top of page

Temperament beim Hund: Persönlichkeit, Verhalten und Stabilität

  • Autorenbild: Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
    Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs
  • 26. Juli
  • 11 Min. Lesezeit

„Der ist einfach so“ ist eine der häufigsten Erklärungen für Hundeverhalten — und eine der folgenreichsten. Wenn Verhalten aus einer stabilen Eigenschaft folgt, ist Training begrenzt sinnvoll. Wenn es aus der Situation folgt, ist die Eigenschaftszuschreibung eine Ausrede.

Die Frage lässt sich beantworten. Eine Metaanalyse über 31 Untersuchungen mit 822 Einzelbefunden kam auf eine mittlere zeitliche Konsistenz von r = 0,43 — moderat, nicht hoch (Fratkin, Sinn, Patall & Gosling, 2013). Persönlichkeit beim Hund existiert also, erklärt aber weniger, als der Alltagsbegriff nahelegt.

Bemerkenswerter noch ist ein Nebenbefund derselben Arbeit: Wurde beim zweiten Mal exakt derselbe Test verwendet, lag die Konsistenz bei 0,49; bei einem anderen Testverfahren nur bei 0,27. Der Messeffekt ist damit fast so groß wie der Alterseffekt — ein erheblicher Teil der beobachteten Unterschiede in der Stabilität kann auf das Messverfahren zurückgehen und nicht ausschließlich auf den Hund.

Dieser Artikel behandelt die Dimensionen der Hundepersönlichkeit, ihre zeitliche Stabilität, die Sonderfrage der Welpentests, das Konzept der Coping-Stile und die praktischen Grenzen der Eigenschaftszuschreibung.

Zwei Hunde zeigen unterschiedliche Reaktionen auf eine ähnliche Situation und verdeutlichen individuelle Unterschiede im Temperament und Verhalten.

1. Was Temperament bezeichnet

1.1 Die Definition über Konsistenz

In der Verhaltensbiologie wird Persönlichkeit operational definiert: als über Zeit und Situationen hinweg konsistente individuelle Verhaltensunterschiede. Diese Definition kommt ohne Annahmen über inneres Erleben aus — was sie artübergreifend anwendbar macht.

Entscheidend ist das Wort konsistent. Ohne zeitliche Stabilität gibt es keine Persönlichkeit, sondern nur momentanes Verhalten. Damit wird die Stabilitätsfrage zur Existenzfrage des Konstrukts.

Zur methodischen Grundfrage: Hundeverhalten messbar machen

1.2 Die Dimensionen

Es gibt keinen Konsens darüber, wie viele Dimensionen die Hundepersönlichkeit hat. Vorgeschlagen wurden Drei-, Fünf- und Elf-Faktoren-Modelle. Der in der Forschung meistgenutzte Rahmen stammt von Jones und Gosling, die alle bis dahin verwendeten Merkmalsbezeichnungen von Fachleuten sortieren ließen und sieben Dimensionen erhielten: Reaktivität, Furchtsamkeit, Aktivität, Soziabilität, Trainierbarkeit, Unterwürfigkeit und Aggression (Jones & Gosling, 2005).

Dass sich die Modelle so stark unterscheiden, ist selbst ein Befund. Es zeigt, dass die Dimensionen nicht in den Daten liegen, sondern aus ihnen konstruiert werden — je nachdem, welche Verhaltensweisen erhoben und wie sie gebündelt wurden.

Ein Punkt fällt dabei auf: Aggression und Furchtsamkeit erscheinen in nahezu jedem Modell, Trainierbarkeit ebenfalls. Diese drei sind also weniger strittig als der Rest — was zu den Stabilitätsbefunden aus Abschnitt 2 passt.

Zur Frage, wie viel davon rassetypisch ist: Der Mythos des rassetypischen Fehlverhaltens


1.3 Die Erhebungsinstrumente

Erhoben wird über Halterfragebögen oder standardisierte Verhaltenstests. Verbreitete Fragebogeninstrumente sind der C-BARQ mit elf Dimensionen (Hsu & Serpell, 2003) und der Monash Canine Personality Questionnaire mit fünf (Ley, Bennett & Coleman, 2008). Auf der Testseite steht unter anderem der schwedische Dog Mentality Assessment, aus dem Svartberg und Forkman fünf Merkmale ableiteten (Svartberg & Forkman, 2002).



2. Wie stabil Persönlichkeit ist

2.1 Der Gesamtbefund

Fratkin und Kollegen werteten 31 Untersuchungen mit 822 Konsistenzschätzungen aus. Die Stichproben reichten von 7 bis 938 Hunden, im Mittel 84; die Abstände zwischen den Messungen von drei Tagen bis über vier Jahre.


Das Ergebnis: r = 0,43 mit einem Konfidenzintervall von 0,35 bis 0,50 (Fratkin et al., 2013). Zum Vergleich liegt die entsprechende Schätzung für nicht domestizierte Tiere bei r = 0,37 — der Hund ist also nicht auffällig konsistenter als andere Arten.


Das ist bemerkenswerter, als es klingt. Der Hund lebt in einer stark strukturierten, weitgehend gleichbleibenden Umgebung mit denselben Bezugspersonen. Wenn das nicht zu höherer Konsistenz führt als bei Wildtieren mit wechselnden Bedingungen, spricht das gegen die Vorstellung, Stabilität entstehe vor allem durch stabile Umstände.


Die Autoren merken zudem an, dass ein mittlerer Wert auf zwei Arten zustande kommen kann: durch gleichmäßig moderate Konsistenz bei allen Hunden — oder dadurch, dass manche Hunde sehr konsistent sind und andere gar nicht.


2.2 Die Uneinheitlichkeit der Einzelstudien

Ein Detail beschreibt die Ausgangslage besser als jede Durchschnittszahl: 64,5 Prozent der eingeschlossenen Untersuchungen berichteten sowohl signifikante als auch nicht signifikante Befunde — je nachdem, welches Merkmal betrachtet wurde (Fratkin et al., 2013).


Wer also eine Studie zitiert, die Persönlichkeitsstabilität belegt, und wer eine zitiert, die sie widerlegt, zitieren mit hoher Wahrscheinlichkeit dieselbe Studie.


2.3 Alter als stärkster Faktor

Erwachsene Hunde waren deutlich konsistenter als Welpen: r = 0,51 gegenüber r = 0,30 — das 1,7-Fache (Fratkin et al., 2013). Das entspricht dem Muster beim Menschen, wo Persönlichkeit im Erwachsenenalter stabiler ist als in der Jugend.


Aber auch bei erwachsenen Hunden ist Persönlichkeit nicht festgeschrieben: Bei kurzen Messabständen unter zehn Wochen lag die Konsistenz bei 0,60, bei Abständen über 24 Wochen nur noch bei 0,32. Die Autoren beschreiben erwachsene Hundepersönlichkeit über längere Zeiträume ausdrücklich als moderat plastisch.


Zur frühen Entwicklung: Die sensible Phase beim Welpen


2.4 Unterschiede zwischen den Dimensionen

Bei Welpen unterschieden sich die Dimensionen erheblich. Am konsistentesten waren Aggression (r = 0,51) und Unterwürfigkeit (r = 0,43) — beide erreichten damit fast Erwachsenenniveau. Am wenigsten konsistent waren Trainierbarkeit (r = 0,16) und Furchtsamkeit (r = 0,24); bei Soziabilität war der Wert nicht von null verschieden.

Bei erwachsenen Hunden verschwanden diese Unterschiede: Alle Dimensionen lagen zwischen 0,47 und 0,51.


Der Trainierbarkeitsbefund verdient Hervorhebung, weil er der Erwartung am stärksten widerspricht. Ausgerechnet das Merkmal, auf das bei der Welpenauswahl am meisten geachtet wird, ist im Welpenalter das instabilste.


Zur Impulskontrolle als verwandtem Konstrukt: Selbstkontrolle beim Hund: Frontalcortex und Impulsregulation



3. Die Frage der Welpentests

3.1 Was üblicherweise behauptet wird

In Fachkreisen gilt weitgehend als ausgemacht, dass Welpentests späteres Verhalten nicht vorhersagen. Mehrere Übersichtsarbeiten kamen zu diesem Schluss, und in der Praxis wird er häufig als gesichert weitergegeben.


3.2 Was die Metaanalyse zeigt

Hier wird es interessant. Fratkin und Kollegen verglichen zwei Konstellationen: Welpen, die als Welpen und später erneut als Welpen getestet wurden, gegen Welpen, die als Welpen und später als Erwachsene getestet wurden. Die Konsistenz lag bei 0,38 und 0,40 — kein Unterschied (Fratkin et al., 2013).


Der lange Zeitraum bis ins Erwachsenenalter verschlechterte die Vorhersage also nicht. Die Autoren schließen daraus ausdrücklich, dass die pauschale Vorstellung, Welpentests funktionierten nicht, überdacht werden müsse.


3.3 Die richtige Lesart

Aufzulösen ist der scheinbare Widerspruch über die Dimensionen. Welpentests sagen etwas vorher — aber nicht alles gleich gut. Für Aggression und Unterwürfigkeit ist die Vorhersage brauchbar, für Trainierbarkeit, Furchtsamkeit und Soziabilität kaum.

Damit ist die Praxisregel präziser als das Pauschalurteil: Ein Welpentest, der Aggressionsneigung einschätzt, hat eine Grundlage. Einer, der die spätere Ausbildungseignung vorhersagen soll, hat sie nicht.


Für die Welpenauswahl folgt daraus eine unbequeme Konsequenz. Was Interessenten meist wissen wollen — wird der Hund leicht zu erziehen sein, wird er souverän sein, wird er verträglich sein —, gehört genau zu den Dimensionen mit der schwächsten Vorhersage. Was sich einigermaßen vorhersagen ließe, wird selten gefragt.


Zur Auswahl der Herkunft als aussagekräftigerem Kriterium: Woran erkennt man einen seriösen Züchter?




4. Der Messeffekt

4.1 Gleicher Test gegen anderer Test

Der aus meiner Sicht wichtigste Befund der Arbeit betrifft nicht die Hunde, sondern die Verfahren. Wurde zu beiden Zeitpunkten exakt dasselbe Instrument eingesetzt, lag die Konsistenz bei r = 0,49. Wurde ein methodisch anderes Instrument verwendet, das dasselbe Merkmal erfassen sollte, nur bei r = 0,27 — der 1,8-fache Unterschied (Fratkin et al., 2013).


4.2 Was das bedeutet

Ein erheblicher Teil der gemessenen Stabilität dürfte also auf Methodenvarianz zurückgehen. Anders gesagt: Ein Teil dessen, was wie Persönlichkeit aussieht, ist die Eigenschaft, in einem bestimmten Testaufbau auf bestimmte Weise zu reagieren.

Praktisch bedeutsam ist das für den häufigsten Anwendungsfall überhaupt — die Übertragung vom Tierheim in den Haushalt. Dort wird typischerweise im Heim beobachtet und später per Fragebogen nachgefasst. Genau diese Kombination liegt im schwachen Bereich.


Die Autoren weisen zusätzlich darauf hin, dass mit dem Verfahren meist auch der Kontext wechselt — Tierheim gegen Zuhause. Beide Effekte sind in den Daten nicht zu trennen, was den Befund zwar nicht entwertet, aber seine Ursache offenlässt.


Zur Verhaltensänderung durch veränderte Bedingungen: Verhaltensflexibilität beim Hund


4.3 Was keine Rolle spielte

Drei erwartete Effekte blieben aus. Es machte keinen Unterschied, ob Verhalten codiert oder eingeschätzt wurde (beide r = 0,42). Es machte keinen Unterschied, ob Einzelmaße oder aggregierte Maße verwendet wurden (0,40 gegenüber 0,45). Und es machte keinen Unterschied, ob es sich um Arbeits- oder Familienhunde handelte (0,36 gegenüber 0,41).

Besonders die ersten beiden sind aus messtheoretischer Sicht überraschend — aggregierte Maße sollten zuverlässiger sein, weil sich zufällige Fehler herausmitteln.


Die Autoren bieten zwei Erklärungen an. Entweder erkennen Menschen Hundeverhalten so zuverlässig, dass die Messmethode kaum ins Gewicht fällt — eine Folge der langen gemeinsamen Geschichte. Oder die aggregierten Maße fassten Verhaltensweisen zusammen, die inhaltlich nicht zusammengehören, und verloren dadurch genau den Vorteil, den sie haben sollten.


Praktisch bedeutet der Befund jedenfalls: Der Aufwand für aufwendigere Erhebungsverfahren zahlt sich weniger aus als erwartet. Entscheidend ist, dasselbe Verfahren zweimal zu verwenden — nicht, ein besseres zu wählen.


Zur Erfassung affektiver Zustände als verwandtem Messproblem: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen



5. Coping-Stile

5.1 Das Konzept

Aus der vergleichenden Stressforschung stammt eine andere Einteilung, die nicht Merkmale beschreibt, sondern Bewältigungsmuster. Unterschieden wird grob zwischen einem aktiv-eingreifenden und einem passiv-abwartenden Stil: Das eine Tier versucht, die Situation zu verändern, das andere reduziert Aktivität und wartet ab.


Der Reiz des Konzepts liegt darin, dass es Verhalten und Physiologie zusammenführt — beide Stile gehen mit unterschiedlichen Mustern der Stressantwort einher. Vereinfacht: Der aktive Stil geht eher mit sympathischer Aktivierung einher, der passive eher mit einer stärkeren Beteiligung der endokrinen Achse.


Wichtig ist, was das Konzept ausdrücklich nicht behauptet: dass ein Stil besser wäre. Beide sind unter unterschiedlichen Bedingungen vorteilhaft — der aktive, wenn die Situation beeinflussbar ist, der passive, wenn sie es nicht ist.



5.2 Der Stand beim Hund

Hier ist Zurückhaltung nötig. Das Konzept wurde überwiegend an Nagern, Schweinen und Vögeln entwickelt. Eine systematische Zuordnung der etablierten Hundepersönlichkeits-Dimensionen zu Coping-Stilen liegt nicht vor, und es gibt beim Hund kein validiertes Instrument, das Coping-Stile erfasst.


Was daraus folgt: Die Einteilung ist als Denkrahmen brauchbar und als Befund nicht belegt.


5.3 Warum sie trotzdem nützlich ist

Der praktische Wert liegt in einer Umdeutung. Ein Hund, der in einer belastenden Situation erstarrt, wird häufig als weniger belastet eingeschätzt als einer, der bellt und zieht — schlicht weil er weniger auffällt. Der Coping-Rahmen macht plausibel, dass beides Bewältigungsversuche sein können und dass das Ausmaß der Belastung aus der Sichtbarkeit der Reaktion nicht ablesbar ist.


Zur Verhaltensunterdrückung als Extremfall: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund



6. Was Persönlichkeit nicht erklärt

6.1 Die Größenordnung

Ein Korrelationskoeffizient von 0,43 entspricht etwa 18 Prozent geteilter Varianz. Über 80 Prozent der Unterschiede zwischen zwei Messzeitpunkten gehen also auf anderes zurück: Situation, Lernerfahrung, Zustand, Messfehler.


Damit ist die Eingangsfrage beantwortet. „Der ist einfach so“ beschreibt einen realen, aber kleineren Anteil, als der Satz suggeriert.


6.2 Die Zirkelschluss-Gefahr

Eigenschaftszuschreibungen sind erklärungsschwach, wenn sie aus dem Verhalten abgeleitet werden, das sie erklären sollen. „Er beißt, weil er aggressiv ist“ ist keine Erklärung, sondern eine Umbenennung — und sie verschließt die Frage nach Auslöser, Konsequenz und Bewertung.


Der Zirkelschluss ist deshalb so hartnäckig, weil er sich richtig anfühlt. Eine Eigenschaft zu benennen erzeugt den Eindruck, das Phänomen verstanden zu haben, und beendet die Suche. Genau darin liegt der praktische Schaden: Nicht die Zuschreibung selbst ist das Problem, sondern dass sie das Nachfragen beendet.


Zur Aufmerksamkeits- und Impulsseite dieser Zuschreibungen: ADHS-ähnliche Merkmale beim Hund


Zur Trennung von Beobachtung und Zuschreibung: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund


6.3 Was stattdessen trägt

Die verbleibende Varianz ist die gute Nachricht. Situation, Lerngeschichte und Zustand sind gestaltbar — die Eigenschaft nicht. Wer das Verhältnis kennt, weiß auch, wo Aufwand sinnvoll ist.


Das relativiert zugleich einen verbreiteten Fatalismus. Wenn rund vier Fünftel der Unterschiede zwischen zwei Messzeitpunkten auf Veränderliches zurückgehen, ist der Satz „da kann man nichts machen" empirisch die schwächere Position — nicht die vorsichtigere.


Zur Situation als Erklärungsgröße: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation



7. Praktische Einordnung

7.1 Für die Auswahl

Aus der Metaanalyse folgt eine differenzierte Erwartung. Bei erwachsenen Hunden ist eine Einschätzung über kurze Zeiträume brauchbar, über lange Zeiträume schwächer. Bei Welpen ist sie für Aggression und Unterwürfigkeit tragfähig, für Trainierbarkeit nicht.


Und in jedem Fall gilt: Verwendet man beim Nachfassen ein anderes Verfahren als beim ersten Mal, verliert man rund die Hälfte der Vorhersagekraft — unabhängig vom Hund.


Für Tierheime und Vermittlungen ist das die konkreteste Ableitung der ganzen Arbeit. Wer Verhalten im Heim erhebt und später beim Halter nachfasst, sollte dafür dasselbe Instrument verwenden. Das ist organisatorisch aufwendiger und wirkt sich stärker aus als jede Verfeinerung des Tests selbst.


Zur Arbeit mit Hunden mit belasteter Vorgeschichte: Resozialisierung bei Hunden


7.2 Für die Verhaltensberatung

Für die Fallarbeit ist die Konsequenz einfach. Eine Temperamentszuschreibung ersetzt keine Funktionsanalyse. Die Fragen nach Auslöser, ausbleibenden Bedingungen und verlässlicher Konsequenz bleiben zu beantworten, unabhängig davon, welches Etikett der Hund trägt.


Zur Frustration als situativer Erklärungsgröße: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle


7.3 Für die Kommunikation mit Haltern

Die nützlichste Umformulierung im Beratungsgespräch ersetzt die Eigenschaft durch eine Wahrscheinlichkeit: nicht „er ist ängstlich“, sondern „er bewertet Unbekanntes häufiger als bedrohlich als andere Hunde“. Das ist inhaltlich dasselbe, öffnet aber die Frage, unter welchen Bedingungen das nicht gilt.




8. Zusammenfassung im Überblick

Persönlichkeit ist beim Hund über die Zeit moderat konsistent: r = 0,43 über 31 Untersuchungen und 822 Einzelbefunde. Das entspricht etwa 18 Prozent geteilter Varianz — real, aber deutlich weniger, als der Alltagsbegriff „der ist einfach so“ nahelegt.


Erwachsene Hunde sind konsistenter als Welpen (0,51 gegenüber 0,30), und die Konsistenz sinkt mit dem Abstand zwischen den Messungen: bei Erwachsenen von 0,60 unter zehn Wochen auf 0,32 über 24 Wochen.


Bei Welpen unterscheiden sich die Dimensionen stark. Aggression und Unterwürfigkeit sind gut vorhersagbar, Trainierbarkeit mit r = 0,16 kaum — ausgerechnet das Merkmal, auf das bei der Auswahl am meisten geachtet wird. Das pauschale Urteil, Welpentests funktionierten nicht, ist damit zu grob.


Der methodisch wichtigste Befund betrifft nicht die Hunde: Bei identischem Testverfahren lag die Konsistenz bei 0,49, bei einem anderen Verfahren nur bei 0,27. Ein erheblicher Teil dessen, was als Stabilität erscheint, kann auf Methodenvarianz zurückgehen.



9. Forschungslücken und Kontroversen

9.1 Kein Konsens über die Dimensionen

Drei-, Fünf-, Sieben- und Elf-Faktoren-Modelle stehen nebeneinander. Solange nicht geklärt ist, welche Dimensionen die Varianz am besten abbilden, sind Befunde zwischen Instrumenten nur eingeschränkt vergleichbar — und ein Teil des Messeffekts aus Abschnitt 4 dürfte genau daher rühren.


9.2 Individuelle Unterschiede in der Konsistenz selbst

Eine offene Frage von praktischer Tragweite: Möglicherweise sind manche Hunde konsistent und andere nicht — was denselben mittleren Wert erzeugen würde wie eine gleichmäßig moderate Konsistenz bei allen. Untersucht ist das beim Hund nicht.

Die Konsequenz wäre erheblich. Ließe sich vorab bestimmen, welche Hunde vorhersagbar sind, wäre das für Vermittlung und Auswahl wertvoller als jede Verbesserung der Tests selbst — man wüsste, wann man sich auf sie verlassen darf.


9.3 Berichtspraxis

Die Autoren kritisieren, dass viele Arbeiten weder Rasse noch Absetzalter noch Effektstärken berichteten. Von 31 Untersuchungen nannten nur acht das Absetzalter. Ohne diese Angaben lassen sich Entwicklungsfaktoren nicht prüfen.


Zur Anpassungsfähigkeit erlernten Verhaltens: Verhaltensflexibilität beim Hund

10. Fazit

Temperament ist beim Hund ein reales, aber überschätztes Konstrukt. Es erklärt etwa ein Fünftel der Verhaltensvarianz über die Zeit — genug, um Persönlichkeit ernst zu nehmen, zu wenig, um Verhalten daraus abzuleiten.

Die praktisch wertvollste Erkenntnis ist zugleich die unbequemste: Ein erheblicher Teil der gemessenen Stabilität kann vom Messverfahren herrühren und nicht ausschließlich vom Hund. Wer Temperamentstests einsetzt, misst vermutlich zu einem beachtlichen Anteil mit, wie Hunde auf Tests reagieren.

Für die Praxis bleibt eine Umkehrung der üblichen Blickrichtung. Interessant ist nicht, welches Etikett auf einen Hund passt, sondern unter welchen Bedingungen er sich anders verhält als erwartet. Diese Abweichungen zeigen, wo Veränderung möglich ist — und sie machen rund vier Fünftel des Geschehens aus.

Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Temperament beim Hund

Persönlichkeit ist moderat konsistent, nicht hoch. Über 31 Untersuchungen und 822 Einzelbefunde ergab sich r = 0,43 (Fratkin et al., 2013) — etwa 18 Prozent geteilte Varianz. Nicht domestizierte Tiere liegen mit r = 0,37 in derselben Größenordnung.


Der Messeffekt ist fast so groß wie der Alterseffekt. Bei identischem Testverfahren lag die Konsistenz bei 0,49, bei einem anderen Verfahren für dasselbe Merkmal nur bei 0,27. Ein erheblicher Teil der scheinbaren Stabilität kann auf Methodenvarianz zurückgehen.

Trainierbarkeit ist bei Welpen das instabilste Merkmal. Mit r = 0,16 lag sie am unteren Ende, während Aggression (0,51) und Unterwürfigkeit (0,43) fast Erwachsenenniveau erreichten. Ausgerechnet das Merkmal, auf das bei der Auswahl am meisten geachtet wird, sagt am wenigsten vorher.

„Welpentests funktionieren nicht“ ist zu pauschal. Die Vorhersage vom Welpen- ins Erwachsenenalter war nicht schlechter als vom Welpen- ins spätere Welpenalter (0,40 gegenüber 0,38). Es kommt auf die Dimension an, nicht auf den Zeitraum.

Auch erwachsene Persönlichkeit ist plastisch. Bei Messabständen unter zehn Wochen lag die Konsistenz bei 0,60, über 24 Wochen nur noch bei 0,32. Die Autoren beschreiben erwachsene Hundepersönlichkeit über längere Zeiträume ausdrücklich als moderat veränderlich.

Quellen

Fratkin, J. L., Sinn, D. L., Patall, E. A., & Gosling, S. D. (2013). Personality consistency in dogs: A meta-analysis. PLoS ONE, 8(1), e54907. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0054907


Hsu, Y., & Serpell, J. A. (2003). Development and validation of a questionnaire for measuring behavior and temperament traits in pet dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association, 223(9), 1293–1300.


Jones, A. C., & Gosling, S. D. (2005). Temperament and personality in dogs (Canis familiaris): A review and evaluation of past research. Applied Animal Behaviour Science, 95(1–2), 1–53.


Ley, J., Bennett, P., & Coleman, G. (2008). Personality dimensions that emerge in companion canines. Applied Animal Behaviour Science, 110(3–4), 305–317.


Ley, J. M., McGreevy, P., & Bennett, P. C. (2009). Inter-rater and test-retest reliability of the Monash Canine Personality Questionnaire-Revised (MCPQ-R). Applied Animal Behaviour Science, 119(1–2), 85–90.


Svartberg, K., & Forkman, B. (2002). Personality traits in the domestic dog (Canis familiaris). Applied Animal Behaviour Science, 79(2), 133–156.


bottom of page
unterHUNDs.de Trainerausbildung Blog