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Rüde oder Hündin: Was Studien über Verhaltensunterschiede zeigen

Rüde oder Hündin? Was Studien zu Markieren, Mut, Angst, Aggression und Kognition zeigen, wo die Störfaktoren liegen und warum der einzelne Hund mehr zählt.

Michael Sauerwein

Zwei Golden Retriever unterschiedlichen Geschlechts sitzen nebeneinander auf einer grünen Wiese.

Rüde oder Hündin? Diese Frage stellt sich vor fast jedem neuen Hund, und meist hängen Erwartungen daran: Rüden gelten als mutiger und rauflustiger, Hündinnen als anhänglicher und leichter zu erziehen. Studien finden tatsächlich einige durchschnittliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern, aber die meisten sind klein, die Verteilungen überlappen stark, und das Geschlecht ist mit Kastrationsstatus, Größe, Rasse, Haltung und den Erwartungen der Halter verflochten.

Dieser Beitrag trennt die eindeutig geschlechtstypischen Verhaltensweisen, etwa das Markieren mit gehobenem Bein, von Aussagen über Persönlichkeit, Aggression und Kognition. Er zeigt, was große Befragungen, standardisierte Tests und Experimente tatsächlich gemessen haben, wo die Störfaktoren liegen, warum der einzelne Hund mehr zählt als sein Geschlecht und wie du die Entscheidung zwischen Rüde und Hündin ohne Klischees angehen kannst.

1. Warum die Frage schwieriger ist, als sie aussieht

1.1 Was ein „Geschlechtsunterschied“ bedeutet

Kaum eine Frage taucht vor dem Einzug eines Hundes so oft auf wie diese: Rüde oder Hündin? Dahinter stehen meist Erwartungen. Rüden sollen mutiger, selbstständiger und eher in Raufereien verwickelt sein; Hündinnen sollen anhänglicher, leichter zu erziehen und sensibler sein. Manche dieser Erwartungen haben eine Grundlage in Daten. Viele nicht, und fast keine trifft in der Form zu, in der sie üblicherweise geäußert wird.

Der erste Schritt ist, klar zu machen, was ein Geschlechtsunterschied in einer Studie eigentlich ist. Wenn Forschende berichten, dass Rüden bei einem Merkmal höhere Werte hatten als Hündinnen, heißt das: Der Durchschnittswert der Rüdengruppe war höher als der Durchschnittswert der Hündinnengruppe, und dieser Unterschied ist in einer Stichprobe dieser Größe wahrscheinlich kein reiner Zufall. Es heißt nicht, dass jeder Rüde höher lag als jede Hündin, und es heißt nicht, dass der Unterschied groß ist. In großen Stichproben werden auch sehr kleine Durchschnittsunterschiede statistisch signifikant. Eine Studie mit Tausenden Hunden kann einen Unterschied entdecken, der so klein ist, dass bei einem zufällig gewählten Rüden und einer zufällig gewählten Hündin nebeneinander die Hündin in einem großen Teil der Vergleiche trotzdem den höheren Wert hätte.

Das ist der Kernpunkt dieses Beitrags. Die Verteilungen von Rüden und Hündinnen überlappen bei fast jedem untersuchten Verhaltensmerkmal stark. Das Geschlecht eines Hundes sagt etwas über den Durchschnitt einer Gruppe, zu der er gehört. Über den Hund, der vor dir steht, sagt es sehr wenig.

1.2 Zwei Arten von Unterschieden

Es hilft, zwei Arten von Verhaltensunterschieden zwischen den Geschlechtern zu trennen. Die erste Art umfasst Verhaltensweisen, die eng mit der Fortpflanzung verbunden sind und sich in ihrer Form unterscheiden, nicht nur in ihrer Häufigkeit. Das Markieren mit gehobenem Bein ist beim Hund das deutlichste Beispiel. Aufreiten und Streunen bei unkastrierten Rüden gehören in dieselbe Gruppe. Diese Verhaltensweisen sind im biologischen Sinn geschlechtsdimorph: Ihre typische Form unterscheidet sich zwischen Rüden und Hündinnen, und sie reagieren auf Geschlechtshormone.

Die zweite Art betrifft Persönlichkeitsmerkmale, emotionale Neigungen und kognitive Leistungen: Mut, Geselligkeit, Ängstlichkeit, Aggression, Aufmerksamkeit für soziale Signale, Problemlösen und Ähnliches. Hier geht es nicht darum, ob ein Verhalten bei einem Geschlecht vorkommt und beim anderen nicht, sondern darum, ob sich sein durchschnittliches Ausmaß unterscheidet. Genau hier liegen die meisten verbreiteten Behauptungen, und genau hier sind die Daten am schwächsten und am stärksten verzerrt.

Beide Arten zu vermischen, ist ein häufiger Fehler. Dass unkastrierte Rüden mehr und in anderer Haltung markieren, sagt nichts darüber, ob Rüden treuer, schwerer erziehbar oder anstrengender im Zusammenleben sind. Die Belastbarkeit der ersten Art von Unterschied überträgt sich nicht auf die zweite.

1.3 Woher die Daten stammen

Die Belege zu Geschlechtsunterschieden beim Hund stammen aus drei Hauptquellen. Große Halterbefragungen, oft auf Basis des Canine Behavioral Assessment and Research Questionnaire, eines für Familienhunde entwickelten und validierten Fragebogens (Hsu & Serpell, 2003), liefern Stichproben mit Tausenden oder Zehntausenden Hunden. Standardisierte Verhaltenstests, vor allem aus Arbeits- und Diensthundeprogrammen, liefern geschulte Beurteiler und einheitliche Abläufe, betreffen aber meist nur wenige Rassen. Experimentelle Studien zur Kognition liefern kontrollierte Abläufe und direkte Beobachtung, umfassen aber meist nur einige Dutzend Hunde.

Jede Quelle hat eine typische Schwäche: Befragungen hängen davon ab, was Halter bemerken und glauben, Testdaten von der getesteten Population, Experimente von kleinen Stichproben und von der Deutung von Maßen wie der Blickdauer. Ein Geschlechtsunterschied, der nur in einer Art von Quelle auftaucht, verdient mehr Vorsicht als einer, der sich über mehrere zeigt. Wie solche Maße definiert werden und was sie erfassen können, ist eine eigene Frage (wie Hundeverhalten zu messbaren Daten wird).

2. Die Störfaktoren: Warum das Geschlecht selten allein wirkt

2.1 Kastrationsstatus

In den meisten Familienhundepopulationen lässt sich das Geschlecht nicht sauber vom Kastrationsstatus trennen. Viele Hunde in den großen Befragungsstudien sind kastriert, der Anteil unterscheidet sich zwischen Rüden und Hündinnen, und auch Gründe und Zeitpunkt der Kastration unterscheiden sich. Ein Vergleich von „Rüden“ und „Hündinnen“ ist deshalb meist ein Vergleich gemischter Gruppen aus intakten und kastrierten Rüden mit gemischten Gruppen aus intakten und kastrierten Hündinnen.

Die Kastrationsdaten selbst zeigen, dass das eine Rolle spielt, und zwar unterschiedlich für beide Geschlechter. In einer C-BARQ-Auswertung von 6.235 Rüden ging eine längere lebenslange Einwirkung von Geschlechtshormonen mit selteneren Berichten über 26 überwiegend unerwünschte Verhaltensweisen einher, davon acht aus dem Bereich Ängstlichkeit und sieben aus dem Bereich Aggression. Nur Markieren im Haus und Heulen beim Alleinsein waren bei längerer Hormoneinwirkung wahrscheinlicher (McGreevy et al., 2018). Derselbe Ansatz bei 8.981 Hündinnen ergab, dass zehn unerwünschte Verhaltensweisen bei längerer Hormoneinwirkung seltener berichtet wurden, davon eine aus dem Bereich Ängstlichkeit und drei aus dem Bereich Aggression (Starling et al., 2019). Der Zusammenhang zwischen Hormonen und Verhalten ist also bei Rüden und Hündinnen nicht derselbe, und ein Geschlechtervergleich, der den Kastrationsstatus übergeht, vermischt mehrere verschiedene Zusammenhänge.

Dieser Beitrag behandelt keine Entscheidungen über Kastration. Der Punkt hier ist enger: Der Kastrationsstatus verzerrt Geschlechtervergleiche, und jeder berichtete Geschlechtsunterschied in einer Population mit vielen kastrierten Hunden kann teilweise Unterschiede bei der Kastration widerspiegeln statt Unterschiede zwischen den Geschlechtern selbst. Die Forschung zur Kastration ist an anderer Stelle zusammengefasst (was die Kastration am Verhalten verändert und was nicht).

2.2 Größe und Rasse

In den meisten Rassen sind Rüden größer und schwerer als Hündinnen. Größe hängt für sich genommen mit Verhalten zusammen: darüber, wie Menschen einen Hund behandeln und auf ihn reagieren, wie andere Hunde auf ihn reagieren, und möglicherweise auch über körperliche Faktoren. Jeder Geschlechtervergleich, der die Größe nicht berücksichtigt, kann teilweise ein Größenvergleich sein.

Die Rasse ist ein zweiter, größerer Störfaktor. Rassen unterscheiden sich in vielen Merkmalen, und Rassen unterscheiden sich auch in ihrer Zusammensetzung. In einer C-BARQ-Studie zu Rasseunterschieden bei Aggression unterschieden sich die Rassen in beiden untersuchten Stichproben im Verhältnis von intakten zu kastrierten Hunden, und in der Online-Stichprobe auch im Geschlechterverhältnis (Duffy, Hsu & Serpell, 2008). Wenn eine Rasse mehr Rüden beisteuert und zugleich im Mittel mutiger ist, kann eine zusammengefasste Auswertung einen Geschlechtsunterschied erzeugen, der teilweise ein Rasseunterschied ist. In einer australischen Halterbefragung unterschied sich Mut zwischen Rassen und Rassegruppen (Starling, Branson, Thomson & McGreevy, 2013b), was zeigt, wie stark die Rassezusammensetzung das Merkmal selbst prägen kann. Der Zusammenhang zwischen Rasse und Verhalten wird an anderer Stelle genauer betrachtet (was die Rasse vorhersagt und was nicht).

Dieselbe Rassestudie liefert einen weiteren Punkt, der genauso für das Geschlecht gilt. Wegen der erheblichen Unterschiede innerhalb der Rassen kamen die Autoren zu dem Schluss, es sei „unangemessen, die Neigung eines bestimmten Hundes zu aggressivem Verhalten allein anhand seiner Rasse vorherzusagen“ (Duffy et al., 2008). Für das Geschlecht gilt dieselbe Logik: Ein Gruppendurchschnitt sagt den Einzelfall nicht voraus, wenn die Streuung innerhalb der Gruppe groß ist.

2.3 Wie Halter ihre Hunde halten und behandeln

Rüden und Hündinnen werden nicht unbedingt gleich gehalten. Sie werden womöglich in unterschiedlichem Alter übernommen, für unterschiedliche Zwecke gehalten, unterschiedlich trainiert und unterschiedlich bewegt. Halter wählen ein Geschlecht vielleicht wegen bestimmter Erwartungen und behandeln den Hund dann passend zu diesen Erwartungen.

Haltungsfaktoren hängen eindeutig mit der Persönlichkeit zusammen. In einer Befragung zu 1.978 Labrador Retrievern ging der Arbeitsstatus des Hundes häufiger mit Persönlichkeitsunterschieden einher als die anderen untersuchten Faktoren, und Hunde mit längerer Bewegung zeigten weniger Aggression, weniger Angst vor Menschen und Gegenständen und weniger Trennungsangst (Lofgren et al., 2014). In einer sehr großen deutschsprachigen Online-Stichprobe hing Gelassenheit mit Alter, Kastrationsstatus, der Zahl verschiedener Arten professionellen Trainings und dem Alter bei Übernahme zusammen, und Mut hing neben dem Geschlecht auch mit dem Alter bei Übernahme zusammen (Kubinyi, Turcsán & Miklósi, 2009).

Auch Merkmale der Halter können eine Rolle spielen. In einer C-BARQ-Regressionsanalyse gingen höhere Werte für halterbezogene Aggression mit Rüden, älteren Hunden, Kastration, weiblichen Haltern, weniger anderen Hunden im Haushalt und Haltung außerhalb des Hauses einher (Hsu & Sun, 2010). Schon die Liste zeigt das Problem: Das Geschlecht des Hundes steht neben dem Geschlecht des Halters, dem Kastrationsstatus und der Haltungsform. Diese Variablen hängen in echten Haushalten miteinander zusammen, und eine Querschnittsauswertung kann sie nicht vollständig trennen.

2.4 Verzerrte Angaben und Erwartungen

Die meisten großen Datensätze zur Persönlichkeit von Hunden beruhen auf Halterangaben. Halter berichten, was ihnen auffällt, und was ihnen auffällt, hängt teilweise davon ab, was sie erwarten. Wer glaubt, dass Rüden mutiger sind, deutet mehrdeutiges Verhalten bei einem Rüden womöglich als Mut und dasselbe Verhalten bei einer Hündin als etwas anderes. In Halterbefragungen zu Rasseunterschieden, etwa der australischen Studie zum Mut (Starling et al., 2013b), lässt sich tatsächliches Verhalten nicht vollständig von Erwartungen trennen, die auf Rasseklischees beruhen, und dieselbe Einschränkung gilt für Geschlechterklischees.

Validierte Fragebögen verringern manche Fehlerquellen, können Erwartungseffekte aber nicht ganz beseitigen. Die Rassestudie zur Aggression hielt fest, dass Fragebogenangaben „zwangsläufig ein gewisses Maß an Subjektivität enthalten“ (Duffy et al., 2008). Für Geschlechtsunterschiede heißt das: Kleine Durchschnittsunterschiede in Halterangaben sollten nicht als direkte Messung von Verhalten gelesen werden.

3. Geschlechtstypisches Verhalten: Ausscheiden und Markieren

3.1 Das gehobene Bein

Der sichtbarste Verhaltensunterschied zwischen Rüden und Hündinnen ist die Haltung beim Urinieren. Erwachsene Rüden urinieren typischerweise mit gehobenem Hinterbein, und Urinieren dient bei Rüden zu einem großen Teil dem Markieren. Eine Studie mit Tierheimhunden fasste frühere Befunde zusammen, nach denen geschlechtsreife Rüden die Haltung mit gehobenem Bein bei einem sehr hohen Anteil der Urinabgaben nutzen: 94 bis 97 Prozent unter Bedingungen außerhalb des Tierheims, verglichen mit 73 Prozent der Urinabgaben erwachsener Rüden in ihrer eigenen Tierheimstichprobe (McGuire, Fry, Orantes, Underkofler & Parry, 2020). Dieselben Autoren beschrieben, dass erwachsene Rüden, die normalerweise das Bein hoben, „in ängstlichen Situationen vorübergehend zur jugendlichen, nach vorn gelehnten Haltung zurückkehrten“, bei der alle vier Pfoten am Boden bleiben.

Selbst der deutlichste Geschlechtsunterschied im Hundeverhalten ist also nicht starr. Wie er sich zeigt, hängt vom Kontext und vom Gefühlszustand des Hundes ab. Ein Rüde, der sich an einem fremden oder belastenden Ort hinhockt, verhält sich nicht untypisch für einen Rüden; er verhält sich so, wie es bei gestressten Rüden beschrieben wurde.

3.2 Auch Hündinnen markieren

Die verbreitete Vorstellung, nur Rüden würden markieren, ist nicht haltbar. In einer Studie mit Jack-Russell-Terrier-Hündinnen nutzten die Hündinnen mehrere Haltungen beim Urinieren, darunter das Hocken, ein Hocken mit gehobenem Bein, eine gewölbte Haltung mit gehobenem Bein und sogar einen Handstand, wobei das Hocken mit gehobenem Bein am häufigsten war. Haltungen mit gehobenem Bein kamen häufiger vor, wenn die Hündinnen außerhalb ihres vertrauten Gebiets waren, als innerhalb (Wirant & McGuire, 2004). Dieses Muster passt zum Markieren: Urin wird in einer Höhe und an Stellen abgesetzt, an denen andere Hunde ihn wahrnehmen.

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern beim Markieren ist also ein Unterschied in Häufigkeit, Haltung und Kontextabhängigkeit, kein striktes Ja oder Nein. Der Geruch ist der Kanal, über den diese Information ausgetauscht wird, und wie Hunde Gerüche verarbeiten, ist an anderer Stelle beschrieben (wie der Geruchssinn das Verhalten prägt).

3.3 Der Kontext prägt das Markieren

Markieren reagiert auch auf den sozialen Kontext, und hier unterschieden sich die Geschlechter auf unerwartete Weise. Bei 100 Tierheimhunden im Alter von mindestens einem Jahr (57 Rüden und 43 Hündinnen) urinierten Rüden häufiger, wenn sie von fremden Frauen ausgeführt wurden, als wenn fremde Männer sie ausführten, während Hündinnen in beiden Fällen ähnlich häufig urinierten (McGuire et al., 2020). Die Studie erklärt nicht, warum, und das Tierheimumfeld begrenzt die Übertragbarkeit, aber sie zeigt, dass ein geschlechtstypisches Verhalten durch soziale Faktoren beeinflusst werden kann, die mit anderen Hunden nichts zu tun haben.

3.4 Hormone und Markieren

Markieren reagiert bei Rüden auf Geschlechtshormone. Bei 57 erwachsenen Rüden, die wegen Verhaltensproblemen kastriert wurden, besserten sich Markieren, Aufreiten und Streunen bei mindestens 60 Prozent der Hunde um mindestens 50 Prozent, während eine Besserung dieser Größenordnung bei Aggression bei weniger als einem Drittel auftrat (Neilson, Eckstein & Hart, 1997). Im großen C-BARQ-Datensatz zu Rüden war Markieren im Haus eines von nur zwei Verhaltensweisen, die bei längerer Hormoneinwirkung wahrscheinlicher waren (McGreevy et al., 2018).

Diese Ergebnisse stützen die Unterscheidung aus Abschnitt 1.2. Fortpflanzungsbezogene Verhaltensweisen reagieren relativ einheitlich auf Hormone. Emotionale Merkmale und Persönlichkeitsmerkmale tun das nicht, oder nicht in derselben Richtung. Das größere Bild, wie Testosteron mit Verhalten zusammenhängt und wo verbreitete Behauptungen über die Daten hinausgehen, ist an anderer Stelle ausführlich dargestellt (was Testosteron erklärt und was nicht).

Aus der Praxis: Markieren im Haus oder beim Spaziergang ist einer der wenigen Bereiche, in denen das Geschlecht des Hundes wirklich etwas aussagt, aber es entscheidet nichts. Im Training begegnen uns regelmäßig Hündinnen, die intensiv markieren, und Rüden, die kaum markieren. Wenn Markieren plötzlich auftritt oder zunimmt, ist das ein Anlass, auf die Situation zu schauen, einschließlich Stress und medizinischer Ursachen, nicht auf das Geschlecht des Hundes.

4. Persönlichkeit und Temperament

4.1 Mut

Mut ist das Merkmal, für das am häufigsten ein Geschlechtsunterschied berichtet wird. In einer australischen Halterbefragung nahm Mut mit dem Alter ab, Rüden waren mutiger als Hündinnen, und intakte Hunde waren mutiger als kastrierte (Starling, Branson, Thomson & McGreevy, 2013a). Die statistischen Tests waren für alle drei Faktoren signifikant, aber die veröffentlichte Zusammenfassung übersetzt sie nicht in eine Effektgröße, die zeigen würde, wie groß der Geschlechtsunterschied ist.

Die große deutschsprachige Online-Studie mit 14.004 Hunden fand dieselbe Richtung. Mut hing mit Geschlecht, Alter und Alter bei Übernahme zusammen. Am mutigsten waren Rüden, die vor der 12. Lebenswoche übernommen wurden und jünger als zwei Jahre waren; am wenigsten mutig waren Hündinnen, die nach dem ersten Lebensjahr übernommen wurden oder aus eigener Zucht des Halters stammten (Kubinyi et al., 2009). Dieses Ergebnis wird oft als „Rüden sind mutiger“ zitiert, aber die Entscheidungsbäume zeigen etwas Interessanteres: Das Geschlecht tritt zusammen mit dem Alter bei Übernahme und dem Alter des Hundes auf, und die Kombination zählt mehr als das Geschlecht allein. Eine früh übernommene Hündin ist in der „am wenigsten mutigen“ Gruppe nicht vertreten, ein spät übernommener Rüde nicht in der „mutigsten“.

Eine Übersichtsarbeit zu Geschlechtsunterschieden beim Hund kam zu dem Schluss, dass Mut und Aggressivität, beschrieben als Verhaltenssyndrom, in mehreren Studien bei Rüden höher berichtet wurden als bei Hündinnen (Scandurra, Alterisio, Di Cosmo & D'Aniello, 2018). Dieselbe Übersicht blieb vorsichtig, wie belastbar diese Schlüsse sind, wie Abschnitt 5.4 zeigt. Mut selbst und sein Zusammenhang mit Bewältigungsstilen und Temperament sind an anderer Stelle genauer besprochen (wie Temperament und Persönlichkeit beim Hund untersucht werden).

4.2 Geselligkeit gegenüber anderen Hunden

In derselben Online-Stichprobe waren Rüden gegenüber anderen Hunden weniger gesellig als Hündinnen. Geselligkeit gegenüber Artgenossen hing vor allem mit Alter, Geschlecht, Trainingserfahrung und der Zeit zusammen, die Halter mit ihren Hunden verbrachten, und am wenigsten gesellig waren Hunde, die älter als 4,8 Jahre waren und weniger als drei Stunden am Tag mit ihren Haltern verbrachten (Kubinyi et al., 2009). Wieder ist das Geschlecht ein Faktor unter mehreren, und Alter und Lebensumstände treten mindestens ebenso deutlich hervor.

Die Autoren wiesen selbst darauf hin, dass die Merkmale von Haltern angegeben wurden und die Zusammenhänge „nicht notwendigerweise eine kausale Beziehung darstellen“ (Kubinyi et al., 2009). Diese Vorsicht lohnt sich. Wer erwartet, dass Rüden andere Hunde schlechter vertragen, hält einen Rüden vielleicht öfter von anderen Hunden fern, was wiederum seine sozialen Erfahrungen beeinflusst.

4.3 Standardisierte Tests bei Arbeitshunden

Daten aus standardisierten Testprogrammen hängen weniger von der Wahrnehmung der Halter ab. In einem schwedischen Diensthundeprogramm zeigten die Testergebnisse von 1.310 Deutschen Schäferhunden und 797 Labrador Retrievern im Alter von 450 bis 600 Tagen deutliche Unterschiede zwischen den Rassen und zwischen den Geschlechtern (Wilsson & Sundgren, 1997). In beiden Rassen erzielten Rüden höhere Werte als Hündinnen bei den Merkmalen, die als Mut, Beutetrieb und Verteidigungstrieb bezeichnet wurden. Beim Merkmal Kooperationsbereitschaft unterschied sich die Richtung zwischen den Rassen: Bei den Schäferhunden lag sie bei Rüden höher, bei den Labradoren bei Hündinnen.

Drei Punkte begrenzen die Übertragbarkeit. Erstens waren die Hunde junge Erwachsene aus einem gezielten Zuchtprogramm, kein Querschnitt der Familienhunde. Zweitens wurden die Merkmale von Beurteilern in einem Test zur Auswahl von Diensthunden bewertet; die Bezeichnungen beschreiben also Testverhalten, nicht Alltagsverhalten. Drittens zeigt die Umkehr des Geschlechtsunterschieds bei der Kooperationsbereitschaft zwischen beiden Rassen, dass man einen Geschlechtsunterschied aus einer Rasse nicht einfach für eine andere annehmen kann. Wie gut solche Tests späteres Verhalten vorhersagen, ist eine eigene Frage (was Verhaltenstests vorhersagen können und was nicht).

4.4 Angstbezogene Merkmale

Der größte Datensatz zu angstbezogenen Merkmalen stammt aus einer finnischen Fragebogenstudie mit etwa 13.700 Familienhunden (Salonen et al., 2020). Rüden wurden häufiger als aggressiv, unaufmerksam und hyperaktiv oder impulsiv beschrieben, und trennungsbezogenes Verhalten war bei Rüden etwas häufiger. Hündinnen wurden häufiger als ängstlich beschrieben. Geräuschempfindlichkeit, Angst vor Untergründen und zwanghaftes Verhalten traten unabhängig vom Geschlecht auf.

Dieses Muster ist aus zwei Gründen aufschlussreich. Erstens ist es gemischt: Keines der beiden Geschlechter ist insgesamt „problematischer“, und die Unterschiede laufen je nach Merkmal in beide Richtungen. Zweitens zeigte das in vielen Populationen häufigste angstbezogene Merkmal, die Geräuschempfindlichkeit, in dieser Stichprobe überhaupt keinen Geschlechtsunterschied. Rasseunterschiede traten in derselben Studie viel deutlicher hervor als Geschlechtsunterschiede und standen im Mittelpunkt der Arbeit. Die Neurobiologie von Furcht und Angst ist an anderer Stelle beschrieben (wie Angst im Gehirn des Hundes funktioniert).

Für die Ängstlichkeit bei Hündinnen sind die Kastrationsdaten erneut wichtig. Bei Hündinnen ging eine längere Hormoneinwirkung mit selteneren Berichten über nur eine angstbezogene Verhaltensweise einher (Starling et al., 2019), bei Rüden über acht (McGreevy et al., 2018). Ob die in zusammengefassten Stichproben höhere Ängstlichkeit von Hündinnen das Geschlecht, Kastrationsmuster oder beides widerspiegelt, lässt sich mit den vorhandenen Querschnittsdaten nicht beantworten.

5. Aggression

5.1 Was die großen Befragungen zeigen

Aggression ist das Merkmal, das die verbreiteten Vorstellungen über Rüden und Hündinnen am stärksten prägt. Die Daten sind gemischter als die Vorstellungen. In der finnischen Stichprobe wurden Rüden häufiger als aggressiv beschrieben (Salonen et al., 2020). In einer C-BARQ-Regressionsanalyse gingen höhere Werte für halterbezogene Aggression mit Rüden einher, aber auch mit älteren Hunden, kastrierten Hunden beiderlei Geschlechts, weiblichen Haltern, weniger anderen Hunden im Haushalt und Haltung außerhalb des Hauses (Hsu & Sun, 2010).

Eine große britische Befragung zu menschengerichteter Aggression nach Halterangaben, gestützt auf rund viertausend zurückgesandte Fragebögen, fand Aggression gegenüber fremden Menschen, die das Haus betreten, bei etwa sieben Prozent der Hunde und gegenüber Familienmitgliedern bei etwa drei Prozent (Casey, Loftus, Bolster, Richards & Blackwell, 2014). Kastrierte Hündinnen hatten in allen drei untersuchten Kontexten ein geringeres Aggressionsrisiko. Zugleich erklärten die gemessenen Variablen nur einen relativ kleinen Teil der Varianz zwischen aggressiven und nicht aggressiven Hunden, weniger als zehn Prozent (Casey et al., 2014).

Diese letzte Zahl verdient Betonung. Selbst wenn Geschlecht, Kastrationsstatus und andere demografische Faktoren statistisch signifikant mit Aggression zusammenhängen, erklären sie zusammen nur einen kleinen Teil des Unterschieds zwischen Hunden, die Aggression zeigen, und solchen, die es nicht tun. Der größte Teil der Streuung liegt woanders: in Erfahrung, Kontext, Lerngeschichte, Gesundheit und im einzelnen Hund.

5.2 Der Kontext zählt mehr als die Kategorie

Dieselbe britische Befragung fand, dass Aggression in verschiedenen Kontexten überwiegend nicht gemeinsam auftrat: Ein Hund, der gegenüber Besuchern aggressiv war, war gegenüber Familienmitgliedern oft nicht aggressiv, und umgekehrt (Casey et al., 2014). Dieser Befund widerspricht der Vorstellung eines „aggressiven Geschlechts“. Wenn Aggression weitgehend an bestimmte Situationen gebunden ist, sagt ein Geschlechtsunterschied in einem Gesamtwert für Aggression wenig darüber, welche Situationen ein bestimmter Rüde oder eine bestimmte Hündin schwierig findet. Die Forschung zu Aggression insgesamt ist an anderer Stelle zusammengefasst (was die Forschung zu Aggression beim Hund zeigt).

5.3 Kastrationsstatus und Aggression

Bei Aggression ist der Störfaktor Kastration auch am engsten mit dem Geschlecht verflochten. In der größten C-BARQ-Auswertung zu Kastration und Aggression, aus der Hunde ausgeschlossen waren, die wegen Verhaltensproblemen kastriert wurden, zeigte die Kastration keinen Zusammenhang mit Aggression gegenüber vertrauten Menschen oder anderen Hunden und nur einen kleinen Anstieg gegenüber Fremden in einem von zwei Modellen (Farhoody et al., 2018). Bei Rüden ging eine längere Hormoneinwirkung mit selteneren Berichten über sieben aggressionsbezogene Verhaltensweisen einher (McGreevy et al., 2018), bei Hündinnen über drei (Starling et al., 2019).

Zusammengenommen stützen diese Daten nicht die einfache Vorstellung, Rüden seien wegen des Testosterons aggressiver und mit dem Testosteron verschwinde die Aggression. Der Zusammenhang zwischen Hormonen, Geschlecht und Aggression ist komplexer, und die hormonelle Seite ist an anderer Stelle beschrieben (wie Hormone und Neurochemie das Verhalten prägen).

5.4 Was die Übersichtsarbeit folgerte

Die Übersichtsarbeit zu Geschlechtsunterschieden beim Hund ist bei Aggression bemerkenswert vorsichtig. Sie hielt fest, dass mehrere Studien höhere Aggressivität bei Rüden berichteten, verwies aber auf kleine und nicht repräsentative Stichproben, Halterbefragungen mit begrenzter Zuverlässigkeit und die geringe Zahl untersuchter Kontexte. Ihr Fazit lautete, „der Schluss, dass Rüden aggressiver sind, scheint nicht belastbar“ (Scandurra et al., 2018). Die Übersicht wies außerdem auf den Kastrationseffekt in umgekehrter Richtung hin: Weil die Entfernung der Eierstöcke in einigen Studien mit vermehrtem aggressivem Verhalten bei Hündinnen in Verbindung gebracht wurde, könnten kastrierte Hündinnen die Ergebnisse von Geschlechtervergleichen verzerrt haben.

Aus der Praxis: In Verhaltensberatungen ist das Geschlecht eines Hundes mit Aggressionsproblem selten die hilfreichste Information. Weiter hilft eine genaue Beschreibung der Situationen, der Warnsignale vor dem Verhalten, der Gesundheit des Hundes und dessen, was das Verhalten für den Hund bewirkt. Das ist eine Beobachtung aus unserer Arbeit, kein Studienergebnis, passt aber zu den Befragungsdaten, nach denen demografische Variablen wenig von der Streuung erklären.

6. Spiel und Sozialverhalten

6.1 Spiel unter Wurfgeschwistern

Eine der wenigen Längsschnitt-Beobachtungsstudien mit Bezug zu Geschlechtsunterschieden verfolgte das Spiel in vier Würfen von Welpen im Alter von 3 bis 40 Wochen (Ward, Bauer & Smuts, 2008). In gemischtgeschlechtlichen Paaren eröffneten Rüden häufiger das Spiel als Hündinnen, zeigten mehr offensives Spielverhalten gegenüber Hündinnen und nahmen sich auch häufiger selbst zurück, das heißt, sie übernahmen öfter die schwächere Rolle oder hielten sich im Spiel zurück. In gleichgeschlechtlichen Paaren eröffneten Hündinnen das Spiel mit Hündinnen in allen Zeitabschnitten, während Rüden das Spiel mit Rüden erst im letzten Zeitabschnitt häufiger eröffneten. Spielverbeugungen unterschieden sich nicht zwischen den Geschlechtern.

Rüden waren gegenüber Hündinnen also sowohl offensiver als auch zurückhaltender, was darauf hindeutet, dass die Asymmetrie die Struktur des Spiels zwischen den Geschlechtern betrifft und nicht, dass ein Geschlecht insgesamt „grober“ ist. Die Studie ist klein, umfasste nur vier Würfe und beobachtete Welpen unter bestimmten häuslichen Bedingungen; die Ergebnisse beschreiben also Muster in diesen Würfen, keine allgemeinen Regeln. Wie sich Spiel entwickelt und was es für den Hund leistet, ist an anderer Stelle beschrieben (wie sich Spiel entwickelt und was es bewirkt).

6.2 Menschengerichtetes Sozialverhalten

Eine große standardisierte Studie testete 498 im Labor gezüchtete Beagle in einer unlösbaren Aufgabe, bei der Hunde, die eine Belohnung nicht allein erreichen können, sich oft an einen Menschen wenden. Hündinnen erzielten signifikant höhere Werte bei sozialer Interaktion mit dem Menschen und bei Körperkontakt, und die Erblichkeitsschätzungen für die beiden größten Verhaltenskomponenten lagen zwischen 0,23 und 0,32. Die Suche nach Blickkontakt nahm mit Alter und Erfahrung zu (Persson, Roth, Johnsson, Wright & Jensen, 2015).

Diese Studie hat Stärken, die den meisten Geschlechtervergleichen fehlen: eine große Stichprobe, eine Rasse, einheitliche Aufzucht und Haltung und einen standardisierten Test. Sie hat auch eine klare Grenze: Laborbeagle unter identischen Bedingungen sind keine Familienhunde, und die unlösbare Aufgabe misst eine bestimmte Situation. Die Übersichtsarbeit fasste diesen und ähnliche Befunde als Tendenz zusammen, dass Hündinnen in kooperativen oder problemlösenden Situationen sozial stärker auf Menschen ausgerichtet sind, während Rüden in manchen Daten mehr Neigung zum Sozialspiel mit Menschen zeigten (Scandurra et al., 2018). Die Richtung des Unterschieds hängt also davon ab, welche Art von Sozialverhalten gemessen wird.

7. Kognition und Wahrnehmung

7.1 Ein Experiment zur Größenkonstanz

Die am häufigsten zitierte kognitive Studie zu Geschlechtsunterschieden beim Hund nutzte ein Erwartungsverletzungs-Design. Fünfzig Hunde, 25 Rüden und 25 Hündinnen im Alter von einem bis zehn Jahren, sahen einen Ball hinter einen Sichtschutz rollen und entweder in gleicher oder in veränderter Größe wieder erscheinen. Hündinnen schauten den wieder auftauchenden Ball signifikant länger an, wenn sich seine Größe verändert hatte, als wenn sie gleich geblieben war; Rüden zeigten keinen solchen Unterschied. Die Wechselwirkung zwischen Geschlecht und Bedingung war signifikant, und der Kastrationsstatus beeinflusste die Ergebnisse nicht (Müller, Mayer, Dörrenberg, Huber & Range, 2011).

Der Befund wird oft als „Hündinnen sind klüger“ zusammengefasst. Diese Zusammenfassung ist nicht gedeckt. Die Studie prüfte eine bestimmte Erwartung, mit einem einzigen Durchgang pro Hund und der Blickdauer als Maß. Die Blickdauer zeigt, dass etwas Aufmerksamkeit erregt hat; ob sie eine Erwartung im kognitiven Sinn widerspiegelt, ist eine Deutung, und Rüden, die nicht länger hinsahen, haben die Veränderung vielleicht bemerkt, ohne daran hängen zu bleiben. Das Ergebnis der Autoren ist enger und genauer: In diesem Aufbau reagierten Hündinnen auf eine Verletzung der Größenkonstanz und Rüden nicht.

Die Übersichtsarbeit ordnete dieses Ergebnis in ein größeres Muster ein: Hündinnen wurden als stärker auf einzelne soziale und physische Reize fokussiert und stärker auf visuelle Signale angewiesen beschrieben, während Rüden in manchen räumlichen Aufgaben als flexibler beim Wechsel von Orientierungsstrategien beschrieben wurden (Scandurra et al., 2018). Das sind deutende Zusammenfassungen über wenige und kleine Studien hinweg, und die Übersicht hielt selbst fest, dass Daten zum Problemlösen begrenzt sind. Die breitere Forschung dazu, was Hunde kognitiv leisten, ist an anderer Stelle beschrieben (was über die kognitiven Fähigkeiten von Hunden bekannt ist).

7.2 Gesten und Worte

Eine Studie mit Wasserrettungshunden, die auf Gesten und auf verbale Kommandos trainiert waren, konfrontierte die Hunde mit widersprüchlichen Informationen: eine Geste in die eine Richtung, ein verbales Kommando mit anderer Bedeutung. Insgesamt folgten die Hunde eher der Geste. Hündinnen reagierten stärker auf Gesten, während Rüden mit verbalen Kommandos besser abschnitten (D'Aniello, Scandurra, Alterisio, Valsecchi & Prato-Previde, 2016). Die Hunde waren eine spezialisierte Arbeitspopulation, und das Ergebnis beschreibt Verhalten in einem bestimmten Trainingssystem. Wie Hunde menschliche Gesten allgemein verstehen, ist an anderer Stelle beschrieben (wie Hunde menschliche Gesten verstehen).

Zusammen mit der Studie zur Größenkonstanz und den Beagle-Daten ergibt sich ein Muster, das mit einer stärkeren Aufmerksamkeit von Hündinnen für visuelle und soziale Signale in manchen Aufgaben vereinbar ist. Eine deutlich größere Studie mit 1.032 Familienhunden ergänzt dieses Bild: Hündinnen waren im Zylindertest erfolgreicher, einem Maß für inhibitorische Kontrolle, und zeigten in einer unlösbaren Aufgabe mehr menschengerichtetes Verhalten; Rüden arbeiteten dort häufiger selbstständig weiter. Der Kastrationsstatus erklärte diese Unterschiede in der Teilstichprobe mit bekannten Angaben nicht (Junttila, Huohvanainen & Tiira, 2021). Auch diese Befunde bedeuten nicht, dass Hündinnen generell „klüger“ oder kooperativer sind: Gemessen wurden zwei eng umrissene Aufgaben, und Gruppendifferenzen erlauben keine sichere Vorhersage für den einzelnen Hund.

8. Lateralität: Pfotenpräferenz und Geschlecht

8.1 Entgegengesetzte Richtungen in einer kleinen Stichprobe

Lateralisiertes Verhalten wie eine bevorzugte Pfote wurde häufiger auf Geschlechtsunterschiede untersucht als die meisten anderen Merkmale. Bei 80 intakten Mischlingen und Rassehunden zeigte eine Aufgabe, bei der der Hund ein Stück Klebepapier von seiner Schnauze entfernen musste, eine Lateralisierung auf Populationsebene in entgegengesetzten Richtungen: Rüden nutzten bevorzugt die linke Pfote, Hündinnen die rechte (Quaranta, Siniscalchi, Frate & Vallortigara, 2004). Frühere Arbeiten zum lateralisierten Verhalten von Hunden werden in späteren Übersichten zu den Studien gezählt, die einen geschlechtsbezogenen Unterschied im Pfotengebrauch berichten (Wells, 2003).

8.2 Eine sehr große Stichprobe

Ein viel größerer Datensatz mit 17.901 Hunden ergab ein differenzierteres Bild. Unter den Hunden mit Pfotenpräferenz gab es bei beiden Geschlechtern eine Rechtspräferenz auf Populationsebene, mit 60,7 Prozent rechtspfotigen Hündinnen und 56,1 Prozent rechtspfotigen Rüden, und der Anteil rechtspfotiger Hunde war bei Hündinnen signifikant höher (Laverack, Pike, Cooper & Frasnelli, 2021). Ältere Hunde zeigten tendenziell eine stärkere Rechtspräferenz als jüngere.

Verglichen mit der kleinen Studie ist die Richtung des Geschlechtsunterschieds dieselbe (Hündinnen häufiger rechtspfotig), aber das Ausmaß ist bescheiden, und Rüden sind im Mittel nicht linkspfotig. Der Unterschied im Anteil rechtspfotiger Hunde zwischen den Geschlechtern beträgt weniger als fünf Prozentpunkte.

8.3 Das Alter macht es komplizierter

Eine Studie zur Händigkeit der Halter und zur Pfotenpräferenz fand, dass Hündinnen häufiger eine Rechtspräferenz zeigten als Rüden und dass ältere Rüden häufiger eine Rechtspräferenz zeigten als jüngere (Charlton & Frasnelli, 2022). Die Autoren fassten die frühere Literatur so zusammen, dass Hündinnen häufiger rechtspfotig sind als Rüden. Bestätigt sich das Altersmuster bei Rüden, könnte ein Teil des Geschlechtsunterschieds in Stichproben mit vielen jungen Hunden eine Wechselwirkung von Alter und Geschlecht sein statt eines stabilen Unterschieds.

8.4 Uneinheitliche Ergebnisse je nach Aufgabe

Die Übersichtsarbeit hielt fest, dass die meisten Studien das Muster „Rüden links, Hündinnen rechts“ stützten, dass die Ergebnisse mit einer Futterspielzeug-Aufgabe aber widersprüchlich waren und mindestens eine Studie keine einheitlichen Geschlechtsunterschiede replizieren konnte (Scandurra et al., 2018). Die Pfotenpräferenz hängt von der Aufgabe ab, und verschiedene Aufgaben ordnen denselben Hund nicht immer gleich ein. Das breitere Thema Lateralität beim Hund, einschließlich sensorischer Asymmetrien, ist an anderer Stelle beschrieben (was die Lateralitätsforschung über das Gehirn des Hundes zeigt).

9. Biologie, Entwicklung und Selektion

9.1 Woher Geschlechtsunterschiede kommen könnten

Die Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass Geschlechtsunterschiede beim Hund weitgehend mit der Life-History-Theorie übereinstimmen und vor allem im biologischen und evolutionären Erbe der Art zu wurzeln scheinen, das trotz künstlicher Selektion erhalten blieb. Zugleich ließ sich ein Muster, das von wild lebenden Hundeartigen bekannt ist, eine höhere innerartliche Geselligkeit der Männchen, bei Hunden nicht wiederfinden (Scandurra et al., 2018). In der großen Online-Stichprobe waren Rüden gegenüber anderen Hunden sogar weniger gesellig als Hündinnen (Kubinyi et al., 2009).

Biologische Erklärungen sind für die fortpflanzungsbezogenen Verhaltensweisen aus Abschnitt 3 plausibel. Für Persönlichkeits- und kognitive Merkmale sind sie Hypothesen. Hormoneinwirkung, Größe, Wachstumsrate und Alter bei der Reife unterscheiden sich zwischen den Geschlechtern, und keine der hier besprochenen Studien war darauf angelegt, diese Faktoren zu trennen.

9.2 Genetische Unterschiede innerhalb der Geschlechter

Die Beagle-Studie erinnert daran, dass ein großer Teil der Unterschiede im Sozialverhalten innerhalb jedes Geschlechts liegt. Erblichkeitsschätzungen von 0,23 bis 0,32 für menschengerichtetes Sozialverhalten wurden in einer Population ermittelt, in der Hündinnen zugleich im Mittel höhere Werte hatten (Persson et al., 2015). Beide Befunde passen zusammen: Ein Merkmal kann sowohl einen mäßigen durchschnittlichen Geschlechtsunterschied als auch erhebliche genetische Unterschiede zwischen Tieren desselben Geschlechts zeigen. Für den einzelnen Hund ist Letzteres meist aussagekräftiger. Die Verhaltensgenetik des Hundes ist dabei ein eigenes, umfangreiches Forschungsfeld.

10. Rüde oder Hündin? Entscheiden ohne Klischees

10.1 Was die Daten hergeben

Nimmt man die Daten ernst, stützen sie einige vorsichtige Aussagen. Unkastrierte Rüden markieren mehr, mit gehobenem Bein, und dieses Verhalten reagiert auf Hormone und Kontext. In mehreren großen Halterstichproben wurden Rüden im Mittel als etwas mutiger und gegenüber anderen Hunden weniger gesellig beschrieben, Hündinnen als etwas ängstlicher. In einigen experimentellen Studien waren Hündinnen stärker auf visuelle und soziale Signale ausgerichtet. Bei Aggression sind die Daten gemischt und stark verzerrt, und die gemessenen Variablen erklären wenig von der Streuung.

Was die Daten nicht hergeben, ist eine Vorhersage für den einzelnen Hund. Keine der hier besprochenen Studien berichtet Effektgrößen, die das Geschlecht zu einem starken Prädiktor der Persönlichkeit machen würden. Rasse, Alter, frühe Erfahrungen, Haltung und das Individuum treten in denselben Auswertungen mindestens ebenso deutlich, oft deutlicher hervor.

10.2 Bessere Fragen

Wenn du einen Hund auswählst, sind Fragen zum einzelnen Hund und zur Situation hilfreicher. Wie reagiert dieser Hund auf Fremde, auf andere Hunde und auf neue Umgebungen? Was weißt du über seine Eltern und seine frühen Erfahrungen? Wie alt ist er, und wie wird das Alter die Dinge in den nächsten Jahren verändern?

Aus der Praxis: Wenn Familien uns fragen, ob sie einen Rüden oder eine Hündin nehmen sollen, drehen wir die Frage meist um: Wie wird der Alltag des Hundes aussehen, und welcher einzelne Hund passt dazu? Nach unserer Erfahrung aus der Trainingspraxis führt diese Frage zu besseren Entscheidungen als jede Regel zum Geschlecht. Ein ruhiger, sozial unkomplizierter Rüde und eine mutige, selbstständige Hündin sind beide häufig.

10.3 Mehrhundehaushalte

Viele Halter haben gehört, dass gemischtgeschlechtliche Paare besser miteinander auskommen als gleichgeschlechtliche. Die hier besprochenen Studien prüfen das nicht direkt. Die Studie zu Wurfgeschwistern zeigt, dass Spiel zwischen Rüden und Hündinnen anders strukturiert war als Spiel innerhalb eines Geschlechts (Ward et al., 2008), aber sie zeigt nicht, welche Kombinationen erwachsener Hunde friedlicher zusammenleben.

Aus der Praxis: Ob zwei Hunde miteinander auskommen, hängt nach unserer Erfahrung weit mehr von ihrem individuellen Temperament, ihrem Alter, ihren sozialen Fähigkeiten und dem Umgang mit Ressourcen und Raum ab als von ihrem Geschlecht. Harmonische gleichgeschlechtliche Paare und konfliktreiche gemischte Paare sehen wir regelmäßig. Das ist eine Beobachtung aus der Praxis, kein Forschungsergebnis, und eine gut angelegte Studie zu dieser Frage bei Familienhunden fehlt noch.

11. Zusammenfassung auf einen Blick

Die deutlichsten Geschlechtsunterschiede beim Hund betreffen fortpflanzungsbezogene Verhaltensweisen wie das Markieren. Erwachsene Rüden nutzen unter gewöhnlichen Bedingungen bei den meisten Urinabgaben das gehobene Bein, kehren in ängstlichen Situationen zu einer tieferen Haltung zurück und markieren je nach sozialem Kontext unterschiedlich häufig (McGuire et al., 2020). Auch Hündinnen markieren und nutzen Haltungen mit gehobenem Bein, vor allem außerhalb ihres vertrauten Gebiets (Wirant & McGuire, 2004). Die Kastration verringert das Markieren bei vielen, aber nicht bei allen Rüden (Neilson et al., 1997).

Bei Persönlichkeitsmerkmalen beschrieben große Halterstichproben Rüden im Mittel als mutiger (Starling et al., 2013a; Kubinyi et al., 2009) und gegenüber anderen Hunden weniger gesellig (Kubinyi et al., 2009). Eine finnische Stichprobe fand bei Rüden häufiger berichtete Aggression, Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität und bei Hündinnen häufiger Ängstlichkeit, ohne Geschlechtsunterschied bei Geräuschempfindlichkeit (Salonen et al., 2020). Standardisierte Testdaten aus zwei Arbeitsrassen zeigten Geschlechtsunterschiede, deren Richtung vom Merkmal und bei der Kooperationsbereitschaft von der Rasse abhing (Wilsson & Sundgren, 1997).

Bei Aggression sind die Zusammenhänge mit dem Geschlecht gemischt und mit Kastrationsstatus, Haltermerkmalen und Haltungsform verflochten (Hsu & Sun, 2010; Casey et al., 2014), und demografische Variablen erklärten in einer großen Befragung weniger als zehn Prozent der Varianz (Casey et al., 2014). Eine Übersichtsarbeit hielt den Schluss, Rüden seien aggressiver, für nicht belastbar (Scandurra et al., 2018).

Bei Kognition und Sozialverhalten zeigten Hündinnen eine Reaktion auf eine Verletzung der Größenkonstanz, die Rüden nicht zeigten (Müller et al., 2011), mehr menschengerichtetes Sozialverhalten in einer unlösbaren Aufgabe (Persson et al., 2015) und in einer Arbeitspopulation eine stärkere Reaktion auf Gesten (D'Aniello et al., 2016). Bei der Lateralität waren Hündinnen häufiger rechtspfotig, aber der Unterschied war in einer sehr großen Stichprobe bescheiden (Laverack et al., 2021; Quaranta et al., 2004; Charlton & Frasnelli, 2022).

12. Forschungslücken und kritische Einordnung

12.1 Effektgrößen fehlen

Die meisten Studien berichten, ob ein Geschlechtsunterschied statistisch signifikant ist, nicht wie groß er ist. In Stichproben mit mehreren Tausend Hunden werden sehr kleine Unterschiede signifikant. Ohne standardisierte Effektgrößen oder Maße für die Überlappung können Leser nicht beurteilen, ob ein berichteter Unterschied für echte Hunde von Bedeutung ist. Der einzige Bereich mit direkt deutbaren Prozentwerten, die Pfotenpräferenz, zeigt in der größten Stichprobe einen Unterschied von weniger als fünf Prozentpunkten (Laverack et al., 2021).

12.2 Fragebögen dominieren

Die größten Datensätze sind Halterangaben (Kubinyi et al., 2009; Salonen et al., 2020; Starling et al., 2013a; Casey et al., 2014). Sie ermöglichen große Stichproben, messen aber, was Halter bemerken und glauben. Geschlechtsbezogene Erwartungseffekte lassen sich nicht ausschließen, und keine der hier besprochenen Studien hat geprüft, ob Halter identisches Verhalten bei Rüden und Hündinnen unterschiedlich bewerten.

12.3 Störfaktoren werden selten getrennt

Geschlecht, Kastrationsstatus, Kastrationsalter, Größe, Rasse und Haltung hängen in echten Populationen zusammen. Nur wenige Studien modellieren sie gemeinsam, und keine der Querschnittsstudien kann Ursächlichkeit belegen. Die Kastrationsdaten zeigen, dass Hormoneinwirkung bei Rüden und Hündinnen unterschiedlich mit Verhalten zusammenhängt (McGreevy et al., 2018; Starling et al., 2019); ein in einer gemischten Population geschätzter Geschlechtseffekt hängt deshalb von den Kastrationsgewohnheiten dieser Population ab.

12.4 Experimentelle Stichproben sind klein und speziell

Die kognitiven Studien umfassen kleine Stichproben (50 Hunde in der Studie zur Größenkonstanz) oder spezielle Populationen: Laborbeagle (Persson et al., 2015), Wasserrettungshunde (D'Aniello et al., 2016) und Diensthundeanwärter (Wilsson & Sundgren, 1997). Designs mit nur einem Durchgang (Müller et al., 2011) sind anfällig für Zufallsbefunde. Wiederholungen in unabhängigen Stichproben von Familienhunden fehlen weitgehend.

12.5 Tierheim- und Laborpopulationen

Die Daten zum Markieren aus Abschnitt 3.3 stammen von Tierheimhunden (McGuire et al., 2020), und die Autoren haben selbst dokumentiert, dass das Tierheimumfeld die Haltung beim Urinieren veränderte. Die Beagle-Daten stammen aus einer Laborkolonie. Eine Übertragung auf Familienhunde, die in anderen sozialen und räumlichen Umgebungen leben, lässt sich nicht voraussetzen.

12.6 Uneinheitliche Maße

Verschiedene Studien messen „Mut“, „Geselligkeit“ oder „Aggression“ mit verschiedenen Instrumenten und verschiedenen Fragen. Die Pfotenpräferenz hängt von der verwendeten Aufgabe ab. Ergebnisse, die übereinzustimmen scheinen, messen möglicherweise Verschiedenes, und Ergebnisse, die sich zu widersprechen scheinen, spiegeln womöglich Unterschiede in der Methode statt bei den Hunden.

13. Fazit

Rüden und Hündinnen unterscheiden sich, aber weniger und weniger einfach, als die Alltagsweisheit behauptet. Belastbar sind die Unterschiede, die an die Fortpflanzung gebunden sind, etwa das Markieren mit gehobenem Bein, und selbst diese hängen von Hormonen, Kontext und Gefühlszustand ab. Bei Persönlichkeit, Aggression und Kognition sind die berichteten Unterschiede überwiegend klein, laufen je nach Merkmal in verschiedene Richtungen und sind mit Kastrationsstatus, Größe, Rasse, Haltung und den Erwartungen der berichtenden Menschen verflochten.

Für den einzelnen Hund ist das Geschlecht eine schwache Information unter vielen. Die Daten zeigen immer wieder größere Unterschiede innerhalb jedes Geschlechts als zwischen den Geschlechtern und größere Beiträge von Alter, Rasse, Erfahrung und Umwelt als vom Geschlecht. Wer einen Hund nach seinem Geschlecht auswählt, wählt nach einem Gruppendurchschnitt. Was die Forschung stützt, ist die Wahl nach dem einzelnen Hund, seiner Geschichte und dem Leben, das er führen wird.

Wichtigste Erkenntnisse im Überblick

  • Durchschnittliche Geschlechtsunterschiede im Hundeverhalten sind überwiegend klein, und die Verteilungen überlappen stark; das Geschlecht sagt wenig über den einzelnen Hund.

  • Der deutlichste Unterschied ist das Markieren: Erwachsene Rüden heben meist das Bein, aber die Haltung ändert sich mit Angst und Kontext, und auch Hündinnen markieren (McGuire et al., 2020; Wirant & McGuire, 2004).

  • Große Halterbefragungen beschrieben Rüden als mutiger und gegenüber anderen Hunden weniger gesellig, Hündinnen als ängstlicher (Kubinyi et al., 2009; Salonen et al., 2020).

  • Demografische Variablen einschließlich des Geschlechts erklärten in einer großen Befragung weniger als zehn Prozent der Varianz bei menschengerichteter Aggression (Casey et al., 2014).

  • Das Geschlecht ist mit Kastrationsstatus, Größe, Rasse, Haltung und Erwartungen der Halter verflochten, und Hormone hängen bei Rüden und Hündinnen unterschiedlich mit Verhalten zusammen (McGreevy et al., 2018; Starling et al., 2019).

  • Kognitive Unterschiede beruhen auf wenigen, kleinen oder speziellen Stichproben (Müller et al., 2011; Persson et al., 2015).

  • Die Wahl nach dem Verhalten, der Geschichte und dem künftigen Leben des einzelnen Hundes ist besser belegt als die Wahl nach dem Geschlecht.

Quellen

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