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Aufreiten beim Hund: Sexualverhalten, Spiel, Erregung oder Konflikt?
Aufreiten beim Hund ist selten nur Sexualverhalten und kein Dominanzbeweis. Was Studien zu Spiel, Erregung, Hormonen und Kastration zeigen und wie du die Situation richtig liest.
Michael Sauerwein
Reitet ein Hund auf einem anderen Hund, einem Kissen oder dem Bein eines Besuchers auf, wird das meist auf eine von zwei Arten gedeutet: als Sexualverhalten oder als Griff nach Dominanz. Die Forschung stützt keine dieser Abkürzungen für sich allein. Aufreiten ist ein Bewegungsmuster, das lange vor der Pubertät im Welpenspiel auftaucht, bei Rüden und Hündinnen, bei intakten und kastrierten Hunden vorkommt und in sexuellen, spielerischen und stark erregten Situationen zu sehen ist.
Dieser Beitrag erklärt, was die Studien zu Entwicklung, Hormonen, Spiel, sozialem Status, Halterbefragungen und Kastration tatsächlich gemessen haben, warum die Dominanzdeutung umstritten ist, was eine Kastration verändert und was nicht, und wie du Aufreiten im Alltag einordnen und damit umgehen kannst.
1. Was Aufreiten ist
1.1 Ein Bewegungsmuster, kein Motiv
Aufreiten ist leicht zu erkennen und schwer zu deuten. In den Ethogrammen der Spielforschung wird ein Aufreiten kodiert, wenn ein Hund sich aufrichtet, die Hinterbeine am Boden lässt und die Vorderbeine auf den Rücken des anderen Hundes legt, mit gerundetem Rücken und Vorderpfoten, die den Rumpf des Partners umfassen. Beckenstöße können vorkommen, müssen aber nicht (Ward et al., 2008). Eine zweite Spielstudie verwendete fast dieselbe Definition und ergänzte, dass sich das Aufreiten von einem Schubsen oder Rempeln durch den gerundeten Rücken und eine deutliche Pause in der stabilen Aufreitposition unterscheidet, mit oder ohne Beckenstöße (Kottferová et al., 2020). Eine aktuelle Übersichtsarbeit beschreibt Aufreiten als das Umklammern eines anderen Hundes mit den Vorderbeinen, typischerweise von hinten, gelegentlich auch von vorn (Guimarães et al., 2026).
Alle drei Beschreibungen definieren eine Bewegung. Keine definiert ein Motiv. Das ist der Kernpunkt dieses Beitrags: Dasselbe Bewegungsmuster taucht bei sexuellen Begegnungen auf, im Spiel zwischen Welpen, in Momenten großer Aufregung und, nach Ansicht einiger Autoren, in sozial angespannten Situationen. Die Frage „Warum reitet mein Hund auf?“ lässt sich deshalb nicht aus der Bewegung allein beantworten. Sie muss aus dem Zusammenhang beantwortet werden: aus dem Ziel des Aufreitens, dem Alter und Hormonstatus des Hundes und der Reaktion des Hundes oder Menschen, auf dem aufgeritten wird.
1.2 Ein Verhalten, mehrere Zusammenhänge
Die hier ausgewerteten Studien erlauben es, Aufreiten mehreren Zusammenhängen zuzuordnen. Es gibt einen sexuellen Zusammenhang, in dem Rüden auf läufige Hündinnen reagieren und läufige Hündinnen das Aufreiten auffordern oder abwehren können. Es gibt den Spielzusammenhang, in dem Aufreiten zum normalen Repertoire von Welpen und jungen Hunden gehört. Es gibt Situationen hoher Erregung und möglicherweise sozialer Anspannung, für die die Datenlage dünner und überwiegend deutend ist. Und es gibt Aufreiten auf Menschen und Gegenstände, das in Halterbefragungen als eigener Punkt erfasst wird und davon geprägt sein kann, was danach passiert. Eine aktuelle Übersichtsarbeit fasst diese Bandbreite zusammen: Aufreiten kann aus Gründen jenseits des Sexualverhaltens entstehen, etwa aus Spiel und Erkundung, und kann in manchen Fällen mit Stress oder Angst zusammenhängen, in anderen normales Sozialverhalten und erhöhte Erregung widerspiegeln (Guimarães et al., 2026).
Diese Zusammenhänge schließen sich nicht gegenseitig aus. Ein junger intakter Rüde kann im Spiel aufreiten, dabei sexuell erregt werden und das umso häufiger tun, je höher die Aufregung ist. Die Kategorien sind ein Werkzeug für die Beobachtung, keine Behauptung, dass jedes Aufreiten genau eine Ursache hat.
1.3 Warum die Deutung zählt
Wie Aufreiten gedeutet wird, entscheidet darüber, was Menschen dagegen tun. Als Sexualverhalten gelesen, führt es zur Kastration; als Dominanz gelesen, zu dem Rat, den Hund „in seine Schranken zu weisen“; als Spiel oder Aufregung gelesen, zum Umgang mit Erregung und mit dem Wohlbefinden des Spielpartners. Die Forschung stützt jede dieser Deutungen in bestimmten Situationen und keine als allgemeine Erklärung.
2. Entwicklung: Aufreiten vor der Pubertät
2.1 Aufreiten im Welpenspiel
Aufreiten beginnt nicht mit der Geschlechtsreife. In einer Langzeitstudie zum Spiel unter Wurfgeschwistern wurden 19 Welpen aus vier Würfen in drei Zeiträumen gefilmt: mit 3 bis 8 Wochen, mit 10 bis 23 Wochen und mit 27 bis 40 Wochen. Aufreiten wurde als eines der „offensiven“ Verhaltenselemente im Spiel kodiert. Im zweiten Zeitraum trat es zum ersten Mal auf, mit 5 % der offensiven und selbstbeschränkenden Verhaltenselemente in den ausgewerteten Würfen; im dritten Zeitraum wurde Aufreiten zum häufigsten offensiven Verhalten, gefolgt von Verfolgen (Ward et al., 2008). Dieselbe Arbeit beschreibt das Sozialspiel bei Hundeartigen als Verfolgen, Kampfspiel, gehemmtes Beißen und Aufreiten, das sie als Nachahmung von Paarungsverhalten kennzeichnet.
Eine Studie an zwei Würfen Deutscher Schäferhunde mit insgesamt 14 Welpen kodierte Aufreiten als eines der Verhaltenselemente des Hundes, der im Spiel mit 7 und 9 Wochen gerade die „gewinnende“ Rolle innehatte (Kottferová et al., 2020). Die Autorinnen und Autoren werteten in jedem Alter mehr als 1.200 Interaktionen zwischen zwei Welpen aus und fanden in den meisten Kombinationen aus Wurf und Alter ein symmetrisches Spiel. Sie betonen, dass die Stichprobe zu klein ist, um auf Hunde allgemein oder auf die Rasse zu verallgemeinern. Wie oft Aufreiten selbst in diesem Alter vorkam, wird in den überprüfbaren Teilen der Arbeit nicht berichtet. Die Studie zeigt daher nur, dass Aufreiten zum kodierten Spielrepertoire junger Welpen gehört.
Zusammengenommen verorten diese Beobachtungen das Aufreiten in der normalen Entwicklung von Hunden. Ein Welpe, der auf Wurfgeschwistern oder Spielzeug aufreitet, übt ein Bewegungsmuster, das später Teil mehrerer Verhaltenssysteme wird.
2.2 Hormone vor und um die Geburt
Unabhängig von Hormonen ist Aufreiten trotzdem nicht, auch nicht bei Jungtieren. Die klassischen Laborarbeiten an Hunden unterscheiden zwischen Hormonwirkungen, die das sich entwickelnde Nervensystem organisieren, und Hormonwirkungen, die Verhalten beim erwachsenen Tier aktivieren (wie Hormone und Neurochemie das Verhalten prägen). Eine aktuelle Übersichtsarbeit fasst die Arbeiten von Frank Beach so zusammen, dass Testosteron vor der Geburt bei Hündinnen rüdentypisches Verhalten hervorrufen kann, etwa rüdentypische Harnabsatzhaltungen und Aufreiten, und dass dieses Verhalten ohne weiteren Hormoneinfluss bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben kann (Beach, 1975, zusammengefasst bei Guimarães et al., 2026). Die Einzelheiten der Originalversuche konnten für diesen Beitrag nicht geprüft werden und werden hier nicht wiedergegeben.
Eine Hirnregion, die am männlichen Sexualverhalten beteiligt ist, liefert eine zweite Spur. Bei männlichen Laborhunden verringerten Läsionen im Bereich des medialen präoptischen und vorderen Hypothalamus, die vor der Pubertät gesetzt wurden, die Häufigkeit des jugendlichen Aufreitens und führten im Erwachsenenalter zu einem fast vollständigen Fehlen männlichen Paarungsverhaltens, während Urinmarkieren und aggressives Verhalten nicht beeinflusst waren. Die Hunde konnten während ihrer Entwicklung mit männlichen Artgenossen interagieren (Hart & Ladewig, 1979). Die Läsionsbefunde sprechen für eine Beteiligung der untersuchten Hirnregion an jugendlichem Aufreiten und späterem Paarungsverhalten; eine vollständige gemeinsame neuronale Grundlage oder eine generelle Trennung aller beteiligten Netzwerke lässt sich daraus nicht ableiten. Sie zeigen auch nicht, dass jedes Aufreiten eines Junghundes sexuell ist.
Auch das Interesse an läufigen Hündinnen entwickelt sich mit Alter und Hormonen. In Wahlversuchen mit Beagle-Rüden zeigten normale Rüden erstmals mit 4 bis 6 Monaten eine verlässliche Vorliebe dafür, eine läufige statt einer nicht läufigen Hündin aufzusuchen. Bei normalen Rüden nahm diese Anziehung bis zum Alter von 16 bis 18 Monaten zu, während das Testosteron im Blutplasma anstieg, mit 10 bis 12 Monaten seinen Höchstwert erreichte und dann wieder sank. Rüden, die wenige Tage nach der Geburt kastriert und bis zum Alter von 3 Monaten mit Testosteron behandelt worden waren, zeigten die Vorliebe schon mit 1 bis 3 Monaten, unbehandelte früh kastrierte Rüden erst mit 10 bis 12 Monaten, und normale Besuchszeiten erreichten sie erst nach Testosteroninjektionen (Beach et al., 1983). Gemessen wurde die Besuchszeit, nicht das Aufreiten. Relevant ist die Studie, weil sie zwei Dinge trennt, die oft vermischt werden: das Bewegungsmuster Aufreiten, das schon bei Welpen vorhanden ist, und das sexuelle Interesse an läufigen Hündinnen, das um die Pubertät herum entsteht und stärker wird.
2.3 Pubertät und Junghundezeit
In der Pubertät treffen diese beiden Stränge zusammen. In einer niederländischen Halterbefragung war der Anteil intakter Rüden, bei denen Aufreiten berichtet wurde, bei Hunden unter 2 Jahren am höchsten (39 %), niedriger bei jungen Erwachsenen (16 %), Erwachsenen (23 %) und Senioren (13 %); bei intakten Hündinnen unterschied sich das Aufreiten nicht nach Alter (Roulaux et al., 2023). In einer Langzeitkohorte, in der Halter unerwünschtes Verhalten in freiem Text beschrieben, nannten 22 von 1.718 Haltern (1,3 %) mit 6 Monaten „Humping“ und 1 von 684 Haltern (0,1 %) mit 18 Monaten (Kinsman et al., 2025). Die zweite Zahl misst nicht, wie viele Hunde aufreiten, sondern nur, wie viele Halter Aufreiten von sich aus als Problem nannten. Dieser Unterschied in den spontanen Problemnennungen ist mit einem altersbezogenen Rückgang vereinbar, belegt aber weder dessen Ausmaß noch einen ursächlichen Pubertätseffekt. Die erste Untersuchung ist eine Querschnittsbefragung, die zweite eine Längsschnittkohorte mit Halterangaben. Auch die wiederholten Befragungen erlauben keine eindeutige ursächliche Zuordnung zu Pubertät, Training oder veränderten Lebensbedingungen (was sich in der Pubertät des Hundes verändert).
3. Der sexuelle Zusammenhang
3.1 Rüden und läufige Hündinnen
Im sexuellen Zusammenhang ist die Funktion des Aufreitens am wenigsten umstritten. Eine frühe chemische Studie identifizierte Methyl-p-Hydroxybenzoat im Vaginalsekret läufiger Hündinnen und berichtete, dass Rüden sexuell erregt wurden und aufzureiten versuchten, wenn die Substanz auf die Vulva nicht läufiger oder kastrierter Hündinnen aufgetragen wurde (Goodwin et al., 1979). Das war die Aussage eines Labors zu einer einzelnen Substanz, und die Studie sollte als früher Hinweis gelesen werden, dass chemische Signale läufiger Hündinnen Aufreitversuche auslösen können, nicht als Nachweis eines einzelnen Auslösers (was Urinmarken und Gerüche mitteilen).
Hündinnen sind in diesem Zusammenhang nicht passiv. In einer frei lebenden Population in Indien ließen läufige Hündinnen gezielt einige Rüden decken und forderten sie sogar auf, wichen anderen Rüden aber aus oder griffen sie an, wenn diese aufzureiten versuchten (Pal et al., 1999, zusammengefasst bei Ward et al., 2008). Für Familienhunde ist der Punkt einfach: Selbst sexuelles Aufreiten ist eine soziale Interaktion mit zwei Beteiligten, und die Reaktion des Hundes, auf dem aufgeritten wird, zählt.
3.2 Organisation, Aktivierung und Erfahrung
Sexuelles Aufreiten bei erwachsenen Rüden wird von Testosteron unterstützt, aber nicht einfach von ihm an- und ausgeschaltet. Die Übersichtsarbeit von Hart und Eckstein, bis heute die Standardreferenz zu Geschlechtshormonen und Problemverhalten, beschreibt Streunen, Urinmarkieren und Aufreiten als die klassischen hormonempfindlichen Verhaltensweisen und hält fest, dass sich nicht alle Rüden nach einer Kastration verändern (Hart & Eckstein, 1997). Eine aktuelle Übersichtsarbeit fasst Beachs Langzeitstudien zur Kastration so zusammen, dass sexuelle Erfahrung vor der Kastration deren Wirkung auf das Aufreiten abschwächen kann (Beach, 1970, zusammengefasst bei Guimarães et al., 2026). Die Übersichtsarbeit von Hart und Eckstein wird dagegen mit der Aussage zitiert, dass weder Erfahrung noch Kastrationsalter vorhersagen, welche Rüden sich verändern. Ob sexuelle Erfahrung vor der Kastration das Aufreiten vor dem Wegfall des Testosterons schützt, bleibt in den hier verfügbaren Quellen daher offen.
Die Unterscheidung zwischen Organisation und Aktivierung hilft zu erklären, warum eine Kastration bei verschiedenen Hunden unterschiedlich wirkt. Frühe Hormone prägen, wie leicht rüdentypische Muster gezeigt werden; Hormone im Erwachsenenalter machen sie als Reaktion auf sexuelle Reize wahrscheinlicher; und Lernen prägt, in welchen Situationen und gegenüber welchen Zielen sie auftreten (was Testosteron bewirkt und was nicht).
3.3 Auch Hündinnen reiten auf
Aufreiten wird oft als Rüdenverhalten beschrieben. Die verfügbaren Befragungen stützen keinen scharfen Geschlechtsunterschied. In der niederländischen Befragung zu 982 Hunden wurde Aufreiten bei 17 % aller Hunde berichtet, bei 25 % der intakten Rüden und 17 % der intakten Hündinnen; dieser Geschlechtsunterschied war nur ein Trend. Von den intakten Hündinnen, die aufritten, taten es 7 von 16 häufiger während der Läufigkeit, was die Autoren als Minderheit einordnen (Roulaux et al., 2023). Sie bezeichneten Aufreiten als „kaum geschlechtsdimorph“. In einer Online-Befragung zu 1.023 Hunden wurde Aufreiten oder „Humping“ bei 19 % der Hunde berichtet, und Rüden hatten unabhängig vom Kastrationsstatus eine geringere Chance für Aufreiten als Hündinnen (Odds Ratio 0,37) (Dinwoodie et al., 2021).
Die beiden Befragungen widersprechen sich in der Richtung des Geschlechtsunterschieds, und beide beruhen auf Halterangaben und Gelegenheitsstichproben. Gemeinsam ist ihnen, dass für einen erheblichen Anteil der Hündinnen Aufreiten berichtet wird. Die Annahme, eine aufreitende Hündin müsse ein Hormonproblem haben, wird von diesen Daten nicht gestützt (wie sich Rüden und Hündinnen im Verhalten unterscheiden).
Große Befragungsdaten zu Hündinnen weisen in dieselbe Richtung. In einem C-BARQ-Datensatz von 8.981 kastrierten Hündinnen hing der Punkt „reitet auf Gegenständen, Möbeln oder Menschen auf“ weder signifikant mit dem Kastrationsalter noch mit der Dauer der Einwirkung von Geschlechtshormonen über das Leben zusammen (Starling et al., 2019). Was auch immer Hündinnen zum Aufreiten bewegt, es folgt in diesem Maß nicht eng den Eierstockhormonen.
4. Aufreiten im Spiel
4.1 Teil des Spielrepertoires
In den Spielstudien wird Aufreiten zusammen mit Kinn-auflegen, Darüberstehen, Verfolgen und Zu-Boden-Bringen kodiert. Beide Welpenstudien ordneten es den Verhaltenselementen des Hundes in der überlegenen Rolle zu (Ward et al., 2008; Kottferová et al., 2020). In der Studie an Wurfgeschwistern war die offensive Kategorie als Verhalten definiert, mit dem ein Hund im Spiel eine dominante oder überlegene Position gegenüber dem Partner aufrechterhält (Ward et al., 2008). Das ist eine Kodierkonvention der Spielforschung. Sie beschreibt, wer in diesem Moment des Spiels oben ist, nicht eine Rangbeziehung, die über die Spielsequenz hinausreicht.
Spiel selbst ist kein einfacher Anzeiger für Wohlbefinden oder Harmonie. Eine maßgebliche Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass Spiel weder ein verlässliches noch ein verallgemeinerbares Zeichen positiven Wohlbefindens ist, sondern ein vielgestaltiges Verhalten, dessen Bedeutung von Zusammenhang, früher Erfahrung und Lebensgeschichte abhängt (Sommerville et al., 2017). Dasselbe gilt für das Aufreiten im Spiel: Es kann Teil eines ausgeglichenen Spiels sein oder ein Zeichen, dass ein Partner den anderen überfährt.
4.2 Rollenwechsel und Ungleichgewicht
Spiel zwischen Hunden wird oft als von Natur aus fair beschrieben. Die Daten sind vielfältiger. In einer Studie mit 55 Hundepaaren in einem Hundeauslaufgebiet waren nur 5,4 % der Paare in Gewinner- und Verliererrollen ausgeglichen und 21,8 % vollständig asymmetrisch; ältere und als ranghöher eingestufte Hunde zeigten mehr offensive Elemente und weniger Selbstbeschränkung als ihre Partner (Bauer & Smuts, 2007). Ob Aufreiten in dieser Studie zu den offensiven Elementen gehörte, ließ sich nicht prüfen. In der Studie an Wurfgeschwistern forderten Rüden in gemischtgeschlechtlichen Paaren häufiger zum Spiel auf, zeigten gegenüber Hündinnen mehr offensives Verhalten und beschränkten sich zugleich häufiger selbst (Ward et al., 2008).
Für das Aufreiten folgt daraus praktisch: Die Frage ist nicht, ob ein Hund im Spiel aufreitet, sondern ob die Rollen wechseln, ob der andere Hund weiter mitspielt und ob das Spiel Pausen und Signale enthält, die es spielerisch halten (wie Spielsignale ein Spiel spielerisch halten). Aufreiten in einem Spiel, in dem beide Hunde abwechselnd oben sind, sieht anders aus als Aufreiten, bei dem ein Hund immer wieder festgehalten wird und wegzukommen versucht.
4.3 Wenn Aufreiten im Spiel kein Spiel mehr ist
Die bisher genannten Studien kodierten Spiel anhand von Videos und untersuchten nicht, was passiert, wenn Aufreiten hartnäckig wird. Diese Lücke ist für den Alltag wichtig, denn dort geht es oft weniger um das Aufreiten an sich als um einen Hund, der nicht aufhört, auf einem Spielpartner aufzureiten, der deutlich in Ruhe gelassen werden möchte.
Aus der Praxis: In Gruppenspielstunden und Welpenkursen wird Aufreiten meist dann zum Problem, wenn es sich in kurzer Folge wiederholt, wenn immer derselbe Hund bestiegen wird und wenn dieser Hund den Kopf abwendet, erstarrt, sich hinzusetzen versucht oder abschnappt. Das sind Beobachtungen aus der Trainingspraxis, keine Ergebnisse kontrollierter Studien, aber sie ergeben eine Arbeitsregel: Ob du eingreifen solltest, entscheidet die Reaktion des Hundes, auf dem aufgeritten wird, nicht das Aufreiten selbst.
5. Erregung, Konflikt und die Dominanzdeutung
5.1 Aufreiten bei hoher Erregung
Viele Halter berichten, dass ihr Hund aufreitet, wenn Besuch kommt, zu Beginn eines Spaziergangs, nach einem aufregenden Spiel oder beim Treffen auf eine Hundegruppe. Die Forschungsgrundlage für diese Erregungsdeutung ist dünn. Keine Studie in den Quellen dieses Beitrags hat Erregung gezielt verändert und dabei Aufreiten gemessen. Die Erregungsdeutung beruht auf indirekten Hinweisen: Eine Übersichtsarbeit hält fest, dass Aufreiten erhöhte Erregung und normales Sozialverhalten widerspiegeln kann (Guimarães et al., 2026), und die Autoren der größten Rüdenbefragung vermuteten, dass Aufreiten auf Gegenständen und Menschen, das unerwartet bei Hunden mit geringerer Hormoneinwirkung häufiger war, durch Spiel oder Angst motiviert sein könnte (McGreevy et al., 2018). Beides sind Deutungen, keine Testergebnisse.
Plausibel ist die Erregungsdeutung trotzdem, gemessen an dem, was über den Einfluss von Aufregung auf Verhalten bekannt ist. Hohe Erregung macht Verhalten tendenziell weniger zielgerichtet und lässt es leichter in Bewegungsmuster überlaufen, die gerade verfügbar sind (wie Erregungsregulation funktioniert und trainiert werden kann). Aufreiten, das seit dem Welpenalter geübt wird, ist ein solches leicht verfügbares Muster.
Aus der Praxis: Viele Hunde, die auf Besucher aufreiten, tun das in den ersten Minuten nach der Ankunft und später kaum noch, und viele Hunde, die im Spiel aufreiten, tun es, nachdem das Spiel schon eine Weile in hohem Tempo läuft. Dieses Muster stammt aus der Trainingspraxis und wurde nicht in Studien geprüft. Es legt aber nahe, dass es oft mehr bringt, die Aufregung insgesamt zu senken, als direkt am Aufreiten anzusetzen.
5.2 Übersprung und soziale Anspannung
Einige Autoren beschreiben Aufreiten als Übersprungverhalten, also als Verhalten, das in einer Situation gezeigt wird, in die es scheinbar nicht passt, unter Konflikt oder Unsicherheit. Eine aktuelle Übersichtsarbeit hält fest, dass Aufreiten als Übersprungverhalten dienen kann und nicht zwingend mit sexueller Motivation verbunden ist (Guimarães et al., 2026). Die Autoren der niederländischen Befragung erwähnen eine Studie, in der ängstliche Hunde häufiger auf Menschen aufritten als aggressive Hunde (Roulaux et al., 2023), diese Originalstudie konnte aber nicht geprüft werden. Die Übersprungdeutung ist deshalb eine Hypothese, die zu manchen Beobachtungen passt, kein gesicherter Befund bei Hunden.
Nützlich ist die Hypothese trotzdem, weil sie den Blick auf die Situation lenkt: Aufreiten auf engem Raum, in der Nähe einer Ressource oder während der Hund angefasst wird, kann ein Zeichen von Anspannung sein. Ob es das ist, lässt sich nur aus den Signalen davor und danach beurteilen (was die Forschung über Beschwichtigungssignale zeigt).
5.3 Die Dominanzdeutung
Die verbreitetste Alltagserklärung für Aufreiten ist Dominanz: Der aufreitende Hund wolle seinen Rang behaupten. Diese Deutung hat eine gewisse Grundlage in der Geschichte der Forschungspraxis. In der Spielforschung wird Aufreiten zu den Verhaltenselementen gezählt, die einen Hund im Spiel in eine „überlegene Position“ bringen (Ward et al., 2008). In einer Analyse von Dominanzanzeigern weisen die Autoren darauf hin, dass eine frühere, unveröffentlichte Studie von Bradshaw und Kollegen „Aufreiten“ zusammen mit Knurren, Anstarren und Darüberstehen als „selbstsicheres“ Verhalten behandelt hatte, das den Rang anzeigen sollte, ohne zu prüfen, ob es als Ranganzeiger tatsächlich taugt (van der Borg et al., 2015).
Werden Verhaltensweisen systematisch als Statusanzeiger geprüft, erweist sich Aufreiten nicht als solcher. In einer Zwingergruppe von 16 intakten Hunden waren die besten formalen Dominanzanzeiger die hohe Körperhaltung und der Schnauzenbiss, die besten Unterwerfungsanzeiger das Schwanzwedeln mit dem ganzen Körper und tiefe Körperhaltungen, und das Absenken der Körperhaltung ergab die vollständigste und nahezu lineare Rangordnung (van der Borg et al., 2015). Aufreiten taucht unter den ermittelten Anzeigern nicht auf. In einer Hundetagesstätte mit 24 kastrierten Hunden war Unterwerfung das häufigste, am klarsten einseitige und linearste agonistische Verhalten und damit ein besserer Statusanzeiger als Aggression oder Dominanzgesten (Trisko & Smuts, 2015). Keine der beiden Studien stützt die Vorstellung, Aufreiten sei ein verlässliches Zeichen dafür, wer über wem steht.
Die grundsätzliche Frage, ob Dominanz für Haushunde ein brauchbares Konzept ist, wird zwischen Forschungsgruppen weiter diskutiert (Bradshaw et al., 2009; Schilder et al., 2014). Diese Debatte betrifft Beziehungen zwischen Hunden, die sich über beständige, einseitige Signale messen lassen. Sie rechtfertigt weder den Alltagssprung von „er reitet auf“ zu „er will dominieren“ noch die Vorstellung, Hunde wollten Menschen dominieren (warum Dominanz als Trainingskonzept scheitert). Wie sich Beziehungen unter frei lebenden Hunden mit wenig menschlichem Einfluss entwickeln, ist eine eigene Frage, die die hier ausgewertete Literatur zum Aufreiten nicht behandelt (wie frei lebende Hunde ihr Sozialleben organisieren).
6. Aufreiten auf Menschen und Gegenständen
6.1 Was Befragungen erfassen
Aufreiten auf Menschen, Kissen, Decken oder Möbeln ist die Form, die Halter am peinlichsten finden und am häufigsten berichten. Im C-BARQ-Fragebogen wird sie mit einem einzigen Punkt erfasst: „reitet auf Gegenständen, Möbeln oder Menschen auf“. Bei 6.235 kastrierten Rüden ging eine längere Einwirkung von Geschlechtshormonen über das Leben und ein späteres Kastrationsalter mit weniger Aufreiten in diesem Punkt einher (McGreevy et al., 2018). Die Autoren fanden das überraschend und wiesen darauf hin, dass der Punkt das Aufreiten auf anderen Hunden nicht erfasst, das bei intakten Hunden das Hauptziel sein könnte. Anders gesagt: Für früh kastrierte Rüden wurde mehr Aufreiten auf Gegenständen und Menschen berichtet, nicht weniger. Bei Hündinnen zeigte derselbe Punkt keinen signifikanten Zusammenhang mit dem Kastrationsalter (Starling et al., 2019).
Eine Kohorte von 1.842 Hunden aus einem Tierheim, die vor dem ersten Lebensjahr kastriert worden waren, fand, dass eine Kastration im frühen Alter im Vergleich zur Kastration im üblichen Alter bei beiden Geschlechtern mit mehr „sexuellem Verhalten“ einherging (Spain et al., 2004). Was diese Kategorie umfasste und ob es vor allem Aufreiten war, ließ sich aus der Zusammenfassung nicht prüfen. Zusammen mit den C-BARQ-Daten erinnert der Befund daran, dass eine frühe Kastration Aufreiten nicht zuverlässig verhindert und in manchen Maßen sogar mit mehr Aufreiten einhergehen kann.
6.2 Gelerntes und durch Aufmerksamkeit aufrechterhaltenes Aufreiten
Aufreiten auf Menschen geschieht in einer Situation, in der der Mensch reagiert: Er lacht, schiebt den Hund weg, redet mit ihm oder schimpft. Jede dieser Reaktionen ist Aufmerksamkeit, und bei manchen Hunden hält Aufmerksamkeit ein Verhalten aufrecht. Keine Studie in den Quellen dieses Beitrags hat eine Funktionsanalyse speziell zum Aufreiten durchgeführt. Für andere sich wiederholende Verhaltensweisen ist das Prinzip gezeigt: In Funktionsanalysen bei Hunden mit stereotypem und zwanghaftem Verhalten hielten Reaktionen der Halter das Kreisdrehen und Lecken bei zwei Hunden aufrecht, während bei zwei anderen die Bewegung des Lichts das Lichtjagen aufrechterhielt; wo sich die Konsequenz ändern ließ, nahm das Verhalten ab (Hall et al., 2015).
Die Übertragung auf das Aufreiten ist eine Schlussfolgerung, kein Befund, aber sie lässt sich beim einzelnen Hund überprüfen: Wenn das Aufreiten auf Menschen vor allem dann auftritt, wenn der Hund sonst nicht beachtet wird, und sich auf die Person richtet, die am stärksten reagiert, ist Aufmerksamkeit ein plausibler aufrechterhaltender Faktor (wie Aufmerksamkeit Verhalten aufrechterhalten kann).
6.3 Zwanghafte und medizinische Fragen
Selten wird Aufreiten oder aufreitähnliches Verhalten wiederholt, schwer zu unterbrechen und in vielen Situationen gezeigt, auch wenn der Hund allein ist. Ein solches Muster wirft die Frage nach einer Zwangsstörung auf, die eine tierärztlich-verhaltensmedizinische Abklärung erfordert und gesondert behandelt wird (wie Zwangsverhalten eingeschätzt wird). Aufreiten, das mit häufigem Lecken im Genitalbereich, Veränderungen beim Urinabsatz, Anzeichen von Unwohlsein oder einer plötzlichen Veränderung bei einem Hund einhergeht, der bisher selten aufritt, ist ein Grund, den Hund tierärztlich untersuchen zu lassen. Keine der hier ausgewerteten Studien hat geschätzt, wie oft solche Fälle eine medizinische Ursache haben. Das ist eine Empfehlung zur Vorsicht, keine Aussage über die Häufigkeit.
7. Was eine Kastration verändert und was nicht
7.1 Die klassischen Halterberichte
Aufreiten gehört zu den Verhaltensweisen, die am häufigsten als Grund für eine Kastration genannt werden. In der niederländischen Befragung war es bei Rüden der am häufigsten genannte verhaltensbezogene Grund für die Kastration (31 %), bei Hündinnen wurde es selten genannt (Roulaux et al., 2023). Die Erwartung, dass eine Kastration hilft, stützt sich vor allem auf zwei ältere Studien mit Halterangaben aus derselben Forschungsgruppe.
In einer rückblickenden Studie an 42 im Erwachsenenalter kastrierten Rüden wurden Streunen, Raufen mit anderen Rüden, Urinmarkieren im Haus und Aufreiten auf anderen Hunden oder Menschen als durch Kastration veränderbar beschrieben. Das Streunen nahm bei 90 % der Hunde ab; die anderen Verhaltensmuster gingen bei der Hälfte bis zwei Dritteln zurück. Das Alter bei der Kastration hing nicht mit der Wirksamkeit zusammen. Aufreiten auf anderen Hunden oder Menschen war bei 15 der Hunde ein Anlass und ging bei etwa zwei Dritteln davon zurück, bei rund einem Drittel rasch und bei einem weiteren Drittel allmählich; einige Halter, die einen Rückgang berichteten, bemerkten trotzdem noch gelegentliches Aufreiten (Hopkins et al., 1976).
In einer Kohortenstudie wurden die Halter von 57 Rüden telefonisch befragt, die nach dem zweiten Lebensjahr wegen mindestens eines Problemverhaltens kastriert worden waren. Bei Urinmarkieren, Aufreiten und Streunen folgte auf die Kastration bei mindestens 60 % der Hunde eine Verbesserung um mindestens 50 % und bei 25 bis 40 % der Hunde eine Verbesserung um mindestens 90 %. Bei den übrigen Verhaltensweisen, darunter mehrere Formen von Aggression, trat eine Verbesserung um mindestens 50 % bei weniger als 35 % der Hunde auf. Die Verbesserung hing nicht signifikant mit dem Alter des Hundes oder der Dauer des Verhaltens zusammen (Neilson et al., 1997).
Die Grenzen sind erheblich. Die Hunde wurden wegen Problemverhaltens kastriert, gemessen wurde die Erinnerung der Halter, und es gab keine intakte Vergleichsgruppe. Ein Teil der Verbesserung könnte auch ohne Operation eingetreten sein, durch Reifung oder Management. Und ein beträchtlicher Teil der Hunde verbesserte sich nicht um die Hälfte.
7.2 Neuere prospektive Daten und Befragungen
Nur eine Studie in den Quellen begleitete Hunde vorausschauend mit einer Kontrollgruppe. In einer italienischen Studie wurden Halter vor der Operation und neun Monate später befragt; 48 Hunde wurden kastriert (15 Rüden und 33 Hündinnen), 48 blieben intakt (17 Rüden und 31 Hündinnen). Für die kastrierten Hunde wurde bei der zweiten Befragung weniger Aufreiten, Leinenziehen und Streunen berichtet, das Markieren änderte sich in keiner Gruppe (Palestrini et al., 2021). Die Studie war nicht randomisiert, die Zahl der Rüden war klein, und gemessen wurden Halterangaben. Ob der Befund zum Aufreiten getrennt für Rüden und Hündinnen galt, ließ sich nicht prüfen.
Eine rückblickende Online-Befragung von 386 polnischen Haltern kastrierter Rüden fand, dass der Anteil der Hunde, für die Aufreiten berichtet wurde, von 55,4 % vor auf 27,5 % nach der Kastration sank, während Angst vor fremden Hunden oder Menschen und Geräuschangst zunahmen (Kriese et al., 2022). Die Autoren gaben zu bedenken, dass Halter möglicherweise nicht ehrlich antworteten, wenn die Kastration nicht das erwartete Ergebnis brachte, und dass die Ergebnisse mit Vorsicht zu behandeln seien.
Die niederländische Querschnittsbefragung zeichnet ein zurückhaltenderes Bild. Für intakte Rüden wurde häufiger Aufreiten berichtet als für kastrierte Rüden (25 % gegenüber 18 %), aber fast jeder fünfte kastrierte Rüde ritt weiterhin auf, und bei Hündinnen machte die Kastration keinen signifikanten Unterschied. Die Autoren folgerten, dass Aufreiten und Streunen möglicherweise weniger geschlechtsdimorph und weniger leicht durch Kastration beeinflussbar sind als oft angenommen, und sprachen sich dagegen aus, weniger Aufreiten als Begründung für routinemäßige Kastrationen heranzuziehen (Roulaux et al., 2023).
7.3 Hormoneinwirkung und das größere Bild
Die großen C-BARQ-Auswertungen ergänzen eine andere Sicht. Bei Rüden ging eine längere Einwirkung von Geschlechtshormonen über das Leben mit seltener berichtetem unerwünschtem Verhalten einher, darunter weniger Aufreiten auf Gegenständen und Menschen; Urinmarkieren im Haus und Heulen beim Alleinsein waren die einzigen Verhaltensweisen, die bei längerer Einwirkung wahrscheinlicher waren (McGreevy et al., 2018). In einer Online-Befragung zu 6.018 Hunden ging eine längere Einwirkung von Geschlechtshormonen unabhängig vom Fortpflanzungsstatus mit einer geringeren Chance für problematisches und lästiges Verhalten einher (Zink et al., 2023). Das sind Zusammenhänge aus Querschnittsdaten, in denen die Hormoneinwirkung mit dem Alter verflochten ist, und sie zeigen nicht, dass eine Kastration Verhaltensprobleme verursacht. Sie zeigen aber, dass der erwartete Nutzen einer frühen Kastration für das Verhalten nicht vorausgesetzt werden kann.
Eine Studie zum Markierverhalten fasste die gängige Erwartung im Fachgebiet so zusammen, dass eine Kastration die Häufigkeit geschlechtsdimorpher Verhaltensweisen wie Aufreiten und Streunen offenbar verringert (McGuire, 2019). Die hier ausgewerteten Studien stützen eine eingeschränkte Fassung: Bei erwachsenen Rüden folgt auf eine Kastration oft weniger Aufreiten, aber die Wirkung ist teilweise, unterscheidet sich zwischen Hunden, zeigt sich bei Hündinnen nicht zuverlässig und erfasst kein Aufreiten, das von Spiel, Erregung oder gelernten Konsequenzen getragen wird.
7.4 Was das für die Entscheidung bedeutet
Eine Kastration ist eine Entscheidung mit gesundheitlichen, fortpflanzungsbezogenen und verhaltensbezogenen Folgen, und Aufreiten allein ist dafür eine schwache Grundlage (was eine Kastration im Verhalten verändert). Aus den verfügbaren Daten ergeben sich drei Fragen, bevor eine Operation wegen Aufreitens erwogen wird: Richtet sich das Aufreiten auf Hunde, vor allem auf läufige Hündinnen, oder auf Menschen und Gegenstände? Tritt es vor allem in sexuellen Situationen auf oder im Spiel und bei Aufregung? Ist dein Hund aus der Pubertät heraus, da Aufreiten bei älteren intakten Rüden seltener berichtet wurde? Eine aktuelle Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass eine allgemeine Kastrationsregel zur Verhaltenssteuerung angesichts der komplexen Verhaltensentwicklung ungeeignet ist und eine Einzelfallbeurteilung nötig ist (Guimarães et al., 2026).
8. Aufreiten im Zusammenhang lesen
8.1 Ziel, Zeitpunkt und Körpersprache
Weil sich Aufreiten nicht selbst erklärt, steht die Beobachtung am Anfang: Wer oder was wird bestiegen? Was ist unmittelbar davor passiert? Ist der Körper locker und federnd oder steif? Ist der Hund sichtbar sexuell erregt? Hört er auf, wenn sich die Situation ändert? Diese Fragen sind nicht als Diagnoseinstrument geprüft, aber sie decken die Zusammenhänge ab, die die Studien unterscheiden.
8.2 Die Reaktion des anderen Hundes
Die wichtigste Beobachtung ist die Reaktion des Hundes, auf dem aufgeritten wird. Viele Hunde dulden kurzes Aufreiten im Spiel oder ignorieren es; andere werden steif, wenden sich ab, lecken sich über die Lefzen, versuchen sich hinzusetzen, gehen weg oder schnappen ab. Diese Signale sagen mehr darüber, ob du eingreifen solltest, als das Aufreiten selbst. Die Studien zur Asymmetrie im Spiel zeigen, dass ungleiche Rollen zwischen Hunden häufig und nicht automatisch ein Problem sind (Bauer & Smuts, 2007), aber sie haben das Wohlbefinden des Partners nicht gemessen.
Aus der Praxis: Reagiert der bestiegene Hund mit einer klaren, aber angemessenen Warnung, etwa einem Knurren, einem Kopfwenden oder einem kurzen Abschnappen ohne Kontakt, und der aufreitende Hund hört auf, greifen viele Halter zu stark ein und behandeln die Warnung als das eigentliche Problem. In der Praxis ist es meist sinnvoller, ein angemessenes Signal wirken zu lassen und erst einzugreifen, wenn der aufreitende Hund es übergeht, wenn der bestiegene Hund nicht wegkommt oder wenn die Reaktion eskaliert. Das ist eine Empfehlung aus der Praxis, keine geprüfte Regel.
8.3 Haushalte mit mehreren Hunden
In Haushalten mit mehreren Hunden kann wiederholtes Aufreiten eines Hundes auf einem anderen zu einer Quelle dauerhafter Anspannung werden, besonders wenn der bestiegene Hund älter, kleiner oder krank ist oder dem anderen auf engem Raum nicht ausweichen kann. Ob solches Aufreiten Spiel, Erregung, sexuelles Interesse oder Anspannung ausdrückt, muss aus dem ganzen Zusammenhang beurteilt werden, und der bestiegene Hund braucht Rückzugsmöglichkeiten (wie Konkurrenz und Kooperation im Mehrhundehaushalt funktionieren). Die hier ausgewerteten Befragungen unterschieden nicht zwischen Aufreiten innerhalb des Haushalts und Aufreiten auf fremden Hunden.
9. Was daraus für die Praxis folgt
9.1 Ruhig unterbrechen, wenn sich das Gegenüber unwohl fühlt
Aufreiten, das beide Hunde im Spiel akzeptieren, muss nicht unterbunden werden. Aufreiten, das der andere Hund oder ein Mensch deutlich beenden möchte, solltest du unterbrechen, ruhig und früh: den Hund abrufen, dich zwischen die Hunde stellen oder ihn am Geschirr nehmen und für eine kurze Pause wegführen. Ziel ist, die Situation zu beenden, nicht dem Hund beizubringen, dass Aufreiten dramatische Folgen hat.
9.2 Umlenken und Erregung steuern
Folgt das Aufreiten auf hohe Erregung, ist das Erregungsniveau meist der wirksamere Hebel. Kürzere Spielphasen mit Pausen, ruhigere Begrüßungen, Leine oder Absperrung in den ersten Minuten eines Besuchs und ein Alternativverhalten, das der Hund in aufregenden Situationen zeigen kann, etwa auf eine Decke gehen oder ein Spielzeug tragen, setzen an der Situation an, in der Aufreiten entsteht. Diese Maßnahmen folgen aus dem, was über Erregung und Lernen bekannt ist; ihre Wirkung speziell auf das Aufreiten wurde nicht in kontrollierten Studien geprüft.
9.3 Aufreiten aus Aufmerksamkeitsgründen nicht verstärken
Scheint das Aufreiten auf Menschen durch Aufmerksamkeit aufrechterhalten zu werden, folgt daraus praktisch, Aufreiten weniger lohnend und anderes Verhalten lohnender zu machen. Das heißt: kein Lachen, keine langen Diskussionen und ein ruhiger, gleichbleibender Weg, die Situation zu beenden, verbunden mit Aufmerksamkeit und Beschäftigung zu Zeiten, in denen der Hund nicht aufreitet. Das Prinzip, dass Konsequenzen Verhalten aufrechterhalten, ist gut belegt (Hall et al., 2015); ob es beim einzelnen Hund auf das Aufreiten zutrifft, musst du prüfen, indem du beobachtest, ob sich das Verhalten verändert.
9.4 Schimpfen und Wegstoßen
Lautes Schimpfen oder kräftiges Wegstoßen beendet das Aufreiten oft im Moment, und viele Halter berichten, dass es funktioniert. Die Frage ist, was der Hund daraus lernt und zu welchem Preis. War das Aufreiten von Aufregung getragen, fügt eine erschreckende Reaktion Erregung hinzu, statt sie zu senken. Wurde es durch Aufmerksamkeit aufrechterhalten, ist eine laute Reaktion immer noch Aufmerksamkeit. Drückte es Anspannung aus, kann eine harte Reaktion die Anspannung erhöhen und dem Hund beibringen, dass der Mensch gerade in den Situationen unberechenbar ist, in denen er ohnehin unsicher ist. Und der Hund lernt nicht, was er stattdessen tun könnte. Eine ruhige Unterbrechung, gefolgt von einer klaren Alternative, erreicht dasselbe unmittelbare Ergebnis mit weniger dieser Nebenwirkungen.
Aus der Praxis: Halter, die vom Schimpfen auf eine ruhige, immer gleiche Unterbrechung mit kurzer Pause und anschließendem Alternativverhalten umstellen, berichten oft, dass das Aufreiten in den folgenden Wochen seltener wird. Das ist eine Beobachtung aus der Praxis und wurde nicht in einer Studie gemessen, passt aber zu den oben beschriebenen Lernprinzipien.
9.5 Wann du zum Tierarzt gehen solltest
Eine tierärztliche Untersuchung ist sinnvoll, wenn Aufreiten bei einem erwachsenen Hund plötzlich auftritt, wenn es mit Lecken im Genitalbereich, Veränderungen beim Urinabsatz, Schmerzanzeichen oder Hautproblemen einhergeht, wenn ein Rüde eine anhaltende Erektion zeigt oder wenn das Verhalten sich ständig wiederholt und schwer zu unterbrechen ist. Erwägst du eine Kastration vor allem wegen des Aufreitens, sollte zuerst geklärt werden, in welchem Zusammenhang das Verhalten auftritt.
10. Zusammenfassung auf einen Blick
Aufreiten ist ein Bewegungsmuster, das in Ethogrammen der Forschung als Aufrichten mit den Vorderbeinen auf dem Rücken des Partners und gerundetem Rücken definiert ist, mit oder ohne Beckenstöße (Ward et al., 2008; Kottferová et al., 2020). Es taucht lange vor der Pubertät im Welpenspiel auf; in einer Studie an Wurfgeschwistern zuerst mit 10 bis 23 Wochen, und mit 27 bis 40 Wochen wurde es zum häufigsten offensiven Verhalten im Spiel (Ward et al., 2008).
Frühe Androgene prägen, wie leicht rüdentypische Muster gezeigt werden, und eine Hirnregion, die am männlichen Sexualverhalten beteiligt ist, trägt auch das jugendliche Aufreiten (Hart & Ladewig, 1979). Das sexuelle Interesse an läufigen Hündinnen entwickelt sich mit der Pubertät (Beach et al., 1983).
Auch Hündinnen reiten auf. In Halterbefragungen wurde Aufreiten bei 17 % der intakten Hündinnen berichtet (Roulaux et al., 2023) und bei Hündinnen häufiger als bei Rüden (Dinwoodie et al., 2021). Bei intakten Rüden wurde Aufreiten am häufigsten bei Hunden unter 2 Jahren berichtet (Roulaux et al., 2023).
Die Dominanzdeutung wird nicht gestützt: Als Verhaltensweisen als Statusanzeiger geprüft wurden, funktionierten Körperhaltung und Unterwerfungssignale, Aufreiten erwies sich nicht als Anzeiger (van der Borg et al., 2015; Trisko & Smuts, 2015). Die Deutungen als Erregungs- oder Übersprungverhalten sind plausibel, beruhen aber vor allem auf Übersichtsarbeiten, Vermutungen von Autoren und Praxisbeobachtungen.
Auf eine Kastration folgt nach Halterangaben bei erwachsenen Rüden oft weniger Aufreiten (Hopkins et al., 1976; Neilson et al., 1997; Palestrini et al., 2021; Kriese et al., 2022), aber die Wirkung ist teilweise, unterscheidet sich zwischen Hunden und war bei Hündinnen in einer Befragung nicht signifikant (Roulaux et al., 2023). Eine frühe Kastration ging in einer großen Befragung mit mehr Aufreiten auf Gegenständen und Menschen einher (McGreevy et al., 2018).
11. Forschungslücken und kritische Einordnung
11.1 Halterangaben dominieren
Fast alle Daten zum Aufreiten bei Familienhunden stammen aus Halterangaben: aus Telefoninterviews (Neilson et al., 1997), rückblickenden Berichten (Hopkins et al., 1976; Kriese et al., 2022), Online-Befragungen (Dinwoodie et al., 2021; Roulaux et al., 2023; Zink et al., 2023) und standardisierten Fragebögen (McGreevy et al., 2018; Starling et al., 2019). Halter bemerken und erinnern Aufreiten selektiv, besonders wenn es ihnen peinlich ist, und Halter, die sich für eine Kastration entschieden haben, haben ein Interesse daran, eine Verbesserung zu sehen. Die hier ausgewerteten Studien zum Aufreiten bei Familienhunden erfassen es überwiegend über Halterangaben; eine systematische direkte Verhaltensbeobachtung derselben Familienhunde über längere Zeit wurde hier nicht identifiziert.
11.2 Kleine Stichproben und fehlende Kontrollgruppen
Die klassischen Kastrationsstudien umfassten 42 und 57 Hunde und hatten keine vergleichbare intakte Kontrollgruppe (Hopkins et al., 1976; Neilson et al., 1997). Die einzige prospektive Studie mit Kontrollgruppe umfasste 96 Hunde, davon nur 15 kastrierte Rüden, und war nicht randomisiert (Palestrini et al., 2021). Die Spielstudien umfassten 19 und 14 Welpen aus vier und zwei Würfen (Ward et al., 2008; Kottferová et al., 2020). Die Statusstudien beobachteten je eine Gruppe mit 16 und 24 Hunden (van der Borg et al., 2015; Trisko & Smuts, 2015). Diese Stichproben reichen, um Muster zu beschreiben, sind aber zu klein, um abzuschätzen, wie häufig verschiedene Formen des Aufreitens sind.
11.3 Definitionen und Ziele
Die Studien messen nicht dasselbe. Spielstudien kodieren ein genau beschriebenes Bewegungsmuster. Befragungen fragen ohne Definition nach „Aufreiten“ oder „Humping“, oder, im C-BARQ, nur nach Gegenständen, Möbeln und Menschen. Die niederländische Befragung trennte die Ziele überhaupt nicht. Der auffällige Widerspruch, dass auf eine Kastration in manchen Studien weniger Aufreiten folgt, während eine frühe Kastration in einer anderen mit mehr Aufreiten einhergeht, könnte deshalb teilweise auf unterschiedliche Ziele zurückgehen: Aufreiten auf Hunden gegenüber Aufreiten auf Gegenständen und Menschen (McGreevy et al., 2018). Künftige Studien müssten Ziel, Zusammenhang und die Reaktion des Gegenübers erfassen.
11.4 Hündinnen und Geschlechtsunterschiede
Aufreiten bei Hündinnen ist wenig untersucht. Die beiden Befragungen, die die Geschlechter verglichen, widersprechen sich in der Richtung des Unterschieds (Dinwoodie et al., 2021; Roulaux et al., 2023), und die einzige Zahl, die Aufreiten bei Hündinnen mit dem Zyklus verbindet, beruht auf 16 aufreitenden Hündinnen (Roulaux et al., 2023). Die experimentellen Arbeiten zu früher Androgeneinwirkung bei Hündinnen stammen von Laborbeagles vor Jahrzehnten und konnten hier nur über eine aktuelle Übersichtsarbeit einbezogen werden.
11.5 Erregung, Konflikt und Funktion
Die für den Alltag wichtigsten Deutungen, Aufreiten als Reaktion auf Aufregung, als Übersprungverhalten unter Anspannung und als durch Aufmerksamkeit aufrechterhaltenes Verhalten, wurden in den verfügbaren Quellen bei Hunden nicht direkt geprüft. Sie beruhen auf Aussagen von Übersichtsarbeiten (Guimarães et al., 2026), Vermutungen von Autoren (McGreevy et al., 2018) und der Analogie zu Funktionsanalysen anderer Verhaltensweisen (Hall et al., 2015). Beobachtungsstudien, die Erregung, Zusammenhang und Reaktionen des Partners zusammen mit dem Aufreiten kodieren, und Einzelfall-Funktionsanalysen zum Aufreiten auf Menschen würden diese Lücke schließen.
11.6 Labordaten und ältere Daten
Die hormonellen und neuronalen Grundlagen stammen von Laborhunden, die in den 1970er- und 1980er-Jahren untersucht wurden (Beach et al., 1983; Hart & Ladewig, 1979). Wie stark die frühe hormonelle Organisation das Aufreiten bei Familienhunden prägt, ist nicht bekannt.
12. Fazit
Aufreiten ist nicht ein Verhalten mit einer Bedeutung. Es ist ein Bewegungsmuster, das Hunde seit dem Welpenalter üben, das Hormone in sexuellen Situationen wahrscheinlicher machen, das regelmäßig im Spiel vorkommt, das bei Aufregung und möglicherweise unter Anspannung zunehmen kann und das durch menschliche Aufmerksamkeit aufrechterhalten werden kann. Rüden und Hündinnen, intakte und kastrierte Hunde reiten auf. Die verbreitete Deutung des Aufreitens als Dominanzsignal findet in Studien, die Statusanzeiger systematisch geprüft haben, keine Stütze.
Nach Halterangaben folgt auf eine Kastration bei vielen erwachsenen Rüden weniger Aufreiten, aber nicht bei allen, nicht zuverlässig bei Hündinnen und nicht bei Aufreiten mit wenig sexueller Motivation. Für deinen Hund sind die nützlichen Fragen praktisch: auf wem er aufreitet, wann, wie das Gegenüber reagiert und was danach passiert. Die Antworten weisen meist auf ruhigeres Management, Aufmerksamkeit für das Wohlbefinden des anderen Hundes und ein klares Alternativverhalten.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick
Aufreiten ist ein Bewegungsmuster, kein Motiv: Ethogramme der Forschung definieren die Bewegung, ihre Bedeutung muss aus Zusammenhang, Ziel und Reaktion des Gegenübers gelesen werden (Ward et al., 2008; Kottferová et al., 2020).
Aufreiten taucht lange vor der Pubertät im Welpenspiel auf und wurde in einer Studie an Wurfgeschwistern mit 27 bis 40 Wochen zum häufigsten offensiven Verhalten im Spiel (Ward et al., 2008).
Hormone organisieren die Hirnsysteme für das Aufreiten früh und machen sexuelles Aufreiten nach der Pubertät wahrscheinlicher, erklären aber kein Aufreiten im Spiel oder bei Aufregung (Hart & Ladewig, 1979; Beach et al., 1983).
Auch Hündinnen reiten auf: Halterbefragungen berichten Aufreiten bei 17 % der intakten Hündinnen in einer Studie und häufiger bei Hündinnen als bei Rüden in einer anderen (Roulaux et al., 2023; Dinwoodie et al., 2021).
Aufreiten erwies sich nicht als Statusanzeiger, als Dominanzanzeiger systematisch geprüft wurden; Körperhaltung und Unterwerfungssignale taten es (van der Borg et al., 2015; Trisko & Smuts, 2015).
Nach Halterangaben folgte auf die Kastration bei mindestens 60 % von 57 erwachsenen Rüden eine Verbesserung des Aufreitens um mindestens 50 %, allerdings ohne Kontrollgruppe, und bei Hündinnen machte die Kastration in einer späteren Befragung keinen signifikanten Unterschied (Neilson et al., 1997; Roulaux et al., 2023).
Eine frühe Kastration ging in einer großen Rüdenbefragung mit mehr Aufreiten auf Gegenständen und Menschen einher (McGreevy et al., 2018).
Im Alltag helfen eine ruhige Unterbrechung, wenn sich das Gegenüber unwohl fühlt, der Umgang mit Erregung und ein Alternativverhalten mit weniger Nebenwirkungen als Schimpfen.
Quellen
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