Annäherung-Vermeidung-Konflikt beim Hund: Wenn zwei Systeme gleichzeitig laufen
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- vor 1 Tag
- 11 Min. Lesezeit
Ein Hund streckt den Hals nach vorn, um zu schnuppern, und hält die Hinterhand zurück. Er geht zwei Schritte auf den Besucher zu und wieder einen zurück. Er will hin und will weg — gleichzeitig.
Diese Situation wird im Alltag als Unentschlossenheit gedeutet, manchmal als Sturheit. Verhaltensbiologisch ist sie etwas anderes: Zwei Motivationssysteme sind gleichzeitig aktiviert und erzeugen unvereinbare Handlungstendenzen. Der Zustand ist nicht die Abwesenheit einer Entscheidung, sondern die Anwesenheit von zweien.
Die Befundlage dazu ist beim Hund dünner, als die Verbreitung des Begriffs vermuten lässt. Es existiert eine empirische Arbeit, die Verhaltenszeichen im Konfliktkontext systematisch prüft — und deren Ergebnis einer im deutschen Hundetraining fest verankerten Deutung widerspricht (Pedretti, Canori, Biffi, Marshall-Pescini & Valsecchi, 2023).
Dieser Artikel behandelt das Konfliktmodell, die zugehörigen Verhaltenszeichen, den empirischen Befund und die praktischen Konsequenzen — sowie die Grenzen eines Konzepts, für das beim Hund kein Messverfahren existiert.

1. Was der Konflikt bezeichnet
1.1 Zwei gleichzeitig aktivierte Systeme
Annäherung und Vermeidung sind getrennte Motivationssysteme mit eigenen Auslösern. Annäherung wird durch Anreize aktiviert — Nahrung, Sozialpartner, Neues. Vermeidung durch Bedrohungsbewertung. Beide können denselben Reiz betreffen: Der fremde Mensch ist zugleich interessant und potenziell gefährlich.
Entscheidend ist, dass sich die Systeme nicht gegenseitig abschalten. Sie laufen parallel, und was sichtbar wird, ist ihre Resultante — nicht der Sieg des einen über das andere.
Aus der Konfliktforschung stammt zudem die Annahme eines dritten Systems, das erst bei Konflikt aktiv wird: Es hemmt die Handlungstendenzen beider Seiten, ohne sie selbst abzuschwächen, hebt Erregung und Aufmerksamkeit an und verstärkt die Vermeidungstendenz zusätzlich. Für die Praxis erklärt das eine sonst schwer verständliche Beobachtung — dass der Konfliktzustand belastender wirkt als reine Furcht.
Zur Erregung als eigenständiger Größe: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol verstehen und richtig messen
Zur Bedrohungsverarbeitung im Detail: Angst beim Hund: Neurobiologie und Verhaltensstörung
1.2 Das Gradientenmodell
Die klassische Beschreibung arbeitet mit Gradienten: Beide Tendenzen werden stärker, je näher das Tier dem Ziel kommt — die Vermeidungstendenz allerdings steiler. Daraus folgt ein Gleichgewichtspunkt in einer bestimmten Entfernung, an dem beide gleich stark sind.
Das Modell sagt genau das Verhalten vorher, das beobachtet wird: Annäherung bis zu einer bestimmten Distanz, dann Stehenbleiben oder Rückzug, dann erneute Annäherung. Der Hund pendelt um den Gleichgewichtspunkt.
Dieses Modell stammt aus der experimentellen Konfliktforschung an Nagern und ist beim Hund nicht überprüft. Es ist ein Beschreibungsrahmen mit hoher Passung — kein Befund.
Aus den unterschiedlich steilen Gradienten folgt allerdings eine praktisch nutzbare Vorhersage: Wird die Annäherungsseite verstärkt, etwa durch attraktivere Anreize, verschiebt sich der Gleichgewichtspunkt näher zum Ziel. Wird die Vermeidungsseite verringert, etwa durch geringere Reizintensität, ebenfalls. Beide Wege führen zum selben Ergebnis, sind aber unterschiedlich riskant — der erste zieht den Hund in eine Situation, die er weiterhin als bedrohlich bewertet.
Zur Gestaltung von Anreizen: Verstärkerpläne beim Hund
1.3 Warum es kein Zögern ist
Die Unterscheidung ist praktisch bedeutsam. Zögern setzt eine Entscheidung voraus, die noch aussteht — als würde der Hund abwägen. Ein Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt beschreibt dagegen einen Zustand, in dem beide Tendenzen bereits aktiv sind und sich gegenseitig blockieren.
Der Unterschied zeigt sich in der Vorhersage: Wer Zögern annimmt, erwartet, dass mehr Zeit zur Lösung führt. Wer einen Konflikt annimmt, erwartet, dass die Änderung der Bedingungen — mehr Distanz, weniger Druck — ihn auflöst.
Zur Trennung von Beobachtung und Zuschreibung: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
2. Die Verhaltenszeichen
2.1 Ambivalentes Verhalten
Am unmittelbarsten sichtbar ist die Mischung unvereinbarer Elemente: vorgestreckter Hals bei zurückverlagertem Gewicht, wedelnde Rute bei angespanntem Körper, Annäherung im Bogen statt geradlinig. Solche Mischbilder sind das direkteste Zeichen paralleler Aktivierung.
Zur Deutung von Körpersprache im Zusammenhang: Warnsignale beim Hund
2.2 Übersprungverhalten
Als Übersprungverhalten werden Handlungen bezeichnet, die im Zusammenhang der Situation keine erkennbare Funktion haben — Kratzen, Sich-Schütteln, Gähnen, Schnüffeln am Boden, Lippenlecken. Sie treten typischerweise dann auf, wenn zwei Motivationen sich blockieren.
Die Erklärung dafür ist umstritten. Eine Deutung sieht darin einen Überlauf der Aktivierung in ein drittes, unbeteiligtes Verhaltenssystem. Eine andere sieht darin eine eigenständige Funktion — etwa als Signal an den Sozialpartner.
Diese Unklarheit ist mehr als eine Fachfrage, weil sie über die praktische Deutung entscheidet. Ist es ein Überlauf, zeigt das Verhalten Belastung an. Ist es ein Signal, richtet es sich an ein Gegenüber und setzt voraus, dass eines wahrgenommen wird. Im ersten Fall wäre die richtige Reaktion, die Belastung zu senken; im zweiten, das eigene Verhalten anzupassen.
2.3 Umgerichtetes Verhalten
Die dritte Form richtet Verhalten auf ein Ersatzziel, weil das eigentliche unerreichbar ist. An der Leine ist das der häufigste Fall: Der Hund kommt nicht an den anderen Hund heran und beißt in die Leine oder geht den Begleithund an.
Zur Frustration als beteiligter Größe: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
3. Der empirische Befund
3.1 Die Untersuchung
Pedretti und Kollegen prüften, ob die als Beschwichtigungssignale gedeuteten Übersprungverhaltensweisen tatsächlich an einen sozialen Konfliktkontext gebunden sind. 53 Hunde wurden zwei unbekannten Personen ausgesetzt, die sich ihnen entweder mild bedrohlich oder neutral näherten (Pedretti et al., 2023).
Die Hunde wurden nach ihrer Haltung gegenüber den Fremden eingeteilt: „reaktiv“ — bellend und vorpreschend — oder „nicht reaktiv“ — passiv verharrend. Ausgewertet wurden Dauer und Häufigkeit der Übersprungverhaltensweisen in Abhängigkeit von Testbedingung und Haltung.
Die Vorhersage war klar formuliert: Wenn die Verhaltensweisen als Beschwichtigungssignale funktionieren, müssten sie im Konfliktkontext häufiger auftreten als im neutralen. Damit war die Untersuchung falsifizierbar angelegt — ein Umstand, der in diesem Feld nicht selbstverständlich ist.
3.2 Das Ergebnis
Blinzeln, Nasenlecken und Lippenwischen waren mit einer nicht reaktiven Haltung verbunden — und zwar unabhängig von der Testbedingung. Kopfabwenden war mit einer nicht reaktiven Haltung in der bedrohlichen Bedingung verbunden.
Die Verhaltensweisen hingen also mit der Haltung des Hundes zusammen, nicht mit der Konflikthaftigkeit der Situation. Die vorhergesagte Häufung im bedrohlichen Kontext blieb bei drei der vier Verhaltensweisen aus.
Ein Nebenbefund verdient Erwähnung: Bei der bedrohlichen Annäherung wich mehr als die Hälfte der Hunde der Interaktion aus oder reagierte mit Drohverhalten. Die Bedingung war also wirksam — das Ausbleiben der Häufung liegt nicht daran, dass die Situation zu harmlos gewesen wäre.
3.3 Was das für die Beschwichtigungs-Deutung bedeutet
Der Schluss der Autoren ist deutlich: Die untersuchten Übersprungverhaltensweisen werden nicht als Beschwichtigungssignale eingesetzt, um eine aggressive Auseinandersetzung zu unterbrechen. Sie treten vielmehr in potenziell mehrdeutigen Situationen auf, in denen das Verhalten des Gegenübers schwer vorherzusagen ist.
Das ist eine erhebliche Verschiebung. Die verbreitete Lesart — der Hund signalisiert dem Gegenüber Friedfertigkeit — wird für diese Verhaltensweisen von den Daten nicht getragen. Die alternative Lesart passt dagegen genau zum Konfliktmodell: Die Zeichen erscheinen dort, wo die Situation unklar ist und beide Handlungstendenzen laufen.
Zur Mehrdeutigkeit als messbarer Größe: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen
4. Warum die Deutung so schwer ist
4.1 Mehrdeutigkeit der Zeichen
Dieselbe Verhaltensweise erscheint in mehreren Zusammenhängen. Lippenlecken tritt beim Fressen auf, bei Übelkeit, bei Belastung und im Konflikt. Gähnen tritt bei Müdigkeit auf und bei Anspannung. Ein Einzelzeichen erlaubt deshalb keinen Schluss.
Die Untersuchung selbst weist auf diese Schwierigkeit hin: In der Literatur werden dieselben Verhaltensweisen teils als Stressindikatoren, teils als Beschwichtigungssignale geführt — je nach theoretischem Rahmen des Autors. Lippenlecken, Nasenlecken, Pfotenheben und Gähnen erscheinen in beiden Listen.
Das ist bemerkenswert, weil beide Deutungen unterschiedliche Konsequenzen haben und trotzdem nebeneinander verwendet werden. Ein Zeichen, das je nach Quelle Belastung oder soziale Kommunikation anzeigt, taugt ohne weitere Information für keines von beidem.
4.2 Der Kontext entscheidet nicht allein
Naheliegend wäre, die Mehrdeutigkeit über den Kontext aufzulösen: Lippenlecken ohne Futter in der Nähe deutet auf Belastung. Der Befund von Pedretti und Kollegen zeigt aber, dass auch das zu kurz greift — die Zeichen traten unabhängig von der Testbedingung auf und hingen stattdessen mit der individuellen Haltung zusammen.
Zu stabilen individuellen Unterschieden: Temperament und Coping-Stile beim Hund
4.3 Die Konsequenz für die Beobachtung
Aus beidem folgt eine Arbeitsregel: Einzelzeichen sind Anlass zum Hinsehen, nicht zur Diagnose. Belastbarer sind das Gesamtbild aus mehreren Elementen, der Verlauf über die Zeit und vor allem die Reaktion auf gezielte Veränderung — mehr Distanz, weniger Druck, mehr Zeit.
Zur methodischen Grundfrage: Hundeverhalten messbar machen
5. Wo der Konflikt im Alltag auftritt
5.1 Die Leine
Die Leine erzeugt den Konflikt strukturell. Sie verhindert sowohl Annäherung als auch Rückzug und blockiert damit beide Tendenzen gleichzeitig. Genau das erklärt, warum Hundebegegnungen an der Leine anders verlaufen als im Freilauf — und warum sie im Freilauf oft unauffällig sind.
Der Effekt verstärkt sich durch die Führung des Menschen. Eine straffe Leine verkürzt die verfügbare Distanz zusätzlich und nimmt dem Hund die Möglichkeit, den Gleichgewichtspunkt selbst einzustellen. Die verbreitete Reaktion — bei Anspannung fester zu halten — verschärft damit genau das, was sie verhindern soll.
Zur Erregungsseite dieser Situation: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation
5.2 Das Alleinbleiben
Auch das Alleinbleiben lässt sich als Konflikt lesen. Der Hund will der Bezugsperson folgen und kann nicht; die Tür blockiert die Annäherung. Die Forschung zu trennungsbezogenen Problemen hat genau dieses Muster als eigene Komponente identifiziert — Zerstörung an Ausgängen, gerichtet und mit den Krallen.
Zur Zerlegung des Trennungsproblems: Trennungsangst beim Hund: Panik, Frustration, Langeweile
5.3 Der ambivalente Hund
Der klinisch schwierigste Fall ist der Hund, der Kontakt sucht und zugleich fürchtet — häufig nach belastender Vorgeschichte oder unzureichender früher Sozialisierung. Solche Hunde nähern sich an, weichen aus, nähern sich erneut, und reagieren bei zu schneller Annäherung des Gegenübers abrupt.
Für Besucher ist das schwer einzuschätzen, weil die Annäherung des Hundes als Einladung gelesen wird. Sie ist keine — sie ist der Ausdruck des Konflikts. Der übliche Rat, die Hand hinzuhalten, verkürzt die Distanz und trifft damit genau die falsche Seite der Gleichung.
Zur Bindung als moderierender Größe: Bindungsstile beim Hund
Zur frühen Entwicklung als Entstehungsbedingung: Die sensible Phase beim Welpen
6. Konsequenzen für die Arbeit
6.1 Warum Drängen scheitert
Aus dem Gradientenmodell folgt unmittelbar, warum Heranführen die Lage verschlechtert. Wird der Hund über den Gleichgewichtspunkt hinaus zum Ziel bewegt, steigt die Vermeidungstendenz steiler als die Annäherungstendenz — der Konflikt verschärft sich, statt sich aufzulösen.
Sichtbar wird das als abrupte Reaktion aus scheinbarer Ruhe: Der Hund, der sich vorsichtig genähert hat und beim Zugriff schnappt.
Dieses Muster wird regelmäßig als „aus dem Nichts“ beschrieben. Aus dem Modell folgt, dass es das Gegenteil ist — die Annäherung selbst war bereits die sichtbare Konfliktphase, und der Zugriff hat den Gleichgewichtspunkt überschritten.
Zur Warnsignalfrage im Zusammenhang mit Aggression: Fallout von Strafe beim Hund
Zur Aggression als möglicher Folge: Aggression beim Hund: Ursachen und Auslöser verstehen
6.2 Wahlmöglichkeit als Ansatz
Der tragfähigere Weg besteht darin, dem Hund die Kontrolle über die Distanz zu lassen. Ein Hund, der jederzeit ausweichen kann, muss die Vermeidungstendenz nicht steigern — und kann sich in eigenem Tempo annähern.
Praktisch bedeutet das: Der Mensch bleibt stehen, der Hund entscheidet. Das ist keine Passivität, sondern die Bedingung dafür, dass der Konflikt sich überhaupt auflösen kann.
Der Wirkmechanismus ist derselbe, der auch sonst bei Belastung zählt: Kontrollierbarkeit. Eine Situation, aus der ein Ausweg besteht, wird anders bewertet als dieselbe Situation ohne Ausweg — unabhängig davon, ob der Ausweg genutzt wird.
Zur systematischen Veränderung der Reizbewertung: Desensibilisierung und Gegenkonditionierung beim Hund
6.3 Erfolgsbeurteilung
Verschwundene Übersprungverhaltensweisen sind kein zuverlässiger Erfolgsindikator — sie können auch bei Verhaltensunterdrückung verschwinden. Belastbarer ist, ob sich die Distanz verringert, bei der der Hund noch handlungsfähig bleibt, und ob die Annäherung flüssiger wird statt ruckartig.
Ein weiterer Indikator ist die Erholung. Ein Hund, der nach einer Begegnung schnell wieder ansprechbar ist und sich der Umgebung zuwendet, war weniger belastet als einer, der lange braucht — unabhängig davon, wie die Begegnung selbst aussah.
Zur Verhaltensunterdrückung als Fehldeutung: Erlernte Hilflosigkeit beim Hund
7. Grenzen des Konzepts
7.1 Das Modell stammt aus anderen Arten
Die Gradientenbeschreibung wurde in der experimentellen Konfliktforschung überwiegend an Nagern entwickelt. Für den Hund liegt keine Untersuchung vor, die Annäherungs- und Vermeidungsgradienten misst oder das vorhergesagte Gleichgewichtsverhalten prüft.
Zur Frage, was beim Hund überhaupt gemessen wird: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen
7.2 Kein Messinstrument
Anders als für Impulsivität oder Frustration existiert für den Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt beim Hund kein validiertes Erhebungsverfahren. Was vorliegt, sind Verhaltensbeobachtungen und ein plausibler Rahmen.
Dabei wäre ein Verfahren naheliegend. Die Distanz, bei der ein Hund stehen bleibt, ist eine unmittelbar messbare Größe — und sie ließe sich unter systematisch variierter Anreiz- und Bedrohungsstärke erheben. Dass das bislang nicht geschehen ist, dürfte weniger an der Schwierigkeit liegen als daran, dass der Konfliktbegriff überwiegend praxisseitig verwendet wird.
Zur Frustrationsmessung als Gegenbeispiel: Verstärkerpläne beim Hund
7.3 Die Zirkelschluss-Gefahr
Weil das Modell fast jedes ambivalente Verhalten erklären kann, erklärt es streng genommen wenig. Wer aus dem Pendeln auf einen Konflikt schließt und den Konflikt anschließend als Ursache des Pendelns benennt, hat nichts hinzugefügt.
Prüfbar wird die Annahme erst über eine Vorhersage: Wenn ein Konflikt vorliegt, muss die Vergrößerung der Distanz das Verhalten verändern. Tut sie es nicht, war die Deutung falsch.
Diese Prüfung kostet in der Fallarbeit wenige Minuten und wird selten durchgeführt. Sie hat zudem den Vorteil, dass sie zwischen mehreren Erklärungen trennt: Frustration verändert sich mit der Erreichbarkeit des Ziels, Furcht mit der Distanz zum Reiz, und reine Erregung mit keiner von beiden.
Zur Frustration als konkurrierender Erklärung: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
8. Zusammenfassung im Überblick
Der Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt beschreibt einen Zustand, in dem zwei Motivationssysteme gleichzeitig aktiviert sind und unvereinbare Handlungstendenzen erzeugen. Er ist nicht die Abwesenheit einer Entscheidung, sondern die Anwesenheit von zweien.
Das klassische Gradientenmodell erklärt das beobachtete Pendeln: Beide Tendenzen wachsen mit der Nähe zum Ziel, die Vermeidung aber steiler — woraus ein Gleichgewichtspunkt in einer bestimmten Distanz folgt. Das Modell stammt aus der Nagerforschung und ist beim Hund nicht überprüft.
Sichtbar wird der Zustand über ambivalente Mischbilder, Übersprungverhalten und umgerichtetes Verhalten. Die einzige einschlägige empirische Arbeit am Hund fand allerdings, dass Übersprungverhaltensweisen nicht an den Konfliktkontext gebunden waren, sondern mit der individuellen Haltung des Hundes zusammenhingen — und dass sie eher in mehrdeutigen Situationen auftreten als in eindeutig konflikthaften.
Praktisch folgt daraus vor allem, warum Heranführen scheitert und warum Wahlmöglichkeit wirkt: Wird der Hund über den Gleichgewichtspunkt hinausbewegt, verschärft sich der Konflikt.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Die Gradienten sind nicht gemessen
Die zentrale Vorhersage des Modells — unterschiedlich steile Gradienten für Annäherung und Vermeidung — ist beim Hund nicht geprüft. Sie wäre mit Distanzmessungen und variierter Anreizstärke grundsätzlich prüfbar.
9.2 Die Funktion der Übersprungverhaltensweisen
Ob es sich um einen Überlauf der Aktivierung, um ein Signal an den Sozialpartner oder um beides handelt, ist offen. Die vorliegende Untersuchung spricht gegen die reine Signalfunktion, ohne die Alternative zu belegen.
9.3 Individuelle Unterschiede
Dass die Zeichen mit der Haltung des Hundes zusammenhingen und nicht mit der Bedingung, verweist auf individuelle Unterschiede als eigenständigen Faktor. Welche Merkmale dahinterstehen, ist nicht untersucht.
Naheliegend wären Furchtsamkeit und Frustrationstoleranz — beide sind über etablierte Instrumente erhebbar und ließen sich mit dem Verhalten im Konflikttest verknüpfen. Eine solche Verbindung würde zugleich prüfen, ob der Konfliktrahmen mehr leistet als eine Umbenennung bekannter Merkmale.
Zur Bindung als möglicher moderierender Größe: Bindungsstile beim Hund
10. Fazit
Der Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt ist ein Rahmen mit hoher Erklärungskraft und schwacher empirischer Basis. Er passt auf viele Alltagsbeobachtungen, sagt konkrete Interventionen vorher und ist am Hund kaum untersucht.
Beides zusammen bedeutet: Er ist als Denkwerkzeug wertvoll und als Diagnose ungeeignet. Wer ihn verwendet, sollte die Prüfbedingung mitliefern — löst mehr Distanz das Verhalten auf, oder nicht?
Der wichtigste Einzelbefund betrifft ohnehin etwas anderes, und er ist für die Praxis unbequem. Einige der im deutschen Hundetraining häufig als Beschwichtigungssignale interpretierten Verhaltensweisen erwiesen sich in der einzigen einschlägigen Untersuchung nicht als konfliktgebunden, sondern als verknüpft mit der Haltung des Hundes und mit der Unklarheit der Situation. Das macht sie nicht wertlos — es verschiebt nur, worauf sie hinweisen. Statt als Bitte an das Gegenüber wären zumindest diese als Hinweis auf Unklarheit zu lesen: Der Hund kann nicht einschätzen, was als Nächstes geschieht. Das ist eine andere Information, und sie führt zu einer anderen Reaktion — nicht Zurückweichen als Antwort auf ein Signal, sondern Vorhersehbarkeit herstellen.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Annäherung-Vermeidung-Konflikt
Der Konflikt ist nicht Unentschlossenheit. Zwei Motivationssysteme sind gleichzeitig aktiviert und blockieren sich gegenseitig. Wer Zögern annimmt, erwartet, dass Zeit hilft; wer einen Konflikt annimmt, verändert die Bedingungen.
Das Gradientenmodell erklärt das Pendeln — und ist beim Hund ungeprüft. Beide Tendenzen wachsen mit der Nähe zum Ziel, die Vermeidung steiler. Daraus folgt ein Gleichgewichtspunkt. Das Modell stammt aus der Nagerforschung; entsprechende Messungen am Hund liegen nicht vor.
Einige Beschwichtigungssignale sind vermutlich anders zu lesen. In einer Untersuchung an 53 Hunden waren Blinzeln, Nasenlecken und Lippenwischen mit einer nicht reaktiven Haltung verbunden — unabhängig davon, ob die Annäherung bedrohlich oder neutral war (Pedretti et al., 2023). Die Autoren schließen, dass sie eher in mehrdeutigen als in konflikthaften Situationen auftreten.
Heranführen verschärft den Konflikt. Wird der Hund über den Gleichgewichtspunkt hinaus zum Ziel bewegt, steigt die Vermeidungstendenz steiler als die Annäherungstendenz. Das erklärt abrupte Reaktionen aus scheinbarer Ruhe.
Für den Hund existiert kein Messverfahren. Anders als bei Impulsivität oder Frustration liegt kein validiertes Instrument vor. Der Rahmen bleibt damit ein Denkwerkzeug — prüfbar nur über die Vorhersage, dass mehr Distanz das Verhalten verändert.
Quellen
Beerda, B., Schilder, M. B. H., van Hooff, J. A. R. A. M., de Vries, H. W., & Mol, J. A. (1998). Behavioural, saliva cortisol and heart rate responses to different types of stimuli in dogs. Applied Animal Behaviour Science, 58(3–4), 365–381. https://doi.org/10.1016/S0168-1591(97)00145-7
de Assis, L. S., Matos, R., Pike, T. W., Burman, O. H. P., & Mills, D. S. (2020). Developing diagnostic frameworks in veterinary behavioral medicine: Disambiguating separation related problems in dogs. Frontiers in Veterinary Science, 6, 499. https://doi.org/10.3389/fvets.2019.00499
McPeake, K. J., Collins, L. M., Zulch, H., & Mills, D. S. (2019). The Canine Frustration Questionnaire—Development of a new psychometric tool for measuring frustration in domestic dogs (Canis familiaris). Frontiers in Veterinary Science, 6, 152. https://doi.org/10.3389/fvets.2019.00152
Mendl, M., Burman, O. H. P., & Paul, E. S. (2010). An integrative and functional framework for the study of animal emotion and mood. Proceedings of the Royal Society B, 277(1696), 2895–2904. https://doi.org/10.1098/rspb.2010.0303
Pedretti, G., Canori, C., Biffi, E., Marshall-Pescini, S., & Valsecchi, P. (2023). Appeasement function of displacement behaviours? Dogs' behavioural displays exhibited towards threatening and neutral humans. Animal Cognition, 26(3), 943–952. https://doi.org/10.1007/s10071-023-01742-9

.png)


