Darm-Hirn-Achse beim Hund: Was belegt ist und was verkauft wird
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- vor 2 Tagen
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Kaum ein Thema der Hundeernährung wird derzeit so selbstbewusst beworben wie das Mikrobiom. Futter, Ergänzungsmittel und Probiotika versprechen ruhigere, ausgeglichenere, weniger ängstliche Hunde — mit Verweis auf die Darm-Hirn-Achse.
Die Achse existiert. Der Verdauungstrakt und das Gehirn stehen über Nerven, Immunsystem und Botenstoffe in ständigem Austausch, und in der Nager- und Humanforschung ist der Einfluss auf Verhalten gut dokumentiert.
Beim Hund sieht die Lage anders aus. Die einschlägigen Arbeiten sind wenige, klein und durchgängig korrelativ — und die bekannteste stammt aus einer Population, die für eine Verhaltensfrage denkbar ungünstig gewählt ist: Hunde aus einer beschlagnahmten Hundekampf-Organisation (Kirchoff, Udell & Sharpton, 2019).
Dieser Artikel behandelt die Verbindungswege, die vorliegenden Hundebefunde, ihre methodischen Grenzen und die Frage, was sich daraus für Fütterung und Verhaltensarbeit ableiten lässt — und was nicht.
Zum viszeralen Schmerz als benachbartem Thema: Viszeraler Schmerz beim Hund

1. Was die Darm-Hirn-Achse ist
1.1 Die Verbindungswege
Zwischen Verdauungstrakt und Gehirn bestehen mehrere Verbindungen. Der Vagusnerv leitet Information in beide Richtungen, wobei der überwiegende Teil der Fasern vom Bauchraum zum Gehirn läuft. Das Immunsystem vermittelt über Botenstoffe, die bei Entzündungsvorgängen freigesetzt werden. Und mikrobielle Stoffwechselprodukte — kurzkettige Fettsäuren, Vorstufen von Neurotransmittern — gelangen in den Kreislauf.
Der Verdauungstrakt verfügt zudem über ein eigenes Nervensystem mit einer Neuronenzahl, die die des Rückenmarks übersteigt. Die Bezeichnung als „zweites Gehirn“ ist eine Metapher, aber keine völlig grundlose.
Der am häufigsten angeführte Einzelbeleg ist allerdings mit Vorsicht zu behandeln: Dass ein Großteil des körpereigenen Serotonins im Verdauungstrakt gebildet wird, stimmt — dieses Serotonin überwindet die Blut-Hirn-Schranke aber nicht. Es wirkt lokal auf Darmmotilität und Sekretion. Die Schlussfolgerung, der Darm produziere die Stimmung, folgt daraus nicht.
Zur Serotonin-Frage im Detail: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen
1.2 Woher die Befunde stammen
Die tragenden Belege stammen aus der Nagerforschung. Dort lassen sich Bedingungen herstellen, die beim Hund undenkbar sind: keimfrei aufgezogene Tiere, gezielte Besiedelung mit definierten Bakterienstämmen, Übertragung von Mikrobiota zwischen Tieren mit unterschiedlichem Verhalten.
Genau diese Verfahren erlauben Kausalaussagen — und genau sie fehlen beim Hund vollständig.
Der Unterschied ist grundsätzlich, nicht graduell. Eine Übertragung von Mikrobiota zwischen einem ängstlichen und einem gelassenen Tier, mit anschließender Verhaltensmessung, ist der Versuch, der die Kausalfrage beantwortet. Beim Nager ist er Routine, beim Hund nicht durchführbar — weder praktisch noch ethisch vertretbar in der nötigen Form.
Damit ist die Lücke strukturell: Sie wird sich durch mehr Forschungsmittel nicht schließen lassen, sondern allenfalls durch Interventionsstudien mit weniger eingreifenden Mitteln.
Zur allgemeinen Frage der Übertragbarkeit: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen
1.3 Die Richtungsfrage
Bei allen Zusammenhängen zwischen Mikrobiom und Verhalten stellt sich dieselbe Frage: Verändert das Mikrobiom das Verhalten, oder verändert das Verhalten das Mikrobiom?
Die zweite Richtung ist keineswegs unplausibel. Belastung verändert Darmmotilität, Durchblutung und Immunlage; Aktivitätsniveau, Fressverhalten und Kotaufnahme unterscheiden sich zwischen Tieren mit unterschiedlichem Verhalten. Ein Zusammenhang ist damit auch ohne jeden Einfluss des Mikrobioms auf das Gehirn zu erwarten.
Für die zweite Richtung spricht zudem ein praktischer Punkt: Sie ist die sparsamere Erklärung. Dass Belastung den Verdauungstrakt beeinflusst, ist unabhängig und breit belegt. Dass Bakterienzusammensetzung Verhalten steuert, erfordert eine zusätzliche Annahme.
Zur Erregung als beteiligter Größe: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation
Zur Stressphysiologie als Bindeglied: Chronischer Stress beim Hund: Cortisol verstehen und richtig messen
2. Die Hundebefunde
2.1 Die Aggressionsstudie
Kirchoff und Kollegen untersuchten, ob sich die Zusammensetzung des Darmmikrobioms mit Aggression in Verbindung bringen lässt. Analysiert wurden Kotproben von Hunden vom Pitbull-Typ, die aus einer Hundekampf-Organisation beschlagnahmt worden waren — 21 Tiere mit artgerichtetem Aggressionsverhalten und 10 ohne (Kirchoff, Udell & Sharpton, 2019).
Die Analyse der Beta-Diversität stützte einen Zusammenhang zwischen Mikrobiomstruktur und Aggression. Über einen stammesgeschichtlichen Ansatz ließen sich zudem bestimmte Bakteriengruppen auflösen, die zwischen den beiden Gruppen unterschieden — unter anderem innerhalb von Lactobacillus, Dorea, Blautia, Turicibacter und Bacteroides.
2.2 Das Problem der Stichprobe
Hier liegt die entscheidende Einschränkung, und sie geht über die kleine Fallzahl hinaus, die die Autoren selbst benennen.
Die Tiere stammten aus einer Hundekampf-Organisation. Innerhalb einer solchen Population dürften sich aggressive und nicht aggressive Tiere in mehr unterscheiden als im Verhalten: in Haltung, Fütterung, Belastung, Verletzungsgeschichte und möglicherweise Medikation. Jeder dieser Faktoren beeinflusst das Mikrobiom.
Damit ist der gefundene Zusammenhang mit einer großen Zahl von Erklärungen vereinbar, die nichts mit einer Wirkung des Mikrobioms auf das Verhalten zu tun haben.
Ein Beispiel macht das konkret: Wenn aggressive Tiere in einer solchen Organisation gezielt anders gefüttert oder trainiert wurden — was der Zweck der Organisation nahelegt —, dann erklärt die Fütterung sowohl das Mikrobiom als auch einen Teil des Verhaltens. Der gefundene Zusammenhang wäre real und für die Frage nach der Darm-Hirn-Achse wertlos.
Die Autoren sind für diese Einschränkung nicht zu kritisieren; eine solche Population steht selten zur Verfügung, und die Arbeit war als erste Erkundung angelegt. Kritikwürdig ist die Weitergabe ohne diesen Zusammenhang.
Zur Aggression als eigenständigem Thema: Aggression beim Hund: Ursachen und Auslöser verstehen
2.3 Weitere Arbeiten
Eine italienische Gruppe untersuchte Mikrobiomstruktur und hormonelle Aktivität bei Hunden mit aggressiven und phobischen Verhaltensstörungen (Mondo et al., 2020). Die Studie kombinierte Verhaltensklassifikation, 16S-rRNA-Mikrobiomanalyse und hormonelle Messungen. Unterschiede in den Hormonwerten zwischen den Gruppen zeigten sich allerdings nicht signifikant. Die Arbeit liefert damit Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Verhaltensphänotypen und Mikrobiomstruktur, erlaubt aber keine Aussage über eine kausale Rolle des Mikrobioms.
Eine weitere Arbeit untersuchte phänotypische Zusammenhänge zwischen Mikrobiom und Merkmalen von Arbeitshunden (Craddock et al., 2022). Solche Studien erweitern die Datenlage zur Variation des Hundemikrobioms, beantworten aber ebenfalls nicht die Frage, ob mikrobielle Unterschiede Verhalten verursachen.
Neuere Arbeiten nutzen zudem statistische Modelle und maschinelles Lernen, um Verhaltensgruppen anhand der Gesamtzusammensetzung des Mikrobioms vorherzusagen. Solche Ergebnisse sind interessant, benötigen aber eine unabhängige Validierung, bevor sie praktisch interpretierbar sind.
Zur Frustration als konkurrierender Erklärungsgröße: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
3. Was die Befunde nicht zeigen
3.1 Korrelation
Sämtliche vorliegenden Hundearbeiten sind Querschnittsvergleiche. Sie zeigen, dass sich Mikrobiome von Hunden mit unterschiedlichem Verhalten unterscheiden — nicht, dass das eine das andere verursacht.
Die Pressemitteilung zur Aggressionsstudie formulierte das ungewöhnlich deutlich: Die Arbeit sage ausdrücklich nicht, dass die Zusammensetzung des Mikrobioms Aggression verursache oder umgekehrt. Gezeigt seien statistische Zusammenhänge zwischen Verhalten und beherbergten Mikroorganismen.
3.2 Die Drittvariable
Neben der Richtungsfrage steht die Möglichkeit, dass beides von einer dritten Größe abhängt. Chronische Belastung ist der naheliegendste Kandidat: Sie verändert nachweislich sowohl Verhalten als auch die Bedingungen im Verdauungstrakt.
Ein Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Verhalten wäre in diesem Fall real, aber ohne jeden ursächlichen Bezug zwischen beiden.
Weitere Kandidaten für eine solche dritte Größe sind Alter, Fütterung, Medikamentengabe — insbesondere Antibiotika in der Vorgeschichte — sowie Aktivitätsniveau und Kotaufnahme. Alle beeinflussen das Mikrobiom, und mehrere hängen ihrerseits mit Verhalten zusammen.
Zur Fütterung als naheliegender Größe: Hundefutter-Rechner von unterHUNDs
Zur methodischen Grundfrage: Hundeverhalten messbar machen
3.3 Die Autoren selbst
Bemerkenswert ist, wie zurückhaltend die Primärquellen formulieren. Die Aggressionsstudie hält fest, dass die Stichprobengröße die Aussagekraft begrenzt, und spricht von einem aggressionsassoziierten physiologischen Zustand, der mit dem Mikrobiom in Wechselwirkung steht — nicht von einer Wirkung des Mikrobioms.
Diese Formulierung wird in der Weitergabe regelmäßig getilgt. Was in der Vermarktung ankommt, ist ein Kausalzusammenhang, den die Arbeit ausdrücklich nicht behauptet.
Zur Trennung von Beobachtung und Zuschreibung: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
4. Der Gedächtnisbefund
4.1 Alter und Erinnerungsleistung
Eine ungarische Gruppe untersuchte den Zusammenhang zwischen Mikrobiomzusammensetzung, Alter und Gedächtnisleistung bei Familienhunden (Kubinyi, Bel Rhali, Sándor, Szabó & Felföldi, 2020).
Diese Arbeit ist aus zwei Gründen interessant. Sie betrifft eine normale Haushundepopulation statt einer Sonderpopulation. Und sie verknüpft das Mikrobiom mit einer objektiv erhobenen Leistung statt mit einer Verhaltenseinstufung.
4.2 Einordnung
Auch hier gilt der Vorbehalt aus Abschnitt 3: Es handelt sich um einen Zusammenhang. Und das Alter ist eine offensichtliche Drittvariable, die sowohl das Mikrobiom als auch die Gedächtnisleistung beeinflusst.
Bemerkenswert ist die Arbeit trotzdem, weil sie eine Richtung eröffnet, die für die Praxis relevanter sein könnte als die Aggressionsfrage. Kognitive Veränderungen im Alter sind ein verbreitetes und schlecht behandelbares Problem — ein zusätzlicher Ansatzpunkt wäre wertvoll, sofern sich die Kausalfrage klären lässt.
Zur kognitiven Veränderung im Alter: Kognitive Dysfunktion (CDS) beim Hund
5. Probiotika
5.1 Was beworben wird
Probiotische Ergänzungsmittel für Hunde werden zunehmend mit Verhaltensversprechen beworben — weniger Angst, mehr Gelassenheit, bessere Bewältigung von Belastungssituationen. Häufig wird dabei auf einzelne Bakterienstämme verwiesen, teils mit Studienangabe, teils mit allgemeinem Verweis auf die Darm-Hirn-Achse.
5.2 Was belegt ist
Für die Wirkung von Probiotika auf Verdauungsbeschwerden beim Hund existiert eine ernstzunehmende Datenlage. Für die Wirkung auf Verhalten ist die Lage deutlich dünner: wenige Studien, teils herstellerfinanziert, mit kleinen Gruppen und kurzen Beobachtungszeiträumen.
Das bedeutet nicht, dass keine Wirkung besteht. Es bedeutet, dass die Werbeaussagen weiter reichen als die Belege.
Hinzu kommt eine Besonderheit dieses Produktbereichs: Ergänzungsmittel unterliegen nicht denselben Zulassungsanforderungen wie Arzneimittel. Ein Wirksamkeitsnachweis ist für die Vermarktung nicht erforderlich — was erklärt, warum die Belege hinter den Aussagen zurückbleiben können, ohne dass das auffällt.
5.3 Die Einordnung
Für die Beratung ergibt sich daraus eine klare Sprachregelung. Ein Probiotikum bei einem Hund mit Verdauungsbeschwerden ist begründbar. Ein Probiotikum als Maßnahme gegen Angst oder Aggression ist es derzeit nicht — wobei es als ergänzender Versuch neben der Verhaltensarbeit vertretbar bleibt, solange es diese nicht ersetzt.
Der letzte Halbsatz ist der entscheidende. Der Schaden entsteht selten durch das Präparat selbst, sondern durch die Zeit, die während seiner Anwendung nicht für Verhaltensarbeit genutzt wird — und durch die verlorene Erwartung, wenn es nicht wirkt.
Zur Angst als Beispielindikation: Trennungsangst beim Hund: Panik, Frustration, Langeweile
Zur Angst als Beispielindikation: Angst beim Hund: Neurobiologie und Verhaltensstörung
6. Warum das Thema so anfällig ist
6.1 Die Erklärungslücke
Verhaltensprobleme sind mühsam. Sie erfordern Zeit, Konsequenz und Veränderungen im Alltag der Halter, und der Erfolg ist unsicher. Eine Erklärung, die eine Ursache außerhalb dieser Mühe verortet, ist deshalb attraktiv — und eine Fütterungsmaßnahme ist die einfachste denkbare Intervention.
Dieselbe Attraktivität hat schon andere Erklärungen getragen, die sich später als überdehnt erwiesen. Die Ressourcen-Metapher der Selbstkontrolle ist ein Beispiel aus diesem Cluster, die einfache Serotoninmangel-Erklärung ein weiteres.
Das Muster ist jeweils dasselbe: ein realer Mechanismus, eine plausible Übertragung, eine daraus abgeleitete einfache Maßnahme — und eine Datenlage, die den letzten Schritt nicht trägt.
6.2 Die Vermarktbarkeit
Hinzu kommt die wirtschaftliche Seite. Anders als bei einer Trainingsempfehlung lässt sich am Mikrobiom ein Produkt verkaufen. Das ist kein Argument gegen die Sache, aber ein Grund, die Quelle einer Aussage zu prüfen. Konkret: Wer eine Studie zur Mikrobiom-Verhaltens-Verbindung zitiert bekommt, sollte nach der Finanzierung fragen und danach, ob die zitierte Arbeit überhaupt an Hunden durchgeführt wurde.
Beides ist in wenigen Minuten zu klären und trennt zuverlässiger als jede inhaltliche Bewertung.
6.3 Das Messproblem
Ein dritter Grund ist methodisch. Mikrobiomdaten sind hochdimensional: Hunderte Bakteriengruppen, komplexe statistische Verfahren, viele mögliche Auswertungswege. Unter solchen Bedingungen lassen sich fast immer Unterschiede zwischen zwei Gruppen finden.
Belastbar werden solche Befunde erst durch Vorregistrierung, unabhängige Wiederholung und Prüfung an neuen Stichproben — Verfahren, die im Hundebereich noch nicht angekommen sind.
Erschwerend kommt hinzu, dass Mikrobiomdaten kompositionell sind: Die relativen Anteile summieren sich auf hundert Prozent. Nimmt eine Gruppe zu, nehmen andere rechnerisch ab, ohne dass sich real etwas verändert haben muss. Analysen, die das nicht berücksichtigen, erzeugen Scheinbefunde — was ein Grund dafür sein dürfte, dass neuere Arbeiten mit Kompositionsmodellen arbeiten.
Zur Replikationsfrage in einem anderen Feld: Selbstkontrolle beim Hund: Frontalcortex und Impulsregulation
7. Praktische Konsequenzen
7.1 Was sich ableiten lässt
Zwei Punkte sind unabhängig von der Mikrobiomfrage begründbar. Erstens: Ein Hund mit anhaltenden Verdauungsbeschwerden gehört abgeklärt — nicht wegen des Mikrobioms, sondern weil Beschwerden Verhalten beeinflussen. Zweitens: Eine stabile, verträgliche Fütterung ist sinnvoll, weil wiederkehrende Beschwerden eine vermeidbare Dauerbelastung darstellen.
Beide Punkte sind bemerkenswert, weil sie zu denselben Empfehlungen führen, die auch aus der Mikrobiom-Hypothese abgeleitet werden — nur mit besserer Begründung. Wer verträglich füttert, muss dafür nicht an die Darm-Hirn-Achse glauben.
Zum Grasfressen als möglichem Hinweis auf Beschwerden: Grasfressen bei Hunden — was steckt dahinter?
7.2 Was sich nicht ableiten lässt
Nicht ableitbar ist, dass eine Futterumstellung oder ein Ergänzungsmittel ein Verhaltensproblem löst. Ebenso wenig, dass ein bestimmtes Bakterium fehlt oder überwiegt und deshalb behandelt werden müsste. Und ebenso wenig, dass eine Mikrobiomanalyse beim einzelnen Hund verwertbare Hinweise liefert.
Für den letzten Punkt gilt dasselbe wie für Cortisol- und Telomeranalysen: Es fehlen Referenzbereiche, gegen die ein Einzeltier beurteilt werden könnte.
Zur Parallelproblematik: Telomere beim Hund: Zellalterung, Stress und Lebenserwartung
7.3 Der belastbare Rest
Was bleibt, ist ein Zusammenhang zwischen körperlichem Zustand und Verhalten, der ohnehin gilt und für den es bessere Belege gibt als die Mikrobiomforschung — etwa die Arbeiten zu Schmerz und Verhaltensproblemen.
Das Mikrobiom ist dafür ein möglicher Vermittler unter mehreren. Es als den entscheidenden darzustellen, geht über die Datenlage hinaus.
Für die Beratung ergibt sich daraus eine Reihenfolge. Wo Verdauungsbeschwerden vorliegen, gehören sie behandelt — unabhängig vom Verhalten. Wo sie nicht vorliegen, ist eine Fütterungsmaßnahme gegen ein Verhaltensproblem derzeit nicht begründbar. Und in beiden Fällen ersetzt sie die Verhaltensarbeit nicht.
Zu stabilen individuellen Unterschieden, die häufig unterschätzt werden: Temperament und Coping-Stile beim Hund
Zum belegteren Zusammenhang: Schmerz und Aggression beim Hund
8. Zusammenfassung im Überblick
Die Darm-Hirn-Achse ist real: Vagusnerv, Immunsystem und mikrobielle Stoffwechselprodukte verbinden Verdauungstrakt und Gehirn. Die Belege für eine Wirkung auf Verhalten stammen aber überwiegend aus der Nagerforschung, wo sich keimfreie Aufzucht und gezielte Besiedelung durchführen lassen — Verfahren, die beim Hund fehlen.
Die bekannteste Hundearbeit fand einen Zusammenhang zwischen Mikrobiomstruktur und Aggression bei 21 aggressiven und 10 nicht aggressiven Hunden aus einer beschlagnahmten Hundekampf-Organisation. Die Autoren benennen die begrenzte Stichprobengröße selbst; hinzu kommt, dass sich beide Gruppen in dieser Population vermutlich in mehr als im Verhalten unterschieden.
Sämtliche Hundebefunde sind korrelativ. Sie lassen offen, ob das Mikrobiom das Verhalten beeinflusst, das Verhalten das Mikrobiom, oder beides von einer dritten Größe abhängt — wobei chronische Belastung als Kandidat naheliegt.
Für Probiotika bei Verdauungsbeschwerden existiert eine ernstzunehmende Datenlage. Für Probiotika gegen Angst oder Aggression reichen die Belege nicht an die Werbeaussagen heran.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Keine Interventionsstudien
Es fehlen Untersuchungen, die das Mikrobiom gezielt verändern und die Verhaltenswirkung prüfen. Ohne solche Arbeiten bleibt die Kausalfrage offen — und sie ist die einzige, die praktisch zählt.
Machbar wäre eine solche Untersuchung durchaus: verblindete Gabe eines definierten Präparats gegen Placebo, verhaltensseitig mit etablierten Instrumenten erhoben, über mehrere Monate. Dass sie fehlt, liegt nicht an der Durchführbarkeit.
9.2 Keine Referenzwerte
Was ein „gesundes“ Hundemikrobiom ausmacht, ist nicht definiert. Die Zusammensetzung schwankt erheblich zwischen Individuen, Rassen, Fütterungsformen und über die Zeit.
Damit fehlt die Grundlage für jede Einzelfallaussage. Eine Analyse kann feststellen, welche Bakterien vorhanden sind — nicht, ob dieses Muster für diesen Hund günstig ist.
9.3 Publikations- und Auswertungsfreiheit
Mikrobiomstudien bieten viele Auswertungswege. Ohne Vorregistrierung ist schwer zu beurteilen, wie viele Analysen durchgeführt wurden, bevor ein Ergebnis berichtet wurde.
Zur experimentellen Erfassung affektiver Zustände als Alternative: Cognitive Bias beim Hund: Stimmung messbar machen
10. Fazit
Die Darm-Hirn-Achse ist ein reales Forschungsfeld mit einem beim Hund sehr schmalen Fundament. Was vorliegt, sind wenige kleine Querschnittsarbeiten, deren Autoren durchgängig zurückhaltender formulieren als die Darstellungen, die sich darauf berufen.
Diese Diskrepanz ist der eigentliche Befund dieses Themas. Zwischen dem, was in den Arbeiten steht, und dem, was auf Produktseiten steht, liegen mehrere Schlussfolgerungen, die niemand belegt hat: von der Korrelation zur Kausalität, von der Nagerforschung zum Hund, von einer Sonderpopulation zum Familienhund, und von einem statistischen Gruppenunterschied zur Wirkung eines Präparats bei einem einzelnen Tier.
Jeder dieser Schritte ist für sich diskutabel. Alle vier hintereinander sind es nicht.
Für die Praxis bleibt ein unspektakulärer Rest, der aber trägt: Ein Hund mit Verdauungsbeschwerden gehört abgeklärt, und eine verträgliche Fütterung ist sinnvoll. Beides gilt unabhängig davon, ob sich die Mikrobiom-Hypothese am Ende bestätigt — und beides ist besser begründet als jede Aussage über einzelne Bakterien.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Darm-Hirn-Achse beim Hund
Die Achse existiert, die Belege stammen aber überwiegend von Nagern. Keimfreie Aufzucht und gezielte Besiedelung erlauben dort Kausalaussagen. Beim Hund fehlen diese Verfahren vollständig.
Die bekannteste Hundearbeit hat eine ungünstige Stichprobe. 21 aggressive und 10 nicht aggressive Hunde aus einer beschlagnahmten Hundekampf-Organisation (Kirchoff, Udell & Sharpton, 2019). Beide Gruppen dürften sich in dieser Population in mehr unterschieden haben als im Verhalten.
Die Autoren formulieren zurückhaltender als die Weitergabe. Die Arbeit spricht von einem aggressionsassoziierten physiologischen Zustand, der mit dem Mikrobiom in Wechselwirkung steht — nicht von einer Wirkung des Mikrobioms auf das Verhalten.
Es gibt kein einzelnes Bakterium, an dem sich etwas festmachen ließe. Eine neuere Arbeit fand nur minimale Unterschiede in der relativen Häufigkeit einzelner Gruppen; vorhersagbar war die Verhaltensgruppe nur über die Gesamtzusammensetzung.
Für Probiotika gegen Verhaltensprobleme reichen die Belege nicht an die Werbeaussagen heran. Bei Verdauungsbeschwerden ist die Datenlage besser — was für die Beratung eine klare Sprachregelung ergibt.
Quellen
Craddock, H. A., Godneva, A., Rothschild, D., Motro, Y., Grinstein, D., Lotem-Michaeli, Y., Narkiss, T., Segal, E., & Moran-Gilad, J. (2022). Phenotypic correlates of the working dog microbiome. npj Biofilms and Microbiomes, 8, 66. https://doi.org/10.1038/s41522-022-00329-5
Kirchoff, N. S., Udell, M. A. R., & Sharpton, T. J. (2019). The gut microbiome correlates with conspecific aggression in a small population of rescued dogs (Canis familiaris). PeerJ, 7, e6103. https://doi.org/10.7717/peerj.6103
Kubinyi, E., Bel Rhali, S., Sándor, S., Szabó, A., & Felföldi, T. (2020). Gut microbiome composition is associated with age and memory performance in pet dogs. Animals, 10(9), 1488. https://doi.org/10.3390/ani10091488
Mondo, E., Barone, M., Soverini, M., D'Amico, F., Cocchi, M., Petrulli, C., Mattioli, M., Marliani, G., Candela, M., & Accorsi, P. A. (2020). Gut microbiome structure and adrenocortical activity in dogs with aggressive and phobic behavioral disorders. Heliyon, 6(1), e03311. https://doi.org/10.1016/j.heliyon.2020.e03311

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