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Hunderatgeber · Verhaltensbiologie beim Hund · Alltag mit Hund

Markierverhalten beim Hund: Was Urinmarken mitteilen

Warum Hunde markieren, was Urinmarken verraten, was Kastration wirklich ändert und wie du mit Markieren auf dem Spaziergang, bei Besuchen und in der Wohnung umgehst.

Michael Sauerwein

Braun-weiß-schwarzer Hund hebt beim Markieren an einem grünen Strauch das Hinterbein. Die Aufnahme zeigt typisches Markierverhalten am Rand eines Naturwegs.

Ein Hund, der an jedem Laternenpfahl stehen bleibt, leert nicht zwanzigmal seine Blase. Er setzt Duftmarken und liest sie, und damit nutzt er eines der ältesten Kommunikationssysteme der Hundeartigen. Vieles, was über Markieren gesagt wird, von „er steckt sein Revier ab“ bis „Kastration stellt das ab“, geht aber weiter als die Studien.

Dieser Beitrag erklärt, was als Markieren zählt, wer wo und wann markiert, was die Debatte über ehrliche und unehrliche Beinhebe-Marken gezeigt hat, was Urin transportieren kann, was Kastration verändert und was nicht, und was daraus für Spaziergänge, Besuche und Markieren in der Wohnung folgt.

1. Einleitung: Mehr als Blase leeren

1.1 Ein Verhalten, das jeder sieht

Kaum ein Hundeverhalten ist so sichtbar wie das Markieren. Ein Rüde läuft an einem Zaun entlang, bleibt stehen, hebt ein Hinterbein, gibt ein paar Tropfen ab und geht zum nächsten Pfosten. Eine Hündin hockt sich auf ein Grasbüschel, an dem gerade ein anderer Hund geschnüffelt hat. Ein Hund scharrt nach dem Urinieren mit den Hinterpfoten und wirft Gras nach hinten. Halter sehen diese Abläufe jeden Tag, und die meisten haben eine Erklärung parat: Der Hund steckt sein Revier ab, zeigt, wer das Sagen hat, oder ist eben ein Rüde.

Das Bild aus der Forschung ist interessanter als diese Erklärungen und zugleich bescheidener. Markieren wird als Kommunikationssystem untersucht, in dem ein Hund chemische und sichtbare Spuren hinterlässt, die andere Hunde später untersuchen. Manche Antworten darauf, was diese Spuren transportieren, sind solide, manche beruhen auf einer einzigen Studie, und manche sind noch offen.

1.2 Was dieser Beitrag behandelt und was nicht

Dieser Beitrag behandelt Markieren als Verhalten und Kommunikation. Zwei benachbarte Themen werden an anderer Stelle besprochen: die Neurobiologie der Hundenase und die allgemeine Rolle von Gerüchen im Hundeverhalten (wie der Geruchssinn das Verhalten prägt) sowie die klinische Frage nach Urin und Kot in der Wohnung, einschließlich medizinischer Ursachen und trennungsbedingter Ausscheidung, auf die Abschnitt 9 noch einmal zurückkommt.

1.3 Wie die Belege zu lesen sind

Drei Eigenschaften dieser Literatur prägen jede Schlussfolgerung. Erstens stammt ein großer Teil der systematischen Daten zu Haushunden aus einem einzigen Forschungsprogramm, das Tierheimhunde bei Spaziergängen an der Leine in den USA beobachtet hat. Tierheimhunde leben mit einer fremden Umgebung, vielen fremden Menschen und, in den meisten dieser Stichproben, als kastrierte Tiere. Die Autoren haben selbst dokumentiert, dass sich das Markieren in ihrem Tierheim von Werten unterschied, die unter anderen Bedingungen berichtet wurden. Die Übertragung auf Familienhunde ist eine Frage, keine Selbstverständlichkeit.

Zweitens stammt die übrige Arbeit überwiegend von frei lebenden Hunden in Italien und Indien und aus einer Laborkolonie. Drittens sind mehrere zentrale Studien klein: ein Hund, elf Hunde, fünfzehn Hunde. Sie werden dort, wo sie vorkommen, als klein benannt.

2. Was als Markieren zählt

2.1 Ausscheiden und Markieren

Nicht jedes Urinieren ist eine Markierung, und die Unterscheidung ist eine des Verhaltens. Beim Ausscheiden wird die Blase geleert. Beim Markieren werden kleine Mengen Urin abgesetzt, oft wiederholt und an auffälligen Objekten, oft nachdem der Hund die Stelle untersucht hat. Eine klassische Laborstudie an Beagles beschrieb den Unterschied: Hündinnen leerten die Blase eher auf einmal, Rüden setzten viele Male kleine Mengen ab und vollführten manchmal die Bewegung des Urinierens, ohne dass Urin floss. Das Urinieren der Rüden schien sich am Geruch anderer Rüden oder an auffälligen senkrechten Objekten zu orientieren; bei den Hündinnen war es eher zufällig verteilt, obwohl auch bei ihnen ein beträchtlicher Teil auf senkrechte Ziele gerichtet war (Sprague & Anisko, 1973).

Eine Übersichtsarbeit zum Geruchssinn des Hundes beschreibt das Urinmarkieren als häufigste Form des Duftmarkierens beim Hund und hält fest, dass Markieren nicht an den Harndrang gebunden ist; ein Teil der Daten hinter dieser Aussage stammt allerdings von Wölfen, nicht von Hunden (Kokocińska-Kusiak et al., 2021). Die Beobachtungen an den Beagles, wiederholte kleine Mengen und „trockenes“ Beinheben, weisen in dieselbe Richtung.

2.2 Körperhaltungen

Die Haltungen beim Urinieren sind der sichtbarste Teil des Markierens. In der üblichen Beschreibung heben erwachsene Rüden das Bein und hinterlassen so eine erhöhte Marke, junge Rüden beugen sich mit allen vier Pfoten am Boden nach vorn, und die meisten Hündinnen hocken sich hin (Kokocińska-Kusiak et al., 2021). Die Beagle-Studie zählte insgesamt zwölf verschiedene Ausscheidungshaltungen, wobei Hündinnen mehr Haltungen beim Urinieren nutzten als Rüden: acht gegenüber vier (Sprague & Anisko, 1973).

Die Vorstellung, nur Rüden würden das Bein heben, ist nicht haltbar. Hündinnen der Rasse Jack Russell Terrier zeigten die Hocke, eine Hocke mit einem angehobenen Bein (die häufigste Form), eine gewölbte Haltung mit einem angehobenen Bein und sogar einen Handstand, und erhöhte Haltungen kamen außerhalb des Heimbereichs häufiger vor als darin (Wirant & McGuire, 2004). Wie sich Rüden und Hündinnen allgemeiner unterscheiden, wird an anderer Stelle besprochen (was die Forschung zu Rüden und Hündinnen zeigt).

Selbst bei erwachsenen Rüden ist die Haltung nicht festgelegt. In einem Tierheim hoben erwachsene Rüden bei 73 Prozent ihrer Urinabgaben das Bein, verglichen mit 94 bis 97 Prozent, die für erwachsene Rüden unter anderen Bedingungen berichtet wurden, und erwachsene Hündinnen hoben bei 6 Prozent der Urinabgaben ein Hinterbein, verglichen mit 19 bis 37 Prozent andernorts (Gough & McGuire, 2015, zusammengefasst bei McGuire et al., 2020). Die Vergleichswerte stammen aus verschiedenen Studien, daher ist der Unterschied ein Hinweis, kein kontrollierter Effekt.

2.3 Gegenmarkieren und Übermarkieren

Marken werden oft als Antwort auf andere Marken gesetzt. Gegenmarkieren ist der allgemeine Begriff dafür, eine Marke als Reaktion auf eine vorhandene zu setzen. Übermarkieren ist der engere Fall, bei dem ein Hund seine Marke direkt auf die Marke eines anderen setzt (Kokocińska-Kusiak et al., 2021). Wer sieht, wie ein Hund einen Pfosten intensiv beschnüffelt und dann genau an dieselbe Stelle uriniert, sieht Übermarkieren.

In einer Studie mit einem einzigen Hund urinierte dieser selten über seinen eigenen Urin, markierte aber häufiger über den Urin anderer Rüden als über den von Hündinnen (Bekoff, 2001). Bei frei lebenden Hunden in Indien zeigten vor allem Rüden Übermarkieren, besonders gegenüber Marken von Rüden und Marken aus benachbarten Gruppen (Biswas et al., 2024). Nach der Zusammenfassung in zwei späteren Arbeiten fand eine Studie zum Gegenmarkieren bei Haushunden Gegenmarkieren bei beiden Geschlechtern, Übermarkieren vor allem bei Rüden und einen Zusammenhang mit dem sozialen Status und dem Kastrationsstatus (Lisberg & Snowdon, 2011, zusammengefasst bei Kokocińska-Kusiak et al., 2021, und bei Quaranta et al., 2026). Die beiden Zusammenfassungen widersprechen sich darin, ob Hündinnen überhaupt übermarkierten, deshalb bleibt dieses Detail hier offen.

2.4 Scharren und Pfotengeruch

Das Scharren, das kräftige Kratzen mit den Hinterpfoten nach dem Urinieren oder Koten, wird seit Langem als Teil des Markierens gedeutet. In der Beagle-Studie wurde etwas Scharren beobachtet, überwiegend bei Rüden, die nur nach dem Urinieren scharrten; die Autoren vermuteten, dass Scharren Geruch verteilen und auf manchen Untergründen eine auffällige Marke hinterlassen könnte (Sprague & Anisko, 1973). In einem Rudel frei lebender Hunde spielten Beinheben und Scharren wahrscheinlich eine Rolle für die geruchliche und die sichtbare Kommunikation, bei Rüden und bei Hündinnen (Cafazzo et al., 2012).

Ob Hunde auf den Geruch von Pfoten achten, wurde mit Familienhunden geprüft. Von 48 teilnehmenden Hunden gingen 34 in die Auswertung ein. Rüden beschnüffelten den Pfotengeruch anderer Rüden länger als eine Kontrollprobe vom Boden, Hündinnen zeigten keinen Unterschied in der Schnüffeldauer, aber eine Nasenlochpräferenz beim Geruch anderer Hündinnen. Die Autoren folgerten, dass Hunde den Geruch aus den Pfotendrüsen anderer Hunde erkennen, während unklar bleibt, ob sie daraus das Geschlecht des Hundes ablesen, der die Spur hinterlassen hat (McClanahan & Rosell, 2020). Die Stichprobe ist klein, und die Deutung der Nasenlochpräferenz beruht auf Annahmen, die in der Literatur zur Lateralität diskutiert werden (was Seitenpräferenzen beim Hund zeigen können und was nicht).

Scharren zeigt nicht jeder Hund. In den Tierheimstichproben scharrte nur eine Minderheit der Hunde (McGuire, 2016, zusammengefasst bei McGuire et al., 2020), und das Geschlecht der führenden Person sagte das Scharren nicht vorher (McGuire et al., 2020).

2.5 Kot und Analbeutelsekret

Chemische Signale werden nach der Beschreibung mit Urin, Kot und den Sekreten verschiedener Drüsen ausgeschieden, darunter die Analbeutel und die Pfotendrüsen (Quaranta et al., 2026). Für das Verhalten sind die Belege für eine kommunikative Rolle des Kotabsatzes schwächer als für Urin. Im frei lebenden Rudel schien der Kotabsatz keine wesentliche Rolle für die Geruchskommunikation zu spielen (Cafazzo et al., 2012), und die Übersichtsarbeit zum Geruchssinn beschreibt ihn beim Hund als weniger wichtig als beim Wolf (Kokocińska-Kusiak et al., 2021), obwohl in der Beagle-Studie fast ein Viertel der Kothaufen der Rüden am Zaun abgesetzt wurde (Sprague & Anisko, 1973).

3. Wer markiert, und wie viel

3.1 Geschlecht

Der deutlichste Geschlechtsunterschied beim Markieren betrifft Häufigkeit, Haltung und Ziel, nicht das Ob. In der Beagle-Kolonie urinierten Rüden in mehr Tests, häufiger und mit kürzerer Latenz als Hündinnen (Sprague & Anisko, 1973). Bei Tierheimhunden urinierten Rüden häufiger als Hündinnen und richteten mehr Urinabgaben auf senkrechte Ziele (McGuire, 2016, zusammengefasst bei Kokocińska-Kusiak et al., 2021). Auch Hündinnen markieren, heben bei manchen Urinabgaben ein Bein und nutzen erhöhte Haltungen außerhalb des Zuhauses häufiger (Wirant & McGuire, 2004).

Wie groß der Unterschied ausfällt, hängt von den Umständen ab. Bei 100 Tierheimhunden, die von fremden Menschen ausgeführt wurden, zeigte sich die übliche höhere Urinierrate der Rüden, wenn eine Frau führte, und verschwand, wenn ein Mann führte (McGuire et al., 2020).

3.2 Alter und Reifung

Das Beinheben bei Rüden ist eine Reifungsveränderung. Junge Tierheimhunde urinierten, koteten und scharrten bei Spaziergängen seltener als ältere (McGuire, 2016, zusammengefasst bei McGuire et al., 2020), und in einer späteren Stichprobe von 113 Tierheimhunden hatten erwachsene Rüden höhere Urinierraten als junge Rüden, während erwachsene und junge Hündinnen ähnlich häufig urinierten (McGuire et al., 2023).

3.3 Körpergröße

Kleinere Hunde markierten in einer Tierheimstudie zur Körpergröße häufiger als größere (McGuire & Bemis, 2017, zusammengefasst bei Kokocińska-Kusiak et al., 2021, und bei Quaranta et al., 2026). Beide Zusammenfassungen fügen eine Deutung hinzu: Markieren könnte eine risikoärmere, indirekte Form der Kommunikation sein, die kleinen Hunden entgegenkommt, weil direkte Begegnungen für sie kostspielig sein könnten. Das ist eine plausible funktionale Lesart. Geprüft wurde sie nicht, etwa indem man untersucht hätte, was geschieht, wenn kleine und große Hunde aufeinandertreffen.

3.4 Zyklusstand bei Hündinnen

Bei Hündinnen spielt der Zyklus eine Rolle. In vorläufigen Beobachtungen an Jack-Russell-Hündinnen nahm das Urinmarkieren im Proöstrus und Östrus zu (Wirant et al., 2007, zusammengefasst bei Quaranta et al., 2026). Im frei lebenden Rudel wurden Urinabgaben von Hündinnen, besonders in einer Haltung mit gebeugtem Bein, so gedeutet, dass sie möglicherweise Information über den Zyklusstand tragen (Cafazzo et al., 2012). Die Chemie in Abschnitt 5 passt zu diesem Muster, aber Verhaltensdaten bei Familienhunden sind spärlich.

3.5 Sozialer Status ohne Rangordnungsmythos

Markieren wird oft mit einer einfachen Geschichte erklärt: Der „Chef“ markiert, um seinen Rang zu zeigen. Die Studien sind enger. In einem frei lebenden Rudel in Italien schienen die Markierungen eine „Grundstücksgrenze“ zu bilden und wurden bei Konflikten eingesetzt, um Rivalen zu drohen, und beide Geschlechter nutzten Markieren im Zusammenhang mit Dominanz und möglicherweise mit dem Behalten von Futter (Cafazzo et al., 2012); ranghöhere Tiere scharrten häufiger (Cafazzo et al., 2012, zusammengefasst bei McGuire et al., 2020). Übermarkieren hing mit Hunden zusammen, die als statushöher eingestuft wurden (Lisberg & Snowdon, 2011, zusammengefasst bei Kokocińska-Kusiak et al., 2021).

Zwei Punkte rücken diese Befunde ins richtige Verhältnis. Dominanz beschreibt in solchen Studien gemessene Beziehungen innerhalb einer bestimmten Gruppe, je nachdem, wer in bestimmten Situationen wem ausweicht; sie ist kein Persönlichkeitsmerkmal, das ein Hund in jede Begegnung mitnimmt (warum Dominanz eine Beziehungsgröße ist und kein Charakterzug). Und keine dieser Studien zeigt, dass Markieren einen Rang erzeugt. Wie frei lebende Hunde ihr Sozialleben organisieren, wird gesondert besprochen (was frei lebende Hunde über Sozialverhalten zeigen).

Aus der Praxis: Wer hört, ein markierender Hund „wolle der Chef sein“, fängt oft an, den Hund als Rivalen zu behandeln, auf dem Spaziergang und zu Hause. In unserer Trainingspraxis macht diese Sichtweise die Beziehung meist angespannter, ohne am Markieren etwas zu ändern. Hilfreicher ist die Frage, wo, wann und wonach der Hund markiert.

4. Ehrlich oder unehrlich? Das gehobene Bein

4.1 Die Hypothese

Duftmarken gelten oft als ehrliche Signale: Wenn eine Marke anderen Tieren etwas über Größe und Durchsetzungsfähigkeit des Absenders mitteilt, sollte es einen Druck geben, dass sie zutrifft. Die Frage ist, ob Hunde diesem Muster folgen oder ob manche übertreiben.

4.2 Die beiden Studien

Eine zweiteilige Studie mit erwachsenen Rüden aus dem Tierheim prüfte diese Idee (McGuire et al., 2018). In der ersten Teilstudie mit 15 Hunden wurden Urinabgaben gefilmt und anschließend die Höhe der Marke gemessen. Sowohl der Winkel des gehobenen Beins als auch die Körpergröße, gemessen als Körpermasse oder Widerristhöhe, hingen positiv mit der Markenhöhe zusammen, und der Beinwinkel war der stärkere Prädiktor. In der zweiten Teilstudie mit 45 Hunden maßen die Autoren den Beinwinkel und fanden einen negativen Zusammenhang mit der Körpergröße: Kleinere Hunde hoben das Bein in einem größeren Winkel als größere Hunde.

Die Autoren schlossen, dass der Beinwinkel ein brauchbares Ersatzmaß für die Markenhöhe ist und dass ihre Befunde einen weiteren Hinweis darauf liefern, dass Duftmarkieren unehrlich sein kann: Wenn man annimmt, dass Körpergröße die Durchsetzungsfähigkeit widerspiegelt, setzen kleine Rüden ihre Marken im Verhältnis zur eigenen Größe möglicherweise höher als größere Rüden, was ihre Durchsetzungsfähigkeit übertreiben könnte (McGuire et al., 2018).

4.3 Was das Ergebnis zeigt und was nicht

Drei Grenzen sind wichtig. Erstens weisen die Autoren selbst darauf hin, dass sie Übermarkieren nicht kontrolliert haben, was das Ergebnis ebenfalls erklären könnte: Ein kleiner Hund, der auf eine vorhandene Marke eines größeren Hundes zielt, braucht einen größeren Winkel, um sie zu erreichen (McGuire et al., 2018). Zweitens wurde die Durchsetzungsfähigkeit nicht gemessen, sondern nur aus der Körpergröße abgeleitet. Drittens wurde die Seite der Empfänger nicht geprüft. Ob andere Hunde die Höhe einer Marke als Information über die Größe lesen und ob sie sich täuschen lassen, ist unbekannt.

Für die Deutung im Alltag stützt die Studie eine bescheidene Schlussfolgerung: Die Höhe einer Marke verrät einem Beobachter nicht zuverlässig, wie groß der Absender war. Sie zeigt nicht, dass kleine Hunde im psychologischen Sinn etwas kompensieren.

5. Was eine Urinmarke transportieren kann

5.1 Geschlecht und Zyklusstand

Die besten chemischen Belege betreffen den Zyklusstand von Hündinnen. Eine Analyse von mehr als hundert Proben aus Urin, Vaginalsekret, Vulva- und Analabdrücken sowie Analbeutelsekret ergab, dass sich der Urin zwischen den Zyklusphasen unterschied: Carbonylaromaten und mehrere Methylketone nahmen im Proöstrus und Östrus zu, Sulfidverbindungen nahmen im Östrus ab und stiegen im Diöstrus sprunghaft an (Dzięcioł et al., 2018). Die Autoren vermuteten ein mögliches System aus anziehenden und abstoßenden Signalen, bezeichneten die Substanzen als mutmaßliche Sexualpheromone und hielten fest, dass Verhaltenstests noch ausstehen; andere Proben als Urin zeigten keine signifikanten Veränderungen.

Eine frühere Studie hatte eine einzelne Verbindung, Methyl-p-hydroxybenzoat, im Vaginalsekret läufiger Hündinnen nachgewiesen und berichtet, dass Rüden sexuell erregt wurden und aufzureiten versuchten, wenn die Substanz bei nicht läufigen Hündinnen aufgetragen wurde (Goodwin et al., 1979). Dieser Befund betrifft Vaginalsekret, nicht Urin, und die spätere Analyse vieler Verbindungen nannte diese Substanz in ihrer Zusammenfassung nicht. Insgesamt macht die chemische Arbeit plausibel, dass Urin Information über den Zyklusstand trägt, während das genaue Signal noch nicht identifiziert ist. Der Einsatz synthetischer Signalstoffe in kommerziellen Produkten ist eine eigene Frage (was über Pheromonprodukte bekannt ist).

5.2 Eigener und fremder Urin

Hunde behandeln ihren eigenen Urin anders als den anderer Hunde. In der Studie mit einem einzigen Hund, bei der über fünf Winter urinhaltiger Schnee verlegt wurde, schnüffelte der Hund kürzer an seinem eigenen Urin als an dem anderer Rüden oder Hündinnen, und sein Interesse am eigenen Urin ließ mit der Zeit nach, während das Interesse am Urin anderer relativ gleich blieb (Bekoff, 2001). Die Studie beruht auf einem Hund, beobachtet von seinem Halter.

Eine kontrollierte Fassung mit Geruchsbehältern folgte. Am Hauptversuch nahmen 36 Hunde teil, an einem Folgeversuch zwölf. Die Hunde untersuchten ihren eigenen Urin länger, wenn ihm ein zusätzlicher Geruch beigefügt war, als ohne Zusatz, beschäftigten sich länger mit dem Geruch anderer Hunde als mit dem eigenen und verbrachten im zweiten Versuch mehr Zeit mit dem veränderten Urin als mit dem Zusatzgeruch allein, sodass Neuheit allein das Ergebnis nicht erklärte (Horowitz, 2017). Für das Markieren ist die Unterscheidung entscheidend: Hunde unterscheiden ihren eigenen Urin von dem anderer und bemerken, wenn er sich verändert. Was das für die Selbstwahrnehmung bedeutet, ist eine eigene Frage (was die Studien zum geruchlichen Selbsterkennen zeigen).

5.3 Verwandtschaft

Ob Hunde Verwandte am Geruch erkennen, wurde mit Präferenzmaßen geprüft, mit einem Vater, mit dem die Hunde nie zusammengelebt hatten, oder mit einem Geschwistertier, von dem sie mit sieben Wochen getrennt worden waren. Hündinnen zeigten keine statistisch signifikante Präferenz, Rüden bevorzugten den Geruch des entfernteren Verwandten, wenn ihnen Proben von Vater und Schwester angeboten wurden (Hamilton & Vonk, 2015). Geruch kann also verwandtschaftsbezogene Information tragen, aber das Ergebnis ist auf ein Versuchsdesign und auf Rüden beschränkt.

5.4 Gefühlszustand?

Ob Urinmarken zuverlässig Information über einen momentanen Gefühlszustand tragen, ist bisher nur unzureichend untersucht. Eine neue Studie bot elf Rüden aus Familienhaushalten den Urin einer fremden läufigen Hündin und eines fremden unkastrierten Rüden an, der als aggressiv gegenüber anderen Rüden beschrieben wurde, und maß Hormone in den eigenen Marken der Hunde (Quaranta et al., 2026). Cortisol war in Marken höher, die mehr als zwei Meter vom Reiz entfernt gesetzt wurden, besonders in der zweiten Sitzung, und Cortisol und Oxytocin hingen mit Gesichtsausdrücken zusammen, die beim Beschnüffeln des Rüdengeruchs als ängstlich kodiert wurden. Die Autoren bezeichnen die Befunde als vorläufig.

Die Grenzen sind erheblich: elf Hunde nach sechs Ausschlüssen, ein Spender pro Reiz, eine unausgewogene Reihenfolge der Darbietung, viele geprüfte Wechselwirkungen und Kategorien für den Gesichtsausdruck, die Deutung erfordern. Die Studie eröffnet eine Forschungsfrage; sie weist weder die zuverlässige Übertragung eines Gefühlszustands noch dessen Erkennung durch einen empfangenden Hund nach (warum Hormonwerte keine einfachen Stressmesser sind).

5.5 Wie belastbar sind die Belege?

Das Gesamtbild ist uneinheitlich. Die Unterscheidung von eigenem und fremdem Urin und zyklusabhängige Veränderungen der Urinchemie sind durch kontrollierte Arbeiten gestützt; die Behauptung, eine Marke enthalte detaillierte Information über Gesundheit, Alter, Stimmung oder soziale Beziehungen, beruht auf deutlich weniger. Der Beitrag zum Geruchssinn trifft dieselbe Unterscheidung zwischen dem Unterscheiden eines Geruchs und dem „Kennen“ eines Individuums.

6. Marken lesen: Schnüffeln als Informationssuche

6.1 Die andere Hälfte des Markierens

Markieren ist nur die Hälfte des Systems. Die andere Hälfte ist das Untersuchen, und es nimmt einen großen Teil eines Spaziergangs ein. Die Studien oben zeigen, dass dieses Untersuchen selektiv ist: Fremder Urin wurde länger beschnüffelt als der eigene (Bekoff, 2001; Horowitz, 2017), und Rüden beschnüffelten den Pfotengeruch anderer Rüden länger als eine Kontrollprobe (McClanahan & Rosell, 2020).

Die Übersichtsarbeit zum Geruchssinn ergänzt, dass Rüden in neutralen Situationen mehr Zeit als Hündinnen damit verbringen, das Hinterteil eines Partners in der Nähe der Analdrüsen zu beschnüffeln (Kokocińska-Kusiak et al., 2021). Das ist eine Zusammenfassung aus zweiter Hand und am besten als Beschreibung eines Musters zu verstehen.

6.2 Revier und Nachbarn bei frei lebenden Hunden

Frei lebende Hunde zeigen das Markieren in einer Umgebung mit echten Nachbarn. Im indischen Feldexperiment zeigten Hunde beider Geschlechter mehr Interesse an Duftmarken als an Kontrollen und reagierten territorial, Rüden stärker als Hündinnen, und Marken von Rüden aus benachbarten Gruppen lösten die deutlichsten Reaktionen aus (Biswas et al., 2024). Familienhunde an der Leine laufen an den Marken Dutzender Hunde vorbei, denen sie vielleicht nie begegnen, und sie verteidigen kein Revier im selben Sinn.

6.3 Der Kontext entscheidet über die Deutung

Ein wiederkehrendes Thema der Forschung zur Hundekommunikation ist, dass einzelne Verhaltensweisen ohne Kontext schwer zu deuten sind. Lecken über die Lefzen, Gähnen oder Schnüffeln am Boden kommen in sehr unterschiedlichen Situationen vor, und ihre Bedeutung hängt davon ab, was davor und danach geschieht (warum einzelne Signale ihren Kontext brauchen). Das gilt auch für Marken. Ein Beinheben am Laternenpfahl auf der gewohnten Runde, eine Marke an der Tasche eines Besuchers im Flur und ein Hinhocken vor einem herankommenden Hund sind drei verschiedene Ereignisse, auch wenn die Bewegung ähnlich ist. Die Studien zum sozialen Kontext zeigen, dass der Kontext das Markieren selbst verändert; der nächste Abschnitt geht darauf genauer ein.

7. Markieren und das soziale und emotionale Umfeld

7.1 Angst und Körperhaltung

Eine der deutlichsten Verbindungen zwischen Markieren und Gefühlszustand betrifft die Haltung. Erwachsene Rüden, die normalerweise das Bein heben, kehren nach Berichten in ängstigenden Situationen, etwa bei lauten Geräuschen, vorübergehend zur jugendlichen Haltung mit vorgebeugtem Körper zurück (zusammengefasst bei McGuire et al., 2020, und McGuire et al., 2023). Der geringere Anteil an Urinabgaben mit gehobenem Bein bei Rüden im Tierheim im Vergleich zu Rüden unter anderen Bedingungen passt zu diesem Muster (Gough & McGuire, 2015, zusammengefasst bei McGuire et al., 2020). Die verfügbaren Belege deuten also darauf hin, dass Angst das Markieren zumindest bei Rüden eher unterdrückt oder verändert als verstärkt.

7.2 Der Effekt der führenden Person

Zwei Tierheimstudien prüften, ob die anwesenden Menschen das Markieren verändern. In der ersten wurden 100 Hunde jeweils von einer einzelnen fremden Person ausgeführt. Rüden urinierten mit einer fremden Frau häufiger als mit einem fremden Mann, mit großer Effektstärke, Hündinnen dagegen ähnlich häufig mit beiden. Die vorgebeugte Haltung war bei Rüden in 20,6 Prozent der Spaziergänge mit Männern die vorherrschende Haltung und in 13,2 Prozent der Spaziergänge mit Frauen. Hunde beider Geschlechter koteten mit einer Frau eher (Wahrscheinlichkeit 0,74 gegenüber 0,44 mit einem Mann), und das Scharren hing nicht vom Geschlecht der führenden Person ab (McGuire et al., 2020).

Die zweite Studie erweiterte das auf 113 Hunde einschließlich junger Tiere und begleitete 81 Hunde über wiederholte Spaziergänge. Erwachsene Rüden urinierten wieder häufiger mit Frauen, erwachsene Hunde koteten mit Männern seltener, und junge Hunde waren insgesamt weniger betroffen. Die Effekte veränderten sich nicht, als die Hunde ihre Begleitpersonen kennenlernten (McGuire et al., 2023). Die Autoren deuten die geringere Urinierrate mit Männern als größere Verunsicherung und vermuten eine Rolle von Erfahrung, was sie nicht direkt geprüft haben; welche Merkmale die Hunde nutzten, um Männer und Frauen zu unterscheiden, wurde nicht ermittelt (McGuire et al., 2020).

Für Familienhunde zeigen diese Studien etwas Allgemeines: Markieren reagiert auf die soziale Situation beim Spaziergang, einschließlich der Person am anderen Ende der Leine. Sie zeigen nicht, dass Familienhunde mit Männern weniger markieren, denn untersucht wurden Tierheimhunde, die von Fremden geführt wurden.

7.3 Was nicht bekannt ist: Stress und Markieren in der Wohnung

Klinische Texte beschreiben oft Markieren, das zunimmt, wenn das soziale Umfeld eines Hundes unruhig wird, etwa nach einem neuen Hund, einem Besuch oder einem Umzug. Die hier ausgewerteten Quellen liefern dafür bei Familienhunden keinen direkten experimentellen Nachweis. Eine der wenigen hier ausgewerteten Studien, die Markieren mit Stresshormonen in Beziehung setzen, ist klein und vorläufig (Quaranta et al., 2026), und die Tierheimstudien deuten eher darauf hin, dass Angst das Markieren auf dem Spaziergang verringert als verstärkt. Ein Zusammenhang zwischen Belastung und Markieren in der Wohnung bleibt im Einzelfall plausibel, lässt sich aus diesen Untersuchungen aber weder bestätigen noch allgemein quantifizieren.

Aus der Praxis: Wir sehen regelmäßig Hunde, die nach Veränderungen zu Hause anfangen, in der Wohnung zu markieren, etwa nach einem neuen Hund, einem Hundebesuch oder einem neuen Möbelstück, das nach einem anderen Haushalt riecht. Solche Fälle erfordern eine genaue Analyse statt der vorschnellen Deutung als Ungehorsam. Bei neu einsetzendem oder deutlich verändertem Urinabsatz sollten zunächst medizinische Ursachen tierärztlich abgeklärt werden; Schmerzen, häufiges Pressen oder Blut im Urin erfordern eine zeitnahe Untersuchung. Das ist eine Beobachtung aus der Trainingspraxis, kein Studienergebnis.

8. Kastration: Was sich ändert und was nicht

8.1 Die klassischen Halterangaben

Kastration ist die Maßnahme, die beim Markieren am häufigsten empfohlen wird, und Markieren gehört zu den Verhaltensweisen, für die die klassischen Daten am günstigsten ausfallen. Bei 57 Rüden, die bei der Kastration älter als zwei Jahre waren und mindestens eines der untersuchten Problemverhalten zeigten, wurden die Halter telefonisch befragt und gebeten, die Veränderung einzuschätzen. Beim Urinmarkieren im Haus, beim Aufreiten und beim Streunen folgte auf die Kastration bei mindestens 60 Prozent der Hunde eine Besserung um mindestens 50 Prozent und bei 25 bis 40 Prozent der Hunde eine Besserung um mindestens 90 Prozent. Bei den übrigen Verhaltensweisen, darunter mehrere Formen von Aggression, trat eine Besserung um mindestens 50 Prozent bei weniger als 35 Prozent der Hunde auf. Weder das Alter des Hundes noch die Dauer des Verhaltens hing mit dem Ausmaß der Besserung zusammen (Neilson et al., 1997). Eine Übersichtsarbeit derselben Arbeitsgruppe beschrieb Streunen, Urinmarkieren und Aufreiten als die klassischen hormonabhängigen Verhaltensweisen und hielt fest, dass sich nicht alle Rüden verändern (Hart & Eckstein, 1997).

Diese Daten stammen von ausgewählten Haltern, die ein Problem zu berichten hatten, wurden im Nachhinein telefonisch erhoben und hatten keine Kontrollgruppe. Sie stützen eine Aussage über Anteile: Viele kastrierte Rüden markierten weniger, manche deutlich weniger, und eine beträchtliche Minderheit veränderte sich nicht wesentlich (was Kastration am Verhalten ändert; was Testosteron erklärt und was nicht).

8.2 Beobachtungen beim Spaziergang

Daten aus dem Tierheim ergänzen direkte Beobachtung. In einer Studie in örtlichen Tierheimen sanken die Urinierraten beim Spaziergang bei Rüden nach der Kastration, während sie sich bei Hündinnen nach der Kastration nicht veränderten; im Vergleich zwischen Hunden urinierten unkastrierte Rüden häufiger als kastrierte, während unkastrierte und kastrierte Hündinnen ähnlich häufig urinierten; und die Kastration beeinflusste die Wahrscheinlichkeit von Kotabsatz oder Scharren nicht (McGuire, 2019, zusammengefasst bei McGuire et al., 2020). Auch das Gegenmarkieren hing mit dem Kastrationsstatus zusammen, wobei Übermarkieren von Hündinnenurin für unkastrierte Rüden berichtet wurde (Lisberg & Snowdon, 2011, zusammengefasst bei Quaranta et al., 2026).

Die Kastration verringerte die Häufigkeit des Urinierens beim Spaziergang, was nicht dasselbe ist wie das Ende des Markierens: Die kastrierten Rüden in den Studien zur führenden Person markierten weiterhin und zeigten weiterhin Effekte des Geschlechts der führenden Person (McGuire et al., 2020). Und die Tierheimdaten betreffen normales Markieren draußen, nicht das Markieren in der Wohnung eines Familienhaushalts.

8.3 Hormonexposition in einer großen Befragung

Ein großer Datensatz mit Halterangaben zu 6.235 Rüden, die aus anderen als verhaltensbezogenen Gründen kastriert worden waren, setzte das berichtete Verhalten in Beziehung zum Anteil der Lebenszeit, den der Hund mit Geschlechtshormonen verbracht hatte. Nur zwei Verhaltensweisen waren bei längerer Hormonexposition signifikant wahrscheinlicher: Urinmarkieren im Haus und Heulen beim Alleinsein. Längere Exposition ging mit selteneren Berichten über 26 überwiegend unerwünschte Verhaltensweisen einher, acht davon mit Bezug zu Angst und sieben zu Aggression (McGreevy et al., 2018). Die Autoren fassten den Zielkonflikt in einem Satz zusammen: Eine teilweise oder vollständige Verhinderung der Pubertät könne Urinmarkieren im Haus verringern, aber viele andere unerwünschte Folgen haben.

Die Studie ist eine Querschnittsstudie, und die Hormonexposition ist mit dem Kastrationsalter und mit den Gründen der Halter für den Zeitpunkt verwoben. Trotzdem war das Markieren im Haus eine der wenigen Verhaltensweisen, die in die erwartete Richtung gingen, und dieselben Daten legen nahe, dass eine frühe Kastration, die Markieren verhindern soll, an anderer Stelle einen Preis haben kann.

8.4 Eine prospektive Studie mit Kontrollgruppe

Das stärkste Design in dieser Reihe stammt aus einer prospektiven Studie mit unkastrierter Kontrollgruppe. Die Halter von 48 Hunden, deren Kastration bevorstand, und von 48 unkastrierten Kontrollhunden wurden vor dem Eingriff und neun Monate später befragt. Kastrierte Hunde zeigten nach Angaben der Halter bei der zweiten Befragung weniger Aufreiten, Ziehen an der Leine und Streunen, das Markierverhalten veränderte sich aber in keiner der beiden Gruppen (Palestrini et al., 2021). Die Studie hat eigene Grenzen: Sie war nicht randomisiert, nur 15 der kastrierten Hunde waren Rüden, die Angaben stammten von Haltern, und 96 von 156 Haltern antworteten. Ein Nullbefund in einer kleinen Untergruppe zeigt nicht, dass Kastration keinen Einfluss auf das Markieren hat. Er legt nahe, dass der Effekt womöglich nicht groß oder einheitlich genug ist, um in einer mäßig großen kontrollierten Stichprobe klar sichtbar zu werden.

8.5 Die Befunde zusammen gelesen

Zusammengenommen stützen die Belege eine enge Aussage. Die Kastration verringerte bei Rüden im Tierheim die Urinierraten beim Spaziergang, und nach Halterangaben folgte auf sie bei mindestens 60 Prozent der Hunde eine Besserung des Markierens im Haus um mindestens die Hälfte, aber nicht bei allen; Alter und Dauer der Gewohnheit sagten nicht vorher, welche Hunde sich veränderten (Neilson et al., 1997; McGuire, 2019, zusammengefasst bei McGuire et al., 2020). Eine kontrollierte prospektive Studie fand über neun Monate keine Veränderung des Markierens (Palestrini et al., 2021), und die Kastration von Hündinnen veränderte deren Urinierraten beim Spaziergang nicht (McGuire, 2019, zusammengefasst bei McGuire et al., 2023). „Kastration stellt das Markieren ab“ trifft auf viele Hunde zu, nicht auf jeden Hund und nicht ohne Zielkonflikte (McGreevy et al., 2018).

9. Markieren in der Wohnung und an neuen Orten

9.1 Neue Umgebungen

Neue Orte und Orte, an denen kürzlich andere Hunde waren, laden zum Markieren ein. Terrier-Hündinnen nutzten erhöhte Haltungen außerhalb ihres Heimbereichs häufiger als darin (Wirant & McGuire, 2004), und die Übersichtsarbeit zum Geruchssinn beschreibt, dass männliche Hundeartige in unbekannten Gebieten häufiger markieren (Kokocińska-Kusiak et al., 2021). Das passt zur Alltagsbeobachtung: Ein Hund, der auf der täglichen Runde kaum markiert, kann auf einer neuen Strecke, auf dem Trainingsplatz oder in einem Garten, in dem andere Hunde waren, intensiv markieren.

9.2 Bei anderen zu Hause

Dieselbe Logik gilt für Besuche. Eine Wohnung, in der ein anderer Hund lebt, ist voller Gerüche, und Möbel, Türrahmen und Taschen tragen Gerüche von draußen. Keine der hier ausgewerteten Studien hat Markieren in fremden Wohnungen untersucht. Die folgenden Hinweise beruhen daher auf dem allgemeinen Muster (neue Umgebung, viele Gerüche, Markieren reagiert auf den Kontext) und nicht auf einem gezielten Versuch.

Aus der Praxis: In Wohnungen mit einem anderen Hund verhindern ein paar Minuten begleitetes Erkunden an lockerer Leine, bei dem du deinen Hund anfangs an Türrahmen und Möbelecken vorbeiführst, die meisten Missgeschicke, die wir sehen. Ein Hund, von dem du weißt, dass er an neuen Orten markiert, lässt sich mit einem gut getimten Gang nach draußen direkt nach der Ankunft leichter steuern als mit Korrekturen in der Wohnung. Bauchbänder werden manchmal für kurze Besuche genutzt; sie verhindern Schäden, ändern aber das Verhalten nicht.

9.3 Markieren in der eigenen Wohnung

Markieren in der eigenen Wohnung gehört zur Literatur über Unsauberkeit (wie sich Markieren von anderen Formen der Unsauberkeit unterscheidet). Aus der Forschung zum Markieren lassen sich zwei Punkte übertragen. Hunde reagieren selektiv auf ihren eigenen und fremden Urin (Bekoff, 2001; Horowitz, 2017), was gründliches Reinigen markierter Stellen zu einem sinnvollen Teil des Managements macht. Und bei Rüden hängt Markieren im Haus mit längerer Exposition gegenüber Geschlechtshormonen zusammen (McGreevy et al., 2018), während die Reaktion auf eine Kastration unterschiedlich ausfällt (Neilson et al., 1997). Haushalte mit mehreren Hunden haben ihre eigene Dynamik (was sich ändert, wenn mehrere Hunde zusammenleben).

10. Was daraus für den Alltag folgt

10.1 Schnüffeln auf dem Spaziergang zulassen

Wenn Markieren und Untersuchen ein Kommunikationssystem bilden, schneidet ein Spaziergang, auf dem ein Hund nie stehen bleiben darf, einen großen Teil davon ab. Keine Studie hat untersucht, was es für Hunde bedeutet, wenn ihnen das Schnüffeln auf Spaziergängen verwehrt wird. Am nächsten kommt eine Studie, in der zwei Wochen Nasenarbeit Familienhunde in einem Test zur kognitiven Verzerrung zu einer optimistischeren Reaktion verschoben, verglichen mit Hunden, die Fußarbeit übten (Duranton & Horowitz, 2019). Diese Studie hat weder Spaziergänge noch Markieren untersucht, stützt aber die Idee, dass selbstbestimmte Nasenarbeit für Hunde von Bedeutung sein kann.

Aus der Praxis: Ein Kompromiss, der für viele Halter funktioniert, die wir beraten, ist eine Aufteilung des Spaziergangs: Abschnitte, in denen dein Hund mit dir geht, und Abschnitte, in denen er frei untersuchen und markieren darf. Halter in belebten Gegenden sorgen sich oft um Hygiene und fremdes Eigentum. Gartenzäune, Hauswände, Autos, Spielplätze und Ladeneingänge sind sinnvolle Stellen, an denen du deinen Hund weitergehen lässt; Pfosten, Grünstreifen und Baumscheiben sind meist die Orte, an denen Markieren erwartet wird. Das ist praktische Erfahrung, keine geprüfte Empfehlung.

10.2 Markieren steuern

Wo Markieren begrenzt werden muss, passt Management besser zu den Belegen als Unterdrückung: den Hund an unerwünschten Stellen vorbeiführen, geeignete Stellen anbieten, zu Hause oder bei Besuchen beaufsichtigen, den Zugang zu markierten Stellen begrenzen und diese gründlich reinigen. Wenn ein Hund anfängt, in der Wohnung zu urinieren, sollten medizinische Ursachen tierärztlich abgeklärt werden.

10.3 Warum Strafe die Ursache nicht erreicht

Einen Hund für das Markieren zu bestrafen, kann im Moment wirken. Ein Hund, der erschreckt oder getadelt wird, während er im Wohnzimmer das Bein hebt, hört vielleicht auf. Die Frage ist, was der Hund daraus lernt und zu welchem Preis. Die Forschung zum Markieren zeigt, dass Markieren auf Angst reagiert: Rüden kehrten in ängstigenden Situationen zu jugendlichen Haltungen zurück und urinierten in Situationen weniger, die die Autoren als unangenehm deuteten (zusammengefasst bei McGuire et al., 2020, 2023). Ein Hund, der lernt, dass Urinieren in der Nähe seines Menschen gefährlich ist, markiert vielleicht dann, wenn niemand hinsieht, setzt an der Leine ungern Urin ab oder wird gegenüber der Person misstrauisch, die ihn bestraft hat. Nichts davon erreicht den Grund, aus dem der Hund markiert hat (was Strafe über das Verhalten hinaus verändert).

Aus der Praxis: In unserer Trainingspraxis lässt sich Markieren in der Wohnung häufig besser bearbeiten, wenn mögliche Auslöser identifiziert und die Umgebung angepasst werden: Die Tasche aus dem Stall kommt in einen geschlossenen Schrank, der Besuchshund trifft den Hund des Hauses zuerst draußen, das neue Sofa ist in den ersten Wochen nicht zugänglich. Wenn der Hund gerade ansetzt, kann eine ruhige, nicht bedrohliche Unterbrechung mit anschließendem Gang nach draußen sinnvoll sein. Ob eine Maßnahme wirkt, muss am Einzelfall geprüft werden; eine kontrollierte Wirksamkeitsstudie wird damit nicht behauptet.

10.4 Was man nicht ableiten sollte

Einige verbreitete Deutungen gehen über das hinaus, was die Studien stützen. Eine hohe Marke zeigt nicht, dass ein Hund groß oder selbstsicher ist (McGuire et al., 2018). Häufiges Markieren bei einem Rüden zeigt nicht, dass er „dominant“ ist: Die Studie, die Markieren mit Dominanz in Beziehung setzt, beschreibt Beziehungen innerhalb einer Gruppe und zeigt nicht, dass Markieren einen Rang erzeugt (Cafazzo et al., 2012). Eine Hündin, die das Bein hebt, verhält sich nicht auffällig (Wirant & McGuire, 2004). Und ein markierender Hund ist nicht unbedingt gestresst, aber auch nicht unbedingt entspannt: Dieselbe Bewegung kann in sehr unterschiedlichen Zuständen vorkommen, deshalb muss sie zusammen mit dem übrigen Verhalten des Hundes und der Situation gelesen werden, wie bei Spielsignalen und anderen kommunikativen Verhaltensweisen (wie Hunde soziale Absichten signalisieren und lesen).

11. Zusammenfassung auf einen Blick

Duftmarkieren ist ein Kommunikationsverhalten, das sich vom Ausscheiden unterscheidet: kleine, wiederholte Abgaben, oft an auffälligen Objekten, manchmal gefolgt von Scharren, und eng verbunden mit dem Untersuchen vorhandener Marken (Sprague & Anisko, 1973; Cafazzo et al., 2012). Erwachsene Rüden heben meist das Bein, junge Rüden beugen sich vor, und die meisten Hündinnen hocken, aber auch Hündinnen markieren und nutzen erhöhte Haltungen, besonders außerhalb des Zuhauses (Wirant & McGuire, 2004). Kleinere Hunde markierten häufiger (McGuire & Bemis, 2017, zusammengefasst bei Kokocińska-Kusiak et al., 2021), und kleinere Rüden hoben das Bein in größerem Winkel, ein mögliches unehrliches Signal, das auch durch Übermarkieren erklärt werden könnte (McGuire et al., 2018).

Übermarkieren ist vor allem ein Verhalten von Rüden und hängt mit sozialem Status und Kastrationsstatus zusammen (Biswas et al., 2024; Lisberg & Snowdon, 2011, zusammengefasst bei Quaranta et al., 2026). Hunde unterscheiden ihren eigenen Urin von fremdem (Horowitz, 2017), und die Urinchemie von Hündinnen verändert sich mit dem Zyklus (Dzięcioł et al., 2018); ob Marken emotionale Information tragen, ist offen (Quaranta et al., 2026). Rüden im Tierheim urinierten mit fremden Frauen häufiger als mit fremden Männern (McGuire et al., 2020, 2023). Kastration verringerte das Markieren bei vielen, aber nicht bei allen Rüden (Neilson et al., 1997), und eine prospektive kontrollierte Studie fand über neun Monate keine Veränderung (Palestrini et al., 2021).

12. Forschungslücken und kritische Einordnung

12.1 Populationen

Die systematischsten Daten zum Markieren bei Haushunden stammen von Tierheimhunden aus einem Forschungsprogramm in den USA (McGuire, 2016; McGuire & Bemis, 2017; McGuire et al., 2018, 2020, 2023). Die meisten dieser Hunde waren kastriert, lebten in einer fremden Umgebung und wurden von Fremden ausgeführt. Die Autoren haben selbst einen geringeren Anteil an Urinabgaben mit gehobenem Bein dokumentiert als unter anderen Bedingungen (Gough & McGuire, 2015, zusammengefasst bei McGuire et al., 2020). Die Daten zu frei lebenden Hunden stammen von einem Rudel in Italien und von Gruppen in Indien (Cafazzo et al., 2012; Biswas et al., 2024), die klassischen Daten zu Haltungen aus einer Laborkolonie (Sprague & Anisko, 1973). Systematische Beobachtungen von Familienhunden auf ihren gewohnten Runden fehlen weitgehend.

12.2 Stichprobengrößen und Designs

Mehrere zentrale Studien sind klein. Die Schneestudie umfasste einen Hund (Bekoff, 2001), die Hormonstudie elf (Quaranta et al., 2026), die Überprüfung der Markenhöhe fünfzehn (McGuire et al., 2018) und die Auswertung zum Pfotengeruch 34 (McClanahan & Rosell, 2020). Die meisten Designs sind beobachtend oder korrelativ. Experimentelle Designs gibt es für die Geruchsunterscheidung (Horowitz, 2017; Hamilton & Vonk, 2015) und für das Auslegen von Marken im Feld (Biswas et al., 2024), nicht aber für die Fragen, die Halter am häufigsten stellen, etwa was Markieren in der Wohnung verringert.

12.3 Messgrößen

Unter demselben Wort messen Studien Verschiedenes: Urinabgaben pro Spaziergang, Haltungen, Markenhöhe oder Schnüffeldauer. Gegenmarkieren und Übermarkieren werden in den Arbeiten unterschiedlich definiert, und Markieren in der Wohnung ist in Befragungen eine Kategorie aus Halterangaben (McGreevy et al., 2018; Palestrini et al., 2021). Für mehrere Arbeiten konnten für diesen Beitrag nur Zusammenfassungen aus zweiter Hand geprüft werden, was den Detailgrad begrenzt, der sich verantwortlich berichten lässt.

12.4 Chemie und Verhalten

Chemische Analysen identifizieren Verbindungen, die sich mit dem Zyklus der Hündin verändern (Dzięcioł et al., 2018), aber die Verhaltenstests, die zeigen würden, auf welche Verbindungen Hunde tatsächlich reagieren, fehlen noch, wie die Autoren festhalten. Der frühe Befund zu einer einzelnen Verbindung betraf Vaginalsekret (Goodwin et al., 1979). Aussagen in populären Texten, Urin verrate einem anderen Hund Gesundheit, Alter, Stimmung und sozialen Rang, vermischen solide, teilweise belegte und spekulative Befunde und trennen sie selten.

12.5 Daten zur Kastration

Die günstigsten Daten zur Kastration stammen aus einer Studie von 1997 mit nachträglichen Halterangaben ohne Kontrollgruppe (Neilson et al., 1997). Die große Befragung ist eine Querschnittsstudie und kann die Wirkung der Hormone nicht von den Gründen für ein bestimmtes Kastrationsalter trennen (McGreevy et al., 2018). Die hier ausgewertete prospektive kontrollierte Studie hatte nur 15 kastrierte Rüden und fand keine Veränderung des Markierens (Palestrini et al., 2021). Eine randomisierte Studie zur Kastration bei Markieren in der Wohnung gibt es nicht, und die Wirkung nicht chirurgischer Möglichkeiten auf das Markieren ist in den ausgewerteten Quellen nicht untersucht.

13. Fazit

Duftmarkieren ist eine der sichtbarsten Formen der Hundekommunikation, und die Forschung dazu ist genauer als die Alltagserklärungen. Marken sind kleine, gezielte Abgaben, gesetzt mit Haltungen, die von Geschlecht, Alter, Größe und Situation abhängen, und von anderen Hunden selektiv untersucht. Sie können Information über Zyklusstand und Identität tragen, und bei frei lebenden Hunden gehören sie dazu, wie benachbarte Gruppen mit Raum und Konkurrenz umgehen. Die Vorstellung, ein gehobenes Bein sei ein schlichtes Größensignal, wurde durch den Befund in Frage gestellt, dass kleine Rüden höher heben, aber die Seite der Empfänger ist ungeprüft.

Für den Alltag stützt die Forschung einen gelassenen Umgang. Markieren auf dem Spaziergang ist normales Verhalten, für das es sich lohnt, Raum zu lassen. Markieren in der Wohnung lässt sich am besten angehen, indem du Auslöser findest, den Zugang steuerst und gründlich reinigst, nachdem medizinische Ursachen ausgeschlossen sind. Kastration verringert das Markieren bei vielen Rüden, aber nicht verlässlich bei jedem Hund, und ihre Zielkonflikte gehören in die Entscheidung. Strafe kann eine Marke unterbrechen, erreicht aber nicht ihre Gründe.

Wichtigste Erkenntnisse im Überblick

  • Duftmarkieren unterscheidet sich vom Ausscheiden: kleine, wiederholte Abgaben, oft an senkrechten Objekten, manchmal gefolgt von Scharren (Sprague & Anisko, 1973).

  • Auch Hündinnen markieren und nutzen erhöhte Haltungen, besonders außerhalb des Zuhauses; erwachsene Rüden heben meist das Bein, aber die Haltung verändert sich mit dem Kontext (Wirant & McGuire, 2004; McGuire et al., 2020).

  • Kleine Rüden hoben das Bein in größerem Winkel, ein mögliches unehrliches Signal; die Autoren weisen darauf hin, dass Übermarkieren das Ergebnis erklären könnte (McGuire et al., 2018).

  • Hunde unterscheiden ihren eigenen Urin von dem anderer Hunde und bemerken, wenn er verändert wurde (Bekoff, 2001; Horowitz, 2017).

  • Die Urinchemie von Hündinnen verändert sich mit dem Zyklus; auf welche Verbindungen Hunde reagieren, ist noch unbekannt (Dzięcioł et al., 2018).

  • Markieren reagiert auf die soziale Situation: Rüden im Tierheim urinierten mit fremden Frauen häufiger als mit fremden Männern (McGuire et al., 2020, 2023).

  • Kastration verringerte das Markieren bei vielen, aber nicht bei allen Rüden, und eine prospektive kontrollierte Studie fand über neun Monate keine Veränderung des Markierens (Neilson et al., 1997; Palestrini et al., 2021).

  • Strafe kann eine Marke im Moment stoppen, erreicht aber nicht ihre Ursache; Auslöser, Zugang und Reinigung bewirken mehr.

Quellen

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