführend. Sein Einwand: Organismen bilden Assoziationen nicht blind, sondern nutzen die Reizumgebung, um Beziehungen zwischen Ereignissen abzubilden. Konditionierung ist demnach ein Vorgang, bei dem das Tier lernt, welches Ereignis welches vorhersagt — nicht ein mechanisches Einprägen von Reflexen (Rescorla, 1988).
Für die Praxis folgt daraus etwas Wichtiges: Es zählt nicht, wie oft zwei Dinge gemeinsam auftraten, sondern wie zuverlässig das eine das andere vorhersagt. Ein Signal, das die Konsequenz nur manchmal ankündigt, während sie auch sonst auftritt, wird nicht zum Vorhersager.
Zur Rolle der Erwartungsverletzung im Lernprozess: Furchtkonditionierung und Rekonsolidierung beim Hund
2.3 Warum beide immer zugleich laufen
In jeder realen Trainingssituation laufen beide Prozesse gleichzeitig. Der Hund lernt, was zu tun ist, und zugleich, was die Situation bedeutet. Diese Gleichzeitigkeit ist der Grund, warum sich zwei Hunde mit identischem Verhaltensrepertoire in ihrem Zustand grundlegend unterscheiden können — und warum die Frage „kann er es?“ die Frage „wie geht es ihm dabei?“ nicht beantwortet.
Ein alltägliches Beispiel macht die Gleichzeitigkeit sichtbar. Zwei Hunde gehen auf Zuruf zum Tierarzt-Wartezimmer. Der eine hat gelernt, dass dort planbare, überwiegend harmlose Dinge geschehen; der andere hat dort Schmerz erlebt. Beide zeigen dasselbe Verhalten, weil beide dasselbe Signal gelernt haben. Der Unterschied liegt vollständig auf der Bedeutungsebene und wird erst sichtbar, wenn die Situation schwieriger wird.
Zur Neurochemie hinter beiden Prozessen: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen
3. Wie sich Emotion erschließen lässt
3.1 Emotion als hypothetisches Konstrukt
Mills beschreibt den fachlich sauberen Zugang: Motivation — also das Verhaltensziel — und Emotion — also die funktionale Beziehung zu einem Reiz — sind getrennt zu betrachten, und die Zuordnung erfolgt durch Zusammenführen mehrerer Belegarten mit dem Ziel der Falsifizierbarkeit (Mills, 2017). Die Autoren der Trennungsproblem-Arbeit übernehmen genau diesen Ansatz und halten fest, dass Motivation und Emotion hypothetische Konstrukte bleiben (de Assis et al., 2020).
3.2 Der Weg über mehrere Belegarten
Weil kein einzelner Indikator ausreicht, wird trianguliert: Verhalten im Kontext, physiologische Marker, Vorgeschichte und die Reaktion auf gezielte Veränderungen der Situation. Erst wenn mehrere unabhängige Zugänge in dieselbe Richtung zeigen, wird die Zuschreibung belastbar.
Der vierte Punkt ist der aussagekräftigste und wird am seltensten genutzt. Wer eine Hypothese über den Zustand hat, kann sie prüfen, indem er die Situation gezielt verändert und vorhersagt, was passieren müsste. Nimmt man an, ein Hund reagiere furchtmotiviert, muss mehr Distanz die Reaktion abschwächen. Nimmt man Frustration an, muss sie das nicht — dort endet die Reaktion, wenn das Ziel erreichbar wird.
Damit wird aus einer Zuschreibung eine überprüfbare Aussage. Das ist der eigentliche Gewinn des Ansatzes: nicht Sicherheit über den inneren Zustand, sondern die Möglichkeit, sich zu irren und es zu merken.
Zur Anwendung dieses Prinzips auf konkurrierende Erklärungen: Trennungsangst beim Hund: Panik, Frustration, Langeweile
3.3 Valenz und Erregung als Dimensionen
Ein verbreiteter Rahmen beschreibt affektive Zustände über zwei Dimensionen: Valenz — positiv oder negativ — und Erregung — hoch oder niedrig (Mendl, Burman & Paul, 2010). Der Vorteil liegt darin, dass sich beide getrennt erfassen lassen und dass die Kombination Zustände unterscheidbar macht, die bei eindimensionaler Betrachtung zusammenfallen.
Praktisch ist das der Grund, warum Erregungsmessung allein nichts über das Befinden aussagt: Spiel und Panik liegen auf derselben Erregungshöhe bei entgegengesetzter Valenz.
Zur Erregungsseite im Detail: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation
4. Messverfahren und ihre Grenzen
4.1 Verhaltensbeobachtung
Der zugänglichste Weg ist zugleich der mehrdeutigste. Dieselbe sichtbare Handlung kann aus verschiedenen Zuständen entstehen, und die diagnostisch aussagekräftigsten Zeichen sind oft die unauffälligen — Abwenden, Erstarren, verminderte Bewegung.
Zwei systematische Verzerrungen kommen hinzu. Erstens fällt intensives Verhalten stärker auf als reduziertes, weshalb aktive Zustände regelmäßig überschätzt und passive unterschätzt werden. Zweitens werden Zeichen bevorzugt registriert, die den Beobachter stören — Bellen und Zerstörung werden bemerkt, Rückzug und Regungslosigkeit nicht.
Beide Verzerrungen wirken in dieselbe Richtung: Sie lassen genau die Zustände unsichtbar werden, die tierschutzrelevant am schwersten wiegen.
Zur Deutung früher Anspannungszeichen: Warnsignale beim Hund
4.2 Physiologie
Herzfrequenz, Herzratenvariabilität und Cortisol sind objektiv messbar und unterscheiden dennoch nicht zuverlässig zwischen positiv und negativ getönten Zuständen. Sie erfassen die Intensität, nicht das Vorzeichen. Hinzu kommen unterschiedliche Zeitkonstanten: Die sympathische Antwort läuft in Sekunden ab, die Cortisolantwort über Minuten bis Stunden.
Zur Cortisolregulation unter Dauerbelastung: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol und Langzeitfolgen
4.3 Kognitive Verzerrung als indirekter Zugang
Der methodisch eleganteste Zugang nutzt eine Eigenschaft affektiver Zustände: Sie beeinflussen, wie mehrdeutige Information bewertet wird. Ein Tier in negativem Zustand behandelt einen uneindeutigen Reiz eher pessimistisch. Genau das machte sich die Untersuchung zu aversiven Trainingsmethoden zunutze — Hunde aus aversiv arbeitenden Schulen näherten sich mehrdeutigen Positionen zögerlicher (Vieira de Castro et al., 2020).
Auch hier gilt eine Einschränkung: Das Verfahren misst eine Entscheidungsverzerrung, aus der auf den Zustand geschlossen wird. Der Schluss bleibt indirekt, und individuelle Persönlichkeitsunterschiede wirken mit hinein (Bunford, Csibra & Gácsi, 2019).
Zum Verfahren im Detail: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen
5. Die typischen Fehlschlüsse
5.1 Ruhe als Entspannung
Der häufigste Fehlschluss setzt Reglosigkeit mit Wohlbefinden gleich. Ein Hund, der nichts tut, kann entspannt sein — oder in einem Zustand ausgeprägter Verhaltensunterdrückung, in dem er keine Handlungsoption mehr sieht. Beides sieht ähnlich aus, und der Unterschied ist der wichtigste im ganzen Themenfeld.
Unterscheiden lassen sich die beiden nicht am Ruhezustand selbst, sondern an dem, was möglich ist. Ein entspannter Hund reagiert auf ein positives Angebot, wechselt die Position, nimmt Umgebungsreize wahr. Ein unterdrückter Hund tut nichts davon oder braucht auffällig lange dafür. Die Prüfgröße ist also nicht die Ruhe, sondern die Verfügbarkeit von Verhalten.
Zur Verhaltensunterdrückung als Fehldeutung von Ruhe: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund
5.2 Abwesenheit als Besserung
Verschwindet ein Problemverhalten, wird das als Erfolg gewertet. Möglich sind aber mindestens drei Erklärungen: Die Bewertung hat sich tatsächlich verändert; das Verhalten wurde unterdrückt, die Bewertung nicht; oder der Auslöser trat schlicht nicht mehr auf. Nur die erste ist ein Behandlungserfolg.
Zur Löschung und ihren Rückfallphänomenen: Extinktion beim Hund: Warum Verhalten verschwindet — und plötzlich wiederkommt
5.3 Der Halterblick
Dass Halter Verhalten sehen, es aber nicht als Ausdruck eines Zustands deuten, ist empirisch belegt. In einer allgemeinen Befragung bezeichnete etwa ein Viertel der Halter ihren Hund als geräuschängstlich; nach konkreten Verhaltensweisen gefragt, berichtete fast die Hälfte mindestens ein Furchtzeichen (Blackwell, Bradshaw & Casey, 2013).
Der Befund ist doppelt bedeutsam: Er zeigt die Lücke zwischen Beobachtung und Deutung — und er entwertet jede Prävalenzzahl, die auf allgemeinen Fragen beruht.
Dieselbe Lücke wirkt in der Beratung. Wer einen Halter fragt, ob sein Hund Angst habe, erhebt dessen Deutung. Wer fragt, was der Hund konkret tut — hechelt, zittert, sucht Nähe, versteckt sich —, erhebt Beobachtung. Der Unterschied im Ergebnis ist keine Nuance, sondern der Faktor zwei.
6. Warum die Unterscheidung über die Intervention entscheidet
6.1 Verhaltensaufbau gegen Bewertungsänderung
Ein Alternativverhalten aufzubauen und die Bewertung eines Reizes zu verändern sind verschiedene Vorhaben mit verschiedenen Verfahren. Das erste arbeitet mit Konsequenzen für das Verhalten, das zweite mit der Vorhersagebeziehung des Reizes. Ein Hund kann ein perfektes Alternativverhalten zeigen und den Auslöser weiterhin als bedrohlich bewerten.
Ob das ein Problem ist, hängt vom Ziel ab. Für die Bewältigung einer unvermeidbaren Situation kann ein zuverlässiges Alternativverhalten ausreichen. Für eine dauerhafte Lösung reicht es nicht, weil das Verhalten unter Belastung als erstes ausfällt — und Belastung ist genau die Bedingung, unter der es gebraucht wird.
Zur systematischen Veränderung der Bewertung: Desensibilisierung und Gegenkonditionierung beim Hund
6.2 Was Strafe trifft
Aversive Einwirkung greift zuverlässig an der Verhaltensebene an und lässt die Bewertungsebene unberührt oder verschlechtert sie. Das erklärt die scheinbare Wirksamkeit bei gleichzeitigem Ausbleiben einer echten Veränderung — und die dokumentierten Hinweise auf einen negativeren Stimmungszustand (Vieira de Castro et al., 2020).
Zu den neurobiologischen Folgen: Fallout von Strafe beim Hund
6.3 Dieselbe Handlung, verschiedene Zustände
Die Unterscheidung zieht sich durch das gesamte Themenfeld. Vorpreschen an der Leine kann Distanz herstellen sollen oder Annäherung. Zerstörung beim Alleinsein kann Fluchtversuch, umgerichtete Frustration oder Beschäftigung sein (de Assis et al., 2020). Aggressives Verhalten kann aus Furcht, Schmerz oder blockiertem Zugang entstehen.
Zur Aggressionsseite: Aggression beim Hund: Ursachen und Auslöser verstehen
Zur Frustrationsseite: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
7. Konsequenzen für die Einordnung
7.1 Die Funktionsanalyse
Weil die Zuschreibung eines Zustands unsicher bleibt, ist die Funktionsanalyse das robustere Werkzeug: Welcher Reiz geht dem Verhalten voraus, unter welchen Bedingungen tritt es nicht auf, und welche Konsequenz folgt verlässlich? Diese drei Fragen sind beantwortbar und zeigen direkt auf die veränderbaren Größen.
7.2 Erfolgsbeurteilung
Aus Abschnitt 5.2 folgt, dass die Abnahme des Zielverhaltens allein kein tragfähiger Erfolgsindikator ist. Belastbarer sind die Erholungszeit nach einer Belastung, die Reaktionsfähigkeit auf positive Reize während der Belastung, die Verhaltensvariabilität und die Bereitschaft, sich der Umgebung zuzuwenden.
Diese vier haben eine gemeinsame Eigenschaft: Sie lassen sich durch Unterdrückung nicht vortäuschen. Ein Hund, dessen Reaktion unterdrückt wurde, wird nicht schneller ruhig, nicht ansprechbarer und nicht neugieriger — er wird nur leiser. Deshalb sind sie die aussagekräftigeren Größen, obwohl sie schwerer zu erheben sind als ein Ereigniszähler.
Zu stabilen individuellen Unterschieden, die die Bewertung modulieren: Temperament und Coping-Stile beim Hund
7.3 Grenzen der Zuschreibung
Umgekehrt gilt die Zurückhaltung auch für Zuschreibungen in die andere Richtung. Aus dem methodischen Vorbehalt folgt nicht, dass Hunde keine emotionalen Zustände hätten — nur, dass wir sie nicht direkt beobachten. Der Fehler liegt in der Sicherheit der Behauptung, nicht in ihrem Inhalt.
Diese Klarstellung ist nötig, weil der Vorbehalt gelegentlich zur Gegenposition verkürzt wird: Man könne über das Innenleben von Hunden nichts sagen, also solle man es lassen. Das ist wissenschaftlich nicht haltbar und praktisch schädlich. Die Verhaltensbiologie arbeitet routinemäßig mit nicht direkt beobachtbaren Größen; entscheidend ist nicht, ob man sie annimmt, sondern ob die Annahme prüfbar bleibt.
Der Unterschied zeigt sich am Sprachgebrauch. „Der Hund hat Angst" ist eine Behauptung. „Das Verhaltensmuster ist mit einer furchtmotivierten Reaktion vereinbar, und mehr Distanz sollte es abschwächen" ist eine Hypothese mit Prüfbedingung. Beide meinen dasselbe. Nur die zweite lässt sich widerlegen.
Zur Neurobiologie der Furchtverarbeitung: Angst beim Hund: Neurobiologie und Verhaltensstörung
8. Zusammenfassung im Überblick
Verhalten ist beobachtbar, der zugrundeliegende Zustand nicht. Emotionen sind in der Verhaltensforschung hypothetische Konstrukte, die aus mehreren indirekten Belegen erschlossen und falsifizierbar formuliert werden müssen.
Anderson und Adolphs schlagen vor, emotionale Zustände über allgemeine funktionale Eigenschaften zu charakterisieren, statt über subjektives Erleben — Skalierbarkeit, Fortbestehen, Übertragbarkeit. Damit werden sie artübergreifend prüfbar.
In jeder Trainingssituation laufen zwei Lernprozesse gleichzeitig: Der Hund lernt, was zu tun ist, und was die Situation bedeutet. Deshalb sagt ein Verhaltensrepertoire nichts über den Zustand aus.
Von den Messverfahren erfasst die Physiologie die Intensität, nicht das Vorzeichen; die Verhaltensbeobachtung ist mehrdeutig; und der kognitive Verzerrungstest liefert einen indirekten, aber vergleichsweise informativen Zugang zur Valenz.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Kein direkter Zugang
Es gibt kein Verfahren, das einen emotionalen Zustand beim Hund direkt misst. Alle vorhandenen Zugänge sind Schlüsse aus Verhalten, Physiologie oder Entscheidungsverhalten. Dieser Umstand ist nicht durch bessere Technik behebbar, sondern liegt in der Natur des Gegenstands.
Bildgebende Verfahren an wachen Hunden haben die Lage verbessert, aber nicht aufgehoben. Sie zeigen, welche Areale unter welchen Bedingungen aktiver sind — der Schluss von dort auf einen erlebten Zustand bleibt eine Interpretation, und die Stichproben sind klein.
9.2 Uneinheitliche Operationalisierung
Weil kein Standardverfahren existiert, operationalisieren Studien affektive Zustände unterschiedlich — was einen erheblichen Teil der widersprüchlichen Befundlage im gesamten Feld erklärt, von Aggressionsprävalenzen bis zu Trennungsproblemen.
9.3 Validierung der Instrumente
Die vorhandenen psychometrischen Instrumente erfassen Halterwahrnehmung. Ihre Validierung gegen Verhaltenstests und physiologische Marker steht bei mehreren noch aus — die Autoren des Frustrationsfragebogens benennen das ausdrücklich als laufende Aufgabe (McPeake, Collins, Zulch & Mills, 2019).
10. Fazit
Die Unterscheidung zwischen erlerntem Verhalten und emotionaler Reaktion ist keine begriffliche Feinheit, sondern die Weiche, an der sich seriöse Verhaltensarbeit von schneller Symptombeseitigung trennt.
Praktisch läuft sie auf eine einzige Frage hinaus, die bei jeder beobachteten Verbesserung gestellt werden sollte: Hat sich verändert, was der Hund tut — oder was die Situation für ihn bedeutet? Die erste Veränderung ist billig zu haben und hält nicht. Die zweite ist aufwendig und trägt.
Für den wissenschaftlichen Anspruch folgt daraus eine Haltung, keine Technik: Zuschreibungen innerer Zustände sind Hypothesen. Sie dürfen formuliert werden — sie müssen nur als das gekennzeichnet bleiben, was sie sind.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Erlerntes Verhalten beim Hund
Emotionen sind hypothetische Konstrukte — was nicht unwirklich heißt. Der Zustand ist nicht direkt beobachtbar und wird über überprüfbare Indikatoren erschlossen, weshalb die Zuschreibung falsifizierbar formuliert sein muss (Mills, 2017). Das gilt für „der Hund leidet“ ebenso wie für „der Hund ist entspannt“.
Es gibt einen Ausweg ohne Rückgriff auf subjektives Erleben. Emotionale Verhaltensweisen drücken innere Zustände aus, die sich über allgemeine funktionale Eigenschaften charakterisieren lassen — Skalierbarkeit, Fortbestehen über den Auslöser hinaus, Übertragbarkeit (Anderson & Adolphs, 2014).
Konditionierung ist kein mechanisches Einprägen. Tiere bilden Assoziationen nicht blind, sondern lernen, welches Ereignis welches vorhersagt (Rescorla, 1988). Entscheidend ist nicht die Häufigkeit gemeinsamen Auftretens, sondern die Verlässlichkeit der Vorhersage.
Physiologie erfasst Intensität, nicht Vorzeichen. Herzfrequenz und Cortisol unterscheiden nicht zuverlässig zwischen positiv und negativ getönten Zuständen — Spiel und Panik können auf derselben Erregungshöhe liegen (Mendl, Burman & Paul, 2010).
Halter sehen das Verhalten, deuten es aber nicht. Auf allgemeine Fragen nannte etwa ein Viertel der Halter ihren Hund geräuschängstlich, auf konkrete Verhaltensfragen fast die Hälfte (Blackwell, Bradshaw & Casey, 2013). Die Lücke liegt nicht in der Beobachtung, sondern in der Zuordnung.
Quellen
Anderson, D. J., & Adolphs, R. (2014). A framework for studying emotions across species. Cell, 157(1), 187–200. https://doi.org/10.1016/j.cell.2014.03.003
Blackwell, E. J., Bradshaw, J. W. S., & Casey, R. A. (2013). Fear responses to noises in domestic dogs: Prevalence, risk factors and co-occurrence with other fear related behaviour. Applied Animal Behaviour Science, 145(1–2), 15–25. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2012.12.004
Bunford, N., Csibra, B., & Gácsi, M. (2019). Individual differences in response to ambiguous stimuli in a modified Go/No-Go paradigm are associated with personality in family dogs. Scientific Reports, 9, 11067. https://doi.org/10.1038/s41598-019-47510-z
de Assis, L. S., Matos, R., Pike, T. W., Burman, O. H. P., & Mills, D. S. (2020). Developing diagnostic frameworks in veterinary behavioral medicine: Disambiguating separation related problems in dogs. Frontiers in Veterinary Science, 6, 499. https://doi.org/10.3389/fvets.2019.00499
McPeake, K. J., Collins, L. M., Zulch, H., & Mills, D. S. (2019). The Canine Frustration Questionnaire—Development of a new psychometric tool for measuring frustration in domestic dogs (Canis familiaris). Frontiers in Veterinary Science, 6, 152. https://doi.org/10.3389/fvets.2019.00152
Mendl, M., Burman, O. H. P., & Paul, E. S. (2010). An integrative and functional framework for the study of animal emotion and mood. Proceedings of the Royal Society B, 277(1696), 2895–2904. https://doi.org/10.1098/rspb.2010.0303
Mills, D. S. (2017). Perspectives on assessing the emotional behavior of animals with behavior problems. Current Opinion in Behavioral Sciences, 16, 66–72. https://doi.org/10.1016/j.cobeha.2017.04.002
Rescorla, R. A. (1988). Pavlovian conditioning: It's not what you think it is. American Psychologist, 43(3), 151–160. https://doi.org/10.1037/0003-066X.43.3.151
Vieira de Castro, A. C., Fuchs, D., Morello, G. M., Pastur, S., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLoS ONE, 15(12), e0225023. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225023

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