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Enrichment beim Hund: Was Beschäftigung wirklich verändert und woran du es erkennst

Schnüffelteppich, Futterball, Kauspielzeug: Was Studien zu Enrichment beim Hund wirklich zeigen, warum der Reiz verfliegt und wann Beschäftigung zur Belastung wird.

Michael Sauerwein · 5. Oktober 2026

Futterbälle, Schnüffelteppiche und Kauspielzeug werden als Enrichment verkauft, und das Wort klingt, als wäre mehr immer besser. Die Forschung ist enger als das Marketing. Die meisten kontrollierten Studien stammen aus Zwingern, Laboren und Tierheimen, also aus Umgebungen mit wenig Anregung. Für Familienhunde gibt es deutlich weniger kontrollierte Daten, und die bislang untersuchten Maßnahmen zeigen gemischte oder eher begrenzte Effekte.

Dieser Beitrag erklärt, wie Enrichment definiert ist, was die Studien zu Spielzeug, Futterspielen, Gerüchen, Geräuschen, sozialem Kontakt und Denkaufgaben tatsächlich gemessen haben, warum Gewöhnung und individuelle Vorlieben eine Rolle spielen, wann Enrichment zur Quelle von Frust wird und woran du erkennst, ob es deinem Hund wirklich etwas bringt.

1. Was Enrichment bedeutet

1.1 Eine Definition über die Wirkung

Im Alltag ist „Enrichment“ zu einer Produktkategorie geworden: alles, was einen Hund beschäftigt. Der Fachbegriff ist enger und anspruchsvoller. In der Definition, die in der angewandten Ethologie am häufigsten zitiert wird, ist Umweltanreicherung „eine Verbesserung der biologischen Funktionsfähigkeit von Tieren in menschlicher Obhut, die aus Veränderungen ihrer Umgebung resultiert“ (Newberry, 1995).

Das entscheidende Wort ist Verbesserung. Nach dieser Definition zählt eine Veränderung der Umgebung nur dann als Enrichment, wenn sie dem Tier messbar nützt. Ein Spielzeug in einen Zwinger zu legen, ist eine Veränderung. Ob es Enrichment ist, ist eine empirische Frage, und die Antwort kann Nein lauten. Newberry argumentierte außerdem, dass Enrichment die biologische Bedeutsamkeit der Umgebung erhöhen soll, damit das Tier Verhalten zeigen kann, das für es selbst wichtig ist. Es geht nicht darum, Zeit zu füllen oder die Umgebung für die betreuenden Menschen interessanter aussehen zu lassen.

Diese Unterscheidung zieht sich durch die gesamte Literatur. Viele Studien testen eine Veränderung und fragen, ob sie das Verhalten verändert hat. Weniger fragen, ob diese Veränderung eine Verbesserung des Wohlbefindens war, und noch weniger können diese Frage verlässlich beantworten.

1.2 Die üblichen Kategorien

Übersichtsarbeiten zu Enrichment für Zwingerhunde ordnen die Möglichkeiten in grobe Gruppen: soziales Enrichment, also Kontakt zu anderen Hunden oder zu Menschen; Objekte, vor allem Spielzeug und Kauartikel; futterbasiertes Enrichment wie Futterspielzeug und verstreutes Futter; sensorisches Enrichment mit Geräuschen und Gerüchen; und Veränderungen des Raums, etwa Größe, Einrichtung oder Sichtmöglichkeiten (Wells, 2004). Kognitives Enrichment, also Aufgaben, die Lernen oder Problemlösen verlangen, wird oft als eigene Kategorie geführt, überschneidet sich in der Praxis aber mit Futterspielen und Training.

Die Kategorien helfen, Studien zu ordnen, verdecken aber einen wichtigen Punkt. Jede Kategorie bündelt sehr unterschiedliche Erfahrungen. Ein Kauknochen, ein Ball und ein Denkspielzeug sind alle „Objekte“, und fünf Minuten Spiel mit einem fremden Menschen und eine Woche in einer Pflegefamilie sind beide „sozialer Kontakt“. Das Ergebnis einer Studie hängt von der konkreten Variante ab, die getestet wurde, nicht vom Etikett der Kategorie.

1.3 Enrichment und positives Wohlbefinden

Moderne Modelle zum Tierwohl geben Enrichment eine genauere Rolle. Das Fünf-Domänen-Modell bewertet Wohlbefinden über Ernährung, Umgebung, Gesundheit und Verhalten, die zusammen in eine fünfte Domäne einfließen, den mentalen Zustand des Tieres (Mellor, 2017). Eine Erweiterung des Modells verschob den Blick von der Vermeidung negativer Zustände hin zu Gelegenheiten für positive Zustände wie Beschäftigung, Erkunden und Spiel (Mellor & Beausoleil, 2015). In diesem Rahmen ist Enrichment einer der wichtigsten Wege, solche Gelegenheiten zu schaffen (wie Tierwohl und Lebensqualität bewertet werden).

Ein verwandter Forschungsstrang betont Handlungsfähigkeit, englisch Agency: die Fähigkeit eines Tieres, Entscheidungen zu treffen und auf seine Umgebung einzuwirken. Gelegenheiten dazu sollen Teil der Bewertung von positivem Wohlbefinden sein (Littlewood, Heslop & Cobb, 2023). Für Enrichment ist das wichtig, weil sich die Frage verschiebt: von „Was bekommt der Hund?“ zu „Was kann der Hund tun?“. Ein Spielzeug, das man dem Hund hinlegt, und eine Entscheidung, die der Hund selbst trifft, etwa wo er ruht, sind verschiedene Arten von Enrichment, auch wenn beide unter derselben Überschrift laufen.

2. Woher die Belege stammen

2.1 Zwinger, Labore und Tierheime

Die meisten kontrollierten Studien zu Enrichment beim Hund wurden in drei Umgebungen durchgeführt: in Laborzwingern, in Forschungskolonien und in Tierheimen. Das ist kein Zufall. Dort leben Hunde in klar eingeschränkten Umgebungen, die Haltung ist so einheitlich, dass sich Vergleiche anstellen lassen, und Bedenken zum Tierwohl haben einen praktischen Bedarf an Verbesserungen geschaffen.

Die Umgebung ist für die Einordnung wichtig. In einem kargen Zwinger ist der Ausgangswert niedrig. Ein Hund mit wenig Beschäftigung, wenig sozialem Kontakt und einer fremden oder lauten Umgebung hat viel Raum für Verbesserung, und fast jede sinnvolle Ergänzung kann sein Verhalten verändern. In einem Zuhause, in dem ein Hund schon Spaziergänge, sozialen Kontakt, abwechslungsreiche Umgebungen und Spiel hat, startet dieselbe Ergänzung von einem anderen Ausgangspunkt. Ergebnisse aus Zwingern beschreiben, was Enrichment in einer eingeschränkten Umgebung bewirken kann. Sie beschreiben nicht automatisch, was es im Leben eines Familienhundes zusätzlich bringt.

In diesem Beitrag werden Tierheim- und Laborstudien als das behandelt, was sie sind: Studien an bestimmten Populationen unter bestimmten Haltungsbedingungen. Ihre Ergebnisse sagen etwas über Mechanismen und darüber, worauf Hunde reagieren. Die Größe der Effekte lässt sich aber nicht direkt auf Hunde übertragen, die in einer Familie leben.

2.2 Was die klassische Übersichtsarbeit festhielt

Eine viel zitierte Übersichtsarbeit zu Enrichment für Zwingerhunde zog mehrere Schlüsse, die das Feld bis heute prägen (Wells, 2004). Sozialer Kontakt, zu anderen Hunden oder zu Menschen, wurde als wichtigste Form von Enrichment für Hunde im Zwinger beschrieben. Spielzeug hatte einen begrenzteren Wert: Erwachsene Hunde verloren innerhalb weniger Tage das Interesse an einem Spielzeug, und im Tierheim beachteten viele Hunde das angebotene Spielzeug kaum. Die Forschung zu Gerüchen und Geräuschen galt damals als vorläufig.

Ein großer Teil der späteren Forschung lässt sich als Prüfung dieser Schlüsse lesen. Studien zur Gewöhnung an Spielzeug untersuchten, warum das Interesse nachlässt. Studien zu Geräuschen und Gerüchen ergänzten das vorläufige Bild. Studien zu sozialem Kontakt maßen körperliche Effekte, die die frühen Verhaltensstudien nur vermuten konnten.

2.3 Ein früher Vergleich im Labor

Einer der ersten systematischen Vergleiche wurde mit 48 Laborbeagles unter verschiedenen Haltungsbedingungen durchgeführt, darunter mehr sozialer Kontakt, kurzes tägliches Handling und Spielzeug mit Kauartikeln (Hubrecht, 1993). Hunde, die Spielzeug und Kauartikel bekamen, nutzten sie, und ihr Verhalten unterschied sich deutlich von dem der Kontrollhunde, unter anderem kauten sie weniger an Teilen des Zwingers. Gleichzeitig nahmen manche Formen des Kontakts mit den Zwingerpartnern ab.

Die Studie wird oft als Beleg dafür zitiert, dass Spielzeug Zwingerhunden hilft. Sie zeigt aber etwas Interessanteres. Ein Objekt fügte nicht einfach eine neue Beschäftigung zum bestehenden Verhalten hinzu. Es verteilte das Verhalten um. Zeit mit dem Spielzeug war Zeit, die für etwas anderes fehlte, in diesem Fall teilweise für soziale Interaktion. Ob dieser Tausch eine Verbesserung ist, hängt davon ab, was der Hund dafür aufgegeben hat, und das lässt sich aus den Verhaltensdaten allein nicht entscheiden.

2.4 Futterspielzeug bei Laborhunden

Eine spätere Pilotstudie verglich acht Laborhunde, die ein mit Futter gefülltes Gummispielzeug bekamen, mit neun Kontrollhunden (Schipper, Vinke, Schilder & Spruijt, 2008). Die Hunde mit Spielzeug zeigten mehr Appetenzverhalten, waren aktiver, wechselten häufiger zwischen Verhaltensweisen und bellten weniger. Diese Effekte waren kurzfristig: Sie wurden um die Zeit gemessen, in der das Spielzeug verfügbar war, und zeigten nicht, dass sich das Wohlbefinden der Hunde insgesamt verändert hatte.

Die Studie ist klein, aber ihr Aufbau ist typisch. Viele Enrichment-Studien messen Verhalten während oder kurz nach der Maßnahme und finden eine Veränderung. Weniger begleiten Hunde über Wochen, und noch weniger messen Ergebnisse, die klar mit Wohlbefinden und nicht nur mit Aktivität zusammenhängen.

3. Neuheit und Gewöhnung

3.1 Warum das Interesse an einem Spielzeug nachlässt

Wer seinem Hund schon einmal ein neues Spielzeug gekauft hat, kennt das Muster: am ersten Tag großes Interesse, am zweiten weniger, und bald liegt das Spielzeug in der Ecke. Schon die Übersichtsliteratur hielt fest, dass erwachsene Zwingerhunde über einige Tage das Interesse an Spielzeug verlieren (Wells, 2004). Eine experimentelle Studie hat das genauer untersucht.

Sechzehn im Zwinger gehaltene Labrador Retriever bekamen wiederholt Spielzeiten mit Spielzeug (Pullen, Merrill & Bradshaw, 2012). Das Spiel nahm von Durchgang zu Durchgang ab, das klassische Muster der Gewöhnung. Längere Pausen zwischen den Durchgängen, von Sekunden bis zu Minuten, verhinderten diesen Rückgang nicht. Was das Spiel zurückbrachte, war eine Veränderung am Spielzeug selbst: Wurde es durch eines ersetzt, das sich in Farbe oder Geruch unterschied, spielten die Hunde wieder, und das galt unabhängig davon, welche Art von Unterschied verwendet wurde. Die Autoren schlossen daraus, dass Hunde sich an das Spielzeug als Ganzes gewöhnen und nicht an ein einzelnes Merkmal.

3.2 Was aus der Gewöhnung folgt

Gewöhnung ist kein Fehler des Hundes oder des Spielzeugs. Sie ist ein grundlegender Lernvorgang, der es Tieren erlaubt, nicht mehr auf Reize zu reagieren, die sich als folgenlos herausstellen. Ein Spielzeug, das nie etwas Neues tut, wird für den Hund Teil des Hintergrunds.

Daraus folgen zwei praktische Punkte. Erstens ist die Wirkung eines Objekts auf das Verhalten zum großen Teil eine Wirkung der Neuheit, und Neuheit nutzt sich ab. Zweitens lässt sich die Wirkung durch Veränderung erneuern. Das ist die Begründung dafür, Spielzeug zu wechseln, statt alles dauerhaft herumliegen zu lassen. Die Studie mit Labradoren stützt den Wechsel als Prinzip. Sie legt aber keinen optimalen Wechselrhythmus fest, und sie wurde mit Zwingerhunden durchgeführt. Wie schnell die Gewöhnung in einem Zuhause mit vielen anderen Anregungen abläuft, ist unbekannt.

Futterspielzeug kann die Beschäftigung länger aufrechterhalten als ein unverändertes leeres Objekt, weil das Verhalten des Hundes wiederholt Konsequenzen erzeugt und dadurch weiter verstärkt werden kann. Ein direkter allgemeiner Vergleich aller aktiven Aufgaben mit statischen Objekten liegt daraus jedoch nicht vor. Lerntheoretisch ist ein Futterspielzeug weniger ein bloßer Gegenstand als eine kleine operante Aufgabe (wie Verstärkerpläne Verhalten aufrechterhalten).

3.3 Neuheit ist nicht immer willkommen

Neuheit hat eine zweite Seite. Für einen selbstsicheren Hund ist ein neues Objekt eine Einladung zum Erkunden. Für einen ängstlichen Hund kann es eine Quelle von Unsicherheit sein. Die hier besprochenen Studien berichten selten über individuelle Unterschiede in der Reaktion auf Neues, aber das Prinzip ist in der Praxis wichtig: Eine Maßnahme, die auf Neuheit setzt, geht davon aus, dass der Hund Neues als angenehm erlebt. Für manche Hunde, besonders in einer neuen Umgebung, ist das nützlichere Enrichment Vorhersehbarkeit und die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, nicht noch ein neues Objekt.

4. Sensorisches Enrichment: Geräusche und Gerüche

4.1 Akustische Reize

Geräusche gehören zu den am besten untersuchten Formen von sensorischem Enrichment bei Zwingerhunden, auch weil sie billig und leicht anzubieten sind. In einer frühen Tierheimstudie ruhten Hunde bei klassischer Musik mehr und bellten weniger, während Heavy Metal mit unruhigerem Verhalten einherging (Wells, Graham & Hepper, 2002). Später ging das Abspielen von Hörbüchern bei Hunden in einer Vermittlungseinrichtung mit mehr Ruhe einher (Brayley & Montrose, 2016).

Diese Ergebnisse sind stimmig, haben aber gemeinsame Grenzen: Tierheimpopulationen, kurze Beobachtungszeiträume und Verhaltensmaße, die Ruhen und Bellen erfassen, nicht das Wohlbefinden direkt. Die Forschung zu Geräuschen wird an anderer Stelle ausführlicher behandelt (was die Studien zu Musik und akustischem Enrichment zeigen).

4.2 Geruchsreize

Der Geruchssinn ist der Sinneskanal, der am engsten damit verbunden ist, wie Hunde die Welt erkunden (wie der Geruchssinn das Verhalten prägt). Er war deshalb ein naheliegender Kandidat für die Enrichment-Forschung.

In einer Studie mit 55 Tierheimhunden wurden Tücher mit verschiedenen ätherischen Ölen in die Zwinger gehängt (Graham, Wells & Hepper, 2005). Lavendel und Kamille gingen mit mehr Ruhen und weniger Bewegung und Bellen einher. Rosmarin und Pfefferminze gingen mit mehr Stehen, Bewegung und Bellen einher. Die Gerüche „bereicherten“ also nicht einheitlich. Verschiedene Gerüche gingen mit verschiedenen Aktivitätsmustern einher, manche ruhiger, manche aktiver.

Eine spätere Studie bot 15 Tierheimhunden mehrere Gerüche in fester Reihenfolge an (Binks, Taylor, Wills & Montrose, 2018). Vanille, Kokos, Ingwer und Baldrian gingen mit weniger Bellen und weniger Bewegung einher, Kokos und Ingwer zusätzlich mit mehr Schlaf. Weil alle Hunde die Gerüche in derselben Reihenfolge bekamen, lassen sich Effekte der Zeit im Tierheim oder der Gewöhnung an den Ablauf nicht von Effekten der einzelnen Gerüche trennen.

Eine dritte Studie verglich Geruchs- und akustisches Enrichment bei 60 Tierheimhunden (Amaya, Paterson & Phillips, 2020). Hunde, die einem Pheromonprodukt für Hunde oder Musik ausgesetzt waren, lagen mehr, und Kontrollhunde bellten ungefähr drei- bis viermal so viel wie Hunde in den Behandlungsgruppen. Innerhalb der fünf Studientage beobachteten die Autoren keine Gewöhnung an die Maßnahmen. Pheromonprodukte als eigenes Thema werden an anderer Stelle besprochen (was über Pheromone und Nahrungsergänzung bekannt ist).

4.3 Was die sensorischen Studien messen

Zusammen zeigen die sensorischen Studien, dass Geräusche und Gerüche im Zwinger mit Veränderungen bei Aktivität und Bellen einhergehen. Weniger klar ist, was diese Veränderungen bedeuten. Mehr Ruhen kann Entspannung widerspiegeln, im Zwinger aber auch Rückzug oder aus anderen Gründen niedrigere Erregung. Weniger Bellen freut Personal und Nachbarn, und es kann ein Zeichen für weniger Stress sein, aber Bellen hat viele Ursachen.

Das ist ein wiederkehrendes Problem der Enrichment-Forschung: Die Ergebnismaße sind Verhaltensweisen, die sich leicht zählen lassen, und ihre Verbindung zum Gefühlszustand des Hundes ist eine Deutung (warum Verhalten keine direkte Anzeige für Emotion ist). Die Deutung ist oft plausibel, aber sie ist nicht gemessen.

Für Familienhunde gilt eine weitere Einschränkung. Die Gerüche in diesen Studien wurden passiv im Zwinger angeboten. Nasenarbeit, bei der ein Hund aktiv nach einem Geruch sucht, ist eine andere Art von Erfahrung und wird in Abschnitt 6 besprochen.

5. Soziales Enrichment

5.1 Kontakt zu Menschen

Die Schlussfolgerung, dass sozialer Kontakt das wichtigste Enrichment für Zwingerhunde ist (Wells, 2004), wurde durch körperliche Messungen gestützt. Bei Hunden, die neu ins Tierheim gekommen waren, gingen Zeiten mit einem Menschen, ob bloße Anwesenheit, Streicheln oder Spiel, mit niedrigerem Cortisol im Blutplasma einher als Kontrollbedingungen, außerdem mit weniger Bellen und Hecheln (Shiverdecker, Schiml & Hennessy, 2013). Die Studie fand keine Form der Interaktion, die klar überlegen war. Die Anwesenheit eines Menschen und die Interaktion selbst schienen wichtiger zu sein als die konkrete Aktivität.

Eine größere Studie zu einem Programm mit vorübergehender Pflegeunterbringung maß bei 207 Tierheimhunden Cortisol vor, während und nach Aufenthalten über eine oder zwei Nächte in einem Zuhause (Gunter, Feuerbacher, Gilchrist & Wynne, 2019). Die Cortisolwerte sanken während der Pflegezeit und kehrten nach der Rückkehr ins Tierheim auf den Ausgangswert zurück; zugleich waren die längsten ununterbrochenen Ruhephasen während der Aufenthalte im Zuhause zu beobachten. Wichtig ist die Abgrenzung: Die Intervention veränderte nicht nur den Menschenkontakt, sondern die gesamte Umgebung. Die Studie belegt daher einen Effekt der vorübergehenden Pflegeunterbringung, nicht isoliert einen Effekt sozialen Kontakts.

Der Mechanismus dahinter wird oft als soziale Pufferung beschrieben, also als Abschwächung von Stressreaktionen durch die Anwesenheit eines Sozialpartners (was über soziale Pufferung beim Hund bekannt ist).

5.2 Kontakt zu anderen Hunden

Kontakt zu anderen Hunden ist ebenfalls eine Form von Enrichment, aber die Belege sind gemischter als beim Kontakt zu Menschen. Im frühen Laborvergleich gehörte mehr sozialer Kontakt zu den getesteten Bedingungen (Hubrecht, 1993), und spätere Übersichten nennen Gruppen- oder Paarhaltung als wichtige Form von Enrichment im Zwinger (Wells, 2004). In einer Pilotstudie mit Hunden in der Ausbildung zum Assistenzhund gehörte das Spiel mit Artgenossen zu den Aktivitäten, die mit dem größten Anstieg von Entspannungsverhalten einhergingen (Hunt, Whiteside & Prankel, 2022).

Der Nutzen von Kontakt unter Hunden hängt stark vom Partner und von der Situation ab. Ein passender Gefährte kann eine Quelle von Spiel und Sicherheit sein. Ein unpassender kann eine Quelle dauerhafter Anspannung sein. In der Forschung mit Zwingerhunden wird die Verträglichkeit meist durch sorgfältige Paarbildung gesteuert, und das ist etwas anderes als eine Gruppe fremder Hunde im Park.

5.3 Was das außerhalb des Zwingers bedeutet

Bei Familienhunden wird die soziale Seite von Enrichment leicht übersehen, weil sie in den meisten Haushalten schon vorhanden ist. Genau deshalb fehlt sie am seltensten. Die Studien in diesem Abschnitt legen nahe, dass für einen Hund in einer eingeschränkten Umgebung die wirksamste Ergänzung oft ein Mensch ist und kein Objekt. Für einen Hund in einer Familie ist die Frage weniger, ob sozialer Kontakt besteht, sondern welche Form er hat: gemeinsame Beschäftigung, ruhige Anwesenheit und vorhersehbare Interaktion gehören alle dazu.

6. Futter, Futtersuche und Arbeit

6.1 Contrafreeloading

Futterbasiertes Enrichment wird oft mit einem Phänomen begründet, das Contrafreeloading heißt: der bei vielen Tierarten belegten Neigung, für Futter zu arbeiten, obwohl dasselbe Futter frei verfügbar ist. Wenn Tiere lieber für Futter arbeiten, dann würde eine Fütterung, die Einsatz verlangt, ihnen etwas geben, das sie schätzen.

Eine Studie mit Familienhunden hat das direkt geprüft (Rothkoff, Feng & Byosiere, 2024). Achtunddreißig Hunde konnten zu Hause zwischen einer Schale mit frei verfügbarem Futter und einem Schnüffelteppich mit derselben Futtermenge wählen. Nur ein Hund zeigte eine deutliche Vorliebe für den Schnüffelteppich. Zweiundzwanzig Hunde bevorzugten das freie Futter. Gleichzeitig waren 30 der 38 Hunde bereit, den Schnüffelteppich zu nutzen, obwohl freies Futter verfügbar war. Hunde mit höherem Körperkonditionswert wählten den Schnüffelteppich häufiger zuerst, was die Autoren mit Unterschieden in der Futtermotivation in Verbindung brachten.

Die Autoren fassten das als Bereitschaft ohne Vorliebe zusammen. Die Familienhunde in dieser Studie zeigten nicht das ausgeprägte Contrafreeloading, das von vielen anderen Tierarten berichtet wird. Sie waren aber bereit, sich mit dem Schnüffelteppich zu beschäftigen. Das ist wichtig für die Begründung von Futterspielen. Die Belege stützen nicht die Behauptung, dass Hunde grundsätzlich lieber für ihr Futter arbeiten. Sie stützen die bescheidenere Aussage, dass viele Hunde sich mit solchen Hilfsmitteln beschäftigen.

6.2 Was Futterspielzeug zeigt und was nicht

Futterspielzeug verändert das Verhalten von Zwingerhunden, zumindest kurzfristig (Schipper et al., 2008). In einer Pilotstudie gehörten futterbasierte Aktivitäten aber zu denen mit der kleinsten Wirkung auf Entspannungsverhalten, verglichen mit dem Spiel unter Hunden und einem Spielhaus (Hunt et al., 2022). In einer kontrollierten Studie mit Familienhunden, die in Abschnitt 8 besprochen wird, veränderte die kurzfristige Bereitstellung von Spielzeug die gemessenen Werte nicht signifikant; die Zuteilung zu den verschiedenen Spielzeug-Komplexitätsstufen war wegen eines Versuchsfehlers allerdings nur pseudo-randomisiert.

Futterspielzeug ist also nicht nutzlos, aber die Behauptung, es sei die Standardlösung für einen unterforderten Hund, ist stärker als die Belege. Seine Hauptwirkung scheint zu sein, dass es die Fresszeit verlängert und eine kleine Aufgabe hinzufügt. Ob das eine Verbesserung ist, hängt vom Hund ab, vom Hilfsmittel und davon, was der Hund sonst tun würde.

6.3 Nasenarbeit als aktives Enrichment

Nasenarbeit, bei der Hunde aktiv nach einem Zielgeruch suchen, unterscheidet sich vom passiven Anbieten von Gerüchen. In einer Studie mit Familienhunden verschob sich nach zwei Wochen Nasenarbeit ein Maß für kognitive Verzerrung in optimistische Richtung, verglichen mit einer Kontrollgruppe, die Fußarbeit übte (Duranton & Horowitz, 2019). Tests zur kognitiven Verzerrung werden als indirektes Maß für den Gefühlszustand verwendet, und ihre Deutung hat eigene Grenzen (was Tests zur kognitiven Verzerrung zeigen können und was nicht).

Eine Übersichtsarbeit zu Geruchsaktivitäten fand eine wachsende, aber lückenhafte Literatur und kam zu dem Schluss, dass die Mechanismen, über die Nasenarbeit Hunden nützen könnte, unvollständig verstanden sind (Fountain, Fernandez, McWhorter & Hazel, 2025). Eine spätere Studie maß Herzfrequenz und Verhalten bei 21 Hunden während und nach der Nasenarbeit (Fountain et al., 2026). Die Herzfrequenz stieg während der Suche, ohne dass Stressverhalten zunahm, und in der Zeit nach der Aufgabe gab es keinen Unterschied. Das passt zu der Sicht, dass aktive Nasenarbeit während der Suche eher anregt als entspannt, und dass eine anhaltend beruhigende Wirkung durch diese Daten nicht belegt ist.

Für Nasenarbeit gibt es erste Hinweise auf mögliche positive Effekte bei Familienhunden, gleichzeitig ist die Evidenz noch schmal. Die vorhandenen Studien arbeiten mit kleinen Stichproben und unterschiedlichen Ergebnismaßen; eine dauerhaft beruhigende oder allgemein wohlfahrtssteigernde Wirkung ist damit nicht belegt.

7. Kognitives Enrichment und der Wert von Erfolg

7.1 Ein Problem lösen als Belohnung

Eine Studie mit 12 Beagles prüfte, ob das Lösen einer Aufgabe an sich belohnend ist, über die erhaltene Belohnung hinaus (McGowan, Rehn, Norling & Keeling, 2014). Hunde, die lernten, eine Vorrichtung zu bedienen, um Zugang zu einer Belohnung zu bekommen, wurden mit Bedingungen verglichen, in denen sie dieselbe Belohnung erhielten, ohne die Aufgabe lösen zu müssen. In der Lernbedingung wedelten die Hunde mehr und waren aktiver, was die Autoren als Zeichen positiver emotionaler Erregung durch den eigenen Erfolg deuteten.

Die Studie ist klein, und die Verhaltensanzeichen müssen gedeutet werden, aber ihr Kernpunkt ist für Enrichment wichtig: Es kommt möglicherweise nicht nur darauf an, was der Hund bekommt, sondern auch darauf, ob sein eigenes Verhalten es bewirkt hat. Damit ist kognitives Enrichment mit dem weiteren Konzept der Kontrolle verbunden (warum Kontrolle und Vorhersehbarkeit für Stress wichtig sind).

7.2 Enrichment und Altern

Die umfangreichsten Langzeitdaten zu kognitivem Enrichment stammen aus der Forschung mit alternden Hunden. In einer zweijährigen Längsschnittstudie bekamen ältere Beagles ein angereichertes Futter, Verhaltensenrichment, beides oder nichts davon (Milgram et al., 2005). Verhaltensenrichment und angereichertes Futter verbesserten jeweils die Leistung bei Lernaufgaben im Vergleich zu Kontrollhunden, und die Kombination brachte die besten Ergebnisse.

Das gehört zu den stärksten Langzeitdaten dafür, dass ein strukturiertes, fortlaufendes Enrichment-Programm bei Hunden über längere Zeit messbare Effekte haben kann. Die Daten stammen aber aus einer Laborpopulation, bei der strukturierte kognitive Tests Teil des Enrichment-Programms waren. Sie zeigen, dass ein kombiniertes Anregungsprogramm in dieser Umgebung den altersbedingten Rückgang der Lernfähigkeit bremsen kann. Sie zeigen nicht, dass ein bestimmtes Spielzeug oder Spiel bei einem Familienhund dasselbe bewirkt. Die Forschung zum altersbedingten geistigen Abbau wird an anderer Stelle behandelt (was über kognitive Dysfunktion beim alternden Hund bekannt ist).

7.3 Training als Enrichment

In der Forschungsliteratur wird Training selten als Enrichment bezeichnet, aber es hat viele der Merkmale, die die Enrichment-Studien als wichtig herausarbeiten: soziale Interaktion, Problemlösen, Kontrolle über Ergebnisse und Futter oder Spiel als Verstärker. In der Studie zu Nasenarbeit und kognitiver Verzerrung übte die Kontrollgruppe Fußarbeit, also eine Form von Gehorsamstraining, und zeigte nicht dieselbe Verschiebung (Duranton & Horowitz, 2019). Das zeigt nicht, dass Training keinen Enrichment-Wert hat. Es zeigt, dass in diesem Vergleich die Art der Aktivität eine Rolle spielte.

Aus der Praxis: Trainingseinheiten, die dem Hund klare Wahlmöglichkeiten und häufige Erfolge geben, wirken eher wie Enrichment als Einheiten, bei denen es vor allem um Gehorsam geht. Das ist eine Beobachtung aus der Trainingspraxis, kein Ergebnis kontrollierter Studien.

8. Familienhunde: Wo die Zwingerbefunde enden

8.1 Eine kontrollierte Studie im Zuhause

Der bisher direkteste kontrollierte Test von Spielzeug-Enrichment bei Familienhunden stammt von Chan, Arellano und Horowitz (2023). Siebenundvierzig Familienhunde wurden aufgenommen; sieben schlossen die Studie nicht ab und gingen nicht in die Analysen ein. Die Hunde wurden zunächst zufällig einer Versuchs- oder Kontrollgruppe zugeteilt. Innerhalb der Versuchsgruppe erfolgte die Zuteilung zu Spielzeug unterschiedlicher Komplexität wegen eines Versuchsfehlers jedoch nur pseudo-randomisiert. Über zwölf Tage erhielten die Hunde täglich fünf Minuten Zugang zu den vorgesehenen Spielzeugen. Gemessen wurden Aktivität, Fressgeschwindigkeit und die Leistung in einem Test zur kognitiven Verzerrung.

Das Spielzeug veränderte weder Aktivität noch Fressgeschwindigkeit noch kognitive Verzerrung signifikant. Komplexeres Spielzeug zeigte eine Tendenz zu einer optimistischeren kognitiven Verzerrung, aber der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Der Titel der Arbeit fasst das Ergebnis zusammen: Kurzfristig angebotenes Spielzeug verbesserte die in dieser Studie verwendeten Wohlbefindensmaße nicht.

Die Studie hat Grenzen. Fünf Minuten täglich über zwölf Tage sind eine kurze Intervention, sieben Hunde schlossen die Studie nicht ab, und die Spielzeug-Komplexität wurde nicht vollständig randomisiert zugeteilt. Außerdem könnten die verwendeten Maße kleine Veränderungen übersehen haben. Der Befund zeigt deshalb vor allem, dass diese konkrete kurzfristige Spielzeug-Intervention bei den untersuchten Familienhunden keine signifikanten Veränderungen der gewählten Wohlbefindensmaße erzeugte; daraus folgt nicht, dass Spielzeug-Enrichment bei Familienhunden generell wirkungslos ist.

8.2 Eine Umgebung dazwischen

Eine Pilotstudie in einem Ausbildungsprogramm für Assistenzhunde liegt zwischen Zwinger und Zuhause (Hunt et al., 2022). Sieben Enrichment-Aktivitäten wurden in einer Büroumgebung getestet, darunter Bindungsaktivitäten, Seifenblasen, Spiel mit Artgenossen, interaktives Spielzeug, ein Spielhaus, Futterspielzeug und Zerrspiele. Insgesamt ging Enrichment mit mehr Entspannungsverhalten einher. Spiel mit Artgenossen und das Spielhaus hatten die größten Effekte, futterbasierte Aktivitäten die kleinsten.

Als Pilotstudie kann sie nicht klären, welche Aktivität die beste ist. Sie passt aber zu der Vorstellung, dass die Art des Enrichments wichtig ist und dass die am häufigsten verkaufte Produktkategorie, Futterspielzeug, nicht unbedingt die wirksamste ist.

8.3 Zusammenhangsstudien

Große Halterbefragungen liefern eine andere Art von Belegen. In einer finnischen Befragung ging weniger tägliche Bewegung mit Geräuschempfindlichkeit und Trennungsangst einher, und frühe Lebenserfahrungen gingen mit späterer Ängstlichkeit einher (Tiira & Lohi, 2015). Solche Ergebnisse werden oft als Beleg dafür zitiert, dass mehr Aktivität oder Enrichment Verhaltensproblemen vorbeugt.

Die Daten stützen diesen Schluss nicht direkt. Die Befragungen sind Querschnittsdaten und beruhen auf Angaben der Halter, die Richtung des Zusammenhangs ist also unklar: Ein ängstlicher Hund wird vielleicht weniger ausgeführt, weil Spaziergänge schwierig sind, und wird nicht ängstlich, weil er weniger ausgeführt wird (was die Forschung zu Bewegung zeigt und was nicht). Zusammenhänge zwischen Umgebung und Verhalten passen zu einer Rolle von Enrichment, aber sie prüfen sie nicht.

8.4 Warum die Übertragung schwierig ist

Mehrere Faktoren erschweren die Übertragung vom Zwinger ins Zuhause. Der Ausgangswert in einer Familie ist meist höher, dieselbe Maßnahme hat also weniger Spielraum. Familienhunde unterscheiden sich in Alter, Rasse, Erfahrung und Tagesablauf stärker voneinander als Hunde in einer Forschungskolonie, was die Streuung erhöht. Und Halter bieten oft viele Formen von Enrichment gleichzeitig an, sodass sich der Beitrag eines einzelnen Elements kaum herauslösen lässt.

Nichts davon bedeutet, dass Enrichment für Familienhunde unwichtig ist. Es bedeutet, dass die Effektgrößen aus Zwingerstudien kein Maßstab dafür sind, was ein Spielzeug oder Futterspiel einem Hund bringt, der schon ein abwechslungsreiches Leben hat. Die wichtigste Frage für einen Familienhund lautet oft nicht „Was kann ich hinzufügen?“, sondern „Was fehlt?“.

9. Wenn Enrichment zur Belastung wird

9.1 Frustration

Enrichment wird meist so besprochen, als könnte es nur helfen. Aber ein Enrichment-Hilfsmittel stellt eine Aufgabe, und eine Aufgabe kann misslingen. Ein zu schwieriges Denkspiel, ein Futterspielzeug, aus dem nichts herauskommt, oder ein Ball, den der Hund nicht erreicht, können Frust statt Beschäftigung erzeugen. Frustration ist ein Gefühlszustand mit eigener Neurobiologie und eigenen Verhaltensanzeichen, darunter erhöhte Erregung, Beharrlichkeit und umgelenktes Verhalten (was über Frustration beim Hund bekannt ist).

Die hier besprochenen Enrichment-Studien messen Frustration selten direkt, aber das Prinzip folgt aus der Lerntheorie: Eine lösbare Aufgabe kann Beschäftigung und Erfolgserleben ermöglichen; wiederholtes Scheitern kann dagegen Frustration auslösen. Aus der Praxis: Die Schwierigkeit wird am besten so gewählt, dass der Hund meistens Erfolg hat, und erst gesteigert, wenn er die aktuelle Stufe leicht löst.

9.2 Erregung

Manche Formen von Enrichment erhöhen die Erregung. Nasenarbeit erhöhte die Herzfrequenz während der Suche (Fountain et al., 2026), und die Beagle-Studie zum Erfolgserlebnis beschrieb positive Erregung (McGowan et al., 2014). Erhöhte Erregung während einer Aktivität ist an sich kein Problem. Sie wird zu einem, wenn ein Hund schon stark erregt ist, wenn Aktivitäten ohne Erholung aufeinanderfolgen oder wenn der Hund danach schwer zur Ruhe kommt (wie Erregungsregulation funktioniert).

Für manche Hunde ist das wertvollste Enrichment keine weitere Aktivität, sondern die Gelegenheit zu ungestörter Ruhe. Ein Tagesablauf voller Denkspiele, Spiele und Training kann zur Belastung werden statt zur Entlastung.

9.3 Enrichment und sich wiederholendes Verhalten

Sich wiederholende und zwanghafte Verhaltensweisen werden oft als Grund für Enrichment genannt. Beim Hund ist die Beziehung zwischen Umgebung und sich wiederholendem Verhalten aber nicht einfach. Funktionale Analysen haben gezeigt, dass sich von Hund zu Hund unterscheidet, was ein solches Verhalten aufrechterhält: Bei manchen hielt die Reaktion des Halters das Verhalten aufrecht, bei anderen der Reiz selbst (Hall, Protopopova & Wynne, 2015). Hunde mit stereotypem Verhalten zeigten in einem Experiment außerdem mehr Beharrlichkeit während der Löschung als vergleichbare Kontrollhunde (Protopopova, Hall & Wynne, 2014).

Für Enrichment bedeutet das zweierlei. Erstens können zusätzliche Aktivitäten die Zeit für ein sich wiederholendes Verhalten verringern, ohne das zu verändern, was es aufrechterhält. Zweitens kann Enrichment, das dem Verhalten ähnelt, etwa Licht- oder Schattenspiele bei einem Hund, der Lichtern nachjagt, das Muster eher verstärken als ersetzen. Sich wiederholendes Verhalten braucht eine Einzelfallanalyse, nicht einfach mehr Anregung (was die Forschung zu Zwangsverhalten zeigt).

9.4 Vorhersehbarkeit

Die Enrichment-Forschung betont oft Abwechslung. Abwechslung und Vorhersehbarkeit ziehen aber in verschiedene Richtungen. Eine Übersichtsarbeit zur Vorhersehbarkeit bei Tieren in menschlicher Obhut fand, dass vorhersehbare Bedingungen allgemein mit besserem Wohlbefinden einhergehen als unvorhersehbare, und dass Unvorhersehbarkeit zu den Bedingungen gehört, unter denen sich Stereotypien entwickeln (Bassett & Buchanan-Smith, 2007).

Das Gleichgewicht liegt darin, was abgewechselt wird. Ein Hund kann von Neuem zum Erkunden innerhalb einer vorhersehbaren Tagesstruktur profitieren, in der er weiß, wann er gefüttert wird, wann es rausgeht und wann Ruhe ist. Ständig wechselnde Abläufe sind kein Enrichment, besonders nicht für ängstliche Hunde.

10. Woran du erkennst, ob es wirkt

10.1 Beschäftigung ist nicht dasselbe wie Nutzen

Das häufigste Maß für Enrichment ist Beschäftigung: ob der Hund das Spielzeug oder Hilfsmittel nutzt. Beschäftigung ist eine notwendige Bedingung für Nutzen, aber keine hinreichende. Ein Hund kann sich intensiv mit etwas beschäftigen, das ihn frustriert, und ein Hund, der ein Spielzeug nicht beachtet, braucht es vielleicht einfach nicht.

Die Definition am Anfang dieses Beitrags verlangt eine Verbesserung der Funktionsfähigkeit (Newberry, 1995). Für einen bestimmten Hund lauten die entscheidenden Fragen deshalb nicht nur, ob er das Angebot nutzt, sondern ob sich in seinem weiteren Verhalten etwas in eine wünschenswerte Richtung verändert.

10.2 Anzeichen, die sich beobachten lassen

In der Forschung werden mehrere Arten von Ergebnismaßen verwendet: Ruhe- und Aktivitätsmuster, Bellen, sich wiederholendes Verhalten, Stressverhalten, körperliche Marker wie Cortisol und Herzfrequenz sowie indirekte Maße für den Gefühlszustand wie Tests zur kognitiven Verzerrung (wie Stress beim Hund gemessen wird). Jedes Maß hat Grenzen. Cortisol steigt bei positiver Erregung ebenso wie bei Stress, und Ruhen kann Entspannung oder Rückzug bedeuten (was Cortisol anzeigt und was nicht).

Zu Hause stehen körperliche Messungen selten zur Verfügung, die Verhaltensanzeichen lassen sich aber beobachten. Hilfreiche Fragen sind: Zeigt dein Hund während und nach der Aktivität überwiegend unproblematisches Verhalten? Nimmt unerwünschtes Stress- oder Wiederholungsverhalten über Tage und Wochen ab, wenn genau das das Ziel war? Sucht dein Hund die Aktivität auf, wenn er die Wahl hat? Und kommt er auf die Aktivität zurück, wenn der Reiz des Neuen verflogen ist? Ruhigeres Verhalten danach kann bei manchen Zielen erwünscht sein, ist aber kein allgemeines Kriterium dafür, ob Enrichment funktioniert.

10.3 Wahl als Maß

Wahltests sind eine der wenigen Möglichkeiten, den Hund direkt zu fragen. Die Studie zum Schnüffelteppich nutzte die Wahl, um zu zeigen, dass viele Hunde dieser Stichprobe bereit waren, für Futter zu arbeiten, die Mehrheit jedoch das frei verfügbare Futter bevorzugte (Rothkoff et al., 2024). Dieselbe Logik lässt sich im Alltag nutzen: Wenn du zwei Möglichkeiten anbietest und über mehrere Tage beobachtest, welche dein Hund wählt, erfährst du mehr, als wenn du nur beobachtest, ob er ein einzelnes Angebot ohne Alternative nutzt.

Auch Wahl hat Grenzen. Ein Hund kann das bevorzugen, was sofort belohnt, statt das, was ihm langfristig nützt, und eine Wahl in einer Situation muss keine stabile Vorliebe widerspiegeln. Als Ergänzung zur Beobachtung verschiebt sie die Frage aber von dem, was wir glauben, was der Hund mag, zu dem, was er tatsächlich auswählt.

11. Was daraus für die Praxis folgt

11.1 Mit dem beginnen, was fehlt

Die hier besprochenen Studien legen einen anderen Ausgangspunkt nahe als die übliche Produktliste. In eingeschränkten Umgebungen wurde sozialer Kontakt als wichtigste Form von Enrichment beschrieben (Wells, 2004). Bei einem Familienhund lautet die erste Frage, ob die Grundbedürfnisse nach sozialem Kontakt, Bewegung, Erkunden, Ruhe und Vorhersehbarkeit erfüllt sind. Fehlt eines davon, wird ein Spielzeug das kaum ausgleichen.

11.2 Was die Forschung stützt

Mehrere Prinzipien werden durch die hier besprochenen Studien gestützt, auch wenn ihre Größe für Familienhunde nicht geklärt ist. Abwechslung kann erneutes Interesse auslösen, wenn Hunde sich an unveränderte Objekte gewöhnt haben (Pullen et al., 2012). Aufgaben, bei denen das Verhalten des Hundes wiederholt eine Konsequenz erzeugt, können Beschäftigung aufrechterhalten; ein allgemeiner direkter Nachweis, dass aktive Aufgaben grundsätzlich länger fesseln als statische Objekte, fehlt jedoch. Menschliche Interaktion kann bei Tierheimhunden physiologische Stressreaktionen abschwächen (Shiverdecker et al., 2013). Vorübergehende Aufenthalte in Pflegehaushalten gingen ebenfalls mit niedrigerem Cortisol einher, veränderten aber zugleich die gesamte Umgebung und nicht nur den Sozialkontakt (Gunter et al., 2019). Erfolg kann an sich belohnend sein (McGowan et al., 2014). Und Hunde sind verschieden: In der Schnüffelteppich-Studie bevorzugte die Mehrheit dieser Stichprobe freies Futter, viele Hunde waren aber dennoch bereit, den Teppich zu nutzen (Rothkoff et al., 2024).

11.3 Was aus der Praxis kommt

Weitere Prinzipien stammen aus der praktischen Erfahrung und aus der Lerntheorie, nicht aus kontrollierten Enrichment-Studien, und sind hier entsprechend gekennzeichnet.

Aus der Praxis: Enrichment funktioniert am besten, wenn die Schwierigkeit zum Können des Hundes passt, wenn Angebote gewechselt werden, statt dauerhaft verfügbar zu sein, wenn der Hund wählen darf, ob er mitmacht, und wenn zwischen Aktivitäten genug Erholung bleibt. Ein Hund, der trotz vieler Aktivitäten unruhig wirkt, braucht vielleicht weniger Anregung, nicht mehr.

Aus der Praxis: Die Art des Enrichments sollte zum Hund passen. Ein Hund mit starker Nasenmotivation spricht oft gut auf Suchspiele an, ein sozialer Hund auf gemeinsame Aktivitäten, und ein Hund, der schnell überfordert ist, auf ruhige, vorhersehbare Abläufe mit wenig intensiven Angeboten wie Kauen oder Schlecken.

11.4 Beobachten und anpassen

Weil sich die Wirkung von Enrichment nicht voraussetzen lässt, muss man sie beobachten. Wie sich der Hund während und nach einer Aktivität verhält und ob sich über Wochen breitere Muster verändern, sagt mehr als das Etikett eines Produkts. Erzeugt eine Aktivität wiederholt Frust, problematisch hohe Erregung oder andere unerwünschte Veränderungen, oder erreicht sie das angestrebte Ziel nicht, ist es sinnvoll, Schwierigkeit, Dauer oder Art des Angebots zu verändern. Dass ein Hund danach ruhiger wird, ist nur bei manchen Zielen ein sinnvoller Maßstab.

12. Zusammenfassung auf einen Blick

Enrichment ist über seine Wirkung definiert: Eine Veränderung zählt nur dann als Enrichment, wenn sie die Funktionsfähigkeit des Tieres verbessert (Newberry, 1995). Die meisten kontrollierten Studien stammen aus Zwingern, Laboren und Tierheimen, wo der Ausgangswert niedrig und der Spielraum für Verbesserung groß ist.

Dort wurde sozialer Kontakt als besonders wichtige Form von Enrichment beschrieben (Wells, 2004), und direkte menschliche Interaktion senkte in einer kontrollierten Studie das Cortisol von Tierheimhunden (Shiverdecker et al., 2013). Eine weitere Studie fand niedrigere Cortisolwerte während kurzer Pflegeaufenthalte in einem Zuhause, konnte diesen Effekt aber nicht vom gesamten Umgebungswechsel trennen (Gunter et al., 2019). Spielzeug veränderte das Verhalten, aber die Hunde gewöhnten sich daran, und ein verändertes Spielzeug erneuerte das Interesse (Hubrecht, 1993; Pullen et al., 2012). Geräusche und Gerüche gingen mit Veränderungen bei Ruhe, Aktivität und Bellen einher, abhängig vom jeweiligen Reiz (Wells et al., 2002; Graham et al., 2005; Brayley & Montrose, 2016; Binks et al., 2018; Amaya et al., 2020).

Bei Familienhunden sind die Belege dünner. In einer Wahlstudie bevorzugte die Mehrheit der untersuchten Hunde frei verfügbares Futter gegenüber einem Schnüffelteppich, viele waren aber dennoch bereit, den Teppich zu nutzen (Rothkoff et al., 2024). Kurzfristig angebotenes Spielzeug veränderte in einer kontrollierten Studie die gemessenen Wohlbefindensmaße nicht signifikant; die Zuteilung zu den Spielzeug-Komplexitätsstufen war dabei nur pseudo-randomisiert (Chan et al., 2023). Nasenarbeit verschob ein Maß für kognitive Verzerrung (Duranton & Horowitz, 2019), ihre Mechanismen sind aber unvollständig verstanden (Fountain et al., 2025). Enrichment kann durch Frust, übermäßige Erregung oder fehlende Vorhersehbarkeit zur Belastung werden, und ob es einem bestimmten Hund hilft, muss man beobachten, statt es vorauszusetzen.

13. Forschungslücken und kritische Einordnung

13.1 Population und Umgebung

Die größte Lücke ist der Abstand zwischen dem Ort, an dem die Belege entstehen, und dem Ort, an dem sie angewendet werden. Die meisten Studien wurden in Zwingern, Laboren und Tierheimen durchgeführt, die meisten Enrichment-Produkte werden aber für Familienhunde verkauft. Die wenigen kontrollierten Studien mit Familienhunden zeigen gemischte oder ausbleibende Effekte, und unklar ist, ob das an einem Deckeneffekt, an unempfindlichen Maßen, an zu kurzen Maßnahmen oder an der jeweiligen Intervention liegt.

13.2 Stichprobengröße und Studiendesign

Viele Enrichment-Studien sind klein, manche mit weniger als zwanzig Hunden, und mehrere nutzen eine feste Reihenfolge, bei der sich Behandlungseffekte nicht von Zeiteffekten trennen lassen (Binks et al., 2018). Pilotstudien prägen Teile des Feldes (Schipper et al., 2008; Hunt et al., 2022). Ergebnisse solcher Studien sind nützlich, um Hypothesen zu bilden, können aber keine Effektgrößen festlegen.

13.3 Ergebnismaße

Die Ergebnismaße sind meist leicht beobachtbare Verhaltensweisen wie Ruhen, Aktivität und Bellen. Ihre Verbindung zum Wohlbefinden ist plausibel, aber eine Deutung. Körperliche Maße werden seltener verwendet und haben eigene Unschärfen, und Tests zur kognitiven Verzerrung sind indirekt. Wenige Studien kombinieren mehrere Arten von Maßen bei denselben Hunden, und wenige begleiten Hunde über lange Zeiträume.

13.4 Individuelle Unterschiede

Enrichment-Studien berichten meist Gruppenmittelwerte. Die Wahlstudie zum Schnüffelteppich zeigte große Unterschiede zwischen einzelnen Hunden (Rothkoff et al., 2024), und die praktische Erfahrung spricht dafür, dass die Reaktionen auf Neues, Gerüche und sozialen Kontakt stark schwanken. Forschung dazu, welche Hunde von welcher Form von Enrichment profitieren, fehlt weitgehend.

13.5 Langzeitwirkungen

Die meisten Studien messen Wirkungen während oder kurz nach einer Maßnahme. Die wichtigste Ausnahme ist die zweijährige Studie mit alternden Beagles (Milgram et al., 2005), die ein kombiniertes Programm in einer Laborumgebung nutzte. Ob alltägliches Enrichment im Zuhause dauerhafte Wirkungen auf Verhalten, Stressbelastbarkeit oder geistiges Altern hat, ist nicht geklärt.

13.6 Kommerzieller Einfluss

Enrichment ist ein Markt, und die am meisten verkauften Produkte wie Futterspielzeug und Denkspiele sind nicht unbedingt die mit den stärksten Belegen. Die vorhandenen Studien mit Familienhunden belegen keinen klaren Vorteil dieser Produkte gegenüber sozialen oder erkundenden Aktivitäten; direkte Vergleiche sind zudem selten.

14. Fazit

Enrichment ist ein gut begründetes Konzept mit einer schmaleren Beleglage, als seine Beliebtheit vermuten lässt. In eingeschränkten Umgebungen verändern sozialer Kontakt, Objekte, Futteraufgaben, Geräusche und Gerüche das Verhalten, und sozialer Kontakt hat die deutlichsten körperlichen Wirkungen. Das Interesse an Objekten lässt durch Gewöhnung nach und lässt sich durch Veränderung erneuern. Bei Familienhunden ist die Evidenz zu zusätzlichem Spielzeug und Futterspielen bislang begrenzt und uneinheitlich. In einer einzelnen Wahlstudie bevorzugte die Mehrheit frei verfügbares Futter gegenüber einem Schnüffelteppich, obwohl viele Hunde den Teppich dennoch nutzten.

Die nützlichste Lehre aus der Forschung ist die Definition selbst: Enrichment ist kein Produkt, sondern eine Wirkung. Ob ein Spielzeug, ein Spiel oder eine Aktivität für einen bestimmten Hund Enrichment ist, hängt davon ab, was in seiner Umgebung fehlt, wie er reagiert und ob sich sein Verhalten über die Zeit in eine wünschenswerte Richtung verändert. Damit ist Enrichment weniger eine Einkaufsliste als eine fortlaufende Beobachtung.

Wichtigste Erkenntnisse im Überblick

  • Enrichment ist über seine Wirkung definiert: Eine Veränderung der Umgebung zählt nur, wenn sie die Funktionsfähigkeit des Hundes verbessert (Newberry, 1995).

  • Die meisten kontrollierten Belege stammen aus Zwingern, Laboren und Tierheimen mit niedrigem Ausgangswert; die Effektgrößen aus diesen Umgebungen lassen sich nicht direkt auf Familienhunde übertragen.

  • Sozialer Kontakt wurde als wichtigstes Enrichment für Zwingerhunde beschrieben, und Kontakt zu Menschen senkte das Cortisol von Tierheimhunden (Wells, 2004; Shiverdecker et al., 2013).

  • Hunde gewöhnen sich an Spielzeug als Ganzes, und ein verändertes Spielzeug, nicht eine längere Pause, brachte das Spiel zurück (Pullen et al., 2012).

  • Die meisten Familienhunde in einer Studie bevorzugten freies Futter gegenüber einem Schnüffelteppich, aber die meisten waren bereit, den Teppich zu nutzen (Rothkoff et al., 2024).

  • Kurzfristig angebotenes Spielzeug veränderte in einer kontrollierten Studie mit Familienhunden die gemessenen Wohlbefindensmaße nicht signifikant; die Zuteilung zu den Spielzeug-Komplexitätsstufen war jedoch nur pseudo-randomisiert (Chan et al., 2023).

  • Enrichment kann Frust, übermäßige Erregung oder Unvorhersehbarkeit erzeugen; ob es einem bestimmten Hund hilft, muss man beobachten, statt es vorauszusetzen.

Quellen

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