Die sensible Phase beim Welpen: Was das Zeitfenster wirklich bedeutet
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- 26. Juli
- 11 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Juli
Kaum eine Zahl wird im Hundebereich so oft genannt wie die Sozialisierungsphase — und kaum eine wird so oft mit einer Warnung verbunden: Was in diesen Wochen versäumt wird, sei nicht mehr aufzuholen.
Diese Warnung beruht auf einer Arbeit von 1961. Welpen wurden gemeinsam mit der Hündin auf einem eingezäunten Acre-Feld gehalten und hatten keinerlei Kontakt zu Menschen; Futter und Wasser kamen durch Öffnungen im Zaun. Einzelne Welpen wurden in unterschiedlichem Alter für jeweils eine Woche herausgenommen, mit ihnen wurde gespielt, dann kamen sie zurück (Freedman, King & Elliot, 1961).
Der Befund: Ab der fünften Lebenswoche nahm die Tendenz zu, sich von Menschen abzuwenden. Erfolgte keine Sozialisierung vor der 14. Woche, wurden die Rückzugsreaktionen so ausgeprägt, dass sich anschließend keine normale Beziehung mehr aufbauen ließ.
Das ist ein starker Befund — und er stammt aus einem Versuch mit vollständiger Isolation. Genau diese Unterscheidung geht in der Weitergabe verloren, und sie ist der Gegenstand dieses Artikels.
Zur praktischen Umsetzung im Alltag: Sozialisation beim Welpen
Zur frühen Entwicklung aus Sicht der Aufzucht: Woran erkennt man einen seriösen Züchter?

1. Was die sensible Phase bezeichnet
1.1 Sensibel, nicht kritisch
In der älteren Literatur ist von einer „kritischen Periode“ die Rede, in der neueren überwiegend von einer sensiblen Phase. Der Begriffswechsel ist keine Kosmetik: Eine kritische Periode hat einen scharfen Anfang und ein scharfes Ende, eine sensible Phase eine erhöhte Empfänglichkeit mit fließenden Rändern.
Diese Unterscheidung entscheidet über die praktische Botschaft. Bei einer kritischen Periode ist ein Versäumnis endgültig. Bei einer sensiblen Phase ist es teurer nachzuholen — nicht unmöglich.
Der Begriffswechsel hat sich in der Entwicklungsbiologie insgesamt vollzogen, nicht nur beim Hund. Er beruht darauf, dass sich für kaum einen der ursprünglich als kritisch beschriebenen Zeiträume ein scharfer Rand nachweisen ließ — was gefunden wurde, waren Empfänglichkeitsgradienten mit unterschiedlich steilem Abfall.
1.2 Warum „Prägung“ der falsche Begriff ist
Der Begriff Prägung stammt aus der Forschung an Nestflüchtern und beschreibt einen sehr schnellen, weitgehend unumkehrbaren Vorgang innerhalb weniger Stunden. Was beim Welpen geschieht, ist etwas anderes: ein Lernprozess über Wochen, der Wiederholung erfordert und veränderbar bleibt.
Die Übertragung des Begriffs erzeugt genau die falsche Erwartung — dass ein einzelnes Ereignis den Hund dauerhaft festlegt.
Praktisch hat das zwei Folgen, die beide schaden. Halter, deren Welpe ein unangenehmes Erlebnis hatte, halten den Schaden für angerichtet und geben zu früh auf. Und Halter, die alles „richtig geprägt“ haben, sind überrascht, wenn später doch Probleme auftreten — weil sie die Phase als Abschluss verstanden haben und nicht als Anfang.
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1.3 Die Zeitangaben
Die genannten Zeiträume schwanken zwischen Quellen erheblich: 3. bis 12., 3. bis 14., 3. bis 16. Woche. Die Autoren der Gründungsarbeit selbst formulierten anders — die siebte Lebenswoche sei der empfänglichste Zeitpunkt gewesen, und etwa zweieinhalb bis neun oder dreizehn Wochen näherten sich einer kritischen Periode für die Sozialisierung an Menschen an.
Diese Spannweite ist kein Mangel der Forschung, sondern ihr Ergebnis. Es gibt keinen scharfen Rand, und die Angaben unterscheiden sich danach, welches Kriterium angelegt wird — Beginn der Vermeidungstendenz, Zeitpunkt größter Empfänglichkeit oder Punkt, ab dem eine Beziehung nicht mehr herstellbar war.
Wer eine feste Zahl nennt, verschweigt diese Unschärfe. Für die Praxis ist sie aber die eigentlich nützliche Information: Sie sagt, dass man nicht auf einen Stichtag hinarbeiten kann.
2. Die Gründungsarbeit
2.1 Der Aufbau
Untersucht wurden acht Würfe — fünf Cocker Spaniel, drei Beagle. Jede Hündin lebte mit ihrem Wurf von der zweiten bis zur 14. Lebenswoche auf einem eingezäunten Feld ohne Menschenkontakt. Wöchentlich wurden einzelne Welpen für sieben Tage zur Sozialisierung herausgenommen und anschließend zurückgebracht (Freedman, King & Elliot, 1961).
2.2 Das Ergebnis
Ab der fünften Woche zeigten die Welpen eine zunehmende Tendenz, sich von Menschen zurückzuziehen. Wo eine Sozialisierung nicht vor der 14. Woche erfolgte, wurden diese Reaktionen so ausgeprägt, dass sich danach keine normale Beziehung mehr herstellen ließ.
Bemerkenswert ist der Aufwand, der ausreichte: eine Woche Kontakt genügte, um den Verlauf zu verändern. Das relativiert die verbreitete Vorstellung, Sozialisierung erfordere ein dichtes Programm — jedenfalls unter diesen extremen Ausgangsbedingungen war der Effekt einer begrenzten Exposition erheblich.
2.3 Was der Versuch nicht zeigt
Hier liegt die entscheidende Einschränkung. Geprüft wurde vollständige Deprivation — kein Menschenkontakt über zwölf Wochen hinweg. Das ist eine Bedingung, die bei einem normal aufgezogenen Welpen praktisch nicht vorkommt, auch nicht bei mangelhafter Sozialisierung.
Ein Welpe, der beim Züchter im Haushalt aufwächst und einfach wenige Ausflüge erlebt, hat täglich Menschenkontakt. Er befindet sich in einer völlig anderen Ausgangslage als die Welpen dieses Versuchs.
Die Aussage „wer die ersten Wochen verpasst, kann nichts mehr reparieren“ wird also aus einem Deprivationsversuch abgeleitet und auf unzureichende Anreicherung übertragen. Das ist genau die Übertragung, die der Versuch nicht trägt.
Hinzu kommen zwei weitere Einschränkungen. Untersucht wurden zwei Rassen, Cocker Spaniel und Beagle — und der Beginn der Vermeidungstendenz unterscheidet sich, wie Abschnitt 3 zeigt, zwischen Rassen. Und die Arbeit stammt aus dem Jahr 1961; die statistischen Standards ihrer Zeit sind mit heutigen nicht vergleichbar.
Nichts davon widerlegt den Befund. Es begrenzt nur, wie weit er trägt.
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3. Individuelle Variabilität
3.1 Unterschiede im Beginn
Die Annahme eines für alle Hunde gleichen Zeitfensters ist überholt. Morrow und Kollegen untersuchten den Beginn furchtbezogenen Vermeidungsverhaltens bei Welpen und fanden rasseabhängige Unterschiede (Morrow et al., 2015).
Das heißt: Der Zeitpunkt, ab dem Neues eher gemieden als erkundet wird, liegt nicht bei allen Welpen gleich. Was bei einem Welpen mit zwölf Wochen noch problemlos gelingt, kann bei einem anderen bereits schwieriger sein.
Für die Beratung ist das die praktisch folgenreichste Erkenntnis dieses Themas. Eine pauschale Empfehlung — bis zur soundsovielten Woche dies, danach jenes — passt notwendigerweise für einen Teil der Welpen nicht. Und sie passt am wenigsten für diejenigen, bei denen es am meisten darauf ankommt: die früh vorsichtigen.
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3.2 Die Konsequenz
Für die Praxis folgt daraus eine Umkehr der üblichen Orientierung: Nicht das Kalenderalter entscheidet, sondern das Verhalten des Welpen. Ein Welpe, der auf Neues zugeht, ist in der Phase; einer, der bei Neuem zögert, ist es weniger — unabhängig davon, was der Kalender sagt.
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4. Was in dieser Phase geschieht
4.1 Soziale Bindung
Der ursprünglich untersuchte Vorgang ist der Aufbau sozialer Beziehungen — zu Menschen, zu Artgenossen, teilweise zu anderen Tierarten. Was hier entsteht, ist die Grundlage dafür, wen der Hund später als Sozialpartner behandelt.
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4.2 Habituation
Der zweite und für den Alltag mindestens ebenso wichtige Vorgang ist Gewöhnung: Reize, die wiederholt ohne Folge auftreten, werden als unbedeutend eingeordnet. Verkehrsgeräusche, Untergründe, Haushaltsgeräte, Menschen unterschiedlichen Aussehens.
Habituation ist kein Sonderfall der frühen Phase — sie funktioniert lebenslang. Sie funktioniert in dieser Phase nur schneller und mit weniger Aufwand.
Diese Unterscheidung ist der Kern der ganzen Debatte um Nachholbarkeit. Wäre das Fenster ein Schalter, würde Habituation danach nicht mehr funktionieren. Sie funktioniert aber — jedes Gewöhnungstraining mit einem erwachsenen Hund beruht darauf.
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4.3 Der Anstieg der Furchtsamkeit
Der Mechanismus hinter dem Schließen des Fensters ist keine Abschaltung von Lernfähigkeit, sondern eine Verschiebung der Bewertung. Mit zunehmendem Alter wird Unbekanntes zunehmend als potenziell gefährlich behandelt statt als interessant.
Damit ist auch erklärt, warum späteres Nachholen aufwendiger ist: Nicht weil der Hund nicht mehr lernen könnte, sondern weil zusätzlich eine Furchtreaktion überwunden werden muss.
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5. Belege aus der Praxis
5.1 Unzureichende Sozialisierung
In der finnischen Kohorte war unzureichende Sozialisierung als Welpe mit sozialer Furchtsamkeit im Erwachsenenalter verbunden (Puurunen et al., 2020). Der Befund stützt die Bedeutung der Phase — und er beruht auf einer normalen Haushundepopulation statt auf einem Deprivationsversuch.
Wie bei allen Kohortendaten gilt der Vorbehalt: Es handelt sich um einen Zusammenhang aus Halterangaben, teils rückblickend erhoben. Ob unzureichende Sozialisierung die Furchtsamkeit erzeugt hat oder ob früh vorsichtige Welpen weniger mitgenommen wurden, lässt sich daraus nicht entscheiden.
Die zweite Richtung ist keineswegs unplausibel: Ein Welpe, der bei Ausflügen zögert und sich unwohl zeigt, wird seltener mitgenommen — womit die Ursache zur Folge und die Folge zur Ursache wird.
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5.2 Strukturierte Programme
Auf der Interventionsseite existieren Untersuchungen zu standardisierten Sozialisierungsprogrammen. Vaterlaws-Whiteside und Hartmann prüften ein solches Programm bei Welpen und berichteten Verbesserungen im Verhalten (Vaterlaws-Whiteside & Hartmann, 2017).
Solche Arbeiten sind wertvoll, weil sie den Schritt von der Korrelation zur Intervention gehen — sie prüfen, ob gezielte Maßnahmen etwas verändern.
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5.3 Die Rolle der frühen Umgebung
Eine Übersichtsarbeit fasst die Bedeutung früher Lebenserfahrungen für die Entstehung von Verhaltensstörungen beim Hund zusammen (Dietz, Arnold, Goerlich-Jansson & Vinke, 2018). Sie ordnet die Phase in einen größeren Rahmen ein, der auch pränatale Einflüsse und mütterliches Verhalten umfasst.
Damit ist die Phase nicht der einzige, sondern ein besonders gut untersuchter Abschnitt einer längeren Entwicklung.
Diese Einordnung korrigiert eine verbreitete Verkürzung. Weder beginnt die Entwicklung mit der dritten Lebenswoche noch endet sie mit der sechzehnten. Was vorher liegt — Trächtigkeitsbedingungen, mütterliches Verhalten, Wurfgröße — wirkt ebenso, und was danach kommt, ebenfalls.
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6. Was nach der Phase möglich ist
6.1 Schwerer, nicht unmöglich
Die praktisch wichtigste Korrektur betrifft diesen Punkt. Aus dem Deprivationsversuch folgt, dass vollständiger Entzug sozialer Erfahrung in dieser Phase Folgen hat, die sich später kaum beheben lassen. Daraus folgt nicht, dass jede Lücke unumkehrbar wäre.
Ein Hund, der als Welpe wenig Verkehr erlebt hat, kann sich später an Verkehr gewöhnen. Es dauert länger, erfordert kleinere Schritte und stößt auf eine Furchtreaktion, die beim Welpen nicht da gewesen wäre — aber es funktioniert.
Der Unterschied lässt sich beziffern, wenn auch nur grob: Was beim Welpen wenige Wiederholungen braucht, kann beim erwachsenen Hund Wochen strukturierter Arbeit erfordern. Das ist ein erheblicher Aufwandsunterschied — und es ist etwas anderes als Unmöglichkeit.
6.2 Was tatsächlich schwerer wird
Nicht alle Bereiche verhalten sich gleich. Die Gewöhnung an Umweltreize gelingt später vergleichsweise gut. Schwieriger ist der Aufbau sozialer Beziehungen zu Arten, mit denen gar kein Kontakt bestand.
Diese Abstufung folgt aus dem Mechanismus. Habituation verlangt lediglich, dass ein Reiz wiederholt folgenlos auftritt — das lässt sich jederzeit herstellen. Der Aufbau einer sozialen Beziehung verlangt mehr: dass das Gegenüber überhaupt als möglicher Sozialpartner behandelt wird, und diese Zuordnung entsteht bevorzugt früh.
Und am schwierigsten ist der Fall, in dem statt fehlender Erfahrung eine negative Erfahrung vorliegt — dann muss nicht Neues gelernt, sondern Gelerntes überschrieben werden.
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6.3 Die Konsequenz für die Beratung
Die Botschaft „das Fenster ist zu“ ist in dieser Schärfe nicht belegt und praktisch schädlich. Sie entmutigt Halter, die mit einem unzureichend sozialisierten Hund arbeiten wollen — also genau die Gruppe, bei der Arbeit noch etwas bewirken kann.
Betroffen ist dabei eine große Zahl: Hunde aus dem Auslandstierschutz, aus schlechten Zuchtbedingungen, aus Beschlagnahmungen. Für all diese Halter ist die Aussage über das geschlossene Fenster die erste Information, auf die sie stoßen — und sie ist in dieser Schärfe nicht belegt.
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7. Praktische Einordnung
7.1 Qualität vor Quantität
Aus der Logik der Habituation folgt eine Konsequenz, die der verbreiteten Checklisten-Praxis widerspricht: Entscheidend ist nicht, wie viele Reize ein Welpe kennenlernt, sondern wie er sie erlebt.
Ein Reiz, der Furcht auslöst, wird nicht habituiert — er wird konditioniert. Ein überfordernder Ausflug in die Fußgängerzone kann damit das Gegenteil dessen bewirken, was beabsichtigt war.
Das ist der Grund, warum Checklisten trügerisch sind. Sie erfassen, ob ein Reiz stattgefunden hat, nicht wie er erlebt wurde — und legen damit nahe, das Abhaken sei das Ziel. Hundert abgehakte Reize bei überfordertem Welpen sind schlechter als zwanzig bei entspanntem.
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7.2 Die Abwägung mit dem Impfschutz
Die Phase überschneidet sich mit dem Zeitraum, in dem der Impfschutz noch nicht vollständig ist. Diese Abwägung gehört in die Tierarztpraxis und ist von Region und Situation abhängig.
Was sich aus der Verhaltensseite sagen lässt: Es gibt Wege, Erfahrungen zu ermöglichen, ohne den Welpen ungeschützten Bedingungen auszusetzen — Tragen, kontrollierte Kontakte, Aufenthalt an Orten mit Reizen ohne Bodenkontakt.
Die Abwägung selbst ist eine echte: Beide Seiten bergen Risiken, und beide sind real. Was nicht trägt, ist die Darstellung, es handle sich um eine einfache Entscheidung — weder „gar nichts vor der Grundimmunisierung“ noch „Sozialisierung geht vor“ wird der Lage gerecht.
7.3 Woran sich orientieren
Statt einer Reizliste ist die Reaktion des Welpen der bessere Maßstab. Erkundet er, geht er von selbst hin, erholt er sich schnell von einem Schreck? Dann passt die Dosierung. Zögert er, weicht er aus, braucht er lange? Dann ist der Abstand zu gering oder der Reiz zu stark.
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8. Zusammenfassung im Überblick
Die sensible Phase bezeichnet einen Zeitraum erhöhter Empfänglichkeit für soziale Erfahrungen und Gewöhnung — mit fließenden Rändern, nicht mit einem scharfen Ende. Der Begriff „Prägung“ stammt aus der Forschung an Nestflüchtern und beschreibt einen anderen Vorgang; seine Übertragung erzeugt eine falsche Erwartung.
Die Gründungsarbeit von 1961 untersuchte acht Würfe unter vollständiger Isolation von Menschen. Ohne Sozialisierung vor der 14. Woche ließ sich anschließend keine normale Beziehung mehr aufbauen. Der Versuch prüfte damit Deprivation, nicht mangelhafte Anreicherung — die verbreitete Übertragung auf normal aufgezogene Welpen mit wenigen Ausflügen trägt er nicht.
Der Beginn furchtbezogenen Vermeidungsverhaltens unterscheidet sich zwischen Rassen. Damit ist das Kalenderalter ein schlechterer Maßstab als das Verhalten des einzelnen Welpen.
Was das Fenster schließt, ist keine nachlassende Lernfähigkeit, sondern eine Verschiebung der Bewertung von Unbekanntem. Späteres Nachholen ist deshalb aufwendiger — aber möglich.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Die Ränder sind unscharf
Wo genau die erhöhte Empfänglichkeit beginnt und endet, ist nicht bestimmt und dürfte sich nicht bestimmen lassen. Die kursierenden Zeitangaben unterscheiden sich je nach angelegtem Kriterium.
9.2 Wenig Interventionsforschung
Untersuchungen, die Sozialisierungsmaßnahmen gezielt variieren und Langzeitfolgen erfassen, sind selten. Der überwiegende Teil der Befunde stammt aus rückblickenden Halterbefragungen.
9.3 Die Nachholbarkeit ist kaum untersucht
Zur zentralen Frage der Praxis — wie viel sich nach der Phase noch verändern lässt — liegen fast keine systematischen Daten vor. Was existiert, sind Einzelfallberichte und klinische Erfahrung.
Das ist bemerkenswert, weil diese Frage für einen erheblichen Teil der Hundehalter die relevantere ist. Wer einen Welpen hat, kann die Phase nutzen; wer einen erwachsenen Hund übernimmt, kann es nicht — und für diese Gruppe fehlt gerade die Evidenz.
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10. Fazit
Die sensible Phase ist real und wichtig — und sie wird mit einer Endgültigkeit dargestellt, die aus einem Deprivationsversuch stammt und auf normale Aufzuchtbedingungen nicht übertragbar ist.
Beide Aussagen gehören zusammen. Wer die Bedeutung der Phase kleinredet, gefährdet die Gründlichkeit in genau den Wochen, in denen sie am meisten bringt. Wer sie als unwiderrufliches Zeitfenster darstellt, entmutigt alle, die später übernehmen — und das sind viele.
Für die Praxis bleibt eine Orientierung, die ohne Kalender auskommt: Beobachten, wie der Welpe reagiert, statt eine Liste abzuarbeiten. Ein Reiz, der Furcht auslöst, wirkt in die falsche Richtung — unabhängig davon, in welcher Woche er stattfindet.
Damit schließt dieser Artikel mit demselben Gedanken, der sich durch den gesamten Cluster zieht: Das beobachtbare Verhalten des einzelnen Tieres ist der bessere Maßstab als ein Wert aus einer Tabelle. Die Tabelle beschreibt einen Durchschnitt, mit dem man nicht arbeitet.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Sensible Phase beim Welpen
Die Gründungsarbeit prüfte vollständige Isolation. Acht Würfe lebten mit der Hündin auf einem eingezäunten Feld ohne Menschenkontakt (Freedman, King & Elliot, 1961). Was daraus folgt, betrifft Deprivation — nicht einen normal aufgezogenen Welpen mit wenigen Ausflügen.
„Prägung“ ist der falsche Begriff. Er stammt aus der Forschung an Nestflüchtern und beschreibt einen sehr schnellen, weitgehend unumkehrbaren Vorgang. Beim Welpen handelt es sich um Lernen über Wochen, das Wiederholung erfordert und veränderbar bleibt.
Das Zeitfenster ist individuell verschieden. Der Beginn furchtbezogenen Vermeidungsverhaltens unterscheidet sich zwischen Rassen (Morrow et al., 2015). Das Verhalten des Welpen ist deshalb der bessere Maßstab als das Kalenderalter.
Was das Fenster schließt, ist nicht die Lernfähigkeit. Es ist eine Verschiebung der Bewertung: Unbekanntes wird zunehmend als potenziell gefährlich behandelt. Späteres Nachholen ist deshalb aufwendiger, weil zusätzlich eine Furchtreaktion überwunden werden muss.
Qualität schlägt Quantität. Ein Reiz, der Furcht auslöst, wird nicht habituiert, sondern konditioniert. Ein überfordernder Ausflug kann damit das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken.
Quellen
Dietz, L., Arnold, A.-M. K., Goerlich-Jansson, V. C., & Vinke, C. M. (2018). The importance of early life experiences for the development of behavioural disorders in domestic dogs. Behaviour, 155(2–3), 83–114. https://doi.org/10.1163/1568539X-00003486
Freedman, D. G., King, J. A., & Elliot, O. (1961). Critical period in the social development of dogs. Science, 133(3457), 1016–1017. https://doi.org/10.1126/science.133.3457.1016
Howell, T. J., King, T., & Bennett, P. C. (2015). Puppy parties and beyond: The role of early age socialization practices on adult dog behavior. Veterinary Medicine: Research and Reports, 6, 143–153. https://doi.org/10.2147/VMRR.S62081
Morrow, M., Ottobre, J., Ottobre, A., Neville, P., St-Pierre, N., Dreschel, N., & Pate, J. L. (2015). Breed-dependent differences in the onset of fear-related avoidance behavior in puppies. Journal of Veterinary Behavior, 10(4), 286–294. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2015.03.002
Puurunen, J., Hakanen, E., Salonen, M. K., Mikkola, S., Sulkama, S., Araujo, C., & Lohi, H. (2020). Inadequate socialisation, inactivity, and urban living environment are associated with social fearfulness in pet dogs. Scientific Reports, 10, 3527. https://doi.org/10.1038/s41598-020-60546-w
Scott, J. P., & Fuller, J. L. (1965). Genetics and the social behavior of the dog. University of Chicago Press.
Vaterlaws-Whiteside, H., & Hartmann, A. (2017). Improving puppy behavior using a new standardized socialization program. Applied Animal Behaviour Science, 197, 55–61. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2017.08.003

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