Testosteron und Aggression beim Hund: Was die Kastration leistet — und was nicht
- Michael Sauerwein Hundeschule unterHUNDs

- vor 2 Tagen
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„Kastrieren, dann wird er ruhiger“ gehört zu den langlebigsten Empfehlungen im Hundebereich. Sie beruht auf einer Annahme, die plausibel klingt: Testosteron macht aggressiv, also senkt seine Entfernung die Aggression.
Die bislang umfangreichste Untersuchung dazu hat diese Annahme geprüft. Ausgewertet wurden C-BARQ-Daten von über 13.000 Hunden — nach Ausschluss aller Tiere, die wegen eines Verhaltensproblems kastriert worden waren. Das Ergebnis: Weder die Kastration noch der Zeitpunkt zeigten einen Zusammenhang mit Aggression gegenüber vertrauten Menschen oder anderen Hunden. Gegenüber Fremden fand sich ein leicht erhöhtes Risiko — getragen ausschließlich von Hunden, die zwischen dem 7. und 12. Lebensmonat kastriert worden waren (Farhoody, Mallawaarachchi, Tarwater, Serpell, Duffy & Zink, 2018).
Dieser Artikel behandelt, was Testosteron tatsächlich tut, warum der Geschlechtsunterschied bei Aggression kein Beweis für eine Testosteronwirkung ist, was die Kastrationsforschung zeigt und warum sich die gegenteilige Überzeugung so hartnäckig hält.
Zur Kastration als eigenständigem Thema: Kastration bei Rüden — Vor- und Nachteile

1. Was Testosteron tut
1.1 Modulator, nicht Auslöser
Testosteron löst kein Verhalten aus. Es verändert die Wahrscheinlichkeit, mit der bestimmte Verhaltensweisen in bestimmten Situationen auftreten — insbesondere solche im Zusammenhang mit Konkurrenz um Ressourcen und Fortpflanzungspartner.
Der Unterschied ist entscheidend. Ein Auslöser erzeugt Verhalten; ein Modulator verschiebt eine Schwelle. Verhalten, das ohne den passenden Kontext nicht auftritt, tritt auch mit erhöhtem Testosteronspiegel nicht auf.
Daraus folgt eine Vorhersage, die sich mit der Alltagserfahrung deckt: Ein hormonell bedingter Effekt sollte kontextgebunden sein — sichtbar bei Ressourcenkonkurrenz und im Beisein läufiger Hündinnen, nicht bei furchtmotiviertem Verhalten am Tierarzttisch. Genau diese Differenzierung geht verloren, wenn „Aggression“ als eine Kategorie behandelt wird.
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1.2 Organisierend und aktivierend
Die Endokrinologie unterscheidet zwei Wirkungsarten. Organisierende Effekte treten in frühen Entwicklungsphasen auf und formen die Struktur des Nervensystems dauerhaft. Aktivierende Effekte treten später auf und wirken nur, solange das Hormon vorhanden ist.
Diese Unterscheidung ist für die Kastrationsfrage zentral. Was organisierend angelegt wurde, lässt sich durch eine spätere Kastration nicht rückgängig machen — die Struktur bleibt, auch wenn das Hormon fehlt.
Hinzu kommt eine dritte Ebene, die in der Diskussion regelmäßig fehlt: das Gelernte. Ein Rüde, der über zwei Jahre erfahren hat, dass Drohen funktioniert, hat eine Lerngeschichte, die von Hormonen unabhängig ist. Selbst wenn die Kastration den aktivierenden Anteil vollständig entfernte, bliebe dieser Teil bestehen.
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1.3 Die Grenzen der Erklärung
Wie bei den meisten neuroendokrinen Aussagen zum Hund gilt auch hier: Die detaillierte Beschreibung der Wirkmechanismen stammt aus Nager- und Primatenforschung. Beim Hund liegen Zusammenhänge zwischen Kastrationsstatus und Verhalten vor — nicht Messungen von Hormonspiegeln und deren Wirkung auf Verhaltensschwellen.
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2. Der Geschlechtsunterschied
2.1 Was die Kohorten zeigen
In großen Erhebungen ist männliches Geschlecht ein Risikofaktor für aggressives Verhalten gegenüber Menschen (Mikkola et al., 2021). Dieser Befund ist konsistent und wird regelmäßig als Beleg für eine Testosteronwirkung angeführt.
2.2 Warum das kein Beweis ist
Der Schluss von einem Geschlechtsunterschied auf eine Hormonwirkung überspringt mehrere Möglichkeiten.
Geschlechter unterscheiden sich nicht nur hormonell, sondern auch in Körpergröße und Kraft — was die Folgen aggressiven Verhaltens verändert und damit die Wahrscheinlichkeit, dass es berichtet wird. Sie unterscheiden sich in organisierenden Entwicklungseffekten, die vor der Geburt und in den ersten Lebenswochen wirken. Und sie unterscheiden sich darin, wie Menschen mit ihnen umgehen: Rüden und Hündinnen werden unterschiedlich ausgewählt, gehalten und erzogen.
Jede dieser Möglichkeiten erklärt den Geschlechtsunterschied, ohne dass zirkulierendes Testosteron eine Rolle spielen müsste. Und genau hier setzt die Kastrationsforschung an — sie prüft, was passiert, wenn man dieses Testosteron entfernt.
Der Berichtseffekt verdient dabei besondere Beachtung. Aggressionsdaten stammen aus Halterangaben, und dieselbe Verhaltensweise wird bei einem 35-Kilo-Rüden anders eingeschätzt als bei einer 8-Kilo-Hündin. Ein Teil des Geschlechtsunterschieds könnte demnach im Auge des Beobachters liegen — dieselbe Verzerrung, die auch bei Rassezuschreibungen wirkt.
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3. Die Kastrationsfrage
3.1 Die große Untersuchung
Farhoody und Kollegen werteten C-BARQ-Fragebögen aus, die zwischen 2004 und 2011 zu 15.370 Hunden ausgefüllt worden waren. Ausgeschlossen wurden Tiere, die vor der sechsten Lebenswoche kastriert worden waren, Tiere mit unvollständigen Angaben — und, methodisch entscheidend, alle Tiere, die zur Behebung eines Verhaltensproblems kastriert worden waren.
Dieser Ausschluss beseitigt die naheliegendste Verzerrung. Wenn auffällige Hunde häufiger kastriert werden, erscheinen kastrierte Hunde auffälliger — ohne dass die Kastration etwas damit zu tun hätte.
Es blieben je nach Fragestellung 13.795, 13.498 und 13.237 Hunde für die drei Auswertungen.
Die Größenordnung ist für dieses Feld ungewöhnlich. Ältere Arbeiten zur Kastrationswirkung arbeiteten mit Fallzahlen im zwei- bis niedrigen dreistelligen Bereich — was bei kleinen Effekten bedeutet, dass sie einen tatsächlichen Zusammenhang ebenso verfehlen konnten wie einen zufälligen finden.
3.2 Das Ergebnis
Aggressives Verhalten wurde auf zwei Arten erfasst: als Mittelwert über alle einschlägigen C-BARQ-Fragen und als Vergleich zwischen Hunden ohne jedes aggressive Verhalten und solchen mit mittelgradiger oder schwerer Aggression.
Weder die Kastration noch der Zeitpunkt zeigten einen Zusammenhang mit Aggression gegenüber vertrauten Menschen oder gegenüber anderen Hunden.
Für Aggression gegenüber Fremden ergab sich ein geringer, aber statistisch bedeutsamer Anstieg der Chance auf mittelgradige oder schwere Aggression bei kastrierten gegenüber intakten Hunden (Farhoody et al., 2018).
Die Richtung ist bemerkenswert, weil sie der Erwartung entgegenläuft. Erwartet worden wäre ein Rückgang; gefunden wurde ein Anstieg. Die Größe des Effekts ist klein — aber die Aussage lautet eben nicht „kein Nutzen nachweisbar“, sondern „in der einzigen Kategorie mit Effekt zeigte er in die andere Richtung“.
3.3 Der Befund zum Zeitpunkt
Dieser Anstieg ging vollständig auf eine einzige Gruppe zurück: Hunde, die zwischen dem 7. und 12. Lebensmonat kastriert worden waren. Sie zeigten eine um 26 Prozent erhöhte Chance auf Aggression gegenüber Fremden.
Der Schluss der Autoren fällt entsprechend aus: Die Daten stützen nicht die Auffassung, dass eine Kastration aggressives Verhalten verlässlich verringert.
Zur Einordnung dieses Einzelbefundes gehört Zurückhaltung. Es handelt sich um eine Untergruppenanalyse innerhalb einer Beobachtungsstudie. Was er nahelegt, ist eine Hypothese über den Zeitpunkt — kein belegter Kausalzusammenhang zwischen Eingriff in der Adoleszenz und späterem Verhalten.
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4. Warum der Praxisglaube so stabil ist
4.1 Ein Lehrstück aus der Literatur
Farhoody und Kollegen führen ein Beispiel an, das die Entstehung der Überzeugung gut zeigt. Eine ältere Untersuchung befragte Halter von 57 Rüden mit Verhaltensproblemen, die zwischen dem zweiten und siebten Lebensjahr kastriert worden waren, zu beobachteten Veränderungen. Eine Kontrollgruppe intakter Hunde mit Verhaltensproblemen gab es nicht.
Die statistische Auswertung ergab für kein untersuchtes Verhalten ein bedeutsames Ergebnis. Die Autoren schlossen dennoch, die Kastration habe auf alle aggressionsbezogenen Verhaltensprobleme gewirkt — mit Ausnahme der Aggression gegenüber Fremden — und empfahlen, Tierärzte sollten Halter entsprechend informieren.
4.2 Der Bestätigungsfehler
Hinzu kommt eine Konstellation, die die Überzeugung im Alltag laufend bestätigt. Ein Hund wird wegen eines Problems kastriert; das Problem bessert sich; die Kastration gilt als Ursache.
Übersehen wird dabei dreierlei: dass Verhaltensprobleme auch ohne Eingriff schwanken, dass Halter nach einem Eingriff meist auch ihr eigenes Verhalten ändern, und dass eine erwartete Wirkung leichter wahrgenommen wird.
Der zweite Punkt ist der unterschätzte. Wer sich zu einem Eingriff entschließt, hat sich mit dem Problem befasst, holt Rat ein, achtet stärker auf Situationen und meidet Auslöser konsequenter. Diese Veränderungen fallen zeitlich mit der Kastration zusammen — und sind für sich genommen bereits eine Intervention.
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4.3 Die Reifung als Miterklärung
Kastrationen werden häufig im Jugendalter durchgeführt — also in einer Phase, in der sich Verhalten ohnehin verändert. Was der Kastration zugeschrieben wird, kann Reifung sein.
Diese Möglichkeit wirkt in beide Richtungen: Sie erklärt sowohl scheinbare Verbesserungen als auch den Befund zur Gruppe mit 7 bis 12 Monaten, in der ein Eingriff mitten in die Adoleszenz fällt.
Auch der umgekehrte Fall kommt vor. Ein Hund, der mit acht Monaten kastriert wird, verschlechtert sich in den folgenden Monaten — was in dieser Phase ohnehin häufig geschieht. Zugeschrieben wird es dann dem Eingriff, obwohl derselbe Verlauf auch ohne ihn zu erwarten gewesen wäre.
5. Was Kastration sonst verändert
5.1 Furchtsamkeit
Neben der Aggressionsfrage ist der Zusammenhang mit Furchtsamkeit relevant. In der finnischen Kohorte war Kastration mit höheren Werten für angstbezogene Merkmale verbunden (Salonen et al., 2020).
Das ist für die Beratung bedeutsam, weil Furchtsamkeit zugleich der stärkste bekannte Prädiktor für aggressives Verhalten gegenüber Menschen ist. Ein Eingriff, der Furchtsamkeit erhöht, könnte auf diesem Weg die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens erhöhen — statt sie zu senken.
Damit ergäbe sich ein Wirkungspfad, der die Erwartung genau umkehrt: nicht weniger Aggression über weniger Testosteron, sondern mehr Aggression über mehr Furchtsamkeit. Ob dieser Pfad tatsächlich besteht, ist offen — er ist mit den vorliegenden Querschnittsdaten vereinbar, aber nicht durch sie belegt.
Zur Furchtkonditionierung als Mechanismus: Furchtkonditionierung und Rekonsolidierung beim Hund
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5.2 Die Richtungsfrage bleibt
Auch dieser Befund ist querschnittlich. Ob die Kastration Furchtsamkeit erhöht oder ob ängstlichere Hunde häufiger kastriert werden, lässt sich daraus nicht entscheiden — die Ausschlussregel aus der Aggressionsstudie fehlt hier.
Die zweite Richtung ist keineswegs unplausibel: Ein unsicherer Hund wird häufiger als „schwierig“ erlebt, und die Kastration gehört zu den häufigsten Empfehlungen bei schwierigem Verhalten. Ohne den Ausschluss verhaltensbedingter Kastrationen — wie ihn Farhoody und Kollegen vorgenommen haben — bleibt dieser Weg offen.
Genau daran zeigt sich der Wert dieses Ausschlusskriteriums: Es ist der Unterschied zwischen einem Befund, der interpretierbar ist, und einem, der es nicht ist.
Zur methodischen Grundfrage: Hundeverhalten messbar machen
6. Chemische Kastration
6.1 Als Test
Die vorübergehende hormonelle Unterdrückung wird häufig als Vorabtest empfohlen: Zeigt sich eine Wirkung, spricht das für den chirurgischen Eingriff.
Der Gedanke ist naheliegend und hat eine Grenze. Was der Test prüfen kann, sind aktivierende Effekte — organisierende Effekte bleiben unberührt, und Verhalten, das über Jahre gelernt wurde, verschwindet nicht mit dem Hormonspiegel.
Daraus folgt eine asymmetrische Aussagekraft. Eine deutliche Besserung unter chemischer Unterdrückung spricht für einen hormonellen Anteil. Eine ausbleibende Besserung spricht dagegen nicht gegen einen solchen Anteil — sie kann ebenso bedeuten, dass gelernte oder organisierende Anteile überwiegen.
Zur Trennung gelernter und aktueller Anteile: Erlerntes Verhalten vs. Emotion beim Hund
6.2 Grenzen der Aussage
Hinzu kommt, dass weder Halter noch Trainer verblindet sind. Wer weiß, dass eine Maßnahme läuft, beobachtet anders. Eine Beurteilung ohne vorher festgelegte, konkret erfasste Verhaltensweisen ist deshalb wenig belastbar.
Zur Frustration als konkurrierender Erklärung für Verhaltensänderungen: Frustration beim Hund: Neurobiologie und Impulskontrolle
7. Konsequenzen
7.1 Für die Beratung
Die zentrale Aussage lässt sich kurz fassen: Eine Kastration ist kein Verhaltenstherapeutikum. Sie verändert aggressives Verhalten gegenüber vertrauten Menschen und gegenüber Artgenossen nach der vorliegenden Datenlage nicht vorhersagbar.
Diese Auskunft ist unbequem, weil sie eine einfache Lösung entfernt. Sie ist aber die ehrlichere — und sie verhindert eine Enttäuschung, die häufig zu Lasten des Hundes geht.
Der Verlauf ist typisch und vorhersehbar: Der Eingriff findet statt, das Problem bleibt, die Halter erleben die als letzte Möglichkeit dargestellte Maßnahme als gescheitert — und die Bereitschaft zur aufwendigeren Verhaltensarbeit ist danach geringer als vorher, nicht größer.
Zur Aggression und ihren tatsächlichen Ansatzpunkten: Aggression beim Hund: Ursachen und Auslöser verstehen
7.2 Wann eine Kastration begründbar ist
Aus der Verhaltensperspektive bleiben Indikationen, die nichts mit Aggression zu tun haben: hormonell gesteuertes Streunen, Verhalten im Zusammenhang mit läufigen Hündinnen im Umfeld, sowie medizinische Gründe.
Diese Indikationen haben eine gemeinsame Eigenschaft, die sie von der Aggressionsfrage unterscheidet: Sie betreffen Verhalten, das unmittelbar an das Fortpflanzungsgeschehen gekoppelt ist und ohne den entsprechenden Kontext nicht auftritt. Genau dort ist eine hormonelle Wirkung theoretisch zu erwarten — und genau dort wird sie in der Praxis auch am zuverlässigsten beobachtet.
Die Abwägung insgesamt gehört in die Tierarztpraxis und umfasst mehr als das Verhalten. Was die Verhaltensseite beitragen kann, ist eine realistische Erwartung — und die Auskunft, dass ein Aggressionsproblem durch den Eingriff voraussichtlich nicht gelöst wird.
Zur Kastration bei der Hündin: Kastration bei der Hündin
7.3 Der Zeitpunkt
Der Befund zur Gruppe mit 7 bis 12 Monaten ist der praktisch verwertbarste Einzelhinweis der Untersuchung. Er stammt aus einer Untergruppenanalyse und sollte nicht überinterpretiert werden — er spricht aber dafür, den Eingriff nicht mitten in die Adoleszenz zu legen, sofern kein medizinischer Grund dagegen steht.
Diese Empfehlung deckt sich mit einer unabhängigen Überlegung. Die Adoleszenz ist ohnehin die Phase mit der größten Verhaltensvariabilität; ein Eingriff in dieser Zeit macht es zusätzlich schwer, Ursachen auseinanderzuhalten. Wer abwartet, gewinnt Information — und verliert außer Zeit wenig.
Zur Regulationsentwicklung in dieser Phase: Selbstkontrolle beim Hund: Frontalcortex und Impulsregulation
8. Zusammenfassung im Überblick
Testosteron löst kein Verhalten aus, sondern verschiebt Schwellen für Verhalten, das in bestimmten Situationen ohnehin auftreten kann. Die Endokrinologie unterscheidet dabei organisierende Effekte, die früh und dauerhaft wirken, von aktivierenden, die nur bei vorhandenem Hormon bestehen — was erklärt, warum eine späte Kastration nicht alles rückgängig macht.
Männliches Geschlecht ist in großen Kohorten ein Risikofaktor für Aggression. Daraus folgt aber keine Testosteronwirkung: Körpergröße, organisierende Entwicklungseffekte und der unterschiedliche Umgang von Menschen mit Rüden und Hündinnen erklären den Unterschied ebenfalls.
Die umfangreichste Untersuchung zur Kastration schloss alle Hunde aus, die wegen eines Verhaltensproblems kastriert worden waren, und fand bei über 13.000 Tieren keinen Zusammenhang mit Aggression gegenüber Vertrauten oder Artgenossen. Gegenüber Fremden zeigte sich ein leicht erhöhtes Risiko, getragen allein von Hunden mit Kastration zwischen dem 7. und 12. Monat — 26 Prozent höhere Chance.
Hinzu kommt, dass Kastration mit höheren Werten für angstbezogene Merkmale einhergeht — und Furchtsamkeit ist der stärkste bekannte Prädiktor für aggressives Verhalten.
9. Forschungslücken und Kontroversen
9.1 Keine randomisierten Studien
Sämtliche Befunde sind Beobachtungsdaten. Eine randomisierte Zuweisung zu Kastration oder Nicht-Kastration wäre grundsätzlich möglich, ist aber aus praktischen und ethischen Gründen nicht durchgeführt worden.
Machbarer wäre eine Alternative: die randomisierte Zuweisung zum Zeitpunkt bei Hunden, für die eine Kastration ohnehin vorgesehen ist. Damit ließe sich die Adoleszenzfrage klären, ohne jemandem den Eingriff vorzuenthalten oder aufzuzwingen.
9.2 Halterbericht
Die Aggressionsdaten stammen aus einem Halterfragebogen. Das Instrument ist gut validiert, erfasst aber die Einschätzung der Halter — mit den bekannten Einschränkungen.
Hinzu kommt, dass die Angaben rückblickend erhoben wurden. Wann genau ein Verhalten begann und ob es sich nach dem Eingriff veränderte, lässt sich aus einer einmaligen Befragung nicht rekonstruieren. Die Untersuchung vergleicht Zustände, nicht Verläufe.
9.3 Keine Hormonmessungen
In den Verhaltensstudien wurde der Kastrationsstatus erfasst, nicht der Testosteronspiegel. Damit bleibt offen, wie stark der Zusammenhang zwischen zirkulierendem Hormon und Verhaltensschwelle beim Hund tatsächlich ist.
Das ist mehr als eine Feinheit. Kastrierte Hunde unterscheiden sich von intakten nicht nur im Testosteron, sondern im gesamten Hormonhaushalt — auch Östrogene und die Regulation über die übergeordneten Achsen verändern sich. Ein Effekt der Kastration ist damit nicht automatisch ein Effekt des Testosterons.
Zur Neurochemie und ihren Messgrenzen: Neurochemie beim Hund: Botenstoffe, Wirkung und Grenzen
Zum Zusammenhang von Schmerz und Aggression als konkurrierendem Erklärungsweg: Schmerz und Aggression beim Hund
10. Fazit
Dieses Thema ist ein Beispiel dafür, wie eine plausible Annahme eine Praxis über Jahrzehnte trägt, ohne geprüft zu sein — und wie eine Untersuchung mit ausreichender Fallzahl und sauberem Ausschlusskriterium sie zurechtrücken kann.
Was bleibt, ist eine differenzierte Aussage. Testosteron beeinflusst Verhaltensschwellen. Kastration verringert aggressives Verhalten aber nicht vorhersagbar, in einer Auswertung war sie mit leicht erhöhter Aggression gegenüber Fremden verbunden, und sie geht mit höheren Werten für Furchtsamkeit einher.
Für die Beratung heißt das: Wer nach der Kastration als Lösung für ein Aggressionsproblem gefragt wird, sollte die Erwartung dämpfen statt sie zu bedienen. Die Entscheidung selbst gehört in die Tierarztpraxis — die Erwartung an das Verhalten gehört korrigiert, bevor sie dort ankommt.
Das ist kein Argument gegen Kastration. Es ist ein Argument gegen eine bestimmte Begründung für sie. Wer aus medizinischen Gründen oder wegen hormonell gekoppelten Verhaltens kastrieren lässt, hat dafür eine Grundlage. Wer es tut, weil der Hund an der Leine pöbelt, vermutlich nicht.
Zur häufigsten Alltagsform dieses Problems: Reaktivität beim Hund: Erregung, Schwelle und Regulation
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick zu Testosteron und Aggression beim Hund
Testosteron ist ein Modulator, kein Auslöser. Es verschiebt Schwellen für Verhalten, das in bestimmten Situationen ohnehin auftreten kann. Verhalten ohne passenden Kontext entsteht auch bei hohem Spiegel nicht.
Keine Verbindung zu Aggression gegenüber Vertrauten und Artgenossen. Bei über 13.000 Hunden zeigten weder Kastration noch Zeitpunkt einen Zusammenhang — nachdem alle Tiere ausgeschlossen worden waren, die wegen eines Verhaltensproblems kastriert wurden (Farhoody et al., 2018).
Gegenüber Fremden ein leicht erhöhtes Risiko. Getragen ausschließlich von Hunden mit Kastration zwischen dem 7. und 12. Lebensmonat: 26 Prozent höhere Chance auf mittelgradige oder schwere Aggression.
Der Geschlechtsunterschied beweist keine Hormonwirkung. Körpergröße und Kraft, organisierende Entwicklungseffekte und der unterschiedliche Umgang mit Rüden und Hündinnen erklären ihn ebenso.
Kastration geht mit höherer Furchtsamkeit einher (Salonen et al., 2020) — und Furchtsamkeit ist der stärkste bekannte Prädiktor für aggressives Verhalten gegenüber Menschen. Die Richtung des Zusammenhangs ist allerdings offen.
Quellen
Farhoody, P., Mallawaarachchi, I., Tarwater, P. M., Serpell, J. A., Duffy, D. L., & Zink, C. (2018). Aggression toward familiar people, strangers, and conspecifics in gonadectomized and intact dogs. Frontiers in Veterinary Science, 5, 18. https://doi.org/10.3389/fvets.2018.00018
Gfrerer, N., Taborsky, M., & Würbel, H. (2019). No evidence for detrimental effect of chemical castration on working ability in Swiss military dogs. Applied Animal Behaviour Science, 211, 84–87.
Hart, B. L., & Eckstein, R. A. (1997). The role of gonadal hormones in the occurrence of objectionable behaviours in dogs and cats. Applied Animal Behaviour Science, 52(3–4), 331–344. https://doi.org/10.1016/S0168-1591(96)01133-1
Mikkola, S., Salonen, M., Puurunen, J., Hakanen, E., Sulkama, S., Araujo, C., & Lohi, H. (2021). Aggressive behaviour is affected by demographic, environmental and behavioural factors in purebred dogs. Scientific Reports, 11, 9433. https://doi.org/10.1038/s41598-021-88793-5
Salonen, M., Sulkama, S., Mikkola, S., Puurunen, J., Hakanen, E., Tiira, K., Araujo, C., & Lohi, H. (2020). Prevalence, comorbidity, and breed differences in canine anxiety in 13,700 Finnish pet dogs. Scientific Reports, 10, 2962. https://doi.org/10.1038/s41598-020-59837-z
Zink, M. C., Farhoody, P., Elser, S. E., Ruffini, L. D., Gibbons, T. A., & Rieger, R. H. (2014). Evaluation of the risk and age of onset of cancer and behavioral disorders in gonadectomized Vizslas. Journal of the American Veterinary Medical Association, 244(3), 309–319. https://doi.org/10.2460/javma.244.3.309

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